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Weiblichkeit im Serbischen

Weibliche Genderspezifizierungen zwischen Gewalt und Widerstand

von Rajilić Simone (Autor:in)
Dissertation 368 Seiten

Zusammenfassung

Feminina für Frauen! – so lautet die Forderung serbischer Feminist_innen, die in den letzten Jahren immer wieder zu teils hitzigen Debatten über das Für und Wider einer gendersensitiven Sprachreform in Serbien geführt hat.
Der Band zeichnet die Argumentationslinien von Gegner_innen und Befürworter_innen einer feministischen Sprachkritik in Serbien nach und fragt nach den Konzeptualisierungen von Weiblichkeit, die über konventionalisierte Sprachpraktiken im Serbischen entstehen. Vor dem Hintergrund poststrukturalistischer Gendertheorien überprüft die Autorin, ob in der Forderung nach weiblicher Genderspezifizierung tatsächlich ein Potential zum Widerstand liegt, oder ob die Klassifizierung von Menschen als Frauen vielmehr im Kontext sprachlicher Gewalt diskutiert werden sollte.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • Widmung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • I. SPRACHE UND GENDER
  • 1. Einleitendes
  • 2. Konstruktivistische Ansätze in der Genderforschung
  • 3. Zur Rolle von Sprache bei der Herstellung von Gender
  • 3.1. Poststrukturalistische Ansätze in der Sprachphilosophie
  • 3.2. Linguistische Pragmatik: Gender als performative Äußerung
  • 3.3. Personale Appellationen: Die Herstellung von Gender durch Sprachhandlungen
  • 4. Nominale Appellationspraktiken für Frauen im Serbischen............
  • 4.1. Weiblich genderspezifizierende Substantive mit und ohne femininem Genus
  • 4.2. Weiblich genderspezifizierende Eigennamen
  • 4.3. Androgendernde Maskulina
  • 4.4. Ein Modell der Klassifizierung weiblich genderspezifizierender Substantive
  • 5. Kurzzusammenfassung des Kapitels
  • II. SPRACHE UND MACHT
  • 1. Einleitendes
  • 2. Wer macht Sprache? Zur Entstehung von Sprachnormen imKontext symbolischer Macht
  • 3. Die Diskussion von Genus und Gender in serbischen Grammatiken
  • 4. Polemiken und Gegen-Diskurse. Linguistische Debatten über weibliche Genderspezifizierung in Jugoslawien und Serbien
  • 4.1. „To je atentat na naš jezik!“ Divergierende Positionen zu weiblicher Genderspezifizierung in Jugoslawien
  • 4.2. Stellungnahmen der serbischen Linguistik zu weiblicher Genderspezifizierung seit 1991
  • 4.3. -ica, -ka und -(k)inja. Wie weiblich genderspezifizierende Appellationspraktiken zu nationalen Markern werden
  • 4.4. Nachnamen
  • 5. Kurzzusammenfassung des Kapitels
  • III. SPRACHE UND GEWALT
  • 1. Einleitendes
  • 2. Anerkennungstheoretische Ansätze zu Sprache und Gewalt
  • 2.1. Sprachliche Gewalt als Verweigerung oder Entzug von Anerkennung
  • 2.2. Sprachliche Gewalt durch „verletzende Anerkennung“
  • 2.3. Das Sprache-Gewalt-Kontinuum
  • 2.4. Sexismus als sprachliche Gewalt?
  • 3. Gewalt durch die Anerkennung als Frau? Eine Untersuchung von Weiblichkeitskonzeptualisierungen in der serbischen Tageszeitung Politika im Zeitraum von 2008/09 und 2013/14
  • 3.1. Studiendesign
  • 3.1.1. Diskussion der methodischen Vorgehensweise
  • 3.2. Auswertung der Daten
  • 3.2.1. Genderspezifizierend weibliche Substantive
  • 3.2.2. Androgendernde Maskulina
  • 3.2.3. Eigennamen
  • 3.3. Zusammenfassende Diskussion der Ergebnisse
  • 4. Kurzzusammenfassung des Kapitels
  • IV. SPRACHE UND WIDERSTAND
  • 1. Einleitendes
  • 2. Ungehorsames Sprechen. Zu sprachlichem Widerstand und seiner emanzipatorischen Kraft
  • 3. Feministische Linguistik und feministische Sprachpolitik in Serbien
  • 3.1. Entwicklung und aktueller Stand: Sozialismus, Nationalismus und EU-Integration
  • 3.2. Was will die feministische Linguistik in Serbien? Ziele, Inhalte, Kritikpunkte
  • 4. Nicht-sexistischer Sprachgebrauch im Serbischen? Möglichkeiten und Grenzen aktueller Sprachveränderungsvorschläge
  • 5. Kurzzusammenfassung des Kapitels
  • Fazit
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang

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Einleitung

Weibliche Genderspezifizierungen sorgen seit einigen Jahren immer wieder für Diskussionsstoff in Serbien. Im Fokus der oftmals sehr polemisch geführten Debatten in der serbischen Öffentlichkeit steht die Kritik an sogenannten generischen Maskulina, die im Serbischen in bestimmten Fällen für Frauen verwendet werden können (z.B. direktor ‘Direktor’, šef ‘Chef’), obgleich in vielen Fällen auch entsprechende Feminina zur weiblichen Genderspezifizierung zur Verfügung stehen (hier: direktorka ‘Direktorin’ oder šefica ‘Chefin’). Angesichts dieser Konventionen im Bereich der Personenbenennungen haben Feminist_innen in den letzten Jahren immer wieder die konsequente Verwendung von Feminina für Frauen im Serbischen gefordert. Die Verwendung von Maskulina sei als diskriminierend zu bewerten, da sie zu einer Konzeptualisierung von Männlichkeit als Norm führe (vgl. z.B. Filipović 2009) sowie zu einer Unsichtbarkeit von Weiblichkeit (vgl. z.B. Marković 2008, Savić 2004). Die Forderung nach Feminina seitens serbischer Feminist_innen hat jedoch zu einigen Unsicherheiten hinsichtlich der Bildung der entsprechenden Formen geführt, dort, wo sie – anders als in den zu Beginn genannten Beispielen – noch nicht konventionalisiert sind. Diese Fälle wurden vor allem in der serbischen Presse ausführlich diskutiert: Gibt es Wörter wie poslanica ‘Abgeordnete’ oder psihološkinja ‘Psychologin’ wirklich im Serbischen? Und stimmt es, dass Feminist_innen Wörter wie psihijatresa ‘Psychiaterin’, trenerka ‘Trainerin’, vojnikinja ‘Soldatin’ und andere „Neuheiten“ für das Serbische vorschlagen? Diese und ähnliche Fragen haben die serbische Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren in Aufregung gehalten, wobei in den Debatten nicht nur über die Unklarheiten hinsichtlich der Bildung „korrekter“ Feminina verhandelt wurde, sondern auch darüber, ob die Kritik an den bisherigen Benennungskonventionen und die Forderung nach einem ‘gendersensitiven Sprachgebrauch’ (rodno senzitivna upotreba jezika) denn überhaupt berechtigt sei (vgl. Rajilić 2014).

Doch nicht nur die serbische Presse, sondern auch die serbische bzw. jugoslawische Linguistik hat sich mit den Möglichkeiten und vermeintlichen Grenzen weiblicher Genderspezifizierung auseinandergesetzt. Die diesbezüglichen Debatten können sogar auf eine noch längere Zeitspanne zurückschauen und reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Während die öffentlichen Debatten primär auf die feministische Kritik an konventionalisierten Personenbenennungen Bezug genommen haben, war der Ausgangspunkt linguistischer Auseinandersetzungen jedoch lange Zeit hauptsächlich ein anderer, nämlich die Kongruenz im Genus. Die Verwendung sogenannter generischer Maskulina für Frauen führt im Serbischen nicht selten zu Unstimmigkeiten hinsichtlich der Genuskongruenz wie beispielsweise in dem Satz Predsednik je ←11 | 12→rekla ‘Der Präsident hat gesagt(+FEM)’, in dem keine Übereinstimmung zwischen dem maskulinen Substantiv und dem femininen Verbalpartizip vorliegt. Trotz solcher als problematisch bewerteten Irregularitäten, vertritt die serbische Linguistik eine klare Meinung zu weiblicher Genderspezifizierung: Feminina könnten im Serbischen verwendet werden, sofern sie „existieren“ (vgl. Klajn 2007: 55), d.h. konventionalisiert sind. Grundsätzlich handle es sich jedoch bei Maskulina um eine Möglichkeit, Personen zu benennen, ohne dabei ihr Geschlecht zu spezifizieren (vgl. z.B. Ćorić 2008, Piper 2009). Die Kritik seitens der feministischen Linguistik, generische Maskulina seien diskriminierend, da sie zu einer verminderten Wahrnehmung von Frauen führen würden, hält die serbische Linguistik für ungerechtfertigt, wie zuletzt in einer Stellungnahme des Odbor za standardizaciju srpskog jezika (‘Standardisierungskommission des Serbischen’) der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Srpska akademija nauka i umetnostiSANU) kundgetan (vgl. Standardisierungskommission 2018). Das generische Maskulinum sei eine „grammatische Tatsache“, so heißt es hier, die mit der Gleichstellung der Geschlechter in der Realität nichts zu tun habe.

Doch ist der Zusammenhang zwischen Sprachformen und der Wahrnehmung der sozialen Welt tatsächlich so simpel, wie die serbische Linguistik im Hinblick auf die Verwendung sogenannter generischer Maskulina behauptet? Poststrukturalistische Theorien und insbesondere die gendertheoretischen Texte der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler aus den 1990er Jahren haben eine Reihe von in vielerlei Hinsicht radikalen Thesen aufgestellt, die das Begreifen des Verhältnisses von Sprache und Geschlecht bzw. Gender grundlegend verändert haben. So geht der Poststrukturalismus u.a. davon aus, dass Sprache eine entscheidende Rolle für die Herstellung dessen spielt, was überhaupt als soziale Wirklichkeit wahrnehmbar ist. Über Sprache werden Dinge erst „ins Leben gerufen“ (Butler 2012: 26) und erhalten durch sie Gestalt. Mittels sprachlicher Benennungen bzw. Interpellationen oder Anrufungen (Butler 2006: 10) erhalten Dinge einen Platz im sozialen Gefüge einer Gemeinschaft zugewiesen, der ihr Dasein fortan entscheidend – wenn auch nicht endgültig – bestimmt. Nichts existiert außerhalb diskursiver Aushandlungen, alles ist Diskurs. Diese These des Poststrukturalismus birgt reichlich Konfliktpotential in sich, stellt sie doch vieles in Frage, von dessen natürlicher Existenz bisher zweifelsfrei ausgegangen wurde. Für die Genderforschung beispielsweise bedeutet sie, dass Geschlecht nicht mehr länger als vermeintlich natürliche Eigenschaft von Menschen verstanden werden kann. Insbesondere die binären Oppositionen männlich und weiblich und damit einhergehend die „Matrix der Intellegibilität“ (Butler 2012: 39), mit der Judith Butler die zwangsläufige Kohärenz zwischen anatomischem Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und heterosexueller Orientierung beschreibt, werden fortan in Frage ge←12 | 13→stellt. Geschlecht oder Gender ist nichts, was ein Mensch einfach „hat“, sondern vielmehr etwas, was in unzähligen Sprechakten performativ hergestellt und aufrechterhalten wird. Hierbei übernimmt zwar auch das Selbst eine aktive Rolle im Hinblick auf seine geschlechtliche „Verfertigung“ (Butler/Athanasiou 2014: 103), ist aber dennoch einer „ursprunggebenden Macht enteignet“ (ebd.). Wie ist das zu verstehen? Der Poststrukturalismus geht davon aus, dass nicht nur Dinge über Sprache ins Leben gerufen werden, sondern auch das Selbst von diskursiven Anrufungen abhängt. Die vor allem von Foucault (1974) provokativ formulierten Thesen über das „Ende des Menschen“ im Sinne der Infragestellung eines autonomen Subjektes, das außerhalb eines Netzes diskursiver Verortungen existieren könne, lassen sich auch in Theorien der Anerkennung wiederfinden, zu deren prominenten Autor_innen neben Judith Butler auch der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth oder die Politikwissenschaftler_innen Nancy Fraser und Charles Taylor zählen. Theorien der Anerkennung gehen davon aus, dass Subjekte von der positiven Affirmation Anderer abhängen. Nur wer von Anderen als Subjekt anerkannt – und auch angerufen – wird, kann als solches existieren und fortan sowohl eigene Ansprüche auf Anerkennung formulieren als auch die Anderer beantworten. Zahlreiche Texte haben sich ausgehend von diesem Subjektverständnis der Frage gewidmet, inwiefern die Abhängigkeit von Anderen bei der Entstehung eines „Ich“ als Gewalt zu verstehen ist bzw. inwiefern sprachliche Anrufungen verletzen können – selbst dann, wenn eine Verletzung, anders als beispielsweise bei einer Beschimpfung, zunächst gar nicht beabsichtigt wird. Im Hinblick auf die Ausbildung einer Geschlechtsidentität würde das bedeuten, dass die Einteilung von Menschen in entweder männlich oder weiblich ein Gewaltpotential in sich birgt, das oftmals gar nicht als solches wahrgenommen wird. Der Gewaltcharakter genderspezifizierender Anrufungen tritt nicht nur dann zu Tage, wenn eine Einordnung in die vorhandenen Kategorien der „Matrix des Intelligiblen“ unmöglich erscheint wie im Falle von queeren, transgender oder agender (im Sinne der Ablehnung einer Genderzugehörigkeit) Identitäten, sondern selbst dann, wenn die Anerkennung als Mann oder Frau und die daraus resultierende Ausbildung einer Genderidentität eine gelingende ist, d.h. Fremd- und Selbstwahrnehmung übereinstimmen. Denn die Verfahren der Anerkennung durch Andere sind gleichzeitig als „Regulierungsverfahren“ (Butler 2012: 38) zu verstehen, in denen ein teils äußerst begrenzter Rahmen des Sag- und Denkbaren abgesteckt wird, der festlegt, welche Lebensformen und -entwürfe fortan möglich sind und welche nicht.

Butler hat für ihre Thesen zur Subjektgenese nicht nur Zustimmung erhalten, sondern wurde gerade auch innerhalb der feministischen Szene heftig kritisiert. Feministische Theoretiker_innen wie Seyla Benhabib oder auch Nancy Fraser haben in Butlers Texten eine Absage an die Selbstbestimmung der Frau gelesen, die doch bisher das Ziel emanzipatorischer Bewegungen weltweit war. ←13 | 14→Insbesondere die Frage, wie diskursiven Verortungen und der hieraus resultierenden Gewalt Einhalt geboten werden könne, angesichts ihrer von Butler scheinbar so allumfassend beschriebenen Kraft, wurde kontrovers diskutiert (vgl. Benhabib et al. 1993). Butler hat sich der Frage nach der Handlungsfähigkeit des einer Selbstgenese enteigneten Subjekts wohl gewidmet. Diskurspositionen müssen, so Butler, sofern sie beständig bleiben sollen, in sich kontinuierlich wiederholenden Anrufungen oder Zitationen erneuert werden, sie bedürfen sozusagen einer regelmäßigen Auffrischung durch konkrete performative Sprechakte. In genau diesen Wiederholungen oder diesem Zitieren bereits vorhandener Kategorisierungen sieht Butler die Möglichkeit des Widerstands gegen hegemoniale Diskurse: Diskurspositionen können wiederholt werden, sie müssen es aber nicht. Jede Anrufung, die von einer bereits ausgesprochenen abweicht, kann langfristig auch zu einer Veränderung des Diskurses führen, neue Verortungen im sozialen Gefüge herstellen und neue Bedeutungsketten knüpfen.

Butlers Gendertheorie wurde vielfach rezipiert und hat das Verständnis von Geschlecht weit über akademische Kreise hinaus geradezu revolutioniert. Paradoxerweise ist die Sprachwissenschaft hiervon weitestgehend unberührt geblieben, obgleich Butlers Texte auf diesem Gebiet zahlreiche Anknüpfungspunkte bieten. In zahlreichen sprachwissenschaftlichen Analysen wird Geschlecht nach wie vor als natürliche, d.h. „außersprachliche“ Kategorie verstanden, auf die sich mittels sprachlicher Benennungen Bezug nehmen ließe. Zu den wenigen Ausnahmen, die Bezug auf poststrukturalistische Ansätze genommen haben, zählen die Arbeiten von Lann Hornscheidt (2006, 2008, 2012), die Butlers Genderverständnis in dem Begriff der personalen Appellation (anstelle von Personenreferenzformen oder Personenbenennungsformen) integriert hat. Personale Appellationen greifen die Butlersche Theorie über den Anrufungscharakter von Sprachformen auf, indem davon ausgegangen wird, dass über selbige Wirklichkeiten machtvoll hergestellt werden und nicht etwa eine Bezugnahme auf etwas stattfindet, was bereits vorhanden ist (vgl. Hornscheidt 2006). Auf der Ebene von Genderspezifizierungen bedeutet dies, dass Menschen nicht als Männer oder Frauen benannt werden, weil sie als solche vordiskursiv, d.h. auch unabhängig konkreter Sprachformen existierten, sondern ihr Gender vielmehr appelliert, also angerufen und in Szene gesetzt wird. Lann Hornscheidt hat wie viele Autor_innen einer feministischen Linguistik konventionalisierte Benennungs- oder Appellationspraktiken im Bereich Gender kritisch analysiert und zahlreiche Sprachveränderungsvorschläge ausgearbeitet, die sprachliche Diskriminierung oder sprachliche Gewalt verhindern sollen (vgl. u.a. Hornscheidt 2006, Hornscheidt 2012).

Das sogenannte generische Maskulinum, das im Zentrum der serbischen Debatten über weibliche Genderspezifizierung steht, ist auch in vielen ande←14 | 15→ren Sprachen als vermeintlich neutrale Form der personalen Appellation normiert. Hiermit, so wird oftmals argumentiert, stünde der Sprecher_innengemeinschaft ein Mittel zur Verfügung, Personen zu benennen, ohne dabei eine Aussage über ihr Gender zu treffen. Das maskuline Genus habe keine Perzeption der appellierten Person als männlich zur Folge. Zahlreiche feministische Arbeiten konnten allerdings inzwischen überzeugend nachweisen, dass dies nicht der Fall ist (vgl. z.B. Braun / Sczesny/ Stahlberg 2002, Irmen / Linner 2005, Gygax et al. 2012, Khosroshahi 1989). Folgerichtig wird in feministischen Arbeiten nicht von generischen Maskulina, sondern von false generics (Miller/Swift 1989), androcentric generics (Romaine 2001) oder androgendernden Maskulina (Hornscheidt 2012) gesprochen, um deutlich zu machen, dass hierüber eine Konzeptualisierung von Männlichkeit als Norm stattfindet. Darüber hinaus haben feministische Arbeiten in der Linguistik auch über die Rolle ihrer eigenen Disziplin bei der Herstellung und Aufrechterhaltung tradierter Gendervorstellungen reflektiert und die These aufgestellt, dass insbesondere Grammatiken und Wörterbücher, die als Regelwerke der jeweiligen Sprecher_innengemeinschaft nahezu uneingeschränkte Autorität genießen, entscheidend dazu beitragen, dass Appellationspraktiken und die darüber hergestellten Genderkonzeptualisierungen beständig bleiben (vgl. Cameron 1992, Doleschal 2002, Hornscheidt 1998).

Wie zu Beginn erwähnt, gibt es in Serbien bis heute rege Debatten darüber, wie Frauen sprachlich benannt werden (können). Im regionalen Vergleich wurde in keinem der Nachfolgestaaten der ehemaligen jugoslawischen Föderation so intensiv über weibliche Genderspezifizierung debattiert, obgleich auch in benachbarten Ländern vereinzelt Diskussionen stattgefunden haben, sowohl in einem linguistischen Rahmen (vgl. u.a. Babić 2006, Bertoša 2001, Bertoša 2002, Borić 2004, Kancelarija za ravnopravnost polova Vlade Republike Crne Gore 2006, Čaušević/Zlotrg 2011), als auch darüber hinaus, beispielsweise im kroatischen Fernsehen (vgl. Večernji TV 2018) oder auch in der bosnischen bzw. montenegrinischen Presse (vgl. Anonym 2005, Anonym 2006). Anders als in Serbien wurden hier – zumindest innerhalb des linguistischen Diskurses – relativ rasch Lösungen verhandelt, die nun die weiblich genderspezifizierende Appellation im Singular regulieren. Sowohl Kroatien als auch Montenegro präferieren offiziell die Verwendung von Feminina zur Appellation konkreter weiblicher Einzelpersonen, obgleich auch hier sogenannte generische Maskulina zur Appellation nicht näher bestimmter Einzelpersonen oder Gruppen verwendet werden. Auch Bosnien und Herzegowina hat vor einigen Jahren auf föderaler Ebene die Verwendung von Feminina deutlich befürwortet, und zwar ohne eine Präferenz hinsichtlich der femininen Wortbildungssuffixe festzulegen (vgl. Parlamentarna skupština Bosne i Hercegovine 2014). Was also unterscheidet Serbien von den übrigen Ländern der Region? ←15 | 16→In Serbien überschneiden sich sowohl anti-feministische Diskurse als auch solche, die auf eine nationalsprachliche Konsolidierung des Serbischen in Abgrenzung zu den anderen Nachfolgesprachen des Serbokroatischen abzielen. Diese Überlagerung anti-feministischer und sprachnationalistischer Diskurse kann einerseits die andauernden Debatten über Appellationspraktiken für Frauen erklären und macht andererseits das serbische Beispiel umso mehr einer genaueren Betrachtung wert – sowohl aus einer slawistischen als auch aus einer genderlinguistischen Perspektive. Im Zuge der jugoslawischen Zerfallskriege und der Auflösung der bis dahin gemeinsamen serbokroatischen Standardsprache haben viele der neuen Nationalstaaten intensiv an einer sprachlichen Abgrenzung zu den jeweiligen Nachbarländern gearbeitet. Insbesondere Kroatien hat sich dabei hervorgetan, in umfassenden Top-down-Prozessen vermeintliche Serbismen im Kroatischen zu ahnden, und hat zahlreiche Sprachformen gegen solche ausgetauscht, die jeweils als ursprünglich kroatisch wahrgenommen wurden (vgl. Bugarski 2004: 8). Serbien hingegen hat im postjugoslawischen Sprachenstreit der 1990er und frühen 2000er Jahre eine sehr zurückhaltende Rolle gespielt und außer der Umbenennung seiner Nationalsprache von Serbokroatisch in Serbisch relativ wenig unternommen, um sich vor Ähnlichkeiten zu den übrigen der inzwischen insgesamt vier offiziellen Nachfolgesprachen des Serbokroatischen (Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch, Serbisch) zu schützen (vgl. Greenberg 2004: 58 ff.). Im Bereich der weiblichen Genderspezifizierung tritt nun aber der umgekehrte Fall ein. Während sich Kroatien mit einer gewissen Selbstzufriedenheit der konventionalisierten Verwendung von Feminina für Frauen auch in Fällen rühmen kann, wo andere Sprecher_innengemeinschaften auf androgendernde Maskulina zurückgreifen (vgl. Babić 2006), muss sich Serbien angesichts feministischer Sprachveränderungsvorschläge (die gleichfalls auf einen verstärkten Gebrauch von Feminina abzielen) mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern dadurch eine Angleichung an den kroatischen Standard stattfinden würde, was auch über 20 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens für viele in Serbien undenkbar wäre. Das heißt also, dass auf dem Gebiet der weiblichen Genderspezifizierung ein Rollentausch in dem seit den 1990er Jahren aufgeflammten Sprachenstreit der ehemals serbokroatischen Sprachgemeinschaft stattfindet, der den bisherigen Analysen eine neue, in der Forschung noch nicht registrierte Facette hinzufügt.

Aus genderlinguistischer Perspektive ist die Überschneidung anti-feministischer und sprachnationalistischer Diskurse aufschlussreich, da sie über die bisher beschriebenen Verfahren der Marginalisierung feministischer Sprachkritik hinausgeht. Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass die Argumente, die üblicherweise gegen feministische Sprachanalysen hervorgebracht werden, sich für viele Sprachen in hohem Maße gleichen (vgl. z.B. Blaubergs 1980, Hellinger 1990). Im Vordergrund solcher Ablehnungsstrategien stehen ←16 | 17→u.a. die Thesen, Sprachformen hätten nichts mit der Wirklichkeit zu tun oder aber die als sexistisch analysierten Sprachpraktiken könnten aufgrund bestehender grammatischer Normen gar nicht sexistisch sein. Ferner werden feministische Sprachveränderungsvorschläge in den jeweiligen Gegendiskursen als unästhetisch abgewertet und als Angriff auf Sprache als historisch gewachsenes Kulturgut interpretiert. Weitere Ablehnungsstrategien zielen vor allem auf das Lächerlichmachen der jeweiligen Alternativvorschläge ab, die seitens feministischer Autor_innen unterbreitet wurden. Obgleich all diese Mechanismen auch in der serbischen Debatte wiederzufinden sind, geht das serbische Beispiel durch die oben kurz beschriebene Spezifik über den Rahmen dieser klassischen Ablehnungsdiskurse hinaus und zeigt, dass in den Debatten über weibliche Genderspezifizierung in Serbien nicht nur Genderkonzeptualisierungen verhandelt werden, sondern auch nationalsprachliche Grenzen. Zum anderen bietet das serbische Beispiel der Genderlinguistik die Möglichkeit, besonders anschaulich zu analysieren, wie scheinbar objektiv beschreibbare Sprachstrukturen diskursiv hergestellt werden (wie eingangs erwähnt wird in der serbischen Linguistik von androgendernden Maskulina u.a. als граматичка чинјеница ‘grammatischer Tatsache’ gesprochen). Dass es ‘grammatische Tatsachen’ allerdings nicht ohne weiteres Zutun geben kann, wird insbesondere durch den Vergleich mit der jugoslawischen Diskussion deutlich, was eine weitere Stärke des serbischen Beispiels darstellt. Zu Zeiten eines gemeinsamen serbokroatischen Standards wurden unterschiedliche Appellationspraktiken für Frauen in Kroatien und Serbien als verschiedene Möglichkeiten innerhalb einer Sprache gesehen, nach dem Zerfall der Föderation hingegen als Beweis für die Existenz mehrerer Sprachen.

Für das Serbische liegen bisher vergleichsweise nur wenig Forschungsarbeiten im Bereich der linguistischen Genderforschung vor. Anders als beispielsweise in der Anglistik, wo sich die Forschung zu Gender und Sprache beginnend mit der sogenannten Zweiten Welle der Frauenbewegung in den frühen 1970er Jahren rasch als eigenständige Disziplin etablieren konnte, und ihren Forschungshorizont mit dem Aufkommen der queer oder lavender linguistics in den 1990er Jahren entscheidend erweitert hat, ist eine vergleichbare Etablierung genderlinguistischer Forschung in Serbien bis heute ausgeblieben. Dies kann u.a. auf gesellschaftspolitische Umstände zurückgeführt werden. In Serbien, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu den Zerfallskriegen in den 1990er Jahren Teil der Föderativen Sozialistischen Republik Jugoslawien war, sind einflussreiche emanzipatorische Bewegungen, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern Westeuropas und in den USA zu weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen geführt haben, in vergleichbarer Weise ausgeblieben. Zwar nahm das blockfreie Zweite Jugoslawien im Vergleich zu den übrigen Staaten Osteuropas eine eher liberale Haltung gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung seines Landes ein, was u.a. zur ←17 | 18→Folge hatte, dass sich beginnend mit den 1970er Jahren in den urbanen Zentren Jugoslawiens feministische Gruppierungen bildeten, die sich nicht nur untereinander vernetzen, sondern auch im Austausch mit Feminist_innen aus anderen europäischen Ländern standen (vgl. z.B. Papić 2012a, Kašić / Prlenda 2015). Die dort geschaffenen Räume für subversive und emanzipatorische Ideen schwanden jedoch mit den gewaltsamen Zerfall der jugoslawischen Föderation in den frühen 1990er Jahren und eine nachhaltige Veränderung patriarchaler Strukturen durch eine Emanzipation „von unten“ blieb aus. Durch das massive Aufkommen nationalistischer Ideologien in Serbien und die Kriegsgeschehen in der Region wurde die Weiterentwicklung feministischer Strömungen vielmehr bedeutend erschwert – wenn nicht sogar über Jahre hinweg unmöglich gemacht bzw. ins Exil verlagert. An Stelle der in vielen Bereichen fortschrittlichen Geschlechterpolitik des sozialistischen Jugoslawiens traten in Serbien nun einerseits nationalistische Mütterdiskurse oder aber übersexualisierte Inszenierungen von Frauen im Turbofolkgenre (vgl. z.B. Papić 2012b).

Die unterbrochene Etablierung feministischer bzw. gendertheoretischer Ansätze trifft im akademischen Bereich auf die serbische Sprachwissenschaft in besonderem Maße zu. Zwar kann Serbien auch hier eine im regionalen Vergleich sehr frühe Auseinandersetzung mit Themen vorweisen, die – obgleich nicht unbedingt feministisch positioniert – thematisch der Frauenforschung zugeordnet werden können (vgl. Savić 1983, 1989). Eine thematische Weiterentwicklung in Richtung Genderforschung, wie sie in anderen Ländern vor allem in den 1990er bzw. frühen 2000er Jahren erfolgt ist, blieb jedoch vorerst aus, was ebenfalls im Kontext der politischen Ereignisse in der Region gesehen werden kann: Sprachliche Entwicklungen und sprachpolitische Maßnahmen, die in postjugoslawischen Zeiten nicht auf eine Betonung der jeweiligen nationalen Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale abzielen, sondern vielmehr, wie im Falle der Genderlinguistik, eine radikale Infragestellung zahlreicher als natürlich und ursprünglich propagierter sprachlicher Konventionen darstellen, müssen mit besonders viel Gegenwind in dem noch immer von den Zerfallskriegen geprägten Serbien rechnen.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die vorliegende Arbeit der Frage, welche dominanten Vorstellungen von Weiblichkeit über konventionalisierte Formen der weiblich genderspezifizierenden Appellation im Serbischen hergestellt werden. Die Arbeit umfasst insgesamt vier Kapitel (I. SPRACHE UND GENDER, II. SPRACHE UND MACHT, III. SPRACHE UND GEWALT, IV. SPRACHE UND WIDERSTAND), die jeweils über einen symmetrischen Aufbau verfügen. Jedes Kapitel beginnt nach einer kurzen Einleitung, die nochmal spezifischer als an dieser Stelle auf die jeweils zu untersuchende Fragestellung hinführt, mit einer Vertiefung des hier bereits kurz skizzierten theoretischen Kontextes: In Kapitel I. geht es insbesondere um die gendertheoretischen Grundlagen der Arbeit ←18 | 19→(vgl. I.2.) sowie um eine genauere Darstellung poststrukturalistischer Ansätze in der genderlinguistischen Forschung (vgl. I.3.). Kapitel II. geht näher auf die Rolle der Linguistik bei der Aufrechterhaltung bestehender Genderkonzeptualisierungen ein, die über normierte Appellationspraktiken zu Stande kommen (vgl. Kapitel II.2.), während Kapitel III. der Frage nachgeht, inwiefern konventionalisierte Formen der weiblichen Genderspezifizierung auch über die Verwendung androgendernder Maskulina hinaus, die den primären Fokus feministischer Kritik in Serbien ausmachen, als Gewalt interpretiert werden können (vgl. III.2). Kapitel IV. fragt schließlich nach den Möglichkeiten, sprachlichen Widerstand gegenüber diskriminierenden – oder gewaltsamen – Genderkonzeptualisierungen zu leisten.

Im Anschluss an die jeweiligen theoretischen Vertiefungen enthalten die vier Kapitel der Arbeit einen praktischen Teil, der sich konkret dem Serbischen widmet. In Kapitel I. SPRACHE UND GENDER wird nach den theoretischen Ausführungen zum Verhältnis von Sprache und Gender detailliert dargestellt, wie Frauen im Serbischen auf konventionalisierte Weise appelliert werden können (vgl. I.4). Trotz der anhaltenden Debatten über weibliche Genderspezifizierung in der serbischen Linguistik fehlt hierzu bisher ein umfassender Überblick. Eine Ausnahme ist die Arbeit von Hentschel (2003) The expression of gender in Serbian, die sich jedoch, wie der Titel bereits sagt, Genderspezifizierungen im Allgemeinen widmet und nicht explizit der weiblich genderspezifizierenden Appellation. Darüber hinaus enthält Kapitel I. nicht nur einen Überblick über nominale Appellationspraktiken für Frauen im Serbischen, sondern schlägt auch ein Modell zur Klassifizierung weiblich genderspezifizierender Substantive vor, welches im Unterschied zu den bisher innerhalb der Genderlinguistik vorgeschlagenen Modellen, sowohl die Spezifika des Serbischen aufgreift, als auch die konkrete Fragestellung der Arbeit einer wissenschaftlichen Analyse besser zugänglich macht (vgl. I.4.4.).

Biographische Angaben

Rajilić Simone (Autor:in)

Simone Rajilić hat Slawistik und Politikwissenschaften in Frankfurt am Main, Potsdam und Berlin studiert. 2019 wurde sie an der sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zu Gender und Sprache im Serbischen promoviert.

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Titel: Weiblichkeit im Serbischen