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Rassismus in Geschichte und Gegenwart

Eine interdisziplinäre Analyse. Festschrift für Walter Demel

von Ina Ulrike Paul (Band-Herausgeber:in) Sylvia Schraut (Band-Herausgeber:in)
©2018 Sammelband 412 Seiten

Zusammenfassung

Rassismus als Ideologie der Ausgrenzung funktioniert transnational, interkulturell, global. Die gesellschaftliche Aktualität und Relevanz des Themas ist unbestritten. Biogeographischer Rassismus geht nicht selten mit Antisemitismus, Antifeminismus oder neuerdings Rechtspopulismus enge Verbindungen ein. Diese Verschränkung des Rassismus mit anderen „-ismen" der Moderne veranschaulicht die Interdisziplinarität der Beiträge in diesem Buch. Sie liefern einen weitgefächerten Überblick über die Ansätze und Methoden der Kultur- und Sozialwissenschaften im Umgang mit dem Forschungsthema „Rassismus". In Fallbeispielen werden die „Grundlagen des rassistischen Denkens" dargestellt und mit systematischem Zugriff der „Rassismus in seiner Verschränkung" bearbeitet.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Abstract
  • Zusammenfassung
  • Résumée
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Grundlagen des rassistischen Denkens
  • „It’s not evil, just sad“. Anti-Rassismus und Literarische Ethik im Werk von Toni Morrison
  • Wissenschaft und Weltanschauung: Max von Gruber
  • Paul Anton de Lagardes Rassismus
  • Reise zum Rassismus? Distanzierungskategorien in Francis Galtons Bericht aus Südwestafrika
  • „Sündenbockabschlachtungen sind sehr bequeme Operationen“ Die Stimme einer bayerischen Adeligen zum Antisemitismus in der Prinzregentenzeit
  • Race and the Processing of Information in Kant
  • David Hume und der Rassismus des 18. Jahrhunderts. Überlegungen zu einem vermeintlichen Normenkonflikt zwischen „Humeschen Gesetzen“
  • The Roots of Racial Constructions: German Physicians and Their Two-Century Quest for the Japanese Origins
  • Rassismus in der Verschränkung
  • Warum die Chinesen bunt sind. Überlegungen zur Identität Chinas
  • Musik als „ordnungsstiftendes Element“ in der südamerikanischen Jesuitenmission im 18. Jahrhundert
  • Ludwig Langemann: Kampf gegen weibliche Berufskonkurrenz in der Schule, Antifeminismus und Antisemitismus in der Verschränkung
  • Eugenik in Deutschland und den Vereinigten Staaten, c.1900 bis 1933
  • Nelson Mandela und der Sieg über die Apartheid. Rassismus als narratives Thema im Erinnerungsfilm
  • „All’s Well That Ends Well?“ Zum Verbot der Rassendiskriminierung im Völkerrecht
  • Face The Thing That Should Not Be: Rassismus in Theorie und Praxis der Internationalen Beziehungen
  • Staatsbürger und Studierende in Uniform
  • Verzeichnis der AutorInnen
  • Es gratulieren herzlich

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Ina Ulrike Paul und Sylvia Schraut

Vorwort1

Ein japanischer Doktorand und sein akademischer Betreuer sitzen gemeinsam zu Tisch. Der Hochschullehrer äußert seine Freude darüber, dass der allein in eine ihm unvertraute Umgebung gekommene Doktorand binnen kurzem Studienfreunde gefunden und in den letzten Wochen zusätzlich zu einem Landsmann engeren Kontakt geknüpft hätte. Der Doktorand ist ratlos. Wen der Professor denn meine? Einen Landsmann? Wüsste er jetzt nicht. Aber sie hätten doch Anfang der Woche in der Cafeteria gemeinsam Tee getrunken und er hätte kurz mit ihnen gesprochen, insistiert der Professor. Ach so, Sie meinen den Österreicher! antwortet der Student.

Schon oft wurde diese wahre Begebenheit erzählt, wenn es um den „kleinen“ oder Alltagsrassismus ging, den Rassismus selbst derer, die sich für einigermaßen vorurteilsfrei und ganz gewiss für nicht rassistisch halten. „Wie rassistisch bin ich selbst?“, fragte vor solchem Hintergrund eine Radiosendung des Deutschlandfunks Kultur im Mai 2018.2 Sie bildete den Auftakt zahlreicher Diskussionsrunden und Besprechungen, die sich kritisch interessiert mit der gelungenen Sonderausstellung des Dresdner Hygiene-Museums „Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen“ auseinandersetzten, in der es um den Rassismus als „menschenfeindliche Ideologie und gleichzeitig […] alltägliche Praxis“ geht.3 Der gesellschaftlich geächtete Begriff der Rasse und die wissenschaftlichen ←13 | 14→Rassismus-Theorien, deren Komplexität die einschlägige Forschung und die zugehörigen Diskussionsrunden betonen, scheinen sich von dem praktizierten neuen (Alltags-)Rassismus rechtspopulistischer Parteien getrennt zu haben. Diese fordern im Zeichen der globalen Fluchtbewegungen die „Zählung“ bestimmter Bevölkerungsgruppen, bringen vorsätzlich falsch interpretierte Kriminalitätsstatistiken in Stellung oder lassen in bewussten sprachlichen Grenzüberschreitungen in den Parlamenten Europas – und selbst im Europaparlament – ihren Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus paradieren.4 Es geht ihnen darum, eine inexistente Einheit der „Eigenen“, der angeblich einen und gleichen nationalen Bevölkerung, gegen jedwede „Andere“ in Stellung zu bringen und deren politische, soziale und kulturelle Unterschiede zu den „Eigenen“ als unüberwindliche Hindernisse für ein demokratisches Zusammenleben in Frieden und Freiheit zu postulieren. Genau in diesem Sinne äußert sich derzeit die Ausgrenzungskampagne gegenüber den nach Europa Flüchtenden.

Die gesellschaftliche Aktualität und Relevanz des Themas „Rassismus“ begründet die Entstehung des vorliegenden Bandes jedoch nicht alleine. Sie verbinden sich vielmehr mit einem individuellen, ebenso aktuellen wie bedeutsamen Anlass: Unser Kollege und Freund Walter Demel feierte 2018 seinen 65sten Geburtstag; er wird Ende des Jahres seine hauptamtliche Tätigkeit als Forscher und akademischer Lehrer an der Universität ←14 | 15→der Bundeswehr München aufgeben (selbstverständlich nicht sein weiteres Engagement als Privatgelehrter). Walter Demel hat im Laufe seines Historikerlebens vielfältige Forschungsinteressen entwickelt – u.a. im Bereich der bayerischen Landesgeschichte und der europäischen Adelsforschung oder in der Globalgeschichte der Frühen Neuzeit. Im letzten Jahrzehnt verstärkte er sein Engagement in der historischen Rassismus-Forschung. Dieses Interesse hatte sich schon vor einigen Jahrzehnten abgezeichnet. 1992 legte der Jubilar einen viel zitierten Beitrag vor, der sich damit auseinandersetzte, wie „die Chinesen gelb“ wurden.5 Zwei Jahrzehnte später mündeten diese einschlägigen Forschungen in zwei umfassenden Tagungsbänden, die er zusammen mit Rotem Kowner publizierte.6 Die Chance, ein Forschungsgebiet Walter Demels mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen verbinden zu können, bewog die Herausgeberinnen, interessierte Freundinnen und Freunde, Kollegen und Kolleginnen des Jubilars aus der Frühneuzeitforschung, aus dem erweiterten Historiker- sowie dem interdisziplinären Kollegenkreis an der Universität der Bundeswehr München um einen Beitrag zu einer Festschrift zu „Rassismus in Geschichte und Gegenwart“ zu bitten. Die Beiträge des Bandes zeigen, wie umfassend das Thema Rassismus heute die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften bewegt.

Um eine intertextuelle Verzahnung der Beiträge zu ermöglichen, wurden die Autorinnen und Autoren um die Beantwortung von Leitfragen gebeten. So wurde zunächst nach dem verwendeten Rassismus-Begriff und seiner konkreten Bedeutung in der gewählten Thematik gefragt. Erbeten war ferner eine Einbettung des ausgeführten Exempels in die Entwicklungsgeschichte des Rassismus und die Politik- bzw. Kulturgeschichte der zugehörigen historischen Epoche. Schließlich interessierte angesichts der interdisziplinären Ausrichtung des Bandes der Stellenwert ←15 | 16→von Überlegungen zum Rassismus im jeweiligen wissenschaftlichen Fachgebiet. Wie intensiv die Beiträgerinnen und Beiträger zu dieser Festschrift für Walter Demel sich Gedanken über die Leitfragen gemacht und sie eingehend beantwortet haben, bezeugen ihre hier vorgelegten Aufsätze. Sie weisen vielfältige Bezüge und gemeinsame Schnittstellen auf und ermöglichen in ihrer Gesamtheit eine Reihe grundlegender Überlegungen zum Themenkomplex Rassismus.

Geschichte und Gegenwart zeigen, dass Rassismus, eine auf Ausgrenzung zielende Ideologie, alle Grenzen überschreitet und transnational, interkulturell, ja global funktioniert. Rassismus-Begriffe und -Definitionen werden aktuell in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen von der Anthropologie über die Biologie, Historiographie, Philosophie, Politologie, Rechtswissenschaft, Soziologie bis hin zur Zoologie diskutiert. Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die an diesem Band beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entweder in Fallbeispielen mit den „Grundlagen des rassistischen Denkens“ oder wählen einen systematischen Zugriff auf „Rassismus in seiner Verschränkung“. So wird eine Verbindung zwischen der Akteursebene des Rassismus und den Schnittstellen zu anderen gesellschaftspolitischen und kulturellen Handlungsräumen geschaffen. Die Interdisziplinarität der Festschrift-Beiträge veranschaulicht zudem die Verschränkung des Rassismus mit zahlreichen anderen „-Ismen“ der Moderne. Nicht selten gehen beispielsweise Rassismus, Biologismus und Kolonialismus mit Sexismus, Antifeminismus und neuerdings Rechtspopulismus enge Verbindungen ein. Erinnert sei aus aktuellem Anlass auch an die „Kopftuchmädchen und alimentierte[n]‌ Messermänner und sonstige[n] Taugenichtse“ oder die „barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden“7, die derzeit in den einschlägigen Medien und Newsgroups die weiße Frau und die Vormachtstellung des weißen Mannes gegenüber „seiner“ weißen Frau gefährden. Manche Beiträge des ←16 | 17→Bandes thematisieren den Einfluss neuzeitlicher rassistischer Theoreme auf die Ausformulierung von den Rassismus scheinbar nicht behandelnden Theoriegebäuden in der eigenen Fachdisziplin, aber auch ihre Adaption in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, die ihrerseits Rassen-Theorien anreichern. Lohnend wären etwa die Untersuchung, inwieweit rassistische Vorannahmen die gerichtliche Urteilsfindung in Vergangenheit und Gegenwart beeinfluss(t)en, oder die Überprüfung von Konzepten der politikwissenschaftlichen Sicherheitsforschung auf rassistische Versatzstücke. Möglicherweise wird sich Walter Demel künftig mit solchen Fragestellungen auseinandersetzen.

München, im Juni 2018

Ina Ulrike Paul und Sylvia Schraut

1Für ihre wertvolle Unterstützung in der Abschlussphase des Manuskripts, insbesondere auch bei den wichtigen Korrekturarbeiten, danken wir Frau Thea Gerdes M.A. M.Ed. und Frau Michaela Prohaska. Unser Dank gilt auch der Kommission zur Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten an der Universität der Bundeswehr München für die Unterstützung der Drucklegung und dem Freundeskreis der Universität der Bundeswehr München e.V.

2http://www.deutschlandfunkkultur.de/alltagsrassismus-wie-rassistisch-bin-ich-selbst.970.de.html?dram:article_id=418274 [letzter Zugriff: 17.06.2018].

3Rassismus. Die Erfindung der Menschenrassen. Eine Ausstellung des Dresdner Hygiene-Museums (19. Mai 2018 – 06. Januar 2019), kuratiert von Susanne Wernsing und wissenschaftlich beraten von Christian Geulen (Universität Koblenz-Landau): http://www.dhmd.de/ausstellungen/rassismus/ [letzter Zugriff 17.06.2018].

4Siehe u.v.a. den Artikel in faz.net vom 18.06.2018 zum Plan des italienischen Innenministers, Sinti und Roma zählen zu lassen: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/italiens-innenminister-will-sinti-und-roma-zaehlen-lassen-15646845.html [letzter Zugriff 20.06.2018]; der amerikanische Präsident behauptete am 19.06.2018 via Twitter wahrheitswidrig, die Kriminalität in Deutschland sei aufgrund der Migrationspolitik der Bundesregierung gestiegen: http://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/kriminalitaetsrate-in-deutschland-merkel-widerspricht-trump-15648953.html [letzter Zugriff: 20.06.2018]; „Zwischenrufaffäre“ (13.06.2018) im österreichischen Nationalrat, bei der die in Bosnien gebürtige, in Österreich aufgewachsene Abgeordnete Alma Zadic, eine promovierte Juristin, rassistisch und sexistisch angegriffen wurde. – Im Juni 2016 verwies der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz einen Abgeordneten nach rassistischen Äußerungen des Plenarsaals [https://www.welt.de/politik/ausland/article153131762/So-wirft-Schulz-einen-Abgeordneten-aus-dem-Saal.html [letzter Zugriff: 20.06.2018]. – Zu entsprechenden Äußerungen im deutschen Parlament 2018 s. Anm. 6.

5Walter Demel: Wie die Chinesen gelb wurden: Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Rassentheorien. In: Historische Zeitschrift 255 (1992), S. 625–666. Als Einzelveröffentlichung: Ders.: Come i cinesi divennero gialli. Alle origini delle teorie razziali, Mailand 1997.

6Rotem Kowner/ Walter Demel (Hg.): Race and racism in modern East Asia. Bd. 1: Western and eastern constructions, Leiden 2013 und Dies.: Race and racism in modern East Asia. Bd. 2: Interactions, Nationalism, Gender and Lineage, Leiden 2015.

7Zitat 1 einer AfD-Abgeordnete am 16.05.2018 im Deutschen Bundestag; ihr Einspruch gegen den Ordnungsruf des Bundestagspräsidenten wurde abgelehnt: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2018/kw20-de-einspruch-ordnungsruf/555494 [letzter Zugriff: 20.06.2018]; Zitat 2 einer AfD-Politikerin via Twitter vom 31.12.2017: https://www.zeit.de/news/2018-01/01/parteien-afd-politikerin-muslimische-maennerhorden---twitter-sperrt-storch-01185802 [letzter Zugriff: 20.06.2018].

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Grundlagen des rassistischen Denkens

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Friedrich Lohmann

„It’s not evil, just sad“. Anti-Rassismus und Literarische Ethik im Werk von Toni Morrison

Abstract: The essay presents Toni Morrison’s novel „Beloved“ as an exemplary way of writing against racism. If there are three typical options to convey ethical content via literature – the philosophical treatise in disguise, the rather intellectual “engaged literature” as conceived by Sartre, and the approach which builds on emotional identification –, Morrison clearly favours the latter. This is especially true for her dealing with racism as a traumatic experience in „Beloved“. By telling the stories of (former) slaves like Sethe and Paul D, Morrison recalls a society permeated by categories of race, and by witnessing their continuous struggle for recognition despite all sorts of humiliation and physical distress, she shows them in their deep emotional humanity, thereby annihilating any racist prejudice and preparing the way for empathetic imagination among her readers. Given that racism is based rather on emotions than on arguments, this approach seems to be worth a lot more consideration when it comes to the question how ethical values can be implemented within the broader society.

Es dürfte kaum in Zweifel stehen, dass der Rassismus, verstanden als Unterteilung und Hierarchisierung der Menschheit in Gruppen („Rassen“) aufgrund oberflächlicher Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild, ein wichtiges Thema der Ethik ist. Dabei geht es nicht nur um die argumentative Entlarvung der ihm zugrunde liegenden Vorurteile und seiner nur scheinbaren Wissenschaftlichkeit, sondern auch um die Frage der umfassenden kritischen Auseinandersetzung mit ihm, die keineswegs nur die Aufgabe der professionellen Ethik ist. Die ethische – im gegebenen Fall: anti-rassistische – Grundausrichtung von Politik und Recht kommt hier in den Sinn, ebenso wie zivilgesellschaftliches Engagement in Wort und Tat. Denn Ethik vollzieht sich nicht nur in explizit der Moral und ihrer Reflexion gewidmeten Verlautbarungen. Sie zielt auf die Praxis in Gesellschaft und individuellem Leben und ist daher auf Implementierung durch andere Akteure als die Ethikerinnen und Ethiker selbst angewiesen.

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In diesem Sinne möchte ich im Folgenden die Idee einer literarischen Ethik in den Blick nehmen sowie die Frage nach ihrer Ausführung im Werk von Toni Morrison erörtern. Dies tue ich, indem ich exemplarisch die Thematisierung des Rassismus in Morrisons Roman „Beloved“ darstelle. Auf dieser Basis werde ich einige generelle Folgerungen im Blick auf die Implementierung von Ethik mittels literarischer Dichtung ziehen.

Literarische Ethik

Was ist literarische Ethik? Man könnte den Terminus analog zur z.B. medizinischen oder soldatischen Ethik im Sinne einer Berufsethik verstehen: In der literarischen Ethik ginge es demnach um das spezifische Ethos, das Literaturschaffende an den Tag legen sollten. Ein solches Ethos gibt es in der Tat. So enthält die Charta des Internationalen Schriftstellerverbands PEN gleich mehrere Sollens- und Verpflichtungserklärungen, darunter prominent auch die folgende, explizit auf den Rassismus bezogene:

Verstöße gegen die Charta können mit dem Ausschluss aus dem PEN sanktioniert werden.2 Auch abgesehen von der Charta, die das literarische Berufsethos repräsentiert, setzt sich der PEN in Erklärungen für ethisch begründete Interessen ein.3

Im Folgenden soll aber in einem anderen Sinn von literarischer Ethik die Rede sein. Es geht nicht um eine Ethik für Literaturschaffende, sondern ←22 | 23→um eine Ethik durch Literaturschaffende. Anders gesagt: Es soll davon die Rede sein, inwieweit Literatur als Transportmittel ethischer Impulse und insoweit zur Implementierung von Ethik eingesetzt werden kann. Dabei ist klar, dass es in diesem Fall um Literatur im Sinne schöner Literatur geht, um Belletristik. Auch Bücher philosophischer oder theologischer Ethik sind selbstverständlich geschriebene Werke, also Literatur. Und solche direkt-ethischen Wortmeldungen gibt es auch von Literaten – man denke an das Eintreten von Voltaire für Männer wie Jean Calas, de la Barre und d’Etallonde oder Émile Zolas „J’accuse“. Aber in diesen Fällen ist der ethische Charakter offensichtlich, während die literarische Ethik im hier gemeinten Sinn eine Ethik ist, die nicht im argumentativen Gewand der Abhandlung, sondern im Gewand der Erzählung oder eines anderen schöngeistigen literarischen Genres daherkommt. Es geht also, nochmals anders gefasst, um die Verbindung des Schönen, Wahren und Guten mit einem Fokus auf dem Guten.

Die Frage nach einer literarischen Ethik in diesem Sinn ist nicht neu. Im deutschsprachigen Bereich haben sie insbesondere der theologische Sozialethiker Dietmar Mieth4 und sein Schüler Christof Mandry5 vorangetrieben. Zu nennen ist auch ein Band, in dem Schriftstellerinnen und Schriftsteller selbst über den moralischen Gehalt und Anspruch ihres Schreibens nachdenken.6 Erste Referenz aus dem anglo-amerikanischen Bereich ist die Philosophin Martha Nussbaum, die in mehreren programmatischen Aufsätzen und in exemplarischen Literatur-Interpretationen dem Verhältnis von Ethik und Literatur nachgegangen ist.7 Andere Namen ←23 | 24→könnten genannt werden; die Rede ist sogar von einem „‚turn to the ethical‘ in literary studies“ während der 1990er Jahre.8

Ohne auf diese Theoriedebatte hier weiter einzugehen, können drei Varianten einer literarischen Ethik unterschieden werden:

(1)Die in Literatur verpackte philosophische Abhandlung. Dieses Genre wird in der Regel von Nicht-Literaten vertreten, die darum bemüht sind, ihre Philosophie durch die Einbindung in einen mehr oder weniger überzeugenden plot zu vulgarisieren. Exemplarisch kann Ayn Rand genannt werden, deren philosophische Ethik eines objektiven Egoismus der konzeptionelle Hintergrund von mehreren Romanen ist,9 in denen die Hauptfiguren immer wieder Statements abgeben, die ebenso gut in einem philosophischen Buch stehen könnten, mit der über Dutzende Seiten reichenden Rundfunkrede von John Galt in „Atlas Shrugged“ als (literarisch zweifelhaftem) Höhepunkt.10

(2)Engagierte Literatur. Das Programm einer engagierten Literatur ist unweigerlich mit dem Namen Jean-Paul Sartre verbunden. Sartre hat es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt.11 Ausgehend ←24 | 25→von einem allgemeinmenschlichen Konzept von verantwortlicher und „konkreter“ Freiheit12 und einer Kunsttheorie, in der ein Kunstwerk keinen Zweck hat, sondern, stärker noch, ein Zweck ist,13 sieht Sartre in jedem literarischen Werk einen Appell.14 Gute Literatur in diesem Sartreschen Sinn versucht, die Lesenden in ihrem freien Verständnisprozess zu steuern,15 und kommt aus diesem Grund höchst rational daher. Ein Arbeiten mit Emotionen lehnt Sartre in diesem Zusammenhang strikt ab.16

Sartre hat dieses Programm mehrfach zur Ausführung gebracht und sich selbst als engagierter Schriftsteller versucht. Dass dabei dramatische Theaterstücke den Großteil seines spezifisch literarischen Schaffens ausmachen, erklärt sich aus Sartres philosophischem Programm des Existenzialismus, in dem die Situation im Zentrum steht, in der sich die menschliche Freiheit immer wieder neu – und gleichsam dramatisch – gegen den Widerstand der Umstände erfinden und durchsetzen muss.17 Auch Sartres literarische Werke sind – wie die von ←25 | 26→Ayn Rand und trotz der ganz unterschiedlichen weltanschaulichen Positionierung – im eigentlichen Sinn Zweckdichtungen, die ohne Umschweife einer ethischen und politischen Programmatik dienen sollen. Die Differenz der engagierten Literatur zum zuerst beschriebenen Typus literarischer Ethik besteht gleichwohl darin, dass in ihr – im Modus der „reinen Präsentation“18 – Distanz zu den Lesenden oder Zuschauenden zugleich geschaffen wie aufgehoben wird. Indem in Sartres Dramen nicht doziert, sondern exemplarisch die Zwiespältigkeit menschlicher Existenz durchlebt wird, ist der emotionale Appell allen anderslautenden Aussagen Sartres zum Trotz sehr wohl zentral enthalten.

Die engagierte Literatur Sartres stellt eine Mischform zwischen rational und emotional akzentuierter literarischer Ethik dar. Das macht das Charakteristikum dieses zweiten Typs aus, weshalb man ihm auch andere literarische Werke zuordnen kann, die die spezifische Programmatik Sartres nicht teilen, wie etwa die Dramen Bertolt Brechts oder die „Warngedichte“ Erich Frieds.19

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(3)Literatur als Medium emotionaler Identifikation. Die Indirektheit des ethischen Appells und die Zielrichtung weniger auf den Kopf als auf das Herz der Rezipienten, die bei Sartre bereits anklingen, sind bei einem dritten Typ literarischer Ethik zentral. Erst hier wird mit dem Unterschied zwischen philosophischer Abhandlung und literarischer Dichtung wirklich Ernst gemacht. Den Ton hat bereits vor 2.500 Jahren Aristoteles in seiner Poetik gesetzt, in der die Mimesis als zentrale Zielbestimmung des Literarischen bestimmt wird. Dass es sich dabei eher um eine Nachempfindung als eine schlichte Nachahmung handelt, wird an Aristoteles’ berühmter Definition der Tragödie deutlich:

Der Begriff der Reinigung (katharsis) verdeutlicht den eigentlichen, ethischen und rezipienten-orientierten Zweck der Dichtung, während zugleich („mit Hilfe“) der charakteristische Umweg-Charakter des (unterschwelligen) Appells an die Emotionen anklingt (wobei Manfred Fuhrmanns Vorschlag, eleos und phobos nicht, wie seit Lessing üblich, mit Mitleid und Furcht, sondern mit Jammer und Schaudern zu übersetzen, die Breite der angesprochenen Gefühle besonders deutlich hervorhebt). Dennoch ist auch dieser Ansatz literarischer Ethik nicht anti-rational: Der aristotelische Appell an die Emotionen setzt, wie jeder Gedanke an die Möglichkeit ethischer Überzeugungsarbeit, ein Bild vom bildungsfähigen Menschen voraus, der aufgrund neuer Einsichten – seien sie nun primär über den ←27 | 28→Verstand oder die Emotionen vermittelt – seine Einstellungen und sein Handeln zum Positiven (Reinigung) verändern kann.

Biographische Angaben

Ina Ulrike Paul (Band-Herausgeber:in) Sylvia Schraut (Band-Herausgeber:in)

Ina Ulrike Paul ist apl. Prof. Dr. und Leiterin des Zentralinstituts studium plus der Universität der Bundeswehr München. Sie lehrt Neuere deutsche und europäische Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Sylvia Schraut vertritt die Professur für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität der Bundeswehr München und ist apl. Prof. an der Universität Mannheim.

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Titel: Rassismus in Geschichte und Gegenwart