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Die evangelischen Pfarrarchive der Stadt Brandenburg

Findbuch zu den Beständen im Domstiftsarchiv Brandenburg

von Uwe Czubatynski (Band-Herausgeber:in)
©2018 Monographie 332 Seiten

Zusammenfassung

Die Stadt Brandenburg an der Havel verfügt mit ihren fünf großen Hauptkirchen über eine reiche Tradition kirchlichen Lebens. Sämtliche Pfarrarchive dieser Kirchen werden heute im Domstiftsarchiv Brandenburg aufbewahrt und sind dort fachgerecht verzeichnet worden. Dieses Findbuch vereinigt diese Bestände nun erstmals in einem Band und erschließt die fast 2.500 Verzeichnungseinheiten durch ein Register und exemplarische Abbildungen für die Forschung. Eine ausführliche Einleitung behandelt sowohl das Schicksal der einzelnen Kirchen als auch den spezifischen Inhalt der einzelnen Archivbestände. Das Material ist nicht nur für die Kirchengeschichte im engeren Sinne, sondern ebenso für die Stadtgeschichte, Kunstgeschichte, Familiengeschichte, Schulgeschichte und Kulturgeschichte relevant.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführung
  • Das Pfarrarchiv von St. Gotthardt
  • Das Pfarrarchiv von St. Johannis
  • Das Pfarrarchiv von St. Katharinen
  • Das Pfarrarchiv von St. Pauli
  • Das Pfarrarchiv der Domkirche
  • Register der Personen, Orte und Sachen
  • Reihenübersicht

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Einführung

Die Stadt Brandenburg, die noch bis in die Frühe Neuzeit hinein ihren Ehrenvorrang vor allen anderen Städten der Mark behaupten konnte, verfügt mit fünf großen Kirchen über eine außerordentlich reiche Überlieferung. Bei näherer Betrachtung dieser Sakralbauten zeigen sich darunter eine Kathedralkirche, zwei Stadtkirchen und zwei Klosterkirchen. Ein weiterer Monumentalbau, nämlich die Marienkirche auf dem Harlunger Berg, wurde nach der Reformation dem Verfall preisgegeben und im 18. Jahrhundert vollständig abgetragen. Dafür sind im heutigen Stadtbild noch zwei weitere mittelalterliche Kirchen erhalten, nämlich die Petrikirche als Nachfolgebau der slawischen Burgkapelle auf der Dominsel sowie die Nikolaikirche als Überrest des untergegangenen Dorfes Luckenberg. Von den ehemaligen Hospitälern beider Teilstädte existiert dagegen nur noch die Jakobskapelle vor der Neustadt.

Durch verhältnismäßig zahlreiche schriftliche Quellen, aber auch durch die Untersuchungsergebnisse der modernen Stadtarchäologie lässt sich die Entwicklungsgeschichte der einzelnen Siedlungskerne so genau wie in kaum einer anderen brandenburgischen Stadt rekonstruieren.1 Von Anfang an waren die Kirchen Kristallisationspunkte des jeweiligen Gemeinwesens sowie Zentren des geistlichen Lebens, der Bildung und der Musik. Zugleich waren die Stadtkirchen – neben den beiden Rathäusern – auch Repräsentationsräume der Bürgerschaft. Bis zum heutigen Tage findet sich daher fast die gesamte kunstgeschichtlich wertvolle Überlieferung der älteren Zeit in den Kirchen wieder. Die forcierte Industrialisierung der Stadt Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert hat freilich in bedauerlichem Maße dazu beigetragen, diese Traditionen in den Hintergrund treten zu lassen. Erst in jüngster Zeit haben die denkmalpflegerischen Bemühungen dazu beigetragen, das geschichtliche Erbe wieder in die Selbstwahrnehmung der Stadt und ihrer Bewohner zu integrieren. So hat sich auch die vorliegende Publikation zum Ziel gesetzt, die herausragende Bedeutung der Kirchengeschichte für das Erleben und Verstehen der Stadt deutlicher als bisher aufzuzeigen. ← 11 | 12 →

Mit dem Stadtarchiv verfügt selbstverständlich auch die Stadt Brandenburg an der Havel über eine Gedächtnisinstitution ersten Ranges. Insbesondere die umfangreiche urkundliche Überlieferung hat dazu beigetragen, diesem Archiv einen herausragenden Platz unter den brandenburgischen Kommunalarchiven zu sichern. Dasselbe gilt für die mittelalterlichen Bestände des Domstiftsarchivs, so dass beide Institutionen auch frühzeitig durch die Geschichtsforschung genutzt worden sind. Anders verhält es sich mit den Pfarrarchiven, da deren überwiegend neuzeitliche Überlieferung – abgesehen von den Kirchenbüchern – für den Historiker weniger attraktiv erscheinen musste. Vor allem aber war es die mangelnde Zugänglichkeit und die fehlende Erschließung, die die Pfarrarchive zu buchstäblich verborgenen Schätzen machen musste und an vielen anderen Orten leider auch heute noch macht. Sie hatten daher eher den Charakter einer Altregistratur der jeweiligen Pfarrämter, als den eines für wissenschaftliche Zwecke auswertbaren Archivbestandes.

Insofern dürfte es als ausgesprochener Glücksfall zu betrachten sein, dass sich heute die Archive aller fünf Hauptkirchen der Stadt im Domstiftsarchiv befinden und hauptamtlich betreut werden können. Sie umfassen in ihrer Gesamtheit derzeit 2.455 Verzeichnungseinheiten. Die Motive für die sukzessive Deponierung im Domstiftsarchiv waren im Grunde genommen immer dieselben: In den Kirchengemeinden selbst wäre auf Dauer weder eine sachgerechte Lagerung noch eine fachgerechte Verzeichnung dieser Bestände möglich gewesen. So aber konnten die im Domstiftsarchiv deponierten Altbestände unter der Leitung von Wolfgang Schößler nach einheitlichen Prinzipien erschlossen werden. Die Betonung der Altbestände bedeutet zugleich, dass sich keine eindeutige Laufzeitgrenze für diese Deposita definieren lässt. Damals noch in der Registratur befindliche Akten sind verständlicherweise in den Pfarrämtern zurückgeblieben, so dass Ereignisse nach 1945 im Archivbestand bisher nur unzureichend dokumentiert sind. Der Erschließung zugrunde gelegt wurde im Wesentlichen der 1963 veröffentlichte, dezimal gegliederte Aktenplan für die Kirchengemeinden und Pfarrämter.2 Je nach der spezifischen Überlieferungslage der einzelnen Bestände wurde dieser Plan flexibel gehandhabt, so dass bei der Klassifikation keine völlig einheitliche Nummerierung entstanden ist. Das Ergebnis dieser Bemühungen ← 12 | 13 → waren zunächst maschinenschriftliche Findbücher, die späterhin in Form von Word-Dateien auf Computer übertragen wurden. Heute bilden die Pfarrarchive angesichts der erheblichen Kriegsverluste im Stadtarchiv einen unverzichtbaren Fundus nicht nur für die Kirchengeschichte im engeren Sinne, sondern auch für die Stadtgeschichte im Ganzen.3 Das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 hat freilich gezeigt, dass es an einer entsprechenden Grundlagenforschung, die in den Archiven und Bibliotheken zu beginnen hat, weitestgehend fehlt.

Eine beachtliche Ergänzung dieser Pfarrarchive bilden die vier Ephoralarchive der Stadt Brandenburg, die sich als Unterlagen der nächsthöheren Verwaltungsebene ebenfalls im Domstiftsarchiv befinden. Auf den Abdruck auch dieser Findbücher, die insgesamt 1.630 Verzeichnungseinheiten umfassen, musste jedoch schon aus Umfangsgründen verzichtet werden. Im Einzelnen handelt es sich dabei um folgende Bestände: Ephoralarchiv Brandenburg Dom (550 Verzeichnungseinheiten, 1704–1954), Ephoralarchiv Brandenburg Altstadt (430 Verzeichnungseinheiten, 1650–1934), Ephoralarchiv Brandenburg Neustadt (440 Verzeichnungseinheiten, 1566–1966) und das Ephoralarchiv des 1923 bzw. 1949 fusionierten Kirchenkreises Brandenburg Stadt (210 Verzeichnungseinheiten, 1890–1970). Diese Bestände reichen mit ihren Sachbetreffen naturgemäß auch über die Stadtgrenzen hinaus, betreffen aber wegen der Personalunion zwischen Oberpfarramt und Inspektorat (Superintendentur) auch die städtischen Kirchen. Sie alle enthalten ausgesprochen aussagekräftiges Material zu allen Bereichen des kirchlichen Lebens. Rechnet man die Bestände der Pfarrarchive und der Ephoralarchive zusammen, so erreichen diese mit gut 4.000 Verzeichnungseinheiten allerdings nur die Hälfte dessen, was das Domkapitel in seinen Altbeständen (bis 1945) der Nachwelt hinterlassen hat. Es leuchtet daher unmittelbar ein, dass auch dieser Bestand für die städtische Kirchengeschichte nicht unberücksichtigt bleiben kann, zumal beide Pfarrkirchen bis zur Reformation unter dem Patronat des Domkapitels standen. Die Akten der oberen Verwaltungsebene, nämlich das Schriftgut des Konsistoriums (und gegebenenfalls der Regierung Potsdam), ist für die ältere Zeit im Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem und im Brandenburgischen Landeshauptarchiv Potsdam, für die jüngere Zeit im Landeskirchlichen Archiv in Berlin zu suchen. Für viele Vorgänge ← 13 | 14 → eröffnet sich dadurch die eher seltene Gelegenheit, dass sich der vollständige Verwaltungsweg verfolgen lässt und die Chance besteht, dass die erhaltenen Archivbestände sich gegenseitig ergänzen.

Nicht berücksichtigt werden konnten dagegen solche Archivalien, die bei den neu gegründeten Kirchengemeinden entstanden sind. Gemeint sind hiermit die 1928 für die Walzwerksiedlung errichtete Christuskirche und die 1955 erbaute Auferstehungskirche in Brandenburg-Görden. Nicht öffentlich zugänglich sind auch die Archive der Katholischen Kirchengemeinde, deren Tradition in der Stadt Brandenburg bis 1851 zurückreicht, sowie der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde, die seit 1972 über ein eigenes Gemeindehaus verfügt. Für deren Geschichte muss daher einstweilen auf die ortsgeschichtliche Literatur zurückgegriffen werden. Dasselbe gilt in verstärktem Maße für die 1938 ausgelöschte Jüdische Gemeinde in Brandenburg an der Havel. Ausgeschlossen bleiben auch die heute nach Brandenburg eingemeindeten Stadtteile wie Plaue und Kirchmöser, die in kirchlicher Hinsicht bis heute selbstständig geblieben sind. Nicht zu vernachlässigen, aber in der vorhandenen Überlieferung nur schwer fassbar sind schließlich besondere Arbeitsbereiche, zu denen die unter politisch brisanten Umständen geleistete Gefängnisseelsorge gehört.4

Nachstehend sollen nun die einzelnen Pfarrarchive einer kurzen Bestandsanalyse unterzogen werden, um die jeweiligen Besonderheiten deutlicher hervortreten zu lassen. Die Darstellung orientiert sich dabei an den fünf Hauptgruppen, wie sie von dem erwähnten Aktenplan vorgegeben werden.

1. Das Pfarrarchiv von St. Gotthardt

Die Kirche St. Gotthardt, nach ihrem heutigen Erscheinungsbild eine spätgotische Hallenkirche des 15. Jahrhunderts mit einer reichen, über die Jahrhunderte gewachsenen Ausstattung, darf als die älteste Pfarrkirche der Stadt gelten, die schon mit ihrem seltenen Patronzinium auf weiträumige Handelsbeziehungen des 12. Jahrhunderts verweist. Der aus Feldstein errichtete Unterbau der Westfassade, Rest einer romanischen Basilika, gehört wahrscheinlich noch in die Zeit vor der Grundsteinlegung des Domes (1165), da sich die aus Leitzkau herbeigerufenen Prämonstratenser unter der Ägide des Wendenfürsten Pribislaw-Heinrich zunächst hier – an der Kirche der ursprünglich Parduin genannten Siedlung – niederließen. Während des gesamten Mittelalters stand die Kirche unter dem Patronat des Domstifts, so dass das Pfarramt durchweg von Domherren versehen wurde. ← 14 | 15 → Durch die Ereignisse der Reformation gelangte 1541 jedoch der Rat der Altstadt in den Besitz des Patronats. Die noch heute in der Kirche befindlichen Kunstschätze, die ganz überwiegend der nachreformatorischen Epoche entstammen, sind in der einschlägigen Literatur eingehend beschrieben worden.5

Der Pfarrbezirk von St. Gotthardt bestand traditionell aus der Kirchengemeinde der Altstadt und aus dem Dorf Neuendorf. Wesentliche Änderungen ergaben sich erst im 20. Jahrhundert als Folge des enormen Wachstums der Industriestadt Brandenburg. Unter großen Mühen wurde 1928 zunächst in der ehemaligen Vorstadt Wilhelmshof die Christuskirche errichtet, konzipiert von dem Architekten Otto Bartning.6 Eine eigenständige Gemeinde war dort bereits zum 1. April 1925 errichtet worden, die jedoch der Reformierten Kirchengemeinde St. Johannis angegliedert war. Nach einer vorübergehenden pfarramtlichen Selbstständigkeit wurde die Christuskirchengemeinde aber zum 1. Januar 2008 mit der Gotthardtkirchengemeinde vereinigt, so dass diese heute den offiziellen Namen „Evangelische Sankt Gotthardt- und Christuskirchengemeinde Brandenburg“ trägt (Kirchliches Amtsblatt 2008, S. 6). Die Filialgemeinde Neuendorf fusionierte zum 1. September 2001 mit ihrer Muttergemeinde, so dass sie ihre rechtliche Selbständigkeit verloren hat (Kirchliches Amtsblatt 2001, S. 128).

Nach einer langen Vorgeschichte wurde 1947 schließlich eine eigene Kirchengemeinde in Brandenburg-Görden errichtet und 1955 die dortige Auferstehungskirche gebaut. Diese Tochtergründung hat bis heute ihre Eigenständigkeit bewahrt. Da im dortigen Pfarramt eine eigene Registratur geführt wird, sind bisher keine Unterlagen zur Auferstehungskirche in das Domstiftsarchiv gelangt.

Das Pfarrarchiv von St. Gotthardt wurde nach Ausweis der noch vorhandenen Repertorien in der Neuzeit sorgfältig verwahrt und gepflegt. 1893 legte der Oberpfarrer Johannes Funke ein Verzeichnis an, das die vorhandenen Akten, wenn auch mit sehr kurzer Inhaltsangabe, unter acht römisch numerierten Titeln sowie zahlreiche „Reponenda“ auflistet (BG 35/872). Um 1935 wurde von ← 15 | 16 → unbekannter Hand ein neues Repertorium in Bandform angefertigt, in welchem das Material (nicht ganz vollständig) in 17 römisch numerierte Titel gegliedert ist (BG 39/873). Kriegsverluste hat es in den folgenden Jahren offensichtlich nicht gegeben, obwohl auch die Gotthardtkirche nicht ohne Schäden geblieben war.7 1976 wurde der Bestand im Domstiftsarchiv deponiert und 1978 vollständig neu verzeichnet.

Von 1984 bis 1987 wurden zahlreiche Bände der Kirchenbücher aus Sicherungsgründen durch die Mikrofilmstelle der Kirchenkanzlei der Evang. Kirche der Union in Wittenberg verfilmt und 1993 und 1996 durch das Domstiftsarchiv wegen der starken Benutzung nochmals als Xerokopie vervielfältigt. Aus dem relativ frühen Zeitpunkt der Deponierung folgt, dass sich die laufenden, erst nach 1945 angelegten Akten ganz überwiegend nicht im Archivbestand befinden, sondern in der Registratur der Kirchengemeinde verblieben sind. Daher sind auch einschneidende Veränderungen im Inventar der Kirche, wie der vollständige Neubau der Orgel nach dem schmerzlichen Verlust des alten Instrumentes durch einen Brand im Jahr 1972, nicht unter den archivierten Akten zu finden.8 Auch sind für den aktuellen Gebrauch die jüngeren Kirchenbücher in der Gemeinde verblieben, doch ist dieser Umstand durch die Reproduktion dieser Bände auf Mikrofiches zu einem großen Teil ausgeglichen worden. In jüngster Zeit, nämlich 2016, konnte aus Berliner Privatbesitz noch der nicht sehr umfangreiche, aber doch aussagekräftige Nachlass des Superintendenten Rudolph Kollberg (1818–1887) dem Archivbestand hinzugefügt werden (BG 105b-e).

Mit seinen rund 1.150 Verzeichnungseinheiten, von denen die Akten (also mit Ausnahme der Kirchenbücher und der übergroßen Amtsbücher) 12,6 laufende Regalmeter umfassen, ist es das umfangreichste Pfarrarchiv der Stadt Brandenburg. Auch im Hinblick auf die Laufzeit reicht es am weitesten zurück, und zwar bis in das Jahr 1309. Das Pfarrarchiv St. Gotthardt gehört nämlich zu den sehr wenigen Kirchenarchiven der Mark Brandenburg, die noch eine nennenswerte Zahl von Urkunden umfassen. In diesem Falle sind es insgesamt 31 Urkunden, die den Zeitraum von 1309 bis 1588 betreffen. Übertroffen wird diese Anzahl nach unserem heutigen Kenntnisstand (neben den Urkunden der Nikolaikirche ← 16 | 17 → Jüterbog und der Marienkirche Prenzlau in den dortigen Stadtarchiven) nur noch von dem Pfarrarchiv der Jakobikirche in Perleberg, das insgesamt 140 Urkunden aufzuweisen hat (davon allein aus dem 16. Jahrhundert 61 Stück).9 Die Tatsache, dass sich unter den zweifellos nur sehr lückenhaft überlieferten Urkunden – ganz ähnlich wie in Perleberg – verschiedene Provenienzen verbergen (Gotthardtkirche, Kaland, Mariengilde, Elendengilde, Rat der Altstadt und Heilig-Geist-Hospital der Neustadt), deutet darauf hin, dass sie spätestens in der Reformationszeit durcheinandergeraten, vielleicht auch erst nachträglich wieder aus dem Ratsarchiv herausgelöst worden sind. 1845 wurden diese Urkunden jedenfalls nicht bei den Akten, sondern auf der Bibliothek der Gotthardtkirche aufbewahrt und dort von dem verdienten Pädagogen und Historiker Moritz Wilhelm Heffter (1792–1873) gesichtet. Der bereits 1840 von Heffter gemachte Vorschlag, diese Urkunden in das Archiv des Magistrats zu überführen, wurde allerdings abschlägig beschieden (BG 1000/350).

Die Urkunden von St. Gotthardt sind in Kurzform in das vorliegende Findbuch aufgenommen worden, in ausführlichen Vollregesten aber (bis zum Jahr 1543) in den beiden Regestenbänden von Wolfgang Schößler publiziert. Eine provenienzgerechte Trennung, wobei der Einzelfall wegen der verwickelten Vermögensangelegenheiten der verschiedenen Lehen und Kommenden schwer zu entscheiden ist, wurde in den Kurzregesten von Friedrich Beck vorgenommen. Anders als in dem angeführten Fall des Perleberger Pfarrarchivs war es daher nicht vordringlich notwendig, die Veröffentlichung des Findbuches mit einer Quellenedition zu verbinden. Allerdings kann die Kurzform des Findbuches den Inhalt der Urkunden nicht adäquat erschließen, so dass für das Verständnis des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchenwesens nachdrücklich auf die Vollregesten verwiesen werden muss. Eine gesonderte Untersuchung des nachreformatorischen Stiftungswesens in der Stadt Brandenburg bleibt jedenfalls eine spannende und dringende Aufgabe für die Zukunft.10

Die Beobachtung einer recht günstigen Überlieferungslage für die Kirchen der Altstadt Brandenburg korrespondiert merkwürdigerweise, ohne dass sich ← 17 | 18 → dafür konkrete Ursachen benennen lassen, mit der schon seit langem bekannten Tatsache, dass die Archivalien der Altstadt Brandenburg besser und vollständiger überliefert sind als die historischen Quellen der Neustadt. Lediglich bei den Kirchenbüchern muss die Gotthardtkirche deutlich hinter der Katharinenkirche zurückstehen, deren Aufzeichnungen mehr als ein Jahrhundert früher einsetzen. Aus welchem Grund die Kirchenbücher von St. Gotthardt erst weit nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, nämlich 1673 beginnen, konnte nicht ermittelt werden.

Neben dem bereits erwähnten, ziemlich singulären Urkundenbestand müssen für das Pfarrarchiv von St. Gotthardt einige Eigentümlichkeiten hervorgehoben werden: Zunächst ist das Findbuch so angelegt, dass die ständige, dörfliche Filialgemeinde Neuendorf sowie die zumindest vorübergehend von den Organen der Gotthardtkirche verwaltete Nikolaikirche vor der Altstadt Brandenburg und die Johanniskirche des ehemaligen Franziskanerklosters eigene Hauptgruppen erhalten haben. Bei den Neuendorfer Archivalien fällt auf, dass die Kirchenrechnungen schon mit dem Jahr 1600 und das Kirchenbuch mit dem Jahr 1634 beginnt. Nachträglich im Bibliotheksbestand (!) aufgefunden wurde auch die originale Ausfertigung des Visitationsabschieds von Neuendorf aus dem Jahr 1600. Für die Johanniskirche finden die nicht sehr zahlreichen Unterlagen des 18. Jahrhunderts ihre Fortsetzung in dem Pfarrarchiv der reformierten Gemeinde, so dass sich die jüngere Geschichte dieser Kirche trotz der erlittenen Kriegsschäden recht gut verfolgen lässt. Von besonderer Wichtigkeit ist das Material zur Nikolaikirche, das sich vom 18. Jahrhundert bis zu den Bauunterlagen der Nachkriegszeit erstreckt. Da für die Nikolaikirche – ebenso wie für die Petrikirche auf der Dominsel – kein eigenes Pfarrarchiv existiert, ist die Geschichte dieses ehrwürdigen Backsteinbaus der Romanik wegen der wechselnden Nutzungs- und Eigentumsverhältnisse deutlich schwieriger zu verfolgen als diejenige der städtischen Hauptkirchen.

Eine Analyse der einzelnen Hauptgruppen des Pfarrarchivs St. Gotthardt offenbart folgende Besonderheiten: In der Hauptgruppe 1 mit den allgemeinen Verwaltungsangelegenheiten der Kirchengemeinde fällt die relativ dünne Überlieferung aus dem 16. bis 18. Jahrhundert ins Auge. Sie könnte ihre Ursache in dem städtischen Patronat haben, da aus diesem Grund organisatorische und vermögensrechtliche Angelegenheiten der Kirchen nicht selten vom Magistrat behandelt wurden und diesbezügliche Akten in das Magistratsarchiv gelangten. Eine zweifellos wichtige, jedoch erst 1860 einsetzende Quelle stellen die Protokolle des Gemeindekirchenrates dar. Wegen ihrer rein chronologischen Anordnung lassen sie sich freilich nur mühsam unter sachlichen Gesichtspunkten auswerten. ← 18 | 19 → In diesem Falle liegt aber für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Erschließungshilfe vor, indem der Inhalt zur Vorbereitung einer Publikation mit handschriftlichen Enthältvermerken versehen wurde.11 Vergleichsweise viel Material ist auch zum Kirchenkampf erhalten (BG 77 bis BG 85), der zu den bevorzugten Forschungsgebieten der Zeitgeschichte gehört und auch für die Stadt Brandenburg intensiv untersucht worden ist.

Die Hauptgruppe 2, Pfarrer und Pfarramt betreffend, bietet Material zur Besetzung der drei (ursprünglich sogar vier) Pfarrstellen an der Gotthardtkirche, das durch den bereits erwähnten Nachlass des Oberpredigers Kollberg angereichert werden konnte. Hinzu treten Akten, die die Fürsorge für die Pfarrwitwen betreffen, da deren materielle Absicherung in früheren Jahrhunderten besonderer Aufmerksamkeit bedurfte. Ferner ist, entsprechend der Größe der Kirchengemeinde, weiteres Personal in den Akten dokumentiert (Organisten, Kalkanten, Rendanten, Küster, Kastenvorsteher und Kirchensekretäre). Sehr auffallend und zugleich sehr bedauerlich ist allerdings die Tatsache, dass innerhalb des Archivbestandes kein einziges Pastorenbildnis und auch keine einzige Predigt überliefert ist. Eine für die allgemeine Stadtgeschichte sehr willkommene Ergänzung stellen dagegen die von dem Lehrer Walter Garski (1884–1961) angefertigten Fotografien dar, die aus Privatbesitz übernommen werden konnten (BG 460c).

Im Zentrum der Hauptgruppe 3, die die Gemeindearbeit umfasst, stehen die zahlreichen Kirchenbücher. Da sie bekanntlich zu den wichtigsten Quellen der Genealogie gehören, sind sie zu erheblichen Teilen durch alphabetische Register erschlossen worden. Als zusätzliches, gemeindeübergreifendes Hilfsmittel für die Zeit vor 1800 sei an dieser Stelle an die umfangreiche Kartei erinnert, die Pfarrer Dr. Gerd Alpermann (1905–2001) für die Stadt Brandenburg erarbeitet hat und die sich im Domstiftsarchiv befindet.12 Ergänzt werden die Kirchenbücher durch einige Duplikate und durch eine umfängliche Serie von Traubelegen, die im wesentlichen den Zeitraum von 1814 bis 1887 umfassen (BG 230 bis BG 281). Da sie bisher nicht verfilmt oder digitalisiert wurden, sind die genannten Belege ← 19 | 20 → weitestgehend ungenutzt geblieben. Auch wenn sie im Vergleich zu den Kirchenbucheintragungen nur wenige zusätzliche Daten enthalten dürften, sind sie doch eine sehr anschauliche Quellengruppe, die eine stärkere Berücksichtigung verdient hätte. Hervorzuheben sind ferner zahlreiche Fürsorgeangelegenheiten, die mit den Rechnungen des Armenkastens bereits 1559 einsetzen (BG 342) und ein wesentliches Betätigungsfeld der Kirchengemeinden vor, aber auch noch nach der Herausbildung des modernen Sozialstaates darstellt. Eine nicht weniger wichtige Institution für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Stadt sind die Hospitäler gewesen, von denen sich für die Altstadt Brandenburg drei nachweisen lassen (vgl. Register). Angegliedert sind hier diejenigen Urkunden, die sich auf die mittelalterlichen Gilden und Korporationen beziehen. Für die zahlreichen kirchlichen Vereine und Werke der Neuzeit zeigt das Findbuch eine wenig kontinuierliche Überlieferung, die möglicherweise den zeitgebundenen Arbeitsfeldern, aber auch den persönlichen Neigungen der einzelnen Pastoren geschuldet sein könnte. Schließlich findet sich mit 66 Verzeichnungseinheiten (Gruppe 1.3.10.) ein umfangreiches Material zum Schulwesen in der Altstadt Brandenburg, dessen Schwerpunkt im 18. und 19. Jahrhundert liegt. Älteste und wichtigste Einrichtung, die sich ursprünglich der privaten Stiftung der Gertrud von Saldern verdankt, ist die Saldria, die sich im Laufe ihrer Geschichte von einer Stadtschule zum Realgymnasium gewandelt hat und auch ihren Standort wechseln musste. Die vorhandenen Akten, die sich durch die gedruckten Schulprogramme ergänzen lassen, ermöglichen Einblicke zum Personal, zur Ausstattung, aber auch zu den Lehrplänen dieser und anderer Schulen.

Hauptgruppe 4, die Vermögensverwaltung betreffend, ist mit 427 Verzeichnungseinheiten die bei weitem umfangreichste Gruppe. Da auch die St. Gotthardtkirche, nicht anders wie die zahlreichen dörflichen Pfarrkirchen, mit Grundbesitz und Abgaben ausgestattet war, ist diese Tatsache nicht weiter verwunderlich. Aus den genannten Gründen finden sich auch hier zahlreiche Vorgänge, die mit den Separationen und Ablösungen des 19. Jahrhunderts zu tun haben. In den Blick geraten dadurch mehrere umliegende Dörfer, insbesondere Brielow und Radewege. Es schließen sich umfangreiche Serien von Rechnungen und Belegen an, von denen die ersteren zumindest durch statistische Untersuchungen wertvolle Aufschlüsse versprechen, bisher aber nur unzureichend ausgewertet worden sind. Gleiches gilt für die Belege, die durch eigenhändige Quittungen interessante Beiträge zur Personengeschichte erhoffen lassen, aber nicht blattweise erschlossen werden können.

In Hauptgruppe 5 sind diejenigen Unterlagen zusammengefasst, die sich auf die Gotthardtkirche als Gebäude und die dazugehörigen Pfarrhäuser beziehen. ← 20 | 21 → Um möglichen Enttäuschungen potentieller Archivbenutzer vorzubeugen, muss an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass das Findbuch keine verlässliche Übersicht über das tatsächlich vorhandene Inventar der Kirche bieten kann. Als eine besondere Seltenheit, die für die Kunstgeschichte von hohem Wert ist, möge aber die Notiz zur Anfertigung eines neuen Altars aus dem Jahr 1559 genannt sein (BG 999). Die außerordentlich reiche Ausstattung der Gotthardtkirche ist jedenfalls in der einschlägigen kunstgeschichtlichen Literatur bereits eingehend gewürdigt worden.13 Darüber hinaus wurden die einzelnen Inventarstücke durch die jahrelangen Bemühungen der Gemeinde und der Denkmalpflege weitgehend restauriert und tragen zu dem selten geschlossenen Eindruck des Innenraums dieser Kirche bei.

Details

Seiten
332
Jahr
2018
ISBN (PDF)
9783631740132
ISBN (ePUB)
9783631740149
ISBN (MOBI)
9783631740156
ISBN (Hardcover)
9783631739921
DOI
10.3726/b12825
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
Brandenburg an der Havel Kirchenarchiv Stadtgeschichte Kulturgeschichte Kirchenbau Genealogie
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien 2018. 332 S.

Biographische Angaben

Uwe Czubatynski (Band-Herausgeber:in)

Uwe Czubatynski studierte Theologie und Bibliothekswissenschaft in Berlin und Erfurt. Er promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Archivar des Domstifts Brandenburg sowie Vorsitzender des Vereins für Geschichte der Prignitz.

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