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Kriegsgefangenschaft im Zeitalter Napoleons

Über Leben und Sterben im Krieg

von Florian Kern (Autor:in)
Dissertation 354 Seiten
Reihe: Konsulat und Kaiserreich, Band 5

Zusammenfassung

Die europäischen Kriege im Zeitalter Napoleons brachten mit ihren Armeen und Schlachten auch das Problem der Kriegsgefangenschaft mit sich. In den Jahren von 1805 bis 1815 gerieten hunderttausende von Soldaten und Nichtkombattanten in die Hand des Feindes.
Der Autor untersucht die Geschichte der Kriegsgefangenen jener epochalen Umbruchzeit. Im Fokus der Studie stehen dabei die theoretischen Konditionen sowie praktischen Bedingungen, denen Soldaten, Zivilisten, Frauen und Kinder unterworfen waren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhalt
  • I. Einleitung
  • 1. Methodik und Quellenlage
  • 2. Forschungsstand und Fragestellung
  • II. Zur Geschichte der Kriegsgefangenschaft
  • 1. Altertum und Mittelalter
  • 2. Frühe Neuzeit und die Kabinettskriege
  • III. Kriegsgefangenenpolitik der Revolutionszeit
  • 1. Kriegsgefangenenrecht und Praxis
  • 2. Napoleons Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln
  • IV. Der Weg in die Kriegsgefangenschaft
  • 1. Kampf und Gefangennahme
  • 2. (Ab-) Transport und Verbringungsorte
  • V. Lebenswelten und Überlebensbedingungen
  • 1. Unterbringung, Bekleidung und Ernährung
  • 2. Sold, Lohn, Anweisungen und Kredite
  • 3. Medizinische Versorgung
  • 3.1 Lazarettwesen
  • 3.2 Hygienevorschriften, Krankheiten und Sterblichkeit
  • 4 Lageralltag
  • 4.1 Zusammenleben, Selbstverwaltung und Zeitvertreib
  • 4.2 Unruhen und Revolten
  • 4.3 Flucht- und Fluchtversuche
  • VI. Alltag und Zivilbevölkerung
  • 1. Soziale Kontakte und Eheschließungen
  • 2. Kriegsgefangene als Arbeitskräfte
  • 2.1 Werbung
  • 2.2 Der zivile Arbeitssektor
  • 3. Postverkehr
  • VII. Irreguläre Kombattanten im deutschsprachigen Raum
  • 1. Der Volksaufstand in Tirol 1809
  • 1.1 Die Tiroler und ihre Kriegsgefangenen
  • 1.2 Französisch-bayerischer Aktionismus in Sachen Kriegsgefangenschaft
  • 2. Der verschwindend geringe deutsche Widerstand
  • 3. Frauen und Kinder
  • 4. Bedienstete, Händler und Halbweltliche
  • VIII. Entlassung und Verbleib
  • 1. Repatriierung
  • 2. Das Schicksal und der lange Weg zurück
  • 3. Heimat oder fremde Erde
  • IX. Schlussbetrachtung
  • X. Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

Florian Kern

Kriegsgefangenschaft
im Zeitalter Napoleons

Über Leben und Sterben im Krieg

Autorenangaben

Florian Kern studierte Geschichte und Politische Wissenschaften an der Universität Mannheim. Er wurde am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Mannheim promoviert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Militär-, Sozial- und Historiografiegeschichte.

Über das Buch

Die europäischen Kriege im Zeitalter Napoleons brachten mit ihren Armeen und Schlachten auch das Problem der Kriegsgefangenschaft mit sich. In den Jahren von 1805 bis 1815 gerieten hunderttausende von Soldaten und Nichtkombattanten in die Hand des Feindes.

Der Autor untersucht die Geschichte der Kriegsgefangenen jener epochalen Umbruchzeit. Im Fokus der Studie stehen dabei die theoretischen Konditionen sowie praktischen Bedingungen, denen Soldaten, Zivilisten, Frauen und Kinder unterworfen waren.

Zitierfähigkeit des eBooks

Diese Ausgabe des eBooks ist zitierfähig. Dazu wurden der Beginn und das Ende einer Seite gekennzeichnet. Sollte eine neue Seite genau in einem Wort beginnen, erfolgt diese Kennzeichnung auch exakt an dieser Stelle, so dass ein Wort durch diese Darstellung getrennt sein kann.

Vorwort

Die vorliegende Studie wurde als Dissertation im Frühjahrs-Sommer-Semester 2016 von der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim angenommen. Die Disputation erfolgte am 14. November 2016.

Ich bedanke mich bei Herrn Professor Dr. Erich Pelzer für die Betreuung meiner Arbeit, sein Vertrauen und seine aufrichtige Unterstützung in allen Belangen. Sein fachliches Wissen sowie seine wissenschaftliche Erfahrung waren hilfreiche Begleiter auf dem Entstehungsweg dieser Arbeit.

Frau Prof. apl. Dr. Angela Borgstedt danke ich herzlich für die Übernahme des Zweitgutachtens. Des Weiteren möchte ich Herrn Prof. apl. Dr. Klaus-Jürgen Matz für den wissenschaftlichen Austausch und sein fachliches Interesse danken.

Pierre Schitter, Dr. René Gilbert und Oberstudienrat Ludwig P. Köhler bin ich für das geduldige Lektorat sehr verbunden.

Mein Dank gilt ebenfalls dem Deutschen Historischen Institut in Paris, der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg für die finanzielle Unterstützung im Rahmen von Promotionsstipendien sowie allen engagierten Mitarbeitern/-innen in Archiven und Bibliotheken für die Förderung meiner Forschungsarbeit.

Mein besonderer Dank gilt meiner Familie, die mich in praktischer und ideeller Hinsicht während der Zeit meiner Promotion stets bereitwillig unterstützt hat.←5 | 6→ ←6 | 7→

I. Einleitung

In seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg erzählt Theodor Fontane auch von den Vorgängen bei der Kapitulation preußischer Regimenter in der Nähe von Pasewalk am 29. Oktober 1806. Wenngleich die Formen und Bedingungen von Kriegsgefangenschaft auch vielfältig waren, so beschreibt Fontane in einem Satz dieses Fatum allumfassend trefflich mit den Worten: „Ruhmlos war das Ende. Das Schicksal des Ganzen bestimmte das Los des Einzelnen. Ein Gericht vollzog sich, zu groß, zu gewaltig, als daß sich die Krittelei der Menschen, tadelnd oder besserwissend, daran versuchen sollte.“1 Nun, ganz diesen Worten folgend, hat sich die nachfolgende Untersuchung eine wissenschaftliche Betrachtung der Geschichte von Kriegsgefangenschaft im Zeitalter Napoleons zum Ziel gesetzt. Genauer gefasst geht es darum, die Ergründung von Leben, Überleben und Sterben der Kriegsgefangenen während der Napoleonischen Kriege zu untersuchen. Eine globale oder gesamteuropäische Betrachtung der Materie wäre zu groß, als dass eine einzelne Dissertation aussagekräftige Ergebnisse liefern könnte. Aus diesem Grund konzentriert sich die Fallstudie hauptsächlich auf das Untersuchungsfeld des deutschsprachigen Raumes als ständiges Basis-, Durchzugs- und Kampfgebiet der Grande Armée, ihrer Fremdtruppen sowie der preußischen und österreichischen Streitmächte zwischen 1805 und 1815.

1. Methodik und Quellenlage

Diese Studie sieht sich einem neueren Verständnis von Geschichtswissenschaft verpflichtet. Das Problem der Kriegsgefangenschaft in der napoleonischen Ära zwischen 1805 und 1815 soll hier nicht in dem Sinne aufgearbeitet werden, wie einst Napoleon die Schlachten Friedrich des Großen in ihrer Zweckdienlichkeit militärhistorisch untersuchte. Es geht vielmehr darum, die spannungsreichen Beziehungen zwischen Angehörigen von bewaffneten←11 | 12→ Mächten und der sie umgebenden Welt zu erkunden.2 Woraus ergibt sich aber die Notwendigkeit, den Krieg nicht allein wehrgeschichtlich oder kriegswissenschaftlich zu betrachten? Die Antwort führt uns zur großen Theorie des preußischen Generalmajors und Veteranen der Napoleonischen Kriege Carl von Clausewitz: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“3 Dabei definiert Clausewitz die Politik stets als „Repräsentanten aller Interessen der ganzen Gesellschaft“.4 So stellt der Krieg immer eine Funktion gesamtgesellschaftlicher Entwicklung dar.5„Das Militär besteht nicht durch und für sich selbst. Es lebt aus dem Willen und der Leistungsfähigkeit eines größeren Ganzen, von dem es getragen wird.“6 Daraus ergibt sich die Tatsache, dass „[…] der Krieg und der militärische Sektor gesamtgesellschaftlich zu bedeutend sind, als daß man sie allein der militärischen Zweckhaftigkeit im Denken und Handeln überlassen darf.“7 Krieg beeinflusst die Geschichte. In seiner Zeit wirkt der Krieg dabei zunächst auf das Leben von Menschen ein, woraus er selber wiederum Rückkopplungseffekte erfährt. In diesem Zusammenhang ist es für die Geschichtswissenschaft unausweichlich, nach dem Militär als Mittel der Politik zu fragen und vielmehr noch die Bedeutung von bewaffneter Macht für sämtliche Komplexe des menschlichen Lebens zu beleuchten.8 Schließlich machen nicht allein Männer Kriege und Geschichte, wie es uns die Politische Geschichte, als Ereignisgeschichte und die Militärgeschichte als Machtgeschichte so manches Mal suggerieren.9 So←12 | 13→ besteht die Notwendigkeit, die Dissertation in einen methodischen Rahmen einzubetten, welcher in Beachtung der politischen bzw. militärischen Umstände die Aspekte von sozialen Gefügen und individuellen Erfahrungen nicht außer Acht lässt. „[…] first, historians need to integrate the significance of military and warfare more seriously into political, economic, social, and cultural history; and second, they should implement more systematically the insights of the new cultural history, in particular the history of experience and memory and gender history.“10

Dies soll nicht eine Hintansetzung der Politischen Geschichte oder die Vernachlässigung von Gesamtgeschichte bedeuten, sondern die exemplarische Darstellung des Individuellen innerhalb komplexer Sozialstrukturen und gesamthistorischer Vorgänge.11 „Eine farbige, plastische Geschichte individueller und kollektiver Erfahrungen, Erlebnisse, Wahrnehmungsweisen, Verhaltens- und Aktionsdispositionen erweitert das Verständnis der Vergangenheit […].“12 Dieser integrativ-pluralistische Ansatz bietet das Potenzial einer Abbildung von Mentalität und Kultur sowie Alltag, Erfahrung und Gesellschaftsleben von jenen historischen Personen, die uns Quellen liefern, aber auch von jenen, die dies nicht tun.13 Um von der Geschichte möglichst gute Bilder zu machen, die in der Nachbetrachtung dennoch stets nur Fragmente eines ganzen Panoramas bleiben, ist es sinnvoll, mehr als nur ein Objektiv zu nutzen. So können wir zum einen etwas mehr Tiefenschärfe gewinnen, zum anderen einen breiter angelegten Bildausschnitt generieren, eben Mikro- und Makroaufnahmen erreichen.←13 | 14→ Daher kann eine Kombination von strukturgeschichtlichen Ansätzen mit den Arbeitsweisen der speziellen „Bindestrich-Geschichten“, wie etwa der Sozial-, Alltags- oder Militärgeschichte nur förderlich sein.14 Ein Fakt, der in der forschenden Praxis vom Tübinger Sonderforschungsbereich 437 „Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ auf beeindruckende Weise demonstriert wurde.15 Geschichte ist demnach mehr als nur politische und militärische Begebenheiten, mehr als nur Strukturen und Prozesse, jedoch auch mehr als einzelne Erfahrungen und Gruppenspezifika allein. Dabei führt uns aber gerade das Individuelle immer wieder vor Augen, insbesondere in Bezug auf Krisenzeiten, dass bei allen Schnittmengen und gemeinsamen Nennern, am Ende der ecce homo in seinem Fatum steht. In umgekehrter Form lässt sich aber über das Abweichende bzw. das „außergewöhnlich Normale“ ebenso auch das Allgemeine besser eingrenzen, lässt sich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, also etwa des Modernen und Retrospektiven, insbesondere während epochaler Umbruchzeiten, besser abbilden.16 Der so viel gescholtene Anspruch des amerikanischen Historikers Frederick Jackson Turner ist daher auch heute noch von höchster Bedeutung: „All the spheres of man’s activity must be considered.“17 Hierzu leistete die Strukturgeschichte der Annales-Schule einen entscheidenden Beitrag. Es zeugt schon von einer gewissen Ironie der Geschichte, dass jene für die hier vorliegende Arbeit so wichtige methodische Weiterführung in einem Kriegsgefangenenlager ihren Anfang←14 | 15→ nahm. Fernand Braudels Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft – u. a. in der Zitadelle von Mainz, in der auch etliche Kriegsgefangene während der napoleonischen Zeit ihr Dasein fristeten – hatten größere Auswirkung auf Braudels Verständnis von Geschichte und daraus resultierend auf die Geschichtswissenschaft per se.18 Seine Dissertation, die später unter dem Titel „La Méditerranée et le monde méditeranéen à l’epoque de Philippe II“ akademischen Weltruhm erlangte, schrieb er während des Zweiten Weltkrieges, den er größtenteils als Kriegsgefangener in Lübeck verbrachte. In diesem Buch spiegeln sich die Ansätze der Annales-Schule deutlich wider, insbesondere durch die Anwesenheit der Lehren von Lucien Febvre, des Geographen Vidal de la Blache, des Soziologen Marcel Mauss und insbesondere des belgischen Historikers Henri Pirenne, dessen bedeutendes Werk über die „Geburt des Abendlandes“ doppelsinniger Weise in einem Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkrieges seinen Anfang nahm.19 Die französische Annales-Schule rückte mit ihrer Strukturgeschichte vor allem langfristige Kollektivphänomene in den Mittelpunkt ihrer Forschung und verweigerte sich einem „hermeneutisch-individualisierenden Sinnverstehen“.20 Man sollte aber nicht die „Gesichter in der Menge“ (Raphael Samuel) aus den Augen verlieren. Es gilt auch die differenten Ausprägungen von Handeln und Erleben zu beachten, um genauere Eindrücke von gesamtgesellschaftlichen Veränderungs- und Transformationsprozessen zu erhalten.21 An diesem Punkt bietet die Alltagsgeschichte in Form der historischen Erschließung von Grundkomponenten der Lebenswelten und←15 | 16→ des Lebensgefühls von Menschen einen gewinnbringenden Ansatz.22 Mit ihrer Konzentration auf Subjektivität und informelle Lebenswelten füllt sie jene Lücke, welche sich durch eine zur historisch-sozialwissenschaftlichen Analyse tendierende Geschichte ergibt.23 So arbeitet Alltagsgeschichte in umgekehrter Weise vom Konkreten hin zum Abstrakten.24

Details

Seiten
354
ISBN (PDF)
9783631761946
ISBN (ePUB)
9783631761953
ISBN (MOBI)
9783631761960
ISBN (Hardcover)
9783631761939
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Oktober)
Schlagworte
Napoleonische Kriege Militär Sozialgeschichte Französisches Kaiserreich Geschichte
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018., 353 S., 10 Tab.

Biographische Angaben

Florian Kern (Autor:in)

Florian Kern studierte Geschichte und Politische Wissenschaften an der Universität Mannheim. Er wurde am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Mannheim promoviert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Militär-, Sozial- und Historiografiegeschichte.

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Titel: Kriegsgefangenschaft im Zeitalter Napoleons