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Alkoholismus im DDR-Dokumentarfilm – Regie Eduard Schreiber

Eine filmhistorische Mikrostudie zur (ost-)deutschen Mediengeschichte  

von Tobias Sachsenweger (Autor:in)
Monographie 376 Seiten

Zusammenfassung

Die Studie bearbeitet ein Kapitel der Dokumentarfilmgeschichte der ehemaligen DDR. Im Mittelpunkt steht dabei das noch weitgehend unbekannte dokumentarische Werk des Regisseurs Eduard Schreiber vor und nach 1989. Anhand der beiden Dokumentarfilme Abhängig (1983) und Rückfällig (1988) liefert der Autor eine filmgeschichtliche Mikrostudie zu den visuellen, künstlerischen und rhetorischen Strategien sowie den konkreten Produktions-, Zensur- und Rezeptionskontexten. Vor dem Hintergrund der ostdeutschen Sozialgeschichte, Kulturpolitik und Öffentlichkeit sowie der internationalen Entwicklung in der dokumentarischen Filmrepräsentation richtet er ein besonderes Augenmerk auf den nicht-fiktionalen Umgang mit der Alkoholismusthematik. Ein Interview mit dem Regisseur, eine detaillierte Filmografie sowie ein umfangreicher Quellenapparat zum DDR-Dokumentarfilm runden den Band ab.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführende Danksagung
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Leitfragen der Studie
  • 1.2 Zum Forschungsstand
  • 1.3 Gegenstandskorpus
  • 1.4 Aufbau der Mikrostudie
  • 1.5 Methodik der Studie
  • I Dokumentarfilm in Theorie und filmgeschichtlicher Praxis
  • 2. Dokumentarfilm in Theorie und Pragmatik
  • 2.1 Debatten in der theoretischen Diskussion
  • 2.2 Charakteristika des dokumentarischen Genres
  • 2.3 Historische Modi des Dokumentarfilms
  • 2.3.1 Expository Mode
  • 2.3.2 Poetic Mode
  • 2.3.3 Observational Mode
  • 2.3.4 Participatory Mode
  • 2.3.5 Reflexive Mode
  • 2.3.6 Performative Mode
  • 3. Dokumentarfilmproduktion in der ehemaligen DDR
  • 3.1 Zur Entwicklung des Dokumentarfilms in der DDR
  • 3.1.1 Politischer Dokumentarfilm auf der Agenda
  • 3.1.2 Aufbruch auch im Dokumentarfilm Ost
  • 3.1.3 Dokumentarfilm für kontrollierte Öffentlichkeit
  • 3.1.4 Ausdifferenzierung und das Fragen als Prinzip
  • 3.1.5 Versuch über die Entwicklung des Genres
  • 3.2 Aspekte dokumentarischer Filmarbeit in der DDR
  • 3.2.1 Dokumentarfilm als Filmmedium ambivalenter Anlage
  • 3.2.2 Die Künste in der reglementierten DDR-Öffentlichkeit
  • 3.2.3 Über Arbeitsbedingungen für den Dokumentarfilm Ost
  • 3.2.4 Dokumentarfilm – nicht Literatur oder Bildende Kunst
  • 3.2.5 Dokumentarfilm und der ostdeutsche Fotorealismus
  • 3.2.6 Ganzheitlichkeit in der Zensur und die Künste
  • 3.2.7 Axiome und Grenzen für den DDR-Dokumentarfilm
  • 3.2.8 Ästhetische Strategien in einem geschlossenen Raum
  • 3.2.9 Die Generationen im DDR-Dokumentarfilmschaffen
  • 3.3 Quellen und Aufschluss zur dokumentarischen Filmproduktion
  • 3.4 Warum heute über DDR-Dokumentarfilme nachdenken?
  • 4. Eduard Schreiber – Filmkunst, Repräsentation und Engagement
  • 4.1 Annäherung an eine Werkbiografie im Dokumentarfilm der DDR
  • 4.2 Der Dokumentarfilmregisseur Eduard Schreiber
  • 4.3 Dokumentarfilme über Kunst und Geschichte
  • 4.4 Dokumentarische Filme zur DDR-Gesellschaft
  • 4.5 Selbstverständnisse und Positionen zum Dokumentarfilm
  • 4.5.1 Schreibers Verständnis von Dokumentarfilm als Filmform
  • 4.5.2 Positionen zum Dokumentarfilm in der DDR
  • 4.5.3 Kritischer Rückblick auf Zeit und Dokumentarfilm
  • 4.6 Formen in der dokumentarischen Filmarbeit
  • 4.7 Dokumentarfilmarbeiten seit Ende der DDR
  • II DDR-Gesellschaft, Tabuisierungen, Öffentlichkeit und Film
  • 5. Gesellschaft und Öffentlichkeit der DDR um 1980
  • 5.1 Die DDR unter der Regierung Honecker
  • 5.2 Alkoholismus als Krankheit und Phänomen
  • 5.2.1 Offizieller Umgang mit dem Suchtproblem
  • 5.2.2 Ostdeutsche Jugend und Alkohol als Ventil
  • 6. Analysen der Dokumentarfilme Abhängig (1983) und Rückfällig (1988)
  • 6.1 Die Alkoholismus-Thematik im dokumentarischen Film der DDR
  • 6.2 Methodischer Ansatz zur Analyse der filmischen Form
  • 6.3 Analyse des Dokumentarfilms Abhängig (1983)
  • 6.3.1 Modell und Organisation des Films
  • 6.3.2 Kameraarbeit
  • 6.3.3 Funktion der Montage
  • 6.3.4 Ton und Sprache
  • 6.4 Analyse des Dokumentarfilms Rückfällig (1988)
  • 6.4.1 Modell und Organisation des Films
  • 6.4.2 Kameraarbeit
  • 6.4.3 Funktion der Montage
  • 6.4.4 Ton und Sprache
  • 6.5 Die Dokumentarfilme Abhängig und Rückfällig im Vergleich
  • 7. Produktion, Zensurprozess und Distribution der Filme
  • 7.1 Rekonstruktion für den Dokumentarfilm Abhängig (1983)
  • 7.1.1 Produktionsverlauf
  • 7.1.2 Zur Zensur des Films
  • 7.1.3 Distribution und Öffentlichkeit
  • 7.2 Rekonstruktion für den Dokumentarfilm Rückfällig (1988)
  • 7.2.1 Produktionsverlauf
  • 7.2.2 Zur Zensur des Films
  • 7.2.3 Distribution und Öffentlichkeit
  • 7.3 Zusammenfassung
  • 8. Schluss
  • III Quellen und weitere Materialien zum DDR-Dokumentarfilm
  • 9. Anhang
  • 9.1 Quellen- und Literaturangaben
  • 9.1.1 Unveröffentlichte Archivbestände
  • 9.1.2 Für diese Studie genutzte Archive
  • 9.1.3 Veröffentlichte Sekundärliteratur
  • 9.1.4 Abkürzungen in den erstellten Protokollen
  • 9.2 Verzeichnis der abgedruckten Archivdokumente
  • 9.3 Detaillierte Filmografie Eduard Schreibers im Zeitraum 1971–2007
  • 9.4 Interview des Verfassers mit Regisseur Eduard Schreiber
  • Reihenübersicht

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Einführende Danksagung

Nun wo diese gewachsene Arbeit über den Dokumentarfilmregisseur und engagierten ostdeutschen Intellektuellen Eduard Schreiber und seine Filmarbeit in der DDR der 1970er und 1980er Jahre sowie auch nach der Zäsur von 1989 nach einem langen Weg erscheinen kann, möchte ich mich auch gültig bei mehreren Begleitern und Förderern bedanken. Mein erster Dank richtet sich für die inzwischen langjährige Betreuung in vielerlei Angelegenheiten an meine Doktormutter Prof. Dr. Heike Klippel in Braunschweig, die mich bei vielen Fragen von Lehre, Organisation, Publikationen, Projektideen und Qualifikationsschritten nie im Stich gelassen und in jeder Lage immer profund unterstützt hat. Mein anderer großer Dank gehört meiner Familie, insbesondere meinen Eltern die mich auf meinem Weg trotz gewichtiger Hindernisse unterstützt und mit ihren jeweils möglichen Mitteln gefördert haben. Auch meinen Freunden gehört für ihr Vertrauen und ihre große Geduld mit mir gegen vielerlei Probe meine Dankbarkeit. Ich möchte weiter den Menschen in einigen Institutionen Dank sagen die mich in der herausfordernden Post-Doc-Zeit mit all ihren Komponenten und ganz konkret mit Blick auf diese Buchpublikation bei letzten Recherchearbeiten, bei der Erstellung und Überprüfung des Manuskripts sowie besonders auch bei den Druckkosten und Bildrechten nachhaltig unterstützt haben. Zu nennen wären hier die Norbert-Janssen-Stiftung, die Stiftung für Ost-West-Integration, die Etzold-Stiftung, die Richard-Stury-Stiftung, die Adalbert-Zajadacz-Stiftung und die Johann-Bernhard-Mann-Stiftung.

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1. Einleitung

„Hoch oben, auf der Höhe des Hecks, standen, auf die Reling gestützt, Brust an Brust die Schiffsbauer und sahen über die Werft. Heute war ihr Richtfest, zehnmal im Jahr war Richtfest, zehn Schiffe verließen im Jahr die Werft. Die Schiffsbauer standen unbewegt, man konnte ihre Gesichter nicht erkennen; sie standen Brust an Brust, auf die Reling gestützt, und über ihnen wehten die Wimpel und Flaggen weiß und grün und gelb und rot und in leuchtendem Blau.“1 Mit diesen leicht pathetischen Sätzen beschrieb der bekannte DDR-Autor Franz Fühmann seine Beobachtungen, welche er um 1960 auf der Warnow Werft in Rostock gemacht hat und in seiner Betriebsreportage Kabelkran und Blauer Peter im Jahr 1961 veröffentlichte.2 Der Dokumentarfilmregisseur Eduard Schreiber hatte knapp 20 Jahre später während seiner dokumentarischen Arbeit auf der benachbarten Neptun-Werft durchaus andere Eindrücke von der Belegschaft, den auf der Werft angestellten Arbeitern, gesammelt. Der Regisseur war dort um einen Dokumentarfilm zu drehen, der 1983 schließlich fertiggestellt und unter dem Titel Abhängig veröffentlicht wurde. Der knapp halbstündige Dokumentarfilm zwei Jahrzehnte nach Fühmann war mit dessen zukunftsoptimistischer Darstellung der frühen 60er Jahre kaum mehr zusammenzubringen. Allzu weit war der Abstand in der DDR zwischen 1960 und den 1980er Jahren.

Abhängig ist nach vermeintlichen Vorläufern der erste Dokumentarfilm in der DDR, der sich explizit mit dem Alkoholismus und den Biografien von alkoholabhängigen Menschen in der DDR auseinander gesetzt hat und die Thementrias Alkohol – Alkoholismus – Betreuung filmisch zur Diskussion stellte. In einem Staat, der die sogenannten Werktätigen als herausragendes politisches Subjekt vor sich her trug, stellten dokumentarischer Bericht und Auseinandersetzung mit alkoholkranken Werftarbeitern größte Seltenheit dar. Die „herrschende Klasse“ als alkoholkranken Problemfall zu repräsentieren hieß in den ←11 | 12→frühen 1980er Jahren: das sensible Innere der DDR und damit auch ihre Grundpfeiler zu berühren. Fünf Jahre später drehte Regisseur Eduard Schreiber, der für ein breites dokumentarisches Werk aus Künstlerporträts, Geschichtsrepräsentationen bis hin zu gesellschaftlichen Beobachtungen und Interventionen einsteht, einen weiteren Film zum Thema Alkoholismus. Rückfällig (1988) kehrte der Werft den Rücken und wählte einen gänzlich anderen Weg, das für alle Seiten schwierige Thema zu verhandeln. Dem Regisseur, seit 1970 im DEFA-Dokumentarfilmstudio angestellt und bis hierhin vor allem bekannt für seine dokumentarischen Filme zur Bildenden Kunst und Dichtung, war es mit diesen beiden Filmen gelungen, einem in der einstigen DDR öffentlich tabuisierten und verdrängten, dabei aber akzeptierten Problem quer durch die ganze DDR-Gesellschaft gehend, eine Gestaltung und Form für die öffentliche Auseinandersetzung zu geben und die Dokumentarfilme auch bis in die DDR-Öffentlichkeit zu bringen. Diese Dokumentarfilme argumentierten in einem schwierigen Umfeld für die Anerkennung von Alkoholismus als Krankheit in Staat und Gesellschaft und plädierten für einen verantwortungsbewussten Umgang mit alkoholkranken Menschen im Land. Sie forderten in ihren Repräsentationen zur Empathie und Auseinandersetzung mit diesem bedeutenden Problem in der DDR auf. Unter den entstandenen DDR-Dokumentarfilmen sind Schreibers Filme durchaus eine große Besonderheit, denn bis zu Filmdreh und Veröffentlichung bei solcher Thematik war der Weg weit.

1.1 Leitfragen der Studie

Der Verbrauch von alkoholischen Getränken in der Industriegesellschaft DDR nahm in der Zeit ihrer Existenz kontinuierlich zu und erreichte in den 1980er Jahren ein Niveau, das auch im internationalen Vergleich traurige Rekorde aufstellte. Spielten Wein und Sekt nur eine untergeordnete Rolle im DDR-Verbrauch so führten Bier und hochprozentige Spirituosen hingegen zu gefährlichem Alkoholkonsum. Allein nach den amtlichen und also offiziell veröffentlichten Statistiken ist beispielsweise für 1988 ein Reinalkoholverbrauch (100 %) von 11 Litern je verzeichnetem Bürger der ehemaligen DDR, also samt den Kindern und Jugendlichen, angegeben. Hierbei ist höchst widersprüchlich und deshalb unbedingt nachzuvollziehen, in welcher Weise die DDR und ihre Institutionen mit dem Alkoholismus und den alkoholkranken Menschen im Laufe der Entwicklung umgegangen sind. Diese filmhistorische Studie macht vor dem Hintergrund dieser Phänomene die dokumentarischen Filme Eduard Schreibers zum Untersuchungsgegenstand. In der sehr eingeschränkten Öffentlichkeit der DDR und im Hinblick auf ein gesellschaftliches Problem, das die idealistischen ←12 | 13→Verkündungen der DDR von der sozialistischen Gesellschaft und dem neuen Menschen mindestens konterkarierte, stellten Schreibers Filme seltene Versuche zu Enttabuisierung und öffentlicher Diskussion dar. Ihre Produktion in den frühen und den späten 1980er Jahren war jeweils kompliziert – denn diese bedurfte schon vor dem ersten gedrehten Material erheblicher argumentativer und rhetorischer Mühen, um Kulturpolitiker und Instanzen der DDR-Filmproduktion von der Relevanz der ungewöhnlichen Dokumentarfilme zu überzeugen. Neben dieser schwierigen Produktionsgeschichte stehen die konzeptuellen und ästhetischen Strategien der Filme im Zentrum des Interesses, denn die zwei Filme wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten der DDR-Entwicklung gedreht und gingen das für Staat und Menschen schwierige Thema verschieden an um angesichts der Filmpolitik eine schlussendliche Filmveröffentlichung nicht zu gefährden. Wie die dokumentarischen Repräsentationen die Thematik Alkohol, Alkoholismus und Erkrankung in der DDR verhandelten, wie über dieses Problemthema gesprochen, welche Bildmaterialien integriert und was ausgelassen wurde: diese Aspekte stehen für die Studie im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses.3

Zur medialen Öffentlichkeit in der DDR gehörte auch der dokumentarische Film mit seiner schon per se besonderen Eigenschaft, das filmisch zu organisierende Material in den vor-filmischen Bereichen der Gesellschaft zu suchen. Aufgrund dieser Kerneigenschaft und sofern im Publikum auch als nicht-fiktionale filmische Rede über die eigene Lebenswirklichkeit erkannt konnten dokumentarische Filme einerseits als Instrument der Informationspolitik sowie zur Agitation verwendet werden oder auf der anderen Seite eine staatliche Instrumentalisierung in der Kommunikation zwischen Filmemachenden und einem Publikum auch unterlaufen, wenn das filmisch organisierte Material Details und Subtexte beinhaltete welche die offiziellen Intentionen konterkarierten. Dokumentarischen Filmen kam in der DDR damit bis zum Herbst 1989 – aufgrund ihres nicht-fiktionalen Materials – immense Bedeutung zu, sowohl im Kino als auch im Fernsehen. Kultur- und Filmpolitik wurden geradewegs zu einem Instrument politischen Machterhalts. Bis zum nicht mehr umkehrbaren ←13 | 14→Machtverlust hat die DDR-Kulturpolitik Filmproduktion und Öffentlichkeit entsprechend offizieller Axiome reglementiert und in Hinsicht auf relative Stabilität auch genauestens kalkuliert, insbesondere für Themen welche für die Legitimation der DDR von hoher Relevanz waren. Von einer regulären Öffentlichkeit kann keine Rede sein. Als Instrument der Film- und Kulturpolitik kann eine ganzheitliche, mehrteilige Zensurpraxis angenommen werden, welche weit vor einer konkreten Filmproduktion ansetzte und hier als feste Komponente in den Arbeitsbedingungen für den DDR-Dokumentarfilm aufgefasst wird. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sowie auch die Jugend der DDR waren ideologisch existenzielle Gruppen der DDR. In Medien, Kunst und Literatur – insbesondere der ersten zwei DDR-Dekaden – wurden diese oftmals idealisiert und überhöht. Es ist hierbei eine stark lancierte Vorbildkultur hinsichtlich der sogenannten Werktätigen von jung bis alt zu konstatieren. Etwa seit Anfang der 1970er Jahre fanden zunehmend auch komplexere Repräsentationen Eingang in die dokumentarischen Formate der DDR. Die Gründe hierfür lagen beim Fernsehen als neuem Medium und Instrument der Informationspolitik und einer aktuellen Berichterstattung sowie auch der stärker ausdifferenzierten und nicht mehr übersehbaren Alltagsrealität in der Gesellschaft. Dennoch gibt es in der Entwicklung des Dokumentarischen in der DDR keine Teleologie, wonach sich ein Instrument etwa zur befreiten Kunstform entwickelt hätte. Dokumentarische Formate waren immer Teil einer staatlichen Produktion und in Abhängigkeit. Filme mit alleinigem Gegenstand Arbeiterschaft und Arbeiterkultur standen per se unter großem Druck und Aufmerksamkeit in der Produktion, komplexere Repräsentationen kamen seltener zur Aufführung.4

Vor dem Hintergrund dieser weitgehend als Konsens angesehenen Grundlagen zu dokumentarischen Filmformen in der ehemaligen DDR, ihren Produktions- und Rezeptionskontexten sowie zum Status nicht-fiktionaler Filmformen bis Herbst 1989 sind Schreibers Filme zum Alkoholismus zu bewerten. Filmgestaltungen, ihre Produktions- und Zensurvorgänge sowie auch ihre gesellschaftlichen Kontexte sind bei diesen Gegenständen eng ineinander verwoben. Eine bestimmte Filmgestaltung bei solcher brisanten Thematik konnte zum Beispiel eine Produktion zu Fall bringen oder Zensurentscheidungen negativer Art ←14 | 15→riskieren. Die Untersuchungsfragen richten sich demnach auf Filmgegenstände und ihre weiteren Kontexte über die Filmtexte selbst hinaus. Wo ist der Anfang für diese Produktionen, wann beschloss der Regisseur seine Bemühungen für dieses Thema aufzunehmen? Welche Schritte infolge wurden unternommen, um die Filmbearbeitung im DDR-Produktionssystem unterzubringen? An wen richteten sich die schon kurz angeführte Rhetorik und Argumentation im Vorfeld der Filmproduktion selbst? Warum waren Anstrengungen über eine eigentliche Drehumsetzung hinaus überhaupt nötig und was konnte durch Schreiber und seine Produktionsgruppe in der DEFA erreicht oder verhindert werden? Inwiefern bestand eine Relation zwischen der Ausrichtung von Dokumentarfilmen über eine Organisation ihres nicht-fiktionalen Materials und der DDR-Politik? Auf welch schmalem Grat haben die Filmemachenden versucht, diese ersten Filme zum schwierigen Thema Alkoholismus angesichts der nicht vor Restriktionen Halt machenden DDR-Film- und Kulturpolitik „durchzubringen“? Und was bedeutete dies für die Ausrichtung der Filme und die Lesarten, die ihre Repräsentationen dem DDR-Publikum nach Fertigstellung auf schmalem Grat und bei öffentlicher Aufführung anbieten konnten? Mit welchen Konzepten und konkreten Vorgehensweisen suchten beide Filme, vor dem Hintergrund einer staatlich sehr begrenzten Informationspolitik in Bezug auf das Alkoholismusproblem, nach einer geeigneten Darstellung und Diskussion der Thematik? Mit welchen Absichten, aus welcher Situation heraus und unter welchen Bedingungen verfolgte der Regisseur nach dem Film Abhängig (1983) die Produktion eines weiteren Dokumentarfilms zur Thematik? Was konnte der zweite Film dem ersten hinzufügen oder auch anders repräsentieren? Wo begegnen und ergänzen sich die beiden Filme, in welchen Punkten knüpfen sie aneinander an? Auf welche Weise waren die Filmarbeiten dem Diskurs zur offiziell versteckten Krankheit Alkoholismus in der DDR nützlich? Wie sah der Regisseur Schreiber später rückblickend auf die Filme und wie lassen sie sich vor seinem umfangreichen Werk verorten?

Der Untersuchung liegt die Hypothese zugrunde, dass beide Dokumentarfilme ihre Repräsentationen des Alkoholismusproblems auf je andere Art und Weise herleiten und verschiedene filmische Mittel einsetzen, um dem gesellschaftlichen Problem eine angemessene Gestalt zu geben. Diese Gestaltung und Ausrichtung der beiden Filme war dabei eng an die kulturpolitischen Bedingungen und die ganz konkreten Auflagen und Begrenzungen für eine filmische Alkoholismusbearbeitung in den deutlichst differierenden Produktionsjahren 1981–1983 und 1987–1988 geknüpft. Die Gestaltung der Filme war hierbei kein simples Resultat oder Nebenschauplatz, sondern vielmehr das zentrale Element. Nur die zur zeitgenössisch konkreten Situation, damals durch die ←15 | 16→Filmemachenden beobachtet und bewertet, passende Filmgestaltung – der Einsatz dieser und nicht anderer filmischer Mittel, der Verzicht auf jene Bilder oder Originaltöne, die Wahl dieses dramaturgischen Ansatzes anstatt eines anderen – war dafür verantwortlich dass es in der DDR der 1980er Jahre eine leichte Enttabuisierung im öffentlich-medialen Diskurs zur Problematik Alkoholismus und vor allem der Ursachen in der DDR-Gesellschaft selbst geben konnte. Infolge und neben einigen eher punktuell auf das Thema sehenden Vorläufern in Spielfilmen, Literatur und Dokumentarfilm können Abhängig und Rückfällig als die konkretesten und vehementesten Versuche dieser Problematisierung auf sensiblem Terrain aufgefasst werden.

1.2 Zum Forschungsstand

Die DDR-Forschung ist in den über 30 Jahren seit 1989 weit vorangeschritten. Forschungen über DDR-Institutionen, Herrschaftsmethoden, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und zu Praktiken des Alltags sind entstanden, die Zugänge zu einem vergangenen Staat auf verschiedenen Ebenen ermöglichen.5 Auch wurde die Unausgewogenheit der frühen DDR-Forschung, bei der die DDR als eine totalitäre Diktatur ohne irgendeine Normalität angesehen wurde, überschritten und durch komplexe Rekonstruktionen abgelöst. Über das Filmwesen der ehemaligen DDR sind infolge 1989/90 ebenfalls viele verschiedene Publikationen erschienen, welche zumeist auf der Ebene von Sachbuchpublikationen agieren, teils jedoch auch aus einem akademischen Kontext heraus entstanden sind. Die Rolle von DEFA-Stiftung und ebenso der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur für die Unterstützung dieser Forschungs- und Publikationsarbeiten ist als bedeutend zu betrachten. Die übergreifende Entwicklung des DDR-Dokumentarfilms und dessen Institutionen wurde bislang relativ gut erschlossen. Insbesondere die Generation der auch schon vor 1989 mit dem Themengebiet befassten Autoren und Autorinnen aus Publizistik, Filmwesen und Wissenschaft sowie wohlgemerkt auch aus West- und Ostdeutschland hat zu diesem Erkenntnisstand und der hierdurch gewonnenen Orientierung wesentlich beigetragen.6 ←16 | 17→Es bestehen jedoch weiterhin große Defizite in der Auseinandersetzung mit Akteuren und strukturellen Aspekten zwischen Dokumentarfilm, dokumentarischem Fernsehen und den Ebenen der Filmpolitik. Zu den beiden Hauptfilminstitutionen im dokumentarischen Bereich – DEFA und DDR-Fernsehen – ist grundlegende Forschung geleistet worden.7 Auch über Subsektoren wie privater Filmproduktion, der experimentellen Filmpraxis im künstlerischen Untergrund, der Dokumentarabteilung innerhalb des Staatlichen Filmarchivs oder dem Armeefilmstudio sind Überblick bietende Studien erschienen.8 Hier sollten zukünftige Forschungen ansetzen und vermehrt filmgeschichtliche Zusammenhänge zwischen Akteuren und ihrer Filmarbeit, der Ästhetik einzelner Filme oder Subgenres und deren filmpolitischen Kontexten sowie den jeweils produzierenden Institutionen hervorbringen. Es sollte auch Zielsetzung sein, über die wenigen schon bekannten und großen Namen hinauszugehen und auch mittlere Ränge und Auftragserfüller im dokumentarischen Spektrum von Filmwesen und Fernsehen zu erforschen.

Das Gros der in den vergangenen Jahren entstandenen Publikationen wendet sich zudem einzelnen Filmemachern oder teils nur einer einzigen Filmarbeit, wie beispielsweise einem Dokumentarfilm-Zyklus, zu. Wenige Auseinandersetzungen gehen daran, einen größeren filmgeschichtlichen Bestand zu untersuchen und Filmarchivbestände mit übergeordneten Aspekten und Fragen zu konfrontieren.9 Publikationen etwa zur Repräsentation und Verhandlung einer ←17 | 18→spezifischen Thematik innerhalb der DDR-Öffentlichkeit oder eine Auseinandersetzung mit dokumentarischen Repräsentationsmodi und medienübergreifenden Ansätzen unter Maßgaben und Axiomen der DDR-Kulturpolitik sind selten zu verzeichnen. Untersuchungen etwa zu Filmproduktionen vor dem komplexen Hintergrund der DDR-Kultur- und Filmpolitik sowie auch zur Funktionalisierung von dokumentarischen Formaten in einer reglementierten Öffentlichkeit stellen ebenfalls nur einen geringen Teil der gesamten Publikationen. Es mangelt also weiterhin an Untersuchungen zu Werken einzelner Regisseure, Aspekte und Dekaden sowie an Kontextualisierungen jener Filmproduktionen im Rahmen politischer und kulturpolitischer Entstehungsbedingungen. Darüber hinaus fehlt es noch immer an systematisierten Erkenntnissen zu Produktions- und Zensurstrukturen in der staatlich kontrollierten Dokumentarfilmproduktion der ehemaligen DDR, wobei insbesondere hierzu der frühere Filmemacher und heutige Publizist Günter Jordan seit 1989 bereits beachtliche und gut orientierende Veröffentlichungen hervorgebracht hat.

Biographische Angaben

Tobias Sachsenweger (Autor:in)

Tobias Sachsenweger studierte Film- und Medienwissenschaft, Zeit- und Literaturgeschichte und Wirtschaft. Seine Promotion erfolgte mit einer Arbeit zur DDR-Dokumentarfilmgeschichte und den ostdeutschen Jugendgenerationen (1946–1994). Anschließend befasste er sich mit der Mediengeschichte Mittel- und Osteuropas in der Zeit der Transformation nach 1989. Der Autor ist in der film- und medienwissenschaftlichen Lehre tätig.

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Titel: Alkoholismus im DDR-Dokumentarfilm – Regie Eduard Schreiber