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Eine Geschichte des Verhältnisses von Literatur und Wahnsinn

Experimente jenseits der Sprache

von Rasmus Rehn (Autor:in)
Dissertation 322 Seiten

Zusammenfassung

Geisteskrankheiten als «Pioniere des Fortschritts»? (K. Bayer)
Diese diskursanalytische Studie untersucht die Bedeutung und Funktion psychiatrischen Wissens in der Gegenwartsliteratur. Neben systematischen Analysen der Prosa-Werke einiger zeitgenössischer Autoren bietet diese Untersuchung auch einen historischen Überblick, der zeigt, wie stark die Gegenwartsliteratur von älteren Vorstellungen des Wahnsinns beeinflusst ist.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1. Eine Reise in den Wahnsinn – historischer Abriss zur Geschichte von Literatur und Wahnsinn
  • 1.1 Die Geburt des „göttlichen Wahnsinns“ und der Melancholie in der griechischen Antike
  • 1.2 Wahnsinn vom Mittelalter bis zur Renaissance – im Spannungsfeld zwischen Krankheit, Sünde und schöpferischem Irrsinn
  • 1.3 Wahnsinn im 18. und 19. Jahrhundert: von der Klassik bis zur Romantik
  • 1.4 Die Entwicklung von Literatur und Psychiatrie im 19. Jahrhundert
  • 1.5 Die Verflechtungen zwischen Literatur und Psychiatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts
  • 2. Die Diskurse des Wahns: Rainald Goetz’ Blick auf die psychische Devianz
  • 2.1 Die Studentenrevolte und die Antipsychiatrie
  • 2.2 Rainald Goetz’ Roman Irre: Die zersplitterte Form
  • 2.3 Die Funktion der Konzepte der Fiktionsfiktion und des space in Irre
  • 2.4 Die medizinisch-psychiatrischen Quellen in Irre
  • 3. Thomas Hettche und die Wiedergeburt des schöpferischen Wahnsinns
  • 3.1 Die Faszination der Anormalen640 in Hettches (Früh-)Werk
  • 3.2 Die Struktur und die literarischen Quellen von Ludwig muß sterben
  • 3.3 Die medizinisch-psychiatrischen Quellen in Ludwig muß sterben
  • 4. Medizinische Poetologie – die Rolle der Medizin und des Wahnsinns bei Paulus Hochgatterer
  • 4.1 Zur Verwischung der Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn im Werk Paulus Hochgatterers
  • 4.2 Die Anwendung medizinisch / psychiatrischen Wissens im Werk Paulus Hochgatterers
  • 5. Thomas Melle: Die autobiographische Darstellung des Wahns
  • 5.1 Inszenierter Wahn – Wahrheit und Fiktion in Thomas Melles Die Welt im Rücken
  • 5.2 Der Wahnsinn als sprachlicher Virus: Die Darstellung psychischer Devianz und psychiatrisch-literarischen Wissens in Die Welt im Rücken
  • 6. Zusammenfassung
  • 7. Werke und Quellen
  • Reihenübersicht

Einleitung

Der heute fast vergessene österreichische Schriftsteller Konrad Bayer stellte in seinem Tagebuch im Jahre 1963 fest, dass die Kunst des 20. Jahrhunderts „fast alles von den Geisteskrankheiten gelernt“ habe und bezeichnete Krankheiten gar als „Pioniere des Fortschritts.“2 Bayer war damals Mitglied der „Wiener Dichtergruppe“, die sich in den 1950er Jahren um Hans Carl Artmann gegründet hatte. Dieser Dichterklub war Teil einer österreichischen Künstler-Bewegung, die dafür bekannt war, die Normen der äußerst konservativen bürgerlichen Gesellschaft Österreichs durch experimentelle Lautdichtung und provokative Happenings immer wieder in Frage zu stellen. Einige Mitglieder dieser Gruppe junger, radikaler Intellektueller inszenierten sich auf ihren Veranstaltungen und in ihren Texten immer wieder als Verrückte. So verfasste Bayer beispielsweise einige Gedichte, in denen er die Glossolalie (Zungenrede) psychisch Kranker nachzuahmen versuchte, und damit sein psychiatrisches Wissen eindrucksvoll demonstrierte.3 Aber auch abseits der literarischen Salons entstand in den 1970er und 80er Jahren ein reges Interesse an den pathologischen Geisteszuständen, das in Österreich auch durch die nach der Compagnie de L’Art brut anhaltende Popularität der Kunstwerke schizophrener Patienten begünstigt wurde. Man konnte hier an das berühmte Werk Bildnerei der Geisteskranken von Hans Prinzhorn aus dem Jahre 1922 anschließen. Dort hatte der deutsche Psychiater zahlreiche Kunstwerke psychisch kranker Patienten öffentlich bekannt gemacht. Später hielten Surrealisten wie André Breton das Interesse an dieser alternativen Kunst mit Ausstellungen in Europa wach.4

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Die These Konrad Bayers weist – wenn auch in überspitzter Form – hellsichtig auf den inspirierenden Einfluss psychiatrisch-medizinischen Wissens über Geisteskrankheiten auf die Literatur des 20. Jahrhunderts hin. Diese These wird heute in der Literaturwissenschaft im Kern kaum noch bestritten. An dieser Stelle sei nur an die noch schärfer formulierte These Friedrich Kittlers erinnert, die besagt, dass bereits die Literatur um 1900 vor allem „Abfallverwertung“ psychiatrischen Wissens betrieben habe.5 Der Wahnsinn ist, wie Botho Strauß 2013 feststellte, „eine zentrale Metapher des zwanzigsten Jahrhunderts.“6

Jede Untersuchung, die sich mit dem Wissensaustausch zwischen Literatur und Psychiatrie und genauer dem Verhältnis von Kunst und Wahnsinn befasst, steht vor dem Problem einer genauen Definition des Wahnsinns. Wahnsinn war stets und ist auch heute noch ein schillernder und mehrdeutiger Begriff, der sich einer eindeutigen Bestimmung zu entziehen scheint. Ein Blick in die Geschichte der Psychiatrie zeigt, dass es auch in der Wissenschaft unterschiedliche Definitionen des Wahnsinns gab. Heute wird mit dem Fachterminus „Wahn“ meist die Kernsymptomatik von Geistesstörungen zusammengefasst, die man früher als Irresein oder eben Wahnsinn bezeichnete.7 Daneben hat sich auch der Begriff der Psychose herausgebildet, der als allgemeine Bezeichnung psychischer Auffälligkeiten dient. Die Bezeichnung ‚Wahnsinn‘ wird hingegen heute kaum noch verwendet, da sie als ungenau ←12 | 13→und veraltet gilt.8 Auch ein Blick in die sprachgeschichtliche Entwicklung dieses Wortes verdeutlicht das weite Bedeutungsspektrum des Begriffs. Nach Ansicht der Gebrüder Grimm lässt sich das Wort „Wahn“ bis zum alt- und mittelhochdeutschen Wort „wân“ zurückverfolgen, das zunächst so viel wie „erwartung“ und später „unsichere meinung“ oder sogar „einbildung“ bedeutete.9 Es lässt sich seit dem 16. Jahrhundert ein Bedeutungswandel feststellen. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert stand der Begriff des Wahns im Gegensatz zur Wahrheit und zur Realität.10 Er erscheint künftig als individuelle Einbildung eines Subjekts, das von seinen Leidenschaften übermannt wird, sodass es nicht mehr klar denken und urteilen kann.11 Die Gebrüder Grimm sahen zwar auch eine Verbindung zum „kühnen flug der dichterischen phantasie“, stellten jedoch fest, dass das Wort in der „neueren wissenschaftlichen sprache“ vermehrt für Geisteskranke gebraucht werde, die unter fixen Ideen und Halluzinationen litten. Auch könne der Begriff „Wahn“ sich direkt auf diesen Zustand beziehen.12 Er rücke dadurch in die Nähe des seit dem späten 18. Jahrhundert häufiger vorkommenden Substantivs „Wahnsinn“, das im Allgemeinen eine geistige Erkrankung bezeichne, die mit Wahnvorstellungen verbunden ist.13 Neben den beiden Substantiven „Wahn“ und „Wahnsinn“ ist für diesen Zusammenhang auch das sehr alte ←13 | 14→Adjektiv „wahnsinnig“ wichtig, das meist alle Arten der Geisteskrankheiten und Zustände von großer Erregung bezeichnete. Später habe man, so die Gebrüder Grimm, in der Umgangssprache mit dem Adjektiv wahnsinnig auch einen außergewöhnlichen Grad von etwas bezeichnet.14 Nun kann wieder der Bogen zurück in die Gegenwart gespannt werden. Denn auch in der heutigen Umgangssprache erscheint das Wort „Wahnsinn“ oft noch als Synonym für „außergewöhnlich“.

Hinzu kommt, dass auch die Vorstellungen, die mit Wahnsinn verknüpft wurden, sich im Laufe der Geschichte stark verändert haben. Der Begriff besitzt nämlich in einigen Epochen und Kulturen eine mythisch-religiöse Konnotation. In der Antike ist mit Wahnsinn oft die göttliche Inspiration gemeint, die der Dichter zum Schreiben benötige. Auch im Mittelalter wird von Wahnsinn mitunter in religiösen und nicht nur in klinisch-psychiatrisch Kontexten gesprochen, etwa wenn es um göttliche Strafen geht. Im 18. und 19. Jahrhundert überlagern sich ältere und neuere Vorstellungen zu einem kaum entwirrbaren Geflecht. Literarische Darstellungen von Wahnsinnigen, die große moralische Schuld auf sich geladen haben, stehen hier unverbunden neben „irren“ Künstlern, die mit ihren genialen Einfällen Kunstwerke für die Ewigkeit schufen. Diese Beispiele verdeutlichen, dass es problematisch sein kann, neuere Krankheitskonzepte der modernen Psychiatrie unkritisch mit alten historischen Vorstellungen zu verbinden, um eine bestimmte Krankheit zu diagnostizieren. Der Wahnsinn muss immer auch aus seiner Zeit heraus verstanden werden, denn er ist weit mehr als nur eine psychiatrisch-medizinische Kategorie, sondern hat auch eine kulturgeschichtliche Bedeutung.15

Eine weitere Schwierigkeit dieser Untersuchung bestand darin, dass im Laufe der Geschichte keineswegs nur reale psychische Krankheiten und unnatürliche Zustände mit dem Begriff Wahnsinn in Verbindung gebracht, sondern zuweilen auch soziale Abweichler mit diesem Etikett belegt ←14 | 15→wurden.16 Wahnsinn ist, wie der französische Philosoph Michel Foucault bemerkt hat, kein natürlicher Begriff.17 Aus diesem Grund versuchte er in seiner Schrift Wahnsinn und Gesellschaft den „Nullpunkt in der Geschichte des Wahnsinns“ einzuholen. Dazu hat er das an der Entstehung des Begriffes beteiligte gesellschaftliche und kulturelle Umfeld untersucht und beschrieben, um das Phänomen besser zu verstehen.18 Für Foucault kann der Grad zwischen Wahnsinn und Gesundheit in einer Gesellschaft schmal sein, da diese Unterscheidung auf gesellschaftlichen Wertungen beruht.19 Was und wer als krank oder gesund gilt, unterscheidet sich in unterschiedlichen historischen Zeiträumen, oder mit anderen Worten: Was als „gesund“ oder „normal“ gilt, muss immer wieder neu bestimmt werden.20 Dies lässt sich ←15 | 16→gut an dem Phänomen der Homosexualität nachweisen, die lange Zeit als psychische Krankheit wahrgenommen wurde. So taucht sie zum Beispiel noch 1886 in der Psychopathia sexualis von Richard von Krafft-Ebing als Krankheit auf samt Hinweisen zu ihrer Therapie.21 Die Etikettierung „krank“ muss also immer kritisch hinterfragt werden. Dennoch lässt sich natürlich die Existenz psychischer Krankheiten nicht leugnen.

Trotz der Vieldeutigkeit des Terminus und trotz der Tatsache, dass dieser Begriff in der modernen psychiatrischen Wissenschaft kaum mehr verwendet wird, soll der Begriff Wahnsinn dennoch in dieser Arbeit verwendet werden, da man ansonsten der Vielfalt der Wahnsinnskonzepte im ersten historischen Teil dieser Arbeit, in der das Verhältnis zwischen Wahnsinn und Literatur von der Antike bis zum 20. Jahrhundert beleuchtet wird, nicht gerecht werden würde.22 Schließlich hat der heute noch literarisch fruchtbare Topos vom wahnsinnigen Genie bzw. der Verbindung von Kunst und Wahnsinn seinen Ursprung in der Antike. Eine Studie, die mit einer einseitig psychiatrischen Definition arbeiten würde, müsste dieses Wahnsinnskonzept und viele weitere notwendigerweise ignorieren.23 Weiterhin soll in dieser ←16 | 17→Studie der Begriff „Wahnsinn“ auch auf spezifische Krankheitskonzepte wie beispielsweise die Manie, Melancholie und Schizophrenie ausgedehnt werden. Speziell die Melancholie kann Aufschluss über das komplexe Zusammenspiel von Kunst und psychischer Devianz geben. Daher sollen in diesem Dissertationsprojekt mit dem Begriff Wahnsinn alle Arten des permanenten oder zeitlich begrenzten geistigen Selbstverlusts bezeichnet werden, die Devianz von der Norm, Gemütsveränderungen und Verhaltensweisen hervorbringen und die mit den Mitteln der Logik und Empirie nicht geklärt werden können.

Die Faszination für Geisteskrankheiten und die Adaption psychiatrisch-medizinischen Wissens durch Schriftsteller ist im 20. Jahrhundert kein neues Phänomen. Sie war bereits vor der Etablierung der Psychiatrie als Wissenschaft vorhanden. Dies soll im ersten Teil dieser Untersuchung dargestellt werden. In einem ausführlichen historischen Abriss wird das Verhältnis und der Wissensaustausch zwischen den Diskursen der Literatur und Psychiatrie untersucht.24 Es geht dabei um die spezifischen Wechselwirkungen zwischen den diskursiven Netzwerken mitsamt ihrer kulturellen Begrifflichkeit und ihren spezifischen Konstitutionsbedingungen.25 Dies ist deshalb wichtig, ←17 | 18→weil Diskurse an der Herausbildung pathologischer Klassifikationssysteme und folglich auch an der „Produktion“ von Geisteskrankheiten beteiligt sind.26

Der Schritt in die Vergangenheit ist notwendig, da sich auch die vier modernen Autoren des 20. Jahrhunderts, die im Mittelpunkt des zweiten Teils des Dissertationsprojektes stehen, in ihren Texten immer wieder auch auf historische Deutungen des Wahnsinns beziehen und diese reflektieren. Eine ahistorische Herangehensweise würde dazu führen, dass diese wichtigen Bezüge im Dunkeln blieben. Vor der Analyse der psychiatrischen Quellen der Texte müssen allerdings in einem ersten Schritt zunächst einmal einige Fragen geklärt werden, die für das Verständnis der historischen Epochen wichtig sind. Dazu zählt zum Beispiel die Frage, welche literarisch-medizinischen Vorstellungen bezüglich der Geisteskrankheiten in den verschiedenen Epochen existierten und wie sie sich gegenseitig beeinflussten. Zudem ist wichtig, welche medizinischen Erklärungsmuster in jener Zeit existierten. Selbst der Umgang mit den Geisteskranken und die gesellschaftlichen Debatten über den Wahnsinn beeinflussten nachweislich die literarischen Darstellungen und werden aus diesem Grund auch in dieser Studie berücksichtigt. Dennoch steht natürlich weiterhin der Grenzbereich zwischen Wahnsinn und Literatur im Fokus, zwei Bereiche also, die laut Michel Foucault im Laufe der Geschichte erst durch die Vernunft voneinander getrennt wurden.27 Das Aufscheinen des Wahnsinns in dem doch vor allem durch Rationalität geprägten Medium der Schrift erzeugte immer eine Irritation. Diese Irritation hat auch Walter Benjamin in einer kurzen Notiz über Bücher von Geisteskranken beschrieben. Er fragte danach, wie es dem Wahnsinn gelang, sich in die Literatur einzuschleichen, wie er „die ←18 | 19→Passkontrolle dieses hunderttorigen Theben, der Stadt der Bücher“ umging, und wie er sich in der Schrift zeigte.28

Bereits in antiken Theaterstücken finden sich Darstellungen psychisch Kranker. Man spricht in diesem Zusammenhang oft von einem religiösen oder göttlichen Wahnsinn, der durch die Götter herbeigeführt wird.29 Beispiele sind die Wahnsinnsanfälle des Herakles oder der Kassandra, die in den gleichnamigen Stücken von Sophokles und Euripides beschrieben werden. Schon hier lässt sich die folgenreiche Verbindung des (klinischen) Wahnsinns mit der Kunst erkennen. Darstellungen geistiger Störungen treten jedoch auch im Mittelalter und in jenen Werken auf, die in der Zeit des Überganges zur Neuzeit verfasst wurden. Besonders eindringliche Beschreibungen des Wahnsinns finden sich im Prosa-Lanzelot und in einigen Dramen William Shakespeares’.30 Einen ersten Höhepunkt erreichte die Bedeutung des Wahnsinns in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, weshalb dieser Zeitraum auch ausführlich behandelt wird. Literarisches und psychiatrisches Wissen erscheinen in dieser Epoche eng miteinander verwoben. Einzelne Symptome einer Geistesstörung treten dabei in vielen Fällen bei Figuren auf, die die gesellschaftlichen Normen brechen wie bei dem Harfner Augustin in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, der sich des Inzests mit seiner Schwester Sperata schuldig gemacht hat.31

Eine positivere Wertung erfuhr der Wahnsinn in einigen romantischen Werken. Wahnsinn wurde nämlich nicht selten mit einer mystischen Erfahrung der Einheit des Subjekts mit der Natur oder einem abweichenden, tiefergehenden Blick für den verborgenen inneren Zusammenhalt der Dinge in Verbindung gebracht. Diese ‚andere’ Art des Sehens stand zuweilen gleichberechtigt neben der Vernunft. So erscheint etwa der wahnsinnige Einsiedler Serapion in einer Erzählung E.T.A. Hoffmanns als ein weiser und visionärer Dichter, der seine abwegige persönliche Weltsicht für unbestreitbar ←19 | 20→hält, da es ohnehin keine objektive Erkenntnis gebe.32 Nur ungefähr zwei Jahrzehnte später rückte in Georg Büchners Lenz die genaue Darstellung einer psychischen Krankheit in den Fokus der Literatur. Dabei griff Büchner direkt auf zeitgenössisches psychiatrisches Wissen zurück und wendete es auf den historischen Fall des Dichters Jakob Michael Lenz an.33 Anfang des 20. Jahrhunderts wurde im Expressionismus der Wahnsinnige dann zur Gegenfigur des angepassten bürgerlich-spießigen Individuums stilisiert.34 Die Lektüre psychiatrischer Fachliteratur war in bestimmten avantgardistischen Dichterkreisen zur gängigen Praxis geworden. Weiterhin wurde im Zuge der durch Friedrich Nietzsche formulierten Kulturkritik der Wahnsinn mit dem antiken dionysischen Rausch gleichgesetzt, was die anhaltende Präsenz antiker Vorstellungen vom Wahnsinn in der Moderne erklärt. Die Geisteskrankheit sollte ein Gegengewicht zu der einseitigen Herrschaft des Verstandes im modernen Großstadtleben bilden. Ein gutes Beispiel hierfür bildet die Novelle Der Irre von Georg Heym, in der der Wahnsinn zu einer vitalistischen Transzendenz-Erfahrung hochgetrieben wird. In der Regel orientierten sich die Autoren bei diesen Simulationen des Irrsinns an spezifisch psychiatrischen Darstellungsweisen.35

In der langen und wechselvollen Geschichte von Psychiatrie und Literatur nimmt in Deutschland die zweite Hälfte 20. Jahrhunderts eine besondere Stellung ein, da in dieser Epoche sehr viele literarische Werke erschienen, in denen Schizophrenie und andere krankhafte Geisteszustände eine besondere Rolle spielen. Befördert wurde das Interesse damals von der Antipsychiatrie-Debatte der 1960er und 1970er Jahre, die in der Gesellschaft eine breite Kontroverse über die richtige Behandlung von Geisteskranken auslöste. Verschiedene Vertreter der Antipsychiatrie-Bewegung übten scharfe Kritik an den teilweise katastrophalen Verhältnissen in Heil- und Pflegeanstalten und stellten mitunter sogar die Psychiatrie selbst infrage. Psychosen wurden von ihnen oft nicht als individuelle Krankheiten, sondern als Resultate ←20 | 21→problematischer gesellschaftlicher Entwicklungen angesehen.36 Im Zuge dieser gesellschaftlichen Debatten entstanden viele Romane, die sich mit Geistesstörungen oder mit der Institution Psychiatrie befassten. Zu nennen sind hier beispielsweise Thomas Bernhards Frost (1963) Heiner Kipphardts März (1976) oder Fritz Zorns Mars (1977). An Bernhards erstem Roman lässt sich zeigen, dass nicht nur Krankheitsbeschreibungen in fiktionale Literatur übernommen wurden, sondern auch spezifisch psychiatrisch-medizinische Aufzeichnungstechniken Teil eines Kunstwerks werden konnten.37 Die Kontroversen der Antipsychiatrie spielen teilweise auch noch bei den vier Autoren eine Rolle, die ausführlich im zweiten, dritten, vierten und fünften Kapitel dieses Dissertationsprojektes behandelt werden. Im Fokus des Interesses stehen verschiedene Prosa-Texte moderner Autoren. Es handelt sich um Rainald Goetz’ Irre (1983), Thomas Hettches Ludwig muß sterben (1989), Paulus Hochgatterers Über die Chirurgie (1993) und Die Süße des Lebens (2006), sowie Thomas Melles Die Welt im Rücken (2016). Dabei soll bedacht werden, dass eine Untersuchung der literarischen Verarbeitungen psychischer Krankheiten und der dabei verwendeten psychiatrischen Quellen nicht die sozialgeschichtlichen Veränderungen und gesellschaftlichen Kontroversen hinsichtlich der Beurteilung von Geisteskrankheiten aus dem Blick verlieren darf, da diese wie im eben beschriebenen Falle der Schriftsteller der 70er, 80er und 90er Jahre die Literatur beeinflusst haben.38

Auch wenn in dieser Dissertation vor allem die psychiatrischen Quellen der Literatur betrachtet werden, soll trotzdem darauf hingewiesen werden, dass der Wissensaustausch nicht einseitig verlief, was unter anderem Yvonne Wübben herausgearbeitet hat. Um sich als eigenständige Wissenschaft zu ←21 | 22→etablieren, griff die Psychiatrie besonders in ihrer Anfangszeit vermehrt auf das Wissen anderer Disziplinen wie der Philologie, der Anthropologie oder der Pädagogik zurück und bediente sich zur Veranschaulichung bestimmter Krankheitssymptome bei der Literatur. So diente beispielsweise Cervantes’ Don Quijote den Psychiatern als wichtige Quelle für ihre Arbeit.39 Auch der vom Psychiater Richard von Krafft-Ebing geprägte Begriff des Masochismus geht auf die Lektüre von Leopold von Sacher-Masochs Novellen Venus im Pelz und Die geschiedene Frau zurück.40 Selbst in der Beurteilung von Geisteskrankheiten orientierten sich einige Psychiater (unbewusst) an ästhetischen Kriterien ihrer Zeit und weniger an empirisch erhobenen Daten.41

Es ist nicht zu übersehen, dass viele moderne Literaten und auch Philosophen sehr interessiert sind an den sprachlichen Äußerungen psychisch Kranker. Aber gibt es einen besonderen Grund für dieses Interesse und die anhaltende Präsenz des Themas „Wahnsinn“ in der (deutschen) Literatur des 20. Jahrhunderts?42 Bislang wurde in der Forschung die große Anzahl von Werken, die sich vor allem am Ende des 20. Jahrhunderts mit Schizophrenie und anderen pathologischen Geisteszuständen beschäftigen, häufig mit der Popularität von Autoren der Antipsychiatrie wie Ronald D. Laing oder David Cooper erklärt.43 Tatsächlich hat die so genannte ←22 | 23→Antipsychiatrie-Debatte sicherlich ihre Spuren in vielen Werken dieser Zeit hinterlassen. Dieser Erklärungsansatz sollte jedoch nicht dazu führen, die durch den Einfluss der neuen Medien veränderten Entstehungsbedingungen von Literatur in den 80er Jahren aus den Augen zu verlieren. Die Autoren dieser Zeit misstrauten zunehmend der Schrift und bemühten sich, die Dynamik der neuen technischen Medien für ihre Texte fruchtbar zu machen.44

Das vorliegende Dissertationsprojekt sucht eine Antwort auf die Frage nach der häufigen Thematisierung der Geisteskrankheiten in der modernen Literatur, indem aufgezeigt wird, dass im Falle von Rainald Goetz (1954*), Thomas Hettche (1964*), Paulus Hochgatterer (1961*) und Thomas Melle (1975*) hinter der Beschäftigung mit dem Thema Wahnsinn und der Simulation pathologischer Rede auch eine Auseinandersetzung mit dem Medium der Sprache, ihren Grenzen und Möglichkeiten steht. Gerade deshalb stehen diese vier Schriftsteller im Mittelpunkt dieser Arbeit. Anhand dieser Romane und Texte, die prototypisch für ihre Generation stehen, lässt sich besonders deutlich ein Unbehagen an der Sprache erkennen, eine Sprachskepsis, die nicht nur eine Reaktion auf die Werke der so genannten sprachkritischen Wende darstellt, sondern die auch mit der zunehmenden Dominanz des Fernsehens oder Kinos in der Gesellschaft zusammenhängt.45 Angesichts der sich anbahnenden Verdrängung der Schrift durch die neuen Medien stellen sich Goetz, Hettche und die anderen Autoren die Frage, worin sich die Schrift noch gegenüber dem Film, den Bildern und der modernen Pop-Musik auszeichnet, die die Wirklichkeit anschaulicher darzustellen vermögen und beim Rezipienten stärkere Emotionen zu wecken scheinen.

Wenn aber – wovon die Literaten ausgehen – die Schrift noch eine Existenzberechtigung hat, wie muss sie sich in dieser neuen Zeit wandeln, um ←23 | 24→nicht obsolet zu werden? Es geht also um nichts Geringeres als die Suche nach einem neuen „Ton“, ja vielleicht im Falle von Hettche sogar nach einer literarischen Sprache, die nach dem Vorbild der neuen Medien direkter und anschaulicher sein sollte als die traditionelle, von der Vernunft geprägten Sprache. Hierbei fungiert der Wahnsinn als eine Art Medium, das bei der Überschreitung der Grenzen der Sprache helfen soll. Obwohl also diese modernen Autoren vor anderen Herausforderungen stehen als die älteren, greifen sie auf bekannte Topoi im Umgang mit dem Wahnsinn zurück. So erscheint der Wahnsinn plötzlich wieder als faszinierende poetische Sprache.

Die Schriften von progressiven Künstlern und Wahnsinnigen wirken auf die Umwelt rätselhaft und subversiv und scheinen geheimes Wissen in sich zu verbergen, weil sie sich scheinbar nicht an festgelegten Regeln und gesellschaftlichen Konventionen orientieren. Sie wurden deshalb früher als authentischer künstlerischer Ausdruck der eigenen kreativen Schöpfungskraft angesehen. In der Tat ignorieren einige Schizophrene bekanntlich bei ihren schriftlichen Äußerungen nicht selten die Regeln der Rechtschreibung und Interpunktion. Oft besteht zwischen den Texten, die manchmal collagenartig mit Bildern versehen werden, kein erkennbarer semantischer Zusammenhang. Allerdings ist es aus psychiatrischer Sicht falsch, von einer gemeinsamen Sprache der Wahnsinnigen auszugehen.46 Die Schriftproben inspirierten Goetz und die anderen Autoren dazu, sich in ihren Romanen selbst über Sprach- und Gattungskonventionen hinwegzusetzen. Sie erweckten damit mitunter den Eindruck, ein psychisch Kranker sei der Schöpfer ihrer Werke.47 Trotz aller Übereinstimmungen gibt es auch Unterschiede im ←24 | 25→Umgang und in der Bewertung des Wahnsinns bei Goetz, Hettche, Hochgatterer und Melle, die in den späteren Kapiteln berücksichtigt werden sollen.

In Goetz’ Roman Irre tauchen positive Äußerungen über Geisteskrankheiten nur vereinzelt auf. Diese stehen in der Tradition der Romantik und des Expressionismus, in der Wahnsinn als eine schöpferische Kraft angesehen wurde. In Irre mischt sich darin jedoch eine Kritik an den Glorifizierungen des Irrsinns, die den Blick auf die deprimierende Wirklichkeit verdeckten. Dennoch gibt es kein abschließendes Urteil darüber, ob Wahnsinn Kunst sei. Goetz’ Äußerungen müssen als Montagen angesehen werden, in denen die verschiedenen Diskurse über den Wahnsinn miteinander verschmolzen und gebündelt werden. Dadurch wird es möglich, in einer komplexen Mosaikstruktur viele unterschiedliche und teilweise einander sich widersprechende Aussagen über den Wahnsinn miteinander zu verbinden und so die gesamte Kontroverse über das Verhältnis zwischen Kunst und Pathologie abzubilden. Dabei wird im zweiten Kapitel verdeutlicht, dass Goetz hierbei auf literarische und psychiatrische Quellen und seine eigenen Erfahrungen in der Psychiatrie zurückgreift und sich nicht scheut, verschiedene Personen aus seiner Zeit als Praktikant in der LMU in München im Text auftreten zu lassen. Diese Personen werden in dem vorliegenden Dissertationsprojekt identifiziert, da Goetz Textausschnitte aus deren Veröffentlichungen in seinen Roman übernommen hat, ohne dies kenntlich zu machen. Daneben werden auch die literarischen Vorbilder des jungen Rainald Goetz benannt. Dabei soll deutlich werden, dass die deutliche Sprachkritik des Romans und dessen Form in großen Teilen dem Werk Rolf Dieter Brinkmanns entlehnt sind. Die Suche nach einem neuen literarischen Ton zeigt sich in Goetz’ Begriff des space, der als Versuch eines modernen intermedial geprägten literarischen Ausdrucks verstanden werden muss.

Auch in Thomas Hettches Roman Ludwig muß sterben, der im dritten Kapitel behandelt wird, spielt das Thema „Wahnsinn“ eine große Rolle. Im Gegensatz zu Goetz’ Debüt ist Hettches Roman jedoch keine mosaikartige Ansammlung von Textmontagen. Im Anschluss an die frühen Schriften ←25 | 26→Michel Foucaults wird versucht, das tragische Bewusstsein des Wahnsinns im Roman erneut zu beschwören. Die Geisteskrankheit erscheint so als eine faszinierende mystische Erfahrung. Dennoch erscheint das schöpferische Potenzial des Wahns der Macht der Bilder nicht gewachsen, mit der die neuen Medien den Menschen überfluten. Dem wahnsinnigen Erzähler entgleitet immer wieder seine Geschichte. Er wird von zwei untoten Repräsentanten des Medialen, die einem Anatomieatlas entstiegen sind, kontrolliert. Dadurch kann er letztlich den Tod seines geliebten Bruders Ludwig nicht verhindern. Insofern stellt auch Hettches Roman keine einseitige Apotheose des Wahnsinns dar. Auch die Übernahmen aus den medizinisch-psychiatrischen Schriften dienen letztlich der Betonung der Darstellungskraft der Bilder, da die literarischen Figuren durch Bilder und nicht mehr durch die Kraft des Erzählers erzeugt werden. Abschließend lässt sich feststellen, dass eine allgemeine Sprachkrise sowohl Goetz als auch Hettche auf psychiatrisches Wissen zurückgreifen lässt, um neuartige literarische Experimente zu wagen. Allerdings führt dies nicht zu einseitigen Überhöhungen der Geisteskrankheit. Dies zeigt sich auch bei Paulus Hochgatterer, dessen Werk im Fokus des nächsten Kapitels steht.

Im vierten Kapitel dieser Untersuchung werden die beiden Romane Über die Chirurgie und Die Süße des Lebens von Paulus Hochgatterer behandelt. Hochgatterer geht es in seinen beiden Prosa-Werken vornehmlich darum, auf die Brüchigkeit der Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn hinzuweisen. Dem Leser bietet sich ein regelrechtes Panoptikum des Wahnsinns dar, in dem fast alle Figuren unter psychischen Störungen leiden. Besonders in dem experimentellen Werk Über die Chirurgie fallen alle zentralen Protagonisten nacheinander aus ihrer beruflichen Rolle und werden von ihren verdrängten Aggressionen und Leidenschaften überwältigt. Der Wahnsinn trägt hier oft groteske Züge, was an die expressionistische Prosa zu Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert. Der Einsatz psychiatrischen Wissens zeigt sich bei Hochgatterer vor allem in der Darstellung der pathologischen Geisteszustände, aber auch bei der Übernahme spezifisch medizinischer Aufschreibsysteme. Die Themen und Verfahrensweisen stehen dabei in einem unauflöslichen Zusammenhang. Der oft verschachtelte, von cineastischer Ästhetik geprägte erzählerische Stil der Romane verweist auf die Notwendigkeit eines neuen, an der Medizin und dem Kino geschulten literarischen Tons. Der Wahnsinn erscheint hier zuweilen wieder in seiner alten Rolle als ←26 | 27→subversiver sprachlicher Code, der geheimes Wissen in sich birgt. Allerdings zeigt sich im Falle der verstummten Katharina aus Die Süße des Lebens, dass er lediglich ein unvollkommenes Surrogat für die von Rationalität geprägte verbale Sprache darstellt, da die Kommunikation mit dem Mädchen erst gelingt, als sie wieder anfängt zu sprechen. Auch bei Hochgatterer hat der Wahnsinn seine Offenbarungsfunktion verloren, jedoch nicht seine Faszination eingebüßt.

Der letzte Autor, mit dem sich dieses Dissertationsprojekt befasst, ist Thomas Melle. Melle erzählt in Die Welt im Rücken von seinem Leben, das in weiten Teilen von seiner bipolaren Störung bestimmt wird, die er nach eigenen Angaben aufrichtig und ohne ästhetische Stilisierung darstellen möchte. Dieser Anspruch einer nüchternen, authentischen Darstellung wird allerdings durch die Verwendung von cineastischen Montagen, Sprachexperimenten, die Überschreitung von Gattungsgrenzen und die Vermischung von Identitäten letztlich relativiert. Aus diesem Grund handelt es sich bei dem Text auch nicht um eine Autobiographie. Der Protagonist ist daher nicht mit dem Autor gleichzusetzen. Strukturell orientiert sich Melle deutlich an Rainald Goetz und dem ihm eigenen Spiel mit Fiktionalität und Faktualität. Das psychiatrische Wissen, das in Die Welt im Rücken verwendet wird, stammt zu großen Teilen aus dem Werk der amerikanischen Psychologin Kay Redfield Jamison. Dies betrifft die Reflexionen bezüglich der wesentlichen Merkmale der bipolaren Störung, aber auch des Verhältnisses zwischen Krankheit und Kreativität. Der Wahnsinn erscheint in Die Welt im Rücken als Ursache des chaotischen Lebenslaufs des Protagonisten. Er ist eine Art sprachlicher Virus, der immer weitere Regionen des Bewusstseins des Betroffenen infiltriert und das Denken trübt. Dennoch betont der Protagonist, dass die Denkprozesse von Manikern und kreativen Menschen einander ähneln und überhaupt viele bedeutende Künstler bipolar gewesen seien. Auch im Falle von Thomas Melle liegt also eine ambivalente Beurteilung des Wahnsinns vor. Er behält letztlich einen Teil seines mystischen Zaubers.

Psychopathologische Themen haben nicht nur Autoren wie Rainald Goetz, Thomas Hettche, Paulus Hochgatterer oder Thomas Melle, sondern auch die deutsche Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten immer wieder beschäftigt. Speziell seit dem Erscheinen von Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft (1961) und Gilles Deleuzes und Félix Guattaris ←27 | 28→Anti-Ödipus (1972), einer Studie über den Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus und Schizophrenie, wuchs die wissenschaftliche Literatur zum Thema Geisteskrankheit stark an. Dieser Anstieg wurde durch die öffentliche Debatte um die kontroversen Thesen der Antipsychiatrie-Bewegung in Deutschland noch weiter befördert. Dabei rückten neue praktische Fragestellungen wie die nach dem richtigen Umgang mit psychisch Kranken in den Vordergrund. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich die Literaturwissenschaft hingegen noch für andere Aspekte des Themenfeldes interessiert. Einerseits beschäftigte die Frage nach dem richtigen Verhältnis zwischen den literarischen Wahnsinnsdarstellungen und der (psychiatrischen) Wissenschaft die Literaturwissenschaft. Man fragte sich, ob die Dichtung psychische Störungen nach dem damaligen Stand der Psychiatrie bzw. der Psychoanalyse „korrekt“ darstellte bzw. an welchen Stellen sie von ihm abwich.48 Daneben wurde auch danach gefragt, welche klinischen Krankheitsbilder in bestimmten literarischen Werken zu erkennen seien. Andere Forscher verfolgten zu jener Zeit einen strengeren literaturwissenschaftlichen Ansatz und fragten nach den Funktionen des Wahnsinns, die dieser in den jeweiligen literarischen Werken einnehme.49 Dies alles änderte sich in den 1970er und 1980er Jahren. In dieser Zeit neigte man dazu, den Wahnsinn politisch zu interpretieren. Die Forschung selbst zeigte sich von den damals populären psychiatriekritischen Ansätzen stark beeinflusst. Wie viele Dichter der 1970er Jahre ergriffen auch einige Literaturwissenschaftler Partei für die so genannten Irren und plädierten für eine humanere ←28 | 29→Behandlung in den Anstalten. Viele forderten auch eine neue Bewertung des Wahnsinns als Symptom einer kranken Gesellschaft.50 Aus diesem Grund wurde die Psychiatrie als Wissenschaft und Institution häufig kritisiert. Im Wahnsinn erkannte man hingegen kreatives und revolutionäres Potential, das sich gegen den Kapitalismus wenden könne. Die Thesen Foucaults und der Antipsychiatrie wurden oft in vereinfachter Form übernommen, ohne diese im ausreichenden Maße zu reflektieren.51 Ein Beispiel für diesen Ansatz stellt der von Winfried Kudszus herausgegebene Band Literatur und Schizophrenie dar. Hier wird in einem Aufsatz von Peter Gorsen die Kunst von Wahnsinnigen als politische Handlung gegen die kapitalistisch-industrielle Leistungsgesellschaft bewertet. Der Kapitalismus wiederum erscheint als eine zentrale Ursache für den Ausbruch von Geisteskrankheiten.52 Abgesehen von diesen tendenziösen Untersuchungen zum Wahnsinn gab es natürlich auch literaturwissenschaftliche Untersuchungen, in denen eine wissenschaftlich-neutralere Sicht auf das Thema Geisteskrankheit in der Literatur vertreten wurde. Dazu zählen die wichtigen Studien von Thomas Anz und Georg Reuchlein. Anz’ Schrift Gesund oder krank aus dem Jahre 1989 ist eine knapp 200 Jahre umfassende historische Studie literarischer und literaturkritischer Diskurse über Gesundheit und Krankheit, in der die Bedingungen und Regeln, denen die Diskurse der Zeit folgten, rekonstruiert werden. Dabei liegt der Fokus jedoch auf der deutschsprachigen Literatur der 1970er und 1980er Jahre. Entscheidend dabei sind die Normen und Werte, die im Verlauf der Geschichte den Gebrauch der Begriffe „krank“ ←29 | 30→und „gesund“ bestimmten.53 Dieser umsichtige Blick auf die historisch variablen Vorstellungen und Bewertungen des Wahnsinns findet sich auch in Georg Reuchleins Werk Bürgerliche Gesellschaft, Psychiatrie und Literatur (1986), wobei hier die Entwicklung des Wahnsinnsbegriffs vom späten 18. bis zum frühen 19. Jahrhundert in den Blick genommen wird.

In der Forschungsliteratur der 2000 bzw. 2010er Jahre lässt sich eine ungebrochene Popularität des Pathologischen verzeichnen. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich. Schließlich erscheinen noch immer zahlreiche Romane, die in psychiatrischen Anstalten spielen, und / oder die Geisteskrankheit auf eine andere Art thematisieren. Als Beispiele seien neben Hochgatterers und Melles Romanen auch Marion Poschmanns Die Sonnenposition (2013) und Martin Walsers Muttersohn (2011) genannt. Es ist dabei bemerkenswert, dass in der Literaturwissenschaft 50 Jahre nach der Veröffentlichung von Wahnsinn und Gesellschaft Foucaults Thesen zum Wahnsinn noch immer diskutiert werden. Anders als früher werden sie jedoch insgesamt unvoreingenommener rezipiert.54 Auch wenn einzelne Aspekte der Deutung des Wahnsinns abgelehnt werden, versuchen viele Forscher (diskursanalytische) Interpretationsmodelle von den Schriften Foucaults oder anderen Denkern aus dem Umfeld des französischen Strukturalismus abzuleiten, um diese für die Analyse neuerer literarischer Texte zu nutzen.55 In vielen literaturwissenschaftlichen Untersuchungen ist ferner das Bemühen erkennbar, bei der Analyse der Wahnsinnsdarstellungen ihre Geschichtlichkeit in den Blick zu nehmen und Bezüge zu damals aktuellen Krankheitsdeutungen und philosophischen Theorien zum Wahnsinn herzustellen und direkt nachzuweisen. Bei diesen intertextuellen Fragestellungen ←30 | 31→rücken die Wechselwirkungen zwischen psychiatrisch-philosophischem Wissen und Literatur in den Vordergrund.56 Die ‚klassischen’ motivgeschichtlichen Untersuchungen zu psychischen Störungen in der Literatur werden außerdem zunehmend durch kulturgeschichtliche Studien ersetzt, die die Wechselwirkungen zwischen Literatur und Medizin / Psychiatrie in den Blick nehmen.57 Dabei geht es beispielsweise um den Nachweis rhetorischer Muster oder ästhetischer Kategorien in der Medizin wie auch um die Übernahme medizinischer Aufzeichnungstechniken in literarische Werke.

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2 Bayer, Konrad: Sämtliche Werke, hg. von Rühm, Gerhard, Bd. 1, Stuttgart 1985, S. 344.

Details

Seiten
322
ISBN (PDF)
9783631829202
ISBN (ePUB)
9783631829219
ISBN (MOBI)
9783631829226
ISBN (Hardcover)
9783631827086
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
Psychiatrisches Wissen Diskurse Inspiration
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 322 S., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Rasmus Rehn (Autor:in)

Rasmus Rehn studierte Germanistik und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Nach dem Studium absolvierte er das Referendariat für das Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte und arbeitet heute als Lehrer.

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Titel: Eine Geschichte des Verhältnisses von Literatur und Wahnsinn