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Wissenschaftliche Kontakte von Slawisten slawischer und nichtslawischer Länder

Tagung der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik in Marburg/Bayreuth 1990

von Helmut Schaller (Band-Herausgeber)
Sammelband 226 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik beim Internationalen Slawistenkomitee in Marburg und Bayreuth 1990
  • Zur Bedeutung der wissenschaftlichen Korrespondenz zwischen deutschen und slawischen Slawisten für die Erforschung der Geschichte der Slawistik
  • Italienische Slawisten und Franz Miklosich (Miklošič)
  • О роли Эрвина Кошмидера в развитии аспектологии
  • Dokumentation der schweizerisch-slawischen (osteuropäischen) Wechselbeziehungen seit ihren Anfängen
  • Le slaviste roumain Ilie Bărbulescu et sa contribution dans l’histoire de la philologie slavistique internationale
  • Die Prager deutsche Slawistik der Zwischenkriegszeit. Thesen zu einem Desiderat
  • Историк-славист Д.Н.Егоров и советско-немецкие связи 1920-х годов: К вопросу об участии советских историков в «русской исторической неделе» в Берлине
  • N.S. Trubetzkoys, des Begründers der Phonologie, Tätigkeit in Wien und Prag (1923–1926)
  • Die Anfänge der slowakischen Slawistik und ihre Beziehungen zu Deutschland. Stand der Forschung und Literaturüberblick
  • Информационноe обеспечение в Советском Союзе ученых исследований по истории мировой славистики. (Опыт ИНИОН АН СССР)
  • Первые шаги на пути общения болгар с немецкой наукой
  • Роль русско-шведско-немецких контактов конца ХII – начала ХVIII вв. в становлении славянских изучений
  • Zu den frühen slawistischen Traditionen in Berlin bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
  • Erich Bernekers Beziehungen zu in- und ausländischen Sprachwissenschaftlern
  • Йордан Иванов и его связи с французскими славистами
  • “Rocznik Slawistyczny” i “Materiały i Prace Komisji Językowej” Akademii Umiejętnosci w Krakowie we współpracy ze slawistami krajów niesłowiańskich
  • Jiří Horák und die deutsche Slawistik in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen. Ein Beitrag zur Geschichte der deutsch-tschechischen wissenschaftlichen Zusammenarbeit
  • Namenverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Helmut W. Schaller/Marburg

Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik beim Internationalen Slawistenkomitee in Marburg und Bayreuth 1990

Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik zu dem Thema „Wissenschaftliche Kontakte von Slawisten slawischer und nichtslawischer Länder fand Ende Mai/Anfang Juni in Marburg und Bayreuth statt1. An ihr nahmen vor allem Kommissionsmitglieder, aber auch sonstige Vortragende aus Großbritannien, Italien, dem damals noch nicht vereinten Deutschland, der Sowjetunion, Schweden, Polen, Bulgarien, Rumänien, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei teil. 1990, im Jahr der Veranstaltung waren 36 Slawisten der verschiedensten Länder Mitglieder der Kommission, die jedoch nur zu einem kleinen Teil nach Marburg und Bayreuth kommen konnten.

Die Kommission für Geschichte der Slawistik kann bereits auf eine längere Tradition zurückblicken. Gegründet wurde sie während des IV. Internationalen Slawistenkongresses in Moskau2, der ersten internationalen Veranstaltung dieser ←9 | 10→Art nach dem Zweiten Weltkrieg, der bereits zwei kleinere internationale Veranstaltungen in Belgrad und in Berlin/Ost vorangegangen waren3. Geschäftssitzungen der Kommission fanden während mehrerer Slawistenkongresse statt, die nach Moskau (1958) in Sofia (1962), Prag (1968), Warschau (1973), Zagreb und Ljubljana (1978), Kiev (1983) und Sofia (1988) im Turnus von fünf Jahren durchgeführt wurden. Ein erste Sitzung der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik fand 1960 in Wien statt, an der Vertreter aus 16 Länder teilnahmen4, gefolgt von einer zweiten Sitzung 1964 in Göttingen, der sich dann eine dritte Zusammenkunft in Štiřin/Slowakei 1967 anschloss. Symposien zur Geschichte der Slawistik wurden 1972 in Moskau, 1971 in Prag, 1973 in Warschau, 1975 wiederum in Prag, 1977 in Varna5, 1980 in Berlin/Ost6 und in der Zeit vom 11. bis 14. Februar 1985 in Smolenice in der Slowakei7 durchgeführt. 1987 wurden in Warschau8 und dann 1990 in Marburg und Bayreuth zwei weitere Tagungen durchgeführt9. Weitere Tagungen der Kommission fanden in ←10 | 11→Verona/Italien im Jahre 2007 und nach einer längeren Unterbrechung in Bratislava/Slowakei 2016 statt. Die Vorträge dieser Tagungen wurden zum Teil in Zeitschriften, zum Teil in Sammelbänden veröffentlicht, so unter dem Titel aktueller Probleme der Geschichte der Slawistik, Slawistik in der Zeit zwischen den Kriegen 1918 bis 193910. 1978 war in Moskau in der Reihe „Issledovanija po istorii mirovoj slavistiki“ ein umfangreicher Sammelband unter dem Titel „Metodologičeskie problemy istorii slavistiki“ erschienen, in dem außer der DDR, Frankreich und Österreich nur slawische Länder vertreten waren11, sodass sich ein ziemlich unausgewogenes Bild der Geschichte der Slawistik auf internationaler Ebene ergeben musste, ein Punkt der während des Slawistenkongresses 1978 in Zagreb kritisch angemerkt wurde, und dort zur Bildung einer eigenen „Subkommission der Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern“ führte, die im darauffolgenden Jahr bereits zu einer Sitzung in Wien zusammenkam12. 1985 konnte unter der Herausgeberschaft der damaligen beiden Wiener Slawisten Josef Hamm und Günther Wytrzens der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene Sammelband „Beiträge zur Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern“ veröffentlicht werden. Dort kamen nicht nur die österreichische, französische, belgische, niederländische, englische, dänische, norwegische, finnische, ungarische, US-amerikanische, kanadische, israelische und sogar japanische Slawistik mit ihrer längeren oder kürzeren Geschichte zur Darstellung, sondern auch die Geschichte der Slawistik in Deutschland, sie wurde aus zweifacher Sicht, nämlich der alten BRD und der DDR behandelt13.

←11 | 12→Marburg erwies sich damals für eine weitere Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik als besonders geeignet, da sich dort mit der 1527 durch Philipp den Großmütigen gegründeten Philipps-Universität, der ersten protestantischen Universität der Welt, ein markanter Tagungsort anbot, der damals nicht nur über eine voll ausgebaute, von 1946 bis 2006 existierende Slawistik, sondern auch Osteuropäische Geschichte und Ostkirchenkunde verfügte14. ←12 | 13→Hinzu kam das Johann-Gottfried-Herder-Institut, das vom Johann-Gottfried Herder-Forschungsrat 1950 ins Leben gerufen wurde und heute die Aufgabe der umfassenden Erforschung der Länder Ostmitteleuropas, also Polens, Tschechiens, der Slowakei, Litauens, Lettlands und Estlands in ihren heutigen Grenzen übernommen hat. 1529 fand das für die historische Wirkung der Reformation richtungweisende Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli statt. In den folgenden Jahrhunderten lehrten in Marburg international bekannte Wissenschaftler wie der Philosoph Friedrich Wolff, der Physiker Robert Bunsen, der Theologe Rudolf Bultmann und die beiden Philosophen Hermann Cohen und Paul Natorp, Begründer der Marburger Schule der Richtung des Neukantianismus. Beziehungen zu Osteuropa, speziell zu Russland, waren bereits im 18. Jahrhundert mit dem Aufenthalt von Michail Lomonosov (1711–1768) gegeben, der in Petersburg, Marburg und Freiberg in Sachsen Naturwissenschaften und Philosophie studierte. Lomonosov wurde 1745 Professor der Chemie an der Petersburger Akademie der Wissenschaften und war maßgeblich an der Gründung der Universität Moskau beteiligt, die heute auch seinen Namen trägt. Mit seinen philologischen Arbeiten zur russischen Sprache wurde von Lomonosov auch eine Brücke zur Slawistik und ihrer Geschichte geschlagen. 1912 hielt sich in Marburg der russische Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger, Verfasser des weltbekannten und in viele Sprachen übersetzten Romans „Dokor Živago“, Boris Pasternak (1890–1960), zum Studium der Philosophie in Marburg auf, wandte sich aber bald der Dichtkunst zu, wovon unter anderem sein Gedicht „Marburg“ Zeugnis ablegt. Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt zur Welt der Slawen ist der „Deutsche Sprachatlas“, 1886 von dem Bibliothekar und Germanisten Georg Wenker begründet, dort finden sich auch zahlreiche Fragebögen zu polnischen, tschechischen und litauischen Dialekten, die vor 1918 auf dem Boden des damaligen Deutschen Reiches gesprochen wurden15.

Die Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik fand in Marburg in den Räumen des 1950 begründeten Johann-Gottfried-Herder-Institutes statt, wo die Teilnehmer vom damaligen Vizepräsidenten der Philipps-Universität, Werner Schaal sowie dem seinerzeitigen Direktor des Herder-Institutes Hugo Weczerka begrüßt wurden. Die behandelten Themen gingen zum Teil über das Rahmenthema hinaus, so bei S. Urbańczyk/Krakau mit der Darstellung der Mitarbeit nichtslawischer Gelehrter an der polnischen Zeitschrift „Rocznik Slawistyczny“ und den “Materjały i Prace Komisji Językowej“, einer ←13 | 14→Bestandsaufnahme einschlägiger polnischer Zeitschriften in den Jahren 1909 bis 1918 durch M. Basaj/Warschau, die Darstellung der Kontakte Monica Gardners zu ihren polnischen Freunden durch G. Stone/Oxford sowie die damals aktuelle Planung für eine Dokumentation der schweizerisch-slawischen Wechselbeziehungen durch P. Brang und eine ausführliche Darstellung der Tätigkeit N.S. Trubetzkoys, vor allem als Begründer der Phonologie bekannt geworden, durch S. Hafner/Graz, seine Tätigkeit in Wien und Prag in den Jahren 1923 bis zu seinem Tod im Jahre 1938 umfassend, nachdem er aus Russland ausgereist war. A.V. Bondarko behandelte ausführlichst die Rolle Erwin Koschmieders für die slawische Aspektologie. S. Bonazzo beleuchtete die Beziehungen von Franz Miklosich zu italienischen Sprachwissenschaftlern. Die internationalen Verbindungen skandinavischer Slawisten waren das Thema G. Jacobsons aus Göteborg.

Mehrere Vorträge wurden von Slawisten aus Bulgarien geboten, so von G. Dimov, der über die wissenschaftlichen Kontakte bulgarischer Gelehrter, vor allem Ivan Šišmanovs mit ausländischen Wissenschaftlern Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach. Vasilka Tăpkova-Zaimova behandelte Jordan Ivanovs Verbindungen zur französischen Slawistik, Liljana Minkova bot in ihrem Beitrag wichtige, bisher unbekannte Aspekte der Beziehungen des bulgarischen Schriftstellers Ljuben Karavelov zur deutschen Slawistik.

Mehrere Vorträge wurden von Wissenschaftlern aus der damals noch existierenden Sowjetunion gehalten. A. Bondarko behandelte ausführlich die grundlegende Rolle des Münchener Slawisten und Baltisten Erwin Koschmieder für die Aspektologie, deren Grundlagen dieser bereits während seiner Lehrtätigkeit an der Universität Wilna richtungweisend mit bestimmt hatte. A.S. Myl’nikov thematisierte russisch-schwedisch-deutsche Wissenschaftsbeziehungen, I. Kaloeva vom Institut für wissenschaftliche Information auf dem Gebiete der Gesellschaftswissenschaften in Moskau, unterrichtete über die damals laufenden Arbeiten an einem Projekt für eine Bibliographie der Veröffentlichungen zur Geschichte der internationalen Slawistik und erläuterte das damals für das Jahr 1988 in Moskau erschienene Heft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang das 1981 in Moskau erschienene Nachschlagwerk „Istoriki-slavisty SSSR. Biobibliografičeskij slovar’-spravočnik“, das aber nicht über Sprach- und Literaturwissenschaftler, sondern nur über Historiker Auskunft gibt.

Die Vorträge von T. Ivantyšynová und V. Matula behandelten Themen der Geschichte der Slawistik in der Slowakei, ein Bereich, der bisher viel zu wenig beachtet wurde, denkt man nur an Namen wie Ljudevit Štúr. Mehrere Vorträge waren der deutschen Slawistik und ihren Beziehungen zu ausländischen Slawisten gewidmet. So behandelte W. Gesemann die schwierige Lage der Slawistik an der Deutschen Universität Prag, parallel und in Konkurrenz zur tschechischen ←14 | 15→Universität. H. Schaller stellte in einem kurzen Abriss die Beziehungen Erich Bernekers zu in- und ausländischen Slawisten dar. Wilhelm Zeil, der 1994 mit einer umfassenden Darstellung der Geschichte der deutschen Slawistik bis 1945 über das engere Fach hinaus bekannt wurde, behandelte in seinem Vortrag die deutschen Slawisten Gerhard Gesemann und Karl Heinrich Meyer in ihren Beziehungen vor allem zu Matthias Murko. H. Pohrt bot einen umfassenden Abriss der Geschichte der slawistischen Studien in Berlin von den ersten Anfängen bis in die neueste Zeit hinein, Irmgard Seehase behandelte die Korrespondenz zwischen Edmund Schneeweis und Matthias Murko.

Die Kommission für Geschichte der Slawistik hielt am 1. Juni 1990 ihre Geschäftssitzung in der Universität Bayreuth ab, dort begrüßt von dem damals zuständigen Fachbereichsdekan, dem Germanisten Werner Röcke und dem stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Bayreuth Bernd Mayer. Bayreuth hatte nämlich im 18. und 19. Jahrhundert eine besondere Bedeutung als einem Zentrum der Slawenkunde mit Johann Michael Georg (1740–1796)16, Johann Gottlieb Hentze (1763–1798)17 und Johann Wilhelm Holle (1802–1852)18, wobei die beiden Letzteren, angeregt von Johann Michael Georg mit damals grundlegenden und viel beachteten Abhandlungen zur slawischen Besiedlung Oberfrankens hervorgetreten waren, ein Thema, das bis in die neueste Zeit hinein aber immer wieder auch für kontroverse Diskussionen gesorgt hat19.

←15 | 16→Aus der abschließenden Diskussion der Mitglieder der Kommission für Geschichte der Slawistik in Bayreuth gingen zwei Themen für die weitere Arbeit hervor, nämlich die weitere Untersuchung der Geschichte der Slawistik in den slawischen und nichtslawischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Frage der Bedeutung der wissenschaftlichen Beiträge von Emigranten zur Entwicklung der internationalen Slawistik, wobei u.a. auch an D. Tschiževskij gedacht wurde20. In die Geschichte der Slawistik sollte nunmehr auch die Rolle der Ukrainischen Freien Universität einbezogen werden, die zunächst in Prag, dann nach dem Zweiten Weltkrieg in München ihren Standort einnahm, gefördert unter anderem vom Freistaat Bayern21. Die Geschichte der Slawistik an der Deutschen Universität Prag hat inzwischen bereits mehrfach eine Darstellung erfahren.22 Angenommen wurde in dieser Sitzung auch der Vorschlag der Gründung einer Subkommission für die Erforschung der Geschichte der Slawistik in Deutschland, ein Plan, der leider nicht weiter verfolgt werden konnte, da sich bereits kurz nach der Tagung in den neunziger Jahren der Abbau der Slawistik im vereinten Deutschland abzeichnete und die Aufgaben der weiteren Erforschung der Geschichte der Slawistik vor allem auf internationaler Ebene weiter verfolgt werden mussten, wie die Tagungen in Urbino/Italien (1992), Paris (2001) und zuletzt in Verona/Italien (2007) gezeigt haben.

In neuerer Zeit sind einige weitere Einzeldarstellungen zur Geschichte der Slawistik erschienen, so im Jahre 1986 „Fünfzig Jahre slawistische Lehre und Forschung an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“, im selben Jahr die Jubiläumsschrift „40 Jahre Lehrstuhl für Slawische Philologie an der ←16 | 17→Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg“, 1987 eine „Jubiläumsschrift zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des Instituts für Slawistik der Universität Gießen“, ferner „Beiträge zur Geschichte der Slawistik an der Martin-Luther-Universität Halle“, dort im Jahre 1997 erschienen. Im Jahre 2005 wurden die Vorträge, die während der Tagung der Kommission für Geschichte der Slawistik 2001 in Paris gehalten wurden veröffentlicht23. Behandelt wurden inzwischen auch die Geschichte der Slawistik und Baltistik an der Universität Königsberg24 und an der Universität Breslau25, ferner eine Biographie Erich Bernekers veröffentlicht26. Ein internationaler Sammelband brachte Beiträge zur Geschichte der Slawistik in den nichtslawischen Ländern für die Epoche von 1975 bis 200027, also der Zeit des politischen und ideologischen Umbruchs, der sowohl im Westen als auch im Osten zu einer Neuorientierung der Slawistik, unter anderem auch unter großen Einbußen der Kapazität des Faches erfolgen musste.

Die Geschichte der Slawistik hat im vergangenen Jahrhundert bereits einen langen, ohne Zweifel aber auch sehr erfolgreichen Weg zurückgelegt. Die erste umfangreiche Abhandlung geht auf Vatroslav Jagić zurück, der 1910 in Petersburg seine „Istorija slavjanskoj filologii“ veröffentlichte28. Bereits vier Jahre vorher, im Jahre 1906 hatte der russische Slawist V.A. Francev, damals an der Universität Warschau tätig, eine russisch abgefasste Darstellung der polnischen Slawistik vom Ende des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfasst29. Anlässlich der Eröffnung des Akademischen Jahres 1938/39 hatte der führende polnische Sprachwissenschaftler Tadeusz Lehr-Spławiński in Krakau einen Vortrag zur Vergangenheit der Slawistik an der Jagiellonischen Universität gehalten30. Bereits früher hatte man sich in Polen und in der Tschechoslowakei ←17 | 18→mit dem Gründer der Slawischen Philologie, Josef Dobrovský aus der Sicht der Geschichte der Slawistik befasst31. Es waren also Einzelpersönlichkeiten, aber auch wissenschaftliche Institutionen und ganze Länder, die unter diesem Aspekt damals nur ganz vereinzelt behandelt wurden32.

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges rückte die Geschichte der Slawistik immer mehr in das Interesse der dafür zuständigen Fachvertreter. Erste Koordinierungsversuche wurden bereits vor dem IV. Internationalen Slawistenkongress in Moskau 1958 unternommen, während dem es dann zur Gründung der „Kommission für Geschichte der Slawistik“ beim Internationalen Slawistenkomitee gekommen war. In den folgenden Jahren bestanden noch große Unsicherheiten hinsichtlich des methodischen Vorgehens, aber auch bei der Planung langfristiger Forschungsvorhaben. Vor allem in der damaligen Sowjetunion verstand man unter Geschichte der Slawistik die Entwicklung der Wissenschaft von den slawischen Völkern in der Vergangenheit im breitesten Sinne. Ein anderes Problem war die bevorzugte Behandlung der Geschichte der Slawistik in slawischen Ländern, die dann 1978 anlässlich des VIII. Internationalen Slawistenkongresses zu einem veränderten Vorgehen führte, indem man nun auch verstärkt die Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern berücksichtigte, was schließlich auch zur Durchführung von Kommissionssitzungen außerhalb der slawischen Länder führte, wie dies in Wien, Göttingen, Berlin und Marburg der Fall war.

In seinen 1999 erschienenen biographischen Anmerkungen hat der polnische Slawist Stanisław Urbańczyk (1907–2001) seine Erinnerungen an die Tagung in Marburg und Bayreuth im Jahr 1990 mit den folgenden Sätzen festgehalten:

„Konferencje odbywały się na zmianę w różnych krajach, także w Niemczech w Marburgu, dzięku czemu poznałem jego okolice. Podobał mie się też sam Marburg, m.in. kościól św.Elżbiety, której relikwie protestancie spalili, a popiól rozrzucili.

Organizatorem konferencji był prof.Schaller, na pozór niezaradny, a w rzeczywistości sprawny. Zaprowadził nas do ratusza, gdzie nas powitał burmistrz (Oberbürgermeister). Słuchając przemówienie układałem w myśli własną odpowiedzi na wszelki wypadek, choć powinien był przemówić nasz przewodniczący, ←18 | 19→Rosjanin Diakow, poprzednio prawa ręka Markowa, gdy przyszła jednak ta chwila i Diakow i Schaller spojrzeli na mnie błagalnie … jedna z obecnych Niemek bardzo pochwaliła moją wymowę.“33

1Vgl. hierzu den ausführlichen Bericht von W. Zeil: Tagung der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik beim Internationalen Slawistenkomitee. Marburg/Bayreuth 30.5.–1.6.1990. In: Zeitschrift für Slawistik 36, 1991, H. 4, S. 602–604. Ebenso A.N. Gorjajnov: Marburgskoe zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 4, 1991, S. 119–120.

2Zur Geschichte der Kommission vgl. vor allem N.A. Prokof’eva: Meždunarodnaja komissija po istorii slavistiki. In: Slavjanovedenie i balkanistika za rubežom. Sbornik statej i materialov. Moskva 1980. S. 32–41. Zur Methode der Geschichte der Slawistik vgl. aus damaliger sowjetischer Sicht: Metodologičeskie problemy istorii slavistiki. Moskva 1978. Vgl. hierzu vor allem die dort veröffentlichten methodischen Stellunnahmen zur Darstellung der Geschichte der Slawistik von D.F. Markov: Slavistika kak kompleks naučnych disciplin. In: Metodologičeskie problemy istorii slavistiki. Moskva 1978, S. 7 und E. Georgiev: Ob osnovnych ėtapach razvitija slavistiki v neslavjanskich stranach, dass. S. 119–146.Vgl. hierzu auch Berichte zu früheren Sitzungen der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik, u.a. zu einem Symposium das im Oktober 1975 in Prag stattfand: N.A. Prokof’eva: Meždunarodnyj naučnyj simpozium po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 2, 1976, S. 124–126; T. Bešta, J. Kurz: Symposium o dějínách slavistyki ve Štiřině 1967. In: Slavia 38, 1969, S. 510; J. Petr: Symposium o dejínach slavistiky. In: Jazykovedné aktuality 1967, S. 41–43; Z. Řeháček, Z. Urban: Symposium o dějínách slovanské filologie. In: Slavia 41, 1972, S. 348–351.

3Vgl. hierzu: Vorträge auf der Berliner Slawistentagung (11.–13. November 1954). Berlin 1956.

4An der ersten Arbeitstagung der Kommission in der Zeit vom 3. bis 6. Mai 1960 in Wien nahmen teil: N.K. Gudzij (Moskau), damals Vorsitzender der Kommission, K. Horálek (Prag), H. Batowski (Krakau), J. Hamm (Zagreb), V. Velčev (Sofia), H. Granjard (Lille), R. Auty (Cambridge), A. Cronia (Padua), A. Stender-Petersen (Ăarhus), E. Baleczky (Budapest), R. Jagoditsch (Wien), M. Braun (Göttingen) und H.H. Bielfeldt (Berlin). Die Veröffentlichung der Vorträge erfolgte im „Wiener Slavistischen Jahrbuch“. Zu dieser Veranstaltung vgl. den Bericht von H.H. Bielfeldt: Die 1.Tagung der internationalen Kommission zum Studium der Geschichte der Slawischen Philologie (Wien 1960). In: Zeitschrift für Slawistik 5, 1961, S. 638–639.

5Vgl. hierzu N.A. Prokof’eva: Zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 4, 1978, S. 122–123.

6Vgl. hierzu: V.D./A.M.: Berlinskoe zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 4, 1981, S. 124–126.

7Vgl. hierzu A.G.: Bratislavskoe zasedanie meždunarodnoj komissii po istorii slavistiki i simpozium „Aktual’nye problemy istorii slavistiki“. In: Sovetskoe Slavjanovedenie 6, 1985, S. 123–124.

8Die Tagung in Warschau fand in der Zeit vom 30. September bis 2. Oktober 1987 statt und behandelte den Themenbereich der Slawistik am Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts.

9Die Vorträge dieser Tagung fanden im Johann-Gottfried Herder-Institut in Marburg statt, die Beratungen der Kommission wurden zum Teil im Institut für Slawische Philologie und am 1. Juni 1990 abschließend nach einem Besuch mehrerer Bayreuther Kulturstätten in der Universität Bayreuth

10Vgl. hierzu die Veröffentlichungen von Vorträgen der Tagungen u.a. in: Zeitschrift für Slawistik 27, 1982, H. 1: Geschichte der Slawistik. Hans Holm Bielfeldt zum 75. Geburtstag. Ebenso: Slawystika na przełomie XIX–XX wieku. Wrocław 1989.

11Erschienen in der Reihe: Naučnaja serija meždunarodnoj komissi po istorii slavjanovedenija.

12Vgl. hierzu J. Hamm: Für eine Geschichte der Slavistik in nichtslavischen Ländern. In: Österreichische Osthefte 21, 1979, S. 241–243. Zur Tagung der Subkommission für Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern vgl. den Bericht in: Wiener Slavistisches Jahrbuch 27, 1981, S. 189–190.

13Vgl. hierzu H. Schaller: Geschichte der Slawistik in Deutschland und in der Bundesrepublik einschliesslich Berlin (West). In: Beiträge zur Geschichte der Slawistik in nichtslawischen Ländern. Wien 1985, S. 89–170. E. Eichler, U. Lehmann, H. Pohrt, W. Zeil: Die Entwicklung der Slawistik in Deutschland bis 1945 und in der Deutschen Demokratischen Republik. Dass., S. 11–244. Bereits 1964 war in Berlin/Ost ein umfangreicher Band unter dem Titel „Beiträge zur Geschichte der Slawistik“ erschienen, herausgegeben von H.H. Bielfeldt und K. Horálek, wo sich von deutscher Seite Beiträge von F. Hinze, H. Pohrt, W. Bernhagen, R. Fischer, H. Baumann, G. Schlimpert, V. Falkenhahn, H.H. Bielfeldt und E. Eichler finden. Dort vor allem der Beitrag von H. Pohrt: Publikationen zur Geschichte der Slawistik und der Kulturbeziehungen mit den slawischen Völkern in der Deutschen Demokratischen Republik 1945 bis 1962. Dass. S. 445–468. Zu erwähnen sind zwei 1988 in der DDR erschienene Veröffentlichungen zur Geschichte der Slawistik, nämlich „Zur Geschichte der Slawistik in Berlin. Dem Wirken Hans Holm Bielfeldts gewidmet“ und „Zwei Beiträge zur Geschichte der Slawistik“ mit Beiträgen von E. Eichler und G. Wiemers. In der Bundesrepublik Deutschland kam es im Herbst 1977 in Bad Godesberg/Bonn zur Bildung einer Kommission für Geschichte der Slavistik beim Verband der Hochschullehrer für Slavistik in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin (West). Die Kommssion konnte aber nur zwei Bände unter dem Titel „Materialien zur Geschichte der Slavistik in Deutschland“ veröffentlichen, die in den Jahren 1982 und 1987 erschienen und wo sich vor allem Darstellungen der Gründung und weiteren Entwicklung slawischer Seminare finden. Ursprünglich geplante Darstellungen der Geschichte der Slawistik an den Universitäten Königsberg, Breslau und der Deutschen Universität Prag, ebenso auch geplante Biographien von Max Vasmer, Erich Berneker, Paul Diels und Dmytro Tschyževskij kamen seinerzeit nicht zustande. Ihre Behandlung blieb gegebenenfalls der Einzelinitiative von Fachvertretern überlassen. Eine Ausnahme stellt die „Jubiläumsschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des Slavisch-Baltischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster“ dar, dort 1980 mit einem umfangreichen Beitrag von H. Rösel, der vor allem auf Karl Heinrich Meyer einging, veröffentlicht. Besondere Erwähnung verdient auch das umfassende biographische Nachschlagewerk „Slawistik in Deutschland von den Anfängen bis 1945“, noch in der Zeit der DDR geplant und vorbereitet, bearbeitet von E. Eichler als Leiter des Projektes, unter Mitabeit von E. Hoffmann, P. Kunze, H. Schmidt, G. Schröter und W. Zeil, 1993 vom Domowina-Verlag in Bautzen/Budyšin veröffentlicht.

14Zur Geschichte der Slawistik in Marburg vgl. H.-B. Harder: Das Institut für Slawische Philologie an der Universität Marburg an der Lahn. In: Materialien zur Geschichte der Slawistik in Deutschland. Teil 2. Wiesbaden 1987. S. 175–187 und H. Schaller: Das Institut für Slawische Philologie der Philipps-Universität Marburg an der Lahn. In: Bulletin der Deutschen Slavistik Nr. 9, 2003, S. 45–50. Zur Osteropaforschung in Marburg vgl. vor allem die Gesamtdarstellung: Osteruropaforschung in Marburg. Institutionen. Sammlungen. Ergebnisse. Marburg 1988. Dort S. 80–81: Institut für Slawische Philologie.

15Vgl. hierzu G. Stone: Der erste Beitrag zur sorbischen Sprachgeographie. Aus dem Archiv des Deutschen Sprachatlas. Bautzen 2003. (= Lĕtopis. Sonderheft 50.)

16Vgl. hierzu H.W. Schaller: Johann Michael Georgs „Versuch einer sorbischen Sprachlehre“(1788). Einleitung, Text, Kommentar. Neuried 1986. Ders.: Johann Michael Georgs „Versuch iner sorbischen Sprachlehre“. Ein bisher unbekannter Beitrag zur Sorabistik des 18. Jahrhundetrts. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken 62, 1982, S. 141–146 m. Abb.

17Vgl. hierzu H.W. Schaller: Johann Gottlieb Hentze: Versuch über die ältere Geschichte des fränkischen Kreises, insbesondere des Fürstenthums Bayreuth. Erine slawenkundliche Untersuchung. Neuried 1988. Ders.: Johann Gottlieb Hentze und seine slawenkundlichen Untersucungen. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken 69, 1989, S. 237–267.

18Vgl. hierzu H.W. Schaller: Johann Wilhelm Holle. Seine slawenkundlichen Schriften zur Geschichte des Bayeuther Landes. München 1995. J.W. Holle: Die Slaven in Oberfranken, vorgetragen am 5. Juli 1841 in Aufsess bei der Generalversammlung des Historischen Vereins für Oberfranken. Ders.: De antiquissimis terrae quondam Baruthensis incolis commentatio Baruthi. Bayreuth 1846. Hierzu H.W. Schaller: Der Bayreuther Hisoriker Johann Wilhelm Holle und seine slaweenkundlichen Schriften. In: Archiv für GFeschichte von Oberfraken 75, 1995, S. 359–384.

19Vgl. hierzu H. Fegert, R.-M. Kiel, R. Hinderling: Deutsch-Slawisches in Bayreuth und Umgebung. Katalog zur Ausstellung 1. April 1996 bis 26. April 1996 in der Universitätsbibliothek Bayreuth. Bayreuth 1996.

20Zu D. Tschiževskij vgl.: In memoriam Dmitrij Tschiževskij (1894–1977). Halle/Saale 1997; Werner Korthaase: Der Philosophiehistoriker, Literaturwissenschaftler und Comeniusforscher Dmytro Čyževs’kyj (1894–1977) in der Tschechoslowakischen Republik und in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 2000. Vgl. hierzu den neuesten russischen Beitrag von G.P. Mel’nikov. Vozvraščenie D.I. Čiževskogo. In: Slavjanovedenie 4, 2008, S. 85–89.

21Vgl. hierzu: Ukrajins’ka Svobodna Univerzita. Praha 1998; Universitas Libera Ucrainensis. 1921–2006. Vgl. hierzu auch: Exilveröffentlichungen der Ševčenko-Gesellschaft der Wissenschaften, der Ukrainischen Freien Universität, des Ukrainischen Technisch-Wirtschaftlichen Instituts. München 1983.

22Vgl. H. Rösel: Die deutsche Slavistik und ihre Geschichte an der Universität Prag. Münster 1995 und: W. Zeil: Slawistik an der deutschen Universität in Prag. München 1995. Vgl. hierzu auch die Darstellung von H.W. Schaller: Die Geschichte der Slawistik an der Deutschen Universität Prag (1897–1945). In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 52, 2003, H. 3, S. 317–346. Ders.: Bohemistik in Lehre und Forschung an deutschsprachigen Universitäten. In. Slavia 72, 2003, S. 305–327.

23Contributions à l’histoire de la slavistique dans les pays non-slaves. Wien 2005.

24H.W. Schaller: Die Geschichte der Baltischen und Slawischen Philologie an der Albertus-Universität Königsberg i.Pr. In: Zeitschrift für Ostforschung, 40, 1991, S. 321–354. Ders.: Geschichte der Slawischen und baltischen Philologie an der Univesität Königsberg. Frankfurt a.M. u.a. 2009.

25H.W. Schaller: Die Geschichte der Slawistik an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 44, 1995, H. 1, S. 56–91.

26H.W. Schaller: Erich Berneker. Leben und Werk. Frankfurt a.M. u.a.O. 1994.

27Contribution à l’histoire de la slavistique dans les pays non slaves/Beiträge zur Geschichte der Slawistik in den nichtslawischen Ländern/K istorii slavistiki v neslavjanskich stranach. Wien 2005.

28Erschienen in der Reihe „Ėnciklopedija slavjanskoj filologii Imp.Ak.Nauk.

29Pol’skoe slavjanovedenie konca XVIII i pervoj poloviny XXIX stoletija. Praga 1906.

30Z przeszłości slawistyki w Uniwersytecie Jagiellońskim. Wykład inauguracyjny przy otwarciu roku akad. 1938/39 (= Kronika Uniw.Jagiell. za rok akad.1938/39), Kraków 1939.

31Tadeusz Lehr-Spławiński: Józef Dobrowski a językoznawstwo polskie. (= Sborník statí k stému výročí smrti Dobrovského). Praga 1929.

32Vgl. hierzu zwei neuere Veröffentlichungen des čechischen Sprachwissenschaftlers Radoslav Večerka, die sich mit der Entwicklung der Sprachwissenschaft in Tschechien befassen: Die Anfänge der slavischen Sprachwissenschaft in den böhmischen Ländern. Regensburg 1996. Ebenso: Vývoj slovanské jazykovědy v českých zemích. Praha 2006.

33S. Urbańczyk: Z miłości do wiedzy. Wspomnienia. Kraków 1999, S. 429. Ders.: Wyjątki ze wspomień. In: Język Polski 79, 3, 1999, S. 162–176.

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Wilhelm Zeil/Berlin

Zur Bedeutung der wissenschaftlichen Korrespondenz zwischen deutschen und slawischen Slawisten für die Erforschung der Geschichte der Slawistik

Die wissenschaftlichen Leistungen der führenden Slawisten in Deutschland bis 1945 sind schon recht gut erforscht und unter verschiedenen Aspekten dargestellt worden. Einer weiteren Aufhellung bedürfen das politisch-ideologische und geistig-kulturelle Umfeld, das allgemeine Beziehungsgeflecht und die individuellen Motivationen der slawistischen Studien, ihre zum Teil enge interdisziplinäre Verflechtung, die organisatorischen Strukturen der slawistischen Lehre, ihre Frequenz und der Inhalt der Lehrveranstaltungen an Universitäten und Hochschulen, ihre Wirkungsgeschichte in Deutschland und ihr Hinterland im Bildungswesen und Wissenschaftsbetrieb wie auch die internationale Resonanz und Rezeption der slawistischen Publikationen deutscher Slawisten, ganz zu schweigen von der Struktur, den Wirkungsmechanismen, den Zielstellungen und dem Inhalt der slawenkundlichen Studien des 16. bis 18. Jh., die die Vor- und Frühgeschichte der Slawistik markieren. Helfen können dabei u.a. wissenschaftliche Korrespondenzen, in denen sich die vielfältigen disziplinären und interdisziplinären Beziehungen der deutschen Slawistik zur Slawistik in anderen Ländern, die internationale wissenschaftliche Kooperation und Solidarität reflektieren und die zugleich einen Einblick gewähren in die Werkstatt der Gelehrten sowie Interessen, Gedanken und Aktivitäten aufdecken, die der Öffentlichkeit verborgen blieben.

Das Studium von Korrespondenzen von Wissenschaftlern ist zugleich ein Beitrag zur historischen Kulturbeziehungsforschung, die u.a. auch vom Studienkreis für Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa“ in Marburg betrieben wird.

„Kulturbeziehungen mit allen ihren vielfältigen Assoziations- und Rezeptionsvorgängen“, so schrieb Heinz Ischreyt 1986, „sind ohne vorhergehende Kontakte nicht einmal denkbar.“ Jeder Brief aber stelle einen Kontakt her und überschreite eine Grenze“, und jeder Briefwechsel ermögliche Beziehungen1. Mit ←21 | 22→der Erforschung der Beziehungen zwischen Slawisten in slawischen und nichtslawischen Ländern tragen wir demnach zur Aufhellung der Geschichte der internationalen Kulturkontakte bei, deren Gesamtheit S.M. Artanovskij einmal als eine qualitativ selbstständige Seite der Weltgeschichte bezeichnete.2

Auf die Bedeutung wissenschaftlicher Korrespondenzen als Quellen wissenschafts-, kultur- und ideologiegeschichtlicher Erkenntnisse ist wiederholt hingewiesen worden. In ungenügender Weise sind bisher die Impulse aufgegriffen und entsprechende Schritte zur Hebung und allseitigen Nutzung dieser Quellen unternommen worden. So lagert in Archiven slawischer und nichtslawischer Länder nachweislich Briefgut führender Vertreter der deutschen Slawistik, das Aufschluss geben kann über deren wissenschaftliches und gesellschaftliches Denken, über ihren politischen Standort, über nicht realisierte Arbeitsvorhaben und über die komplizierte Entstehungsgeschichte verwirklichter Projekte, über das Umfeld der Entwicklung der Slawistik in Deutschland wie auch in anderen Ländern, über die slawistische Lehre an deutschen Universitäten und Hochschulen, über ihre Organisation und Frequenz, über die Struktur der Zuhörerschaft nach der sozialen und der nationalen Herkunft, über ihr wissenschaftliches Engagement und ihre Berufsziele, über die Propagierung slawistischer Kenntnisse in öffentlichen Vorträgen und über deren Zuhörerzahlen und das einen Einblick bieten kann in die Motivation und in die Intensität der deutsch-slawischen Wechselseitigkeit, ohne deren Pflege und Ausbau die Slawistik in Deutschland die Slawistik in Deutschland bis 1945 nicht das geworden wäre, was sie war.

Was uns nottut, ist eine weitere systematische Erschließung und sukzessive Veröffentlichung dieser Quellen. Dies kann nur auf der Grundlage einer gut funktionierenden internationalen Zusammenarbeit erfolgen. Wesentliche Voraussetzungen dafür sind eine strenge Koordination der Arbeiten, das aktive Mitwirken der Archivverwaltungen sowie der Leiter der Archive und Handschriftenabteilungen von Bibliotheken, die Gewährung uneingeschränkten Zugangs zu den Materialien, der sinnvolle Einsatz entsprechender technischer Mittel und eine Erweiterung der Veröffentlichungsmöglichkeiten. Ich sehe eine wichtige Aufgabe der Kommission für Geschichte der Slawistik beim Internationalen Slawistenkomitee im Zusammenwirken mit den nationalen Kommissionen darin, dabei vermittelnd einzugreifen, zu koordinieren und zu helfen, dass ←22 | 23→das bekannte Archivgut den Interessenten zugänglich gemacht wird bzw. dass sie auf bisher unbekanntes einschlägiges Material aufmerksam gemacht werden.

Anhand von signifikanten Briefen Gerhard Gesemanns und Karl Heinrich Meyers an slawische Fachkollegen soll im Folgenden punktuell der Wert wissenschaftlicher Korrespondenzen für die Erforschung der Geschichte der Slawistik in der ersten Hälfte des 20. Jh. exemplifiziert werden.

Gerhard Gesemann gehörte zu den bedeutenden Vertretern der deutschen Slawistik und zu den Protagonisten einer konstruktiven, humanistisch begründeten deutsch-slawischen Wechselseitigkeit. In München und in Belgrad, vor allem aber an der deutschen Universität in Prag, an der er von 1922 bis 1944 wirkte, agierte er im Sinne seiner deutschen Vorbilder Goethe, Herder und Jacob Grimm, zu denen er sich bekannte, auf dem weiten Feld der wissenschaftlichen Erschließung slawischer, insbesondere südslawischer Kultur und deren Vermittlung an die deutschsprachige Öffentlichkeit. In zahlreichen Veröffentlichungen hat Gesemann auf die Notwendigkeit eines deutsch-slawischen und slawisch-deutschen Kulturaustausches sowie einer engen Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Slawen in Forschung und Information hingewiesen und unmissverständlich vor jeder Diskriminierung des Kulturwertes des Slawischen gewarnt. Seine Briefe an slawische Kollegen bekräftigen seine humanistischen Positionen, sein Ethos als Vermittler sowie seine Auffassung vom Wesen und von den Aufgaben der Wissenschaft. Sie gewähren einen Einblick in sein Konzept der Erschließung und Propagierung slawischer Kultur, in nur partiell realisierte oder gar nicht verwirklichte Projekte, in das Umfeld seiner Bemühungen, in sein hohes Engagement für den organisatorischen Ausbau der slawistischen Studien und in die schwierige Situation, in der sich die Prager deutsche Slawistik vor allem in den 30er Jahren und in der zweiten Hälfte der 40er Jahre befand. So erweisen sie sich als wichtige Ergänzungen zu seinen Werken und als unverzichtbare Quellen der Geschichte der deutschen Slawistik.

Gesemanns Interesse für die bulgarische Literatur ließ ihn bald enge Beziehungen zu dem bulgarischen Dichter, Literaturkritiker, Übersetzer und Sprachmittler Kiril Christov knüpfen, der schließlich einer seiner bedeutendsten Kooperations- und Korrespondenzpartner wurde. Bei ihm holte er sich Rat in Fragen der bulgaristischen Literaturwissenschaft, mit ihm erörterte er ausführlich seine Vorhaben zur Erforschung und Vermittlung der bulgarischen Literatur.

Seit der zweiten Hälfte der 20er Jahre hat sich Gesemann stärker mit der bulgarischen Literatur und Volksdichtung beschäftigt, was sich in seiner Bibliographie3 durchaus nicht adäquat reflektiert. Doch geben seine Briefe an Christov ←23 | 24→darüber Aufschluss. Am 15. Januar 1929 weihte er diesen beispielsweise in sein großes, in dem ursprünglich vorgesehenen Umfang nicht verwirklichte Projekt einer deutschsprachigen „Slawischen Bibliothek“ ein, die dem deutschen Leserpublikum bedeutende und charakteristische Werke slawischer Autoren vorstellen sollte4. Der bulgarischen Literatur wollte er dabei die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wissen. Christov war als Mitarbeiter am bulgarischen Teil vorgesehen.

Gesemann ging immer davon aus, dass enge Kontakte zu den Sprachträgern stets eine wichtige Voraussetzung für eine gedeihliche Beschäftigung nicht nur mit ihren Literaturen, sondern auch mit ihren Sprachen, ihren Kulturen, ihrem Brauchtum und ihrer Geschichte sind. Auf zahlreichen Reisen hat er Verbindungen mit Slawen geknüpft. Am 20. März 1929 schrieb er an Christov: „Mir selber liegt an fruchtbaren Beziehungen zu Bulgarien sehr viel, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ein paar Verbindungen herstellen wollten“. In den 30er Jahren drang Gesemann immer tiefer in die bulgarische Geschichte und Landeskunde, Literatur und Volkskultur ein. Am 12. August 1931 teilte er Christov mit, er beschäftige sich zurzeit ausschließlich mit der Geographie, Geschichte und Kulturgeschichte Bulgariens. Neben der Kunstliteratur fesselte ihn vor allem die Volksdichtung der Bulgaren, die er in den 30er Jahren so intensiv studierte, dass er, wie er am 13. März 1932 an Christov schrieb, „schon einen ziemlich klaren Überblick über diese Dinge“ hatte. Dabei sei er „auf sehr interessante Sachen gestoßen“. Gesemann übersetzte bekanntlich bulgarische Volkslieder und dichtete sie nach, wobei ihm in Christov ein kenntnisreicher Berater zur Seite stand. Sie erschienen unter dem Titel „Zweiundsiebzig Lieder des bulgarischen Volkes“ (Berlin 1944) mit einem ausführlichen Nachwort von Gesemann (S. 111/141).

Die geplante „Slawische Bibliothek“ kam offensichtlich nicht recht voran. So konzentrierte sich Gesemann in den 30er Jahren zunächst auf einen bulgarischen Novellenband, an dem Christov als Berater mitwirken sollte. An diesen schrieb er am 6. August 1936: „Aber bedenken Sie: die Novellen sollen nicht nur die bulgarische Literatur und Novellistik zeigen, sondern auch Bulgarien selber.“ Es sollten „von Vazov beginnend bis heute, 12–15 Schriftsteller – und von den besten darunter mehr als von den weniger bedeutenden nicht nur eine Novelle „von jedem“ vertreten sein, und „die Novellen sollen möglichst auch bulgarischen Inhalt, bulgarisches Kolorit, bulgarische Problematik haben“. Gesemann ←24 | 25→bat Christov in diesem Brief, ihn bei der Auswahl zu beraten, „denn Sie sind ein großer und anerkannter Dichter und gerade darum, weil Sie kein Novellist sind, nicht dem Verdacht der Subjektivität ausgesetzt“. Doch sollte darauf geachtet werden, wie Gesemann an Christov am 31. Juli 1936 schrieb, dass man aus dieser Sammlung nicht nur bulgarische Schriftsteller kennenlernen will, „sondern Bulgarien, Land und Menschen und Probleme“. 1936 erschien die Sammlung unter dem Titel: „Neue bulgarische Erzähler“ (München 1936), mit einem Nachwort von Gesemann. Ihr folgte Gesemanns Übersetzung von Jordan Jovkovs Erzählung „Žetvarjat“ unter dem Titel „Der Schnitter. Eine Erzählung aus der Dobrudscha“ (München 1940, 2. Aufl. 1942).

Es ist bisher weniger bekannt gewesen, dass Gesemann parallel zu seiner Beschäftigung mit dem Übersetzen und Nachdichten bulgarischer Erzählungen und bulgarischer Volksdichtungen in den 30er Jahren auch an einem Buch über Bulgarien arbeitete, das im Berliner Wiking-Verlag erscheinen sollte. Es konnte unter den Bedingungen des Zweiten Weltkrieges nicht mehr vollendet werden. Das Buch sollte Land und Leute, Geschichte, Literatur und Volksdichtung, Brauchtum, Staat, Wirtschaft, aber auch Tier- und Pflanzenwelt u.s.w. vorstellen. Neben Gesemann und Christov sollten weitere bedeutende Fachleute wie Petăr Mutafčiev, Alois Schmaus und Mirjo Mirković mitarbeiten. „Ich möchte das Buch so machen“, schrieb Gesemann an Christov am 21. August 1939, „dass es auf das gebildete deutsche Volk unbedingt werbend für Bulgarien wirkt. Wie gesagt: „Dieses Buch ist ausgesprochen schöngeistig- literarisch gemeint.“ Es sollte, so Gesemann an Christov zu Ostern 1940, „ein Buch auf der Mitte zwischen wissenschaftlichem Ernst und essayistischer Anschaulichkeit“ werden. Nur aus den Briefen Gesemanns an Christov erfahren wir von diesem großen, Völker verbindenden Vorhaben, mit dessen Realisierung ein Desiderat erfüllt worden wäre. Das bereits gesammelte Material ist wohl verloren gegangen.

Gesemann hatte in den 30er Jahren auf dem Gebiet der literaturwissenschaftlichen Bulgaristik noch viel vor. Auch wollte Gesemann die bulgarische Literatur stärker in den Lehrplänen der deutschen Hochschulen verankert wissen. So trug er sich, wie er am 21. August 1939 Christov mitteilte, „schon lange Zeit mit dem Gedanken, von Penčo Slavejkovs „Kărvava pesen“ und Christovs „Čedo na Balkana“ Schulausgaben für deutsche Universitäten herauszugeben, doch die Fülle der politischen Ereignisse haben mich daran gehindert, den Plan weiter zu verfolgen … Ich hoffe nur, dass in absehbarer Zeit nicht wieder andere politische Ereignisse eintreten, welche die deutsch-bulgarische Zusammenarbeit, die wir beide so schön verkörpern, zum Stillstand bringen. Es sieht ja so aus, als wenn die deutsch-bulgarische Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Kultur in der nächsten Zeit noch zunehmen werde.“

←25 | 26→Bekannt sind die beiden Studien Gesemanns zur Charakterologie der Bulgaren von 1931 und 1933, die seinerzeit interessante Diskussionen in Gang gebracht haben, sein anregender Überblick über die Kultur der Bulgaren, Serben, Kroaten und Slowenen von 1936 und sein Gedächtnisvortrag über Penčo Slavejkov von 1937, der oft zitiert wird. Sie figurieren in seiner Bibliographie und weisen ihn als einen gut informierten, gedankenreichen und den Bulgaren in Freundschaft verbundenen Gelehrten aus.

Weniger bekannt ist das starke Interesse Gesemanns an der Geschichte sowie an den damaligen sozialen und politischen Verhältnissen Bulgariens. Sein Schreiben an Petăr Mutafčiev vom 25. August 1931 gibt darüber Aufschluss: „Ich danke Ihnen auch für Ihre Zusage, mir bei meinen bulgarischen Studien etwas zu helfen. Ich habe mir einen Fragebogen zur bulgarischen Kulturgeschichte angelegt, den ich Ihnen (nachdem ich ihn noch genauer präzisiert habe) vorlegen möchte. Er bezieht sich freilich mehr auf das heutige Gesicht des bulgarischen Volkes und Landes, aber dieses ‚Heute‘ ist eben nur aus dem ‚Gestern‘ und ‚Vorgestern‘ verständlich. Gibt es zum Beispiel eine Arbeit, welche den Prozess der ethnischen und geistigen Bulgarisierung der Städte darstellt, der ja doch zum Teil noch heute im Ablauf ist? Auch ein Teil dieser Bulgarisierung der Städte, nämlich der wirtschaftliche, wird mir aus der vorliegenden Literatur nicht restlos klar. Gibt es (woran mir viel läge) eine Darstellung der heutigen griechischen Elemente in den bulgarischen Städten? Gibt es eine übersichtliche Geschichte der bulgarischen politischen Parteien. Gibt es eine Statistik der bulgarischen öffentlichen Arbeiter (Künstler, Dichter, Gelehrte, Politiker etc.) nach den landschaftlichen Regionen ihrer Herkunft und nach Generationen? Ich habe mir selber einiges zusammengestellt, aber das ist arg lückenhaft. Gibt es Aufsätze über die Bedeutung der türkischen Elemente in Bulgarien für die heutige (oder frühere) Struktur des modernen bulgarischen Volkes und Staates? Gibt es zusammenfassende Arbeiten über die historischen Elemente in den bulgarischen Volksliedern? Ehe die Bibliothek des Ministeriums des Äußeren in Prag (‚Slawische Bibliothek‘) nicht auch die bulgarischen Bestände auffüllt … kann man dergleichen Fragen in Prag nicht bearbeiten. Ich werde also wiederkommen müssen, um an Ort und Stelle zu arbeiten. Was mich interessiert, das ist die geistige Struktur des bulgarischen Volkes, – also ein Problem, das mehr als ‚philologisch‘ und ‚slawistisch‘ ist.“5

Intensiver als mit dem Bulgarischen und seiner Literatur hat sich Gesemann allerdings mit der serbokroatischen Sprache sowie mit dem Schrifttum und ←26 | 27→der Volkskultur der Serben und Kroaten befasst. Er ist bekanntlich vor allem mit seinen Interessen und Forschungen auf diesem Gebiet in die Geschichte der Slawistik eingegangen. Briefe Gesemanns an Vertreter der serbischen und der kroatischen Wissenschaft und Kultur sind mir zurzeit noch nicht bekannt. Interessante Details der wissenschaftlichen Biographie Gesemanns enthalten aber seine Briefe an den slowenischen Slawisten Matija Murko, der nach seiner Tätigkeit an der Universität Leipzig seit 1920 an der tschechischen Universität in Prag wirkte. Mit ihm stand Gesemann seit 1921 in Verbindung. Einer der Schwerpunkte des Gedankenaustausches zwischen Gesemann und Murko sind die Untersuchungen des Ersteren zu der Erlanger Liederhandschrift alter serbokroatischer Volkslieder, für die sich auch Murko interessierte. Am 12. März 1921 bekannte Gesemann ihm, dass er in der Frage der Metrik der Handschrift den „Reiseberichten“ den Slowenen wertvolle Anregungen verdankte6. Sein 1925 in Sremski Karlovci erschienenes Werk „Erlangenski rukopis starih srpskohrvatskih narodnih pesama“, mit dem er sich 1920 bei Erich Berneker in München habilitiert hatte, sandte Gesemann am 20. März 1926 an Murko mit der Bemerkung: „Ich habe gerade von Ihnen so viel gelernt auf dem Gebiete der südslawischen Epik, dass es mir eine besondere Genugtuung ist, Ihnen das Werk überreichen zu können.“

Hochachtung vor dem Beitrag Murkos zur wissenschaftlichen Erschließung der südslawischen Literatur und Volksdichtung klingt wiederholt in den Briefen Gesemanns an Murko an, so in dem Brief vom 9. Februar 1931, in dem er ihm zum 70. Geburtstag gratuliert mit dem Bekenntnis: „Wir, die jüngere Generation der Slawisten, wissen, wie viel wir Ihnen und Ihren bisherigen Forschungen zu verdanken haben. Zumal ich selbst darf mich ja in vielen Punkten als einen Ihrer Schüler betrachten, wenn ich auch nie das Glück hatte, Ihr regelrechter akademischer Schüler zu sein.“ Zehn Jahre später, am 31. Januar 1941, wünschte Gesemann Murko zum 80. Geburtstag „weitere Arbeitsfrische und Arbeitsfreude für alle jene Fragen der Volksepik …, in denen wir uns als Ihre dankbaren Schüler betrachten.“

Ein undatierter Brief Gesemanns an Murko ist ein Zeugnis für sein Engagement bei der Organisation der Slawistik durch systematische Erfassung und Erweiterung der Slavica-Bestände in Prag. Gesemann wandte sich offiziell an Murko „als den anerkanntesten Fachmann in jugoslavicis“ und bat ihn, in einer „uns alle interessierenden Angelegenheit“ seine Hilfe nicht zu versagen. „Ich ←27 | 28→habe im Unterrichtsministerium Rücksprache genommen zu dem Problem, die slawischen Bücherbestände in Prag zur wissenschaftlichen Arbeit produktiver zu gestalten, als das bei den hiesigen Bibliotheksverhältnissen bisher möglich war. Dergleichen Bestrebungen sind auch Ihnen und Ihren čechischen Kollegen nicht fremd, soviel ich erfahren habe.“ Gesemanns Vorschläge gingen dahin: „1. die angekauften und bisher noch nicht eingereihten und katalogisierten großen Bestände an Slavica schnell und praktisch der Benutzung zuzuführen. 2. von allen in Prag vorhandenen und benutzbaren Slavica einen Handkatalog anfertigen zu lassen, der gedruckt und mit den Signaturen der einzelnen Bibliotheken versehen nicht nur in den Bibliotheksräumen, sondern auch privatim als käuflich im Handel zu bekommen sein soll. 3. aufgrund einer fachmännischen Überprüfung der also festgestellten Bestände genaue Richtlinien zu geben, in welcher Weise der weitere Ausbau der slawischen Bestände in Prag vorgenommen werden muss, und zwar kollektiv, nicht etwa, wie bisher, jede Bibliothek für sich allein und jede nach den verschiedensten richtigen und unrichtigen Gesichtspunkten.“ Gesemann bat Murko als Vorsitzenden des „Slovanský Ùstav“ in Prag, um eine selbstständige Einrichtung zur Pflege wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehungen mit den anderen slawischen Ländern, um Unterstützung seines Vorhabens, und zwar zunächst im südslawischen Bereich. „Das ganze Unternehmen“, so Gesemann, „ist so umfangreich, dass wir mit einem Teilgebiet den Anfang machen müssen in der praktischen Arbeit, und als dieses Teilgebiet schlage ich zunächst das südslawische vor, zu dem die beiden Universitäten durch unsere Persönlichkeiten ja ein großes Interesse haben. Die russischen Bestände werden weit mehr Arbeit machen und werden am besten erst dann in Angriff genommen, wenn wir auf unserm Gebiet die notwendigen Erfahrungen gesammelt haben werden. Liegt uns genug Material vor, die Sache zu überschauen, so stelle ich Ihnen und Ihren Herren Kollegen anheim, das Ganze der Slavischen Akademie zur Ausführung zu überlassen. Das Wichtigste ist zunächst, sich über die Art der Arbeit klar zu werden, ehe man dem Ministerium oder dem Institut mit praktischen Vorschlägen kommt. Jedenfalls ist das Ministerium bereit, uns in diesen Bestrebungen zu unterstützen, wenn man ihm konkrete Vorschläge macht.“

Neben den Forschungsvorhaben und ihren Realisierungsbedingungen sind also Fragen der Organisation der Slawistik in Prag Gegenstand der Briefe Gesemanns an Murko. Die Erfassung und Systematisierung der Prager Slavica-Bestände waren ein Problem, das Gesemann beschäftigte. Ein anderes war die Mitarbeit slawischer Gelehrter in der geplanten „Deutschen Forschungsanstalt für Slavistik in Prag“. In einem Schreiben vom 7. April 1930 fragte Gesemann bei Murko an, ob er nicht geneigt sei, „sich vom Ministerium zum (nicht beamteten) ←28 | 29→Mitgliede unserer, jetzt in Gründung befindlichen Deutschen Forschungsanstalt für Slavistik (epische Arbeitsgemeinschaft) ernennen zu lassen. Außer Ihnen gehören dazu: ich, Saran, Becking, Jakobson, Ružičič. Ehe ich das dem Ministerium vorschlage, muss ich aber Ihre persönliche Meinung erfahren. Wie sehr uns Ihre Mitarbeit ehren und nützen würde, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, aber ich glaube, auch für Sie und Ihre Forschungen wäre es nicht schlecht, Fachleute zur Beratung zu haben, die als Musikwissenschaftler und Rhythmiker oft etwas sehen, was uns Philologen entgeht.“ In einem anderen, undatierten Brief bittet Gesemann Murko um Mitarbeit an der „Slavischen Rundschau“, die er 1929 mit Franz Spina ins Leben gerufen hatte. „Budite saradnik našego časopisa! Vaše ime ne sme faliti. Koga ima u Pragu jeste od stručnjaka za jugoslovenske stvari osim Pavleve, Prohaske i Branka Lazarevića?”

Schließlich enthalten die Briefe Gesemanns an Murko interessante Hinweise auf die schwierige Lage, in der sich die deutsche Slawistik in Prag in den 30er und 40er Jahren befand. Am 18. Mai 1935 schreibt Gesemann: „Meine Kulturgeschichte („Kultur der Südslawen“. Potsdam 1936. – W.Z.) ist im Druck, und ich korrigiere sie schon in den Bogen, auch andere Arbeiten laufen im Druck. Sie sehen, ich lasse mich auch durch allerlei politische Angriffe nicht von der Arbeit abbringen, die ich nun mal den Jugoslawen gewidmet habe …“ Gesemann hatte infolge seiner wiederholten Versuche eines Brückenschlages zwischen Deutschen und Slawen und seines Eintretens für eine konstruktive Zusammenarbeit mit slawischen Wissenschaftlern, auch mit sowjetischen Gelehrten, in Prag einen schweren Stand. Darüber schrieb er am 27. Juli 1942 an Christov: „Mit der Universität ist nichts mehr los, Kyrill. Die gefällt mir gar nicht. Hörer? Etwa 20 Stück, ein paar deutsche Mägdlein dabei, alles andere sind ein paar Russen und viele Ukrainer. Ich habe diese letztere Nation sehr gern, aber ich wünschte mir doch Deutsche zu Hörern. So bin ich im eigentlichen Sinne des Wortes ohne Schüler. Und von den Kollegen wollen wir nicht viel sprechen. Außer Becking spreche ich mit sehr wenigen Menschen. Es lohnt sich nicht.“

Zwei Jahre später, im Jahre 1944, ließ sich Gesemann vorzeitig emeritieren. Er widmete sich nunmehr vor allem der schriftstellerischen Tätigkeit, in der er es zu einer bewundernswerten Meisterschaft brachte.

Auf ähnlichen Positionen wie Gesemann stand Karl Heinrich Meyer. Er wirkte nach langjähriger Privatdozentur für slawische Philologie an der Universität Leipzig von 1927 bis 1935 – seit 1929 als außerplanmäßiger – in Münster und von 1935 bis 1945 in Königsberg. An allen drei Universitäten setzte er sich für den Ausbau der Slawistik und für eine konstruktive deutsch-slawische wissenschaftliche Zusammenarbeit ein. Auch er unterhielt zu Murko und Christov, sowie zu anderen slawischen Gelehrten enge Beziehungen, die ihm wertvolle ←29 | 30→Impulse gaben. Außerdem bestärkten ihn Reisen in slawische Länder in seiner schon früh gewonnenen Überzeugung vom hohen Kulturwert des Slawischen sowie von der Notwendigkeit der Erschließung und Propagierung der slawischen Sprachen und Kulturen. Dieser Aufgabe hat er sich unter dem Einfluss seiner beiden Lehrer, August Leskien und Matija Murko mit Engagement gewidmet. Mit Murko, bei dem er sich 1920 in Leipzig mit einem Beitrag zur bulgaristischen Sprachwissenschaft7 habilitierte, verband ihn seit seinen Leipziger Studienjahren eine lebenslange Freundschaft, die sich in einer umfangreichen Korrespondenz manifestiert. In ihr wie auch in seinen Briefen an Christov, an die tschechischen Gelehrten Jiří Polívka und Jiří Horák, an den sorbischen Forscher Arnošt Muka sowie an andere slawische Wissenschaftler reflektieren sich die Persönlichkeit Meyers, sein weltanschaulicher Standort, sein wissenschaftliches und organisatorisches Streben, sein Einsatz für die Slawistik, sein Interesse und seine Sympathie für die Slawen, ihre Sprachen und Kulturen.

Besonders aufschlussreich sind die Briefe Meyers für die Kenntnis wichtiger Details aus der Geschichte der Slawistik an den Universitäten Münster und Königsberg. Am 28. Februar 1928 schrieb er an den zeitweilig in Leipzig wirkenden Christov, seinen Freund seit seinen Leipziger Jahren: „Auch ich bin mit meiner Zuhörerschaft recht zufrieden, lauter fleißige Studenten; in einem Kolleg „Die slawischen Völker und Sprachen“ – 12 Hörer, „Geschichte der russischen Sprache“ – 4 Hörer, „Einführung ins Altbulgarische“ – 3 Hörer. Für nächstes Semester habe ich „Tolstoj und Dostojevskij“ angekündigt und hoffe auf 50–100 Zuhörer. Für meine Studenten habe ich einen kleinen Handapparat (so etwas wie ein Institut) eingerichtet; auch die bulgarische Akademie hat mir ihre sämtlichen philologischen Publikationen zugesagt, via L. Miletič.“8 Ähnlich äußerte sich Meyer in seinen Briefen an Murko und Polívka. Letzterem teilte er 1929 mit, er habe in seinen Privatkollegs jedes Semester 50–100 Hörer und zurzeit 5 Doktoranden9. In einem Brief an Murko aus dem Jahre 1930 sprach er sogar von 30–120 Hörern pro Semester10. Das Interesse für die Slawistik sei in Münster mit seinen 5000 Studenten größer als in Leipzig und in anderen Städten Deutschlands. Für das Sommersemester 1930 habe sich ein Serbe (Branko Magarešević – W.Z.) zum Studium der Slawistik angemeldet, was Meyer sehr begrüßte, weil er ←30 | 31→„gerade an slawischen Studenten einen empfindlichen Mangel habe“11. Ein Brief Meyers an Horák vom 17. März 1930 dokumentiert sein großes Interesse für die Volkskunde. Er schreibt u.a.: „Wie ich Ihnen früher schon mitteilte, herrscht in Münster ein reges Interesse für Volkskunde. Naturgemäß wird in erster Linie die westfälische und weiterhin die deutsche Volkskunde gepflegt, aber ich arbeite stark daran, ständig auf die Zusammenhänge der Soziologie aller europäischen Unterschichten zu verweisen, insbesondere auf die Beziehungen zwischen deutscher und slawischer volkskundlicher Forschung. Zu diesem Zweck habe ich vor, im nächsten Wintersemester (1930/31) eine mehrstündige Vorlesung über slawische Volkskunde abzuhalten, der ich einen großen Zuspruch voraussagen kann.“ In diesem Zusammenhang bat er Horák um Unterstützung bei der Beschaffung einschlägiger Literatur aus der ČSR.12

Aus anderen Briefen Meyers erfahren wir, dass die von ihm ins Leben gerufene slawistische Fachbibliothek in Münster 1930 bereits 1000 Bände umfasste, darunter viele tschechische, polnische, slowenische und ukrainische, aber weniger serbokroatische und bulgarische Publikationen und fast gar keine Rossica.13 Neben den wissenschaftlichen Forschungen Meyers und der Entstehungsgeschichte seiner Werke, seinen Lehrveranstaltungen und ihrer Frequenz sowie seine wissenschaftsorganisatorischen Aktivitäten gewinnen wir auch eine Vorstellung von seiner Reisetätigkeit. Er hat 1919, 1921 und 1923 an den Philologentagen teilgenommen, hat in den 20er Jahren zu Sprachstudien längere Zeit in Jugoslawien geweilt, war 1928 auf dem Internationalen Linguistenkongress in Holland präsent, wo er u.a. zu Stefan Mladenov und Kazimierz Nitsch Kontakte knüpfte, beteiligte sich 1929 an dem ersten Internationalen Slawistenkongress in Prag und nutzte die Gelegenheit zur Herstellung von Beziehungen zu Slawisten aus slawischen und aus nichtslawischen Ländern, war 1930, als er sich intensiv mit der polnischen Literatur und Kultur befasste, Teilnehmer eines internationalen Kongresses zu Ehren Jan Kochanowskis in Krakau, weilte 1932 in der Sowjetunion und hielt 1934 auf dem zweiten Internationalen Slawistenkongress in Warschau einen Vortrag über die geistige Kultur der vorchristlichen Slawen.14 Auch über seinen Anteil an der Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse durch öffentliche Vorträge geben seine Briefe Aufschluss. So sprach er über die südslawische Volksepik und über russische Volksdichtung sowie im ←31 | 32→Rahmen der „Hochschulkurse für Jedermann“ und sogar im Rundfunk über das russische Volkslied und über Gogol’, Dostojevskij und Tolstoj. Noch während des Zweiten Weltkrieges informierte er die verschiedensten Interessentenkreise über die slawischen Völker und deren Kulturen, womit er sich von der nationalsozialistischen Ideologie distanzierte, von der er sich, wie einige seiner Briefe zeigen, anfangs beeindrucken ließ, was seine Berufung nach Königsberg sicher gefördert hat.

Die Berufung Meyers an die Universität Königsberg war für ihn „nach den schweren Mühen und Enttäuschungen so vieler Jahre wie eine Erlösung“15. Hier konnte er sich als Slawist weiter entfalten. Eine breit gefächerte Lehrtätigkeit, vielseitige Forschungen und eine zielstrebige Vermittlung slawischer Kultur durch öffentliche Vorträge sowie weitere Studienreisen, und zwar nach Jugoslawien 1939 und 194216, nach Bulgarien (1942)17 und in die Slowakei (1943)18, füllten ihn ganz aus. An Christov schrieb er bereits am 21. Dezember 1939 „… der Schülerkreis ist erfreulich, etwa 4-mal so groß wie in Münster, wo ich ja auch pro Semester 20–30 Hörer hatte.“19 In seinem Brief an Christov vom 7. Januar 1938 sprach er von einer nachhaltigen Förderung seiner slawistischen Studien durch „eine interessierte, fleißige Schülerzahl, gute Arbeitsmöglichkeiten, Anregungen durch mannigfaltige Besuche aus dem Auslande und ein stets wachsendes Interesse für die Slawistik in weiteren Kreisen“.20 Die Briefe Meyers an Christov, Murko und andere Fachkollegen sind für die Aufhellung der noch wenig bekannten Geschichte der Slawistik an der Universität Königsberg wichtige Quellen, die gesammelt und erschlossen zu werden verdienen. Sie vermitteln zugleich einen Einblick in das breite Spektrum seiner wissenschaftlichen Interessen und Forschungen, das sich in seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen nur ungenügend reflektiert. Er spricht von Vorhaben, die er nicht mehr realisieren konnte, so eine bereits konzipierte literaturwissenschaftliche Arbeit über das Verhältnis der Erzählung Christovs „Vater und Sohn“ zu Prosper Mérimées „Mateo Falcone“ für eine geplante Gustav-Weigand-Festschrift21, oder die, ←32 | 33→obwohl bereits abgeschlossen, nicht mehr erscheinen konnten, so ein „Büchlein über die Kaschuben“, das 1939 fertig war22, und eine Darstellung der Geschichte der russischen, ukrainischen, tschechischen, slowakischen und polnischen Literatur für das Werk „Die Gegenwartsdichtung der europäischen Völker“, herausgegeben von Kurt Wais, das in den 40er Jahren eine zweite Auflage erleben sollte.23

In den Briefen Meyers spiegeln sich auch seine sorabistischen Interessen, sein Studium des Sorbischen24 und seine Vorhaben im Bereich der Sorabistik wider: 1923 schlug er Arnošt Muka die gemeinsame Herausgabe einer wissenschaftlichen Publikationsreihe „Quellen zur sorbischen Sprache und Kultur“ vor, in der alte sorbische Sprachdenkmäler mit Analysen und Kommentaren erscheinen sollten25. Dieses Vorhaben sollte der „Erforschung des wendischen Schrifttums, namentlich des älteren, und der wendischen Sprachentwicklung“ dienen, „deren Aufgabe es ist, fortzuschreiten“.26. Das Projekt, das ganz im Interesse Mukas lag, der ähnliche Pläne hatte und daher den Vorschlag begrüßte, konnte nicht verwirklicht werden. Meyers Projekt und seine Korrespondenz mit Muka verdeutlichen sein Interesse für die Sorabistik und seine Verbundenheit mit Muka.

Die Arbeiten Meyers reflektieren nur sehr unvollkommen sein Interesse für die polnische Literatur, in die er sich vor allem in Münster systematisch und mit größter Sympathie einarbeitete. 1928 schrieb er an Christov, er vertiefe sich zurzeit in die polnische Literatur des 16. Jh. „Es ist das „goldene“ Zeitalter der polnischen Literatur mit wirklich reichen Schätzen.“27 1929 gestand er ihm unter Bezugnahme auf sein Studium der Dichtungen Jan Kasprowicz’: „Vielleicht bin ich für die ganze Größe dieser überschwänglichen Schöpfungen noch nicht reif; ich bevorzuge die klassische Größe und Schlichtheit Mickiewiczscher Poesien.“28 1930 schließlich teilte er ihm mit: „Geistig weile ich hauptsächlich in Polen: die literarische polnische Vergangenheit fesselt mich von Tag zu Tag mehr.“29 Das Polnische mit seinem hohen Kulturniveau, seinem Reichtum an ←33 | 34→Geist und Literatur“, hatte er schon im Januar 1930 Murko bekannt, „befriedigt mich, meinen Hunger, auf die Dauer doch viel mehr als der Balkan.“30

Meyer gehörte wie sein Lehrer Murko nicht zu denjenigen, „die ihre Arbeit der Erforschung eines einzelnen Teilgebietes innerhalb der großen Mannigfaltigkeit der slawischen Philologie widmeten“, sondern zu jenen, für die die Beschäftigung mit mehreren Teilgebieten und Disziplinen der Slawistik sowie „die Sicht über weiteste Zusammenhänge“31 bezeichnend waren. Bis zuletzt bewahrte er sich sein Engagement für die Slawistik sowie seine Sympathie für die slawischen Sprachen, Literaturen und Kulturen, womit er sich der Konfrontation mit den Nationalsozialisten aussetzte. Wie Murko hat auch Meyer erkannt, dass „die weitverbreitete Unkenntnis der slavischen Sprachen oft zu seltsamen Irrtümern und Fehlleistungen führte“,32 zu deren Abbau er beitragen wollte. Er war – und seine Briefe belegen es – ein vielseitiger Forscher, Lehrer und Organisator, der die Wissenschaft stets als eine Brücke zwischen den Völkern verstand. Sie habe immer dann „ein höchstes Ziel erreicht, wenn sie benachbarte Völker nicht trennt, sondern verbinden hilft.“.33

Das war das Vermächtnis Meyers an die Nachwelt. Es stellt ihn auch in eine Reihe mit Gesemann. So verschieden beide gewesen sein müssen – der „Schöngeist“ Gesemann, der das „Feingestufte“ liebte34 und der weit nüchterne Philologe Meyer – die Liebe zu den slawischen Sprachen und Kulturen sowie die sich auch in ihrer Korrespondenz spiegelnden Bemühungen, ihnen im deutschen Sprachgebiet Anhänger zu gewinnen, verbanden beide Gelehrte. In diesem Sinne haben sie sich auch unter den schweren Bedingungen der NS-Diktatur in Deutschland zum Kulturwert des Slawischen bekannt. Damit haben sie sich in die Geschichte der humanistischen Tradition der deutschen Slawistik und der deutsch-slawischen Wechselseitigkeit eingeschrieben.

←34 | 35→Die Briefe Gesemanns und Meyers an Vertreter der slawischen Kultur und Wissenschaft veranschaulichen paradigmatisch die Bedeutung von Korrespondenzen für das Verständnis und die Einordnung wissenschafts- und kulturgeschichtlicher Prozesse und Strukturen. Ihre Sammlung und Analyse müssen in Zukunft stärker Bestandteile unserer Forschungen werden.

1H. Ischreyt: Kontakte. Bemerkungen über die Voraussetzungen von Kulturbeziehungen und deren systematische Darstellung. In: Zeitschriften und Zeitungen des 18. und 19. Jahrhunderts in Mittel- und Osteuropa. Berlin 1986. S. 10, 14.

2S.N. Artanovskij: Metodologičeskie voprosy izučenija mirovych kul’turnych kontaktov. In: Metodologičeskie problemy issledovanija istorii kul’tury. Leningrad 1982. S. 46.

3Vgl. G. Gesemann: Germanoslavica: „Geschichten aus dem Hinterhalt“. Fünf balkanische und eine Prager Novelle aus dem Nachlaß. Kommentar, Lebensabriß und Schriftenverzeichnis, erstellt von W. Gesemann. Frankfurt a.M.-Bern-Cirencester/U.K. 1979, S. 116–122.

4Die im Folgenden zitierten Briefe Gesemanns an Christov befinden sich im Centralen Dăržaven Archiv Sofija. F. 131, op. 1.

5Bălgarskata Akademija na Naukite. Naučen Archiv. F. 56, Nr. 124.

6Die im Folgenden zitiierten Briefe Gesemanns an Murko befinden sich im Památník narodního písemnicti Praha. Literární archiv (= PNPP/LA). Murko-Nachlaß.

7Vgl. K.H. Meyer: Zur Geschichte der bulgarischen Nominalflexion. Der Untergang der Deklination im Bulgarischen. Heidelberg 1920.

8S. Anmerkung 4.

9Meyer an Polívka, 24.12.1929. PNPP LA. Polívka-Nachlaß.

10Meyer an Murko, 23.1.1920, s.Anmerkung 6.

11Meyer an Murko, 24.3.1930, s.Anmerkung 6.

12Ustřední archiv Československé akademie vĕd, – II b 1, inv.č.814.

13Vgl. Meyer an Murko, 5.5.1930. S. Anmerkung 6.

14Vgl. Księga referatów, Sekcja III/IV. Warszawa 1934. S. 54; II. Mezinárodní Sjezd Slavistů Warszawa 1934. Bibliografie. Praha 1972. S. 49f.

15Meyer an Christov, 21.12.1935, s. Anmerkung 4.

16Vgl. Meyer an Murko, 5.2.1942 und 4.2.1943, s. Anmerkung 6.

17Vgl. Meyer an Christov, 9.7.1942, s. Anmerkung 4.

18Vgl. Meyer an Murko, 13.3.1944, s. Anmerkung 6.

19S. Anmerkung 4.

20S. Anmerkung 4.

21Vgl. Meyer an Christov, 6.2.1943, s.Anmerkung 4.

22Vgl. Meyer an Christov, 7.7.1939, s.Anmerkung 4.

23Vgl. Meyer an Murko, 4.2.1943, s.Anmerkung 6.

24Vgl. Meyer an Murko, 6.12.1921 und 27.10.1922, s. Anmerkung 6; Meyer an Murko, 22.5.1922, PNPP LA Muka-Nachlaß.

25Vgl. die Briefe Meyers an Muka. PNPP LA.

26Vgl. Meyer an Muka, 25.6.1923. PNPP LA. Muka-Nachlaß.

27Meyer an Christov. 7.8.1928, s. Anmerkung 4.

28Meyer an Christov. 31.12.1929, s. Anmerkung 4.

29Meyer an Christov, 18.5.1930, s. Anmerkung 4.

30Meyer an Murko, 23.1.1930, s. Anmerkung 6.

31K.H. Meyer: Matthias Murko zum 70.Geburtstage, in: Forschungen und Fortschritte 7, 1931, H. 5, S. 76.

32Ebda.

33K.H. Meyer: Vorwort zu L.K. Goetz: Volkslied und Volksleben der Kroaten und Serben. Bd. 1. Heidelberg 1936.

34H. Cysarz: Zehn Jahre Prag. Erinnerungen an die Jahre 1928–1938 samt Rückblicken und Ausblicken. In: Grenzfall der Wissenschaft: Herbert Cysarz. Frankfurt/M. 1957, S. 103.

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Sergio Bonazza/Verona

Italienische Slawisten und Franz Miklosich (Miklošič)

Die Wahl des Themas „Italienische Slawisten und Franz Miklosich“ für dieses den wissenschaftlichen Kontakten zwischen Slawisten slawischer und nichtslawischer Länder gewidmeten Symposium hat sich aus zwei Gründen empfohlen: Erstens, jährt sich im kommenden Jahr der Todestag von Miklosich zum hundertsten Male1. Dennoch wissen wir von diesem großen Slawisten eigentlich sehr wenig2, sodass dieses Referat zugleich auch als Beitrag zur Miklosich-Biographie verstanden werden soll. Zweitens: Im Kontext der Recherchen zur Geschichte der italienischen Slawistik haben wir uns die Frage gestellt, welche Bedeutung die wissenschaftlichen Kontakte zwischen Miklosich und den italienischen Gelehrten für die Entwicklung der Slawistik in Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten. Hierbei ist jedoch eine Präzisierung notwendig. Der in der Überschrift verwendete Ausdruck „Italienische Slawisten“ ist eigentlich nicht angebracht, weil es in Italien in der damaligen Zeit noch keine Slawisten im eigentlichen Sinne des Wortes gab, genauso wenig wie Lehrstühle für Slawistik3. Es gab aber Literaturforscher, Philologen und Sprachwissenschaftler (vorwiegend Romanisten), die sich, der eine mehr, der andere weniger, auch mit Fragen der Slawistik beschäftigten. Miklosich pflegte Kontakte auch zu solchen Gelehrten, die keinerlei Beziehungen zur Slawistik hatten.

Miklosich hatte mit ungefähr 15 italienischen Gelehrten Kontakte. Darunter sind die bedeutendsten Philologen und Linguisten des damaligen Italiens, wie Emilio Teza, Graziado Isaia Ascoli, Giuseppe Morosi, Giovanni Flechia, Domenico Comparetti, der verdienstvolle Verbreiter fremder Literaturen in Italien Angelo de Gubernatis und andere. Seine Beziehungen zu Italien erstreckten sich von 1857 bis zu seinem Tod im Jahre 1891, d.h. sie betreffen den größten Teil seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Miklosichs Beziehungen zu Italien beginnen mit seiner Ernennung zum auswärtigen Mitglied der wenig bekannten römischen „Academia dei Quiriti“. Es muss jedoch erwähnt werden, dass der ←37 | 38→damals in Rom lebende kroatische Historiker Kanonikus Franjo Rački, derjenige war, der den in Italien bislang noch unbekannten Miklosich für diese Wahl vorschlug. Dass Miklosich um diese Zeit in Italien so gut wie unbekannt war, zeigt am deutlichsten das im Jahre 1856 in Mailand erschienene Buch Studi linguistici von Bernardo Biondelli. Biondelli gehörte in Italien zu den besten Kennern der slawischen Philologie und slawischen Linguistik. In diesem Buch spricht er auch von den slawischen Sprachen und nennt die Slawisten, die die größten Verdienste für die Erforschung der slawischen Sprachen erworben haben. Dabei zitiert er Josef Dobrovský, Samuel Bogumil Linde, Pavel Josef Šafárik, Jan Kollár, Vuk Karadžić und Václav Hanka. Miklosich wird nicht erwähnt, obwohl er etliche Jahre vor dem Erscheinen des genannten Buches Werke wie Radices linguae slavicae veteris dialecti (1845), Lehre von der Coniugation im Altslovenischen (1848), Lexicon linguae slovenicae veteris dialecti (1850), die äußerst wichtige Vergleichende Lautlehre der slawischen Sprachen (1852) und etliche andere veröffentlicht hatte.

Für einen Vergleich mit Deutschland sei erwähnt, dass im gleichen Jahr 1856, im Erscheinungsjahr des Buches von Biondelli also, Miklosich, der für seine Verdienste auf dem Gebiet der slawischen Philologie bereits Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften war4, zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde5, und zwar mit der Begründung, dass seine Studien auf dem Gebiet der Slawistik ihn „unbestritten auf den Rang des ersten Slawisten der neueren Zeit erhoben“ haben6.

Der schon erwähnte Graziadio Isaia Ascoli, der 1861 sein Buch Studi critici 7 erscheinen ließ, das eigentlich eine breite Rezension und Neubearbeitung der obengenannten Studi linguistici von Biondelli ist, hat es nicht für nötig gefunden, die oben zitierte Stelle aus Biondellis Buch zu korrigieren, obwohl er Miklosich bereits kannte und ihn im genannten Buch sogar zitierte8.

←38 | 39→Das Interesse vonseiten der italienischen Gelehrten für Miklosichs wissenschaftliche Arbeiten wurde erst geweckt, als der Wiener Slawist – um 1860 – seine nichtslawistischen sprachwissenschaftlichen Arbeiten zu veröffentlichen begann, wie Die slavischen Elemente im Rumänischen (1860), Die slavischen Elemente im Neugriechischen (1869), Albanische Forschungen I-III (1870), Rumänische Untersuchungen (1881) und vor allem Über die Mundarten und Wanderungen der Zigeuner Europa’s I–XII (1872–1880) und Beiträge zur Kenntnis der Zigeunermundarten I–IV (1874–1878).

Sein Ruhm wuchs sehr schnell, und in einem Dezennium galt Miklosich als einer der berühmtesten und geschätztesten Sprachforscher. Die führenden italienischen Linguisten sahen ihn als Lehrer und höhere wissenschaftliche Instanz an. Im Jahre 1888 wurde Miklosich zum auswärtigen Mitglied der berühmtesten italienischen Akademie der Wissenschaften, der römischen „Academia de Lincei“ gewählt9. Es muss jedoch betont werden, dass man in Italien in der Person Miklosichs nicht den großen Slawisten sah, sondern vor allem den großen Sprachforscher.

Wie ist das zu erklären? Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden in Süditalien griechische, albanische und rumänische Sprachinseln sozusagen „entdeckt“ und wurden somit gleich, weil sie ein Neuland darstellten, Forschungsgegenstand mehrerer italienischer Linguisten. Wegen der Sprachverwandtschaft mit dem Italienischen herrschte für das Rumänische ein reges Interesse. Miklosich hat grundlegende Werke zur Erforschung dieser drei Sprachen geschrieben; er ist ja sogar Begründer der rumänischen und albanischen Philologie. Überdies widmeten zwei prominente italienische Philologen wie Teza und Ascoli ihre Aufmerksamkeit der Zigeuner-Sprache, und was die Erforschung dieser Sprache betrifft, stellte Miklosich wiederum eine europäische Autorität dar.

Miklosich pflegte seinen Korrespondenten in Italien seine slawistischen wie auch nichtslawistischen Arbeiten zu schicken. Aber in den meisten Fällen haben lediglich die nichtslawistischen Werke Interesse erweckt. Typisch in diesem Sinne ist das Beispiel von Giuseppe Morosi. Ich zitiere einen Passus aus seinem Brief an Miklosich vom 23. Juni 1870. Er bedankt sich für die Bücher, die Miklosich ihm geschickt hat, bedauert aber, dass er die Vergleichende Formenlehre der slavischen Sprachen (1856) nicht imstande zu schätzen sei, da er keinerlei Kenntnisse im Fach slawische Philologie habe. Er fügt jedoch hinzu, dass er Die ←39 | 40→slavischen Elemente im Neugriechischen (1869) äußerst interessant gefunden habe10.

Nachdem im Jahre 1856 auch die serbo-kroatischen Sprachinseln in Süditalien (Molise) entdeckt worden waren, widmete sich der damals berühmteste Linguist in Italien, der schon erwähnte Ascoli, auch diesem Themenbereich, was dann in drei Publikationen seinen Ausdruck fand11. In der letzten – Saggi critici – wird Miklosich in einer Fußnote „hervorragender Slawist“ genannt, und seine Vergleichende Grammatik der slavischen Sprachen als äußerst nützlich bezeichnet12. Deshalb würde man meinen, dass die wissenschaftlichen Kontakte zwischen Miklosich und Ascoli auch slawistische Themen beinhalten müssten. Dem war aber nicht so. Der Briefwechsel Miklosich – Ascoli betrifft fast ausschließlich die Zigeuner-Sprache und die allgemeine Sprachwissenschaft. Slawistik wird selten und nur am Rande berührt13.

Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang Emilio Teza. Obwohl sein reger Briefwechsel14 mit Miklosich vorwiegend die Erforschung der Zigeuner- ←40 | 41→Sprache beinhaltet, wurden zwischen den beiden Gelehrten auch slawistische Fragen erörtert. Genauer gesagt, es wurden drei Fragenkomplexe in Betracht gezogen: Die Akzentuation im Serbokroatischen, die der slawischen Alphabete bzw. die Frage, welches von beiden älter sei, und die serbischen Volkslieder aus den Liedersammlungen von Vuk Stefanović Karadžić. Teza hat einige dieser serbischen Lieder ins Italienische übersetzt15 und hat sich für die Interpretation der sprachlich schwierigen Stellen an Miklosich in Wien gewendet16. Der Wiener Slawist zeigte sich gerne bereit, seinem italienischen Kollegen zu helfen17 und konsultierte seinerseits für manche Erläuterungen sogar Vuk Karadžić selbst. Teza wusste diese nützliche und noble wissenschaftliche Kooperation wohl zu schätzen und bedankte sich bei den beiden großen Slawisten dafür öffentlich18. Eine dieser Übersetzungen – das berühmte Gedicht Hasanaginica – veröffentlichte Teza zu Ehren von Miklosich anlässlich seines 70. Geburtstages19.

Aus dem Briefwechsel Miklosich/Teza erfahren wir unter anderem, dass Miklosich in den sechziger Jahren eine Studienreise nach Italien mit Aufenthalten in Bologna, Florenz, Pisa, Rom und Neapel unternahm und bei dieser Gelegenheit mehrere Gelehrte persönlich kennenlernte. Indirekterweise hatte Miklosich ←41 | 42→auch mit dem damals größten Dichter Italiens, Giosuè Carducci, zu tun, der in Bologna lebte. Teza, der in Pisa beruflich tätig war, pflegte die Ferienmonate in Bologna zu verbringen. Er gab als verlässlichste Adresse für den Briefverkehr die von Carducci an, mit welchem er befreundet war. Somit adressierte Miklosich seine Briefe für Teza an den berühmten Dichter. Diese Italienreise Miklosichs muss man deshalb erwähnen, weil sie noch unbekannt ist. Das Stichwort „Franc Miklošič“ im Slowenischen Biographischen Lexikon erwähnt nämlich nur zwei Reisen nach Italien in Miklosichs Jugendzeit, im Jahre 1836 und 184220.

In manchen Fällen dienten Miklosich die wissenschaftlichen Kontakte mit italienischen Gelehrten dazu, um bibliographische Informationen für seine slawistischen Arbeiten zu erhalten. Als er 1887 sein juridisch-historisches Werk Blutrache bei den Slaven schrieb, wandte er sich z.B. an den Turiner Juristen Cesare Nani und an den Florentiner Philologen Domenico Comparetti um bibliographische Angaben über die Blutrache im Allgemeinen und bei den Korsen im Besonderen, wie auch über Blutrache als juridisches Problem. Die beiden Gelehrten haben ihm auch tatsächlich die gewünschten bibliographischen Angaben geschickt.

Nicht uninteressant für unsere Untersuchung ist der Fall des gerade erwähnten Comparetti. Als Ascoli 1861 seine erste, die Slavica betreffende Publikation Studi critici veröffentlichte21, wusste er offensichtlich noch nicht, dass es in Süditalien serbo-kroatische Sprachinseln gab. Deshalb behandelte er im Kapitel Colonie straniere in Italia seines Buches lediglich die slowenischen und kroatischen Dialekte in Friaul, Resiatal und Istrien. Gerade Comparetti war derjenige, der in einer Rezension auf diese Lücke im Asscoli-Buch hingewiesen hat22. Der darauffolgende Aufsatz Gli Slavi nel napoletano von Ascoli23 ist eigentlich ein öffentlicher Brief an Domenico Comparetti. Das beweist, dass Comparetti doch ein gewisses Interesse an Slavica hatte. In seinen – zwar spärlichen – Briefkontakten mit Miklosich fehlt jede Spur davon.

Während seiner erwähnten Italienreise wandte sich Miklosich an den Historiker und Numismatiker Domenico Promis aus Turin, in seiner Funktion als Bibliothekar des königlichen Hofes, um die Erlaubnis, in den Florentinischen Archiven arbeiten zu dürfen. Der einflussreiche Promi sicherte ihm jede ←42 | 43→Unterstützung zu und erklärte sich bereit, wenn es nötig sein sollte, sich beim zuständigen Minister einzusetzen.

Das bedeutendste Ereignis in den wissenschaftlichen Kontakten zwischen Miklosich und den italienischen Gelehrten stellt zweifelsohne Miklosichs Mitarbeit an der Festschrift für zwei bekannte italienische Romanisten aus Florenz dar, Napoleone Caix und Ugo Angelo Canello. Das Herausgebergremium erbat Beiträge – wie aus dem Vorwort der Festschrift hervorgeht – von den „hervorragendsten Forschern auf dem Gebiet der romanischen Studien“. Also auch in diesem Falle hielt man Miklosich für einen Sprachforscher. Er lieferte allerdings nicht einen romanistischen, sondern einen die Slawistik betreffenden Beitrag Über die Nationalität der Bulgaren in deutscher Sprache, der übrigens in der Miklosich-Bibliographie noch unbekannt ist. Die Festschrift erschien im Jahre 1886 in Florenz und trägt die folgende Überschrift: In memoria di Napoleone Craix e Ugo Angelo Canello. Miscellania di filologia e linguistica.

Abschließend kehren wir zu der Frage zurück, die wir uns zu Beginn des Referats gestellt haben, nämlich welche Bedeutung die wissenschaftlichen Kontakte zwischen Miklosich und den italienischen Gelehrten für die Entwicklung der Slawistik in Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten. Die Antwort auf diese Frage beinhaltet drei Grundgedanken:

1.Diejenigen, wie Emilio Teza, die sich mit Slawistik intensiver beschäftigten, waren in ihrer Motivation durch Miklosich gestärkt. In diesem Zusammenhang ein Zitat in deutscher Übersetzung aus einem Brief von Teza an Miklosich (1872): „Sie können sich nicht vorstellen, mit welchem Vergnügen ich Ihren äußerst wichtigen Aufsatz über die slawischen Alphabete, den ich sehr interessant fand, dreimal gelesen habe.“24

2.Sprachforscher, die ohne slawische Sprachkenntnisse die Sprachwissenschaft betrieben, lernten durch Miklosich, dass man ohne das Heranziehen der slawischen Sprachen diese Disziplin nicht erfolgreich ausüben kann. Ein typisches Beispiel liefert uns Miklosichs Korrespondent Giuseppe Morosi, Autor einer Studie über die neugriechischen Dialekte, der seine darin geäußerten Behauptungen korrigieren musste, nachdem er Die slavischen Elemente im Neugriechischen von Miklosich gelesen hatte25. Sein jüngerer und begabter ←43 | 44→Kollege Caix, dem die oben genannte Festschrift gewidmet war, begriff das deutlich und beschloss, Russisch und Polnisch zu lernen. Er war schon auf der Reise nach Polen und Russland, als er in seinem 37. Lebensjahr erkrankte und starb.

3.Obwohl Miklosich in Italien vorwiegend durch seine nichtslawistischen Arbeiten berühmt wurde, wusste man jedoch, dass er Slawist war26. Durch die große Achtung für die Person Miklosichs wuchs auch die Achtung für das Fach Slawistik. Das Beispiel der oben erwähnten Festschrift zeigte es deutlich: Nicht nur, dass sein slawistischer Beitrag in eine der Romanistik gewidmete Festschrift gerne aufgenommen wurde, er steht sogar als erster in der Reihenfolge der Beiträge.27

1Miklosich starb am 7. März 1891 in Wien.

2Miklosich ist der einzige unter den großen Slawisten, dessen Briefwechsel noch nicht veröffentlicht wurde und über den es noch keine ausführliche Monographie gibt.

3Der erste Lehrstuhl für Slawistik in Italien wurde im Jahre 1920 in Padua errichtet.

4Miklosich wurde 1848 zum korrespondierenden und 1851 zum ordentlichen Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften gewählt.

5Vgl. dazu Helmut Schaller: Aus der Geschichte der österreichisch-bayerischen Wissenschaftsbeziehungen: F. Miklosich und V. Jagić als Mitglieder der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. In: Wiener Slavistisches Jahrbuch 29, 1983, S. 137–140.

6Ebenda, S. 138.

7G.I. Ascoli: Studi critici. Milano 1861.

8Das Zitat bezieht sich allerdings nicht auf die Slavica, sondern auf das Rumänische: “Mentre si stampano queste pagine vengo in possesso dell detta memoria del Prof.Miklosich: Die slavischen Elemente im Rumänischen” (Graziadio Isaia Ascoli, Studi critici I, Milano-Lipsia-Trieste 1861, S. 53).

9“Ricevo la notizia uffiziale della sua nomina a Socio Straniero della Reale Academia de Lincei. Permetta che io non tardi a congratularmene con Lei e più ancora con noi” (G.I. Ascoli an F. Miklosich, Mailand 28. Juli 1888. Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Autogr. 133/18–13.

10“Ho ricevuto a tempo debito i suoi lavori su parecchi punti della morfologia delle lingue slave; e na La ringrazio di tutto curore, sebbene io non sia in grado di apprezarli conforme al loro merito, perchè di filologia (e massima di filologia comparata) slava io mi trovo finora quasi affatto digiuno. Interessantissimo mi riuscì l’ultimo sugli elementi slavi nel greco moderno” (G. Morosi an F. Miklosich, Lecce, 23. Juni 1870, ÖNB, Wien, Autogr.136/108-I).

11Gli Slavi nel Napoletano. In: “Alleanza” vom 7. Juni 1863; Saggi e appunti. Milano 1867 und Studi critici, Roma-Torino-Firenze 1877.

12“Per l’articolo bulgarico, e l’articolo slavo in generale, ora (1868) si consulta con molto profitto il primo fascicolo del quarto volume della Vergleichende Grammatik der slavischen Sprachen del Miklosich, pag.125–128. L’ illustre slavista vuole adirittura (125) che l’articolo bulgarico provenga degli antichi abitatori alle favelle contigue, la quale è dai linguisti ritenuta per documento non dubio di commune substrato aborigeno” (G.I. Ascoli, Studi critici, Roma-Torino-Firenze 1877, S. 66–67).

13Vgl. Arturo Cronia: Lettere di Graziadio Ascoli a Franz Miklosich (Miklošič). In: Studi in onore di E. lo Gatto e G. Maver. Firenze 1962, S. 153–158. Dieser Beitrag stellt nur eine Teilveröffentlichung des Briefwechsels Miklosich-Ascoli dar. Cronia publizierte nämlich nur 3 von insgesamt 14 Briefen von Ascoli an Miklosich, die im Miklosich-Nachlaß der ÖNB in Wien aufbewahrt sind. Miklosichs Briefe an Ascoli wurden nicht berücksichtigt.

14Miklosichs Briefe an Teza wurden in: Jolanda Marchiori: Lettere di Franc Miklosich a Emilio Teza, “Memoria della Academia Patavina. Classe di Scienze. Lettere ed Arti LXXIII (1961) S. 3–9 veröffentlicht, allerdings ohne wissenschaftlichen Apparat und mit mehreren sinnstörenden Fehlern wie Prof. Mütter statt Prof. Müller, hatten statt halten, Karität statt Rarität. Tezas Gegenbriefe wurden nicht berücksichtgt.

15Vgl. E. Teza: Infedeltà della mogli di Gruja. Canto serbo. Bologna 1862; ders.: La moglier del capitano Prijezda. Canto serbo. Bologna 1864. Teza übersetzte außerdem das Gedicht Marko znade što je za devojka (erschienen in seinem Buch A Giulia Tolotti nel giorno delle sue nozze, XX dec. 1870, Pisa 1870) und das epische Gedicht Bog nikomu dužan ne staje (erschienen im Gedichtband Feliciter. Pisa 1975) Vgl. dazu Jolanda Marchiori: Emilio Teza, traduttore di poezia popolare serbo-croata. Padova 1939 (Universitè di Padova. Pubblicazioni dell’ Istituto di Filologia Slava. 3.).

163. “In quello stesso poemetto trovo delle difficoltà delle quali Ella può con chiraezza segnarmi il vero. Del resto questi canti a volere intenderli perfettamente mi pajono sempre difficili e i pochi che ne domandai mi diedero sempre spiegazioni senza por attenzione esatte alla costruzione. Una cosa poi che nel tradurre mi tormenta è nei verbi che hanno la 3a sing. dell’aoristo eguale alla 3° del pres.: e non so quale dei due significati temporali … in mente sua il Serbo che canta. Tanta frequenza di presenti istorici mi parebbe sovverchia. 4. Ecco i luioghi oscuri: -v.86 na cebe ponece. ‘Leva insieme con se’, oppure ‘Tira fino a se’! – v. 126 očli: Forse errore di stampa ošli? – v. 186 savi skute i bijele ruke (cfr.verso 249) – v.22 Pustimice dobre meštedice. Non capisco!” (Teza an F. Miklosich, Venezia, undatiert (1860), ÖNB, Wien, Autogr. 139/5.

17Vgl. Miklosichs Brief an Teza vom 26. Februar 1860. In: J. Marchiori: Lettere di Franc Miklošič a Emilio Teza, op. cit. S. 5–6.

18“(Miklosich) mi aiutò con quella gentilezza che è compagna della dottrina vera, consultandone anche lo Stefanovič: ed io dò grazie ai due maestri” (E. Teza: Infedeltà della moglie di Gruja. Canto serbo. Bologna 1862. S. 23).

19Vgl. “La Culture” III. Jg. V. Bd., Nr. 3, Mai 1884.

20Siehe Slovenski biografski leksikon, 5. Heft, hrsg. Von Franc Ksaver Lukman. Ljubljana 1933. S. 120.

21Siehe Anm. 7.

22D. Comparetti: Notizie ed osservazioni in proposito degli „Studi critici“ del Prof.Ascoli sui coloni greci e slavi e sulle ricerche albanesi. Pisa 1863.

23Veröffentlicht in der Zeitschrift „Alleanza“ vom 7. Juni 1863.

24“Non può immaginare con quanto piacere io abbia riletto tre volte questa gravissima sua memoria sugli alfabeti slavi, che mi interessò di molto” (E. Teza an F. Miklosich, Bologna, undatiert (wohl Oktober 1872), ÖNB, Wien, Autogr. 139/5–2).

25“Interessantissimo mi riuscì l’ultimo sugli elementi slavi nel greco moderne. In ho asserito che di slavismo in questi dialetti greci non incontrassi vestigio. Or tale asserzione forse va mitigata alquanto”. (G. Morosi an Fr. Miklosich, Lecce 13. Juni 1870, In: ÖNB, Wien, Autogr. 136/108-1).

26Siehe Anm. 12.

27Fr. Miklosich: Über die Nationalität der Bulgaren. In: In Memoria di Napoleone Caix e ugo Angelo Canello. Miscellanea di filologia e linguistica. Firenze 1886. S. 1–4.

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Александр В. Бондарко/Ст.Петербург

О роли Эрвина Кошмидера в развитии аспектологии

Исходные принципы: Аспектологические идеи и исследования Э.Кошмидера, одного из крупных лингвистов-теоретиков «срединного пятидесятилетия» (20х и 70.х годов) нашего века, составляют органическую часть его общелингвистической концепции. Исследования в области славянской – и не только славянской – аспектологии являлись, с одной стороны, важнейшим из оснований развиваемой ученым общелингвистической теории, а с другой – областью ее приложения.

Теоретические воззрения Кошмидера образуют целостную систему, которая характеризуется признаками ментализма и функционализма, сопряженными со строгим системноструктурным подходом к языковым фактам. Будучий функционалистом, Кошмидер вводил идеи системности и элементы структурного подхода в анализ самого содержания. В грамматической теории ХХ в. его концепция включается в сферу системофункциональных идей, связанных с именами таких лингвистов, как О.Есперсен, B.Матезиус, Р.О.Якобсон, У.Курилович и Г.Гийом.

В контекстуальной системе Кошмидера существенно разграничение и соотношение трех понятий, отражающих взаимосвязи языка и мышления и представляющих в предмете анализа соответствующие поля1 или слои2. Эти базисные понятия таковы:

1.S (signum, Bezeichnendes, обозначающее)

2.D (designatum, Bezeichnetes, обозначаемое)

3.I (intentum, das Gemeinte, мыслимое, содержащееся в мысли).

Далее мы сосредоточим внимание на понятиях D и I, относящихся к плану содержания.

Понятие раскрывается как обозначаемое языкового знака, его содержание в системе данного языка. Не лежит на поверхности, недоступно непосредственному наблюдению (это абстракция, неизвестная наивному говорящему и слушающему) и может быть определенно (как главная функция знака) лишь в результате анализа употребления форм в данном ←45 | 46→языке. В каждом языке все репрезентации D образуют грамматическую систему. Их число конечно. Системы D варьируются от языка к языку: D-системa насчитывается столько, сколько существует языков3.

Иной характер имеет понятие I. Оно трактуется как межъязыковой инвариант. Определение таких понятий. как «множественность», «настоящее», должно быть одинаковым для всех языков. Несмотря на различные формы и отношения между ними в отдельных языках, несмотря на различия в функциях этих форм. Задача языкознания заключается в том, чтобы определить отношение между инвариантным I и варьирующимися в разных языках. Для каждой грамматической категории необходимо определить значимость D (обoзначаемого) в системе I (мыслимого).

I исходит от говорящего и понимается слушающему как, предложение Der Hund bellt «Сoбака лает» понимается в категориях мыслимого либо как ситуация без определенного местоположения (локализованности) во время (род «собака» обладает способностью лаять), либо как ситуация, имеющая место во время речи. Данное различие существует для мышления, даже если в данном языке, например. немецком, нет особой категории глагола для выражения ситуаций первого типа (иные отношения представлены в турецком языке, где по мнению Кошмидера, существует специальная форма, основной функцией которой явдяется выражение вневременности). Ср. Нем. Das Holz brennt gut «Дрова горит хорошо» и турк.odun yanar „das Holz ist brennbar“. С одной стороны jduh yaniyor „das Holz brennt“ (hic et nunc) с другой. Однако и говорящие по-немецки могут «иметь в виду» („meinen“) вневременность. Хотя в системе для этого нет особой формы. Мы мыслим и то, что не имеет в синтаксической системе языка специального выражения. Содержащимся в мысли может быть то, что еще не сформулировано.

В сфере I заключено бесконечное число возможностей. Идентичное I – необходимая предпосылка для перевода с одного языка на другой. Изучение системы I относится к сфере исследований, которую Кошмидер назвал ноэтикой. В области I, обращенной к мышлению каждого отдельного человека. Выделяются три измерения: 1.называние, 2.онтологическое «включение во время» „Verzeitung“), именно к этому измерению принадлежит временная локализованность (наряду с направительной отнесенностью – и отношением к настоящему, прошлому или будущему – Zeitstufenbezug) 3.«достижение цели („Leistung“, данное понятие вводится ←46 | 47→со ссылкой на К.Бюлера) в выражении сообщения. вопроса, приказа или запрета. А также радости, горя и т.п.»4.

Истолкование базисных понятий S, D и I в концептуальной системе Кошмидера определяет трактовку целого ряда «производных» вопросов, в частности, о градации функций грамматических категорий (в связи с определением значимости обозначаемого в логической системе мыслимого5, о соотношении языка и логики (к языку относитя все то, что связано с понятинм S и D, а также с соотношением D и I; что же касается систематического исследоания I, то это задача философии и логики6, о теории перевода (текст оригинала и текст перевода представляют собой разные системы S и D. но их объединяет инвариант I, о говорении и понимании. о нейтрализации морфологосинтаксических оппозиций7.

Mысль о разграничении и соотношении понятий и созвучна тем идеям дифференциации различных уровней (аспектов) содержания, которые коренятся в концепции В.Гумбольдта (в русской языковедческой традиции – в трудах А.А.Потебни). Из современных теорий стратификации семантики следует выделить концепции соотношения понятий «значение» и «смысл» (význam и obsah) в истолковании представителей современной пражской школы (ср. Работы Фр.Данеша, М.Докулила. П.Сгалла и Я.Паневовой), а также теорию соотношения понятия (значение), (обозначение) и (смысл), развиваемую в работах Эуг.Косериу8

Все стороны проблематики S, D и I, а также связанные с ней теоретические вопросы, о которых шла речь выше, аходят реализацию в аспектологической теории Кошмидера и в его конкретных исследованиях в области славянской и турецкой аспектологиию.

Ономасиологический подход к анализу функционирования видов:

Э.Кошмидер был первым аспектологом, который исследовал функционирование видов на содержательной (денотативно-ситуативной) основе (в системе Кошмидера речь идет о плоскости 1). Конечно, и до него употребление видовых форм было предметом исследования и ←47 | 48→описания (ср.труды Л.П.Размусена и А.Мазона). но в этих исследованиях доминировало направление «от формы к значению». У Кошмидера же исходным пунктом объяснения и описания языковых фактов являются именно содержательные категории. Он последовательно проводит принцип «от функции к средствам». Поэтому есть все основания утверждать, что Кошмидер был основателем ономасиологической аспектологии.

Как реализуется этот принцип? В «Науке о видах польского глагола» – книге,. опубликованной в 1934 г.9 и до сих пор сохраняющей свою значимость (следует с удовлетворением отметить выход в свет перевода этой книги на немецкий язык в 198710 представлены следующие «шаги (операции) анализа».

Выделяются два рода фактов: а) факты, обладающие местоположеним во времени, и б) факты без такого местоположения11. Выделение этих двух типов фактов, базирующееся на «ноэматической» категории временной локализованноти (Zeitstellenwert), является исходным пунктом для всех последующих операций анализа употребления глаголов совершенного и несовершенного вида (СВ и НСВ) в польском языке.

По Кошмидеру, только те факты, которые обладают местоположением во времени, могут иметь направительную отнесенность (из прошлого в будущее при СВ или из будущего во прошлое при НСВ). Только такие факты предполагают существенность различий в направительной отнесенности и, следовательно, в употреблении СВ или НСВ. При вневременности теоретически не является обязательной или совершенность, ни несовершенность. Вместе с тем отмечается, что в данной сфере возможно «вторичное урегулирование» вида. При объяснении этого явления учитывается взаимодействие собственно видовых значений с другими аспектуальными значениями, в частности с многократностью, а то же с другими категориями – такими, как таксис и качественная характеризация.

В рамках фактов первого рода, т.е. локализованных по времени, выделяются два типа ситуаций: а) ситуации, содержащие сравнение, и б) изолированные ситуации.

Понятие «ситуация, содержащая сравнение» в истолковании Кошмидера включает и те типы ситуаций, которые содержат отношения одновременности, или предшествования. Выделяются такие ситуационные ←48 | 49→типы, как «длительность (фон) – наступление», «что-то происходило, и тем временем поизошло что-то другое», «что-то происходило. Когда происходило что-то другое», «когда что-то произошло, произошло что-то другое»12

Заметим, что в подобных типовых ситуациях налицо системное представление взаимодействия категорий вида и таксиса. Этот термин Кошмидер не использует. Но по существу речь идет именно о временных отношениях между действиями, т.е. о таксисе13.

«Ситуации, содержащие сравнение» понимаются широко. Они не сводятся к подтипу, в котором в качестве исходного пункта сравнения выступает другой факт. Исходящий в состав ситуации см. выше). Как особый подтип выделяются ситуации, в которых исходным пунктом сравнения является то или иное определение времени, в частности, сочетания с обстоятельствами типа «все сильнее», сочетания с обстоятельствами времени, отвечающими на вопрос «как долго?», обстоятельства времени типа «мало-помалу, постепенно», инфинитивы при фазовых глаголах14. Как видим, имеются в виду явления, существенно отличающиеся друг от друга. По существу «исходный пункт сравнения» – это так или иначе (по-разному) выражаемый ориентир или аспектуально значимый фактор ситуации контекста, воздействующий на употребление видов в речи. Ср. следующее высказывание: «В сущности вид выражает известное отношение, опирающееся на сравнение двух величин. Выбор данного типа отнесенности для данного факта предопределен, когда другие мысли, содержащиеся в высказывании, уже составляют некоторые компоненты направительной отнесенности и дают исходный пункт для сравнения»15 Эти суждения об исходном пункте для сравнения, об ориентирах в контексте и обозначаемой ситуации, воздействующих на употребление вида, представляют интерес в контексте современных «ориентационных» интерпретаций видовой семантики (см. ниже).

В ситуациях сравнения Кошмидер видел фактор, обусловливающий обязательную (первичную) несовершенность или совершенность16. В этих условиях, когда невозможна замена одной формы другой, ←49 | 50→выступают главные функции грамматических форм17. Здесь выявляется расхождение с теорией общих значений в грамматике (ср.концепцию Р.О.Якобсона). Кошмидер ориентировался не на общие значения а на главные (основные, первичные) функции. Критерием их выделения являются те факторы (в данном случае это исходный пункт для сравнения), которые обусловливают обязательное употребление именно данной видовой формы. Это пложение заслуживает внимания и проверки применительно к разным грамматическим категориям. Возникает, в частности, вопрос о том, всегда ли обязательность употребления данной формы является признаком главной (первичной функции, как уже говорилось выше, Кошмидер отмечает). Что при обозначении фактов, не локализованных во времени, т.е. условиях, когда, по его мнению, различие СВ и НСВ оказывается в принципе несущественным. Все же может быть обязательным употребление лишь одного вида18. В целом перед нами особая, оригинальная концепция первичных функций, отличающаяся, в частности. От теории первичных и вторичных функций в интерпретации Е.Куриловича (критерием выделения первичной функции, по Е.Куриловичу) является ее обусловленность релевантными противопоставлениями внутри системы и независимость от семантического или синтаксического контекста19.

Ориентация прежде всего на основные функции грамматических форм созвучна современной тенденции к выделению прототипических значений и прототипических форм, при последующем специальном объяснении периферийных явлений и частных отклонений от прототипа.

В работах Э.Кошмидера впервые вводится тот прием анализа, который можно назвать «ситуативным подходом» в аспектологии. Систематизируются типы ситуаций, в которых реуализуется употребление видов. Ситуативный подход развивается в современной функциональной аспектологии20.

Значительный интерес представляют мысли Кошмидера о взаимодействии категорий вида и времени. Речь идет, в частности, о невозможности употребления СВ в ответе на вопрос «что это ты делаешь?» (в настоящем времени hic et nunc), о столкновениях между видом и временем в praesens historicum и praesens scenicum. Результатом ←50 | 51→коллизии презенса является «несобственная несовершенность»21 Имеется в виду, например, употребление НСВ. Которому в прошедшем времени соответствует СВ, ср. ситуации типа «длительность (фон) – наступление». Вопрос о функционировании видов в указанных временных планах Э.Кошмидер посвятил специальные работы22.

Анализ нейтрализации видовой оппозиции в функциональных разновидностях презенса в результате коллизии времени и вида Кошмидер связал с общей теорией нейтрализации грамматических оппозиций23. Этот анализ в полном мере сохраняет свою значимость и в наши дни.

Релизованный Э.Кошмидером ономасиологический подход к исследованию функционирования видов не породил «копий», т.е. абсолютно аналогичных моделей описания (такие копии вряд ли соответствовали бы духу концепции Э.Кошмидера), однако этот подход, безусловно, оказал стимулирующее воздействие на разрaботку ряда функциональных моделей описания и объяснения видов в их живом употреблении.

Направительная отнесенность:

Дефиниция видовых значений в истолковании Кошмидера основана на оригинальной концепции движения времени в его отношении к действию в представлении говорящего. Это «кинетически-ориентационная» интерпретация протекания действия во времени с точки зрения наблюдающего «Я».

На правительная отнесенность (Zeitrichtung, Richtungsbezug, względność kierunkowa) вместе с временной локализованностью (Zeitstellenwert) и временем как отнесенностью к прошлому, настоящему или будущему (Zeitstufenbezug) входит в то измерение языковой поэтики, которое Кошмидер назвал операцией онтологического включения во время (Operation der ontologischen Verzeitung), составляющей содержание широкого понятия временного отношения (Zeitbezug)24. Это объединение, дающее основу для системного анализа целого комплекса категорий, связанных с идеей времени (в самом широком смысле). Важно для разработки проблематики межкатегориального взаимодействия.

←51 | 52→Э.Кощмидер подчеркивал временной (связанный с различными сторонами идеи времени) характер понятия вида. Это понятие, по его мысли, должно трактоваться как временное (zeitlich, als etwas Zeitliches), а не как лексико-семантическое („lexikalisch“). Временное – это значит, по Кошмидеру, грамматическое по своей природе и касающееся различной временной интерпретации одного и того же действия (при одном и том же лексическом значении глагола). На этих принципах основана его полемика со сторонниками «лексико-семантического» понимания сущности глагольного вида25. Не принимая определения видовых значений, основанного на понятии целостности действия. если его трактовать «лексико-семантически», т.е. связывать с лексическим значением и способом действия глаголов. Э.Кошмидер вместе с тем допускает, что целостность можно понимать близко к его определению вида, хотя это разные истолкования данной категории26

Исходным пунктом для суждений о сущности видовых значений является тот узел столкновений систем вида и времени, который представлен в ответе на вопрос, сформулированный Миклошичем и постоянно фигурирующий в работах Кошмидера: „was tust du da?“, «что это ты делаешь?» – вопрос, тестирующий настоящее. Оценим по достоинству этот исходный пункт для дальнейших рассуждений. По существу здесь реализуется тот принцип, о котором уже шла речь выше, – принцип опоры на прототипические, базисные ситуации, которые могут служить основой для выведения из них других ситуаций, в тот или иной смысле производных. Ситуация является первичной для речи вообще, и то, что характерно для нее. По праву может рассматриваться как исходный пункт для последующих шагов анализа.

По мысли Кошмидера ответ на указанный вопрос означает, что в процессе речи субъект находится в процессе осуществления действия, выраженного глаголом: он только что был занят действием и еще будет им занят27. Отсюда делается вывод о том, что «сознание субъекта, живущее в непрерывном настоящем», перемещается «слева направо» вместе с текущим моментом на линии времени и действием, находящимся в этот момент в процессе осуществления. Такой способ представления времени Кошмидер называет направительной отнесенностью из прошлого в ←52 | 53→будущее28. Данная направительная отнесенность требует несовершенность. С совершенностью же связывается противоположная направительная отнесенность: субъект неподвижен, а линия времени с ее ориентирами перемещается мимо него29.

В характеристике направительной отнесенности, связываемой с НСВ, фигурирует не только «Я» говорящего, но и действующее лицо, движущееся в том же направлении – из прошлого в будущее. Фиксируется совпадение представления времени – и процесса во времени – с точки зрения говорящего (наблюдателя) и субъекта действия. Это существенно для характеристики процессной функции НСВ (ср. Понятие перцептивности, рассматривамое нами в связи с анализом «процессных ситуаций», выражаемых с участием НСВ30.

«Точка зрения говорящего» – это, на наш взгляд, та сторона рассматриваемой концепции, которая актуальна и в настоящее время. Взгляды Кошмидера отнюдь не совападают с современными теориями, базирующимися на таких понятиях, как «видовой ориентир»31 или «точка отчета»32. Заметим попутно, что в становлении части современных истолкований видовой семантики33, тем не менее между современными «ориентационными» истолкованиями видовых значений и выдвинутой Кошмидером концепцией направительной отнесенности есть и нечто общее: речь идет о наблюдении и оценке характера протекания действия по времени с точки зрения говорящего.

Так, на наш взгляд, существует определенная связь между ориентационными отношениями, устанавливаемыми Кошмидером (ср.»исходный пункт «для сравнения». о котором шла речь выше), и понятием «видового ориентира» в интерпретации А.Тимберлейка. Говоря о видовой характеристике на пропозициональном уровне. Он замечает: «Важнейшим свойством вида на этом уровне явдяется то, что он относится не только к ситуации как таковой, но и к некоторой точке зрения на временной оси, с которой ситуация и оценивается в отношении вида. В последующем изложении точка зрения будет называться видовым ориентиром. Видовой ориентир может устанавливаться с помощью явно ←53 | 54→выраженных обстоятельств времени (в то иремя, вчера, и то время как) или может неявно задаваться широким контекстом»34

В круг связей, прослеживаемых между различными «ориентационными» истолкованиями видовых значений, должна быть включена и концепция, базирующаяся на понятии целостности действия. Примечательна, в частности, сссылка Тимберлейка на то, что понятие точки зрения довольно регулярно используется в работах Ю.С.Маслова и ряда других исследователей35. Pечь идет об аспектологах, оперирующих понятием целостности действия.

Данное Э.Кошмидером истолкование сущности НСВ и СВ нельзя считать бесспорным (его концепция и не претендует на роль «общей истины», свои идеи, существенно оличающиеся от широко распространенных взглядов, Кошмидер всегда отстаивал в острой полемике со своими опонентами). Вчастности, возникает ряд вопросов, связанных с направительной отнесенностью «из будущего в прошлое» (при СВ).

Само по себе представление факта как такого, который до момента своего осуществления относится к будущему, приближается к наблюдающему субъекту, затем «встречается» с «Я», а с момента своего осуществления относится к прошлому и удаляется от субъекта36, отнюдь нельзя исключить как одно из возможных психологических способов представления событий по времени (например: Посмотри, сeйчас самолет приземлится.Уже приземлился). Однако, на наш взгляд, это еще не свидетельствует о том, что такое представление события во времени лежит в основе значения СВ.

Есди кто-то говорит Завтра мы поедем на дачу, то это еще не значит, что в содержании высказывания будущее событие представлено как приближающееся к моменту речи. В высказывании просто констатируется факт, отнесенный к определенному моменту будущего. Объективное приближение этого будущего момента к переживаемому субъектом настоящему, конечно, последует, точно так же, как может последовать превращение того, что планируется, в факт прошлого, но это уже выходит за пределы ситуации речи и, как нам представляется, не входит в содержание высказывания. Ср. Также высказывание: Вчера он защитил диссертацию. Здесь констатируется факт в прошлом, а движение «от ←54 | 55→будущего», на наш взгляд, вообще отсутствует, поскольку в содержании высказывания нет какого-либо отношения к будущемую

Анализируя рассказ И.С.Тургенeва «Воробей» с точки зрения аспектуальной (мы бы сказали «аспектуально-таксисной») характеристики повествования (эта характеристика имеет важное значение как первый опыт аспектологического анализа текста). Кошмидер последовательно отмечает стрелками и направитнльную отнесенность «прошлое – будущее» и «будущее – прошлое»37. Вряд ли, однако, можно признать реальным (в сфере «содержащегося в мысли») постоянное изменение представления автора-рассказчика о течении времени: то от прошлого к будущему, вместе с движением времени, то в противоположном направлении роли наблюдателя, «пропускающего мимо себя» движение событий из будущего в прошлое. Такие перемены временной перспективы вряд ли реальны в целостном плане повествования. Ср.например, начало рассказа: Я возвращался с охоты и шел по аллее сада. Собака бежала впереди меня. Вдруг она уменьшила свои шаги и начала красться, как бы зачуяв перед собою дичь. По существу, отмечая направительную отнесенность и во всем тексте рассказа, исследователь фактически лишь фиксирует наличие формы НСВ или формы СВ. Поскольку влияние лексичечкого значения глагола, способа действия и контекста на реализацию той или иной направительной отнесенности не принимается во внимание.

Концепция направительной отнесенности представляет собой нечто целостное. Невозможно принять какую-то одну ее часть, не приняв другой, в частности. Согласиться с отнесенностью «прошлое – будущее», отрицая отнесенность «будущее – прошлое». Поэтому приходится признать, что концепция направительной отнесенности не может быть принята как целое. Мы придерживаемся иной точки зрения, связанной с истолкованием видовой оппозиции на основе комплекса признаков целостности и ограниченности действия пределом (Бондарко 1990). Однако «ориентационный принцип» в интерпретации Кошмидера представляет интерес в более широкой теоретической перспективе – за пределами понятия направительной отнесенности.

Аспектологическая концепция Э.Кошмидера отличается своего рода «отталкиванием» от лексики, лексической семантики. Это связано с подчеркнуто грамматической ориентацией его аспектологической теории, отстаиваемой в полемике с теми лингвистами, которые, по мнению ←55 | 56→Кошмидера отвлечена от разных типов лексических значений, от их воздействия на реализацию видовых функций. Его теория дает общую системную ориентацию основных функций вида, представленную в аксиоматической форме (преимущественно аксиоматической концепции ученого), но не ставит перед собой задачу раскрыть взаимодействие грамматики и лексики, грамматической системы и ее окружения. Эта сторона аспектологической проблематики, нашедшая отражение в работах таких ученых, как Ю.С.Маслов38. Вряд ли, однако, имеет смысл говорить о том, чего нет в концепции Э.Кошмидера, Важно прежде всего то, что в ней есть.

Временная локализованность:

Э.Кошмидер первым выделил оппозицию по признаку временной локализованности (wartość miejscowa w czasie, Zeitstellenwert) как самостоятельную содержательную категорию.Он понимал ее как противопоставление фактов (Tatbestände) двоякого рода: 1.обладающих индивидуальным местоположением во времени и 2.вневременных (Рука руку моет и т.п.). Тема локализованности/нелокализованности фактов во времени (далее Л/НЛ) приходит через множество трудов Кошмидера, начиная с „Zeitbezug und Sprache“(1929) и кончая работами 60-х годов.

Разумеется, различия такого рода отмечались и ранее. Так А.А.Потебня писал: «…славянские глаголы могут означать действие или во время самого его совершения – конкретно (Я пишу теперь. Я писал, когда он вошел), или как возможность его, способность, привычку к нему (Я недурно пишу; пишу…по вечерам). отвлеченно»39 Однако именно Кошмидер выделил данную оппозицию как самостоятельную содержательную категорию, имеющую то или иное языковое выражение.

Временная локализованность (ВЛ) трактуется как «содержащаяся в мысли», т.е. принадлежащая к сфере intentum, но вместе с тем ставится в определенное отношение к плоскости «обозначаемого» (designatum) в конкретных языковых системах к плоскости языковых знаков (signum). Примечательно, что во рaботах 60-х годов помимо термина Zeitstellenwert, относящегося к плану I (наряду с Zeitrichtung und Zeitstufen). Э.Кошмидер ←56 | 57→вводит термин Zeitstelligkeit. соотнесенный в его построении с терминами Aspekt и Теmpus. Понятия, стоящие за этими терминами, принадлежат к временной системе (Zeitsystem) того или тного конкретного языка40. В этом соотношении планов I и D так же как и в постоянных ссылках на формы вневременности в турецком языке, проявляется стремление к истолкованию ВЛ не только как содержательной (мыслительной), но и как языковой категории.

В комплексе категории «временного отношения» (Zeitbezug) составляющих содержание «операции включения во время» (Operation der Verzeitlichung или Operation der ontologischen Verzeitlichung)41, ВЛ рассматривается как категория, определяющая другие компоненты данного комплекса – «направительну1ю отнесенность» и время как соотношение настоящего, прошлого и будущего. Об определяющей роли речь идет в том смысле, что, по мысли Кошмидера, лишь факты. Обладающие индивидуальным местоположением во времени, включаются во «временную линию» и получает определенную значимость с точки зрения направительной отнесенности «из прошлого в будущее» или «из будущего в прошлое», а также принадлежности к планам настоящего, прошлого или будущего42.

Э.Кошмидером построена типологическая схема, в которй дается исчисление возможных комбинаций грамматической выраженности/невыраженности категории ВЛ с выраженностью/невыраженностью вида и времени43.

Аспектологическая типология Кошмидера охватывает все компоненты Zeitbezug в их системном соотношении. В плане поэтики это Zeitstellenwertkorrelation (+//-), Zeitrichtungskorrelation (- >//< -) Zeitstufenbezug (Vgh. – Ggw. – Zkft)44 в плане же D (designatum) – в системе определенного языка – соотносятся Zeitstelligkeit, Aspekt, Tempus45.

Э.Кошмидер предлагает типологическое исчисление. Это само по себе интересно с точки зрения теории и методологии типологических исследований (ср. Использование исчислений в работах А.А.Холодовича, В.С.Храковского и других представителей ленинградской типологической ←57 | 58→школы46. В данном построении определяется возможность существования в том или ином языке трех типов систем: 1.система с одним измерением: а) только (+//-) б) только (- >//< -) или в) только (Vgh. – Ggw. – Zkft.) 2.система с двумя измерениями: a) (+//-) в) и 3.система с тремя измерениями (указанными выше). Следуют примеры из различных языков, в частности, к типу 1а Кошмидер относит семантические языки, особенно в их древнем состоянии, к типу 1в – немецкий, к типу 2.в – славянские языки, греческий и т.д., к типу 3 – турецкий47.

Выделяются два типа выражения ВЛ в различных языках с точки зрения отношения данной поэматической категории к грамматической системе: 1.наличие специальных грамматических форм для выражения оппозиции Л\НЛ, 2.отсутствие таких форм. В последнем случае предполагается возможность формальной невыраженности данного различия в речи (ср.Der Hund bellt «Собака лает» Das Holz brennt gut «Дрова хорoшо горит»), когда это различие распознается по контексту и речевой ситуации. Либо возможность его описательного выражения при помощи лексических средств, фиксирующих смысл Л или смысл НЛ.

Подход Кошмидера к фактам таких языков, как славянские и немецкий, где нет специальных грамматических форм для выражения оппозиции Л\НЛ, близок к тому, что связывается с понятием «скрытых категорий»

Э.Кошмидер исследовал и описал грамматическое выражение Л\НЛ в турецком языке, обращая особое внимание на форму, основной функцией которой является выражение вневременности48. Данная им интерпретация фактов турецкого языка учитывается в современном тюркологии49.

Примечание: Интересно, что на факты турецкго языка ссылается в своей книге 1947 г. Г.Рейхенбах. Речь идет о форме, называемой „muzari“, которая оозначает, по его мнению, повторение или длительность с акцентом на повторении, например, например турецкое görörüm обозначает „I usually see“ (Reichenbach 1947: 291). Возможно, обращение Г.Рейхенбаха к фактам турецкого языка было независимым от теории Э.Кошмидера, но нельзя исключить и влияние его работ (правда, ссылок на эти работы у Г.Рейхеннбаха нет).

←58 | 59→Таким образом, в трудах Э.Кошмидера изложена оригинальная концепция ВЛ, содержащая а) общетеоретическое универсально-смысловое истолкование оппозиции Л/НЛ, б) определение типов языкового выражения данной оппозиции в ее отношении к другим категориям «включения во время», в) анализ выражения категории ВЛ в отдельных языках, в частности, в польском и турецком, г) доказательство значимости данной категории для изучения закономерностей функционирования видов в славянских языках.

В современной лингвистике ВЛ изучается с различных точек зрения, в частности, а) при доминирующей роли аспектологического анализа (с учетом взаимодействия семантики предиката с семантикой субъекта и объекта)50, б) при доминирующей роли анализа взаимодействия семантических типов предикатов и именных групп, с учетом аспектуально-темпоральной характеристики предиката и высказывания в целом51, в) с точки зрения денотативного статуса именных групп и пропозиций (на основе теории референции)52 Указанные аспекты изучения ВЛ частично пересекаются.

Выявляются новые стороны проблематики ВЛ, связанные с развитием функционально-грамматических исследований. В частности, речь идет о характеристике ВЛ как функционально-семантического поля. О многоступенчатой семантической вариативности категориальных ситуаций с признаками Л и особенно НЛ53

Рассмотренные Э.Кошмидером языковые факты, естественно, в тех или иных отношениях допускают и иные истолкования. Так, на наш взгляд, системно-грамматическое выражение различия Л/НЛ не может быть сведено к специальной оппозиции грамматических форм. К языковой системе относятся и более сложные способы комбинированного, комплексного выражения функций Л/НЛ с участием целого ряда взаимодействующих языковых средств. В русском языке, как и в других славянских языках, рассматриваемое различие выражается при взаимодействии вида и времени, обстоятельственных показателей Л/НЛ, в сочетании с выражением конкретности/обобщенности субъекта и объекта, а также различных семантических типов предиката. Речь идет не о жесткой прикрепленности функции Л или НЛ к той или иной видовой ←59 | 60→форме, а о преимущественной сочетаемости форм СВ с признаком Л: в русском языке СВ может учаcтвовать в выражении НЛ лишь при особых синтаксических и контекстуальных усовиях (Л тогда как НСВ свободно выступает как в ситуациях Л, так и в ситуациях НЛ54.

Опора семантической оппозиции Л/НЛ на комплексе средств, относящихся не только к сфере предиката и его обстоятельственных характеристик, но и к сфере субъекта и объекта. Представляет собой особый тип системно-языкового выражения – более сложного, чем оппозиция грамматических форм. Таким образом, на наш взгляд категория ВЛ во всех случаях явдяется не только семантической. Но и собственно языковой (разумеется, различия в типах формального выражения – между грамматической оппозицией и «нежестким» подвижным комплексом взаимосвязанных разноуровневых средств – в полном мере сохраняет свою значимость.

Думается, что данное рассуждение в целом соответствует духу концепции Э.Кошмидера (ученому постоянно приходилось спорить с оппонентами, упрекавшими его в том, что анализируется не языковая, а логическая категория). Подчеркнем еще раз: воздействие рассматриваемой концепции на развитие проблематики ВЛ в современной лингвистике несомненно и плодотворно. Перед нами один из явных случаев «сильной теоретической интенции».

«Коинциденция»:

С именем Э.Кошмидера связано открытие, сделанное им в области общей лингвистической теории и соотнесенное с теорией аспектологии, но к сожалению, в свое время оставшееся неизвестным широким кругам лингвистов, логиков и философов (и сейчас это открытие обычно не ассоциируется с именем Э.Кошмидера).

Случилось так, что явление «совпадения слова и дейстия» теоретически истолкованное Э.Кошьидером уже в его работе «Временное отношение и язык» („Zeitbezug und Sprache“), изданной в 1929 г., привлекло к себе вимание дингвистов, как содержание терминов «перформатив», «перформативное высказывание», лишь в связи с публикацией лекций английского логика Дж. Остина, прочитанных им в 1955 г. в Харвардском университете и опубликованных в 1962 г55. В лекциях Дж.Остина, ←60 | 61→изложение которых составило целую книгу, концепция перформативных высказываний получила глубокое и многоаспектное развитие, связанное с освещением целого комплекса логических и лингвистических проблем теории речевого акта. Углубленная разработка теории перформативов по праву связана с именем Дж.Ли Остина. Тем неменее приоритет в открытии явления перформативности (коинциденции) безусловно принадлежит Э.Кошмидеру56.

К открытию коинциденции („Koinzidenzfall“) Э.Кошмидер пришел на основе осмысления видо-временных отношений в высказываниях типа Прошу/попрошу билеты. С самого начала проблема коинциденции рассматривалась в общелингвистическом аспекте, на материале различных языков. Благоприятного отклика теория Кошмидера, как он сам замечает, не находила. В работе 1965 г. он пишет: «Когда я почти двадцать лет тому назад работал над определением функций глагольного вида в славянских языках и зафиксировал для случая употребления немецкого презенса в «я благословляю тебя» обозначение «случай коинциденции, я не нашел взаимности…»57

Подход Кошмидера к коициденции в рамках аспектологии был связан опять-таки с вопросом «что это ты делаешь?. Объясняя, почему в случаях типа Poproszę państwo «Попрошу господ» (кода говорящий приглашает гостей к столу), Przyznam się…Pozwolę sobie… «Позволю себе…» и т.п.настоящее время совмещается с СВ. Он указывает, что это не то настоящее, которое отвечает на упомянутый вопрос, а настоящее иного типа, выступающее в тех случаях, когда произнесение предположения как раз и есть данное действие. Имеет место совпадение (Koinzidenz) слова и действия58.

В характеристике коинциденции, данной Кошмидером, наиболее существенными представляются следующие элементы:

1.Определение самой сущности коинциденции как совпадения произнесения высказывания и действия,

2.Отнесение коинциденции к особой функции языка, которую К.Бюлер называл „Auslösungsfunktion“ – «функция достижения результат (цели)»59

3.←61 | 62→Ограничение коинциденции только глаголами речи (в широком смысле) и только 1-м лицом60.

4.Внимание к тонким оттенкам, связанным употреблением либо СВ, либо НСВ в данном типе высказываний61.

5.Истолкование коинциденции в связи с соотнесением понятий «содержавшегося в мысли» и «обозначаемого» на материале таких языков, как славянские, немецкий и древнееврейский62.

В современных работах обсуждение проблематики коинциденции в связи с анализом функционирования видов во многих случаях соотносится с точкой зрения Э.Кошмидера63.

Э.Кошмидер создал целостную аспектологическую концепцию, в которой особое значение, на наш взгляд, имеют следующие компоненты и признаки:

1.Ономасиологический подход к анализу функционирования видов,

2.Учение о категории временной локализованности,

3.Теоретическая интерпретация явления коинциденции (перформативности).

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Biographische Angaben

Helmut Schaller (Band-Herausgeber)

Helmut Schaller: Studium an der Universität München, Promotion, Privatdozent und auserplanmäßiger.Professor, 1983 bis 2005 Universitätsprofessor für Slawische Philologie und Balkanphilologie an der Universität Marburg. Seit 1981 Mitglied der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik

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Titel: Wissenschaftliche Kontakte von Slawisten slawischer und nichtslawischer Länder