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Zukunftsfähigkeit gestalten

Untersuchung nachhaltiger Strukturen soziokultureller Zentren

von Christian Müller-Espey (Autor:in)
Dissertation 378 Seiten

Zusammenfassung

Für über 600 soziokulturelle Zentren und Kulturinitiativen in Deutschland liegen kaum fundierte Handlungsansätze für eine nachhaltige Ausrichtung vor, weder auf Landes- noch auf Bundesebene. Zu fragen ist: Wie können zukunftsweisende Wege der Kulturbetriebe gestaltet werden? Welche Kriterien sind heranzuziehen? Welche Beiträge zur Nachhaltigkeit sind wesentlich und leistbar? Die hier vorliegende qualitative Studie untersucht beispielhaft 13 soziokulturelle Zentren aus Hessen und Nordrhein-Westfalen unter Berücksichtigung bundesweiter Erhebungen. Offenbart werden deutliche Desiderate und nicht genutzte Entwicklungspotentiale. Sie bietet erste Starthilfen, Wegweiser und Positionslichter, die für eine strategische, zukunftsweisende Perspektive förderlich sein können – nicht nur für soziokulturelle Zentren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Zusammenfassung
  • Shaping sustainability
  • Inhalt
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Teil A) Ist Zukunftsfähigkeit gestaltbar?
  • 1 Auf die Zukunft. Fertig. Los!
  • 1.1 Planetarische Grenzen im Zeitalter des Anthropozäns
  • 1.2 Gelassenheit trotz(t) Krisen
  • 1.3 Vom Warndreieck zur Leitplanke: Wird Nachhaltigkeit zur Zukunftsfähigkeit?
  • 1.4 Globale Wegmarken für einen Kurswechsel ohne Kante
  • 2 Welche politischen Motive, Stellschrauben und Ratgeber prägen das Handlungsfeld nachhaltiger Entwicklung in Deutschland?
  • 2.1 Nachhaltigkeit ist ein Leitmotiv der Bundesrepublik
  • 2.2 Stellschraube Finanzen
  • 2.3 Was rät der Rat für Nachhaltige Entwicklung?
  • 2.4 Nachhaltigkeit in den Ländern: Blick nach Hessen und Nordrhein-Westfalen
  • 2.4.1 Bildung für nachhaltige Entwicklung in Nordrhein-Westfalen
  • 2.4.2 Die Nachhaltigkeitsstrategie Hessen
  • 2.5 Leitfäden und Ratgeber für nachhaltige Kulturprojekte, Events und Veranstaltungen
  • 2.6 Relevante Handlungsfelder für nachhaltige Kulturangebote
  • 3 Steuerung von Betrieben: Kurs Zukunftsfähigkeit
  • 3.1 Klassische strategische Treiber
  • 3.2 Kurswechsel: Strategietypen mit Zukunftspotential
  • 3.3 Strategische Planung ist ein zukunftsbezogenes Gestaltungsinstrument
  • 3.4 Balanced Scorecard – ein Methodenklassiker mit Entwicklungspotential
  • 3.5 Fokus Zukunftsfähigkeit: Balanced Scorecard wird nachhaltiger
  • 3.5.1 Grazer Modell SBSC setzt auf strategische Stoßrichtung
  • 3.6 Fördernde und hemmende Faktoren der Strategiemodelle SBS und SBSC
  • 3.6.1 Flexibilität, individuelle Gestaltbarkeit, überschaubare Handlungsfelder und Klarheit durch strategische Stoßrichtung sind fördernde Faktoren
  • 3.6.2 Strategische Umsetzung zu anspruchsvoll
  • 3.6.3 Gute Grundvoraussetzungen schaffen
  • 3.7 Zwischenfazit Kapitel Strategie
  • 4 Schauplatz Prozesse: Von kleinen Taten und großen Transformationen
  • 4.1 Prozesse gestalten: Eine Begriffsbestimmung
  • 4.2 Entwicklung von Organisationen
  • 4.3 Kontinuierlich kleine Verbesserungsprozesse gestalten mit dem PDCA-Zyklus
  • 4.4 Gestaltung großer Transformationsprozesse in acht Schritten?
  • 5 Wieviel Mensch braucht die Umwelt?
  • 5.1 Wie zahlreich sind die Dinge, die es nicht braucht
  • 5.2 Der konzentrische Wirkungskreis
  • 5.2.1 Erster und zweiter Wirkungskreis: Der Mensch und sein Zuhause
  • 5.2.2 Dritter Wirkungskreis: Stadt und Region
  • 5.2.2.1 Praxisbeispiel: Nachhaltigkeitsstrategie norddeutscher Jugendherbergen
  • 5.2.3 Vierter Wirkungskreis: Gesellschaft
  • 5.2.3.1 Praxisbeispiel: Zukunft einkaufen wirkt!
  • 5.2.4 Fünfter Wirkungskreis: Die Welt
  • 5.2.4.1 Zusammenfassung Teil A) Was es braucht, um Zukunftsfähigkeit zu gestalten
  • Teil B) Design der Pilotstudie Zukunftsfähigkeit gestalten!
  • 6 Forschungsdesign Pilotstudie «Zukunftsfähigkeit gestalten!»
  • 6.1 Soziokulturelle Zentren in Deutschland: Wurzeln, Sprossen und Triebe
  • 6.2 Forschungsstand, Problemfeld, Forschungsfragen, Zielsetzung
  • 6.3 Methodenwahl: qualitative Sozialforschung zur Datenerhebung und qualitative Inhaltsanalyse zur Datenauswertung
  • 6.4 Gestaltung der Pilotstudie «Zukunftsfähigkeit gestalten!» in drei Phasen
  • 6.5 Auswahl der Untersuchungsteilnehmer: Feldgrenzen NRW und Hessen
  • 6.6 Kritische Analyse der Ressourcen: Teilnehmer und Forscher
  • 7 Methodisches Rüstzeug für die Feldforschung
  • 7.1 Gespräche und leitfadengestützte Interviews
  • 7.2 Transkription
  • 7.3 Erhebungsbögen
  • 7.4 Expertise externer Beratungen
  • 7.5 Teilnehmende Beobachtung an Tagungen und Workshops
  • 7.5.1 Datenmaterial für die Inhaltsanalyse
  • 7.6 Zukunftsworkshop und Gruppendiskussion
  • 7.7 Zusammenfassung Teil B) Untersuchungsgegenstände und Instrumente im Überblick
  • 7.7.1 Chiffre-Systematik
  • 7.7.2 Faktische Anonymisierung
  • Teil C) Zukunftsfähigkeit – (k)ein Thema für soziokulturelle Zentren?
  • 8 Wer im Feld forscht wird fündig – Fundstücke und Entwicklungsstände
  • 8.1 Wirkungsfelder, Schlaglichter und Kenntnislücken soziokultureller Zentren
  • 8.2 Erkundungen im kulturpolitischen Feld: Nachhaltigkeitskultur im Blick?
  • 8.3 Kulturfördergesetz und -plan in NRW/Modellprojekt Soziokultur in Hessen
  • 8.4 Kennzahlen machen nachhaltige Entwicklung sichtbar
  • 8.5 Zukunftsfähige Betriebsführung? Ein Faktencheck
  • 8.6 Ist die finanzielle Situation nachhaltig unsicher?
  • 8.7 Vom Gründerbetrieb zum dynamischen Dienstleister mit Betriebsethik?
  • 8.8 Neue Strukturen mit alten Wächtern?
  • 8.9 Soziale Verantwortung ist ein Anfang
  • 8.10 Kurs auf Positionslichter
  • 8.11 Zusammenfassung Teil C) Entwicklungsstand Zukunftsfähigkeit soziokultureller Zentren
  • Teil D) Nachhaltigkeitskultur entwickeln – Praxis und Perspektiven soziokultureller Zentren
  • 9 Starthilfen, Wegweiser und Positionslichter
  • 9.1 Nachhaltigkeitskultur aktiv gestalten – neue Bildungsformate entdecken
  • 9.2 Anschluss durch branchenspezifischen Bericht zur Zukunftsfähigkeit
  • 9.3 Prozessentwicklung anstoßen mit bundesweiten Zukunftsworkshops
  • 9.4 Zukünftige Wege beleuchten: Positionslichter soziokultureller Zentren 2030
  • 9.5 Vernetzung mit starken Partnern und Weggefährten
  • 9.6 Zusammenfassung Teil D) und weitere Empfehlungen für Politik, Partner, Verbände
  • 10 Das Ende des Anfangs
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis

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1 Auf die Zukunft. Fertig. Los!

Für über 600 soziokulturelle Zentren, freie Theater und Kulturinitiativen in Deutschland liegen weder auf Landes- noch auf Bundesebene kaum fundierte Handlungsansätze für eine nachhaltige Ausrichtung vor. Die vorliegende Untersuchung folgt dabei der zentralen Fragestellung:

Wie können zukunftsweisende Wege soziokultureller Zentren gestaltet werden?

Bevor die Forschungsreise beginnt, ist zunächst auszumachen, was sich hinter dem Begriff soziokulturelle Zentren verbirgt. Mit welchem Untersuchungsgegenstand befasst sich diese Arbeit? Welche Betrachtungsweise liegt der vorliegenden Studie zugrunde? Erste Antworten bietet das definierte Selbstverständnis der Zentren, publiziert von der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., dem Dachverband der Kulturbetriebe.

„Soziokulturelle Zentren sind grundsätzlich Kultureinrichtungen. Die Konstituente „Sozio-“ verweist darauf, dass über diese Einrichtungen Kultur und Kunst eng mit der Gesellschaft (dem Sozium) verknüpft werden. Der kulturelle Wirkungsanspruch reicht folglich in viele Arbeitsbereiche hinein, die nicht im klassischen Sinn zum Kulturbereich gehören, wie Kinder- und Jugendarbeit, Bildung, Soziales, Siedlungsentwicklung und Umwelt“ (Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren 2016).

Deutlich werden die vielfältigen Bezugspunkte, die diese besondere Form der Kulturarbeit für sich proklamiert. Soziokulturelle Akteure beanspruchen eine Nähe zu gesellschaftsrelevanten Themen, wollen mit ihren Angeboten in die Gesellschaft hinein wirken, suchen den Zugang zur jungen Generation, entwickeln kulturelle Bildungsformen, bringen sich bei der Entwicklung von Lebensraum ein, bieten Freiraum zur persönlichen Entfaltung und möchten auch Umweltaspekte nicht außer Acht lassen.

Hinsichtlich der beabsichtigten Begriffsbestimmung von «Soziokultur» ist allerdings einzuräumen, dass eine Beantwortung dieser Frage nicht eindeutig möglich scheint. „Soziokultur wird beschrieben als «schillernder» und «sperriger» Begriff, der «definitorisch und kategorial schwer zu fassen ist»“ (Blumenreich 2017). Neben der bereits zitierten Definition der Bundesvereinigung wird zur Erfassung des unscharfen Begriffs als weitere Referenz die Definition der Enquete-Kommission im Abschlussbericht «Kultur in Deutschland» des Deutschen Bundestages bemüht:

„Soziokulturelle Zentren sind Häuser und Begegnungsstätten, die generationenübergreifende und interkulturelle Kulturprogramme und Angebote im ←21 | 22→Bereich Musik, Theater, Kunst, Kunsthandwerk, Film etc. anbieten. Sie dienen der Förderung kreativer Eigentätigkeit und kultureller Kompetenz, indem sie zwischen professioneller Kunstproduktion und dem künstlerischen Schaffen von Laien vermitteln“ (Deutscher Bundestag 2008, S. 133).

Die Enquete-Kommission bescheinigt den Akteuren „eine kulturelle Praxis mit starkem Gesellschaftsbezug und Offenheit für alle sozialen Schichten – besonders für Kinder und Jugendliche aus kulturfernen Milieus und mit Migrationshintergrund“ (ebenda).

Vor dem Hintergrund aktueller Zuwanderungen und gesellschaftlicher Herausforderungen, Diversität als Lebensform und Integration als Lebensbestandteil zu begreifen, dürften im soziokulturellen Forschungsfeld aufschlussreiche Handlungsoptionen zu entdecken sein. Die vorliegende Untersuchung wird der Frage nachgehen, welchen Herausforderungen sich soziokulturelle Zentren in den kommenden Jahren stellen werden. Die Vielfalt der Aufgabenfelder wird aktuell „als «Markenkern», als «Programmbegriff»“ (Blumenreich 2017) ausgegeben und findet Ausdruck in dem Leitmotiv der Bundesvereinigung: „Nirgends sonst findet sich solch eine programmatische Vielfalt der Angebote wie in den soziokulturellen Zentren. Das wiederum ist Prinzip der Arbeit eines soziokulturellen Zentrums. Also: Vielfalt aus Prinzip!“ (Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren 2016).

Kritisch anzumerken ist, dass dem weiten Feld der Vielfalt auch eine Unschärfe der Aufgaben immanent ist. Um nicht Gefahr zu laufen, der Beliebigkeit anheimzufallen, stehen soziokulturelle Akteure demzufolge permanent vor der Aufgabe, den eigenen Kurs zu bestimmen. Es wird zu hinterfragen sein, ob die gewählte Vielfalt sich tatsächlich als Markenkern eignet, ob diskussionsintensive Selbstbestimmungsdebatten als Steuerungsmodell noch zeitgemäß sind oder ob nicht eine deutlichere Schwerpunktlegung der Leistungen zukunftsweisender wäre, um einerseits die begrenzten Ressourcen auf Wesentliches zu fokussieren und anderseits für Besucher, Teilnehmer und Förderpartner eindeutiger erkennbar zu sein.

Wenngleich die vorliegende Dissertation den Schwerpunkt auf eine Untersuchung soziokultureller Zentren legt, soll doch im Zuge der Begriffsannäherung das zu unterscheidende Verständnis von Wirkungsstätte und Methodik der Soziokultur kurz erläutert werden. Bedeutet „Soziokultur = Soziokulturelle Zentren“ (Schneider 2015, S. 21), fragt Wolfgang Schneider in diesem Zusammenhang.

Tobias J. Knoblich unterscheidet in seiner Untersuchung «Soziokultur. Kulturpolitik als kulturelle Demokratie. Programmformeln und Praxisformen» zwei wesentliche Bestandteile. Seiner Auffassung folgend können soziokulturelle ←22 | 23→Zentren als eine verortete Ausprägung und Form des Prinzips, als Praxisform, verstanden werden, die einen Teil der Soziokultur repräsentieren. Soziokulturelle Zentren sind Orte der Gesellschaft und ein wichtiger Bestandteil der Soziokultur.

Theorie und Methodik der Soziokultur hingegen beschreiben „eine viel umfassendere Programmatik für Praxisformen, die gesellschaftliches Leben und kulturellen Ausdruck aufeinander beziehen“ (ebenda) und schon lange nicht mehr nur soziokulturellen Zentren zur Anwendung vorbehalten sind.

Die Übernahme erfolgreicher Methoden der Soziokultur wie beispielsweise das Aufsuchen und Bespielen neuer Orte, Kunst und Kultur zum Selbermachen oder die Einbindung bürgerschaftlichen Engagements (Blumenreich 2017) werden von anderen Kultureinrichtungen wie Theatern oder Museen adaptiert, denn kunst- und kulturpädagogische Bildungsangebote eignen sich hervorragend für die eigene Nachwuchsförderung und Sicherung des Fortbestands.

Johannes Brackmann, Vorsitzender der LAG Soziokultur NW und Geschäftsführer des soziokulturellen Zentrums Grend in Essen, umschreibt die zunehmend ersichtliche Anwendung praxiserprobter Methoden wie Mitgestaltungmöglichkeiten, künstlerisches Erproben oder die Ansprache junger, bildungsferner Zielgruppen als «Soziokulturalisierung». In These drei zum Zukunftskongress Soziokultur der LAG Soziokultur NW, der im März 2015 im ZAKK in Düsseldorf stattgefunden hat, fordert Brackmann eine neue Aufgabendiskussion soziokultureller Zentren und eine Neudefinition der Rolle der Soziokultur in der Kultur, insbesondere im Zusammenhang mit einer förderpolitischen Legitimation (Hegemann, Lukas/Brackmann, J. 2015, S. 1). Die offensichtlich anstehende Neuorientierung im soziokulturellen Feld kann durchaus als Chance erachtet werden, auf der Grundlage bewährter Konzepte und Leistungen das eigene Profil zu schärfen und zukunftsweisender auszurichten. Diese birgt aber auch die Gefahr, mit lahmen Utopien und leeren Versprechungen, so die mahnenden Worte von Pius Knüsel in der Nachbetrachtung zur Präsentation des Handbuchs Soziokultur im Rahmen der Veranstaltung Update Soziokultur in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin, zukünftigen Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden. Er fragt: „Brauchen die Themen der Zukunft, für die Soziokultur sich zuständig fühlt, die Strukturen von heute?“ (Knüsel 2015, S. 3).

Im Sinne des Heidelberger Philosophen Hans-Georg Gadamer soll in der vorliegenden Studie der tieferen Wahrheit zukunftsweisender Strukturen mit wahrem Interesse und offenen Fragen auf den Grund gegangen werden und dies in Form einer praxisnahen, qualitativen Untersuchung. „Um fragen zu können, muss man wissen wollen, d.h. aber: wissen, daß man nicht weiß. (…) Fragen ←23 | 24→heißt ins Offene stellen. Die Offenheit des Gefragten besteht in dem Nichtfestgelegtsein der Antwort“ (Gadamer 2010, S. 369).

Die gewählte Arbeitsweise orientiert sich an der Grundfrage, die seit Thales und der Geburtsstunde der Philosophie vor nunmehr zweieinhalbtausend Jahren bis heute das zentrale philosophische Anliegen prägt, „nach dem Wesen und nach dem Grunde zu fragen“ (Weischedel 1975, S. 14). Diese Arbeit möchte Fragen ergebnisoffen ergründen. Erkundungen dieser Art erfordern Perspektivwechsel, die zuweilen zu Aussichtspunkten hinaufführen, wo es Überblick und Umsicht braucht, aber auch tiefer liegende Gründe in Augenschein nehmen. Punktuelle Wechsel der Betrachtungsweisen sollen zur Meinungsbildung und Wahrheitsfindung dienen, sofern dies in einer mitunter undurchsichtig wirkenden Welt überhaupt möglich scheint, denn komplexe Systeme haben eine Eigendynamik, dessen Wechselwirkungen schwer vorhersehbar sind. Auf die Zukunft ausgerichtete Handlungsansätze wie beispielsweise stabilisierende, politische Maßnahmen haben daher immer auch einen hypothetischen Charakter.

Die Arbeit nähert sich der Suche nach Antworten über die Fragestellungen:

1. Welche Indikatoren können zur Gestaltung von Zukunftsfähigkeit herangezogen werden?

2. Wie verhält sich der Untersuchungsgegenstand soziokulturelle Zentren zu den ermittelten Prüfkriterien?

3. Lassen sich Erkenntnisse und Handlungsansätze ableiten, die eine Zukunftsfähigkeit soziokultureller Zentren befördern können?

4. Welche zukunftsweisenden Wege können aus eigener Kraft heraus gestaltet werden?

Verwegen zu hoffen, es könnte gelingen, soziokulturellen Zentren und kulturpolitischen Entscheidungsträgern Anhaltspunkte für eine zukunftsorientierte Ausrichtung der Betriebe und Strukturen zur Verfügung zu stellen: wissenschaftlich fundiert und praxistauglich, an konkreten Kriterien messbar, an Beispielen bebildert und vielfach übertragbar.

Der Einleitungstitel fasst die beabsichtigte Vorgehensweise verkürzt zusammen:

Auf die Zukunft und die Gegenwart schauen. Fertigmachen. Losgehen!

Nicht Bestandteil der Arbeit, aber ein mitgedachtes Element beim Forschungsdesign der Dissertation ist die theoretische Option einer Übertragung der generierten Prüfkriterien auf weitere Forschungsfelder, z.B.

Zukunftsfähigkeit – (k)ein Thema für Museen?

Zukunftsfähigkeit – (k)ein Thema für Theater?

Zukunftsfähigkeit – (k)ein Thema für NPO?

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Teil A) der Studie beleuchtet zunächst das Umfeld des Untersuchungsgegenstands, eingegrenzt auf fünf ausgewählte Wirkungsfelder. Ziel ist, Anhaltspunkte in Form von Kriterien zu generieren, die für die Gestaltung von Zukunftsfähigkeit und für die Untersuchung des Forschungsgegenstandes soziokulturelle Zentren förderlich sein könnten. In Anbetracht zu berücksichtigender, globaler Herausforderungen ist der Rahmen zunächst sehr weit gesteckt, diskursiv-analytische Bezugnahmen erfolgen im Verlauf der Arbeit sowohl in Teil A) und Teil C) immer dann, wenn sich gegenstandsrelevante Anknüpfungspunkte zeigen.

Kapitel eins führt in das beginnende Zeitalter des Anthropozäns ein, erläutert den wissenschaftlichen Handlungsansatz der planetarischen Leitplanken und diskutiert Gründe, die für eine große Transformation sprechen würden. Das bisher bevorzugte Modell des Nachhaltigkeitsdreiecks wird kritisch hinterfragt und alternativen Modellen gegenübergestellt. Welche Wegmarken für einen Kurswechsel die Vereinten Nationen mit der Agenda 2030 setzen und welche Kritikpunkte an diesem Strategiepapier bestehen, ist ebenfalls Gegenstand des ersten Kapitels. Das Kapitel schließt mit der Feststellung, dass es messbare Indikatoren braucht, um Entwicklung nachvollziehbar zu machen.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der politischen Haltung der Bundesrepublik zur Agenda 2030. Wie sollen die ambitionierten Ziele der Agenda 2030 in Deutschland erreicht und umgesetzt werden? Hinterfragt wird, ob Nachhaltigkeit zu einem Leitmotiv in Deutschland werden kann? Nachgezeichnet wird die Entwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, deren Umsetzung der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) unter anderem mit mehrfach modifizierten Leitfäden nachhaltigen Wirtschaftens auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zu befördern versucht. Die dort ausgewiesenen und als besonders relevant erachteten Wirkungsfelder Strategie, Prozesse, Umwelt und Gesellschaft liegen der vorliegenden Arbeit als Kategorien zugrunde, erweitert um ein zu ergänzendes fünftes Wirkungsfeld «Politik & Finanzen», welches für gemeinwohlorientierte Non-Profit Organisationen (NPO) eine strukturbildende und rahmengebende Bedeutung hat. Inwiefern beratende und begleitende Expertise sowie Anreizsysteme nachhaltige Prozesse unterstützen, wird anhand von kurzen Beispielen illustriert. Dass die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie auch in den Bundesländern Berücksichtigung findet, wird anhand der Initiative Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in Nordrhein-Westfalen und der Nachhaltigkeitsstrategie in Hessen exemplarisch nachvollzogen. Zum Abschluss des zweiten Kapitels wird die Konstruktvalidität von vier Leitfäden mit dem Ziel untersucht, relevante Handlungsfelder für eine Ausgestaltung nachhaltiger Kulturangebote zu subsumieren.

Details

Seiten
378
ISBN (PDF)
9783631791349
ISBN (ePUB)
9783631791356
ISBN (MOBI)
9783631791363
ISBN (Hardcover)
9783631787601
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
Nachhaltigkeitskultur Soziokultur 21 Kriterien Positionslichter Grundgerüst Z21 Wirkungskreis Verantwortung Wandel Anthropozän Stellschrauben
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 378 S., 34 s/w Abb., 39 Tab.

Biographische Angaben

Christian Müller-Espey (Autor:in)

Christian Müller-Espey studierte Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Nach langjähriger Geschäftsführung eines soziokulturellen Zentrums arbeitet er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, wo auch seine Promotion erfolgte. Als Leiter eines bundesweiten Projektes forscht und lehrt er transdisziplinär zur Sozio- und Nachhaltigkeitskultur und ist Mitglied im BNE-Partnernetzwerk Kulturelle Bildung und Kulturpolitik.

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