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Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

von Birte Arendt (Band-Herausgeber:in) Andreas Bieberstedt (Band-Herausgeber:in) Klaas-Hinrich Ehlers (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 380 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern: Einführende Bemerkungen (Birte Arendt / Andreas Bieberstedt / Klaas-Hinrich Ehlers)
  • Literatur
  • Sprachraum, Sprachstrukturen und Sprachgebrauch in der Entwicklung
  • Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern (Peter Rosenberg)
  • 1 Einleitung
  • 2 Historische Entwicklung und areale Gliederung der mecklenburgisch-vorpommerschen Regionalsprache
  • 3 Die mecklenburgisch-vorpommersche Regionalsprache nach 1945
  • 4 Die mecklenburgisch-vorpommersche Regionalsprache seit 1989
  • 5 Merkmale des mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekts
  • 6 Ergebnisse des SiN-Projekts zum mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekt
  • 7 Zusammenfassung
  • Literatur
  • Anmerkungen zu den sprachlichen Verhältnissen Vorpommerns in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Matthias Vollmer)
  • 1 Einleitung
  • 2 Niederdeutsch und Hochdeutsch
  • 3 Das Varietätenspektrum des Niederdeutschen
  • 4 Zu sprachlichen Charakteristika des Niederdeutschen in Vorpommern um 1830
  • 4.1 Lautliche Realisierung der Endsilbe –er
  • 4.2 Mouillierung
  • 4.3 Das Diminutivsuffix –ing
  • 5 Fazit
  • Literaturverzeichnis
  • Quellenverzeichnis
  • Regionale Unterschiede und Veränderungen im Wortschatz des Mecklenburgischen (André Köhncke)
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Frühere Untersuchungen zur Wortgeographie
  • 1.2 Materialgrundlage
  • 2. Regionale Unterschiede im Wortgebrauch
  • 2.1 Wortgeographische Binnengliederungen des Mecklenburgischen
  • 2.1.1 Ernte
  • 2.1.2 Erntefest
  • 2.1.3 Hederich, Leitersprosse und Strohband
  • 2.2 Tier- und Pflanzenbezeichnungen
  • 2.2.1 Enterich und Eber
  • 2.2.2 Ameise, Frosch/Kröte und Regenwurm
  • 3 Entwicklungstendenzen im mecklenburgischen Wortschatz
  • 3.1 Wortneubildungen
  • 3.2 Einfluss der hochdeutschen Standardvarietät auf den mecklenburgischen Wortschatz
  • 4 Fazit
  • Literatur
  • Meihen, meiden, meigen ‚mähen‘ – Zur Hiattilgung im mecklenburgischen Niederdeutsch (Klaas-Hinrich Ehlers)
  • 1 Forschungsstand und Problemstellung
  • 2 Die Hiattilgung im Niederdeutsch alteingesessener Mecklenburger
  • 2.1 Die Hiatrealisierung in ihrer historischen Entwicklung im Untersuchungsgebiet
  • 2.2 Die Hiatrealisierung im phonetischen Kontext
  • 2.3 Stadt–Land Unterschiede in der Hiatrealisierung
  • 3 Die Hiattilgung im Lerner-Niederdeutsch der immigrierten Vertriebenen
  • 4 Ein Seitenblick nach Vorpommern
  • 5 Die „Adoption“ der Hiattilgung in flektierte Wortformen
  • 6 Zusammenfassung
  • Literatur
  • Zum Wandel des Niederdeutschen auf der Insel Rügen zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert – Ein diachronischer Vergleich anhand ausgewählter Sprachmerkmale (Martin Hansen)
  • 1 Einleitung
  • 2 Niederdeutsch in Mecklenburg-Vorpommern
  • 3 Niederdeutsch auf Rügen
  • 4 Sprachkorpus und Methodik
  • 5 Sprachvariablenanalyse
  • 5.1 Lexikalische Sprachvariablen
  • Variable 1: Adverb all versus schon
  • Variable 2: Interrogativadverb wu(r)väl versus wieviel
  • Variable 3: Pronomen dat versus es
  • 5.2 Morphologisch-Syntaktische Sprachvariablen
  • Variable 4: 3. Person Singular Präteritum von daun/doon ,tun‘
  • 5.3 Phonetisch-phonologische Sprachvariablen
  • Variable 5: Rundung von kurzem /I/
  • Variable 6: phonetische Realisierungen von /r/ in prävokalischer Stellung
  • 6 Zusammenfassung
  • 7 Literatur
  • Hochdeutsch auf Rügen – Eine Untersuchung zum Regiolekt in Bergen auf Rügen (Lars Vorberger)
  • 1 Hinführung
  • 2 Regiolekt in Norddeutschland
  • 3 Daten und Methoden
  • 4 Analyse
  • 4.1 RUEGALT2
  • 4.2 RUEG1
  • 4.3 RUEGJUNG1
  • 4.4 Zusammenführung
  • 4.5 Sprachverhaltensmuster
  • 4.6 Bezüge zu anderen Studien
  • 5 Fazit
  • Literatur
  • „Wir haben’s zwar gehört, konnten’s verstehen und… aber selbst so richtig benutzt haben wir’s auch nicht.“ Eine Fallstudie zum Wandel des Dialektgebrauchs in der Generationsfolge in einer mecklenburgischen Gemeinde (Mona Biemann)
  • 1 Einleitung
  • 2 Vorüberlegungen
  • 2.1 Problemaufriss
  • 2.2 Zum sprachbiografischen Untersuchungsansatz
  • 2.3 Erhebungsort, Vorgehensweise und Korpus
  • Vier Gewährspersonen aus der Generation 1
  • Drei Gewährspersonen aus der Generation 2
  • Zwei Gewährspersonen aus der Generation 3
  • 3 Sprachgebrauchswandel in der Gemeinde Satow: Untersuchungsergebnisse
  • 3.1 Individueller Sprachgebrauchswandel im Generationenvergleich
  • 3.1.1 Generation 1 (geb. bis 1950)
  • 3.1.2 Generation 2 (geb. 1951–1975)
  • 3.1.3 Generation 3 (geb. nach 1975)
  • 3.2 Lokaler Sprachgebrauchswandel im Kontext historischen Wandels
  • 3.2.1 Phase I: Niederdeutsch als dominantes lokales Kommunikationsmittel vor 1945
  • 3.2.2 Phase II: Rückgang des Niederdeutschgebrauchs nach 1945
  • 3.2.3 Phase III: negative Einstellungen gegenüber dem Dialektgebrauch seit den 1960er Jahren
  • 3.2.4 Phase IV: weiterer kommunikativer Dialektabbau neben bewusster Dialektpflege seit 1989
  • 4 Fazit
  • Literatur
  • Förderung und Vermittlung des Niederdeutschen in Bildungsinstitutionen
  • Das Projekt „Niederdeutsch in der Kita“ – Bedingungen, Formen und Perspektiven der Niederdeutschvermittlung in Kindergärten Mecklenburg-Vorpommerns (Julia Mittelstädt)
  • 1 Einleitung
  • 2 Niederdeutsch und frühkindlicher Zweitspracherwerb
  • 3 Das Pilotprojekt „Niederdeutsch in der Kita“
  • 3.1 Zielsetzung und Durchführungsphase
  • 3.2 Datengrundlage und analytischer Zugang
  • 3.3 Ergebnisse
  • 3.3.1 Sprachliche Voraussetzungen und Erfahrungen
  • a) Erzieherinnen
  • Frage: Wie viele Erzieherinnen in Ihrem Kindergarten besitzen eine plattdeutsche Sprachkompetenz?
  • Frage: Wie würden Sie Ihre Plattdeutschkompetenz in den folgenden Bereichen selbst einschätzen?
  • b) Auswärtige Personen
  • Frage: Für den Fall, dass auswärtige Personen in das Projekt einbezogen sind, wie würden Sie deren Plattdeutschkompetenz in den folgenden Bereichen einschätzen?
  • c) Kinder
  • Frage: Welche sprachlichen Voraussetzungen besitzen die Kinder in Ihrem Kindergarten?
  • 3.3.2 Rahmenbedingungen der Niederdeutschvermittlung im Kindergarten
  • Frage: Seit wann bieten Sie Niederdeutsch in Ihrer Einrichtung an?
  • Frage: Welche Erzieherinnen sind an dem Projekt beteiligt?
  • Frage: Welche und wie viele Kinder beteiligen sich an dem Projekt?
  • 3.3.3 Motive und Ziele der Erzieherinnen
  • Frage: Was ist Ihre Motivation für die Vermittlung des Plattdeutschen an Kinder?
  • Frage: Was wollen Sie erreichen, das heißt welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Niederdeutschangebot?
  • 3.3.4 Durchführung
  • Frage: Welches Prinzip verfolgen Sie bei der Vermittlung des Plattdeutschen?
  • Frage: In welchen Formen taucht Niederdeutsch in Ihrer Einrichtung auf?
  • Frage: Welche Lehrmittel stehen Ihnen zur Verfügung oder haben Sie selbst entwickelt?
  • 3.3.5 Erfahrungen
  • Frage: Mit welchen Vermittlungsformen haben Sie sehr gute Erfahrungen gemacht?
  • Frage: Welche Vermittlungsformen sind Ihrer Meinung nach weniger gut geeignet?
  • Frage: Was bereitet Ihnen noch Probleme?
  • Frage: Mit welchen Kindern erscheint Ihnen die Arbeit am effektivsten?
  • Frage: Welche Entwicklungen bzw. Veränderungen haben Sie evtl. an den Kindern bemerkt, welche Lerneffekte lassen sich bereits beobachten?
  • Frage: Welche Resonanz haben Sie erlebt?
  • 3.3.6 Perspektive
  • Frage: Was erhoffen Sie sich von diesem Projekt? Welche Forderungen/Wünsche haben Sie an uns?
  • Frage: Was sollte Ihrer Meinung nach von der Politik, der Verwaltung oder von anderen Stellen unternommen werden, um Sie zu unterstützen?
  • 3.3.7 Abschließende Anmerkungen
  • 4 Entwicklungen nach dem Ende des Projektes
  • 5 Schlussbetrachtungen
  • Literatur
  • Online-Ressourcen:
  • Frühkindlicher Niederdeutscherwerb. Eine exemplarische Studie zu einem Greifswalder Kindergarten (Johanna Biedowicz)
  • 1 Einleitung
  • 2 Niederdeutsch als Zweitsprache im Kindergarten
  • 2.1 Niederdeutsch als Zweitsprache
  • 2.2 Sprachförderung im Kindergarten
  • 2.3 Zweitspracherwerb im Kindergarten durch Immersion
  • 3 Das Projekt „Studierende lehren Plattdeutsch in der Kita“
  • 3.1 Ausgangsbedingungen
  • 3.2 Projektziele
  • 3.3 Datenbasis
  • 4 Analysen und Ergebnisse
  • 4.1 Sprachverstehen in der Einstiegsphase – Gesprächstranskript T1
  • Transkriptausschnitt T1: 30.09.2011, Einstiegsphase
  • 4.2 Imitationen in der Rollenverteilung – Gesprächstranskript T2
  • Transkriptausschnitt T2: 07.10.2011, Rollenverteilung
  • 4.3 Kindliche Sprachproduktion in der Probenphase – Gesprächstranskript T3
  • Transkriptausschnitt T3: 14.10.2011, Probephase
  • 4.4 Auswertung und Zusammenfassung der Befund
  • 5 Fazit und Handlungsempfehlungen
  • 6 Literatur
  • 7 Anhang
  • Die Umsetzung der Verwaltungsvorschrift „Niederdeutsch in der Schule“ – eine exemplarische Studie zum Niederdeutschangebot in den Schulen Greifswalds (Anne Fink)
  • 1 Einführung
  • 2 Sprachenpolitik des Niederdeutschen
  • 3 Niederdeutsch in den Schulen Mecklenburg-Vorpommerns – eine exemplarische Studie zu Greifswald
  • 3.1 Methodik und Vorgehensweise
  • 3.2 Niederdeutsch an den Schulen in Greifswald – ein Überblick
  • 3.3 Niederdeutschunterricht aus der Binnensicht der Lehrkräfte einer Schule
  • 4 Zusammenfassung und Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Niederdeutsch als Studienfach – Formen, Entwicklungen und studentische Motivationen am Beispiel der Universität Greifswald (Birte Arendt)
  • 1 Einleitung: Niederdeutsch in Bildungsinstitutionen
  • 1.1 Niederdeutsch an Universitäten
  • 1.2 Niederdeutsch an den Schulen
  • 2. Niederdeutsch an der Universität Greifswald: Vom Beifach und zurück
  • 2.1 Studienmodelle im Verlauf
  • 2.2. Niederdeutsch im Lehramtsbereich
  • 2.2.1 Schwerpunkt Niederdeutsch
  • 2.2.2 Modularisiertes Beifach
  • 3 Studentische Motivationen zum Niederdeutschstudium
  • 3.1 Daten und Methode: Induktive Typisierung anhand einer Online-Befragung
  • 3.2 Ergebnisse
  • 3.2.1 Wer studiert Niederdeutsch?
  • 3.2.2 Warum wird Niederdeutsch studiert?
  • 4 Zusammenfassung und Ausblick auf eine „Generation“ von Niederdeutschstudierenden
  • Literatur
  • Niederdeutschunterricht an der Volkshochschule – Kaffeeklatschersatz oder Spracherwerbskonzept mit Zukunft? (Hannah Reuter)
  • 1 Einleitung
  • 2 Die Untersuchung
  • 3 Auswertung: VHS-Niederdeutschkurse als Freizeitvertreib oder Sprachkurs?
  • 3.1 Zum Format Niederdeutschkurs
  • 3.2 Unterrichtsmethoden
  • 3.3 Die Kursteilnehmenden: Alter, Geschlecht und Bildungsgrad
  • 3.4 Niederdeutsch-Kompetenz
  • 3.5 Motivation
  • 4 Fazit: Zwischen Hobby und Sprachbewahrung
  • Literatur
  • Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern seit dem 18. Jahrhundert. Eine Bibliographie der sprachwissenschaftlichen Forschungsliteratur. Begründet von Ingrid Schröder, fortgesetzt von Andreas Bieberstedt und Klaas-Hinrich Ehlers. Bearbeitet von Corina Altmann und Enrico Lippmann.
  • 1 Bibliographien
  • 2 (Neu)Niederdeutsch
  • 2.1 Überblicksdarstellungen zum (Neu)Niederdeutschen allgemein
  • 2.2 Überblicksdarstellungen zum Mecklenburgisch-Vorpommerschen
  • 2.2.1 Sprachareal im Überblick
  • 2.2.2 Sprachgeschichte im Überblick
  • 2.3 Grammatik und Dialektographie
  • 2.3.1 Grammatiken
  • 2.3.2 Phonologie/Phonetik
  • 2.3.3 Graphie
  • 2.3.4 Morphologie
  • 2.3.5 Syntax
  • 2.4 Lexikologie, Lexikographie und Wörterbücher
  • 2.5 Namenkunde
  • 2.6 Fach- und Sondersprachenforschung
  • 2.7 Soziolinguistik, Pragmatik und Perzeptionslinguistik
  • 2.8 Sprachhistoriographie
  • 2.9 Niederdeutsch in den Medien (Rundfunk, Fernsehen, Printmedien, Internet)
  • 2.10 Niederdeutsch in kulturellen Institutionen (Kirche, Bühne usw.)
  • 2.11 Vermittlung, Förderung und Pflege des Niederdeutschen
  • 3 Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern
  • 3.1 Überblicksdarstellungen zu den Regiolekten in Norddeutschland
  • 3.2 Überblicksdarstellungen zum Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern
  • 3.3 Grammatik und Regiolektographie
  • 3.4 Soziolinguistik, Pragmatik und Perzeptionslinguistik

Birte Arendt / Andreas Bieberstedt / Klaas-Hinrich Ehlers
(Hrsg.)

Niederdeutsch und regionale
Umgangssprache in
Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

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Herausgeberangaben

Birte Arendt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Philologie an der Universität Greifswald und Leiterin des Kompetenzzentrums Didaktik des Niederdeutschen. Ihre Forschungsfelder sind Spracheinstellungen, Spracherwerb und Regionalsprachvermittlung im Elementarbereich und in der Schule.

Andreas Bieberstedt ist Professor für niederdeutsche Sprache und Literatur an der Universität Rostock. Seine Schwerpunkte sind die Regionalsprachen- und Sprachbiographieforschung sowie die Sprachgeschichte des Niederdeutschen. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem rezenten Wandel des Hamburgischen.

Klaas-Hinrich Ehlers ist Privatdozent für germanistische Linguistik an der Freien Universität Berlin. Er ist Mitarbeiter am Norddeutschen Sprachatlas und leitet ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zur Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg.

Über das Buch

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Inhaltsverzeichnis

Birte Arendt, Andreas Bieberstedt, Klaas-Hinrich Ehlers

Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern: Einführende Bemerkungen

Sprachraum, Sprachstrukturen und Sprachgebrauch in der Entwicklung

Peter Rosenberg

Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern

Matthias Vollmer

Anmerkungen zu den sprachlichen Verhältnissen Vorpommerns in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

André Köhncke

Regionale Unterschiede und Veränderungen im Wortschatz des Mecklenburgischen

Klaas-Hinrich Ehlers

Meihen, meiden, meigen ‚mähen‘ – Zur Hiattilgung im mecklenburgischen Niederdeutsch

Martin Hansen

Zum Wandel des Niederdeutschen auf der Insel Rügen zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert – Ein diachronischer Vergleich anhand ausgewählter Sprachmerkmale

Lars Vorberger

Hochdeutsch auf Rügen – Eine Untersuchung zum Regiolekt in Bergen auf Rügen

Mona Biemann

„Wir haben’s zwar gehört, konnten’s verstehen und… aber selbst so richtig benutzt haben wir’s auch nicht.“ Eine Fallstudie zum Wandel des Dialektgebrauchs in der Generationsfolge in einer mecklenburgischen Gemeinde ←5 | 6→

Förderung und Vermittlung des Niederdeutschen in Bildungsinstitutionen

Julia Mittelstädt

Das Projekt „Niederdeutsch in der Kita“ – Bedingungen, Formen und Perspektiven der Niederdeutschvermittlung in Kindergärten Mecklenburg-Vorpommerns

Johanna Biedowicz

Frühkindlicher Niederdeutscherwerb. Eine exemplarische Studie zu einem Greifswalder Kindergarten

Anne Fink

Die Umsetzung der Verwaltungsvorschrift „Niederdeutsch in der Schule“ – eine exemplarische Studie zum Niederdeutschangebot in den Schulen Greifswalds

Birte Arendt

Niederdeutsch als Studienfach – Formen, Entwicklungen und studentische Motivationen am Beispiel der Universität Greifswald

Hannah Reuter

Niederdeutschunterricht an der Volkshochschule – Kaffeeklatschersatz oder Spracherwerbskonzept mit Zukunft?

Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern seit dem 18. Jahrhundert. Eine Bibliographie der sprachwissenschaftlichen Forschungsliteratur. Begründet von Ingrid Schröder, fortgesetzt von Andreas Bieberstedt und Klaas-Hinrich Ehlers←6 | 7→

Birte Arendt, Andreas Bieberstedt, Klaas-Hinrich Ehlers

Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern: Einführende Bemerkungen

In den vergangenen Jahrzehnten nach 1945 und insbesondere seit den 1960er Jahren durchlief die Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern, wie insgesamt im norddeutschen Raum, einen grundlegenden Wandelprozess.1 Dieser betrifft das gesamte in diesem Bundesland vorfindliche regionalsprachliche Spektrum, von den niederdeutschen (mecklenburgischen und pommerschen) Dialekten bis hin zu den hochdeutschen regionalen Umgangssprachen und Regionalakzenten. In Bezug auf die niederdeutschen Dialektvarietäten in Mecklenburg-Vorpommern lassen sich Veränderungen sowohl hinsichtlich deren Struktur und Wortschatz als auch in Hinsicht auf ihren Erwerb und Gebrauch sowie auf ihre Bewertung konstatieren. Der seit Jahrhunderten bestehende und in der Gegenwart zunehmend intensive Sprachkontakt zwischen Niederdeutsch und Hochdeutsch hat auf der strukturellen Ebene zu niederdeutsch-hochdeutschen Interferenzen geführt,←7 | 8→ die sich als Transfer hochdeutscher Elemente ins Niederdeutsche im lautlichen, morphologischen und lexikalischen Bereich, zum Teil auch in strukturellen Angleichungen auf syntaktischer Ebene äußern.

Solche Ausgleichserscheinungen sind für die regionalen Dialekte in Mecklenburg-Vorpommern bereits seit den 1970er Jahren wissenschaftlich beschrieben worden.2 Sie bewirken einen sukzessiven Abbau dialektaler Elemente und deren Ersetzung durch hochdeutsche oder hochdeutsch-nähere Formen und damit insgesamt eine Advergenz des Basisdialekts an das Standardhochdeutsche.3 Dieser für den gesamten norddeutschen Sprachraum zu beobachtende dialektale Abbauprozess zieht seinerseits Veränderungen in der dialektalen Raumstruktur nach sich. Dialektgrenzen verschieben sich bzw. lösen sich zum Teil auf,4 insgesamt werden kleinräumige Dialekte und Ortsmundarten zunehmend durch dialektale und regiolektale Sprachformen mit größerer kommunikativer Reichweite ersetzt.5 Zugleich ergeben sich Veränderungen im Bereich der regional geprägten hochdeutschen Umgangssprache, die sich zu einer standardnahen Varietät mit Restmerkmalen eines niederdeutschen Substrats und vereinzelten Markern der norddeutschen Regiolekte entwickelt hat. Insgesamt scheint sich auf diese Weise das Spektrum regionaler Sprechlagen kontinuierlich in Richtung hochdeutscher Standardsprache zu verschieben. Die Analyse und Beschreibung dieses sich wandelnden Gefüges an regionalen Sprachformen bildet eine der vordringlichsten Aufgaben der aktuellen Regionalsprachenforschung. Zudem steht nicht zu erwarten, dass die regionale Markierung des Sprechens ihre kommunikativ-pragmatischen Funktionen gänzlich verlieren wird und es zu einer vollständigen Aufgabe regionalsprachlicher Formen kommt. Vielmehr zeichnet es sich ab, dass diese auch neue, unter anderem sozialsymbolische Funktionen übernehmen. Die weitere Entwicklung der Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern wird folglich ein spannendes Forschungsfeld der regional bezogenen Sprachwissenschaft bleiben, das eng mit den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in der Region verschränkt ist.

Besonders gravierende Veränderungen zeigen sich beim Gebrauch des Niederdeutschen. Auf der kommunikativen Ebene führt der niederdeutsch-hochdeutsche Sprachkontakt bei Sprechern mit niederdeutscher Dialektkompetenz zu einer Sprachwahl zwischen Niederdeutsch und Hochdeutsch, die←8 | 9→ situativ, adressatenabhängig und funktional gesteuert ist, sowie zu Kommunikationsstrategien, die durch Formen von Codeswitching, Codemixing und Codeshifting gekennzeichnet sind.6 Vor allem jedoch ist auf die rapid abnehmende Zahl aktiver Dialektsprecher in Mecklenburg-Vorpommern zu verweisen. Im Jahre 2007 führte das Bremer Institut für niederdeutsche Sprache eine repräsentative Umfrage in den norddeutschen Bundesländern zur Kenntnis, Verwendung und Bewertung des Niederdeutschen durch.7 Im Vergleich der norddeutschen Bundesländer zählt Mecklenburg-Vorpommern diesem Sprachzensus zufolge zu den Regionen mit relativ hoher Dialektstärke (nach dem dialektstarken Bundesland Schleswig-Holstein, aber vor dialektschwachen Bundesländern wie Brandenburg und Sachsen-Anhalt sowie den norddeutschen Stadtstaaten Hamburg und Bremen). Dabei ist zu bedenken, dass Norddeutschland insgesamt eine signifikant niedrigere Dialektstärke, d. h. eine prozentual geringere Zahl an Dialektsprechern sowie eine geringere Präsenz des Dialektes in der öffentlichen Kommunikation, als insbesondere die oberdeutschen Dialektregionen aufweist. Laut dem Sprachzensus des Instituts für niederdeutsche Sprache können aktuell 46 % der norddeutschen Bevölkerung das Niederdeutsche gut oder sogar sehr gut verstehen,8 lediglich 14 % der Befragten jedoch geben von sich an, es gut oder sogar sehr gut zu sprechen.9 Zum Vergleich: In einer ähnlich angelegten statistischen Erhebung aus dem Jahre 1984,10 in die allerdings lediglich die alten Bundesländer einbezogen waren, gaben immerhin noch 35 % der Befragten an, Niederdeutsch gut oder sehr gut sprechen zu können.11 Dies bedeutet einen signifikanten Rückgang der Sprecherzahl um mehr als die Hälfte innerhalb von nur einer Generation. Unterstrichen wird die Brisanz dieses Prozesses noch dadurch, dass die Dialektkompetenz heute primär altersabhängig ist. Die Kenntnis des Niederdeutschen und die Fähigkeit zu seiner Verwendung sind in hohem Maße eine Frage der←9 | 10→ Generationenzugehörigkeit und nunmehr weitgehend auf die ältere und älteste Sprechergeneration beschränkt.12

Die auch in Mecklenburg-Vorpommern stark gesunkene Dialektkompetenz innerhalb der jüngeren Bevölkerungsschichten hängt eng mit einem grundlegenden Wandel dialektaler Spracherwerbsmechanismen zusammen. „Klassische“ Spracherwerbsformen, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierten und bei denen der Dialekt als Erstsprache im Elternhaus, das Hochdeutsche hingegen parallel als zweite Erstsprache oder zu einem späteren Zeitpunkt als Zweitsprache in der Schule vermittelt wurde, sind durch neuere Formen abgelöst worden, bei denen die hochdeutsche Standardsprache den wesentlichen Fixpunkt für die Sprachsozialisation bildet.13 Der Erwerb des Hochdeutschen als Erstsprache stellt in der Gegenwart den absoluten Regelfall dar. Zugleich eignen sich Dialektsprecher in Mecklenburg-Vorpommern das Niederdeutsche häufig nicht mehr parallel zum Hochdeutschen an, sondern sukzessiv in neuen Erwerbszusammenhängen. Auf diese Weise verlieren die herkömmlichen dialektalen Sprachvermittler innerhalb der Familie stark an Bedeutung und es treten neue in Erscheinung. Hingewiesen sei hier vor allem auf die wachsende Relevanz vorschulischer und schulischer, aber auch universitärer Institutionen für die Vermittlung dialektaler Kompetenzen und Kenntnisse oder auch nur für eine Sensibilisierung für regionale Sprachformen. Gestützt zum Teil durch staatliche Sprachpolitik bemühen sich gegenwärtig verstärkt Bildungsinstitutionen darum, den Ausfall der familiären Sprachvermittler bei der primären intergenerationellen Vermittlung der Niederdeutschkompetenz durch einen gesteuerten sekundären Spracherwerb zu kompensieren.14

Als Folge der hier skizzierten Prozesse zieht sich das Niederdeutsche in Mecklenburg-Vorpommern seit Längerem fortschreitend aus der Öffentlichkeit zurück und hat seine Funktion als ein Mittel der Alltagskommunikation bereits weitgehend eingebüßt.15 Rückzugsorte des Dialektes sind der private Bereich, d. h. Familie und Verwandtschaft, Nachbarschaft und Freundeskreis. Auch in den Medien und im Bereich öffentlicher Kultur ist das Niederdeutsche weiterhin←10 | 11→ präsent.16 Im selben Maße, in dem das Niederdeutsche jedoch an Relevanz als öffentliche Alltagssprache verliert, gewinnt es seit einigen Jahren an Bedeutung als eine Identifikationssprache.17 Die mehrhundertjährige Stigmatisierung des niederdeutschen Dialektes weicht seit längerer Zeit zunehmend seiner sozialsymbolischen Aufwertung als Ausdrucksmittel regionaler Identität und Kultur.18 Die vielfältigen Aktivitäten von Kulturvereinen und Bildungseinrichtungen zur Pflege und Weitervermittlung des regionalen Niederdeutsch legen davon ebenso Zeugnis ab wie das wachsende Interesse vieler Menschen an der heimatlichen Mundart sowie an entsprechenden Bildungsangeboten. Auf Seiten der Politik zeugen die Verankerung des Sprachenschutzes und der Niederdeutschpflege in die Landesverfassung von Mecklenburg-Vorpommern19 sowie die Aufnahme des Niederdeutschen als Regionalsprache in die EU-Charta der Regional- oder Minderheitensprachen im Jahre 199920 von der gestiegenen Wertschätzung gegenüber regionalen Sprachformen.21 Der Erwerb und Gebrauch des Niederdeutschen stellt in der Gegenwart keine durch die elterliche Spracherziehung und die kindliche Umgebung bedingte Zwangsläufigkeit mehr dar, sondern zeigt sich vielmehr immer öfter als Ausdruck einer bewussten Entscheidung einzelner Personen für diese Sprachvarietät, die mit deren regionalen Identifikationspotential zusammenhängt. Damit zeichnen individuelle biographische Faktoren und persönliche Interessen im weitaus stärkeren Maße als früher für das Erlernen, die Nutzung und die Weitervermittlung des Niederdeutschen verantwortlich.

Der hier skizzierte Wandel der Regionalsprache ist zwar vor allem in Hinblick auf die Entwicklung des Niederdeutschen in seinen Grundzügen bekannt, aber von der Forschung bislang noch nicht hinreichend untersucht worden. Die Forschungslage zu den regionalen Varietäten in Mecklenburg-Vorpommern ist, trotz einer vergleichsweise weit zurückreichenden Forschungstradition sowie aufschlussreicher Einzelstudien und Forschungsprojekte in den vergangenen Jahren, immer noch als unzureichend zu bezeichnen.22 Ältere Arbeiten des 20. Jahr←11 | 12→hunderts fokussieren die neuniederdeutschen Dialektvarietäten in Mecklenburg und Vorpommern unter dialektgeographischen23 sowie unter strukturellen, vor allem lautlichen Gesichtspunkten.24 Soziolinguistische Arbeiten zur Verwendung und Bewertung des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprachen im Norden der DDR25 sowie Untersuchungen zu dialektal-hochdeutschen Sprachkontakten und Sprachmischungen26 liegen seit den 1970er Jahren vor. Auch die Dialektlexikographie kann mit dem Mecklenburgischen und dem Pommerschen Wörterbuch, deren Vorarbeiten bis in das beginnende 20. Jahrhundert zurückreichen, auf eine lange Forschungstradition verweisen. Ähnliches gilt für ethnographische Studien in der Tradition und Nachfolge Richard Wossidlos.27

Aktuelle Studien zur rezenten Entwicklung sowie zum Wandel des regionalsprachlichen Spektrums in Mecklenburg-Vorpommern liegen dagegen nur in vergleichsweise bescheidener Zahl vor. An neueren dialektgeographischen Studien zur Struktur und Verteilung der neuniederdeutschen Mundarten in Mecklenburg-Vorpommern sind die breit angelegten Untersuchungen von Köhncke zum Mecklenburgischen, der Sprachatlas von Herrmann-Winter zum Pommerschen sowie die diachrone Studie von Hansen zum Niederdeutschen auf der Insel Rügen hervorzuheben.28 Die rezente regionale Umgangssprache Vorpommerns am Beispiel von Stralsund fokussiert Kehrein.29 Dialektlexikographisch angelegt sind die Arbeiten von Vollmer, ebenfalls zu den pommerschen Mundarten.30 Über den Stand des Mecklenburgisch-Vorpommerschen in Bezug auf Dialektkompetenz und -gebrauch informiert der bereits angesprochene Sprachzensus aus dem Jahre 2007. Das gesamte regionalsprachliche Spektrum in Norddeutschland von den Basisdialekten bis zu den standardnahen Sprechlagen nimmt das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte, universitätsübergreifende Projekt „Sprachvariation in Norddeutschland“ in den Blick.31 In diesem seit 2008 laufenden Forschungsprojekt, das sowohl die areale Differenzierung der Regionalsprache in Norddeutschland als auch Aspekte der Sprachvariation, des←12 | 13→ Sprachwissens und der Spracheinstellungen untersucht und damit strukturelle, variationslinguistische und perzeptionslinguistische Fragestellungen kombiniert, bilden die Dialektregionen Mecklenburg-Vorpommern und Mittelpommern (Uckermark) zwei der insgesamt 18 Erhebungsareale. Aus dem Zusammenhang dieses Forschungsprojekt ist vor kurzem der erste Band des Norddeutschen Sprachatlasses (NOSA) veröffentlicht worden, der die areale Verteilung und situative Varianz der kennzeichnenden Merkmale des Regiolekts auch für Mecklenburg-Vorpommern und Mittelpommern kartographisch veranschaulicht.32

Fragen der Spracheinstellung gegenüber dem Niederdeutschen und ihrem Wandel in politischen, medialen und laienlinguistischen Diskursen thematisieren die neueren Studien von Arendt.33 Die Dissertation von Scharioth beleuchtet die regionalen Unterschiede in diesen Spracheinstellungen in einem Vergleich von Gewährsfrauen aus den Regionen Holstein, Mecklenburg, Vorpommern und Mittelpommern.34 Mit der Entwicklung der mecklenburgischen Regionalsprache nach 1945 setzt sich auch das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt von Ehlers zur Geschichte der Regionalsprache in Mecklenburg seit 1945 auseinander, zu dem bereits erste Detailstudien vorliegen. Diese thematisieren insbesondere die sprachlichen Folgen der massiven Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen in die Region.35 Zunehmend in den Vordergrund rücken zudem Aspekte der Sprachbildung und Sprachdidaktik mit Bezug auf das Niederdeutsche.36

Eine Schnittstelle zu regionalsprachlichen Problemfeldern bilden ebenso die ethnographischen Forschungsaktivitäten des Wossidlo-Archivs der Universität Rostock, einer ehemaligen Arbeitsstelle der Berliner Akademie der Wissenschaften.37 Mit der 2014 erfolgten Onlinestellung der Sammlungen des mecklenburgischen Volkskundlers Richard Wossidlo38 wurde ein frei zugängliches Feldforschungsdaten-Repositorium („WossiDiA“) geschaffen, das über klassisch-volkskundliche Quellen hinaus auch semantische und soziolinguistische Gruppierungen von Sprachmaterial, Hinweise über Sprachverwendungssituationen sowie die Zettelkästen für das Mecklenburgische Wörterbuch präsentiert.39 ←13 | 14→

Fragen des rezenten Wandels der Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern stehen auch im Mittelpunkt des vorliegenden Sammelbandes. Er vereint Beiträge von Linguistinnen und Linguisten, die Aspekte der Entwicklung, des Gebrauchs sowie der Bewertung und Vermittlung bzw. Förderung dialektaler und regiolektaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Gleichzeitig bildet der Sammelband den Auftakt der neu gegründeten wissenschaftlichen Publikationsreihe „Regionalsprache und regionale Kultur. Mecklenburg-Vorpommern im ostniederdeutschen Kontext“. Ziel dieser Publikationsreihe ist es, einerseits die bislang disparate Forschung zur Sprache und Kommunikation in dieser norddeutschen Region erstmals zusammenzuführen und auf einem gemeinsamen Forum fortlaufend zu präsentieren. Generell stehen hierbei das Gesamt und die Vielfalt an geschriebenen und gesprochenen Ausprägungen regionaler Sprache und Kommunikation im Mittelpunkt des Interesses. In diesem Sinne steht die Reihe nicht allein dialektologischen und regiolektalen Studien im engeren Sinne als Publikationsplattform offen, sondern ebenso linguistischen Untersuchungen zu fachsprachlichen, sondersprachlichen sowie sozio- und ethnolektalen Varietäten, die für das regionale kommunikative Gefüge Relevanz besitzen.

Die Reihe will andererseits die Zusammenhänge zwischen Entwicklungen im regionalsprachlichen Bereich und den Entwicklungen in anderen Bereichen der regionalen Kultur Mecklenburg-Vorpommerns herausstellen und dabei ein Untersuchungsfeld von historischen Formen der mecklenburgisch-vorpommerschen Volkskultur bis hin zu gegenwärtigen Trends der regionalen Alltagskultur und Populärkultur oder auch zu Entwicklungen in der regionalen Literatur aufspannen. Zu beobachten wäre etwa, ob sich parallel zum oben angesprochenen Wandel des Niederdeutschen von einer Kommunikationssprache zu einer Identifikationssprache auch in anderen Bereichen der Regionalkultur ein ähnlicher Funktionswandel abzeichnet. Korrespondiert den historischen Verschiebungen im komplexen Gefüge der mecklenburgisch-vorpommerschen Regionalsprache ein Strukturwandel auch in anderen Feldern der regionalen Kultur? Generell soll der fokussierte Blick auf Mecklenburg-Vorpommern, von dem unsere Reihe ihren Ausgang nimmt, die Frage nach der sich verändernden Rolle von Regionalität in den modernisierten Gesellschaften exemplarisch und empirisch zentriert ‚auf den arealen Punkt bringen‘.

Der regionale Horizont der Reihe liegt zunächst zwar auf Mecklenburg-Vorpommern, wird aber den umfassenden Kontext der ostniederdeutschen←14 | 15→ Sprachregionen ebenso wie die weitgespannten kulturellen Beziehungen des Landes zum Ostseeraum berücksichtigen und in vergleichender Perspektive einbeziehen. Mecklenburg-Vorpommern fungiert hierbei als Bezugsraum unter dreifacher Perspektive: erstens sprachlich, zweitens historisch-politisch und drittens kulturell. Als Erscheinungsform soll die Reihe sowohl einschlägige Monographien als auch thematisch fokussierte Sammelbände in teilweise wechselnder Gastherausgeberschaft umfassen.

Der vorliegende Sammelband ist als Einführung in aktuelle Probleme und Ergebnisse der Dialekt- und Regionalsprachenforschung zum mecklenburgisch-vorpommerschen Raum und zugleich als Hinführung zu den sprachwissenschaftlichen Themenbereichen der nachfolgenden Reihentitel angelegt. Im Fokus dieses Eröffnungsbandes stehen vor allem die traditionellen mecklenburgischen und pommerschen Dialekte, die sowohl aus struktureller und verwendungsbezogener als auch aus didaktischer Perspektive betrachtet werden. Damit greift der Eröffnungsband zwei Themenbereiche auf, die im Zentrum der aktuellen Forschungsdiskussion stehen. Die Beiträge präsentieren Detailstudien sowie ausgewählte Ergebnisse umfangreicherer Forschungsvorhaben und -projekte. Sie verdeutlichen mit ihrer thematischen Vielfalt die große Bandbreite der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dialektalen und regiolektalen Sprachformen in Mecklenburg-Vorpommern sowie die Diversität der Fragestellungen und Methoden, mit denen sich linguistische Teildisziplinen wie etwa Dialektgeographie, Variationslinguistik, Soziolinguistik, aber auch Sprachkontaktforschung, Diskurslinguistik und Sprachdidaktik dem Phänomen der Entwicklung und des Gebrauchs der Regionalsprache in der Gegenwart und jüngeren Geschichte Mecklenburgs und Vorpommerns nähern. Angesichts der zunehmenden Verlagerung der Sprachvermittlung auf Bildungsinstitutionen widmet unser Band der Frage des gesteuerten Niederdeutscherwerbs einen eigenen Themenblock. Hier werden unlängst abgeschlossene oder laufende Initiativen und Projekte der Niederdeutschvermittlung in Mecklenburg-Vorpommern vorgestellt, auf ihre institutionellen und motivationalen Rahmenbedingungen befragt und in ihrer Rolle für den Spracherhalt des Niederdeutschen untersucht.

Thematisch gliedern sich die Beiträge des Eröffnungsbandes damit in die zwei Bereiche „Sprachraum, Sprachstrukturen und Sprachgebrauch in der Entwicklung“ und „Förderung und Vermittlung des Niederdeutschen in Bildungsinstitutionen“. Eingeleitet wird der Sammelband von einer Überblicksdarstellung Peter Rosenbergs zur Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern, der auf Basis des aktuellen Norddeutschen Sprachatlasses die rezente Entwicklung der regionalen hochdeutschen Sprachlagen in diesem Bundesland nachzeichnet.←15 | 16→ Der Beitrag bietet zugleich eine kompakte Skizze der bisherigen Forschung zur mecklenburgisch-vorpommerschen Regionalsprache. In einem historischen Rückblick auf das Niederdeutsch im vorpommerschen Raum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts analysiert der Beitrag von Matthias Vollmer sowohl zeitgenössische metasprachliche Äußerungen zum Gebrauch des Niederdeutschen als auch objektsprachliche Daten und gewinnt auf diese Weise Rückschlüsse auf sprachstrukturelle Phänomene wie auch auf das damalige Varietätenspektrum in Vorpommern und auf die Entwicklung einer städtisch geprägten niederdeutschen Prestigevarietät. Die diachronische Entwicklung von Sprachräumen und Sprachstrukturen fokussieren sodann die nachfolgenden Beiträge von Köhncke, Ehlers, Hansen und Vorberger. Dialektgeographisch angelegt ist der Beitrag von André Köhncke zu Entwicklungstendenzen im Wortschatz des Mecklenburgischen, der anhand ausgewählter Beispiele lexikalische Unterschiede innerhalb der mecklenburgischen Dialekte aufzeigt und deren zunehmende Vereinheitlichung unter dem Einfluss des Hochdeutschen sichtbar macht. Klaas-Hinrich Ehlers untersucht in seinem Beitrag „Meihen, meiden, meigen ‚mähen‘“ das phonetische Phänomen der Hiattilgung, deren Entwicklung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beispielhaft für die strukturelle Annäherung des jüngeren mecklenburgischen Niederdeutsch an den hochdeutschen Standard und für den Ausgleich regionaler sprachlicher Besonderheiten in der Dialektlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns steht. Dem strukturellen Wandel des Pommerschen auf der Insel Rügen zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert geht der Beitrag von Martin Hansen nach, der anhand von Datenmaterial (Wenkersätzen) aus dem 19. Jahrhundert und von Sprachaufzeichungen aus den Jahren 1962 und 1963 sowie aus den Jahren 2006 und 2007 die diachrone Annäherung des regionalen Niederdeutsch an das System der hochdeutschen Standardsprache auf verschiedenen Sprachebenen nachweist. Ebenfalls mit den Sprachverhältnissen auf der Insel Rügen beschäftigt sich der Beitrag „Hochdeutsch auf Rügen“ von Lars Vorberger, der am Beispiel der Stadt Bergen den hochdeutschen Teil des regionalsprachlichen Spektrums untersucht und hierfür Aufnahmen von Sprechern aus drei Generationen in unterschiedlichen Gesprächssituationen auf ihre regiolektalen Merkmale analysiert. Einen sprachbiographischen Ansatz verfolgt die Fallstudie von Mona Biemann zum Wandel von Dialektgebrauch und Dialektvermittlung über mehrere Generationsfolgen von Einwohnern der mecklenburgischen Gemeinde Satow.

Breiten Raum nehmen mit den Beiträgen von Mittelstädt, Biedowicz, Fink, Arendt und Reuter Studien zum Thema „Förderung und Vermittlung des Niederdeutschen in Bildungsinstitutionen“ ein. Sie verdeutlichen die steigende Relevanz←16 | 17→ institutioneller Spracherwerbsmöglichkeiten für das Niederdeutsche angesichts sinkender Sprecherzahlen und einer weitgehend ausfallenden Dialektvermittlung durch elterliche Spracherzieher. In den Blick genommen wird die Vermittlung des Niederdeutschen in institutionellen Kontexten in Mecklenburg-Vorpommern, die von der vorschulischen Sprachbildung in regionalen Kindertagesstätten, über die schulische und universitäre Niederdeutschvermittlung bis hin zu den Angeboten zum Niederdeutscherwerb an den hiesigen Volkshochschulen reicht. Ergebnisse eines Pilotprojektes zur vorschulischen Niederdeutschvermittlung in ausgewählten Kindergärten Mecklenburg-Vorpommerns aus dem Jahre 2010/11 referiert der Beitrag von Julia Mittelstädt anhand der Auswertung von Fragebögen, in denen die am Projekt beteiligten Erzieherinnen Auskunft über die jeweiligen sprachlichen Voraussetzungen, Ziele, Methoden und Ergebnisse der dialektalen Spracherziehung in ihren Einrichtungen geben. Mit Aspekten des frühkindlichen dialektalen Zweitspracherwerbs setzt sich auch die Untersuchung von Johanna Biedowicz auseinander, die Verlauf und Ergebnisse einer Studie zur vorschulischen Niederdeutschvermittlung in einem Greifswalder Kindergarten referiert. Aspekte der Niederdeutschvermittlung im schulischen Kontext thematisiert der Beitrag von Anne Fink, die anhand einer exemplarischen Studie am Beispiel der Stadt Greifswald die Umsetzung der Verwaltungsvorschrift „Niederdeutsch in der Schule“ des Landes Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahre 2003 untersucht und dafür Fragebogenerhebungen, narrative Interviews mit Lehrerinnen und Lehrern sowie teilnehmende Beobachtungen auswertet. Niederdeutsch als universitäres Studienfach steht im Mittelpunkt des Beitrages von Birte Arendt, die Formen und Entwicklungen der Niederdeutschlehre an der Universität Greifswald beschreibt und studentische Motivationen für den Erwerb dieser Sprache diskutiert. Abgeschlossen wird der Themenbereich „Sprachförderung und Sprachbildung“ durch den Artikel von Hannah Reuter, die der Frage nachgeht, welchen Beitrag die Volkshochschulen des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur Ausbildung potenzieller Multiplikatoren des Niederdeutschen und damit zu dessen Bewahrung leisten können.

Abgerundet wird der Sammelband schließlich von einer Bibliographie der wissenschaftlichen Forschungsliteratur zur Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern ab 1700, die von Ingrid Schröder begründet wurde und die erstmalig einen Überblick über die bisherige Forschungslage erlaubt, an die mit diesem Eröffnungsband unserer Reihe und ihren Folgetiteln angeknüpft werden soll. Sie verzeichnet Überblicksdarstellungen, Einzelstudien und wissenschaftliche Beiträge, die sich unter verschiedensten Perspektiven mit der Entwicklung und dem aktuellen Stand der neuniederdeutschen Dialektvarianten und der hochdeut←17 | 18→schen regionalen Umgangssprache auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern (und zum Teil darüber hinaus) auseinandersetzen.

Die Drucklegung dieser Publikation wurde ermöglicht durch eine finanzielle Förderung durch den Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern e. V., dem an dieser Stelle herzlich dafür gedankt sei. Eingebunden in die Realisierung des Publikationsprojektes war ebenso die Gesellschaft zur Förderung des Wossidlo-Archivs. Unser spezieller Dank gilt zudem Dr. Christoph Schmitt, Leiter des Instituts für Volkskunde an der Universität Rostock, für seine engagierte Unterstützung dieser Publikation.

Literatur

Arendt, Birte: Niederdeutschdiskurse. Spracheinstellungen im Kontext von Laien, Printmedien und Politik (Philologische Studien und Quellen; 224). Berlin 2010.

Arendt, Birte: „deswegen hab ich mich auch nich getr!AU!t zu sprechen“. Spracheinstellungsmuster und Sprachgebrauch Jugendlicher bezüglich des Niederdeutschen im sozialen Netzwerk »Plattdüütschkring«. In: Muttersprache. Vierteljahresschrift der Gesellschaft für deutsche Sprache (2012), S. 1–25.

Biographische Angaben

Birte Arendt (Band-Herausgeber:in) Andreas Bieberstedt (Band-Herausgeber:in) Klaas-Hinrich Ehlers (Band-Herausgeber:in)

Birte Arendt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Philologie an der Universität Greifswald und Leiterin des Kompetenzzentrums Didaktik des Niederdeutschen. Ihre Forschungsfelder sind Spracheinstellungen, Spracherwerb und Regionalsprachvermittlung im Elementarbereich und in der Schule. Andreas Bieberstedt ist Professor für niederdeutsche Sprache und Literatur an der Universität Rostock. Seine Schwerpunkte sind die Regionalsprachen- und Sprachbiographieforschung sowie die Sprachgeschichte des Niederdeutschen. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem rezenten Wandel des Hamburgischen. Klaas-Hinrich Ehlers ist Privatdozent für germanistische Linguistik an der Freien Universität Berlin. Er ist Mitarbeiter am Norddeutschen Sprachatlas und leitet ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zur Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg.

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Titel: Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern