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Wissenschaftliche Kontakte von Slawisten slawischer und nichtslawischer Länder

Tagung der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik in Marburg/Bayreuth 1990

von Helmut Schaller (Band-Herausgeber)
Sammelband 226 Seiten
Reihe: Symbolae Slavicae , Band 33

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik beim Internationalen Slawistenkomitee in Marburg und Bayreuth 1990
  • Zur Bedeutung der wissenschaftlichen Korrespondenz zwischen deutschen und slawischen Slawisten für die Erforschung der Geschichte der Slawistik
  • Italienische Slawisten und Franz Miklosich (Miklošič)
  • О роли Эрвина Кошмидера в развитии аспектологии
  • Dokumentation der schweizerisch-slawischen (osteuropäischen) Wechselbeziehungen seit ihren Anfängen
  • Le slaviste roumain Ilie Bărbulescu et sa contribution dans l’histoire de la philologie slavistique internationale
  • Die Prager deutsche Slawistik der Zwischenkriegszeit. Thesen zu einem Desiderat
  • Историк-славист Д.Н.Егоров и советско-немецкие связи 1920-х годов: К вопросу об участии советских историков в «русской исторической неделе» в Берлине
  • N.S. Trubetzkoys, des Begründers der Phonologie, Tätigkeit in Wien und Prag (1923–1926)
  • Die Anfänge der slowakischen Slawistik und ihre Beziehungen zu Deutschland. Stand der Forschung und Literaturüberblick
  • Информационноe обеспечение в Советском Союзе ученых исследований по истории мировой славистики. (Опыт ИНИОН АН СССР)
  • Первые шаги на пути общения болгар с немецкой наукой
  • Роль русско-шведско-немецких контактов конца ХII – начала ХVIII вв. в становлении славянских изучений
  • Zu den frühen slawistischen Traditionen in Berlin bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
  • Erich Bernekers Beziehungen zu in- und ausländischen Sprachwissenschaftlern
  • Йордан Иванов и его связи с французскими славистами
  • “Rocznik Slawistyczny” i “Materiały i Prace Komisji Językowej” Akademii Umiejętnosci w Krakowie we współpracy ze slawistami krajów niesłowiańskich
  • Jiří Horák und die deutsche Slawistik in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen. Ein Beitrag zur Geschichte der deutsch-tschechischen wissenschaftlichen Zusammenarbeit
  • Namenverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Helmut W. Schaller/Marburg

Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik beim Internationalen Slawistenkomitee in Marburg und Bayreuth 1990

Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik zu dem Thema „Wissenschaftliche Kontakte von Slawisten slawischer und nichtslawischer Länder fand Ende Mai/Anfang Juni in Marburg und Bayreuth statt1. An ihr nahmen vor allem Kommissionsmitglieder, aber auch sonstige Vortragende aus Großbritannien, Italien, dem damals noch nicht vereinten Deutschland, der Sowjetunion, Schweden, Polen, Bulgarien, Rumänien, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei teil. 1990, im Jahr der Veranstaltung waren 36 Slawisten der verschiedensten Länder Mitglieder der Kommission, die jedoch nur zu einem kleinen Teil nach Marburg und Bayreuth kommen konnten.

Die Kommission für Geschichte der Slawistik kann bereits auf eine längere Tradition zurückblicken. Gegründet wurde sie während des IV. Internationalen Slawistenkongresses in Moskau2, der ersten internationalen Veranstaltung dieser ←9 | 10→Art nach dem Zweiten Weltkrieg, der bereits zwei kleinere internationale Veranstaltungen in Belgrad und in Berlin/Ost vorangegangen waren3. Geschäftssitzungen der Kommission fanden während mehrerer Slawistenkongresse statt, die nach Moskau (1958) in Sofia (1962), Prag (1968), Warschau (1973), Zagreb und Ljubljana (1978), Kiev (1983) und Sofia (1988) im Turnus von fünf Jahren durchgeführt wurden. Ein erste Sitzung der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik fand 1960 in Wien statt, an der Vertreter aus 16 Länder teilnahmen4, gefolgt von einer zweiten Sitzung 1964 in Göttingen, der sich dann eine dritte Zusammenkunft in Štiřin/Slowakei 1967 anschloss. Symposien zur Geschichte der Slawistik wurden 1972 in Moskau, 1971 in Prag, 1973 in Warschau, 1975 wiederum in Prag, 1977 in Varna5, 1980 in Berlin/Ost6 und in der Zeit vom 11. bis 14. Februar 1985 in Smolenice in der Slowakei7 durchgeführt. 1987 wurden in Warschau8 und dann 1990 in Marburg und Bayreuth zwei weitere Tagungen durchgeführt9. Weitere Tagungen der Kommission fanden in ←10 | 11→Verona/Italien im Jahre 2007 und nach einer längeren Unterbrechung in Bratislava/Slowakei 2016 statt. Die Vorträge dieser Tagungen wurden zum Teil in Zeitschriften, zum Teil in Sammelbänden veröffentlicht, so unter dem Titel aktueller Probleme der Geschichte der Slawistik, Slawistik in der Zeit zwischen den Kriegen 1918 bis 193910. 1978 war in Moskau in der Reihe „Issledovanija po istorii mirovoj slavistiki“ ein umfangreicher Sammelband unter dem Titel „Metodologičeskie problemy istorii slavistiki“ erschienen, in dem außer der DDR, Frankreich und Österreich nur slawische Länder vertreten waren11, sodass sich ein ziemlich unausgewogenes Bild der Geschichte der Slawistik auf internationaler Ebene ergeben musste, ein Punkt der während des Slawistenkongresses 1978 in Zagreb kritisch angemerkt wurde, und dort zur Bildung einer eigenen „Subkommission der Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern“ führte, die im darauffolgenden Jahr bereits zu einer Sitzung in Wien zusammenkam12. 1985 konnte unter der Herausgeberschaft der damaligen beiden Wiener Slawisten Josef Hamm und Günther Wytrzens der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene Sammelband „Beiträge zur Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern“ veröffentlicht werden. Dort kamen nicht nur die österreichische, französische, belgische, niederländische, englische, dänische, norwegische, finnische, ungarische, US-amerikanische, kanadische, israelische und sogar japanische Slawistik mit ihrer längeren oder kürzeren Geschichte zur Darstellung, sondern auch die Geschichte der Slawistik in Deutschland, sie wurde aus zweifacher Sicht, nämlich der alten BRD und der DDR behandelt13.

←11 | 12→Marburg erwies sich damals für eine weitere Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik als besonders geeignet, da sich dort mit der 1527 durch Philipp den Großmütigen gegründeten Philipps-Universität, der ersten protestantischen Universität der Welt, ein markanter Tagungsort anbot, der damals nicht nur über eine voll ausgebaute, von 1946 bis 2006 existierende Slawistik, sondern auch Osteuropäische Geschichte und Ostkirchenkunde verfügte14. ←12 | 13→Hinzu kam das Johann-Gottfried-Herder-Institut, das vom Johann-Gottfried Herder-Forschungsrat 1950 ins Leben gerufen wurde und heute die Aufgabe der umfassenden Erforschung der Länder Ostmitteleuropas, also Polens, Tschechiens, der Slowakei, Litauens, Lettlands und Estlands in ihren heutigen Grenzen übernommen hat. 1529 fand das für die historische Wirkung der Reformation richtungweisende Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli statt. In den folgenden Jahrhunderten lehrten in Marburg international bekannte Wissenschaftler wie der Philosoph Friedrich Wolff, der Physiker Robert Bunsen, der Theologe Rudolf Bultmann und die beiden Philosophen Hermann Cohen und Paul Natorp, Begründer der Marburger Schule der Richtung des Neukantianismus. Beziehungen zu Osteuropa, speziell zu Russland, waren bereits im 18. Jahrhundert mit dem Aufenthalt von Michail Lomonosov (1711–1768) gegeben, der in Petersburg, Marburg und Freiberg in Sachsen Naturwissenschaften und Philosophie studierte. Lomonosov wurde 1745 Professor der Chemie an der Petersburger Akademie der Wissenschaften und war maßgeblich an der Gründung der Universität Moskau beteiligt, die heute auch seinen Namen trägt. Mit seinen philologischen Arbeiten zur russischen Sprache wurde von Lomonosov auch eine Brücke zur Slawistik und ihrer Geschichte geschlagen. 1912 hielt sich in Marburg der russische Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger, Verfasser des weltbekannten und in viele Sprachen übersetzten Romans „Dokor Živago“, Boris Pasternak (1890–1960), zum Studium der Philosophie in Marburg auf, wandte sich aber bald der Dichtkunst zu, wovon unter anderem sein Gedicht „Marburg“ Zeugnis ablegt. Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt zur Welt der Slawen ist der „Deutsche Sprachatlas“, 1886 von dem Bibliothekar und Germanisten Georg Wenker begründet, dort finden sich auch zahlreiche Fragebögen zu polnischen, tschechischen und litauischen Dialekten, die vor 1918 auf dem Boden des damaligen Deutschen Reiches gesprochen wurden15.

Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik fand in Marburg in den Räumen des 1950 begründeten Johann-Gottfried-Herder-Institutes statt, wo die Teilnehmer vom damaligen Vizepräsidenten der Philipps-Universität, Werner Schaal sowie dem seinerzeitigen Direktor des Herder-Institutes Hugo Weczerka begrüßt wurden. Die behandelten Themen gingen zum Teil über das Rahmenthema hinaus, so bei S. Urbańczyk/Krakau mit der Darstellung der Mitarbeit nichtslawischer Gelehrter an der polnischen Zeitschrift „Rocznik Slawistyczny“ und den “Materjały i Prace Komisji Językowej“, einer ←13 | 14→Bestandsaufnahme einschlägiger polnischer Zeitschriften in den Jahren 1909 bis 1918 durch M. Basaj/Warschau, die Darstellung der Kontakte Monica Gardners zu ihren polnischen Freunden durch G. Stone/Oxford sowie die damals aktuelle Planung für eine Dokumentation der schweizerisch-slawischen Wechselbeziehungen durch P. Brang und eine ausführliche Darstellung der Tätigkeit N.S. Trubetzkoys, vor allem als Begründer der Phonologie bekannt geworden, durch S. Hafner/Graz, seine Tätigkeit in Wien und Prag in den Jahren 1923 bis zu seinem Tod im Jahre 1938 umfassend, nachdem er aus Russland ausgereist war. A.V. Bondarko behandelte ausführlichst die Rolle Erwin Koschmieders für die slawische Aspektologie. S. Bonazzo beleuchtete die Beziehungen von Franz Miklosich zu italienischen Sprachwissenschaftlern. Die internationalen Verbindungen skandinavischer Slawisten waren das Thema G. Jacobsons aus Göteborg.

Mehrere Vorträge wurden von Slawisten aus Bulgarien geboten, so von G. Dimov, der über die wissenschaftlichen Kontakte bulgarischer Gelehrter, vor allem Ivan Šišmanovs mit ausländischen Wissenschaftlern Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach. Vasilka Tăpkova-Zaimova behandelte Jordan Ivanovs Verbindungen zur französischen Slawistik, Liljana Minkova bot in ihrem Beitrag wichtige, bisher unbekannte Aspekte der Beziehungen des bulgarischen Schriftstellers Ljuben Karavelov zur deutschen Slawistik.

Mehrere Vorträge wurden von Wissenschaftlern aus der damals noch existierenden Sowjetunion gehalten. A. Bondarko behandelte ausführlich die grundlegende Rolle des Münchener Slawisten und Baltisten Erwin Koschmieder für die Aspektologie, deren Grundlagen dieser bereits während seiner Lehrtätigkeit an der Universität Wilna richtungweisend mit bestimmt hatte. A.S. Myl’nikov thematisierte russisch-schwedisch-deutsche Wissenschaftsbeziehungen, I. Kaloeva vom Institut für wissenschaftliche Information auf dem Gebiete der Gesellschaftswissenschaften in Moskau, unterrichtete über die damals laufenden Arbeiten an einem Projekt für eine Bibliographie der Veröffentlichungen zur Geschichte der internationalen Slawistik und erläuterte das damals für das Jahr 1988 in Moskau erschienene Heft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang das 1981 in Moskau erschienene Nachschlagwerk „Istoriki-slavisty SSSR. Biobibliografičeskij slovar’-spravočnik“, das aber nicht über Sprach- und Literaturwissenschaftler, sondern nur über Historiker Auskunft gibt.

Die Vorträge von T. Ivantyšynová und V. Matula behandelten Themen der Geschichte der Slawistik in der Slowakei, ein Bereich, der bisher viel zu wenig beachtet wurde, denkt man nur an Namen wie Ljudevit Štúr. Mehrere Vorträge waren der deutschen Slawistik und ihren Beziehungen zu ausländischen Slawisten gewidmet. So behandelte W. Gesemann die schwierige Lage der Slawistik an der Deutschen Universität Prag, parallel und in Konkurrenz zur tschechischen ←14 | 15→Universität. H. Schaller stellte in einem kurzen Abriss die Beziehungen Erich Bernekers zu in- und ausländischen Slawisten dar. Wilhelm Zeil, der 1994 mit einer umfassenden Darstellung der Geschichte der deutschen Slawistik bis 1945 über das engere Fach hinaus bekannt wurde, behandelte in seinem Vortrag die deutschen Slawisten Gerhard Gesemann und Karl Heinrich Meyer in ihren Beziehungen vor allem zu Matthias Murko. H. Pohrt bot einen umfassenden Abriss der Geschichte der slawistischen Studien in Berlin von den ersten Anfängen bis in die neueste Zeit hinein, Irmgard Seehase behandelte die Korrespondenz zwischen Edmund Schneeweis und Matthias Murko.

Die Kommission für Geschichte der Slawistik hielt am 1. Juni 1990 ihre Geschäftssitzung in der Universität Bayreuth ab, dort begrüßt von dem damals zuständigen Fachbereichsdekan, dem Germanisten Werner Röcke und dem stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Bayreuth Bernd Mayer. Bayreuth hatte nämlich im 18. und 19. Jahrhundert eine besondere Bedeutung als einem Zentrum der Slawenkunde mit Johann Michael Georg (1740–1796)16, Johann Gottlieb Hentze (1763–1798)17 und Johann Wilhelm Holle (1802–1852)18, wobei die beiden Letzteren, angeregt von Johann Michael Georg mit damals grundlegenden und viel beachteten Abhandlungen zur slawischen Besiedlung Oberfrankens hervorgetreten waren, ein Thema, das bis in die neueste Zeit hinein aber immer wieder auch für kontroverse Diskussionen gesorgt hat19.

←15 | 16→Aus der abschließenden Diskussion der Mitglieder der Kommission für Geschichte der Slawistik in Bayreuth gingen zwei Themen für die weitere Arbeit hervor, nämlich die weitere Untersuchung der Geschichte der Slawistik in den slawischen und nichtslawischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Frage der Bedeutung der wissenschaftlichen Beiträge von Emigranten zur Entwicklung der internationalen Slawistik, wobei u.a. auch an D. Tschiževskij gedacht wurde20. In die Geschichte der Slawistik sollte nunmehr auch die Rolle der Ukrainischen Freien Universität einbezogen werden, die zunächst in Prag, dann nach dem Zweiten Weltkrieg in München ihren Standort einnahm, gefördert unter anderem vom Freistaat Bayern21. Die Geschichte der Slawistik an der Deutschen Universität Prag hat inzwischen bereits mehrfach eine Darstellung erfahren.22 Angenommen wurde in dieser Sitzung auch der Vorschlag der Gründung einer Subkommission für die Erforschung der Geschichte der Slawistik in Deutschland, ein Plan, der leider nicht weiter verfolgt werden konnte, da sich bereits kurz nach der Tagung in den neunziger Jahren der Abbau der Slawistik im vereinten Deutschland abzeichnete und die Aufgaben der weiteren Erforschung der Geschichte der Slawistik vor allem auf internationaler Ebene weiter verfolgt werden mussten, wie die Tagungen in Urbino/Italien (1992), Paris (2001) und zuletzt in Verona/Italien (2007) gezeigt haben.

In neuerer Zeit sind einige weitere Einzeldarstellungen zur Geschichte der Slawistik erschienen, so im Jahre 1986 „Fünfzig Jahre slawistische Lehre und Forschung an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“, im selben Jahr die Jubiläumsschrift „40 Jahre Lehrstuhl für Slawische Philologie an der ←16 | 17→Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg“, 1987 eine „Jubiläumsschrift zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des Instituts für Slawistik der Universität Gießen“, ferner „Beiträge zur Geschichte der Slawistik an der Martin-Luther-Universität Halle“, dort im Jahre 1997 erschienen. Im Jahre 2005 wurden die Vorträge, die während der Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik 2001 in Paris gehalten wurden veröffentlicht23. Behandelt wurden inzwischen auch die Geschichte der Slawistik und Baltistik an der Universität Königsberg24 und an der Universität Breslau25, ferner eine Biographie Erich Bernekers veröffentlicht26. Ein internationaler Sammelband brachte Beiträge zur Geschichte der Slawistik in den nichtslawischen Ländern für die Epoche von 1975 bis 200027, also der Zeit des politischen und ideologischen Umbruchs, der sowohl im Westen als auch im Osten zu einer Neuorientierung der Slawistik, unter anderem auch unter großen Einbußen der Kapazität des Faches erfolgen musste.

Die Geschichte der Slawistik hat im vergangenen Jahrhundert bereits einen langen, ohne Zweifel aber auch sehr erfolgreichen Weg zurückgelegt. Die erste umfangreiche Abhandlung geht auf Vatroslav Jagić zurück, der 1910 in Petersburg seine „Istorija slavjanskoj filologii“ veröffentlichte28. Bereits vier Jahre vorher, im Jahre 1906 hatte der russische Slawist V.A. Francev, damals an der Universität Warschau tätig, eine russisch abgefasste Darstellung der polnischen Slawistik vom Ende des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfasst29. Anlässlich der Eröffnung des Akademischen Jahres 1938/39 hatte der führende polnische Sprachwissenschaftler Tadeusz Lehr-Spławiński in Krakau einen Vortrag zur Vergangenheit der Slawistik an der Jagiellonischen Universität gehalten30. Bereits früher hatte man sich in Polen und in der Tschechoslowakei ←17 | 18→mit dem Gründer der Slawischen Philologie, Josef Dobrovský aus der Sicht der Geschichte der Slawistik befasst31. Es waren also Einzelpersönlichkeiten, aber auch wissenschaftliche Institutionen und ganze Länder, die unter diesem Aspekt damals nur ganz vereinzelt behandelt wurden32.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges rückte die Geschichte der Slawistik immer mehr in das Interesse der dafür zuständigen Fachvertreter. Erste Koordinierungsversuche wurden bereits vor dem IV. Internationalen Slawistenkongress in Moskau 1958 unternommen, während dem es dann zur Gründung der „Kommission für Geschichte der Slawistik“ beim Internationalen Slawistenkomitee gekommen war. In den folgenden Jahren bestanden noch große Unsicherheiten hinsichtlich des methodischen Vorgehens, aber auch bei der Planung langfristiger Forschungsvorhaben. Vor allem in der damaligen Sowjetunion verstand man unter Geschichte der Slawistik die Entwicklung der Wissenschaft von den slawischen Völkern in der Vergangenheit im breitesten Sinne. Ein anderes Problem war die bevorzugte Behandlung der Geschichte der Slawistik in slawischen Ländern, die dann 1978 anlässlich des VIII. Internationalen Slawistenkongresses zu einem veränderten Vorgehen führte, indem man nun auch verstärkt die Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern berücksichtigte, was schließlich auch zur Durchführung von Kommissionssitzungen außerhalb der slawischen Länder führte, wie dies in Wien, Göttingen, Berlin und Marburg der Fall war.

In seinen 1999 erschienenen biographischen Anmerkungen hat der polnische Slawist Stanisław Urbańczyk (1907–2001) seine Erinnerungen an die Tagung in Marburg und Bayreuth im Jahr 1990 mit den folgenden Sätzen festgehalten:

„Konferencje odbywały się na zmianę w różnych krajach, także w Niemczech w Marburgu, dzięku czemu poznałem jego okolice. Podobał mie się też sam Marburg, m.in. kościól św.Elżbiety, której relikwie protestancie spalili, a popiól rozrzucili.

Organizatorem konferencji był prof.Schaller, na pozór niezaradny, a w rzeczywistości sprawny. Zaprowadził nas do ratusza, gdzie nas powitał burmistrz (Oberbürgermeister). Słuchając przemówienie układałem w myśli własną odpowiedzi na wszelki wypadek, choć powinien był przemówić nasz przewodniczący, ←18 | 19→Rosjanin Diakow, poprzednio prawa ręka Markowa, gdy przyszła jednak ta chwila i Diakow i Schaller spojrzeli na mnie błagalnie … jedna z obecnych Niemek bardzo pochwaliła moją wymowę.“33

1Vgl. hierzu den ausführlichen Bericht von W. Zeil: Tagung der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik beim Internationalen Slawistenkomitee. Marburg/Bayreuth 30.5.–1.6.1990. In: Zeitschrift für Slawistik 36, 1991, H. 4, S. 602–604. Ebenso A.N. Gorjajnov: Marburgskoe zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 4, 1991, S. 119–120.

2Zur Geschichte der Kommission vgl. vor allem N.A. Prokof’eva: Meždunarodnaja komissija po istorii slavistiki. In: Slavjanovedenie i balkanistika za rubežom. Sbornik statej i materialov. Moskva 1980. S. 32–41. Zur Methode der Geschichte der Slawistik vgl. aus damaliger sowjetischer Sicht: Metodologičeskie problemy istorii slavistiki. Moskva 1978. Vgl. hierzu vor allem die dort veröffentlichten methodischen Stellunnahmen zur Darstellung der Geschichte der Slawistik von D.F. Markov: Slavistika kak kompleks naučnych disciplin. In: Metodologičeskie problemy istorii slavistiki. Moskva 1978, S. 7 und E. Georgiev: Ob osnovnych ėtapach razvitija slavistiki v neslavjanskich stranach, dass. S. 119–146.Vgl. hierzu auch Berichte zu früheren Sitzungen der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik, u.a. zu einem Symposium das im Oktober 1975 in Prag stattfand: N.A. Prokof’eva: Meždunarodnyj naučnyj simpozium po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 2, 1976, S. 124–126; T. Bešta, J. Kurz: Symposium o dějínách slavistyki ve Štiřině 1967. In: Slavia 38, 1969, S. 510; J. Petr: Symposium o dejínach slavistiky. In: Jazykovedné aktuality 1967, S. 41–43; Z. Řeháček, Z. Urban: Symposium o dějínách slovanské filologie. In: Slavia 41, 1972, S. 348–351.

3Vgl. hierzu: Vorträge auf der Berliner Slawistentagung (11.–13. November 1954). Berlin 1956.

4An der ersten Arbeitstagung der Kommission in der Zeit vom 3. bis 6. Mai 1960 in Wien nahmen teil: N.K. Gudzij (Moskau), damals Vorsitzender der Kommission, K. Horálek (Prag), H. Batowski (Krakau), J. Hamm (Zagreb), V. Velčev (Sofia), H. Granjard (Lille), R. Auty (Cambridge), A. Cronia (Padua), A. Stender-Petersen (Ăarhus), E. Baleczky (Budapest), R. Jagoditsch (Wien), M. Braun (Göttingen) und H.H. Bielfeldt (Berlin). Die Veröffentlichung der Vorträge erfolgte im „Wiener Slavistischen Jahrbuch“. Zu dieser Veranstaltung vgl. den Bericht von H.H. Bielfeldt: Die 1.Tagung der internationalen Kommission zum Studium der Geschichte der Slawischen Philologie (Wien 1960). In: Zeitschrift für Slawistik 5, 1961, S. 638–639.

5Vgl. hierzu N.A. Prokof’eva: Zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 4, 1978, S. 122–123.

6Vgl. hierzu: V.D./A.M.: Berlinskoe zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 4, 1981, S. 124–126.

7Vgl. hierzu A.G.: Bratislavskoe zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki i simpozium „Aktual’nye problemy istorii slavistiki“. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 6, 1985, S. 123–124.

8Die Tagung in Warschau fand in der Zeit vom 30. September bis 2. Oktober 1987 statt und behandelte den Themenbereich der Slawistik am Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts.

9Die Vorträge dieser Tagung fanden im Johann-Gottfried Herder-Institut in Marburg statt, die Beratungen der Kommission wurden zum Teil im Institut für Slawische Philologie und am 1. Juni 1990 abschließend nach einem Besuch mehrerer Bayreuther Kulturstätten in der Universität Bayreuth

10Vgl. hierzu die Veröffentlichungen von Vorträgen der Tagungen u.a. in: Zeitschrift für Slawistik 27, 1982, H. 1: Geschichte der Slawistik. Hans Holm Bielfeldt zum 75. Geburtstag. Ebenso: Slawystika na przełomie XIX–XX wieku. Wrocław 1989.

11Erschienen in der Reihe: Naučnaja serija meždunarodnoj komissi po istorii slavjanovedenija.

12Vgl. hierzu J. Hamm: Für eine Geschichte der Slavistik in nichtslavischen Ländern. In: Österreichische Osthefte 21, 1979, S. 241–243. Zur Tagung der Subkommission für Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern vgl. den Bericht in: Wiener Slavistisches Jahrbuch 27, 1981, S. 189–190.

13Vgl. hierzu H. Schaller: Geschichte der Slawistik in Deutschland und in der Bundesrepublik einschliesslich Berlin (West). In: Beiträge zur Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern. Wien 1985, S. 89–170. E. Eichler, U. Lehmann, H. Pohrt, W. Zeil: Die Entwicklung der Slawistik in Deutschland bis 1945 und in der Deutschen Demokratischen Republik. Dass., S. 11–244. Bereits 1964 war in Berlin/Ost ein umfangreicher Band unter dem Titel „Beiträge zur Geschichte der Slawistik“ erschienen, herausgegeben von H.H. Bielfeldt und K. Horálek, wo sich von deutscher Seite Beiträge von F. Hinze, H. Pohrt, W. Bernhagen, R. Fischer, H. Baumann, G. Schlimpert, V. Falkenhahn, H.H. Bielfeldt und E. Eichler finden. Dort vor allem der Beitrag von H. Pohrt: Publikationen zur Geschichte der Slawistik und der Kulturbeziehungen mit den slawischen Völkern in der Deutschen Demokratischen Republik 1945 bis 1962. Dass. S. 445–468. Zu erwähnen sind zwei 1988 in der DDR erschienene Veröffentlichungen zur Geschichte der Slawistik, nämlich „Zur Geschichte der Slawistik in Berlin. Dem Wirken Hans Holm Bielfeldts gewidmet“ und „Zwei Beiträge zur Geschichte der Slawistik“ mit Beiträgen von E. Eichler und G. Wiemers. In der Bundesrepublik Deutschland kam es im Herbst 1977 in Bad Godesberg/Bonn zur Bildung einer Kommission für Geschichte der Slavistik beim Verband der Hochschullehrer für Slavistik in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin (West). Die Kommssion konnte aber nur zwei Bände unter dem Titel „Materialien zur Geschichte der Slavistik in Deutschland“ veröffentlichen, die in den Jahren 1982 und 1987 erschienen und wo sich vor allem Darstellungen der Gründung und weiteren Entwicklung slawischer Seminare finden. Ursprünglich geplante Darstellungen der Geschichte der Slawistik an den Universitäten Königsberg, Breslau und der Deutschen Universität Prag, ebenso auch geplante Biographien von Max Vasmer, Erich Berneker, Paul Diels und Dmytro Tschyževskij kamen seinerzeit nicht zustande. Ihre Behandlung blieb gegebenenfalls der Einzelinitiative von Fachvertretern überlassen. Eine Ausnahme stellt die „Jubiläumsschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des Slavisch-Baltischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster“ dar, dort 1980 mit einem umfangreichen Beitrag von H. Rösel, der vor allem auf Karl Heinrich Meyer einging, veröffentlicht. Besondere Erwähnung verdient auch das umfassende biographische Nachschlagewerk „Slawistik in Deutschland von den Anfängen bis 1945“, noch in der Zeit der DDR geplant und vorbereitet, bearbeitet von E. Eichler als Leiter des Projektes, unter Mitabeit von E. Hoffmann, P. Kunze, H. Schmidt, G. Schröter und W. Zeil, 1993 vom Domowina-Verlag in Bautzen/Budyšin veröffentlicht.

14Zur Geschichte der Slawistik in Marburg vgl. H.-B. Harder: Das Institut für Slawische Philologie an der Universität Marburg an der Lahn. In: Materialien zur Geschichte der Slawistik in Deutschland. Teil 2. Wiesbaden 1987. S. 175–187 und H. Schaller: Das Institut für Slawische Philologie der Philipps-Universität Marburg an der Lahn. In: Bulletin der Deutschen Slavistik Nr. 9, 2003, S. 45–50. Zur Osteropaforschung in Marburg vgl. vor allem die Gesamtdarstellung: Osteruropaforschung in Marburg. Institutionen. Sammlungen. Ergebnisse. Marburg 1988. Dort S. 80–81: Institut für Slawische Philologie.

15Vgl. hierzu G. Stone: Der erste Beitrag zur sorbischen Sprachgeographie. Aus dem Archiv des Deutschen Sprachatlas. Bautzen 2003. (= Lĕtopis. Sonderheft 50.)

16Vgl. hierzu H.W. Schaller: Johann Michael Georgs „Versuch einer sorbischen Sprachlehre“(1788). Einleitung, Text, Kommentar. Neuried 1986. Ders.: Johann Michael Georgs „Versuch iner sorbischen Sprachlehre“. Ein bisher unbekannter Beitrag zur Sorabistik des 18. Jahrhundetrts. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken 62, 1982, S. 141–146 m. Abb.

17Vgl. hierzu H.W. Schaller: Johann Gottlieb Hentze: Versuch über die ältere Geschichte des fränkischen Kreises, insbesondere des Fürstenthums Bayreuth. Erine slawenkundliche Untersuchung. Neuried 1988. Ders.: Johann Gottlieb Hentze und seine slawenkundlichen Untersucungen. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken 69, 1989, S. 237–267.

18Vgl. hierzu H.W. Schaller: Johann Wilhelm Holle. Seine slawenkundlichen Schriften zur Geschichte des Bayeuther Landes. München 1995. J.W. Holle: Die Slaven in Oberfranken, vorgetragen am 5. Juli 1841 in Aufsess bei der Generalversammlung des Historischen Vereins für Oberfranken. Ders.: De antiquissimis terrae quondam Baruthensis incolis commentatio Baruthi. Bayreuth 1846. Hierzu H.W. Schaller: Der Bayreuther Hisoriker Johann Wilhelm Holle und seine slaweenkundlichen Schriften. In: Archiv für GFeschichte von Oberfraken 75, 1995, S. 359–384.

19Vgl. hierzu H. Fegert, R.-M. Kiel, R. Hinderling: Deutsch-Slawisches in Bayreuth und Umgebung. Katalog zur Ausstellung 1. April 1996 bis 26. April 1996 in der Universitätsbibliothek Bayreuth. Bayreuth 1996.

Details

Seiten
226
ISBN (PDF)
9783631763759
ISBN (ePUB)
9783631763766
ISBN (MOBI)
9783631763773
ISBN (Buch)
9783631747216
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Slawistik in der Sowjetunion Slawistik in der Schweiz Slawistik in Polen Slawistik in Österreich
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 225 S., 2 s/w Abb.

Biographische Angaben

Helmut Schaller (Band-Herausgeber)

Helmut Schaller: Studium an der Universität München, Promotion, Privatdozent und auserplanmäßiger.Professor, 1983 bis 2005 Universitätsprofessor für Slawische Philologie und Balkanphilologie an der Universität Marburg. Seit 1981 Mitglied der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik

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