Lade Inhalt...

Untersuchungen zum Urslavischen: Einleitende Kapitel, Lautlehre, Morphematik

von Georg Holzer (Autor:in)
Monographie 260 Seiten

Zusammenfassung

Gegenstand dieses Buches ist das um ca. 600 n. Chr. gesprochene Urslavische. Nach der historischen und geographischen Einordnung und der Bestimmung der soziolinguistischen Funktion dieser Sprache behandelt das Buch theoretisch und empirisch die Frage ihrer Einheitlichkeit. Es folgt die hauptsächlich auf die Lehnbeziehungen des mittelalterlichen Slavischen gestützte Rekonstruktion der Phonetik des Urslavischen und der Lautung und Akzentuierung urslavischer Wörter. Danach werden Bereiche der Morphologie des Urslavischen, insbesondere der Wortbildung, detailliert behandelt, wobei im Wesentlichen auf die Methoden der „generativen Phonologie" zurückgegriffen wird. Auch da wird die urslavische Akzentologie konsequent mitberücksichtigt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • About the author
  • About the book
  • Vorwort
  • Inhalt
  • Abkürzungen, Erklärung einzelner Sprachennamen
  • I. Die Notationen urslavischer Lautungen. Alphabetische Reihenfolge der Buchstaben
  • II. Wann, wo und von wem Urslavisch gesprochen wurde
  • III. Die Einheitlichkeit des Urslavischen
  • IV. LAUTLEHRE
  • Allgemeines
  • § 1. Im Urslavischen war der Wandel a > o noch nicht vollzogen.
  • § 2. Im Urslavischen war der Wandel ū > ȳ noch nicht vollzogen.
  • § 3. Im Urslavischen waren die w-Prothese und der nachfolgende Wandel w > v noch nicht vollzogen.
  • § 4. Im Urslavischen war die j-Prothese noch nicht vollzogen.
  • § 5. Im Urslavischen war der Wandel d´ž > ž noch nicht vollzogen.
  • § 6. Im Urslavischen waren die Dritte Palatalisierung, die nachfolgende Assibilierung und der ebenso nachfolgende Wandel ś > s/š noch nicht vollzogen.
  • § 7. Im Urslavischen war der Umlaut noch nicht vollzogen.
  • § 8. Im Urslavischen waren die Monophthongierung ej > ῃ und der nachfolgende Wandel ῃ > ī noch nicht vollzogen.
  • § 9. Im Urslavischen war die Monophthongierung aj > η noch nicht vollzogen.
  • § 10. Im Urslavischen waren die Monophthongierungen aw und āw > ω, ew und ēw > ῳ und der weitere Wandel ω, ῳ > ū noch nicht vollzogen.
  • § 11. Im Urslavischen waren die Monophthongierungen uw > ϝ, ij > ζ, uj > ι, iw > υ und die nachfolgenden Wandel ϝ > ū, ζ > ī, ι > ī, υ > ū noch nicht vollzogen.
  • § 12. Im Urslavischen waren die Langdiphthongmonophthongierungen ēj > ῃ und āj > η sowie der weitere Wandel ῃ > ī noch nicht vollzogen.
  • § 13. Im Urslavischen war der Wandel ē > η (= ê) noch nicht vollzogen
  • § 14. Im Urslavischen waren die Zweite Palatalisierung und die nachfolgende Assibilierung bzw. der nachfolgende Wandel ś > s/š noch nicht vollzogen.
  • § 15. Im Urslavischen war die Depalatalisierung von ē zu ā nach Palatalen noch nicht vollzogen.
  • § 16. Im Urslavischen war Dybos Gesetz noch nicht vollzogen.
  • § 17. Im Urslavischen war der Wandel n(˙)m > m wohl noch nicht vollzogen.
  • § 18. Im Urslavischen waren die Dritte Deakzentuierung und Meillets Metatonie noch nicht vollzogen.
  • § 19. Im Urslavischen war die Reakzentuierung der betonungslosen Wortformen noch nicht vollzogen.
  • § 20. Im Urslavischen waren allfällige Kontraktionen und die beiden Ivšićschen Gesetze noch nicht vollzogen und gab es noch keinen Neoakut.
  • § 21. Im Urslavischen war der Wandel i, u > ь, ъ noch nicht vollzogen.
  • § 22. Im Urslavischen war die Jotierung noch nicht vollzogen.
  • § 23. Im Urslavischen waren kt, xt noch nicht zu ḱt, x́t und diese noch nicht zu t´ geworden.
  • § 24. Im Urslavischen waren gewisse Konsonantensequenzen noch nicht vereinfacht worden
  • § 25. Im Urslavischen war die l-Epenthese noch nicht
  • § 26. Im Urslavischen waren die Nasalvokale noch nicht entstanden.
  • § 27. Im Urslavischen waren die langen Nasaldiphthonge noch nicht gekürzt.
  • § 28. Im Urslavischen waren auslautende Langvokale noch nicht gekürzt.
  • Glossar der Entlehnungen
  • V. MORPHEMATIK
  • § 1. Einleitung
  • § 2. Beständige und flüchtige Segmente
  • § 3. Die urslavischen Transformationen (Tf.)
  • Tf. 1: ˙jà ≥ jà
  • Tf. 2: Ablaut: Die Wirkung der flüchtigen Segmente à, ø, ì, ù
  • Tf. 3: Die Wirkung der flüchtigen Vokale è, é, è˙, é˙, è˙, é˙
  • Tf. 4: Tautosyllabisches ew ≥ jaw
  • Tf. 5: Schwund von Akuten in bestimmten Positionen
  • Tf. 6: Hirts Gesetz und das flüchtige Segment o
  • Tf. 7: Die Auflösung sonantischer Monophthonge
  • Tf. 8: Die Assimilationen ew ≥ aw und ej ≥ ij
  • Tf. 9: Dehnstufe: Die Wirkung der flüchtigen Vokale ḕ, ḕ, ḕ˙, ḕ˙
  • Tf. 10: Dehnung durch Akut
  • Tf. 11: r˙j ≥ rj, l˙j ≥ lj
  • Tf. 12: Transformation des segmentalen Akuts in einen prosodischen
  • Tf. 13: Die Wirkung der flüchtigen Segmente h, q, ḥ
  • Tf. 14: Schwund der „ordentlichen“ flüchtigen SegmenteTf. 15: Schwund der hinteren Betonungen
  • Tf. 16: u, u˙, ū, ū˙ ≥ uw; i, i˙, ī, ī˙ ≥ ij
  • Tf. 17: Erste Palatalisierung
  • Tf. 18: Assimilationen und Dissimilationen
  • Tf. 19: Konsonantenausfälle
  • Tf. 20: ü ≥ ju/u, ǟ ≥ jā/ā
  • Tf. 21: gn ≥ gń
  • Tf. 22: jj ≥ j, j˙j ≥ j
  • Tf. 23: Schwund der „außerordentlichen“ flüchtigen Segmente
  • Dybos Gesetz als nachurslavische Transformation
  • § 4. Die urslavischen Akzentparadigmen
  • § 5. Themavokale
  • § 6. Das Akzentparadigma H beim Verb
  • § 7. Das Akzentparadigma H beim Nomen
  • § 8. Freie und gebundene Wörter
  • § 9. Proklitika
  • § 10. Enklitika
  • § 11. Anaklitika
  • § 12. Die Partikel °h und das Akzentparadigma D
  • § 13. Univerbierungen
  • § 14. Zur Verteilung der Ablautstufen
  • § 15. Komplementäre Suffixe
  • § 16. Das l-Partizip
  • § 17. Verbale Präfixkomposita
  • § 18. Nominale Präfixkomposita und Postverbalia mit dem Interfix °èé˙
  • § 19. Nominale Präfixkomposita und Postverbalia mit dem Interfix °q
  • § 20. Nominale Präfixkomposita und Postverbalia mit dem Interfix °ḕ˙
  • § 21. „Negativkomposita“ ohne Interfix
  • § 22. Komposita aus zwei flektierbaren Gliedern mit dem Interfix °ha|èé˙ und ohne das Suffix °h
  • § 23. Komposita aus zwei flektierbaren Gliedern mit dem Interfix °ha|èé˙ und dem Suffix °h
  • § 24. Komposita aus zwei flektierbaren Gliedern ohne Interfix
  • § 25. Reduplikationen
  • § 26. Morphematik und Analogie
  • § 27. Suffixverbindungen
  • § 28. Anmerkungen zu einzelnen Suffixen
  • VI. Anmerkungen zu einzelnen urslavischen (und nachurslavischen) Wörtern
  • Literatur

ABKÜRZUNGEN, ERKLÄRUNG EINZELNER SPRACHENNAMEN

A Akkusativ
abg. altbulgarisch (siehe unten Anmerkung (2))
ahd. althochdeutsch
ai. altindisch
aksl. altkirchenslavisch (siehe unten Anmerkung (2))
al. alii (‘andere’)
alb. albanisch
altisl. altisländisch
altštok. altštokavisch
Anm. Anmerkung
AP Akzentparadigma
bulg. bulgarisch
čak. čakavisch (ein kroatischer Dialekt)
cap. capitulum (‘Kapitel’)
CIL Corpus inscriptionum Latinarum
D Dativ
dgl. dergleichen
dial. dialektal
dt. deutsch
Du. Dual
etc. et cetera (‘und das Übrige’)
f. femininum; folgende
fem. femininum
ff. folgende (Mehrzahl)
Fn. Fußnote
frz. französisch
G Genitiv
Gen. Genitiv
germ. germanisch
gr. griechisch
hebr. hebräisch
I Instrumental
id. idem (‘dasselbe’ als Bedeutungsangabe)
ital. italienisch
kajk. kajkavisch (ein kroatischer Dialekt)
Kap. Kapitel
kirchenlat. kirchenlatein
ksl. kirchenslavisch
L Lokativ
L. Carl von Linné (1707-1778, Benenner von Tieren und Pflanzen)
lat. lateinisch
lett. lettisch
lib. liber (‘Buch’)
lit. litauisch
loc. cit. locus citatus (‘die zitierte Stelle’)
m. maskulinum
mask. maskulinum
mbulg. mittelbulgarisch
mgr. mittelgriechisch
mhd. mittelhochdeutsch
mlat. mittellateinisch
mtngr. montenegrinisch
N Nominativ
n. neutrum
nachursl. nachurslavisch
neutr. neutrum
nsorb. niedersorbisch
nšt. neuštokavisch (siehe unten Anmerkung (3))
obd. oberdeutsch
op. cit. opus citatum (‘das zitierte Werk’)
osorb. obersorbisch
Pl. Plural
Pr. Präsens
rom. romanisch
rum. rumänisch
s. a. sine anno (‘ohne Jahr’, ohne Angabe des Erscheinungsjahres)
sc. scilicet (‘wohlgemerkt, nämlich’)
Sg. Singular
spätahd. spätalthochdeutsch
spätgr. spätgriechisch
st. stark dekliniert
sth. stimmhaft
stl. stimmlos
s. v. sub voce bzw. sub verbo (‘im Worteintrag’)
Tf. Transformation
tm. temematisch (siehe unten Anmerkung (4))
u. und
ukr. ukrainisch
ung. ungarisch
uridg. urindogermanisch
urk. urkundlich
ursl. urslavisch
usw. und so weiter
V Vokativ
vlat. vulgärlateinisch
vorahd. voralthochdeutsch
vorursl. vorurslavisch (siehe unten Anmerkung (5))
vs. versus (‘im Gegensatz zu’)
wgerm. westgermanisch

Die übrigen Abkürzungen verstehen sich von selbst.

Zu den Bezeichnungen für Sprachen und ähnlichen Termini ist folgendes anzumerken:

(1) Das Wort slavisch und mit ihm gebildete Komposita schreibe ich wie natürlich auch das Ethnonym Slave mit v und nicht mit w, weil es sich um lateinische Fremdwörter handelt und solche im Deutschen generell mit v geschrieben werden: November, Ventilator etc. (vgl. Mareš 1978).

(2) Mit dem Terminus Altkirchenslavisch bezeichne ich das „kanonische“ in kyrillo-methodianischer Tradition stehende Schrifttum, also eigentlich keine Sprache, sondern ein bestimmtes Textkorpus (und in diesem vorkommende Wörter, Konstruktionen etc.). Der Terminus Altbulgarisch hingegen bezeichnet bestimmte slavische Dialekte, in denen die meisten altkirchenslavischen Texte abgefasst sind (nämlich alle erhaltenen mit Ausnahme der Kiever Blätter). Siehe H02a: 187-188.

(3) Der Terminus Neuštokavisch bezieht sich auf gewisse in kroatischen, serbischen und bosnjakischen Dialekten auftretende lautliche, darunter auch charakteristische prosodische, und morphologische Merkmale sowie auch auf die Dialekte, die diese Merkmale aufweisen. Auch die Standardsprachen, deren sich Kroaten, Serben und Bosnjaken bedienen, weisen die neuštokavischen Merkmale auf.

(4) Zum Temematischen, einer erschlossenen, wohl in der Nachbarschaft des Vorurslavischen gesprochenen, aber früh ausgestorbenen indogermanischen Sprache, siehe H83, H89, H91, H10c, H14c, H18d.

(5) Der Terminus Vorurslavisch bezieht sich auf alle Entwicklungsetappen des Slavischen zwischen dem Urindogermanischen und dem Urslavischen (exklusive). Vorurslavisch wurde zunächst in der slavischen Urheimat und zuletzt auch von der unteren Donau bis in den Norden Russlands gesprochen. Siehe H06a: 14 und unten Kap. II, Kap. III (Ende).

(6) Der Terminus Nachurslavisch bezieht sich auf alles Slavische, das jünger ist als das Urslavische.

(7) Mit Gemeinslavisch ist das Nachurslavische derjenigen Periode gemeint, die zeitlich unmittelbar an das Urslavische anschließend mit dem ersten nachurslavischen Sprachwandel, der möglicherweise nur einen Teil des slavischen Sprachgebiets erfasste, begann und mit dem letzten Sprachwandel, der das gesamte damalige slavische Sprachgebiet erfasste, endete. Sie begann also etwa eine Generation nach 600 n. Chr. und endete vielleicht um 1200 n. Chr. Vgl. H95a: 57-58, H05: 31, H14a: 1126-1128.

(8) Was in allen slavischen Sprachen und Dialekten vorliegt, ist gesamtslavisch.

←16 | 17→

I. DIE NOTATIONEN URSLAVISCHER LAUTUNGEN. ALPHABETISCHE REIHENFOLGE DER BUCHSTABEN

In diesem Buch kommen drei Arten der Notation urslavischer Lautungen zur Anwendung, und von einer vierten wird zumindest die Rede sein. Zum Beispiel kann das urslavische Wort, aus dem sich das altbulgarische Wort sъdravъ ‘gesund’ entwickelt hat, auf folgende Weisen angeschrieben werden: (1) «sъdorvъ»; (2) *sudar˙wu; (3) °su|èé˙|derw|à|u; (4) */sudar˙wu/. Dazu nun im Einzelnen:

(1) Bei Notationen wie «sъdorvъ» handelt es sich um die traditionelle Art, urslavische Wörter anzuschreiben. Sie resultiert aus der irrigen Neigung, alles in den slavischen Sprachen und Dialekten Gleiche, also alles Gesamtslavische, als vorurslavisches oder spätestens urslavisches Erbe zu betrachten, und aus der unausgesprochenen Annahme, dass eine gesamtslavische lautliche Innovation x > y grundsätzlich als vorurslavische Innovation und y als urslavisch zu betrachten seien, obwohl es dafür keinen Grund gibt, weil Innovationen grundsätzlich auch von (schon) verschiedenen Sprachen bzw. Dialekten gemeinsam vollzogen werden können und somit eine solche gesamtslavische Innovation x > y sehr gut auch eine nachurslavische Neuerung und x die urslavische Lautung gewesen sein konnten1. Die traditionellen Notationen entsprechen daher oft nicht der tatsächlichen urslavischen Aussprache. Der von der traditionellen Notation dargestellte Lautstand hätte allenfalls einem fiktiven slavischen Dialekt des späten 9. nachchristlichen Jahrhunderts angehören können – einem fiktiven wohlgemerkt, denn in den realen wurde eine Lautfolge -dorv- nie so gesprochen, zum Beispiel weil, wie schon Jouko Lindstedt festgestellt hat, die tschechisch-slovakisch-südslavische und eindeutig nachurslavische Liquidametathese vor dem Wandel a > o erfolgte2. In einem Kontext allerdings, in dem es mehr auf die sofortige Erkennung der Formen ankommt als auf deren tatsächliche urslavische Aussprache, kann die traditionelle Notation urslavischer Lautungen trotz allem gute Dienste leisten, sozusagen als „Nennlautung“, in der man ein Wort „nennen“ kann, ohne es lautgetreu anschreiben ←17 | 18→zu wollen. In diesem Buch werden den urslavischen Reallautungen (siehe unten (2)) in der Regel die entsprechenden Nennlautungen zur Seite gestellt (außer etwa wenn eine dazugenannte einzelsprachliche Lautung mit der betreffenden urslavischen Nennlautung identisch ist). Gelegentlich werden sogar nachurslavischen Entlehnungen quasiurslavische Nennlautungen zur Seite gestellt, wenn es der leichteren Erkennbarkeit der lexikalischen Einheit dient. Nennlautungen werden hier zwischen den spitzen Anführungszeichen « und », ohne Asteriskus und meist ohne prosodische Zeichen angeführt.

(2) Notationen wie *sudar˙wu, hier als „Reallautung“ bezeichnet, erheben den Anspruch, die tatsächliche urslavische Aussprache so getreu wiederzugeben, wie es die verfeinerten Methoden der Rekonstruktion des Urslavischen zulassen3. Die Rekonstruktion der urslavischen Reallautungen wird in Kapitel IV vorgeführt. Gekennzeichnet werden Reallautungen urslavischer Morpheme, Wörter und Wortfolgen mit dem Asteriskus (*), und sie werden in der Regel durch Fettdruck hervorgehoben; vor einzelnen Lauten oder kurzen Lautsequenzen wird auf Asteriskus und Fettdruck verzichtet.

Ein ganz hinaufgestellter Punkt (˙) hinter einem Vokal-Buchstaben bzw. hinter dem Sonantenbuchstaben in einer tautosyllabischen Vokal+Sonant-Sequenz bezeichnet den urslavischen (und frühnachurslavischen) Akut. Ein der Silbe nachgestellter Punkt auf halber Höhe (·) bezeichnet den Neoakut, den gibt es aber nur im Nachurslavischen. Buchstaben für betonte Vokale werden unterstrichen ( ); steht an der betreffenden Stelle ein infralineares Diakritikon oder eine Unterlänge, weicht die Unterstreichung meist um eine Stelle oder wenn nötig auch um zwei Stellen nach links aus (z. B. in nachursl. *sβêtjǭ, siehe Kap. IV § 27 oder in ursl. °*gj˙|ø|tēj, siehe Kap. V § 3 Tf. 7). Das Makron ( ¯ ) bezeichnet wie üblich die Länge des betreffenden Vokals; das drucktechnisch schwierige ě mit Makron wird hier allerdings durch ê ersetzt; somit steht ê für langes und ě für kurzes Jat (beides gibt es nur im Nachurslavischen).

Die urslavische Reallautung ist der synchronische Schnitt, mit dem, um nur die Monographien zu nennen, die diachronische Darstellung der neuštokavischen kroa←18 | 19→tischen Lautgeschichte in H07b und H11b, der polnischen in H09b, der russischen in Wandl 2011, der slovenischen in Marka 2013 und der bulgarischen in Häner 2017 beginnt4.

Nota bene: Die Schreibung der urslavischen Reallautungen ist grundsätzlich als phonetische Notation gedacht, unterscheidet aber im Hinblick auf die Grenzen der Nachweisbarkeit nur zwischen Lauten, die in der nachurslavischen Lautgeschichte verschiedene Wege gingen. Nicht unterschieden wird etwa zwischen dentalem und dem vor k, g und x möglicherweise velar artikulierten Nasal (daher ursl. *mē˙sinku, nicht #*mē˙siŋku «měsęcь» ‘Monat’), weil die nachurslavische Lautgeschichte ohne diesen nicht nachweisbaren Unterschied ökonomischer zu beschreiben ist. Zwar wäre diese auch ohne ein vom dentalen n unterschiedenes palatales ń beschreibbar, wenn es etwa in ursl. *mē˙sińčinu ju «měsęčьnъjь» ‘der monatliche’ steht, diese Unterscheidung ist aber im Hinblick auf ursl. *agńi «ogńь» ‘Feuer’, ursl. *ā˙gńin˙ «agńę» ‘Lamm’ u. dgl. notwendig, und ist ein Zeichen einmal eingeführt so wie ń wegen ursl. *agńi und *ā˙gńin˙, so soll es überall geschrieben werden, wo aus artikulatorischen Gründen mit dem betreffenden Laut zu rechnen ist. Vgl. H07b: 18 Fn. 13 und 120 s. v. ȍganj; H11b: 4 Fn. 14 und 135 s. v. ȍganj.

Man beachte, dass einer Reallautung immer nur eine Nennlautung entspricht, einer Nennlautung aber auch mehr Reallautungen als nur eine entsprechen können. Letzteres ist zum Beispiel in ursl. *rajčinu «rěčьnъ» ‘zum Fluss gehörig’ vs. ursl. *rēčinu «rěčьnъ» ‘zum Wort gehörig’ der Fall.5

(3) Bei Notationen wie °su|èé˙|derw|à|u handelt es sich um die morphematische Transkription urslavischer Lautungen. Sie wird mit vorangestelltem Circellus (°) gekennzeichnet. In ihr werden urslavische Morpheme als variationsfreie Größen, also ohne Allomorphien und ohne Alternationen dargestellt. Alles Weitere dazu wird in Kapitel V erläutert.

(4) In einer vollständigen „Urslavischen Grammatik“ müsste auch auf die „autonome“ (Trubetzkoysche) urslavische Phonologie6 eingegangen werden. Da wäre zu untersuchen, auf welche lautlichen Unterscheidungsmöglichkeiten im Urslavischen zurückgegriffen werden konnte, wenn es galt, jeweils zwei ←19 | 20→sprachliche Mitteilungen verschieden zu halten7. In den hier vorgelegten „Untersuchungen“ wird auf ein Kapitel „Phonologie des Urslavischen“ verzichtet; es sei aber auf meinen Aufsatz „Urslavische Phonologie“ verwiesen, in dem der Versuch einer phonologischen Analyse des urslavischen Lautsystems unternommen wurde8, und hier nur so viel gesagt, dass der sich aus den Reallautungen ergebende phonologische Kode des Urslavischen im Vergleich mit einem aus den Nennlautungen abstrahierbaren merklich redundanzärmer und wesentlich sparsamer ist; er hat weniger Phoneme, die aber dafür in ihrer Distribution weniger eingeschränkt, also freier kombinierbar sind9.

Es ist eine der von Einfachheit gekennzeichneten Struktureigenschaften der urslavischen Sprache, dass sich die phonologische Gestalt der Wörter entweder gar nicht oder nur geringfügig von ihrer Reallautung unterscheidet10. So etwa gibt es keinen Unterschied zwischen (2) ursl. *sudar˙wu und (4) ursl. */sudar˙wu/. Eine der wenigen Abweichungen ist der Ersten Palatalisierung zu verdanken, die velaren Phonemen palatale Allophone beschert hat, vgl. ursl. *čela */kela/ °čel|a «čelo» ‘Stirn’, ursl. *dženā˙ */genā˙/ °džen|ā˙ «žena» ‘Frau’, ursl. *šel˙mu */xel˙mu/°šel˙m|u «šelmъ» ‘Helm’.

In Auflistungen von urslavischen und nachurslavischen lexikalischen Einheiten oder morphematisch angeschriebener Suffixe ist die alphabetische Reihenfolge der Buchstaben folgende: aāǟbcčćdd´ eēěêęę̄giījkl l´mnńoōǫǭωprŕr’sšśtt´uüūvwxyȳzžźъь. Die anderen Buchstaben kommen in keiner Auflistung vor und können hier deshalb unberücksichtigt bleiben.

Nota bene: Mit hochgestellter Raute # bezeichne ich bewusst falsch angesetzte oder von mir verworfene Formen. Mit dem augenfälligen Alinea-Zeichen ¶ kennzeichne ich des Öfteren innerhalb eines Absatzes die einzelnen Positionen in einer Aufzählung oder platzsparend Stellen, an denen eine neue Zeile beginnen könnte.


1 Vgl. H96a: 14-16, 33-34, H01a: 33-35, 48-49. Ebenso wahr ist, was Lindstedt 1991: 114 schreibt: „In reconstructing Proto-Slavonic forms, it is customary to deviate from the O[ld] C[hurch] S[lavonic] forms only insofar as the latter are markedly South Slavonic.“ – Diese bislang übliche Notation lässt sich in ihren Grundzügen bis Miklosich zurückverfolgen; beachte v. a. Miklosich 1886. Als Überblick über die traditionelle Forschung zum Urslavischen s. Birnbaum 1987.

2 Das zeigen Proportionen wie *brēgu < *bergu : *brādā˙ < x; x = *bardā˙ («bergu» ‘Anhöhe, Ufer’, «borda» ‘Kinn, Bart’). Siehe Lindstedt 1991: 114-115, H95a: 79, Klotz 2017: 14.

3 Arbeiten von mir und anderen, in denen urslavische Reallautungen rekonstruiert vorliegen, sind in H16a: 249 Fn. 1 aufgelistet; nota bene: Dort steht „Klotz 2016“ irrtümlich für „Klotz 2017“. – Als ältere Versuche einer realistischeren Rekonstruktion urslavischer Lautungen sind zum Beispiel Lindstedt 1991 und Andersen 1993 (und 1998) zu nennen, deren Rekonstrukte allerdings ohne absolute Datierung und ohne Akzentuierung geblieben sind und zudem einen archaischeren Zustand abbilden als meine.

4 Zur Methode der Ermittlung der in diesen Arbeiten zum Tragen kommenden relativen Chronologien siehe Mayer 1931: 7-8, H95b: 247-248 (sehr ähnlich, aber ohne Zitat Mihaljević 2002: 20-23). Vgl. auch H96b: 83.

5 Siehe H03a: 27. Vgl. ksl. rěčьnъ ‘fluvii’ und rěčьnъ ‘verbi’ (s. Miklosich 1977: 812).

Details

Seiten
260
ISBN (PDF)
9783631828434
ISBN (ePUB)
9783631828441
ISBN (MOBI)
9783631828458
ISBN (Paperback)
9783631816639
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
Lautgesetz Lehnwort Lautung Morphem Allomorph Alternation Generativistik Transformation Wortbildung
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 260 S., 8 Tab.

Biographische Angaben

Georg Holzer (Autor:in)

Georg Holzer wurde 1957 in Wien geboren. Nach dem Studium der Slavistik und der Indogermanistik an der Universität Wien promovierte er dort 1982 zum Doktor der Philosophie. Unmittelbar nach seiner dreijährigen Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache an der Philosophischen Fakultät in Zagreb trat er 1983 in den Dienst der Universität Wien. 1990 habilitierte er sich in Wien für die venia docendi „Slavistik: Sprachwissenschaft"; seit 1997 ist er außerordentlicher Professor am Institut für Slawistik der Universität Wien. Er ist Autor zahlreicher sprachwissenschaftlicher Publikationen; die meisten betreffen das Slavische des Mittelalters.

Zurück

Titel: Untersuchungen zum Urslavischen: Einleitende Kapitel, Lautlehre, Morphematik