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Wege zu einer erklärungsorientierten Linguistik im systemtheoretischen Paradigma

Grundlagentheoretische Untersuchungen

von Walther Kindt (Autor:in)
Monographie 314 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Was der Verhaltensbiologie gelungen ist – nämlich die Entwicklung von einer beschreibenden zu einer erklärenden Wissenschaft – das sollte auch Ziel der Linguistik sein. Der Autor zeigt auf, wie sich dieses Ziel im systemtheoretischen Rahmen erreichen lässt. Zunächst ist das Grundlagenproblem unzureichender Begriffsdefinitionen und Testverfahren zu lösen, um zu korrekten Beschreibungen und induktiv abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten zu gelangen. Dadurch lassen sich bereits viele neue Erkenntnisse gewinnen. Sodann kann man für empirisch ermittelte Sachverhalte nach Erklärungen suchen, die auf allgemeinen Prinzipien oder Erwartungen beruhen. Diese Suche ist unter anderem dann zumeist erfolgreich, wenn sie durch Symmetriebrüche und eine konsequente Faktorenanalyse erleichtert wird.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Thematische Einführung
  • 1.1 Einleitung und Motivation
  • 1.1.1 Zur Entwicklung und Situation der Gegenwartslinguistik
  • 1.1.2 Überblick über die behandelten Themen
  • 1.2 Warum braucht die Linguistik eine systemtheoretische Grundlage?
  • 1.2.1 Drei typische Problembeispiele
  • 1.2.2 Zehn systemtheoretisch relevante Eigenschaften von Kommunikation
  • 1.2.3 Aktualgenetische Dynamik als linguistisch zentraler Untersuchungsaspekt
  • 2. Konzepte der Systemtheorie
  • 2.1 Allgemeines über die zugrundgelegte Mengen- und Strukturtheorie
  • 2.1.1 Mengentheoretische Voraussetzungen
  • 2.1.2 Zuordnungen, Relationen, Funktionen, Sequenzen, Strukturen
  • 2.2 Sequenzielle Input-Output-Systeme
  • 2.2.1 Systemdefinition
  • 2.2.2 Weitere linguistisch wichtige Eigenschaften von Systemen
  • 2.2.3 Das Haufenparadox und eine Modellierung von Vagheit
  • 3. Beispiele für Erkenntnisse durch eine empirische Systemerforschung
  • 3.1 Die Suche nach einer versteckten Variablen bei der Ermittlung von Lautgesetzen
  • 3.1.1 Zur Formulierung der Gesetze der ersten Lautverschiebung
  • 3.1.2 Verschiedene Probleme der Lautgesetze-Theorie
  • 3.1.3 Verners Vorgehensweise zur Erklärung rekurrenter Ausnahmen
  • 3.1.3.1 Korpuswahl und Identifizierung der versteckten Variable
  • 3.1.3.2 Ausnahmenerklärung: Das Vernersche Gesetz
  • 3.1.3.3 Ursachen der Verschiebungsunterschiede und Modellentwicklung
  • 3.2 Theoriendynamik am Beispiel von Lautgesetzen und Satzdefinition
  • 3.3 Prinzipien und Einflussfaktoren der Satzgliedabfolge im Deutschen
  • 3.3.1 Die Grundabfolge für direkte und indirekte Objekte im Mittelfeld
  • 3.3.1.1 Die Grundabfolge im Fall einfacher definiter Nominalphrasen
  • 3.3.1.2 Die Grundabfolge bei Verwendung von Personalpronomina
  • 3.3.1.3 Die Grundabfolge im Mischfall: Pronominales vor Nominalem
  • 3.3.2 Abweichende Abfolgen zwecks Verarbeitungserleichterung
  • 3.3.2.1 Das Prinzip der wachsenden Glieder
  • 3.3.2.2 Definites vor Indefinitem
  • 3.4 Beziehungen zwischen Satzgliedabfolge, Akzentuierung und Informationsstruktur
  • 3.4.1 Der Einfluss einfacher W-Fragen auf die Inferenzbildung in den Antworten
  • 3.4.2 Der Einfluss einfacher W-Fragen auf die Satzgliedabfolge in den Antworten
  • 3.4.3 Einfache W-Fragen und der Einfluss der zugehörigen Akzentsetzung in den Antworten
  • 3.4.4 Strukturänderungen durch eine prädikative Hervorhebung von Konstituenten
  • 3.4.5 Lösung der Paraphrase-, Präsuppositions-, Hervorhebungs-und Verknüpfungsfrage
  • 3.4.6 Die verschiedenen semantischen Funktionen von Gradpartikeln
  • 3.4.7 Eigenschaften der Satzgliednegation
  • 3.4.8 Überprüfung weiterer Faktoren: Textkohärenz und Satzgliedkoordination
  • 3.4.9 Neue Erkenntnisse über Gappingkonstruktionen
  • 3.5 Eine integrierte Methodenkonzeption
  • 3.5.1 Korpuserstellung und qualitative Analyse
  • 3.5.2 Quantitative Korpusanalyse
  • 3.5.3 Experimentelle Untersuchung
  • 3.5.4 Mathematische Modellbildung
  • 3.5.5 Evaluation und Simulation
  • 4. Die synchrone Linguistik aus systemtheoretischer Perspektive
  • 4.1 Zum Stellenwert bisheriger linguistischer Forschungsansätze
  • 4.1.1 Überblick über einige theoretische und empirische Ansätze in der Syntaxforschung
  • 4.1.2 Methoden des Strukturalismus, Anwendungsprobleme und Lösungen
  • 4.1.3 Anmerkungen zu theoretischen Ansätzen in der linguistischen Semantik
  • 4.1.4 Relevante Untersuchungsaspekte in Pragmatik und Kommunikationsanalyse
  • 4.2 Systemtheoretische Linguistik als sukzessiv zu entwickelndes Paradigma
  • 4.2.1 Zum Gegenstandsbereich
  • 4.2.2 Fragestellungen und Ziele
  • 4.2.3 Hintergrundtheorien
  • 4.2.4 Relevante Methoden
  • 4.3 Diskussion typischer Fragestellungen, Ziele und Vorgehensweisen
  • 4.3.1 Gliederungssignale als effizientes Mittel der Strukturbildung
  • 4.3.2 Weitere Funktionen der Nachfeldbesetzung
  • 4.3.3 Zur Untersuchung dynamischer Aspekte von Sprachverarbeitung
  • 5. Zeichentheorie
  • 5.1 Zur Explikation des Zeichenbegriffs
  • 5.2 Der bilaterale Zeichenbegriff von de Saussure
  • 5.3 Was sind sprachliche Zeichen?
  • 5.4 Unterschiedliche Zeichentypen und erforderliche theoretische Grundlagen
  • 5.5 Kommunikative Funktionen der Zeichenverwendung
  • 5.6 Zur Dynamik von Zeichenproduktion und -rezeption
  • 6. Grammatische Verarbeitung und ihre Dynamik
  • 6.1 Segmentierungsaufgaben bei der Rezeption
  • 6.1.1 Segmentierung in Wörter und Sätze
  • 6.1.2 Zur Relevanz morphologischer Zerlegungen
  • 6.1.3 Zerlegung in Laute oder Buchstaben bzw. in Phoneme oder Grapheme
  • 6.2 Satzglieder und die grammatische Kategorisierung ihrer Konstituenten
  • 6.2.1 Wortartbestimmung
  • 6.2.2 Die Kategorisierung von elementaren Phrasen und Satzgliedern
  • 6.3 Zur Durchführung der Verknüpfungsaufgabe
  • 7. Verknüpfungsdynamische Probleme und ihre Lösung
  • 7.1 Mehrdeutigkeit beim PP-Attachment
  • 7.2 Diskontinuierliche Verknüpfungen
  • 7.3 Gruppierungsprobleme
  • 7.4 Die Wahl der Valenzverknüpfung
  • 7.4.1 Genetivattribute
  • 7.4.2 Die Verknüpfung präpositionaler Satzglieder mit Verben
  • 7.4.3 Verknüpfungseigenschaften von Subjekt und Dativobjekt
  • 8. Kurze abschließende wissenschaftslogische Diskussion
  • 8.1 Kompetenz-oder Performanzlinguistik?
  • 8.2 Geschriebene oder gesprochene Sprache?
  • 8.3 Lassen sich linguistische Begriffe nicht genau definieren?
  • 8.4 Warum werden manche Hypothesen nicht überprüft?
  • 8.5 Wieviel interdisziplinären Austausch braucht die Linguistik?
  • Literaturangaben

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Vorwort

Die vorliegende Monographie setzt die Analysen und Überlegungen einer früheren Bestands aufnahme der Wissenschaftsentwicklung der Linguistik fort (vgl. Kindt 2010). Die damalige Kritik an gängigen, in linguistischen Lehrbüchern dargestellten Theorien und Methoden soll jetzt vertieft, und durch Vorschläge ergänzt werden, wie sich vorhandene Probleme in einem systemtheoretischen Rahmen beheben lassen, der zudem zentrale dynamische Aspekte von Sprache und Kommunikation erfasst. Ausgangspunkt der Diskussion ist der Umstand, dass es in den vergangenen 50 Jahren trotz des sog. Linguistikbooms nicht gelang, bestimmte wichtige Grundlagenfragen zu klären und eine Forschungskonzeption zu entwickeln, die der Theoriendivergenz in manchen Teilgebieten entgegenwirkt, die durchweg empirisch zuverlässige Erkenntnisse liefert und die in stärkerem Maße als bisher kausale und funktionale Erklärungen für relevante kommunikative Phänomene von Sprachverarbeitung und Strukturbildung ermöglicht. Deshalb wird hier erneut an verschiedenen, hauptsächlich satzlinguistischen Forschungsthemen aufgezeigt, welche theoretischen und methodischen Probleme man lösen muss, warum hierfür eine systemtheoretische Konzeption zweckmäßig ist und wie sich geeignete Problemlösungen finden lassen. Als empirische Grundlage für die Beleg-und Illustrationsbeispiele dient jeweils das Deutsche. Zugleich wird allgemeines linguistisches Lehrbuchwissen als bekannt vorausgesetzt und teilweise auf verschiedene in früheren Arbeiten entwickelte Modellierungsansätze zurückgegriffen, an denen sich die Vorteile einer wissenschaftslogisch und systemtheoretisch fundierten Vorgehensweise für die Erforschung wichtiger und bisher nur ungenügend erfasster Phänomene zeigen. In diese Ansätze sind auch die Ergebnisse verschiedener und an der Universität Bielefeld durchgeführter Forschungsprojekte eingegangen. Insgesamt gesehen verbinde ich mit der vorliegenden Monographie den Wunsch, dass die Linguistik in ihren verschiedenen Aufgabenfeldern eine effizienter agierende und gesellschaftlich erfolgreichere Wissenschaft wird, als sie m.E. gegenwärtig ist.

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Dankesworte wären an dieser Stelle eigentlich vielen Fachkollegen/innen zu sagen, die insbesondere in der Anfangsphase meiner Tätigkeit in der Linguistik wichtige Gesprächspartner für mich waren. Explizit bedanken möchte ich mich diesmal besonders bei meiner Frau, die viel Verständnis für mein wissenschaftliches Engagement und den dafür erforderlichen Zeitaufwand aufbringen musste. Zudem ist es nicht immer leicht nachvollziehbar, dass sich Linguisten/innen auch mit syntaktischen und semantischen Detailfragen z.B. bestimmter grammatischer Konstruktionen beschäftigen, die auf den ersten Blick für die Alltagskommunikation irrelevant zu sein scheinen, weil man sie dort problemlos verwendet. Trotzdem ist diese Beschäftigung eine notwendige Grundlage für den Gewinn neuer Erkenntnisse über das Potential und die komplexen dynamischen Eigenschaften natürlichsprachiger Kommunikation.

Besonders dankbar bin ich schließlich auch dafür, dass ich aufgrund der interdisziplinären Ausrichtung der Universität Bielefeld und ihrer Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft die Möglichkeit zu einer breit gestreuten Forschung und Lehre hatte. Das war eine wichtige Grundlage für viele der in dieser Monographie dargestellten Untersuchungsergebnisse und für die Entwicklung neuer Modellierungsvorschläge.

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1.Thematische Einführung

1.1Einleitung und Motivation

Vor etwa 50 Jahren begann für die Sprachwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland eine bemerkenswerte Phase des Aufbruchs, die auch „Linguistikboom“ genannt wurde und an deren Anfang 1966 u.a. die Einrichtung des überregionalen Linguistischen Kolloquiums stand. Die Teilnehmer des ersten Kolloquiums, junge Wissenschaftler/innen und Studierende aus den Philologien, waren mit dem dortigen Arbeitsstil von „unkritischer Faktenhuberei und schöngeistigen Spekulationen“ unzufrieden und wollten ihm das Ziel entgegensetzen, „zu exakten und empirisch überprüfbaren Aussagen zu kommen“ (vgl. Kürschner 1976: 3– 4). Ausgangspunkt für den Linguistikboom war der Umstand, dass die Forschungsergebnisse u.a. von Chomsky (1965), Montague (1970) und Searle (1969) neue Entwicklungsperspektiven insbesondere für die Bereiche von Syntax, Semantik, Pragmatik und Kommunikationsanalyse versprachen. Das motivierte eine starke Verlagerung der Aktivitäten in Forschung und Lehre von der traditionellen und von der historischen Sprachbetrachtung hin zu einer relativ systematisch vorgehenden synchronen Linguistik. Zugleich wurden an den Universitäten entsprechend nominierte Stellen eingerichtet. Schon 1971/72 förderten Kultusministerien und Volkshochschulen einiger Bundesländer das verstärkte Interesse an dieser Art der Linguistik mit dem Fortbildungsangebot „Funkkolleg Sprache. Eine Einführung in die moderne Linguistik“, das immerhin 16.950 Teilnehmer/innen hatte und dessen schriftliche Version auch lange als universitärer Einführungstext diente. Sehr schnell wurden zudem Inhalte und Terminologien neuerer Grammatiktheorien in Schulbücher übernommen und im Bundesland Nordrhein-Westfalen war sogar ursprünglich geplant, Linguistik als Schulfach einzuführen. Insgesamt gesehen war man angesichts der erhofften forschungs-und gesellschaftspolitischen Relevanz der neu konzipierten Sprachwissenschaft sehr euphorisch gestimmt. Zum Beispiel hieß es im Klappentext der 1973 in dritter Auflage erschienenen deutschen Übersetzung „Einführung in die moderne Linguistik“ des Buchs von Lyons (1968):

Die Linguistik ist für die meisten Wissenschaftsgebiete und für die Praxis vieler Berufe in einem Maße bedeutsam geworden, das man sich noch vor einem Jahrzehnt nicht hat vorstellen können. Literaturwissenschaftler und Historiker, Psychologen und Anthropologen, Soziologen und Politologen, Juristen und Naturwissenschaftlersie alle müssen sich heute mit Fragen der Sprachwissenschaft auseinandersetzen.

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Diese Einschätzung war seinerzeit natürlich eine bloße Wunschvorstellung oder eine zu Werbezwecken formulierte Übertreibung. Trotzdem kann man fragen, was aus dem Linguistikboom in Deutschland geworden ist und welchen gesellschaftlichen Stellenwert die Linguistik heute hat. Auf diese Frage soll im Folgenden näher eingegangen werden.

1.1.1Zur Entwicklung und Situation der Gegenwartslinguistik

Wenn man die zitierte Klappentext-Aussage als Prognose liest, dann wäre immerhin denkbar, dass die Forschungsergebnisse der Linguistik mittlerweile auf ein ähnliches Interesse in der Öffentlichkeit stoßen wie die Resultate z.B. aus Biologie, Politologie und Psychologie, dass in bestimmten Praxisfeldern schon maßgeblich von linguistischen Erkenntnissen zur Verbesserung von Kommunikation Gebrauch gemacht wird und dass ein intensiver Informationsaustausch mit den im Klappentext genannten Wissenschaften besteht. All das trifft m.E. nicht zu. Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Kontakte zu Informatik, Literaturwissenschaft, Logik, Psychologie und Soziologie. Auch an linguistischen Untersuchungsergebnissen zur Lösung kommunikativer Probleme in Alltag und Beruf mangelt es nicht. Trotzdem ist der Einfluss der Linguistik auf ihre Nachbardisziplinen und auf gesellschaftlich relevante Diskussionen bisher relativ gering geblieben. Das gilt sogar für die Bemühungen um eine Lösung der sprachwissenschaftlichen Probleme bei der umstrittenen Rechtschreibreform. Schließlich wird auch in den Medien insgesamt gesehen nur selten über Erkenntnisse aus der Linguistik berichtet und erfahrungsgemäß gelingt es Linguisten/innen nur gelegentlich, eigene Forschungsergebnisse zu aktuellen Themen in Zeitungen, Magazinen oder in Funk und Fernsehen unterzubringen.

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Eine seltene und zugleich problematische Ausnahme von der geringen medialen Präsenz machte im Jahr 2017 das vieldiskutierte Buch „Politisches Framing. Wie sich eine Nation ihr Denken einredet – und daraus Politik macht.“, in dem die Linguistin Elisabeth Wehling (2016) u.a. die aus einem Experiment unzulässig abgeleitete These aufstellte, für menschliches Denken und Entscheiden sei entgegen landläufiger Meinungen nicht rationales Argumentieren über Fakten ausschlaggebend, sondern ausschließlich der Einfluss sprachlich evozierter latenter Deutungsrahmen (Frames) (vgl. S. 45 und 46). Diese in ihrer Monokausalitätsannahme empirisch leicht zu widerlegende und auf Unkenntnis der Resultate der linguistischen Argumentationsforschung beruhende These war in den Medien vermutlich deshalb so erfolgreich, weil sie einige für die sog. ‚postfaktischen‘ Zeiten typische politische Phänomene plausibel zu erklären schien (wie z.B. die Wirkung von Kampfbegriffen wie Lügenpresse) und das betraf auch die zumeist unerwartete Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. Genauso fragwürdig wie Wehlings These war die Anwendung des Framingansatzes in einem 2017 von Wehling für die Arbeitsgemeinschaft öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten (ARD) erstellten internen Gutachten. Dieses sog. Framing-Manual „Unser freier, gemeinsamer Rundfunk ARD“ wurde nach einer bereits laufenden politischen Debatte über einzelne problematische Textstellen am 17.2.2019 auf dem Blog „Netzpolitik.org“ vollständig veröffentlicht und dadurch genauer diskutierbar. In dem Manual macht Wehling u.a. sehr viele Formulierungsvorschläge, mit denen die ARD ihre ‚Gemeinwohlorientierung‘ als moralisch positive Eigenschaft hervorheben und sich gegen kommerzielle Privatsender abgrenzen könne. Insbesondere von dem Vorschlag, diese Sender „medienkapitalistische Heuschrecken“ zu nennen (S. 22), distanzierte sich die Generalsekretärin der ARD noch am 17.2.19 in einer Presseerklärung. Außerdem spielte sie die Bedeutung des Manuals mit der Aussage herunter, es sei lediglich eine nicht als Handlungsanweisung zu verstehende Diskussionsgrundlage, sondern diene in ARD-internen Workshops nur dazu, Mitarbeiter/innen bei medienpolitischen Themen „für den verantwortungsvollen Umgang mit Sprache zu sensibilisieren“. Allerdings ändert diese Rückstufung der Relevanz des Manuals nichts daran, dass Wehling wichtige Sachverhalte stark verkürzt oder sogar falsch darstellt und dass ihre Aussagen teilweise ‚schönfärberisch‘ sind. Das mögen folgende drei Beispiele belegen. Erstens behauptet Wehling mehrfach, Infrastruktur und Programmgestaltung der ARD seien demokratisch legitimiert und durch die Beteiligung von Bürger/innen geprägt (vgl. S. 46, 50, 56, 61). Tatsächlich besitzen die Bürger/innen jedoch kaum direkte Möglichkeiten einer Einflussnahme auf Personalentscheidungen, Sendungsauswahl und Sendezeiten der ARD. Zweitens postuliert die Autorin: Die zugehörige „demokratischmediale Infrastruktur […] richtet sich aus an dem Anspruch der Bürger auf gute Information und bildende und sinnstiftende Unterhaltung und Kultur […]“ (S. 28). Kann man den Unterhaltungssendungen in der ARD denn wirklich generell bescheinigen, sie seien bildend und sinnstiftend? Noch gravierender ist drittens, dass Wehling einige, von ihr offensichtlich nicht genauer linguistisch überprüfte Behauptungen über den Aufruf von Frames durch bestimmte Wörter aufstellt. So handelt es sich z.B. bei dem Frame, der im Zusammenhang mit Rundfunk-oder Fernsehprogrammen durch das Wort Angebot aktiviert wird, nicht zwangsläufig um die Konstellation eines Verkaufs „von Ware gegen Geld“, der „Anliegen und Handlungen der ARD unmoralisch“ machen würde (vgl. S. 14). Denn sonst wäre es z.B. auch unangemessen, an Universitäten vom jeweiligen Studien-und Lehr-bzw. Veranstaltungsangebot zu sprechen.

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Trotz dieses Negativbeispiels bildet die politische Kommunikation einen der wenigen Bereiche, in denen die linguistische Expertise zu aktuellen Themen neben den Einschätzungen aus anderen Wissenschaften, also in diesem Fall aus Politologie und Rhetorik, manchmal schon öffentlich erfolgreich waren und gelegentlich sogar medial gefragt sind. Oft wird dann aber erwartet, dass man kurzfristig eine Analyse der kommunikativen Besonderheiten der betreffenden Sachverhalte anbieten kann. Ein mich selbst betreffendes Beispiel dieser Art bildete am 16.11.1995 eine Anfrage der Journalistin Doris Köpf (der späteren Ehefrau des Politikers Gerhard Schröder), die seinerzeit für das Ressort Innenpolitik des Magazins FOCUS tätig war. Am Vormittag des 16.11. hatten die Delegierten des SPD-Parteitags in Mannheim den damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine trotz fehlender Bewerbung und für politische Beobachter überraschend mit großer Mehrheit zum neuen Parteivorsitzenden gewählt und den zuletzt glücklos agierenden Rudolf Scharping von diesem Posten abgelöst. Grund für diese Wahl war offensichtlich eine Rede von Lafontaine am Vortag, mit der er die Delegierten begeistert hatte und die einige Parteifreunde dazu veranlasste, ihn zu einer Kandidatur für den Parteivorsitz aufzufordern. Aber mit welchen rhetorischen Mitteln hatte Lafontaine in seiner Rede diese Wirkung erreicht? Das wollte Frau Köpf für die Ausgabe des FOCUS am 20.11. genauer wissen und deshalb sollte ich ihr zur Erklärung von Lafontaines Wahl bis zum Abend des 17.11. entsprechende Ergebnisse einer Redeanalyse zuschicken. Tatsächlich konnte ich mit linguistischen Methoden am Wortprotokoll der Rede nachweisen, dass Lafontaine zwei, nicht ohne weiteres in ihrem Zusammenhang erkennbare Strategien angewendet hatte, um sich als Nachfolger von Scharping zu empfehlen. Einerseits sollte er in seiner Rede eigentlich nur über die Arbeit einer Antragskommission berichten. Zusätzlich beschäftigte er sich aber im Stil einer Beratungsrede maßgeblich mit der Frage, wie die SPD ihre damalige Krise durch ein offensives Vertreten bestimmter Visionen und positiv besetzter Ziele überwinden könne. Andererseits fehlte im Schlussteil der Rede der rhetorisch erwartbare Aufruf zum Handeln. Stattdessen formulierte Lafontaine mit der Abschlussäußerung

Ihr seht also, liebe Genossinnen und Genossen [], es gibt noch Politikentwürfe, für die wir uns begeistern können. Wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern.

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eine Gesetzmäßigkeit zu der Frage, wie sich bei Menschen die wünschenswerte Begeisterung erzeugen lässt. Die Delegierten sollten also selbst die folgende, von Lafontaine nicht verbalisierte, aber implizit nahegelegte Inferenz (Schlussfolgerung) ziehen: Als nächster Parteivorsitzender eigne sich besonders gut jemand, der (wie er und anders als Scharping) mit seiner eigenen Begeisterung für die politischen Ziele der SPD auch andere Menschen begeistern könne. Lafontaine selbst war die Anwendung dieser Inferenzstrategie laut einer persönlichen Mitteilung auf meine Anfrage hin auch bewusst. In Kurzfassung wurden meine Analyseresultate dann im FOCUS wiedergegeben. Eine ausführliche Version dieser Analyse und ihrer Erklärung für die Wahl Lafontaines erschien später in der Frankfurter Rundschau (vgl. Kindt 1995a, b).

Biographische Angaben

Walther Kindt (Autor:in)

Walther Kindt war 35 Jahre als Logiker und Linguist an der Universität Bielefeld tätig. Seine aktuellen Forschungsgebiete sind: Grundlagen der Linguistik, Grammatiktheorie, Semantik und Argumentationsanalyse.

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Titel: Wege zu einer erklärungsorientierten Linguistik im systemtheoretischen Paradigma