Lade Inhalt...

Aspekte multimodaler Kurzformen

Kurztexte und multimodale Kurzformen im öffentlichen Raum

von Zofia Berdychowska (Band-Herausgeber:in) Frank Liedtke (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 232 Seiten

Zusammenfassung

Kürze und Multimodalität sind Charakteristika sowohl historischer als auch zeitgenössischer Kurztexte, die in den Beiträgen dieses Bandes im Hinblick auf grammatisch-syntaktische und pragmatische Erscheinungen analysiert werden. Im Fokus stehen Phänomene der Informationsstrukturierung, Intertextualität und Bild-Text-Beziehungen wie auch andere Aspekte wie Wortspiel, Nicht-Gesagtes oder Code-Switching. Ebenso große Bandbreite weisen die untersuchten Kurztexte und -formen auf: Politische Slogans, Demosprüche, Hashtags und Memes, Titelseiten, Leads und Vorspanntexte, Werbetexte, Bildunterschriften und Filmplakate, Stammbucheinträge und Haussprüche.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Zeichen, Ort, Bezugnahme – zur Einleitung
  • Zusammenfassung der Beiträge
  • Kapitel I Politische Slogans und Presseberichterstattung
  • Prägnante Kürze in Wahlslogans: Explizite und implizite Texthandlungen
  • „Jeder für sich“ vs. „Divided we fall“. Deutsche und britische Titelseiten zum Brexit
  • Politische Parolen als Kurztexte: Vom Demospruch zum Hashtag und Internet-Memes
  • Zur Informationsstrukturierung in Vorspanntexten der deutschen Presse
  • Kapitel II Werbung und Public Relations
  • 100% Feel Good! Bewertende Kurztexte auf deutschen und französischen Filmplakaten im öffentlichen Raum
  • „In der Kürze liegt die Wirkung“ – Zu Status, Form und Wirkung sprachlicher Ökonomisierung in Werbetexten
  • Verallgemeinernde Äußerungen in Werbeanzeigen als multimodalen Kurztexten
  • Kurz und kreativ. Werbung für Deutschkurse am Goethe-Institut
  • Kurztexte und multimodale Kurzformen in Kommunikationsräumen von polnischen Lebensmittelgeschäften
  • Kapitel III Kultur, Geschichte und Literatur
  • Stammbucheinträge – historische Kurztexte im öffentlichen Raum. Analyse eines Grünberger Stammbuchs aus dem 18. Jahrhundert
  • Sprechende Häuser. Historische Kurztexte auf alten Fassaden
  • Mehrsprachigkeit in den Bildunterschriften als Kurztexte zur Kolumnensammlung Locker vom Hocker von Susann Kinghorn aus Namibia
  • Leerstellen in der Erzählung Judith Hermanns „Sommerhaus, später“
  • Studien zur Text- und Diskursforschung

←6 | 7→

Frank Liedtke (Universität Leipzig) Zofia Berdychowska (Uniwersytet Jagielloński, Kraków)

Zeichen, Ort, Bezugnahme – zur Einleitung

Wenn von Kurztexten oder multimodalen Kurzformen im öffentlichen Raum die Rede ist, dann ist es erforderlich, charakteristische Eigenschaften festzumachen, die diesen sehr unterschiedlichen Formen der Kommunikation gemeinsam sind. Peter Auer hebt in seinem einschlägigen Aufsatz (Auer 2010) zunächst die Ortsfestigkeit von Schrift auf Schildern und Plakaten hervor, darüber hinaus die Eigenschaften der Indexikalität, der Granularität, der Materialität sowie der wechselseitigen Bezugnahme, die jeweils für ihre Untersuchung relevant sind. Mit Domke (2014) kann man die Temporalität als charakteristisches Merkmal hinzufügen, mit Stöckl (2011) schließlich die Piktorialität. Was kann man sich unter diesen Eigenschaften vorstellen?

Der uns umgebende öffentliche Raum ist nicht lückenlos genormt und geregelt, so dass diejenigen, die sich durch diesen Raum bewegen, Hinweise benötigen, wie man sich an einem spezifischen Ort verhalten sollte oder muss bzw. wie man sich nicht verhalten sollte oder darf. Es ist also „[…] möglich, dass öffentliche Schrift überhaupt erst in bestimmte Handlungsmuster einführt, die eben keine Routinen sind (die Bedienung eines Straßenbahnfahrkartenautomaten in einer fremden Stadt etc.).“ (Auer 2010: 275). Ortsfest auf Schildern befindliche Hinweise dienen dann dazu, Informationen über die raumspezifischen Erfordernisse oder Erlaubnisse zur Verfügung zu stellen, die mit diesem Raumausschnitt verbunden sind. Ihre Bedeutung stellt sich erst über den Gebrauch im Kontext ein, denn „[m] eaning is made in many different ways, always, in the many different modes and media which are copresent in a communicational ensemble.“ (Kress/ van Leeuwen 2001: 111). So erlaubt bspw. erst die Bezugnahme auf die Jahreszeit bzw. Wetterbedingungen und auf eine Brücke im nächsten Umfeld die Aufschrift ‚Bridge ices before road‘ auf dem Schild zu aktualisieren, sie als Warnung zu interpretieren und eine bestimmte Prozedur vorzunehmen. Die in dem topologischen Umfeld und in den aktuellen Wetterumständen begründete prozedurale Information bleibt dabei implizit. In dem Fall handelt es sich um einen Kommunikationstyp, der erst als kompositional multimodales Ensemble die globale Kohärenz erreicht (s. Rojek 2017).

Um die Eigenschaft der Indexikalität zu illustrieren, nennt Auer das Beispiel eines Schilds mit der Aufschrift ‚Achtung Rutschgefahr‘ und einem abgebildeten, ←7 | 8→ausrutschenden Männchen. Dieses Schild erlangt allein „durch die räumliche Kontiguität mit dem Untergrund, auf den es sich bezieht“ (Auer 2010: 278), seine Bedeutung. Wird dieses Schild in einem Geräteraum mit anderen Schildern gleichen Inhalts aufbewahrt, verliert es sofort seine Funktion und damit seine Situationsbedeutung. Die Indexikalität ist insofern nicht sprachlich explizit, als ortsdeiktische Verweise in der Regel nicht vorkommen und oft auch redundant wirkten.

Unter Granularität wird die Grob- bzw. Feinkörnigkeit einer Anzeige verstanden, die es aus der Entfernung besser oder schlechter lesbar erscheinen lässt. So sind die elektronischen Anzeigetafeln auf den Bahnsteigen eines Bahnhofs zusammengesetzt aus Schriften oder Zeichen unterschiedlicher Granularität. Das Reiseziel ist in hoher Granularität, also Grobkörnigkeit angezeigt, weil es die erste und wichtigste Orientierung für die Reisenden darstellt. Weitere Informationen wie die Zwischenbahnhöfe oder auch Angaben zu Verspätungen sind in geringerer Granularität, also feinkörniger gehalten (s. Auer 2010: 280).

Das Kriterium der Materialität bezieht sich auf die Beschaffenheit des Informationsträgers, der in Form einer Aufschrift direkt mit dem Objekt verbunden ist, auf das er sich bezieht, oder aber als Schild auf dieses Objekt aufgebracht ist. Das Schild ist damit Träger der Schrift und markiert gleichzeitig durch seine materiale Beschaffenheit die Grenzen des ganzen Zeichens. Bei Aufschriften beispielsweise auf Wänden müssen diese Grenzen teilweise durch eine gezogene Linie oder einen Kreis eigens angezeigt werden (s. Auer 2010: 283).

Wechselseitige Bezugnahme entsteht bei Ensembles von Schildern oder Aufklebern, die sich gegenseitig erläutern, erweitern oder kommentieren. So gibt es bei Verkehrsschildern häufig Zusätze in Form weiterer Schilder, die zum angezeigten Verbot Ausnahmen hinzufügen oder zeitliche Beschränkungen formulieren. Auch Überschichtungen zählen zu diesem Phänomenbereich, die typischerweise als Klebezettel auf Schildern vorkommen und diese kommentieren, ironisieren oder anarchistisch konterkarieren (s. Auer 2010: 287).

Christine Domke weist in ihrem Beitrag über ‚Die Texte der Stadt‘ darauf hin, dass die Temporalität trotz der vermeintlichen Statik von Schildern und Aufschriften durchaus eine Rolle spielt. Dies ist augenfällig, wenn man den medialen Blick erweitert und elektronische Anzeigetafeln berücksichtigt, die sich in der Zeit teils massiv verändern. Dies betrifft nicht nur Werbeanzeigen, sondern auch andere sachliche Informationen: „Info-Screens an Bushaltestellen mit Nachrichten und städtischen Informationen machen einen Ort ebenso „lesbar“ […] wie Bildschirmanzeigen oder Leuchtfeldanzeigen an Straßenbahnhaltestellen oder Einrichtungen wie Museen.“ (Domke 2014: 74f.).

←8 | 9→Eine weitere zentrale Eigenschaft ist diejenige der Piktorialität und daraus resultierend der Multimodalität: Rezipient_innen sind offenbar in der Lage, sprachliche und bildliche Information in einem Zug zu interpretieren, so dass sie nach einem schnellen Blick auf ein Schild das Wesentliche erfasst haben. Hartmut Stöckl führt dies auf unsere multimodale Kompetenz zurück, also die Fähigkeit, „[…] Sorten bzw. Typen von Bildern kategorisierend zu erkennen, dem Bild eine im Verwendungskontext relevante Bedeutung zuzuweisen, den Sprachtext im Abgleich mit der visuellen Botschaft zu verstehen, semantisierte Sprache und kontextualisiertes Bild zu integrieren […]“ (Stöckl 2011: 45). Ohne diese Fähigkeit könnte man die Mühelosigkeit der Interpretation solcher Bild-Schrift-Komplexe, beispielsweise beim Autofahren, nicht erklären. Da Multimodalität eine wesentliche Eigenschaft von Kurztexten im öffentlichen Raum ist, wird sie in diesem Band in mehreren Beiträgen ausführlich diskutiert. Stöckl definiert sie zusammenfassend in folgender Weise: „[…] Multimodalität ist die Kopräsenz und wechselseitige Verknüpfung mehrerer Zeichenmodalitäten auf verschiedenen Ebenen (z. B. Semantik, Handlungsfunktion etc.) in einem Gesamttext.“ (ebd., 47). Der Sinn des Gesamttextes erschließt sich für die Rezipient_innen durch das Verfahren des „Transkribierens“, d. h. des Kommentierens, Erklärens oder Paraphrasierens von Botschaften eines Zeichensystems / Mediums durch ein anderes. Der Begriff der Transkription geht auf den medialitätstheoretischen Ansatz Ludwig Jägers zurück (s. Jäger 2002).

Was lässt sich angesichts dieser komplexen Eigenschaften von Kurztexten im öffentlichen Raum generell unter einem Text verstehen? Im Falle von Kurztexten ist hier vor allem die Untergrenze relevant, das heißt die Frage danach, was nicht mehr als Text in Frage kommt, weil die semiotische Substanz zu gering ist. Zunächst sei an dieser Stelle ein Plädoyer für den Begriff des Sprechakts eingefügt, der in den zitierten und verwandten Arbeiten erstaunlicherweise nicht vorkommt. Dabei bietet er Einiges an analytischem Potenzial, denn Verbote, Gebote, Warnungen etc. sind klassische illokutionäre Akte, deren konstitutive Regeln im situativen und epistemischen Kontext herauszuarbeiten eine interessante Aufgabe wäre. Bei kurzen Sätzen oder Geboten wie „Stop“ von Texten zu sprechen, führt an die Grenzen des Textbegriffs, und ihre Analyse als illokutionäre Akte, die als Komplexe durchaus wiederum einen Text bilden können, wäre eine begriffliche Lösung des Problems der minimalen Komplexität.

Ein weiteres Thema ist die Frage nach der Abgrenzung des sprachlichen Textes ‚zur Seite‘, also zur umgebenden bildlichen Information. Hier werden unterschiedliche Strategien verfolgt. Mit Kress/ van Leeuwen (2007) kann man auch nichtsprachliche Zeichen wie Bilder als Texte auffassen, was wohl eher aus einer rezipientenorientierten Perspektive plausibel erscheint. Eine sprachlich gegebene Information sowie ←9 | 10→ihr bildliches Pendant können dieselbe Information vermitteln, und sie tun es etwa in Bauanleitungen auch häufig. Als Gegenargument zur Bild-als-Text-Auffassung kann die Eigenschaft der Diskretheit der Sprache in Feld geführt werden, die dem Bild naturgemäß nicht zukommt (s. hierzu den Ansatz von Nikula 2015). Hiernach wären Bilder keine Texte, da ihnen eine definierende Eigenschaft eines potenziellen Textträgers nicht zukommt. Dies kann zu der Entscheidung führen, die beispielsweise Ulrich Schmitz (2011) getroffen hat, indem er von Sehflächen spricht, die aus sprachlichen Texten und Bildern zusammengesetzt sind.

Literatur

Auer, Peter (2010): Sprachliche Landschaften. Die Strukturierung des öffentlichen Raums durch die geschriebene Sprache. In: Deppermann, Arnulf/ Linke, Angelika (Hg.): Sprache intermedial. Stimme und Schrift, Bild und Ton (Jahrbuch des Instituts für deutsche Sprache 2009). Berlin; New York: De Gruyter, 271–300.

Domke, Christine (2014): Die Texte der Stadt. Wie Beschilderungen als Be-Wertungen von Innenstädten fungieren. In: Warnke, Ingo/ Busse, Beatrix (Hg.), Place-Making in urbanen Diskursen. Berlin: De Gruyter, 59–89.

Jäger, Ludwig (2002): Transkriptivität. Zur medialen Logik der kulturellen Semantik. In: Jäger, Ludwig/ Stanitzek, Georg (Hg.): Transkribieren – Medien/Lektüre. München: Fink, 19–41.

Kress, Gunther/ Leeuwen, Theo van (2001): Multimodal discourse: the modes and media of contemporary communication. London: Arnold.

Kress, Gunther/ Leeuwen, Theo van (2007): Reading Images. The Grammar of Visual Design. London; New York: Routledge.

Nikula, Henrik (2015): Ist ein Abstract kürzer als sein Bezugstext? Zum Begriff der Kürze. In: Skog-Södersved, Mariann/ Reuter, Ewald/ Rink, Christian (Hg.): Kurze Texte und Intertextualität. Ausgewählte Beiträge der GeFoText-Konferenz vom 26.9. bis 27.9.2013 in Vaasa. Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang, 63–75.

Rojek, Tomasz (2017): Kohärenz und Textualität. In: Duś, Magdalena/ Kołodziej, Robert/ Konieczna-Serafin, Joanna (Hg.): Textanfänge – Semantische Aspekte. Frankfurt a. M.: Peter Lang, 151–179.

Schmitz, Ulrich (2011): Sehflächenforschung. Eine Einführung. In: Diekmannshenke, Hajo/ Klemm, Michael/ Stöckl, Hartmut (Hg.): Bildlinguistik. Theorien – Methoden – Fallbeispiele. Berlin: Erich Schmidt, 23–42.

Stöckl, Hartmut (2011): Sprache-Bild-Texte lesen. Bausteine zur Methodik einer Grundkompetenz. In: Diekmannshenke, Hajo/ Klemm, Michael/ Stöckl, Hartmut (Hg.) Bildlinguistik: Theorien – Methoden – Fallbeispiele. Berlin: Erich-Schmidt, 43–70.

***

Biographische Angaben

Zofia Berdychowska (Band-Herausgeber:in) Frank Liedtke (Band-Herausgeber:in)

Frank Liedtke promovierte 1983 in Germanistischer Sprachwissenschaft. Seine Habilitation erfolgte 1992. Von 2007 bis 2019 war er als Professor für Germanistische Sprachwissenschaft/Pragmatik an der Universität Leipzig tätig. Zofia Berdychowska ist Professorin am Institut für Germanistik der Jagiellonen-Universität in Kraków. 1986 promovierte sie in Germanistischer Sprachwissenschaft, 2003 erfolgte ihre Habilitation und 2015 erwarb sie den Titel des Professors. Im Zentrum ihrer Forschung stehen Deixis, kontrastive Linguistik, Übersetzungswissenschaft, Text- und Diskurslinguistik sowie Fachkommunikation.

Zurück

Titel: Aspekte multimodaler Kurzformen