Erinnerungsraum Osteuropa
Zur Poetik der Migration, Erinnerung und Geschichte in der slavischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Herausgeberangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Vorwort
- Danksagung
- Grußwort
- Inhalt
- GESCHICHTE UND ERINNERUNG
- Manuskriptfiktion zwischen Mystifikation und Metahistoriographie in der postsowjetischen Literatur
- Familienromane der polnischen Zwischenkriegszeit: Maria Dąbrowskas Noce i dnie und Israel Joshua Singers Di brider Ashkenazi
- Zeugnis ablegen in der Sowjetunion: Zum Erinnerungstext Mstiteli getto von Girš Smoljar
- Narrative der Dritten Generation nach der Shoah: Dingbezogene Erinnerung im Roman Pensjonat von Piotr Paziński
- Schreiben über Zwangsarbeit: Ludvík Kunderas Totalní kuropení zwischen Zeugenschaft, Jazz und sozialistischer Kulturdoktrin
- Das Projekt Boris Akunin – eine Bestandsaufnahme
- RÄUME UND TOPOLOGIEN
- Das bewegte Bauwerk. Zur Funktion des Tunnels in den Werken Richard Weiners, Věra Linhartovás und Daniela Hodrovás
- Kanonisierung in Bewegung: Sozialistischer Realismus in der neugriechischen Literatur und seine sowjetische Übersetzung am Beispiel von Mētsos Alexandropoulos
- Geopoetik von Baku in der zeitgenössischen russischsprachigen Literatur
- St. Petersburg als Palimpsest: subversive Geschichtskonstruktionen als Gegendiskurs in der Performance- und Aktionskunst des Laboratoriums für poetischen Aktionismus
- SPRECHAKTE UND SCHREIBVERFAHREN
- Lady Macbeths Hände am Fehrbelliner Platz. Intimität und Identität in Witold Gombrowiczs Berliner Notizen
- Lebenskunst als raison d’être: Fedor Stepun im Exil
- Metareferenz in Saša Sokolovs Škola dlja durakov
- Darstellung der Bewusstseinsvorgänge in der Prosa von Pavel Ulitin
- Autorenverzeichnis
Clemens Günther
Manuskriptfiktion zwischen Mystifikation und Metahistoriographie in der postsowjetischen Literatur
Abstract: The article addresses the shifting literary strategies of dealing with manuscripts in Russia. It focuses on Mark Charitonov’s novel Lines of Fate and Michail Kuraev’s story “Meet Lenin!” which both parody traditional literary editor fiction. Their postmodern aesthetic calls into question notions of reestablishing historical truth in the perestroika years.
1 Literatur als fiktionale Realität
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts kommt es in Westeuropa zu einer „umfangreiche[n] Neubewertung der Darstellung geschichtlicher Ereignisse“ (Kurth 1964: 337). Die sich institutionalisierende Geschichtswissenschaft fordert, bisherige Darstellungen in Zweifel zu ziehen, Quellen kritisch zu prüfen und eine klare Methodik und Zielsetzung für die Disziplin zu definieren. Im Zuge dieses Prozesses kommt es zu einem Konflikt mit der schönen Literatur. Der Wahrheitsanspruch der Geschichtswissenschaft, der später in das Diktum Leopold von Rankes münden wird, „zu zeigen, wie es eigentlich gewesen [sei]“ (von Ranke 1874: VII), gerät in Konflikt mit der bloß fiktiven Behandlung der Vergangenheit in der Literatur. Einer der Streitpunkte, an denen sich dieser entzündet, ist der Umgang mit Manuskripten. Während Manuskripte in der Geschichtswissenschaft als wissenschaftliche Quellen betrachtet und kritisch rezipiert werden, werden sie in der schönen Literatur zum Teil einer fiktionalen Realität (vgl. Luhmann 2008: 277). Dort wird fingiert, hinzugedichtet, gekürzt und auf genaue Angaben von Herkunft und Fundort des Manuskripts verzichtet.
Ein Werk des sonst so beliebten [Abbé] Prévost zum Beispiel fand in Deutschland keine freundliche Aufnahme, weil es diesen neuen Forderungen nicht genügte. Für die Philosophischen Feldzüge oder Geschichte des Herrn von Montcal hatte sich Prévost der Manuskriptfiktion bedient. Seine Behauptung, wirklich vorhandene Dokumente veröffentlicht zu haben, wurde ernst genommen und angegriffen. Mit scharfen Worten wies der Rezensent der Franckfurter Gelehrten Zeitung (1744) die Wahrheitsbestätigungen Prévosts zurück, tadelte Einzelheiten als romanhafte Erfindung eines müßigen Kopfes ←2121 | 22→und beschuldigte ihn, mit niederträchtigen Mitteln das „Gedächtnis“ des Marschalls von Schomberg, eines Vorgesetzten Montcals, beschimpft zu haben (Kurth 1964: 341).
Der Fall zeigt, dass das erfundene Manuskript als „Instrument der Beglaubigung und […] Nobilitierung“ (Klinkert 2010: 183) ausgedient hat. Das geschichtswissenschaftliche Faktizitätsstreben konfligiert mit der nun entstehenden literarischen Programmatik der „Einübung eines Fiktivitätsbewußtseins“ (Wirth 2008: 16): Es geht nun nicht länger darum, die Täuschung (das fiktionale Werk) als Wahrheit erscheinen zu lassen, sondern darum, dass die Täuschung als solche vom Rezipienten durchschaut und gewürdigt wird.1 Der Rezipient lernt, literarische Texte als Werke sui generis von thematisch ähnlichen Darstellungen in Wissenschaft oder Recht zu unterscheiden und an die Literatur spezifische, nämlich ästhetische, Kriterien anzulegen. Im Rahmen dieses Prozesses „muß sich [der Roman] nicht mehr mithilfe einer Authentizitätsfiktion als ‚wahre Geschichte‘ tarnen, sondern findet als poetisch wahre Fiktion und als Spiel mit der Form Anerkennung.“ (Wirth 2008: 423)2 Seinen Höhepunkt erreicht dieser Differenzierungsprozess in der Romantik. Der sich zu dieser Zeit als Gattung konstituierende historische Roman3 signalisiert nun ganz deutlich, dass er nicht Historiographie sein will bzw. kann und etabliert stattdessen einen eigenen narrativ-ästhetischen Wissensanspruch.
2 Manuskriptfiktion in der russischen Romantik
Etwas später findet sich diese Entwicklung auch in Russland. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erscheint Schriftstellern und Politikern die Geschichte als geeigneter Schauplatz, um Russland als gleichberechtigten Partner im Kreis der europäischen Großmächte zu verankern (vgl. Schmid 2007: 267). Deshalb beauftragte Zar Aleksandr I. den Schriftsteller Nikolaj Karamzin, eine Geschichte Russlands zu verfassen. Karamzin kam dieser Aufforderung nach und legte ein ←2222 | 23→zwölfbändiges Werk vor, das einen Bogen von der Kiewer Rus bis zum Krieg gegen Napoleon spannte. Sein Werk geriet jedoch schnell in heftige Kritik. So warf man ihm vor, Geschichte zu ästhetisieren und seine eigenen Kategorien unreflektiert und ahistorisch auf die russische Geschichte zu übertragen. Karamzins Ideal einer „narrativen Synthese von Dokumentation und Einbildungskraft“ (Schmid 2007: 272) führte ihn in die Fallstricke, die auch im westeuropäischen Kontext einige Jahrzehnte früher für Diskussion gesorgt hatten. Für ein geschichtswissenschaftliches Werk war seine russische Geschichte zu literarisch geraten, für ein literarisches Werk zu sehr mit wissenschaftlichen Ansprüchen belastet.
Aleksandr Puškin war ein aufmerksamer Leser und Rezipient Karamzins. So entnahm er den Stoff seines Dramas Boris Godunov Karamzins Geschichte Russlands. In Abgrenzung zu Karamzin war sich Puškin laut Schmid allerdings sicher, „dass der historische Roman nicht das leisten kann, was ihm die zeitgenössische russische Kritik […] zugetraut hatte, nämlich die gleichzeitige historisch gültige und lebendige Vergegenwärtigung des Vergangenen.“ (Schmid 2007: 305) Das Resultat seiner Reflexion schlug sich in seiner Behandlung des Pugačëv-Aufstands nieder, zu dem zwei Werke erschienen, die idealtypisch die geschichtswissenschaftliche der literarischen Bearbeitung eines historischen Stoffes gegenüberstellen: Istorija Pugačëva (Die Geschichte Pugačëvs) und Kapitanskaja dočka (Die Hauptmannstochter). Die vermeintlich klare Trennung beider Geltungsansprüche aber wird fragil, betrachtet man das Ende der Hauptmannstochter, wo es heißt:
Рукопись Петра Андреевича Гринева доставлена была нам от одного из его внуков, который узнал, что мы заняты были трудом, относящимся ко временам, описанным его дедом. Мы решились, с разрешения родственников, издать ее особо, приискав к каждой главе приличный эпиграф и дозволив себе переменить некоторые собственные имена. (Puškin 1957: 541)4
In dieser Schlussbemerkung zeigt sich die historische Erzählung als Manuskriptfiktion. Dies ist insofern pikant, als Puškin dadurch suggeriert, bei den Aufzeichnungen handle es sich um eine der historischen Quellen, die er im zweiten Band seiner Geschichte Pugačëvs zusammengestellt hatte.5 Betrachtet man die ←2323 | 24→Hauptmannstochter allerdings näher, zeigt sich etwas ganz Anderes: Die Aufzeichnungen Grinevs sind unlogisch und notorisch unzuverlässig und es wird schnell klar, dass man es hier mit fingiertem Material im Sinne Isers zu tun hat (vgl. 1991). Die Hauptmannstochter erzeugt nur die Illusion einer narrativen Einheit des Geschichtlichen. Bei näherer Betrachtung zerfällt diese Einheit, die Manuskriptfiktion dient nur als „Maske historischer Authentizität“ (Schmid 2007: 305). Das fiktionale Werk suggeriert einen faktischen Bezug, der sich als Mystifikation erweist. Die Synthese von Faktizität und Fiktionalität läuft ins Leere, sie wird zu einem undurchführbaren und un(be)schreibbaren Unterfangen. Puškins Pugačëv-Projekt entpuppt sich so als ironische Replik auf Karamzins Ideal der Synthetisierung, als „Spiel mit der Form“ im oben zitierten Sinne Wirths.
3 Die Renaissance der Manuskriptfiktion
Jüngere theoretische Debatten radikalisieren diese Diagnose der (russischen) Romantik. Die strikte Trennung von Faktizität und Fiktionalität verliert angesichts des Siegeszugs eines konstruktivistischen Wahrheitsbegriffs an Bedeutung. Am deutlichsten wird diese Position im Umfeld der Sprachkritik dekonstruktivistischer Ansätze artikuliert. So liest man bei Paul de Man: „The binary opposition between fiction and fact is no longer relevant: in any differential system, it is the assertion of the space between the entities that matters.“ (de Man 1989: 109) Im Rahmen von de Mans Dialektik von Blindness and Insight liegt das kritische erkenntnistheoretische Potential der Literatur gerade darin, dass sie um die begrenzte Reichweite ihrer Aussagen weiß und nicht dem Glauben verfällt, mit Sprache ließe sich Wirklichkeit einholen:
Details
- Seiten
- 266
- Erscheinungsjahr
- 2018
- ISBN (Hardcover)
- 9783631734643
- ISBN (PDF)
- 9783631774755
- ISBN (ePUB)
- 9783631774762
- ISBN (MOBI)
- 9783631774779
- DOI
- 10.3726/b14965
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2019 (Februar)
- Schlagworte
- Russische Literatur Polnische Literatur Tschechische Literatur Exil Sozialistischer Realismus Postmoderne
- Erschienen
- Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2018, 266 S.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG