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Zur Konstruktion kollektiver Identität im mittelalterlichen Magdeburg

von Sylvia Meyer (Autor:in)
Dissertation 330 Seiten

Zusammenfassung

Der historischen Ritualforschung ist die Eigenschaft des Menschen, Gruppen zu formen und in diesen kollektive Identität zu entwickeln, seit langem bekannt. Die vorliegende Studie untersucht die kulturellen Praktiken Prozession und Heiltumsweisung auf ihre Bedeutung für die (Re-)Konstruktion und den Ausdruck kollektiver Identität im Kontext des mittelalterlichen Magdeburg. Zur Anwendung kommen dabei historische, anthropologische, kulturwissenschaftliche und soziologische Ansätze.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Hinführung
  • 1.1 Prämissen und thematische Ausrichtung
  • 1.2 Theoretische Ausrichtung und methodisches Vorgehen
  • 1.3 Zu Quellen und Quellenlage
  • 1.4 Zur Arbeit mit den Quelltexten und Prinzipien der Übersetzung
  • 1.5 Forschungsüberblick
  • 2. Theoretische und historische Grundlegungen
  • 2.1 Begriffliche Annäherungen
  • 2.1.1 Kollektive Identität
  • 2.1.2 Die Gruppe als soziales Grundgebilde
  • 2.1.3 Positionierung in der vertikalen Struktur: Macht und Herrschaft
  • 2.1.4 Erinnern und Vergessen
  • 2.1.5 Das Ritual als Medium der Selbst- und Fremdthematisierung
  • 2.1.6 Die Stadt als Kommunikations-, Identitäts- und Machtraum
  • 2.2 Die Stadt Magdeburg von ihren Anfängen bis zum Ende des 15. Jahrhunderts
  • 2.2.1 Topographische Entwicklung
  • 2.2.2 Sozial-politische Entwicklung
  • 3. Historische Fallanalysen
  • 3.1 Die „bürgerliche“ Himmelfahrtsprozession
  • 3.1.1 Ablauf
  • 3.1.2 Handlungsträger
  • 3.1.2.1 Die Kapitelsgeistlichkeit
  • 3.1.2.2 Die Magdeburger Bürgerschaft
  • 3.1.3 Zeichen, Symbole und symbolische Handlungen
  • 3.1.3.1 Akustika
  • 3.1.3.2 Das vexillum des Mauritius
  • 3.1.3.3 Prozessionsweg: Dom–Ottersleben–St. Odulph– Rathaus–Dom
  • 3.1.3.4 Das Mahl
  • 3.1.3.5 Das Pferd
  • 3.1.4 Historische Einordnung
  • 3.1.5 Analyse und Zusammenfassung
  • 3.2 Die Fronleichnamsprozession
  • 3.2.1 Ablauf
  • 3.2.2 Handlungsträger
  • 3.2.2.1 Kleriker
  • 3.2.2.1.1 Diakon und Subdiakon der Domkirche
  • 3.2.2.1.2 Der Abt vom Kloster Berge
  • 3.2.2.1.3 Propst des Klosters Unser Lieben Frauen
  • 3.2.2.1.4 singularis unio civitatis Magdeburgensis
  • 3.2.2.2 Laien: die Greven von Anhalt
  • 3.2.3 Zeichen, Symbole und symbolische Handlungen
  • 3.2.3.1 Akustika
  • 3.2.3.2 Die (Haupt)Reliquien
  • 3.2.3.3 Prozessionsweg: Dom–St. Johannis–Alter Markt– Dom
  • 3.2.4 Historische Einordnung
  • 3.2.5 Analyse und Zusammenfassung
  • 3.3 Die Heiltumsweisung
  • 3.3.1 Ablauf
  • 3.3.2 Handlungsträger
  • 3.3.3 Zeichen, Symbole und symbolische Handlungen
  • 3.3.3.1 Akustika
  • 3.3.3.2 Das vexillum des Mauritius
  • 3.3.4 Analyse und Zusammenfassung
  • 4. Fazit
  • 5. Literaturverzeichnis
  • 5.1 Quellen
  • 5.2 Hilfsmittel
  • 5.3 Lexika und Nachschlagewerke
  • 5.4 Wörterbücher
  • 5.5 Forschungsliteratur
  • 6. Anhänge: Transkriptionen und Übersetzungen
  • 6.1 Die Prozession zu St. Nikolai (Ms theol. lat. quart. 113, 27r-27v)
  • 6.2 Die Feierlichkeiten zu Christi Himmelfahrt (Ms theol. lat. quart. 113, 100v-106r)
  • 6.3 Die Feierlichkeiten zu Corpus Christi (Ms theol. lat. quart. 113, 114v-116r)
  • 6.4 Die Mauritiusoktav (Ms theol. lat. quart. 113, 161r-164v)
  • 6.5 Initien der transkribierten Textausschnitte (Ms theol. lat. quart. 113)
  • Stichwortverzeichnis
  • Reihenübersicht

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1. Hinführung

„Wir sind Otto“ ist der offizielle Titel der seit Februar 2010 laufenden Dachmarkenkampagne der Stadt Magdeburg. Erklärtes Ziel ist es,

zunächst innerhalb der Stadt das Selbstbewusstsein [zu] stärken. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen an die bewegte Vergangenheit ihrer Stadt erinnert werden und mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Dass die Kampagne zusätzlich mit einem Augenzwinkern ‘Otto’ als Haltung der Magdeburgerinnen und Magdeburger zeigt, weckt Sympathien.1

In dieser kurzen Beschreibung finden sich – ausgesprochen oder angedeutet – bereits all jene Kernkategorien, die auch in der vorliegenden Untersuchung von Interesse sein werden: eine klar definierte Gruppe von Menschen und die Verortung in der Zeit mittels Erinnerung. Die „ottonische“ Haltung der Magdeburger Bürger wird als die Gemeinsamkeit angenommen, die die Zugehörigkeit zur Stadt deutlich macht und Identität mittels Identifikation schaffen soll. Deutlicher wird gerade dieser Punkt in der offiziellen Presseerklärung, in der der damalige Magdeburger Oberbürgermeister wie folgt zitiert wird: „Grundvoraussetzung für den Erfolg der Kampagne ist, dass sich die Magdeburgerinnen und Magdeburger mit ihr identifizieren.“2 Offenbar handelt es sich also um den Versuch, bewusst die Identität einer Gruppe zu gestalten – Ziel ist die Herausbildung eines ‘Wir-Gefühls’. Kaum jemand würde an dieser Stelle auf den Gedanken kommen, die hier gemachten Äußerungen spiegelten das Selbstverständnis der Bewohner Magdeburgs wider – ohne Zweifel kann man eher von einer Image-Kampagne sprechen, die nicht nur die Wahrnehmung der Stadt durch Fremde zu beeinflussen sucht, sondern auch die Haltung der Bürger selbst. Erahnt werden kann die Spannung zwischen historisch gewachsenen Identitäten und politisch motivierten Identifikationsangeboten. Die vorliegende Untersuchung will unter einem ganz ähnlichen Gesichtspunkt an ausgewählten Beispielen aus dem Mittelalter danach fragen, unter welchen Umständen und auf welche Weise kollektive Identität gesellschaftlich wirksam konstruiert und ausgedrückt werden kann, aber auch wie versucht werden kann, sie als Zuschreibung bestimmter (und in der Regel erwünschter) Merkmalsbündel zu formen.

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1.1. Prämissen und thematische Ausrichtung

Eine Annäherung an und ein Verständnis für nicht nur vergangene Kulturen und Gesellschaften gelingt nur unter der Voraussetzung, dass es etwas gibt, das uns als Menschen mit den Menschen dieser Zeit verbindet, dass bestimmte Schnittmengen existieren.3 Pointiert formuliert diesen Gedanken Eckart Voland, wenn er schreibt:

Es sind immer wieder der alte Adam und die alte Eva, die uns begegnen, während der im Denken, Fühlen und Verhalten verbesserte Mensch trotz aller religiös oder weltlich motivierter Anstrengungen in dieser Richtung einfach nicht aufscheinen will.4

So geht auch diese Untersuchung von der Existenz bestimmter, in allen bekannten Gesellschaften nachweisbarer Merkmale und Phänomene – also von Universalien – aus.5 Unterschieden werden anthropologische oder biotische Universalien, also angeborene Konstanten, und pankulturelle oder soziale Universalien (Kulturuniversalien), die vermittelt, aber nicht genetisch bedingt sind. Oftmals bestehen zwischen anthropologischen Konstanten und Kulturuniversalien kausale Zusammenhänge, d.h. bestimmte Kulturuniversalien können direktes oder indirektes Ergebnis anthropologischer Konstanten sein, aber sie sind nicht mit ihnen identisch.6 Kulturuniversalien benennen „einzelne Eigenschaften von Kollektiven oder Gesellschaften, nicht etwa die Summe der Merkmale des Kollektivs“7, wobei die Unterschiede zwischen einzelnen Kulturen nicht in der Andersartigkeit spezifischer Eigenschaften oder Merkmalsbündel liegen, sondern zum einen in dem Stellenwert, der bestimmten Eigenschaften oder Merkmalsbündeln zugeschrieben wird,8 zum anderen aber auch in den Formen ←12 | 13→des Ausdrucks, den sie in bestimmten kulturellen/gesellschaftlichen Konstellationen erhalten.

Universalien werden in sogenannten Universalienlisten zusammengefasst, die – neben anderen Schwächen – gewöhnlich daran kranken, durch die Kultur der jeweils untersuchenden und interpretierenden Person beeinflusst zu sein – in der Regel sind diese Listen ethnozentristisch gefärbt, d.h. eurozentristisch oder okzidentalistisch.9 Wenn es jedoch gelingt, sie in einen größeren kulturellen Kontext einzubetten und so die Funde zu generalisieren, stellen sie durchaus ein wertvolles heuristisches Werkzeug dar. Diesen Versuch unternimmt Fathali Moghaddam, der die ihm vorliegenden Studien in einem Kulturvergleich überprüft und damit einen höheren Grad an Verbindlichkeit erreicht.10 Auf Grundlage seiner Analyse können Unterschiede hinsichtlich des Status und ein größeres Vertrauen in Angehörige des hohen Status,11 soziale Normen und Gehorsam gegenüber Autoritäten,12 Differenzierung zwischen ‘Wir’ und ‘Sie’ und die Bevorzugung der ‘Wir’-Kategorie,13 ←13 | 14→die Existenz sozialer Gruppen und von Führungspositionen14 als pankulturell universal gelten.

Auch Antweiler beurteilt sehr ähnliche Merkmale als universal, so Sozialstruktur15 und damit verbunden das Streben nach Macht16 und das Interesse an Status,17 Konzepte kollektiver Identität, also einer ‘Wir’- oder Eigengruppe, die von Fremdgruppen abgegrenzt wird,18 sowie Rituale und Ritualisierungen, nicht aber die mit ihnen verknüpften Glaubensinhalte.19

Diese Universalien bestimmt er als Resultat ultrasozialer Gesellschaften,20 solcher Gesellschaften also, „die größer und komplexer sind, als es die für die Entwicklungsgeschichte des Menschen im Holozän typischen kleinen, bis ca. 150 Individuen umfassenden Gruppen waren“21.

„[D] urch dauerhaft durchschnittliches Gleichhandeln“22 größerer Gruppen entsteht Kultur, die damit zum einen als Folge der kollektiven Natur des Menschen verstanden werden kann, zum anderen aber aus unserer heutigen Sicht ein für menschliche Kollektive spezifisches Charakteristikum darstellt und als Teil der menschlichen Natur gesehen werden kann. Auch Markl bezeichnet die Kultur als

die wahre Natur des Menschen, seine spezifische Weise der Anpassung an die Welt, in die er sich hineinentwickelt hat, nicht Unnatur, nicht Gegennatur, sondern Eigennatur unserer Spezies.23

Parsons zitiert den Biologen Alfred Emerson, der „innerhalb der menschlichen Anpassungswelt […] das ‘Gen’ weitgehend durch das ‘Symbol’ ersetzt“24 sieht, weswegen „nicht allein die genetische Konstitution der Spezies Mensch die ‘Bedürfnisse’ gegenüber der Umwelt [bestimmt], sondern diese Konstitution plus der kulturellen Tradition“25. Auch die neuere anthropologische Forschung ←14 | 15→sieht im Menschen das Resultat eines zeitlichen, historischen Prozesses, „in dem sich ‘natürliche’ und ‘kulturelle’ Elemente in unauflösbarer, einander bedingender Weise durchdringen“26, wobei es zu einem „Zusammenwirken biologischer und kultureller Evolution [kommt], bei dem, je nach Bereich, mal biologische, mal kulturelle Elemente stärkeren Einfluss haben“27.

Die verbreitete kulturwissenschaftlich ausgerichtete Definition bezeichnet die Lebensform eines Kollektivs, „das sich von der Lebensform anderer […] Kollektive unterscheidet“28, als Kultur. Damit nähert sie sich der ethnologischen Auffassung an, die Kultur als „besondere Daseinsgestaltung und Traditionszusammenhang in menschlichen Gemeinschaften“29 begreift, als „selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“30.

Geertz sieht Kultur als

ein historisch überliefertes System von Bedeutungen, die in symbolischer Gestalt auftreten, ein System überkommener Vorstellungen, die sich in symbolischer Form ausdrücken, ein System, mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln.31

Einen wichtigen Hinweis liefert van Dülmen, wenn er auf einer Pluralisierung des Kulturbegriffs besteht und Kultur definiert als

1. nicht mehr als eine von den materiellen, ökonomischen und sozialen Interessen abgehobene Sphäre [...], sondern als eine Gestaltungskraft des Lebens insgesamt. Sie umfaßt Lebensweisen, Wahrnehmungsmuster und Verständigungsformen der verschiedenen Gruppen, Stände, Geschlechter und Klassen. Damit geht sie auch 2. nicht von einem geschlossenen Begriff von Kultur aus, an der alle Menschen gleicherweise partizipieren. Bürger und Bauern, Arbeiter und Adlige können nicht am selben Kulturbegriff gemessen werden, weil sie unterschiedlichen Lebensbedingungen unterworfen sind und verschiedene Interessen verfolgen.32

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Kultur bildet dabei den Rahmen, in dem Verhalten und soziales Handeln, Ereignisse und Prozesse ausgedrückt werden und „in dem sie verständlich – nämlich dicht – beschreibbar sind.“33 Damit ist Kultur kein statisches System, sondern eine dynamische Realisierung der ihr zugrunde liegenden Konstanten und Universalien durch Verhalten und soziales Handeln.34 Für jede Gesellschaft kann also zum einen nach dem Stellenwert bestimmter Eigenschaften oder Merkmalsbündel gefragt werden, zum anderen aber auch danach, wie sich diese Eigenschaften in sozialen Situationen manifestieren.

Der Untersuchung liegen eine anthropologische Konstante (der Mensch als Kollektivwesen35) und damit einhergehende Kulturuniversalien (soziale Schichtung und Macht, kollektive Identität, Ritualität) zugrunde. Untersucht und dargestellt werden soll an ausgewählten Beispielen ihre wechselseitige Bedingtheit. Da kollektive Identität und Macht in historische Entwicklungen eingebettete Variablen sind, soll auch gezeigt werden, dass die (besonders wiederholte) Sichtbarkeit bzw. die Sichtbarwerdung einer Gruppe in der historischen Überlieferung je nach deren Kontext in der Regel auf ein bestimmtes Maß an Einflussmöglichkeit und Macht hindeutet, das jedoch gewöhnlich nicht identisch ist mit dem für einen öffentlichen Ausdruck kollektiver Identität relevanten Einfluss- und Machtpotenzial. Vielmehr ist eine solche vor allem wiederholte Sichtbarwerdung bzw. Sichtbarkeit einer Gruppe als Hinweis auf eine Veränderung der Machtverteilung und Machtverwerfungen zu lesen, in deren Folge es zu einer öffentlichen Selbstthematisierung einer Gruppe kommen kann.

1.2. Theoretische Ausrichtung und methodisches Vorgehen

Die vorliegende Fragestellung fällt in das Themenspektrum der historischen Anthropologie,36 die versucht,

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Sie ist weder eine Fachwissenschaft (im engeren Sinne) noch ein in sich geschlossenes Forschungsfeld, sondern überschreitet mit ihren Fragestellungen und Untersuchungen Disziplingrenzen38 und bedient sich zahlreicher verschiedener Methoden, die von klassischer historischer Quellenarbeit oder Literaturanalyse über ethnologische Verfahren bis hin zu philosophischen Reflexionen reichen können.39

Beeinflusst ist diese Arbeit von den Ansätzen der interpretativen Anthropologie Clifford Geertz’. Geertz vergleicht die ethnographische Analyse mit der Interpretation literarischer Texte,40 wobei Ziel einer jeden Beobachtung das sein soll, was Geertz in Anlehnung an Gilbert Ryle als ‘thick description’ (dichte Beschreibung) bezeichnet.

Darunter versteht er die tiefe Durchdringung einzelner Fälle, die die genaue Beobachtung und Beschreibung mit Verstehen und Deutung verknüpft.

Es gibt also drei Merkmale der ethnographischen Beschreibung: sie ist deutend; das, was sie deutet, ist der Ablauf des sozialen Diskurses; und das Deuten besteht darin, das ‘Gesagte’ eines solchen Diskurses dem vergänglichen Augenblick zu entreißen. [...] Außerdem jedoch gibt es ein viertes Kennzeichen derartiger Beschreibungen, zumindest wie ich sie praktiziere: sie sind mikroskopisch.41

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Dazu muss es zu einer Kontextualisierung des Einzelfalls kommen, indem Fragen auf verschiedenen inhaltlichen Analyseebenen gestellt werden, bspw. der temporalen,42 der personalen,43 der modalen44 oder der lokalen.45

Geertz schreibt

Ethnologie zu betreiben [gleiche] dem Versuch, ein Manuskript zu lesen [...], das fremdartig, verblaßt, unvollständig, voll von Widersprüchen, fragwürdigen Verbesserungen und tendenziösen Kommentaren ist, aber nicht in konventionellen Lautzeichen, sondern in vergänglichen Beispielen geformten Verhaltens geschrieben ist.46

Diesen Brückenschlag zwischen Ethnologie und Textanalyse nahm die angelsächsische Literaturwissenschaft auf47 – als Reaktion auf den New Criticism und ←18 | 19→Old Historicism angloamerikanischer Prägung entstand der New Historicism,48 der Kultur als ein Gefüge von Texten begreift, das decodierbar und interpretierbar ist und damit dem Verständnis zugänglich gemacht werden kann. Eine zentrale Forderung des New Historicism ist die Wiedereinbettung eines (literarischen) Textes in seinen zeitgenössischen kulturellen Kontext, indem er in Beziehung zu weiteren zeitgenössischen Texten, Überzeugungen und kulturellen Praktiken gesetzt wird.49

Wie Foucault interessiert sich der New Historicism für die Mechanismen von Macht, Autorität und Unterdrückung – Mechanismen, die der literarischen Kommunikation von Autor, Text und Leser noch vorausliegen; denn es gibt historische Bedingungen und Mächte, die entscheiden, ob ein Text überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen kann oder nicht, wer spricht und warum. Wer spricht, hat die Macht zu sprechen, sagte Foucault einmal.50

Der New Historicism verbindet dabei das close reading als Lektürepraxis mit der Interpretationspraxis der dichten Beschreibung.

[I] m Sinne der kulturellen Anthropologie [bezieht er] auch Repräsentationen symbolischer und nichttextueller Art [ein], etwa Filme, Gemälde, Denkmäler, Rituale, aber auch medizinische oder pädagogische oder juristische Diskurse.51

In diesem Sinne kann der New Historicism als literaturwissenschaftliche Ausprägung von Geertz’ interpretativer Anthropologie verstanden werden.52

Viele der ursprünglichen Argumente des New Historicism laufen für den europäischen Raum ins Leere,53 da hier eine andere Ausgangssituation vorlag und viele der Forderungen bereits durch die sozialgeschichtlichen Ansätze der (germanistischen) Literaturwissenschaft erfüllt wurden.

Die ‘Sozialgeschichte der Literatur’54 sieht Texte durch die zeitgenössischen sozialen Verhältnisse bestimmt (was ihren Wert als Quelle der Sozialgeschichte begründet55), geht aber ebenso von einem Einfluss literarischer Texte auf eben ←19 | 20→diese sozialen Verhältnisse aus. Das Verstehen von Literatur ist damit von der Kenntnis seines Entstehungszusammenhanges abhängig:

Der soziale und kulturelle Kontext, in den ein Text wieder eingebettet werden muss, erscheint hier im Sinne eines background, vor dem ein Verstehen erst möglich wird.57

Geht man nun davon aus, daß uns der sogenannte historische background nur mittels überlieferter Texte zugänglich ist, wird der Hintergrund notwendigerweise selbst zum Interpretandum; er kann darum keine privilegierte Autorität haben, die außerhalb des Textes zu lokalisieren wäre: Der background eines Textes ist selbst ein Komplex von Texten, ein Teil dessen, was Derrida ‘le texte general’ nennt.58

Studien auf dem Feld der historischen Anthropologie bedürfen einer ‘mikroskopischen’ Vorgehensweise, d.h. der Konzentration auf den Einzelfall und dessen detaillierter Analyse. Dieser Forderung entspricht die mikrohistorische Orientierung dieser Arbeit,59 also die bewusste Konzentration auf einen geographisch ←20 | 21→kleinen Raum,60 in diesem Fall die Olde Stadt Magdeburg von ihrer Gründung bis zum Vorabend der Reformation61 sowie die Beschränkung der Analyse auf zwei ausgewählte Ritualtypen, die zunächst anhand der Quellen in ihrer ‘Normalform’ rekonstruiert werden, wobei auf Nachweise für mögliche Abweichungen geachtet wird. Dem folgen eine Analyse der Handlungsträger und ausgewählter Symbole sowie eine historische Einordnung des jeweiligen Rituals. Auf dieser Grundlage erfolgt die Analyse und Interpretation.

1.3. Zu Quellen und Quellenlage

Nach obigem Verständnis zeigt sich Kultur „ganz wesentlich auch durch leibliche Vollzüge und performative Akte: durch Rituale, Gesten, Spiele, Feste und andere Formen kultureller Aufführungen“62. Doch gerade für ältere Gesellschaften – hier des Mittelalters – liegen uns Informationen über diese Performanzen in hauptsächlich schriftlicher Form vor. Der Zugang zu Geschichte und Kultur ist also hier – und nicht nur hier – nur mittelbar über Textzeugen möglich.63 Auch wenn die vorliegende Untersuchung durchaus auch andere, beispielsweise archäologische, architektonische, u.ä. Überlieferungsträger berücksichtigt, gewinnt sie ihre Informationen doch hauptsächlich aus schriftlichen Quellen: aus Urkunden und Chroniken sowie religiösen und säkularen Gebrauchstexten, aber auch literarischen Texten.64

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Die Geschichtswissenschaft versteht dabei ‘Quelle’ als Funktion eines Überlieferungsträgers.65 Quellen können nach verschiedenen Gesichtspunkten systematisiert werden, so nach ihrer äußeren Form (Schriftquellen, Sachquellen und abstrakte Quellen), nach ihrer räumlichen und zeitlichen Nähe zum berichteten Gegenstand oder unter dem Aspekt der originalen und abhängigen Überlieferung (Primär- und Sekundärquellen) oder nach ihrem Aussagewert (‘Tradition’ und ‘Überrest’),66 wobei gerade die letztgenannte Unterteilung von nachhaltigem Einfluss auf die Geschichtswissenschaft war.67

Diese duale Unterscheidung, entwickelt von Ernst Bernheim68 und basierend auf Droysens69 Triade Überreste – Quellen – Denkmäler, versteht unter ‘Überrest’ „alles, was unmittelbar von den Begebenheiten übriggeblieben und vorhanden ist“70, also bspw. Sachüberreste wie Gebäude, Münzen, Wappen, Gebrauchs-und Kunstgegenstände, Kleidung, etc. abstrakte Überreste wie Orts- und Flurnamen, Sitten und Gebräuche, Sprache und Sprachformen, Institutionen, etc., und Schriftgut, das den Bedürfnissen seiner Entstehungszeit entsprach und nicht eine faktische Information über historische Ereignisse zum Ziel hatte, wie Dichtung, Urkunden, ja archivalische Quellen insgesamt. Als ‘Tradition’ wird dagegen alles bezeichnet, das „unmittelbar von den Begebenheiten überliefert ist, hindurchgegangen und wiedergegeben durch menschliche Auffassung“,71 also literarisches Schriftgut historischen Inhalts wie primär mündlich überlieferte Mythen, Sagen, genealogische und historische Erzählungen, schriftliche Überlieferungen wie Annalen, Chroniken, Biographien, und Publizistik im weiteren Sinne wie Flugblätter oder Zeitungen. Die Grenze zwischen ‘Tradition’ und ‘Überrest’ ist dabei – besonders mit Blick auf Textzeugen – durchaus fließend ←22 | 23→ und je nach Fragestellung kann jeder Überlieferungsträger als Quelle in Betracht gezogen werden.72

Quellen ermöglichen uns jedoch keinen Zugang zu ‘der’ Vergangenheit, sondern sie liefern uns „im Grunde nur Indizien – mal stärkere, mal schwächere –, die wir zu einer vernünftigen, plausiblen Vorstellung von Vergangenheit verketten können.“73 Je nach Art der Quelle muss dabei mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen und daher mit unterschiedlichen Intentionen gerechnet werden.74 Das gilt für die textuellen Zeugnisse beider Kategorien gleichermaßen – alle Texte

sind kulturbezogen vermöge der sozialen Werte und Kontexte, die sie selbst erfolgreich in sich aufgenommen haben. Die Welt ist voller Texte, von denen die meisten praktisch unverständlich sind, sobald man sie aus ihrer unmittelbaren Umgebung entfernt. Um die Bedeutung solcher Texte wiederherzustellen, um überhaupt aus ihnen klug zu werden, müssen wir die Situation rekonstruieren, in der sie hergestellt wurden.75

Sollen Textzeugen als Quellen genutzt werden, dürfen sie nicht auf ihre Form und Struktur beschränkt und als abgeschlossene Gebilde betrachtet werden, sondern eine „umfassende kulturelle Analyse [muss] die Grenzen des Textes verlassen und Verbindungen zwischen dem Text und Werten, Institutionen und Praktiken anhand deren kulturellen Orten herstellen“76, ohne dadurch eine immanente Lektüre gerade der im engeren Sinne literarischen Texte ersetzen zu wollen.77 Gefordert ist ihre konsequente Historisierung, also die Ermittlung der Position der Texte „im historischen Gewebe ihrer Kulturen“78.

Gerade, aber nicht ausschließlich literarische Texte sind „Brennspiegel von Diskursen, Mythen, Ritualen, von Macht und Politik, von kulturellen Konstruktionen wie Rasse, Geschlecht, nationaler und sozialer Identität“,79 weil sie Deutungsmuster oder Mentalitäten nicht einfach wiederholen, sondern sie reflektieren, verändern, hinterfragen, aber auch ästhetisieren80 und so gesellschaftlich ←23 | 24→ produktiv werden können. Damit ist Literatur ein Mittel der Differenzierung, Verschiebung und Übersetzung.81 So weist Althoff darauf hin, dass „auch die historiographischen Zeugnisse literarischen Charakter“82 besitzen und natürlich Gebrauch von literarischen Topoi machen83.

Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen stellt sich die Frage, inwieweit eine Rekonstruktion des (kulturellen) Kontextes aus Texten überhaupt möglich ist. Für die Wiedereinbettung von Texten kann auf die Erfahrungen des New Historicism und der Literatursoziologie verwiesen werden.84

Für kulturelle Performanzen beantwortet Barbara Stollberg-Rilinger die Frage dahingehend, „dass kommunikative Vorgänge, wie Rituale es sind, sich grundsätzlich immer nur als perspektivisch wahrgenommenes Geschehen beschreiben lassen“85: normative Quellen zeigen lediglich, wie ein Ritual ablaufen sollte, erlauben aber keine Rückschlüsse über den tatsächlichen Ablauf; narrative oder dokumentarische Zeugnisse dagegen liefern stets nur eine von mehreren möglichen Perspektiven.86 Ziel muss es sein, möglichst viele Sichtweisen zu rekonstruieren und zueinander in Beziehung zu setzen, wobei man sich auch bei dieser Vorgehensweise dem ‘eigentlichen’ Geschehen immer nur relativ annähern kann und am Ende offen bleiben muss, ob der erschlossene dem tatsächlichen Ablauf entsprochen hat.87

Ausschlaggebend sind dabei Zahl und Qualität der zur Verfügung stehenden Quellen. Auf Grund von starken Kriegsverlusten ist die Quellenlage für die Stadt Magdeburg sehr dünn. So kann sich die Rekonstruktion der Himmelfahrtsprozession auf nur eine Primärquelle stützen.88 Darüber hinaus stehen ihr vier weitere Sekundärquellen zur Verfügung.89 Für die Fronleichnamsprozession ←24 | 25→ dagegen liegen zwei Primärquellen vor90 und die Analyse der Heiltumsweisung stützt sich auf eine Primär-91 und zwei Sekundärquellen.92

Mit Ausnahme der Schöppenchronik und den Exzerpten Sellos liegen die verwendeten Primärquellen nicht in Druck vor.

Der Ordinarius sacrosancte ecclesie Cathedralis Ac Metropolitane Magdeburgensis93 (Ms theol. lat. quart. 113. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung) wird gemeinhin auch als Liber ordinarius ecclesiae Magdeburgensis bezeichnet.94 Es handelt sich hierbei um eine 176 Blatt (22 Quaternionen) umfassende Papierhandschrift, die mit Ausnahme von 7r unten bis 7v oben einspaltig vorliegt.95 Jedes Blatt umfasst 32 bis 35 Zeilen.96

Als Entstehungsort der Handschrift ist mit ziemlicher Sicherheit Magdeburg anzunehmen, die Entstehungzeit des Hauptteils wird für vor 1507 angegeben, während für die Nachträge (174r bis 176v) eine Entstehungszeit zwischen 1508 und 1516 angenommen wird.97

Es konnten drei verschiedene Hände festgestellt werden; der Handwechsel erfolgt auf 18v und 174r (Bastarda); Folium 176r-v enthält Nachträge in Kurrente, die auf das 2. Viertel des 16. Jahrhunderts datiert werden.98

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Die Handschrift lag wohl zunächst im Domstift Magdeburg, bevor sie vor 1688 in die Kurfürtliche Bibliothek Berlin gelangte.99 Heute liegt sie unter der Signatur Ms theol. lat. quart. 113 in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung.

Die Indulgentiae ecclesiae metropolitanae Magdeburgensis steht als Digitalisat online zur Verfügung.100 Es handelt es sich um einen 6 Blatt umfassenden Inkunabeldruck, der im Jahr 1483 bei Albert Ravenstein und Joachim Westval in Magdeburg erschienen ist.101 Auch der Wiegendruck liegt in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz unter der Signatur 8° Inc 1493.

1.4. Zur Arbeit mit den Quelltexten und Prinzipien der Übersetzung

Die Quellen, auf die sich diese Arbeit stützt, bedienen sich hauptsächlich der deutschen und lateinischen Sprache, mitunter finden jedoch auch Quellen anderer Sprachen Verwendung. Bei der Arbeit wird dabei wie folgt vorgegangen:

Zitate früherer deutscher Sprachstufen bleiben unübersetzt, Zitaten aus fremdsprachlichen Quelltexten werden Übersetzungen [in eckigen Klammern] beigefügt. Soweit nicht anders gekennzeichnet, stammen diese von der Verfasserin.

Im Rahmen der Übersetzungen stehen den Inhalt verdeutlichende Ergänzungen ebenfalls [in eckigen Klammern].

Die Übersetzungen verstehen sich als Annäherungen an den Originaltext und versuchen Inhalt und Geist des Originals einzufangen, aber dennoch so nah wie möglich am ursprünglichen Wortlaut zu bleiben. Etwaige Besonderheiten oder Abweichungen werden als Fußnote verzeichnet.

Edierte Quellen werden verbatim zitiert. Die Orthographie unedierter Quellen wird beibehalten. So wird beispielsweise die alternierende Verwendung von u und v sowie i und j wie vorgefunden übernommen, also vnd (für und) oder uexillum (für vexillum) sowie jhr (für ihr) oder monasterij (für monasterii). Auch bei der Arbeit mit lateinischen Quellen wird die zeitgenössische Schreibung übernommen, so bleibt beispielsweise nichil (für nihil), tocius (für totius) und ymnus (für hymnus).

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Kurze Wortbeispiele werden kursiv in den Fließtext integriert. In jedem anderen Fall folgen sie den normalen Zitationsregeln.

Die Namen der genannten Gesänge und Gebete werden kursiv gesetzt.

Für die Arbeit mit der Handschrift Ms theol. lat. quart. 113. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung gelten darüber hinaus für die Transkription die folgenden Punkte:

Biographische Angaben

Sylvia Meyer (Autor:in)

Sylvia Meyer studierte Anglistik und Germanistik an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg, wo sie am Institut für Germanistik als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Ihre Promotion erfolgte an der Universität Hamburg.

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Titel: Zur Konstruktion kollektiver Identität im mittelalterlichen Magdeburg