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Staatenlexikon Asien

Geographie, Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft

von Wolfgang Gieler (Band-Herausgeber:in) Sabine Wege (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 640 Seiten

Zusammenfassung

Das Staatenlexikon vermittelt grundlegende Kenntnisse zu Geographie, Kultur, Politik und Wirtschaft der asiatischen Staatenwelt. In alphabetischer Reihenfolge – von Afghanistan bis Vietnam – werden alle 46 Staaten behandelt. Die Besonderheit des Lexikons besteht in der Analyse gegenwärtiger gesellschaftspolitischer und ökonomischer Entwicklungen als historisch bedingte Prozesse. Alle Länderprofile geben kompakt und profund Auskunft über historische und aktuelle Entwicklungen. Das Buch weist zudem weiterführende Literatur zu jedem Land aus. Zielgruppen sind vor allem Wissenschaftler, Studierende, Dozenten, Journalisten und sonstige Mittler politischer Bildung sowie alle politisch Interessierten. Ein Grundlagenwerk für alle, die sich mit den Staaten Asiens beschäftigen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Afghanistan (Andreas Dittmann und André Staarmann)
  • Armenien (Lothar Rieth und Meik Nowak )
  • Aserbaidschan (Christian Johannes Henrich)
  • Bahrain (Wolfgang Gieler)
  • Bangladesch (Rahima Aktar und Aleksandr Bliman)
  • Bhutan (Wolfgang Gieler unter Mitarbeit von Nihad Darahman)
  • Brunei Darussalam (Wolfgang Gieler unter Mitarbeit von Fidan Benzer)
  • China (Thomas Crone)
  • Georgien (Lothar Rieth)
  • Indien (Bojan Laganin und Meik Nowak)
  • Indonesien (Saskia Thorbecke)
  • Irak (André Staarmann und Andreas Dittmann)
  • Iran (André Staarmann)
  • Israel (Laura-Fee Wloka)
  • Japan (Anke Scherer)
  • Jemen (Markus Mess)
  • Jordanien (Wolfgang Gieler)
  • Kambodscha (Markus Schupp)
  • Kasachstan (Meik Nowak)
  • Katar (Holger Gödderz und Mohammed Zarouni)
  • Kirgisistan (Sabine Wege)
  • Kuwait (Zeynep Yilmaz)
  • Laos (Wolfgang Gieler unter Mitarbeit von Maren Friesecke)
  • Libanon (Wolf-Dieter Lassotta und Schirin Vahle)
  • Malaysia (Tim Hass)
  • Malediven (Martha Ay und Sophie-Kristin Raetz)
  • Mongolei (Hans Born)
  • Myanmar (Sascha Valentin)
  • Nepal (Wolfgang Gieler unter Mitarbeit von Sibel Kömür)
  • Nordkorea (Daniela Claus-Kim)
  • Oman (Mahmut Aziz und Markus Mess)
  • Pakistan (Andreas Dittmann)
  • Philippinen (Cristina Carmina Gregorio-Barramenda & Aleksandr Bliman)
  • Saudi-Arabien (Louisa Sofie Kropp und Natalja Geringer)
  • Singapur (Ismail Dalay unter Mitarbeit von Marylou Bielert)
  • Sri Lanka (Wolfgang Gieler unter Mitarbeit von Clara Franzke)
  • Südkorea (Elsa Küppers und Florian Pölking)
  • Syrien (Wolf-Dieter Lassotta und Martin Schwarz)
  • Tadschikistan (Sabine Wege)
  • Taiwan (Sascha Valentin)
  • Thailand (Wolfgang Gieler unter Mitarbeit von Philip Pfeifer)
  • Timor-Leste (Wolfgang Gieler unter Mitarbeit von Annika Wohne)
  • Turkmenistan (Hans Born und Meik Nowak)
  • Usbekistan (Meik Nowak)
  • Vereinigte Arabische Emirate (Bruno Muñoz-Perez und Mohammed Zarouni)
  • Vietnam (Thi Minh Chau Bui und Aleksandr Bliman)
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Karte
  • Staatenübersicht
  • Die Nationalflaggen der asiatischen Staaten
  • Verzeichnis wichtiger Person
  • Autorenverzeichnis

Vorwort

Durch zahlreiche Veränderungen und Wandlungsprozesse in den vergangenen Jahrzehnten orientiert sich der Blick der internationalen Politik auf den asiatischen Kontinent insbesondere auf den (außen-)wirtschaftlichen Bereich. Neben Staaten wie China, Indien, Japan oder die ehemals als Tigerstaaten bezeichneten Staaten Singapur, Südkorea, Taiwan und die heutige Sonderverwaltungszone Hongkong gibt es eine Reihe weiterer asiatischer Staaten, die im Zuge der Globalisierung bedeutende Akteure der Weltwirtschaft wurden. Die arabische Golfstaaten Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emiraten traten insbesondere aufgrund ihrer Erdölvorkommen auf die internationale Ebene. Spätestens mit Gründung der OPEC haben die arabischen Golfstaaten die Bedeutung der Ressource Erdöl und damit die Interdependenzen des Globalen Nordens mit dem Globalen Süden verdeutlicht. Weitere relevante regionale wirtschaftliche Organisationen – etwa die ASEAN, SAARC, SCO und APEC haben sich international etabliert. Eine verstärkt breitere – nicht nur wirtschaftlich bezogene – öffentliche Wahrnehmung der asiatischen Staatenwelt werden zudem sicherlich international bevorstehende Großereignissen, wie beispielsweise die Sommerolympiade 2021 oder die Fußballweltmeisterschaft 2022, hervorrufen.

Der Begriff „Asien“ ist bis heute umstritten. Zumeist wird dieser vom assyrischen Begriff „Assu“ abgeleitet. Ins Deutsche übersetzt bedeutet „Assu“ „Sonnenaufgang“ bzw. „Osten“. Asien deutet demnach auf die Region in Richtung Sonnenaufgang, hin. Es entspricht somit dem lateinischen Wort „Orient“ oder dem deutschen „Morgenland“. In der Antike wurde das Gebiet Kleinasiens als Asien bezeichnet, später ergab sich auch der Name der römischen Provinz Asia daraus. Der römischen Historiker und Schriftsteller Gaius Plinius Secundus Maior, bezog den Begriff „Asien“ in der ältesten vollständig überlieferten systematischen Enzyklopädie „Naturalis historia“ um 77 n. Chr. dann auch auf den größeren Kontinent.

Im heutigen Sprachgebrauch bezieht sich der Begriff häufig auf den ost- oder südostasiatischen Raum, gelegentlich unter dem Einschluss Indiens. Selten schließt der Begriff auch Staaten westlich von Indien, mit ein. Seit ←9 | 10→dem Altertum stand Westasien bereits in engem Kontakt mit Europa. Im Kontrast dazu stellt Ostasien für Europa über viele Jahrhunderte den Inbegriff von Fremdheit dar. Der asiatische Kontinent nimmt jedoch eine bedeutende Rolle in der Menschheitsgeschichte ein. Bereits um 900 v. Chr. entstanden Großreiche – wie das Neuassyrische Reich oder 500 v. Chr. das Achämeniden Reich. Zudem haben sämtliche Weltreligionen vom Christentum bis zum Buddhismus ihren Ausgangspunkt in Asien.

Mit einer Fläche von rund 44,615 Millionen Quadratkilometern (ohne Russland 31,7 Millionen Quadratkilometer) ist der Kontinent flächenmäßig der weltweit größte. Die Gesamtbevölkerung von über vier Milliarden Menschen – mehr als der Hälfte der gesamten Weltbevölkerung –, ist auch die zahlenmäßig höchste im internationalen Vergleich. China und Indien sind die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt und zugleich die beiden einzigen Staaten mit einer Bevölkerung von jeweils über einer Milliarde Menschen. Einzelne asiatische Staaten wie beispielsweise Bangladesch und Gebiete von China und Indien haben zudem eine sehr hohe Bevölkerungsdichte. Die Bevölkerungsdichte insgesamt in Asien weist jedoch starke Unterschiede auf. Nord- und Zentralasien sind sehr dünn besiedelt, im Gegensatz dazu bewohnen 90 Prozent der Bevölkerung die Tiefländer im Monsungürtel. Dies entspricht etwa einem Viertel der kontinentalen Gesamtfläche.

Ferner ist die asiatische Staatenwelt politisch und wirtschaftlich durch tiefgreifende Unterschiede gekennzeichnet. Demokratien stehen autokratischen Herrschaftssystemen gegenüber, einige der wirtschaftlich ärmsten Staaten des Globalen Südens rasant wachsenden Volkswirtschaften. Auch ethnisch ist der Kontinent durch eine heterogene Struktur charakterisierbar. Südasien wird insbesondere historisch und kulturell durch indisch-hinduistische, buddhistische und islamische Elemente geprägt. Nordostasien ist hingegen durch konfuzianische Grundzüge gekennzeichnet. In Südostasien gehen die kulturell-historischen Einflüsse aus beiden Regionen ineinander über, wobei das kontinentale Südostasien stärker buddhistisch und das maritime Südostasien stärker durch Islam und Katholizismus (Philippinen) geprägt wurden. Unterschiedliche kulturelle und religiöse Prägungen sind zudem innerhalb der asiatischen Staaten erkennbar. Hinsichtlich der ethnischen Struktur stehen homogene Staaten wie Japan und Korea den sprachlich-religiös heterogenen Gesellschaften in Süd- und Südostasien entgegen.

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Weitere Kennzeichen des asiatischen Kontinents sind: die höchste Gebirgskette: Himalaya (sämtliche Berge verfügen über eine Gipfelhöhe von über 8.000 Meter), den ältesten und tiefsten Binnensee: den Baikal und das tiefstgelegene Gewässer: das Tote Meer. Es ist der Kontinent mit der mannigfaltigsten Vegetation, wechselnd vom Permafrostboden Sibiriens bis hin zum Dschungel Südostasiens. Neben den Extremen Tundra, Wüste und tropischer Regenwald sind auch alle anderen auf der Welt vertretenen Vegetationszonen in Asien auffindbar. Eine abschließend anzuführende Besonderheit sind die meisten interkontinentalen Staaten – Staaten, die sowohl asiatische Staatsgebiete als auch Staatsterritorien auf anderen Kontinenten umfassen. Hierzu zählen die Staaten: Ägypten, Türkei, Russland, Kasachstan, Indonesien und Japan.

In alphabetisch geordnetem Aufbau – von Afghanistan, China, Indonesien, Irak, Iran, Israel und Japan über Korea, Pakistan, Philippinen, Saudi-Arabien und Taiwan bis Thailand und Vietnam – werden insgesamt 46 Staaten des asiatischen Kontinents thematisiert. Die Entwicklung der jeweiligen Staaten wird aus deren Innenperspektive analysiert, um eine grundlegende Kenntnis der Geographie, Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft dieser Staaten zu vermitteln. Um eine Vergleichbarkeit zu ermöglichen, folgen die jeweiligen Länderbeiträge einer vorgegebenen, identischen Konzeption: Naturraum und geographische Rahmenbedingungen, geschichtliche Entwicklung bis zur Unabhängigkeit, Bevölkerungsstruktur – speziell ethnische Zusammensetzung –, Wirtschaftsstruktur, aktuelle politische Entwicklung und Literatur. In besonderem Maße wurde auf eine interdisziplinäre Betrachtungs- und Vorgehensweise Wert gelegt. Dies wird sowohl in der internationalen als auch fachwissenschaftlichen Zusammensetzung der Autorinnen und Autoren deutlich. Unser Dank gilt ihnen allen für die Erstellung der Beiträge: Ohne ihre effektive und konstruktive Zusammenarbeit wäre dieses Staatenlexikon nicht zustande gekommen.

Zielgruppe des Bandes sind insbesondere Wissenschaftler, Studierende, Dozenten, Journalisten und sonstige Mittler politischer Bildung sowie alle Interessierten, denen das Lexikon wesentliche Hintergrundinformationen zur differenzierten und abgewogenen Darstellung einer der bedeutendsten Regionen der internationalen Politik an die Hand geben möchte. Insofern eignet es sich sowohl als einführende Überblickslektüre als auch als Vertiefung für alle diejenigen, die sich mit der Region Asien auseinandersetzen. ←11 | 12→Das Staatenlexikon bemüht sich einerseits um eine einführende Überblicksdarstellung dieser Region, andererseits will es doch präzise genug sein, um auch Fachkreise anzusprechen. Daher wurde von einer Überfrachtung mit Fachterminologie und einem wissenschaftlichen Apparat mit Fußnoten usw. abgesehen.

Die Herausgeber

Prof. Dr. Wolfgang Gieler

Sabine Wege, M.A.

Andreas Dittmann und André Staarmann

Afghanistan

Offizieller Name:

Islamische Republik Afghanistan

Staatsform:

Islamische Republik

Unabhängigkeit:

19. August 1919 (von Großbritannien)

Nationalfeiertag:

19. August (Unabhängigkeitstag)

Hauptstadt:

Kabul

Lage:

Zentralasien

Fläche:

652 230 qkm (Weltrang: 40)

Bevölkerung:

34,9 Millionen (Juli 2018)

Landesstruktur:

34 Provinzen (Wilayats) und 398 Distrikte (Woluswali)

Sprachen:

Dari (50 Prozent), Paschtu (35 Prozent), daneben Turksprachen (11 Prozent)

Religionen:

Islam (85–90 Prozent Sunniten und 10–15 Prozent Schiiten), Andere (1 Prozent)

Währung:

Afghani (AFN)

Wirtschaftszweige:

Landwirtschaft: weltweit größte Opiumproduktion; Haschischproduktion, Weizen, Früchte, Nüsse, Wolle, Hammelfleisch, Schaffelle, Lammfelle;

Industrie: Ziegelherstellung, Textilien, Seife, Möbel, Schuhe, Dünger, Bekleidung, Lebensmittel, alkoholfreie Getränke, Mineralwasser, Zement; handgewebte Teppiche; Erdgas, Erdöl, Kohle, Kupfer

Mitgliedschaften:

UN, WTO (Beobachterstatus), ICC, NAN, OIC, SAARC, Bewegung der Blockfreien Staaten

Wichtigste Medien:

Die staatliche Rundfunkanstalt Radio Television Afghanistan (RTA) betreibt eine Reihe von Radio- und Fernsehstationen in Kabul und den Provinzen; schätzungsweise 150 private Radiosender, 50 TV-Sender und etwa ein Dutzend internationale Sender stehen zur Verfügung.

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Naturraum und geographische Rahmenbedingungen

Der Naturraum Afghanistans ist durch eine starke vertikale Gliederung und ein ausgeprägtes Relief gekennzeichnet. Daher ist Afghanistan trotz seiner in den nördlichen und südlichen Landesteilen gelegenen Hochebenen und Tiefländern in erster Linie als ein Gebirgsland aufzufassen. Gestalt und Ausprägung der afghanischen Landschaften sind das Ergebnis der Formbildungen durch tektonische Prozesse, die insbesondere in der Zeit der alpidischen Gebirgsbildung im Oligozän/Miozän sowie den seit dem Tertiär auftretenden Hebungs- und Senkungsphasen das gegenwärtige Landschaftsbild prägten. Mit Blick auf die Lage des Landes im Großrelief des asiatischen Kontinents ist der größte Teil dem Iranisch-Afghanischen Hochland zuzurechnen. Fast die Hälfte des gesamten afghanischen Staatsterritoriums (46 Prozent) nimmt eine mittlere Höhenlage von 600 bis 800 m ein. 33 Prozent der Landesfläche liegen zwischen 1 800 und 3 000 m und etwa 10 Prozent über 3 000 m.

Das vom Meer abgeschlossene Binnenland Afghanistan wird von dem mächtigen Gebirgszug des Hindukusch als dem südwestlichsten der großen zentralasiatischen Hochgebirge dominiert. Der im Norden an das Darwaz-Gebirge und den Pamir angelagerte Hindukusch markiert die Hauptwasserscheide zwischen dem Amu-Darja und seinen Nebenflüssen, die zum Aralsee hin entwässern und dem Einzugsgebiet des Kabul-Flusses, dessen Wasser dem Indus und damit dem Indischen Ozean zuströmt. Der östliche Teil des Hindukusch ist mit mittleren Höhenlagen von 2 000 bis 3 500 m stark zerschnitten, teilweise vergletschert und daher als „hochalpin“ aufzufassen. Der zentrale Hindukusch wird von lang gestreckten und tief eingeschnittenen Tälern durchzogen. Der höchste Gipfel dieses im Mittel 5 000 bis 6 000 m hohen Gebirgsabschnittes ist der 6 843 m hohe Kuh-e Bandaka. Der westliche Teil des Hindukusch wird von der Salang-Kette dominiert, deren mittlere Höhenlagen in ostwestlicher Richtung von etwa 5 000 auf etwa 4 000 m absinken. Die maximale Höhenlage wird im Wakhan-Korridor im Nordosten mit 7 485 m erreicht.

Das afghanische Hochland befindet sich einerseits im Osten, wo eine Reihe von Hochbecken durch relativ niedrige Passübergänge oder enge Durchbruchstäler miteinander in Verbindung stehen. Im Nordosten zeigt sich das Hochland vergleichsweise stärker gestuft und geklammert. ←14 | 15→Hier befinden sich die Becken der Kabul-Ebene, das Logar-Tal und der Koh-e Daman. Die sich im südlichen Einzugsgebiet des Kabul-Flusses am Gebirgsrand befindenden, tief eingeschnittenen Täler eröffnen eine östliche Verbindung in das subkontinentale Indus-Tiefland. Der Süden ist durch ein abflussloses Becken gekennzeichnet, welches sich vom Gebirgsrand in südlicher Richtung auf ca. 500 m absenkt. In diesem Gebiet verläuft sich der Fluss Helmand in den flachen Endseen von Seistan. Weiterhin liegen innerhalb dieser Beckenlandschaft die beiden Wüsten Registan (Sanddünen) sowie Dasht-e Margo (Schotter und Lehm). Die sich entlang der westlichen Landesgrenze befindliche Aneinanderreihung von kleineren Becken wird im Norden durch die Abdachung der Gebirge und das jeweils vorgelagerte Tiefland, das sich bis zum nördlichen Grenzfluss Amu-Darja auf ca. 300 m absenkt, unterbrochen.

Das Klima wird durch die Lage des Landes im altweltlichen Trockengürtel, durch die Entfernung zum Indischen Ozean sowie durch die ausgeprägte Reliefgestaltung bestimmt. Folglich sind große Teile als aride Wüsten- und Steppengebiete anzusprechen. Des Weiteren provozieren die kontinentale Binnenlage sowie die zumeist großen Höhenlagen über dem Meeresspiegel ein durch Frost und Schneefall gekennzeichnetes winterkaltes Klima, was in weiten Teilen Afghanistans eine längere Vegetationspause bedingt.

In den Hochgebirgsregionen des Hindukusch (> 4 500 m) werden mit mehr als 700 mm die landesweit höchsten Jahresniederschläge erreicht. Absteigend folgen dann das zentrale Bergland (4 500 bis 1 250 m) mit 700–200 mm Jahresniederschlag, die Halbwüsten- und Steppengebiete des Südwestens und Nordens von Afghanistan mit 100–200 mm Jahresniederschlag sowie die wüstenhaften Becken Südwest-Afghanistans mit weniger als 100 mm Jahresniederschlag. Lediglich ein schmaler Streifen im Osten liegt im nordwestlichen Randbereich des vorderindischen Sommermonsuns und seiner tropischen Luftmassen und empfängt daher regelmäßige Sommerregen.

Grundsätzlich sind für Afghanistan die folgenden klimatischen Merkmale zu identifizieren: Afghanistan ist hygrisch-klimatisch allgemein durch geringe Niederschlagsmengen gekennzeichnet. Diese treten mit einer hohen Variabilität auf und konzentrieren sich zudem weitgehend auf wenige Tage innerhalb der Niederschlagsperiode im Winter und Frühjahr. ←15 | 16→Thermisch-klimatisch ist für Afghanistan eine starke Kontinentalität des Klimas mit einer hohen jahreszeitlichen Veränderlichkeit sowie einer ausgeprägten Höhenstufung zu konstatieren. Die mittlere Jahresschwankung der Temperatur, d.h. die Differenz zwischen den Mittelwerten der Lufttemperatur im wärmsten und kältesten Monat eines Jahres, kennzeichnet den Grad der Kontinentalität des Klimas. Innerhalb Afghanistans streut diese Differenz zum Teil sehr beträchtlich zwischen 20 und 33 °C. Die höchsten mittleren Jahresschwankungen der Lufttemperatur (29–33 °C) treten sowohl im zentralen Hochland als auch in den Tiefländern Nord- und Südafghanistans auf. Die für diese Räume zu konstatierende deutlich kontinentale Prägung des Klimas unterscheidet sich signifikant von den thermisch-klimatischen Bedingungen in den Höhenlagen des Hindukusch-Gebirges. Die sich hier zwischen 20 und 21 °C einpendelnden Differenzwerte markieren die geringsten Schwankungen der mittleren Jahreslufttemperatur innerhalb des Landes und damit ein durch ozeanische Einflüsse geprägtes Klima.

Das relativ dichte Gewässernetz kann aufgrund seiner hydrologischen Gegebenheiten in fünf große Einzugsgebiete gegliedert werden, die etwa 90 Prozent der Gesamtfläche des Landes entwässern. Im Norden und Nordosten befindet sich das Einzugsgebiet des Amu-Darja, das im Norden 10 Prozent und im Nordosten 14 Prozent der Landesfläche abdeckt. Im Osten befindet sich das Einzugsgebiet des Kabul-Flusses, das 12 Prozent der Landesfläche abdeckt. Im Westen entwässern die Flüsse Hari Rud und Morghab ihre jeweiligen Einzugsgebiete (11 Prozent des Landes). Im Südwesten schließlich sorgt das Einzugsgebiet des Helmand für die Entwässerung von 43 Prozent der gesamten Landesfläche und repräsentiert damit das größte Flusseinzugsgebiet Afghanistans.

Geschichtliche Entwicklung von vorkolonialer Zeit bis zur Unabhängigkeit

Afghanistan liegt aufgrund seiner strategisch wichtigen Lage im „Herzen Asiens“ seit Jahrhunderten im Fokus der Interessen externer Akteure. Als frühe Beispiele externer Einflussnahmen sei auf die Herrschaft der persischen Achämeniden (559–330 v. Chr.), die Einfälle der griechischen Heere unter Alexander dem Großen (330–326 v. Chr.), die Herrschaft der ←16 | 17→Sassaniden (226–642), die Eroberungen durch die Araber (649 u. 663) mit folgender Islamisierung und die Einfälle der Mongolen unter Dschingis Khan (13. Jahrhundert) verwiesen. Im Anschluss an die klassische Weber’sche Dreigliederung zur Typisierung moderner Nationalstaaten (= Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsmacht) ist die Etablierung des Nationalstaates Afghanistan auf das ausgehende 19. Jahrhundert zu datieren. Im Zuge der im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgenden imperialen Durchdringung Zentral- und Südasiens durch das zaristische Russland und das Britische Empire wird das bis in die Gegenwart bestehende Staatsgebiet Afghanistans durch koloniale Grenzziehungskommissionen eben dieser Akteure festgeschrieben.

Dieser unter der Bezeichnung „Imperiales Great Game“ zu subsumierende Prozess produziert den modernen Nationalstaat Afghanistan, welcher als eine Pufferzone zwischen den territorialen Interessensphären rivalisierender Großmächte konstruiert wird und damit als ein Produkt externer Einflussnahme anzusprechen ist. Die der imperialen Grenzziehung unterliegenden ausschließlich geostrategischen Interessen sind durch eine völlige Ignoranz ökonomischer und ethnischer Sachverhalte gekennzeichnet. Insbesondere letzterer Aspekt trägt bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt zur anhaltenden Instabilität und Labilität des afghanischen Staatsgebildes bei.

Während des Ost-West-Konfliktes steht Afghanistan abermals im Fokus der Interessen externer Akteure. Die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der sowjetischen Invasion (1979) ist durch einen ideologischen Wettbewerb um sozialistisch und kapitalistisch geprägte Einflussnahmen gekennzeichnet, welcher unter der Prämisse entwicklungspolitischer Maßnahmen geführt wird. Neben der Implementierung und Finanzierung infrastruktureller Großprojekte, wie die Errichtung von Staudämmen zur Produktion von Hydroenergie, zielen bildungspolitische Maßnahmen, wie Universitäts- und Hochschulgründungen sowie die Entsendung afghanischer Studierender ins sozialistische bzw. kapitalistische Ausland, auf eine direkte ideologische Indoktrination der afghanischen Bevölkerung. Die nach dem Einmarsch der Sowjets erfolgende Errichtung eines kommunistischen Regimes katapultiert Afghanistan in einen zehnjährigen Stellvertreterkrieg (1979–1989), der seitens der Sowjetunion durch direkte militärische Intervention und seitens der USA durch indirekte ←17 | 18→Unterstützung oppositioneller Gruppen (Mujahedin) in Form von Waffenlieferungen, militärischer Beratung und Ausbildung geführt wird. Mit dem Rückzug der Roten Armee und dem folgenden Zusammenbruch des kommunistischen Regimes etablieren oppositionelle Mujahedin-Gruppen den Islamischen Staat Afghanistan.

Durch die Abwesenheit einer zentralen Staatsmacht sowie die Existenz diverser oppositioneller Gruppen mit unterschiedlichsten und teilweise unvereinbaren Zielsetzungen und Interessen ergibt sich seit Beginn der 1990er Jahre eine anarchistische Situation, welche in einem Bürgerkrieg mündet, im Zuge dessen weite Teile der afghanischen Hauptstadt Kabul völlig zerstört werden. In diesem Zusammenhang sei abermals auf die zentrale Rolle externer Akteure verwiesen (u. a. Pakistan, Iran, USA, Saudi-Arabien, Russland, Türkei), die durch Finanzhilfen an unterschiedliche rivalisierende Gruppen die Fortführung des Bürgerkrieges ermöglichen und damit unter der Prämisse eines „New Great Game“ ihre jeweiligen Interessen in Afghanistan respektive der Großregion Zentralasien durchzusetzen suchen. Mit dem Erscheinen der radikal-islamistischen Taliban-Bewegung, die sich vor allem aus Paschtunen, Usbeken, Tschetschenen und anderen Dschihadisten aus Zentralasien und dem Kaukasus zusammensetzt, wird der innerafghanische Bürgerkrieg beendet. Nach den Eroberungen von Kandahar und Herat wird im September 1996 die afghanische Hauptstadt Kabul von den Taliban eingenommen.

Mit der folgenden Etablierung des Taliban-Regimes bei gleichzeitiger Expansion in den Norden Afghanistans erreicht der Herrschaftsbereich eben dieser Gruppierung um die Jahrtausendwende ihren Höhepunkt. Die diplomatische Anerkennung des Taliban-Regimes durch Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate kennzeichnet sowohl die finanziellen als auch die ideologischen Unterstützer der radikal-islamistischen Herrschaftselite in Afghanistan. Der in der Folge von den Terroranschlägen von „9/11“ im Oktober 2001 eingeleitete Krieg der US-geführten westlichen Militärallianz in Afghanistan führt zum Sturz des Taliban-Regimes und zur Etablierung der Islamischen Republik Afghanistan. Die auf dem Petersberg in Bonn verabschiedete Verfassung des afghanischen Staates steht exemplarisch für die jüngste Phase externer Einflussnahme in dem Land am Hindukusch. Die bis in das Jahr 2014 andauernde massive militärische Präsenz westlicher Staaten sowie die gegenwärtige und auch ←18 | 19→zukünftig sicherlich kaum abnehmende Abhängigkeit der Islamischen Republik Afghanistan von westlichen Finanz- und insbesondere Militärhilfen unterstreicht die einleitend vorgebrachte These von der langen Tradition externer Einflussnahme in Afghanistan.

Bevölkerungsstruktur – insbesondere ethnische Zusammensetzung

Afghanistan ist gekennzeichnet von einer ausgesprochen ethnolinguistischen Vielfalt. Konkrete Zahlenangaben sind sehr schwierig, und verlässliche Daten kaum zu bekommen, da sie von unterschiedlichsten Akteuren jeweils verfälscht und zur Durchsetzung ihrer politischen Zwecke instrumentalisiert werden. Dennoch lässt sich festhalten, dass die größte Gruppe mit etwa 51 Prozent der Gesamtbevölkerung die Paschtunen ausmachen, deren traditionelle Siedlungsgebiete sich überwiegend im Osten und Süden des Landes befinden. Im Zuge von Umsiedlungsmaßnahmen gelangten jedoch auch viele Paschtunen in andere Gegenden des Landes, wie etwa in das südliche Umland von Herat.

Mit ca. 35 bis 38 Prozent stellen die Tadschiken die zweitgrößte ethnolinguistische Gruppe des Landes. Sie verteilen sich vor allem auf den Raum Kabul sowie die nördlichen und nordöstlichen Landesteile. Tadschiken und Paschtunen tendieren vielfach dazu, sich jeweils selbst als die für eine Herrschaft über ganz Afghanistan zuständige Gruppe zu betrachten und leben dazu eine nahezu alle Bereiche der afghanischen Gesellschaft durchdringende Konfliktkultur aus, welche die Landesentwicklung gleichzeitig paralysiert. Als rein theoretische Konstrukte, die aber mit der tatsächlichen Wirklichkeit der aktuellen Lebenswelten innerhalb des Landes nur wenig zu tun haben, müssen daher Überlegungen eingestuft werden, die Ethnizität, Tribalismus und das Denken in ethnischen Kategorien als „westliche Konstruktionen“ abtun wollen, und damit einfach nur eine eigene tief greifende Unwissenheit über die aktuellen emischen Prägefaktoren Afghanistans offenbaren.

Die dritte große ethnolinguistische Gruppe des Landes bilden mit etwa 16 Prozent, die heute überwiegend Tadschikisch sprechenden Hazara, deren Siedlungsgebiete sich im Zentrum des afghanischen Hochlandes befinden. Kleinere Gruppen bilden Usbeken und Turkmenen, von denen ←19 | 20→aber zumindest die Erstgenannten zur Zeit der Mujahedin-Kriege einen gewissen militärisch-politischen Einfluss erlangen konnten. Einige Tausend Belutschen bewohnen den äußersten Süden des Landes, haben aber ihre Bevölkerungsschwerpunkte mehr in ihren pakistanischen bzw. iranischen Siedlungsgebieten.

Biographische Angaben

Wolfgang Gieler (Band-Herausgeber:in) Sabine Wege (Band-Herausgeber:in)

Wolfgang Gieler ist Politikwissenschaftler und Ethnologe sowie Professor am Fachbereich für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund und Hankuk Universität Seoul/Süd-Korea. Durch seine außen- und entwicklungspolitische Beratertätigkeit sammelte er mehrjährige Erfahrung im Bereich deutscher und internationaler Entwicklungszusammenarbeit.

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Titel: Staatenlexikon Asien