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Stockholmer literarische Entscheidungen

Zu den Ausleseprozessen bei der Vergabe des Nobelpreises für Literatur am Beispiel deutschsprachiger Kandidaten - von Theodor Mommsen bis Hermann Hesse

von Janina Gesche (Autor:in)
Monographie 392 Seiten

Zusammenfassung

Alfred Nobels Testament wohnt eine Dynamik inne, die alljährlich für internationale Kontroversen sorgt. Die Schwedische Akademie, die diese Auszeichnung verleiht, versucht seit Beginn ihrer Tätigkeit, die von Nobel festgelegten Richtlinien vor dem Hintergrund gegenwärtiger literarischer Strömungen bzw. Tendenzen auszulegen. Die vorliegende Untersuchung setzt sich mit dem Literaturnobelpreis und seinen deutschsprachigen Preisträgern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinander. Anhand von Archivmaterial (Nominierungen, Gutachten, offiziellen Schreiben und privaten Briefen) wird gezeigt, auf welch vielfältige Weise das Auswahlverfahren funktioniert. Die dabei gewonnenen Einblicke in die Abläufe machen die hinter den jeweiligen Entscheidungen stehenden auch auβerliterarischen Zusammenhänge deutlich.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • TEIL A
  • I. Einleitung
  • 1. Einführung in das Thema
  • 2. Zum Stand der Forschung
  • 3. Fragestellungen, Vorgehensweise und Quellenlage
  • 4. Aufbau und Gliederung
  • 5. Zur Zitierweise
  • 6. Besondere Hinweise für den Leser
  • II. Zum Nobelpreis für Literatur
  • 1. Der Industrielle Alfred Nobel (1833–1896)
  • 2. Das Vermächtnis Nobels
  • 2.1. Sein Testament im Wortlaut
  • 2.2. Die Auslegung seiner Anforderungen
  • 3. Die Schwedische Akademie und ihre Institutionen
  • 3.1. Die Nobelstiftung
  • 3.2. Die Nobelbibliothek
  • 4. Besonderheiten des Literaturpreises
  • 4.1. Das Auswahlverfahren und die „Nobelwoche“
  • 4.2. Die wesentlichen Kriterien bei der Wahl des Preisträgers
  • 4.3. Bewertungsmaßstäbe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus historischer Sicht
  • 4.4. Inhaltliche Schwerpunkte bei den Preisbegründungen des Nobelpreiskomitees
  • III. Zu den kulturhistorischen Rahmenbedingungen der schwedisch-deutschen Beziehungen
  • 1. Geschichtlicher Hintergrund
  • 2. Deutsch als Fremdsprache an schwedischen Schulen
  • 3. Zur Stellung der deutschsprachigen Literatur im Schweden des 20. Jahrhunderts
  • TEIL B
  • I. Die Akademie unter Wirséns Leitung (1900–1912)
  • 1. Einleitende Bemerkungen
  • 2. Der Nobelpreis für das Jahr 1902 – Theodor Mommsen (1817–1903)
  • 2.1. Die Nominierung
  • 2.2. Das Gutachten von Karl Hildebrand
  • 2.3. Das Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie173
  • 2.4. Theodor Mommsens Werke in Schweden
  • 2.5. Angaben zu Theodor Mommsens Nobelpreis
  • 3. Der Nobelpreis für das Jahr 1908 – Rudolf Eucken (1846–1926)
  • 3.1. Die Nominierung
  • 3.2. Das Gutachten von Carl Yngwe Sahlin
  • 3.3. Das Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie
  • 3.4. Rudolf Euckens Werke in Schweden
  • 3.5. Angaben zu Rudolf Euckens Nobelpreis
  • 4. Der Nobelpreis für das Jahr 1910 – Paul Heyse (1830–1914)
  • 4.1. Die Nominierung
  • 4.2. Das Gutachten von Karl Warburg
  • 4.3. Das Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie
  • 4.4. Paul Heyses Werke in Schweden
  • 4.5. Angaben zu Paul Heyses Nobelpreis
  • 5. Abschließende Worte
  • II. Der Nobelpreis für das Jahr 1912 – Gerhart Hauptmann (1862–1946)
  • 1. Die Nominierungen
  • 2. Die Gutachten von Karl Warburg
  • 3. Die Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie
  • 4. Gerhart Hauptmanns Werke in Schweden
  • 5. Angaben zu Gerhart Hauptmanns Nobelpreis
  • III. Der Nobelpreis für das Jahr 1919 – Carl Spitteler (1845–1924)
  • 1. Die Nominierungen
  • 2. Das Gutachten von Karl Warburg für das Jahr 1912
  • 3. Die ersten Gutachten von Per Hallström
  • 4. Weitere Gutachten von Per Hallström
  • 5. Die Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie für die Jahre 1912–1918
  • 6. Romain Rollands Einsatz für einen Nobelpreis für Carl Spitteler
  • 7. Die Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie für die Jahre 1919 und 1920
  • 8. Carl Spittelers Werke in Schweden
  • 9. Angaben zu Carl Spittelers Nobelpreis
  • IV. Der Nobelpreis für das Jahr 1929 – Thomas Mann (1875–1955)
  • 1. Die Nominierungen
  • 2. Exkurs
  • 3. Die Gutachten von Per Hallström
  • 4. Die Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie
  • 5. Eine weitere Nominierung 1948
  • 6. Ein Nachspiel
  • 7. Thomas Manns Werke in Schweden
  • 8. Angaben zu Thomas Manns Nobelpreis
  • V. Der Nobelpreis für das Jahr 1946 – Hermann Hesse (1877–1962)
  • 1. Die Nominierungen
  • 2. Thomas Manns Einsatz für einen Nobelpreis an Hermann Hesse und sein Briefwechsel mit Fredrik Böök
  • 3. Die Gutachten von Per Hallström
  • 4. Die Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie
  • 5. Hermann Hesses Werke in Schweden
  • 6. Angaben zu Hermann Hesses Nobelpreis
  • VI. Schlussbetrachtung
  • VII. Ausblick
  • TEIL C
  • I. Quellenverzeichnis
  • 1. Primärquellen
  • 2. Sekundärquellen
  • II. Anhang 1 – Zusätzliche Informationen zum Literaturnobelpreis
  • III. Anhang 2 – Deutschsprachige Schriftsteller auf den vorläufigen Kandidatenlisten (Anwärterlisten) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • IV. Personenregister
  • Reihenübersicht

I. Einleitung

1. Einführung in das Thema

Die Bedeutung des Nobelpreises – oder besser der Nobelpreise – für das Land Schweden und die Welt kann kaum überschätzt werden. Das öffentliche Interesse ist riesig. Die Rituale von der Bekanntgabe der Preisträger bis zu den Festlichkeiten der Verleihung sind Fixpunkte in den Kalendern der Medien. Auch heftige Kritik an der Wahl einiger Preisträger – vor allem und in besonderem Maße der Preise für Frieden und Literatur – hat daran nichts ändern können. Wie gut und genau hat man die Verfügungen des Stifters Alfred Nobel – speziell im Hinblick auf den Literaturnobelpreis – umsetzen können?

Anfang Oktober eines jeden Jahres äußern Literaturkritiker in Erwartung der Nominierungen ihre Vermutungen und Spekulationen zur Wahl des Literaturpreisträgers. Es werden Namen und Werke gehandelt, wer als Nächster an der Reihe wäre. Frühere Entscheidungen der Schwedischen Akademie werden kritisch aufgearbeitet. Wenn dann der Laureat öffentlich bekannt gegeben wird, beginnen sofort die Diskussionen über den Wahlvorgang und die Begründung der Entscheidung. Keinem anderen Literaturpreis wird so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Literaturnobelpreis, und kein anderer Preis ruft vergleichbare Diskussionen auf nationaler und internationale Ebene hervor.

Alfred Nobel war ein Visionär. Als er 1895 sein Testament aufsetzte, fanden Idee und Konzept eines Preises für herausragende schriftstellerische Leistungen zunächst keinen Zuspruch und riefen unterschiedliche Reaktionen hervor. Die Familie focht das Testament an, und König Oscar II. empfand Nobels letzten Willen als unpatriotisch, nicht „vaterländisch“. Die Schwedische Akademie verhielt sich zunächst reserviert, da sie den an sie gerichteten Auftrag als nicht im Einklang mit ihren eigentlichen Aufgaben ansah.

Nachdem sich der Schock und die erste Aufregung gelegt hatten, konnte die Vollstreckung des Testaments in Angriff genommen werden. 1900 wurde die Nobelstiftung gegründet, und schon 1901 fand die erste Preisverleihung statt. Alfred Nobel hatte Preise auf fünf Gebieten vorgesehen: Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und Friedensbemühungen. Die ersten vier sollten in Stockholm verliehen werden, der Friedenspreis in Oslo. Schon bald galt – und gilt heute unverändert – der Nobelpreis weltweit als die höchste Auszeichnung und Ehrung in allen genannten Bereichen.

Gegenstand dieser Untersuchung ist die Rekonstruktion der Prozesse und Wege bis hin zur Nominierung der deutschsprachigen Literaturnobelpreisträger in der ←13 | 14→ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Den Anfang bildet Theodor Mommsen, der den Preis im Jahre 1902 erhielt; der letzte, der in die untersuchte Periode fällt, ist Hermann Hesse, dem diese Ehre 1946 zuteilwurde. Die Beschränkung auf genau diesen Zeitabschnitt wurde primär aufgrund zeit- und fachgeschichtlicher Determinanten gewählt. Im Rückblick stellen die ersten fünfzig Jahre, die sich bei einer Begrenzung auf deutschsprachige Literaturpreisträger auf vierundvierzig Jahre reduzieren, eine Spanne dar, in der die Schwedische Akademie ihre mit dem Nobelpreis verbundene Arbeit erst von Grund auf organisieren und ein umfangreiches, festes Prozedere vom Auswahlverfahren bis zu den Feierlichkeiten der Verleihung ausarbeiten musste. Gleichzeitig zwangen die sich in diesem Zeitraum entwickelnden literarische Strömungen sowie enorme gesellschaftliche Veränderungen die Akademie dazu, die Interpretation des Begriffs „Literatur“ konstant zu modifizieren und anzupassen. Nicht ohne Bedeutung verbleiben dabei auch Faktoren, die eher der privaten als der institutionalisierten Sphäre der Akademiemitglieder zugeschrieben werden können. Von Bedeutung ist zuletzt ein deutlicher Orientierungswandel in der schwedischen Politik, der einer Abkehr vom deutschen Kulturraum gleichkommt und der ebenfalls in diesen Zeitraum fällt.

2. Zum Stand der Forschung

Die Literatur zum Thema Literaturnobelpreis ist umfangreich. Es werden an dieser Stelle nur einige wichtige Werke exemplarisch aufgeführt. Neben rein lexikonartigen Darstellungen der Biographien und Werke verschiedener Preisträger – z. B. Brockhaus, Nobelpreise: Chronik herausragender Leistungen (2001) oder Harenberg-Lexikon der Nobelpreisträger: alle Preisträger seit 1901; ihre Leistungen, ihr Leben, ihre Wirkung (1998) – sowie Textsammlungen wie den in Schweden erschienenen Nobeller: Noveller av nobelpristagare (2007), gibt es zahlreiche Abhandlungen, die sich auf einen oder mehrere Literaturnobelpreisträger beziehen wie eine Dissertation von Andreas Orczykowski (2004) mit dem Titel Die polnischen Literaturnobelpreisträger oder die sowohl in polnischer als auch in deutscher Sprache erschienenen, von Krzysztof Ruchniewicz und Marek Zybura herausgegebenen Bände Niemieckojęzyczni laureaci Literackiej Nagrody Nobla (2006 bzw. als zweite, geänderte und ergänzte Ausgabe 2019) und – ebenfalls unter Herausgabe durch Ruchniewicz und Zybura, Die höchste Ehrung, die einem Schriftsteller zuteil werden kann. Deutschsprachige Nobelpreisträger für Literatur (2007).1 In diesen Arbeiten stehen Lebensgeschichten und literarisches ←14 | 15→Schaffen der einzelnen Preisträger im Vordergrund, wobei Orczykowski auch die Wege zum Nobelpreis der einzelnen Laureaten aufzeichnet. Auch Lothar Schröders und Enno Stahls Die deutschsprachigen Nobelpreisträger: Von Theodor Mommsen bis Herta Müller (2017) weist ein ähnliches Schema auf.

Im Fokus von Tadeusz Orackis Blaski i cienie sztokholmskich laurów. Wokół literackich Nagród Nobla 1901–2000 (2003) stehen ausgewählte Literaturnobelpreisträger der Jahre 1901 bis 2000. Es werden u. a. die beiden deutschsprachigen Preisträger Gerhart Hauptmann und Thomas Mann behandelt, vorwiegend im Hinblick auf ihre politische Einstellung sowie die polnische Rezeption ihrer Werke. Eberhard Fromm dagegen legt in seinem Beitrag Meister der deutschen Sprache. Die deutschsprachigen Literaturnobelpreisträger von Mommsen bis Grass. (Studien zur Anatomie des deutschen Intellektuellen) (2004) den Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert, „so, wie es von diesen Persönlichkeiten gesehen und beschrieben wurde, wie sie es verstanden und wie sie dementsprechend handelten.“2 Ihre Beziehungen zu Berlin scheinen in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle zu spielen.

Zu erwähnen wäre auch eine Dissertation von Isaac Bazié aus dem Jahr 1999, Literaturnobelpreis – Pressekritik – Kanonbildung. Die kritischen Reaktionen der deutschsprachigen, französischen und englischen Presse auf den Nobelpreis von 1984 bis 1994. Von einem literatursoziologischen Ansatz ausgehend setzt sich der Autor mit dem durch die Schwedische Akademie geprägten Verständnis von Weltliteratur auseinander. Zu diesem Zweck untersucht er die deutschen, französischen und englischen Pressebeiträge zum Literaturnobelpreis auf ihre meinungsbildende Funktion. In dem von Bazié gewählten Zeitabschnitt erhielt jedoch kein deutschsprachiger Schriftsteller den Preis.

Aber auch zu den wissenschaftlichen Nobelpreisen gibt es einige Literatur. Piotr Greiner richtet sein Augenmerk auf die aus Oberschlesien stammenden Nobelpreisträger. In Nobliści z Górnego Śląska (1999) zeichnet er die Lebensgeschichten und die wissenschaftlichen Werdegänge von Otto Stern, Kurt Adler, Maria Göppert-Mayer und Konrad Bloch auf. Max Haller und Birgit und Margot Wohinz kommen in Karrieren und Kontexte. Österreichs Nobelpreisträger und Wissenschaftler im historischen und internationalen Vergleich (2002) zu dem Schluss, die wissenschaftlichen Nobelpreise stellten „einen gültigen Indikator für die wissenschaftliche Leistung ihrer Träger“, aber auch für die „ihrer Institutionen und der Länder, in denen sie wirken“3 dar.←15 | 16→

Für gewöhnlich ist die Zuerkennung des Nobelpreises vonseiten des Gekürten mit großer Freude und Dankbarkeitsäußerungen gegenüber der Schwedischen Akademie bzw. der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften verbunden. In der fast 120-jährigen Geschichte des Nobelpreises gab es jedoch Fälle, in denen der Preis entweder freiwillig oder erzwungenermaßen abgelehnt wurde. Diese Thematik bearbeitet Alfred Neubauer in Bittere Nobelpreise (2005). Schwerpunktmäßig widmet er sich dem Chemie-Nobelpreis, berücksichtigt jedoch auch Literatur- und Friedensnobelpreise.

Auf ein Werk zum Friedensnobelpreis sei ebenfalls hingewiesen: Frithjof Trapp, Knut Bergmann und Bettina Herres Titel Carl von Ossietzky und das politische Exil. Die Arbeit des „Freundeskreises Carl von Ossietzky“ in den Jahren 1933–1936 (1988). Es dokumentiert die Bemühungen des Freundeskreises um einen Nobelpreis für Ossietzky und somit das Wirken und die Einflussnahme hinter den Kulissen agierender Kräfte.

Schließlich gäbe es noch eine Reihe von Werken anzuführen, die sich an eine breitere Leserschaft wenden. Es handelt sich dabei um eher populärwissenschaftliche Darstellungen der Verfahren und der Hintergründe der Preisvergabe. Stellvertretend genannt seien die Titel Nobelpreis. Der Mythos. Die Fakten. Die Hintergründe (2001) von Hubert Filser und Nobelpreis. Brisante Affairen, umstrittene Entscheidungen (2005) von Heinrich Zankl. Sie enthalten nicht nur umfangreiches Informationsmaterial zum Leben und Wirken Alfred Nobels, den Preisen und Preisträgern aller fünf Gebiete, sondern behandeln auch die oft umstrittenen Entscheidungen der zuständigen Institutionen.4

3. Fragestellungen, Vorgehensweise und Quellenlage

Alfred Nobel war Chemiker, Industrieller und Erfinder, brachte aber gleichzeitig der schöngeistigen Literatur ein großes Interesse entgegen und verfasste selbst literarische Texte. Mit der Stiftung des Preises verstand sich Nobel als Mäzen. Da er selbst ein Kosmopolit war, in verschiedenen Ländern gelebt und gewirkt hatte, mehrere Sprachen beherrschte und stets den Nutzen für die Allgemeinheit vor ←16 | 17→Augen hatte, sah er seine Preise in einem internationalen Kontext. Dies spiegelt sich in den Formulierungen seines Testamentes wider und ist begründet in der übernationalen Bedeutung einer jeden großen Erfindung oder eines jeden ausgezeichneten literarischen Werkes, der er ein maßgebliches Gewicht beimisst.

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, inwieweit es überhaupt möglich ist, einer literarischen Leistung einen vergleichbaren Status wie einer beispielsweise medizinischen zuzuschreiben. Literarische Werke unterliegen in der Regel einem Alterungsprozess, und damit muss dem Faktor Zeit ein wesentlich anderes Gewicht verliehen werden als im Falle naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein literarisches Werk, welches in einer bestimmten Zeit eine wichtige Rolle für eine Nation oder für einen Kulturkreis spielt, kann bereits nach einigen Jahren in Vergessenheit geraten. Eine wissenschaftliche Leistung von Bedeutung bewahrt ihren Wert oft länger oder bildet die Grundlage für weitere Ergebnisse. Wir kennen zweifellos literarische Werke, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte und über Grenzen hinweggelesen werden, ohne an Reiz eingebüßt zu haben. Es ist anzunehmen, dass Nobel beim Verfassen seines Testaments genau an diese Art von Literatur dachte und sie mit seinem Vermächtnis identifizieren, sichtbar machen und fördern wollte. Nach Horace Engdahl, dem Ständigen Sekretär der Akademie in der Periode 19992009, war Nobels Literaturverständnis von Goethe und der Ästhetik F. Th. Vischers geprägt, die sich wiederum an Goethe orientierte.5

Die vorliegende Abhandlung versteht sich als eine literaturhistorische Studie und ein Beitrag zur Geschichte des Literaturnobelpreises für deutschsprachige Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei wird folgenden Fragen nachgegangen: Welchen Veränderungen unterlag das Verfahren der Schwedischen Akademie bei der Wahl des Preisträgers in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Welche Vorgehensweisen hat die Schwedische Akademie ausgearbeitet? Wie verlief der Auswahlprozess? Wie oft wurden die Kandidaten nominiert, bis sie den Preis bekamen? Wie wurde das Adjektiv „idealisch“ und wie das Kriterium des „größten Nutzens für die Menschheit“ interpretiert?6 Von wem wurden Vorschläge eingereicht und wie wurden sie formuliert? Welche Einstellung hatten die Gutachter und das Nobelkomitee den Kandidaten gegenüber? Welche außerliterarischen Faktoren beeinflussten die Entscheidungen der Akademie? Lassen sich die Formulierungen der Preisbegründungen inhaltlich den jeweiligen Bewertungskriterien zuordnen? Und schließlich: Wann lagen ←17 | 18→die Übersetzungen vor? Welche der Werke der Kandidaten gab es bereits in schwedischer Übersetzung, welche wurden erst zu einem späteren Zeitpunkt übersetzt? Dies sind die Eckpfeiler meiner Untersuchung. Dabei bilden die historischen Rahmenbedingungen, die Intentionen Nobels und der jeweilige Stand der schwedisch-deutschen kulturellen und literarischen Beziehungen eine wesentliche Grundlage zum Verständnis einiger Entscheidungen der Schwedischen Akademie.

Neben einer deskriptiven Darstellung der Auswahlprozesse gilt mein Augenmerk den außerliterarischen Faktoren, die zum Ergebnis der Wahlen geführt haben können. Außerdem werden die zusammengestellten Listen der Originalausgaben und der schwedischen Übersetzungen der Werke der einzelnen Preisträger, die sich in der Nobelbibliothek befinden, ins Blickfeld genommen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die vorliegende Arbeit von den oben genannten Darstellungen der Biographien und Werke ausgezeichneter Preisträger. Mein Ziel ist eine systematische Erfassung und Aufzeichnung des Weges der sieben deutschsprachigen Laureaten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Nobelpreis sowie eine Analyse der Faktoren, die zu ihrer Ernennung beigetragen haben.

Als Primärliteratur dienten mir dabei an Dokumenten: die Nominierungen (schw. Förslagsskrivelser), die Gutachten der Sachverständigen (schw. Utlåtanden) und die Gutachten des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie (schw. Svenska Akademiens Nobelkommittés utlåtanden). Die zum Teil handschriftlich abgefassten Abschriften der Nominierungen und Bewertungen der Sachverständigen befinden sich im Archiv der Akademie und wurden mir freundlicherweise im Lesesaal der Nobelbibliothek zur Verfügung gestellt. Ein Einsichtsrecht in die Gutachten des Nobelkomitees wurde mir dagegen nicht erteilt. Daher greife ich auf die Gutachten zurück, die von Bo Svensén7 in Nobelpriset i litteratur. Nomineringar och utlåtanden 1901–1950. Del I. 19011920 und Del II. 19211950 abgedruckt werden. Svensén ist eine der wenigen Personen, die die Möglichkeit hatten und befugt waren, die Originaldokumente einzusehen. Aus diesem Grund bildet seine Veröffentlichung einen Ausgangspunkt der vorliegenden Darlegung. Eine weitere wichtige Informationsquelle, um einen vollständigen Einblick in das Wahlverfahren zu erhalten, wären die Protokolle der wöchentlichen Sitzungen der Akademie. Sie werden nach jeder Sitzung vom Sekretär von Hand geschrieben, sind sehr kurz gefasst und enthalten ausschließlich die ←18 | 19→getroffenen Entscheidungen, ohne Widergabe der zum Beschluss führenden Diskussionen. Protokolle, wie auch andere die Akademie betreffende Dokumente, unterliegen jedoch der absoluten Geheimhaltungspflicht.8 Einen Blick hinter die Kulissen des Literaturnobelpreises ermöglicht die Arbeit von Henrik Schück (1999): Anteckningar till Svenska Akademiens Historia 1883–1912, in der die Briefwechsel zwischen einzelnen Akademiemitgliedern in Bezug auf den Nobelpreis analysiert und kommentiert werden. Schück zeigt die Einstellung der Achtzehn den jeweiligen Kandidaten gegenüber auf und beleuchtet ebenso die Polarisierung und Lagerbildung innerhalb der Akademie, bevor die endgültige Entscheidung getroffen wird. Seine Aufzeichnungen betreffen die Zeit 19011911. Für die Jahre 19121946 gibt es keine vergleichbare Quelle.

Besonders die Monographien Kjell Espmarks9 Det litterära Nobelpriset. Principer och värderingar bakom beslutet (1986, dt. Der Nobelpreis für Literatur. Prinzipien und Bewertungen hinter den Entscheidungen. 1988) sowie ihre neuere Version aus dem Jahr 2001 Litteraturpriset. Hundra år med Nobels uppdrag enthalten Informationen über das Auswahlverfahren. Espmark, der seine Bücher im Auftrag der Schwedischen Akademie verfasst hat, erklärt in der Einführung der ersten Ausgabe, er arbeite unter keiner „Anweisung“ und betrachte seinen „Auftrag nicht als den eines Verteidigers, sondern als den eines Literaturwissenschaftlers“.10

Von besonderem Interesse für diese Untersuchung sind zwei Beiträge des Ständigen Sekretärs der Schwedischen Akademie in den Jahren 19411964, Anders Österling: Der Preis für Literatur und Die Preisträger des Nobelpreises für Literatur in dem Band Alfred Nobel. Der Mann und seine Preise (dt. o. J., schw. 1950). Einige der für mein Vorhaben relevanten Informationen erhielt ich von Prof. Anders Olsson, dem Mitglied und Ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie in der Periode vom 01.06.2018 bis zum 31.05.2019.11

Anknüpfungspunkte liefert auch die Dissertation von Ingrid Wikén Bonde (1997): Was hat uns dieser Gast wohl zu erzählen? Oder Die Jagd nach dem Nobelpreis. Zur Rezeption niederländischer Literatur in Schweden und die Studie von Tat’jana Marčenko (2007) Russische Schriftsteller und der Nobelpreis (1901–1955). Russkije pisateli i Nobelevskaja premija (1991–1955). Obgleich Bonde in erster Linie Fragen der Rezeption verfolgt, überprüft sie auch gleichzeitig das ←19 | 20→Vorkommen der aktuellen niederländischen und flämischen Schriftsteller auf den Anwärterlisten für den Nobelpreis und nimmt u. a. die Gutachten zum Werk der Kandidaten unter die Lupe. Auch Marčenkos Monographie hat die Nobelpreiskandidaten eines einzelnen Sprachgebiets zum Untersuchungsgegenstand. Die Autorin wählt jedoch einen anderen Ansatz. Sie erforscht die Geschichte der Nobelpreise, soweit sie für russische Literatur vergeben wurden, vor dem Hintergrund der interkulturellen Beziehungen zwischen Russland und Schweden bzw. Russland und Europa während der von ihr gewählten Zeitspanne.

4. Aufbau und Gliederung

Die vorliegende Arbeit besteht aus drei Teilen. Teil A ist als Einführung gedacht. Das erste Kapitel liefert einen Überblick über den Stand der Forschung, präsentiert das Korpus der Primärliteratur sowie die Auswahlkriterien, die hierfür zugrunde gelegt wurden, formuliert die genauen Fragestellungen und erläutert Vorgehensweise und Quellenlage. Des Weiteren befinden sich hier Erklärungen zur Zitierweise und weitere für den Leser relevante Informationen.

Ein kurzer Abriss über die historischen Rahmenbedingungen in Kapitel zwei soll die notwendige Voraussetzung für ein besseres Verständnis des behandelnden Themas schaffen. Es wird eingeleitet mit Angaben zum Literaturnobelpreis und seinem Stifter. Zunächst werden eine kurze Biographie und die Auslegung des Testaments von Alfred Nobel dargestellt. Es folgen dann Abschnitte, die die Schwedische Akademie und ihre Strukturen, Mitglieder und die Nobelbibliothek, sowie wichtige Einzelheiten über den Nobelpreis für Literatur, (wie Auswahlprozess, Beurteilungskriterien, Leitgedanken bei der Bewertung der Vorschläge) darlegen. Das dritte Kapitel soll den geschichtlichen Hintergrund der schwedisch-deutschen Beziehungen zu der betreffenden Zeit veranschaulichen sowie die Stellung des Fachs Deutsch an schwedischen Schulen und die Stellung der deutschsprachigen Literatur in Schweden allgemein beleuchten.

Teil B bildet den eigentlichen Hauptteil der Abhandlung. Ich gehe jeweils chronologisch vor. Im ersten Kapitel werden die Preise des ersten Dezenniums behandelt: Theodor Mommsens (1902), Rudolf Euckens (1908) und Paul Heyses (1910). Da diese drei Entscheidungen der Akademie in die Amtszeit des ersten Ständigen Sekretärs Carl David af Wirsén fallen, werden sie zusammen in einem Kapitel dargelegt. Den Preisen der deutschsprachigen Schriftsteller: Gerhart Hauptmann (1912), Carl Spitteler (1919), Thomas Mann (1929) und Hermann Hesse (1946) sind Kapitel zwei bis fünf gewidmet. Der Schwerpunkt der Untersuchung in diesem Teil liegt auf der Rekonstruktion des Auswahlprozesses und dessen Begleiterscheinungen. Die Ergebnisse werden in einer ←20 | 21→Schlussbetrachtung in Kapitel sechs zusammengefasst und ausgewertet. Die Arbeit wird mit einem Ausblick in Kapitel sieben abgerundet, in dem auf die Frage nach der Zukunft des Literaturnobelpreises eingegangen wird.

Teil C schließlich enthält das Verzeichnis von Primär- und Sekundärliteratur und einige zusätzliche Informationen zu den Literaturnobelpreisen, die an deutschsprachige Preisträger gingen (Anhang 1), sowie eine Auflistung der deutschsprachigen Schriftsteller auf den vorläufigen Anwärterlisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Anhang 2).

5. Zur Zitierweise

In den Fällen, in denen es eine offizielle deutsche Übersetzung gibt, wie z. B. im Falle von Kjell Espmarks Det litterära Nobelpriset. Principer och värderingar bakom beslutet; dt. Der Nobelpreis für Literatur. Prinzipien und Bewertungen hinter den Entscheidungen (Übers. Ruprecht Wolz und Fritz Paul) oder Sture Alléns und Kjell Espmarks Nobelpriset i litteratur. En introduktion; dt. Sture Allén, Kjell Espmark Der Nobelpreis für Literatur. Eine Einführung (Übers. Frank-Michael Kirsch), stütze ich mich beim Zitieren auf diese Vorlagen. In der Bibliographie werden jeweils beide Titel angegeben.

Wenn nicht anders vermerkt, stammen Übersetzungen aus dem Schwedischen von mir. Sie sind als Lesehilfe gedacht und erheben somit keinen Anspruch auf literarische Qualität. Die schwedischen Originaltexte erscheinen dann in den Fußnoten. Die Übersetzungen von einzelnen zitierten Worten oder Sätzen, soweit deren Bedeutung in Ausgangs- und Zielsprache unterschiedlich ist, werden im fortlaufenden Text kursiv gekennzeichnet. Worte, deren Übersetzung unmissverständlich ist, werden nur mit Anführungszeichen vermerkt.

Bei zitierter oder referierter Sekundärliteratur werden in Fußnoten Verfasser, Erscheinungsjahr und Seitenzahl angegeben, Titel und weitere Angaben sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen. Zitate oder Kommentare, die in schwedischen Quellen in deutscher Sprache wiedergegeben wurden, werden übernommen und mit einem Hinweis versehen.

6. Besondere Hinweise für den Leser

Den weiteren Ausführungen möchte ich hier noch einige sprachliche und inhaltliche Erläuterungen voranstellen:

1.Das Verzeichnis über das mir von der Nobelbibliothek zur Verfügung gestellte Archivmaterial befindet sich in der Bibliographie, (Teil C, Kap. I).

2.←21 | 22→Alle Angaben zu Anwärterlisten, vorgeschlagenen Werken und Antragstellern sowie andere Daten zu einzelnen Preisträgern sind, wie bereits erwähnt, der von Bo Svensén herausgegebenen Veröffentlichung Nobelpriset i litteratur. Nomineringar och utlåtanden 1901–1950. (Del I. 19011920 und Del II. 19211950) oder der Internetseite der Schwedischen Akademie entnommen (aktuell unter www.nobelprize.org/nomination). Die beiden Bände der Veröffentlichung Bo Svenséns bilden ebenso die Vorlage für Zitate aus den Gutachten des Nobelkomitees.

3.Das Buch Bo Svenséns De Aderton. Svenska Akademiens ledamöter under 225 år dient als Vorlage für Angaben zu einzelnen Mitgliedern der Schwedischen Akademie.

4.Als Anwärterliste wird im Folgenden die Liste von ca. 2030 Namen bezeichnet, die durch die erste Wahl des Nobelkomitees entsteht. Zu diesen wird ein Gutachten bestellt. Die jährliche Liste aller für den Preis vorgeschlagenen Autoren ist erheblich länger und kann, wie in der heutigen Zeit der Fall, bis zu ca. 200300 Namen umfassen.

5.In den ersten Jahren der Geschichte des Nobelpreises wurden sowohl die Namen der Vorschlagsberechtigten als auch die Titel der vorgeschlagenen Werke der Kandidaten auf der Anwärterliste verzeichnet. Nach und nach erscheinen jedoch immer seltener Werktitel. In den letzten Jahren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden ausschließlich die Antragsteller genannt. Die Angaben für das Jahr 1920 beschränken sich lediglich auf die Namen der Kandidaten, wobei ihre Vornamen nicht durchgehend angegeben werden.12

6.Bei den Preisbegründungen existiert eine Vielzahl deutscher Übersetzungsvarianten. Für die deutschsprachigen Nobelpreisträger übernehme ich den deutschen Wortlaut der Begründungen dem von Krzysztof Ruchniewicz und Marek Zybura herausgegebenen Band Die höchste Ehrung, die einem Schriftsteller zuteil werden kann. Deutschsprachige Nobelpreisträger für Literatur. Bei allen übrigen Preisträgern greife ich auf die Übersetzungen der deutschen Vorlage von Sture Allén / Kjell Espmark Der Nobelpreis für Literatur. Eine Einführung. (Übers. Frank-Michael Kirsch) zurück.

7.Jedem Kapitel, das einen Nobelpreisträger behandelt, sind zwei Verzeichnisse beigefügt:

8.Das in Nobels Testament enthaltene und von ihm eigenhändig korrigierte Attribut idealisk wird hier in deutscher Übersetzung als idealisch angegeben, so wie es in der deutschen Ausgabe von Sture Allén und Kjell Espmarks Der Nobelpreis für Literatur. Eine Einführung verwendet wird.13

Details

Seiten
392
ISBN (ePUB)
9783631703199
ISBN (PDF)
9783653051599
ISBN (MOBI)
9783631703205
ISBN (Hardcover)
9783631658666
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
Nobelpreis für Literatur Schwedische Akademie Theodor Mommsen, Rudolf Eucken, Paul Heyse, Gerhart Hauptmann, Carl Spitteler, Thomas Mann, Hermann Hesse Deutschsprachige Literaturnobelpreisträger Schwedisch-deutsche Literatur- und Kulturkontakte
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 392 S.

Biographische Angaben

Janina Gesche (Autor:in)

Janina Gesche ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Moderne Sprachen der Universität Uppsala. Sie studierte Germanistik und Polonistik in Posen und Stockholm. Ihre Forschungsinteressen gelten der deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, den deutsch-polnisch-schwedischen Literaturkontakten, der Komparatistik und Literaturkritik sowie der polnischen (E-)Migrationsliteratur in Schweden und Deutschland.

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Titel: Stockholmer literarische Entscheidungen