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Individualisierung im digitalen Zeitalter

Zur Paradoxie der Subjektwerdung

von Uwe Gerber (Autor:in)
©2019 Monographie 196 Seiten

Zusammenfassung

Führt die neuzeitliche Individualisierung zur Subjektwerdung oder stehen wir im schleichenden Umbruch vom Gemeinschaftsmenschen zum egozentrischen 'Selfie' des Anthropozäns? Nach verschiedenen Befreiungsversuchen betreibt der postmoderne Mensch seine digitale und ökonomische Selbstinthronisation an die Stelle des 'toten Gottes'. Diesem komplexen Prozess von Selbstermächtigung und Selbstunterwerfung ist zugleich seit der Christus-Theologie des Paulus und der Reformation das Gegenmodell von Subjekt-Werdung eingeschrieben: das paradoxe Widerfahrnis von Verpflichtung und Freiheitserfahrung. Dieses Paradox der Universalität des Christus-Geschehens und gleichzeitiger Singularität des glaubenden Individuums entlarvt die vornehmlich psychotherapeutischen Identitätskonzepte und Fundamentalismen für Subjekt-Werdung als naturalistische, bewusstseinsgebundene, vereindeutigende Fehlversuche. Beispiele aus Theologie, Philosophie, Kunst, Mode und Bildung zeigen diesen Widerstreit einer fatalen Egozentrik und einer Subjekt-Werdung, die asymmetrisch vom Anderen, von Gott, ausgeht als Paradox von Verpflichtetwerden und gleichzeitigem Versetztwerden in Freiheit.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Ãœber das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Zur Einführung
  • (I) Die Fragestellung: Individualisieren wir uns zu Tode?
  • (II) Der ‚Selfie‘ als Produkt und Gestalter neoliberaler (Un-)‚Kultur‘
  • (2.1.) Der neue Mensch ohne Eigenschaften: der ‚Selfie‘-Mensch
  • (2.2.) Beispiel Bildung: statt Bildung Selbstoptimierung des (Selfie-)Subjektes als selbstgesteuertes Lernen von Kompetenzen inklusiv ‚Selbstlernkompetenz‘?
  • (2.3.) Beispiel Mode: Die Selbst(ver)kleidung des Ichs als textile Metaphorik
  • (2.4.) Beispiel Medien: Selbstdigitalisierung des (Selfie-)Subjektes
  • (2.5.) ‚Ich heirate mich‘, ‚Ich glaube an mich‘, ‚Ich vergebe mir‘: Gott und Mitmensch implodieren in das spätmoderne Ich
  • (2.6.) Neoliberal, absolut frei: der, die, das (Selfie-)Subjekt ‚ohne Gott‘, ‚ohne Mitmensch‘, ‚ohne Welt‘
  • (III) Religiöse Ambitionen und Entsagungen
  • (3.1.) Von der Erleichterungsreligion über die Selbstperfektionierungsreligion zur Selbst(er)findungs- und zur Selbstdarstellungsreligion – und zur religiösen Gleichgültigkeit
  • (3.2.) Religiöse Individualisierungsschübe und Anfragen
  • (3.3.) Selbstfindung und Selbstdarstellung als Dynamik von Religion(en) und auch in der Großen Politik?
  • (3.4.) Ein Seitenblick: Das ‚Selfie‘-Ich in Literatur und Kunst – Beispiele
  • (IV) Weitere Spurensuche nach dem ‚Selfie‘-Subjekt
  • (4.1.) Der Mensch als individueller Körper und zugleich verbunden in dem Geist/Seele/Logos: der meta-physische Mensch
  • (4.2.) Der in Glauben und Buße entsicherte und durch das Christus-Ereignis neu konstituierte Einzelne als Gegenmodell zu dem im Denken gesicherten Einheitsmenschen
  • (4.3.) Der Aufstieg des Individuums in Renaissance, Reformation und Humanismus
  • (4.4.) Ein Subjektivierungsschub in der Theologie Martin Luthers
  • (4.5.) Der Mensch des Humanismus: Ebenbild des Schöpfer-Gottes (als Gattungswesen) und zugleich eigenständiger Welt- und Selbstschöpfer (als Individuum)
  • (4.6.) Der Mensch als ‚Selbstbewusstsein‘: in der Tradition von René Descartes (1596–1650)
  • (4.7.) Das Subjekt in seiner reflexiven Selbst-Erfahrung
  • (4.8.) Das Ich-Subjekt im Übergang von der metaphysisch verbürgten Ordnung zur Selbstkonstruktion
  • (4.9.) Wird der Trans/Post-Humanismus das Subjekt in den Cyborg transsubstantiieren in einer hybriden Vergemeinschaftungsinitiative?
  • (4.10.) Vereinzelung in entsichernder Glaubensentscheidung contra vereindeutigenden Fundamentalismus
  • (4.11.) Der, die, das ‚Selfie‘-Subjekt in seinen spätmodernen Konturen
  • (V) Manifestationen neoliberaler Selbst(er)findungsreligion(en) und deren Kritik
  • (5.1.) Religion als Kitt auseinanderdriftender Selfies?
  • (5.2.) Religion als passgenau individualisierende Sinngebungsagentur?
  • (5.3.) Das Subjekt in der neueren Theologie an den Beispielen der Existenztheologie Rudolf Bultmanns, der Offenbarungstheologie Karl Barths und der Diskussion um „Verinnerlichungstendenzen“ in der protestantischen Ethik
  • (5.4.) Gegen die Illusion von Authentizität und Identität im Glauben
  • (5.5.) ‚In, mit und unter tapferem Sündigen‘ wird das Subjekt ‚extra se‘ in seiner Selbst-Differenz konstituiert
  • (5.6.) Subjektwerdung dank „gnadenhaft verliehener göttlicher Autonomie“ oder doch mittels postheroischer Selbstermächtigung?
  • (VI) Die unmögliche Möglichkeit oder das Paradox der Subjekt-Werdung
  • Literatur

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Vorwort

Mit diesem manchmal assoziativ verfahrenden Essay lege ich einen Versuch vor, an dem Thema ‚Subjektwerdung durch Individualisierung?‘ das Ineinander von christlich-kirchlicher, christlich-entkirchlichter, konfessionsloser Religiosität als Widerfahrnis von Subjektwerdung und säkularer/profaner, selbstbezüglicher, sich selbst ermächtigender und selbst-durchsichtiger Lebensgestaltung zu rekonstruieren. (In ähnlicher Weise hat z.B. Giorgio Agamben in „Herrschaft und Herrlichkeit“ (it. 2007, dt. 2010, 54 u. ö.) die Reziprozität von theologischem und politischem Denken rekonstruiert.) Dies geschieht im Blick auf einige markante Personen, z.B. Jesus von Nazareth, Augustinus und Luther bzw. Descartes und Nietzsche, auf solche Entwürfe, in denen es um die Subjekt-Werdung von uns Menschen im Horizont von Individualisierung geht, und auf solche Entwicklungen, die das komplexe Phänomen der ‚Individualisierung‘ der Gesellschaft und im Besonderen der christlichen Religion und des Einzelnen durch die Gesellschaft und durch christliche Religiosität hervortreten lassen. Dies zu eruieren und wie ein Mosaik zu präsentieren erfordert methodisch eine eher induktive als deduktive, eine eher dekonstruierende als logifizierende, eine eher diskursanalytische als monokausale Vorgehensweise. Es ist ein Versuch.

Vier Eingangstore, die vier Etappen der Selbstfindung des menschlichen ‚Ich/Selbst/Subjektes‘ widerspiegeln:

(1) „Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenem Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. Du kannst nach unten ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben in das Göttliche“ (Pico della Mirandola: Rede über die Würde des Menschen, 9).

(2) „Der Armenadvokat und freie Schriftsteller Firmian Stanislaus Siebenkäs kämpft den entbehrungsreichen Kampf des bürgerlichen Intellektuellen, um in der deutschen Kleinstadt des späten 18. Jahrhunderts physisch und geistig zu überleben. Obwohl er als Advokat zu den Honoratioren zählt, ist er gesellschaftlich isoliert; als freier Schriftsteller gehört er keinem der Stände an, weder den Handwerkern noch den bürgerlichen Amtsinhabern oder dem Patriziat. Er ist einsam und muß das Bild, das er von sich selbst hat und gibt, und damit sein Weltbild und Wertesystem, selbst entwerfen – ganz im Gegensatz zu den anderen Kuhschnapplern, die es mit ← | 10→ihrer Standeszugehörigkeit selbstverständlich übernehmen. Aus den festen feudalen und feudal-bürgerlichen Abhängigkeiten entlassen, leidet er an dem Widerspruch zwischen ihrem Fortbestehen in Kuhschnappel und anderswo und seiner freigesetzten bürgerlichen Subjektivität, die sich und ihre Welt selbst erschaffen will und muß“ (Nachwort zu Jean Paul: Siebenkäs, 1795/96).

(3) „Liebt euch selber aus Gnade, – dann habt ihr euren Gott gar nicht mehr nötig, und das ganze Drama von Sündenfall und Erlösung spielt sich in euch selber zu Ende!“ (Nietzsche: Morgenröte, Nr. 79, 1066).

(4) „Eigentlich gehörte sie zu einer Generation, deren turnschuhtragenden und Sushi-essenden Vertretern schon der Besitz einer Hauskatze als unerträgliche Verantwortung erschien. ‚Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen‘ war kein Glücksrezept mehr, sondern eine Horrorvision. Die Ewigpubertierenden wollten sich alles offenhalten und wunderten sich dann über Orientierungslosigkeit … in dem Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden. Sich dagegen wehren zu wollen, wäre gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen ein Naturgesetz, … dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat“ (Juli Zeh: Unter Leuten, 2016, 460, 614).

Basel/Schopfheim, im Herbst 2018
Uwe Gerber

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Zur Einführung

In welcher Gesellschaft möchten wir in Zukunft leben?, so fragen viele Bürgerinnen und Bürger in westlichen Gesellschaften. Und sie setzen meistens hinzu: Wir fallen als Gesellschaft unaufhaltsam und immer schneller und ohne großen Protest auseinander in vereinzelnde Individuen, letztlich in sozialautistische Monaden mit höchst individuellen Bedürfnissen und egoistischen Durchsetzungsstrategien. Der Kabarettist Sebastian Pufpaff seziert diese Welt: „Das Wir ist zum Ich verkümmert und fristet sein Dasein in den digitalen Legebatterien von Facebook, Twitter und Spiegel Online“. Heike Leitschuh beginnt ihre Analyse der „Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ mit der Bemerkung: „Heute gibt es noch weit mehr Anzeichen dafür, dass sich der Umgang der Menschen untereinander erheblich verschlechtert hat, und es gibt auch einen neuen Befund (sc. gegenüber den Analysen von Jörg Schindler „Die Rüpel-Republik“ von 2012): Es ist nicht nur das Benehmen, das zu wünschen übrig lässt. Es geht viel tiefer. Empathie und Solidarität, zwei ganz wesentliche Grundpfeiler einer humanen Gesellschaft, erodieren zunehmend“ (Leitschuh, 2018, 8). Individualisierung wird als befreiende und als destruktive Dynamik allerorten angetroffen. Der einst für einen humanen Individualismus berufene Liberalismus „hat sich zu Tode gesiegt, übrig geblieben ist kein befreites, rundum ermächtigtes Individuum, übrig geblieben sind vielmehr lauter Einzelne, die ohnmächtig vor den Wirkungen des globalisierten und digitalisierten Liberalismus stehen und sich nach einer autoritären Alternative sehnen“ (Bernd Ulrich, in: DIE ZEIT vom 09.05.2014, 1). Beide öffentlich-kollektiv wie individuell-subjektiv wirksame ‚Ideologien‘: der Liberalismus und seine autoritäre Alternative, zerstören das Individuum vollends und verhindern Subjekt-Werdung samt deren kommunikativen Bedingungen.

Im westlichen Christentum hat die protestantische Reformation vor 500 Jahren in Deutschland und in der Schweiz die mit der Renaissance aufgekommene Abhebung auf den einzelnen selbstständigen Menschen forciert. Und heute hebt die Wiedereinführung z.B. vorchristlicher nordischer Götter- und Glaubenswelten exklusiv auf den Einzelnen ab: „Hier kann ich in direkten Kontakt zu den Göttern treten und ich selber sein, ohne mich verbiegen zu müssen“ (FR vom 07.05.2018,19). Aber hier werden Religion und Glauben im Gegensatz zur reformatorischen Bestimmung als Gnadengeschenk Gottes ohne Zutun des sündigen Menschen (z.B. bei Luther) gerade umgekehrt subjektivistisch und konsumistisch angepriesen und gelebt als (Selbst-)Bestätigungen irgendwie religiöser ← | 12→Selbstbedürfnisse eines ‚religiösen Selfies‘ mittels einer sogenannten heidnischen Götterwelt ohne kritische Reflexion, ohne Verantwortung für Andere und anderes, also als Selbstverwirklichungsakt ohne Verpflichtung. Unter dem Oberbegriff ‚Bildung‘ wird in Schulen, Hochschulen und in Kindergärten, in Fort- und Weiterbildungen mittels digitalen Lernens und neuerdings ‚Gamification‘ die Individualisierung des Lernens vorangetrieben: ‚Du selbst bestimmst Dein Bilden‘ – als Balanceakt, wenn es gut läuft, als Kompetenzvermittlung und also als Anpassungsstrategie, wenn es schlecht läuft (DIE ZEIT vom 26.04.2018, 68; Lembke, Leipner 2016). In den Produktionsabläufen wird das ‚unternehmerische Selbst‘ geformt (Bröckling, 2007) – eine Subjektivierungsform, die faktisch nicht rückholbar ist. Im neoliberalen Konsumismus wird die ‚Individualität‘ mit dem Produkt eingekauft und die Verantwortung auf den einzelnen Käufer und Käuferin abgewälzt: „Jede Küche, die das Haus verlässt, ist ein charakterstarkes Unikat“ (Dolce Vita, 1/2018, 5), aber natürlich auf individuellen Wunsch und Verantwortung hin. Im neoliberalen Sozialsystem mit seinem Fordern und Fördern kann nur der Selbst-Manager als sogenannte Ich-AG überleben. In der digitalen Kommunikationsgesellschaft gilt das persönliche ‚Profil‘ des ‚Selfies‘ als erforderlicher Personalausweis, weil man sonst verloren geht (Bernard, 2017) – aber zugleich ist diese Subjektivierungsform standardisiert und löscht dadurch das Individuum ohnehin aus. Die ‚personalisierte Medizin‘ verspricht individuellste Behandlung, eine individuell zugeschnittene Therapie und Medikamentierung, verbunden mit einer Aufklärungsarbeit, dass der einzelne Patient mit seiner Krankheit weitgehend eigenverantwortlich umgehen kann (wobei alle wissen, dass dies nur für diejenigen bezahlbar ist, die es bezahlen können, und dass in dem Paradigmenwechsel hin zur Telemedizin die Gefahr der Isolierung des einzelnen Patienten steckt). Dem Einzelnen wird in allen seinen fragmentierten Lebensorten suggeriert, dass er und sie „kein unterworfenes Subjekt, sondern ein freies, sich immer neu entwerfendes, neu erfindendes Projekt sind“ (Han, 2014, 9). Und dann erschrecken Entdeckungen wie die des verborgenen Zusammenhangs von Selfies und Essstörungen, vom Wunsch der Einzelnen nach Nähe in einer digitalzentrierten berührungslosen Individualisierungsgesellschaft (Illouz, 2006, 164), nach vereinfachenden Orientierungen und Antworten in einer vereinzelnden und fortschreitend sinnentleerten ‚Uns geht es doch so gut wie nie‘-Gesellschaft. Wurde und wird solche Individualisierung als Chance verspielt durch einen atomisierenden digitalistischen Neoliberalismus (Rauterberg, 2018, 138)? Jede und jeder bezieht alles auf sich und verliert darin sich selbst?

In der europäischen (abendländischen) Geschichte hat der Protestantismus in der Neuzeit mit seiner Christus- und Bibelunmittelbarkeit in Weiterführung ← | 13→von Martin Luthers (1483–1546) Reformation die individuelle, persönliche Glaubenserfahrung und Glaubenseinsicht zur entscheidenden Instanz erhoben: „An die Stelle der institutionellen (sc. kirchlichen) Außenlenkung tritt eine allein an Gottes unverfügbarem Wort orientierte Innenleitung“ (Graf, 2017, 73). Die gläubige, innere Selbstgewissheit des frommen Subjektes geschieht als Gratwanderung zwischen einem zivilreligiösen Gebrauchsprotestantismus mit teilweise übertriebenem Freiheitspathos und einem evangelikalen, selbstgerechten Fundamentalismus (Gerber, 2015, 59ff.). Zugleich hatte Kant den „Prozess der Emanzipation der Anthropologie von Theologie und Gnadenlehre in der Philosophie zu einem ersten Abschluss“ gebracht (Oorschot, 2018, 134). Rousseaus Postulat unendlicher Freiheit, Lockes Prinzip der Selbsterhaltung, Hobbes’ Menschenbild des gegenseitigen Wolf-Seins definieren ein Menschsein im Urzustand unabhängig von christlicher Schöpfungs- und Versöhnungstheologie und von der Vorstellung einer göttlichen Heilsgeschichte. Mag auch Descartes’Fokussierung auf das Ich-Selbst als zureichendem Erkenntnisgrund eine Entsprechung in der jesuitischen Selbsterforschungsmethodik und in der protestantischen Frömmigkeit des 17. und 18. Jahrhunderts gehabt haben, so versteht und verhält sich der Mensch dieser Zeit als Herrscher der Welt und Interpret von deren Gesetzen und deswegen letztlich als von Natur aus ‚autonome‘ Figur, die sich ihres eigenen Verstandes in Mündigkeit bedient. Und weil sich diese Selbstermächtigung im Grunde kommunikativ vollzieht, tritt der Mensch als Sprach-Wesen, etwa bei Johann Gottfried Herder (1744–1803) und Johann Georg Hamann (1730–1788) in kritischer Wendung gegen den Vernunft-Idealismus, ins Rampenlicht. Als „erster Freigelassener der Schöpfung“ erschafft der Mensch in seiner Freiheit und Weltoffenheit seine eigene ‚Natur‘ (Herder). Dieser ‚Naturalismus‘ kommt im Zeitalter von Gentechnologie und Digitalisierung gut an, verzichtet aber auf die Einbettung sowohl in die Gewissheit des Glaubens als auch in ein organisches Wachstum zur Humanität, wie es Herder in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ als ‚Bewusstseinsbildung‘ formulierte hatte. Ähnlich wie schon bei Pico della Mirandola wird der Mensch in seiner Bestimmung zur Selbstbestimmung gesehen, indem die ursprünglich schöpfungstheologisch gemeinte Vorstellung der Imago Dei jetzt zu einer Zielbestimmung und dem Anlass einer Fortschrittsgeschichte wird. Der Einzelne ist gleichsam ein Dual aus gottgegebener Startausrüstung des Menschen allgemein (als Gattungswesen) und seiner individuell zu besorgenden Selbstverwirklichung. Er lebt, wie z.B. Helmuth Plessner 1969 den ‚Homo absconditus‘ charakterisiert hat, paradox: „Menschliches Leben muss es mit der Kränkung aushalten, dass es über kein abschließendes Wissen über sich selbst verfügt, und doch menschlich geführt werden soll und will“ (Moxter, 2018, 142). Dieses Paradox der ← | 14→Einzelexistenz hat sich nochmals radikalisiert mit dem Ende des Theismus und der Vernunftherrschaft z.B. durch Friedrich Nietzsche und durch die moderne Auflösung der Gesellschaft durch einen radikalen Neoliberalismus etwa durch Margaret Thatcher gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Muss und kann sich das moderne Subjekt/Ich selbst entwerfen, gleichsam als ‚Selfie‘ sich und seine Welt autonom gestalten, oder wird es in der Welt auf sich geworfen ohne Chance zum Überleben, oder wird eine emanzipatorische Kommunikationswelle neue Formen von organisierten, institutionalisierten und freien Verbindlichkeiten und Selbstvergewisserungen bringen?

Der Soziologe Zygmunt Bauman hat in seinem letzten Buch „Retrotopia“ (2017) analysiert, wie die vor 500 Jahren von dem Humanisten Thomas Morus (1478–1535) verfasste ‚Utopia‘ einer idealen Gemeinschaft ihren konkreten Zukunftsort (topos) verloren hat und „damit negiert worden ist, damit sie individualisiert, privatisiert und personalisiert (und nach dem Prinzip der ‚Subsidiarität‘ auf den Einzelnen in seinem Schneckenhaus übertragen) werden konnte“ (Bauman, 2017, 12f.). Mit dieser Negation der Utopie als Zukunftsvision verlieren die heutigen Visionen ihre Konstituierung durch die Zukunft und speisen sich „aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit“ (Bauman, 2017, 13). Die implizierte Idee des (aus der Heilsgeschichte profanisierten) Fortschritts wird mit ihrer Umtaufung auf die ‚gute‘ Vergangenheit – “Make America great again” – von den politisch, ökonomisch, religiös, ideologisch Machthabenden als Befreiungsdynamik für den Einzelnen verkauft und damit privatisiert und individualisiert. Die Gestaltung der Gesellschaft, die bislang durch Politik, Verbände, Kirchen, Bewegungen betrieben wurde, vermag nicht mehr die Menschen zu beglücken, sondern verschiebt diese sozial-politische Aufgabe ins Individuelle. Bauman verweist hier auf Ulrich Beck, „dass es von nun an dem Einzelnen überlassen war, ‚seine persönlichen‘ Lösungen für die von der Gesellschaft hervorgebrachten Probleme zu finden oder zu konstruieren – auf der Grundlage seines Verstands und seiner individuellen Ressourcen und Fähigkeiten. Ziel war nun nicht mehr eine Verbesserung der Gesellschaft (die in jeder praktischen Hinsicht ausgeschlossen erschien), sondern die Verbesserung der eigenen Stellung innerhalb dieser wesensmäßig und endgültig unverbesserlichen Gesellschaft. Anstelle gemeinsamer Erträge aus kollektiven Bemühungen um soziale Reformen gab es nur noch den individuell angeeigneten Wettbewerbsgewinn“ (Bauman, 2017, 21f.). Aber zurück wohin, fragt Bauman: etwa zu Hobbes’ kontrollierendem Leviathan-Staat, oder ans Stammesfeuer als Hort imaginierter Gesamt- und Ganzheit mit Wir-Gefühl, oder in die wachsende soziale Ungleichheit oder gar narzisstisch zurück in den Mutterleib? Alle diese Versuche führen in das Entweder-Oder: „Entweder ← | 15→wir reichen einander die Hände – oder wir schaufeln einander Gräber“ (Bauman, 2017, 203).

Details

Seiten
196
Jahr
2019
ISBN (PDF)
9783631784341
ISBN (ePUB)
9783631784358
ISBN (MOBI)
9783631784365
ISBN (Hardcover)
9783631781647
DOI
10.3726/b15389
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
Selbstverwirklichung Menschenbild Selfie-Egozentrik Identität Postmoderne Homo Deus
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2019. 193 S.

Biographische Angaben

Uwe Gerber (Autor:in)

Uwe Gerber studierte Evangelische Theologie und Philosophie in Tübingen, Bonn und Basel. Er promovierte in Basel mit einer Arbeit zum Katholischen Glaubensbegriff seit dem I. Vatikanum und habilitierte mit einem Beitrag zur Disputation als Sprache des Glaubens. Uwe Gerber war als Akademischer Oberrat an der TU Darmstadt und als außerordentlicher Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät in Basel tätig.

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