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Das Paradoxon des transzendentalen Scheins

Eine systematische Untersuchung über Kleists „eigne Religion“ und Kant-Krise

von Silvan Kufner (Autor:in)
©2020 Dissertation 562 Seiten

Zusammenfassung

Die Kant-Krise 1801 ist seit 200 Jahren Gegenstand der Kleistforschung. Der Autor systematisiert und testet alle bisher zum Thema vorgelegten Hypothesen. Im Zentrum steht Kleists Grüne-Gläser-Gleichnis als Zeugnis seiner Krise. Sowohl analytische Zugänge wie die Frage nach der logischen Struktur desselben als auch rezeptionsgeschichtliche Zugänge wie die Frage nach der Referenzschrift des Gleichnisses können die Qualität einer Hypothese bestimmen. Philosophiehistorische Untersuchungen zu Kleists Weltbild vor 1801 belegen die Hypothese von Kants transzendentaler Dialektik als Krisenschrift. Andere Hypothesen erweisen sich dieser als unterlegen oder können widerlegt werden. Kleists poetologische und literarische Texte werden auf dieser Basis mit der transzendentalen Dialektik interpretiert.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Meinem Vater in Dankbarkeit gewidmet!
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1 Kleists Zustand 1801 – Rahmenbedingungen und Kernfragen einer Krise
  • 1.1 Kleists Zustand 1801 als Krise
  • 1.2 Die Ausgangssituation der Krise
  • 1.2.1 Die Bedingung, so lange zu warten bis er ein Amdt habe
  • 1.2.2 Die Liebe zu den Wissenschaften – das ist die Säule, welche schwankt
  • 1.3 Ort, Zeit und Umfeld der Krise
  • 1.4 Die vier Kernfragen der Krise
  • 1.4.1 Die Frage nach dem Gehalt des Gleichnisses
  • 1.4.2 Die Frage nach der Chronologie der Kantrezeption
  • 1.4.3 Die Frage nach der Zerstörungskraft der „neueren sogenannten Kantischen Philosophie“
  • 1.4.4 Kleists Kant-Verständnis im März 1801
  • 2 Heinrich von Kleists Individualreligion
  • 2.1 Die acht Konstituenten der Individualreligion Kleists
  • 2.2 Ausformung der Individualreligion in Kleists frühen Briefen
  • 2.2.1 Die Metapher des Seelenspiegels
  • 2.2.2 Naturteleologie und Ideenmagazin
  • 2.2.3 Vernunftbegriff und Seelenkräfte
  • 2.2.4 Kleists Wahrheitsbegriff
  • 2.2.5 Die Bestimmung des Menschen I – vernunftbasierte Lebensplanung zur Abwehr des zufälligen Schicksals
  • 2.2.6 Die Bestimmung des Menschen II – Perfektibilität und Apotheose durch Bildung
  • 2.2.7 Glückseligkeit, Ur-Grund allen Strebens
  • 2.2.8 Metaphysik in den Septemberbriefen und der Schrift Über die Aufklärung des Weibes
  • 2.3 Einflüsse zur Genese einer Individualreligion
  • 2.3.1 Christoph Martin Wieland – seraphische Lehren
  • 2.3.1.1 Gesicht von einer Welt unschuldiger Menschen – die Reise zu fernen Welten
  • 2.3.1.2 Die Sympathien – Sympathie als Anamnesis
  • 2.3.1.3 Die Natur der Dinge – überbotene Monadologie
  • 2.3.1.4 Moralische Briefe und Platonische Betrachtungen über den Menschen – Überlegungen zu Wielands seraphischen Schriften
  • 2.3.1.5 Agathon und die postseraphischen Schriften
  • 2.3.1.6 Die Orell-Hypothese: Sympathien, Theages, Gesicht von einer Welt unschuldiger Menschen
  • 2.3.2 Exkurs: Die Luft der Aufklärung – Hermetik, Monadologie, Metempsychose und ferne Welten
  • 2.3.2.1 Radikal-Pietismus, Eklektizismus und Neologie (Station I)
  • 2.3.2.2 Der Wolffianismus und der Streit um die Monade (Station II)
  • 2.3.2.3 Pythagoreismus, Platonismus und Hermetik im 18. Jahrhundert (Station III)
  • 2.3.2.4 Geheimbünde, Lessing und Metempsychose (Station IV)
  • 2.3.2.5 Metempsychose und Wissenschaft – Kleist und Wünsch
  • 3 Kleists Krise 1801 – eine Testung aller Hypothesen
  • 3.1 Hypothesen auf Basis einer Kantlektüre
  • 3.1.1 Hypothesen auf Basis der Kritik der reinen Vernunft
  • 3.1.1.1 Die Sinn-Hypothese – von unzuverlässigen Augen
  • 3.1.1.2 Die Ästhetik-Hypothese – von Raum und Zeit
  • 3.1.1.3 Die Analytik-Hypothese – von Kategorien des Verstandes
  • 3.1.1.4 Die Dialektik-Hypothese – von Antinomien und Paralogismen
  • 3.1.2 Hypothesen auf Basis der Kritik der Urteilskraft und der Kritik der praktischen Vernunft
  • 3.1.2.1 Die KU-Hypothese – vom gesunkenen Ziel
  • 3.1.2.2 Die KpV-Hypothese – vom Pflicht-Neigungskonflikt
  • 3.1.3 Hypothesen auf Basis anderer Kantischer Schriften
  • 3.2 Hypothesen auf Basis der Kantnachfolge und Kantvermittlung
  • 3.2.1 Die Fichte-Hypothesen – von der neuesten Philosophie
  • 3.2.2 Die Reinhold-Hypothese – von der Vorstellung
  • 3.2.3 Hypothesen auf Basis der Aetas Kantiana – von Gläsern und Gelbsucht
  • 3.3 Hypothesen der Aporie – philosophische Salongespräche
  • 3.4 Hypothesen, die von einer philosophischen Lektüre als Krisenursache absehen
  • 3.4.1 Inszenierungshypothesen – die Flucht vor Amt und Ehe
  • 3.4.2 Psychologische Hypothesen – „denn er war sehr melancholisch und finster“
  • 3.4.3 Hypothesen zur Sprachkrise und Lektürekrise – „die Sprache taugt nicht dazu“
  • 3.5 Ergebnis der Testung
  • 4 Das Interpretationspotential der Dialektik-Hypothese für Kleists literarische Werke
  • 4.1 Über das Marionettentheater
  • 4.1.1 Varianten des commercium mentis et corporis im Marionettentheater
  • 4.1.2 Der monadologische Diskurs im Marionettentheater
  • 4.1.3 Das Materialismus-Konzept des Marionettentheaters
  • 4.1.4 Die erste Lösungsstrategie des commercium mentis et corporis
  • 4.1.5 Die zweite Lösungsstrategie des commercium mentis et corporis
  • 4.1.6 Deviation aufklärerischer und romantischer Kosmologie
  • 4.2 Die Paradoxie der Überlegung
  • 4.3 Kleists Poetologie des transzendentalen Scheins
  • 4.3.1 Physikalische Antinomien der Rhetorik und der Pädagogik
  • 4.3.2 Poetologie des unwahrscheinlichen Wahrhaftigen
  • 4.4 Figurationen der Inversion und Täuschung
  • 4.4.1 Die Inversion des Weltlaufs
  • 4.4.2 Die Inversion der pythagoreischen Metempsychose
  • 4.4.3 Die Inversion Gottes
  • 4.4.4 Die „schwarze Sucht der Seele“ – ein Gegenbeispiel
  • 4.5 Das Erdbeben in Chili als Gottes-Antinomie
  • Zusammenfassung der Ergebnisse
  • Hypothesenliste zur Kant-Krise
  • Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Einleitung

„An einem Morgen“ – in den frühen Wintermonaten des Jahres 1801 – lief Kleist, „so schlecht das Wetter auch war, nach Potsdam, ganz durchnäßt“. Eine „unbeschreibliche Sehnsucht“ erfüllte ihn, sich am „Halse“ seiner Verlobten auszuweinen. Ein Gedanke der Kantischen Philosophie hatte „seit drei Wochen“ sein „Innerstes ergriffen“. Er führte Kleist zur Überzeugung, dass „hienieden keine Wahrheit zu finden“, dass „das, was wir Wahrheit nennen“, nur Schein, dass „Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr“ sei. Seitdem trieb ihn eine „innerliche Unruhe“ um, sich „zu zerstreuen“, sich „zu betäuben“. Den einzigen Gedanken, den seine „Seele in diesem äußeren Tumulte mit glühender Angst bearbeitete“, war „immer nur dieser:“ Sein „einziges, […] höchstes Ziel ist gesunken“. Für Kleist war es „der schmerzlichste Zustand ganz ohne Ziel zu sein“. Eine „unaussprechliche innere Leere erfüllte“ seine Seele. In „diesem rätselhaften Zustand bleiben“ zu müssen, hieße „ewig unglücklich“ zu sein.1

So könnte eine am Wortlaut von Kleists Briefen orientierte Narration über seinen Seelenzustand im März des Jahres 1801 lauten. Das Problem: Nicht nur Kleist wusste nicht, wie er diesen „rätselhaften Zustand“ (Br. 39, SW II, S. 638) auf einem „Blatte zusammenpressen soll“ (Br. 37, SW II, S. 633), sondern auch die Kleist-Forschung versucht seit 200 Jahren den Kern desselben zu fassen, ohne jemals zu einem Konsens gelangt zu sein. Einige neuere Hypothesen sehen in Kleists pathetischer Dokumentation seines Seelenzustandes in den Märzbriefen des Jahres 1801 gar eine geschickte Inszenierungsstrategie, um aus der Beziehung zu seiner Verlobten ausbrechen und sein Vorhaben legitimieren zu können, nach Paris zu reisen.2 Nicht ohne Grund war es die Metapher der Dunkelheit, mit der die Forschung Kleists Unfassbarkeit zum Ausdruck brachte: So ←13 | 14→konstatierte bereits Treitschke, dass uns in „räthselhaftes Dunkel gehüllt […] die einsame Gestalt Heinrichs von Kleist entgegen[trete]“ (Treitschke 1858, S. 599). Kreutzer prädiziert generell: Kleist sei „ein ‚dunkler‘ Autor“3.

Die zwei lichten Punkte in der Dunkelheit: Kleist selbst gibt in zwei Briefen Hinweise auf die Philosophie, die für seinen Zustand verantwortlich sei:4 Im Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge vom 22.3.1801 spricht er von der „neueren sogenannten Kantischen Philosophie“ (Br. 37, SW II, S. 634), die seinen Glauben an „Wahrheit und Bildung“ (Br. 37, SW II, S. 633) ins Wanken brachte.5 Im Brief an seine Schwester vom 23.3.1801 klagt Kleist, es scheine, dass er „eines von den Opfern der Torheit werden würde, deren die Kantische Philosophie so viele auf dem Gewissen hat.“ (Br. 37, SW II, S. 636). Den „Hauptgedanken“ dieser Philosophie, der sein „Innerstes ergriffen“ (Br. 37, SW, S. 633) hat, fasst Kleist in ein Gleichnis: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün […] – So ist es mit dem Verstande“ (Br. 37, SW II, S. 634).

In weiten Teilen der Forschung setzte es sich durch, Kleists Zustand als Krise, – und da davon ausgegangen wurde, dass eine Kantlektüre für dieselbe ursächlich war – ab 1923 als Kant-Krise zu bezeichnen.6 Doch bevor diese Bezeichnung dominant wurde, existierten bereits alternative Hypothesen: Bspw. ←14 | 15→veröffentlichte Cassirer 1919 eine Studie, in der er die Ansicht vertrat, Kleist habe Fichte gelesen (Cassirer 1919, S. 13). Das Spektrum der Lektüreannahmen umfasst mittlerweile fast das gesamte Kantische Œuvre und Teile der Aetas Kantiana – das sind Schriften, die im zeitlichen Umfeld Kants entstanden sind. Darüber hinaus wurden Hypothesen vorgebracht, die sowohl die Bedeutung einer philosophischen Lektüre als auch überhaupt die Existenz einer Krise leugnen. Da also die semantische Aufladung des Terminus technicus der Kant-Krise nach dem aktuellen Forschungsstand allenfalls hypothetische Geltung haben kann, wird im Folgenden zunächst der Begriff Kleists Zustand 1801 gewählt, ausgehend von Kleists eigener Bezeichnung, einem „rätselhaften Zustand“ (Br. 39, SW II, S. 638).

Vorliegende Arbeit stellt sich die Aufgabe, die Dunkelheit, die Kleists Zustand 1801 umgibt, nochmals systematisch zu erhellen. Ziel ist es dabei, zu einem genauen Bild zu gelangen, was diesen Zustand ausmachte und welche Konsequenzen sich daraus für Kleists literarisches Schaffen ergeben. Die Forschungsbeiträge zu diesem Thema wuchsen in der 200-jährigen Geschichte zu einem Ehrfurcht gebietenden Heer an. Es stellt sich also überhaupt die Frage der Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens: Warum eine weitere Studie zum Thema hinzuzufügen? Anstatt nun voreilig eine neue Hypothese zum Thema beizusteuern, die von vornherein der Gefahr unterliegt, in der schieren Masse unterzugehen, gilt es, zunächst innezuhalten und aus einer Metaperspektive zu betrachten, worin die Ursache für dieses gewaltige Forschungsinteresse zu suchen ist. Daraus ergibt sich dann auch die Sinnhaftigkeit, gar die Notwendigkeit einer systematischen Untersuchung von Kleists Zustand 1801.

Aus dieser Metaperspektive können fünf eng verwobene Problemfelder der Forschung zu Kleists Zustand 1801 identifiziert werden, die alle um das Kernproblem angesiedelt sind, dass Kleist zwar sein subjektives Leiden beschreibt, jedoch die Ursache desselben nur andeutet:

Das erste Problemfeld liegt in einer sehr begrenzten Textgrundlage, die Kleists Zustand 1801 dokumentiert. In der Hauptsache besteht sie aus zwei Briefen, genauer, aus zwei kurzen darin enthaltenen Passagen.7

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Zweitens lässt Kleists Formulierung, sein Zustand sei durch seinen Kontakt mit der „neueren sogenannten Kantischen Philosophie“ (Br. 37, SW II, S. 634) verursacht, ein sehr breites Spektrum an krisenauslösenden Schriften, das sowohl Kants Schriften, als auch die Aetas Kantiana umfasst, in Frage kommen.8 Dieses Spektrum muss durch ein Indizienverfahren eingegrenzt werden. Das zweite Problemfeld kann als Vagheit der Nennung der Referenzschrift bezeichnet werden.

Drittens ist das eigentliche Wesen von Kleists Zustand in einem Gleichnis formuliert, das durch seine metaphorische Sprache ein breites Interpretationsspektrum bietet. Damit verbunden ist die Frage, welches Tertium comparationis das krisenauslösende Philosophem und das Gleichnis verbindet.9 Dieses – und somit die Bedeutung des Gleichnisses überhaupt – verschiebt sich wiederum in Abhängigkeit davon, welche krisenauslösende Schrift man zur Interpretation des Gleichnisses ansetzt. Die Gefahr der petitio principii hängt gewissermaßen wie ein Damoklesschwert über unserem Untersuchungsgestand.10 Nichts destotrotz muss das Tertium comparationis möglichst klar bestimmt werden, um überhaupt sinnvoll von einer Bedeutung des Gleichnisses reden zu können.

Viertens ist das Phänomen von Kleists Krise hochkomplex, das sich bspw. aus psychologischer, philosophischer, philologischer und historischer Sicht deuten lässt.11 Eine Erklärung des Phänomens sollte seinem Facettenreichtum gerecht werden.

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Das fünfte Problemfeld schließlich liegt in der Beschaffenheit der Forschung selbst. Das Forschungsheer ist zu einer fast unüberschaubaren Größe angewachsen, sodass ein oft unabsichtliches Plagiieren kaum zu vermeiden ist oder bereits geklärte Probleme wiederholt auftauchen, weil bis zu Kristina Finks Aufarbeitung 2012 nur in seltenen Fällen die gesamte Forschungsbreite gesichtet wurde.12 Ferner bieten die bereits genannte Vagheit und Komplexität des Phänomens genügend Raum für alle möglichen literaturtheoretischen Ansätze, die durch ihre theoretische Färbung das Phänomen – oft auf unmögliche Weise – mit zusätzlicher Bedeutung überborden.13 Kleist wird so zur „Wetterscheide zwischen den von der Verstandesmethode her eher traditionellen Auslegungen einerseits und den dekonstruktivistischen Kleist-Lektüren andererseits“ (Eybl 2007, S. 31).

Wir stehen zunächst vor dem Problem, mit einer Vielzahl sich teils widersprechenden Hypothesen, die nach dem principium contradictionis nicht alle wahr sein können, konfrontiert zu sein; ein Problem, das den Pessimismus evozierte, dass die Ursache von Kleists Zustand 1801 nicht zu ergründen sei. Muth brachte diese Ambivalenz der Kleistdeutung bereits konzise auf den Punkt: Kleist erscheine bald „als eine geistdurchformte hohe Persönlichkeit, bald als ein von seinen Komplexen unheimlich getriebener Psychopath, bald als ein verständiger Kopf, bald als ein empfindungsgewaltiger Künstler.“ (Muth 1954, S. 16)

Auch die letzte systematische Untersuchung zum Thema von Kristina Fink stemmt und ordnet zwar eine kaum überschaubare Forschungsmenge, endet jedoch mit der Conclusio, dass sich die Kleist-Forschung bei der Deutung von Kleists Zustand 1801 in eine „Aporie“14 manövriert habe:

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Die „enorme Vielzahl von Deutungsansätzen und einander widersprechender, aber dabei nicht selten in gleichem Maße wahrscheinlicher Hypothesen läßt nur ein kritisches Fazit zu: Die bisherigen Untersuchungen des ‚Kantkrisen‘-Phänomens haben in 200 Jahren Forschungsgeschichte zwar eine Vielzahl an Möglichkeiten und interessanten Einzelheiten zutage gebracht, jedoch muß die Forschung sich angesichts des vorgestellten ‚Panoramas‘ der Deutungsgeschichte eingestehen, daß die ‚Kantkrise‘ inzwischen von einem Phänomen zu einem Problem geworden ist, das heute so ungelöst ist wie je.“ (Fink 2012, S. 88 f.)

Trotz der enormen Leistung von Finks Ansatz, die die Forschung der letzten 200 Jahre systematisch zusammengetragen hat, muss der Aussage widersprochen werden, dass die einzelnen Hypothesen „nicht selten in gleichem Maße“ wahrscheinlich seien.15 Die Aussage wäre dann gültig, wenn ein systematischer Vergleich des Wahrscheinlichkeitsgrads aller Hypothesen zum Ergebnis führte, dass sie in dieser Hinsicht tatsächlich gleichwertig sind. Ein solcher Vergleich mit entsprechend validen Mitteln ist jedoch nie erfolgt. Dies soll in vorliegender Untersuchung dadurch geleistet werden, dass Kernfragen zu Kleists Zustand 1801 entwickelt werden, durch die sich überprüfen lässt, wie genau und umfassend die einzelnen Hypothesen diese Kernfragen erklären können.

Zudem steht der pessimistischen, aporetischen Sicht auf die Forschungslandschaft die Tatsache gegenüber, dass die Forschung – als Ganzes betrachtet – wichtige Befunde liefern konnte. So nahmen bspw. Interpretationen Kleists Kantexegese betreffend, die selbst auf einer äußerst fragwürdigen Kantexegese beruhten, über die Jahre ab.16 Doch wieder, wenn sich ein Teil der Forschung sicher war, dass bspw. Kleist Kant falsch verstanden haben musste, wurde eine ←18 | 19→solche Unterstellung gar zur „Bankrotterklärung“17 der Kleist-Forschung deklariert. Gerade in Detailfragen kann also von einem Konsens keine Rede sein.

Vorliegender Ansatz ist dennoch von der Haltung geleitet, dass – wenn es überhaupt möglich ist, zu einem abschließenden Urteil über Kleists Zustand 1801 zu kommen – sich dieses nur über eine systematische Auswertung aller Hypothesen dazu ermöglichen lässt. Diese Haltung ist gleichzeitig eine Absage an pessimistische Deutungen der Forschungsflut. Damit ist auch gesagt, dass gelungene Interpretationen der Forschungsflut zum Thema auch standhalten müssen. Denn überblickt man die Forschung, ergibt sich doch das Bild, dass bereits sehr viele Detailfragen geklärt wurden, auf deren Antwort sich ein Indizienbeweis gründen lässt.

Dieses Projekt der systematischen Untersuchung soll in vier Teilen gestemmt werden:

In einem ersten Teil werden zunächst die Umstände der Krise dargestellt. Im Anschluss werden vier Kernfragen, die sich aus der Interpretation der zwei Krisenbriefe ergeben, vorgelegt. Somit wird das Spektrum, auf dem sich die Untersuchung befindet, eröffnet.

In einem zweiten Teil wird untersucht, welcher Weltsicht Kleist vor dem März 1801 anhing. Eine genaue Bestimmung des Weltbildes des jungen Kleist, das er selbst als seine „eigne Religion“ (Br. 37, SW II, S. 633) bezeichnete, ist notwendig, da sich ein krisenhafter Zustand erst erklären lässt, wenn ersichtlich wird, was in der Krise zerbrochen ist. Dieser Teil stellt somit die Ausgangslage – also, welche Einstellungen Kleist vor den ersten Monaten des Jahres 1801 hatte – für den eigentlichen Untersuchungskern.

In einem dritten Teil werden sämtliche Hypothesen zu Kleists Krise 1801 systematisiert und ausgewertet. Der Wert liegt zunächst in der Eingrenzung und Widerlegung. Aus dieser Systematisierung heraus werde ich meine eigene Hypothese formulieren, dass Kants transzendentale Dialektik für Kleists Krise 1801 verantwortlich war.

In einem vierten Teil wird das Ergebnis der Analyse von Kleists Zustand 1801 auf die Bedeutung für Kleists literarisches Werk hin untersucht. Im Vordergrund steht dabei zunächst die Interpretation der Texte Über das Marionettentheater und Von der Überlegung. Daraus werden Prinzipien der Poetologie Kleists abgeleitet. Schließen werde ich mit einer Interpretation des Erdbebens in Chili, an dem sowohl der Einfluss der Kant-Krise als auch die Wirksamkeit der poetologischen Prinzipien demonstriert werden können.

Im Anhang schließlich findet sich ein Kompendium der wesentlichen Zitate aller Forschungshypothesen, die nach der krisenauslösenden Schrift geordnet sind.18

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Durch diese vier Schritte kann bewiesen werden, dass Kleists Verhältnis zur Transzendenz, das sich in seinem krisenhaften Zustand wandelte, eine entscheidende Wirkung sowohl auf die poetologischen Prinzipien als auch den Stoff seiner literarischen Werke hatte. Damit wird ein traditionellerer Zweig der Kleist-Forschung erneut bestätigt. Das vom Ergebnis her Neue liegt jedoch in der Präzision, mit der sich einerseits beweisen lassen wird, dass die transzendentale Dialektik der entscheidende Teil von Kants Kritik der reinen Vernunft war, der zum krisenhaften Zustand führte. Andererseits wird die Bedeutung der Philosopheme der transzendentalen Dialektik für Kleists literarisches Schaffen deutlich werden.

Die Schwierigkeit der Systematik liegt ferner darin, die teils sehr heterogene literaturtheoretische Ausrichtung der Einzelstudien unter eine Kategorie zu subsumieren. Dabei wird versucht, eine möglichst neutrale Haltung einzunehmen. Dennoch liegt dem vorliegenden Projekt die Haltung zu Grunde, durch ein systematisches und rationales Verfahren unter besonderer Berücksichtigung der geistesgeschichtlichen Zusammenhänge zum Ergebnis zu kommen.19 Dass dadurch dekonstruktivistischen Ansätzen, in denen eine rationale Argumentation bewusst sabotiert wird, Gewalt angetan wird, lässt sich wohl an der ein oder anderen Stelle nicht vermeiden.


1 Brief an Wilhelmine von Zenge vom 22.3.1801 und vom 28.3.1801, Brief an Ulrike von Kleist vom 23.3.1801. In: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke. Hg. von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausgabe in einem Band. München: Hanser 2008. Bd. II. S. 630 ff., S. 637 ff., S. 636 f. Im Folgenden zitiert als SW I für Bd. I, SW II für Bd. II. Alle weiteren verwendeten Siglen werden im Literaturverzeichnis aufgelöst.

2 Vgl. etwa Schmidt (2003, S. 14).

3 Kreutzers (1968, S. 9) Diktum bezieht sich nicht nur auf den dunklen Gegenstand der Kleistʼschen Dichtung, sondern auch auf die Tatsache, dass wir wenige Dokumente besitzen, die den jungen Kleist fassbar machen, und diverse Stationen seines Lebens – etwa die Würzburger Reise – in Rätsel gehüllt sind.

4 Die zwei Briefe werden im Folgenden als Krisenbriefe bezeichnet.

5 Die Inhalte des Briefs vom 22.3.1801 diskutiert Kleist in einem weiteren Brief an Wilhelmine von Zenge vom 28.3.1801 (vgl. Br. 39, SW II, S. 637 f.).

6 Thomé lieferte den von seiner 1923 erschienen Dissertation „Kleistkrisis oder Kantkrisis“ abgeleiteten Terminus technicus, mit dem die Mehrheit der Forscher bis heute auf Kleists Zustand 1801 referiert. Zuvor bezeichnete Gaudig denselben als „katastrophisches Ereignis“ (Gaudig 1881, S. 41). Fischer brachte den Begriff ‚Krise‘ ins Spiel: „Ich sehe nicht ein, warum ein ‚wissenschaftlicher‘ Kopf nicht dieselben, von Kant hervorgerufenen Krisen durchmachen könnte wie Kleist“ (Fischer 1911, S. 518). Willige nannte den besagten Zustand das „Kant-Erlebnis“ (Willige 1915, S. 31); vgl. auch Ermatinger „Kanterlebnis“ (Ermatinger 1921a, S. 48). Letztlich etablierte sich der Begriff der Kantkrise (oder auch Kant-Krise, diese Schreibung werde ich verwenden) als Bezeichnung für Kleists Zustand 1801 in den wegweisenden Studien zum Thema (vgl. etwa Borkowski 1935, S. 20; Muth 1954, S. 23; Ide 1961, S. 257; Kreutzer 1968, S. 27; Greiner 1994, S. 86; bei Thorwart 2004: „die sogenannte Kantkrise“, S. 10; ebenso im Titel bei Fink 2012).

7 Dies sind die zwei Briefe an Kleists Verlobte vom 22.3.1801 und an seine Schwester vom 23.3.1801; sie werden im Folgenden als erster und zweiter Krisenbrief bezeichnet. Ein dritter Brief an seine Verlobte vom 28.3.1801 ergänzt den Inhalt des ersten Briefs. Zur Problematik der begrenzten Quellenlage vgl. etwa Fink (2012, S. 89). Ensberg positioniert sich zur Art des Umgangs der Forschung mit der beschränkten Textgrundlage kritisch: „Kleists ‚Kantkrise‘ bietet ein gutes Beispiel dafür, wie eine relativ schmale Materialbasis, in diesem Fall die Erwähnung des Philosophen in wenigen Briefen Kleists, Anlaß werden kann, einen unverhältnismäßig großen ideengeschichtlichen Überbau zu konstruieren.“ (Ensberg 1999, S. 78).

8 Dies ist die Formulierung im ersten Krisenbrief. Die Diktion im zweiten Krisenbrief lautet nur: „Kantische Philosophie“ (SW II, S. 636).

9 Nur in wenigen Studien wird die genaue Bedeutung des Gleichnisses zu entschlüsseln versucht, bspw. durch die Frage, für was genau die grünen Gläser stehen. Fink unternimmt eine solche Bedeutungsbestimmung explizit (Fink 2012, S. 75–88, speziell S. 84). Nur bei Muth (vgl. 1954, S. 53) fällt meines Wissens der Begriff Tertium comparationis und so gibt es auch nur bei Muth den expliziten Versuch, dasselbe zu identifizieren.

10 Struck bspw. argumentiert: „Alle bisherigen Versuche der Kleistforschung […] sind als gescheitert anzusehen. […] Methodologisch scheitern alle Versuche an der Nichtüberwindung des sog. hermeneutischen Zirkels, indem sich Krisenbeleg und Lektürenachweis des jeweils reklamierten Werkes wechselseitig bedingen.“ (Struck 1985, Abstract).

11 Ide wies zurecht darauf hin, dass die Diversität der Forschungsurteile über das Phänomen des Zustands 1801 durch „die Komplexität des inneren Vorgangs im Menschen Kleist“ (Ide 1961, S. 258) erklärbar sei. Ide sieht in den teils sehr differierenden Konklusionen der einzelnen Forschungsbeiträge eine Bereicherung (und weniger einen Missstand der Forschung), denn es handele „sich da durchaus um ein Erleben, das erst dann, wenn es von verschiedenen Seiten beleuchtet wird, in seiner Vielschichtigkeit annähernd richtig erfaßt werden kann.“ (ebd., S. 258).

12 Fink (2012) darf den Anspruch erheben, alle – auch weniger prominente – Forschungsbeiträge vollständig systematisiert zu haben. Wer also einen Überblick über die Forschungsgeschichte sucht, kommt an Fink nicht vorbei.

13 Ensberg (1999) kritisiert diesbezüglich die Kleist-Forschung auf grundsätzlicher Ebene: „Mangels eigener methodischer Reflexion sah sich die Forschung gezwungen, bei Kleist selbst um die Legitimation ihres Ansatzes nachzusuchen. Sie geriet so in die prekäre Lage, den Autor nicht nur zur primären Quelle der ‚Kantkrise‘, sondern auch als Sekundärquelle zu benutzen, ihn zum Zeugen und zum Richter seiner selbst aufzurufen.“ (ebd., S. 78). Ensbergs Einwand ist v.a. dann gültig, wenn Passagen aus dem literarischen Werk als Quelle für den Beweis einer Krise herangezogen und gleichzeitig mit einer solchen Krise interpretiert werden.

14 Fink (2012, S. 88 ff.). Finks Aussage ist zwar pessimistisch, aber insofern intellektuell redlich, als Fink eine systematische und die erste Analyse der Forschungsliteratur vorlegte, die den Anspruch der Vollständigkeit erheben darf! Fink stellt in ihrer Arbeit in einer ungeheuren und nie dagewesenen Detailliertheit die Entwicklung der Forschung dar; jedoch schließe ich mich ihrem Fazit dezidiert nicht an.

15 Ein Anliegen der Arbeit von Fink ist, „ein Kompendium zu schaffen, das späteren Studien zu diesem Thema die Recherchearbeit wesentlich erleichtern und verkürzen kann.“ (Fink 2012, S. 44 Anm. 218) Diesen Faden greife ich dankbar auf.

16 Man denke hier an die anfänglichen Schwierigkeiten einer exegetisch haltbaren Kantdeutung. Etwa Schmidts Aussage über die Kritik der reinen Vernunft, durch die Kleist angeblich darauf aufmerksam gemacht wurde, „daß wir keine Mittel haben, unser Erkenntnisvermögen zu untersuchen […]“ (Schmidt 1858, S. 261); oder Silzʼ Behauptung, dass die Kantische Philosophie Wissen unmöglich mache (vgl. Silz 1922, S. 321); oder aber der Versuch, Kleist unter empirischer Fehldeutung Kants seitens der Forscher selbst ein richtiges Kantverständnis anzudichten. Über solche Fehler hat sich die Kleist-Forschung erhoben.

17 Wichmann (vgl. 1988, S. 38) verwendete diesen Begriff gegen Staigers Fehlertheorie bei Kleist. Der begründete Verdacht, dass Kleist Kant falsch gelesen haben könnte, erscheint zumindest bei bestimmten Lektüreannahmen durchaus plausibel.

18 Finks bereits vorgestelltes Anliegen, „ein Kompendium zu schaffen, das späteren Studien zu diesem Thema die Recherchearbeit wesentlich erleichtern und verkürzen kann“ (Dies. 2012, S. 44 Anm. 218), wird durch diese Zitatensammlung aufgegriffen und erweitert.

19 Ich schließe mich Alts Forderung an: „Literaturwissenschaftliche Einflußforschung, die den Anspruch auf Objektivität erhebt, muß gestützt sein durch philologische Zuverlässigkeit und geschichtliches Bewußtsein.“ (Alt 1994, S. 97).

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1 Kleists Zustand 1801 Rahmenbedingungen und Kernfragen einer Krise

Im vorliegenden Kapitel werden zunächst die Rahmenbedingungen, danach die entscheidenden Fragen, die mit Kleists Zustand 1801 verbunden sind, dargelegt.

1.1 Kleists Zustand 1801 als Krise

Auf einer ersten Annäherungsstufe kann der Frage nachgegangen werden, ob es sinnvoll ist, Kleists Zustand 1801 tatsächlich mit dem Begriff Krise zu bezeichnen. Dabei macht es nichts, Kleists eigenen Worten zunächst in naiver Weise Glauben zu schenken.20 Denn in diesem ersten Schritt soll es nur darum gehen, ob das Briefmaterial auf rein inhaltlicher Ebene eine solche Bezeichnung stützt oder nicht.21 Erst wenn hier eine Antwort auf der Hand liegt, soll gewertet werden, ob die Forschung das Phänomen des Zustandes überbewertete oder es tatsächlich von höchster biographischer Bedeutung ist.22 Interpretationen schließlich, die ←21 | 22→Kleists Zustand 1801 als reine Inszenierung sehen, können – sollte Kleist tatsächlich einen krisenhaften Zustand beschreiben – dessen Proklamation auf rein inhaltlicher Ebene auch nicht leugnen. Ihre Argumentationsstrategie vollzieht sich auf einer Metaebene, indem versucht wird, eine Intention der Inszenierung nachzuweisen. Kurz, wir werden uns im Folgenden genau am Wort Kleists orientieren, in wieweit ihm Glauben geschenkt werden kann, wird in einem späteren Kapitel verhandelt. Ebenso verschoben wird die Frage, ob eine philosophische Lektüre, Kleists psychologische Befindlichkeit oder die gesellschaftlichen Umstände Kleists Zustand 1801 verursachten.

Im anfänglich recht fröhlichen23 Brief vom 22. März 1801 beginnt Kleist von seinem Zustand zu berichten, als er auf Wilhelmine von Zenges Frage zu sprechen kommt, wie es in seinem „Innern“ (Br. 37, SW II, S. 632) aussehe, die Wilhelmine offenbar in einem vorausgehenden Brief an Kleist stellt. Kleist antwortet, dass sich sein Wesen „jetzt um einen Hauptgedanken“ drehe, „der […sein] Innerstes ergriffen“ habe. (Br. 37, SW II, S. 632). Dieser Gedanke habe „eine tiefe erschütternde Wirkung auf […] [ihn] hervorgebracht“ (Br. 37, SW II. S. 632); er sei davon „schmerzhaft erschütter[t];“ worden (Br. 37, SW II, S. 633); er fühle sich „in seinem heiligsten Innern davon verwundet“24. Es sei „der einzige Gedanke“ gewesen, „den […seine] Seele […] mit glühender Angst bearbeitete“ (Br. 37, SW II, S. 633).

Diese Aussagen rechtfertigen die Bezeichnung einer Krise, vorerst als „schwierige Situation“25. Auch die Semantik einer punktuellen Aufnahme eines Gedankens, der diese Situation verursachte, ist nach den Worten Kleists gerechtfertigt.

Bei der Darstellung des Problems skizziert Kleist zunächst seine Jugendphilosophie, also die Weltsicht, der er anhing, bevor seine Gedankenenergie von jenem „Hauptgedanken“ vereinnahmt wurde: Er habe sich „schon als Knabe […] den Gedanken angeeignet, daß die Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung wäre.“ (Br. 37, SW II, S. 633) Darauf folgt eine recht detaillierte Beschreibung jener Philosophie.

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Der weitere Argumentationsverlauf ist, dass Kleist seine Jugendphilosophie durch „die sogenannte Kantische Philosophie“ widerlegt sieht, indem die wichtigen Begriffe der Bildung und Wahrheit nicht mehr tragfähig sind. Insofern also – glaubt man den Briefen – ist der Begriff der Krise im Sinne eines kritischen Wendepunkts26, der den Übergang von einer philosophischen Einstellung zu einer anderen markiert, ebenso gerechtfertigt.27

Ferner beschreibt Kleist eine Krise von existentieller Bedeutung. Durch einen völligen Telosverlust sei er zur Handlungslosigkeit getrieben worden. Es sei „der schmerzlichste Zustand, ganz ohne Ziel zu sein.“ (Br. 37, SW II, S. 635) Seit sein „höchstes Ziel […] gesunken“ sei, habe er „nicht wieder ein Buch angerührt“ (Br. 37, SW II, S. 634). Milderung verhofft sich Kleist durch Zerstreuung „in Tabagien und Kaffeehäusern“ (Br. 37, SW II, S. 634), doch letztlich verkündet Kleist: „eine unaussprechliche Leere erfüllte mein Inneres“ (Br. 37, SW II, S. 635). Auch „das letzte Mittel“ – eine Lektüreempfehlung des Kettenträgers seines Freundes Rühle von Lilienstern – „war fehlgeschlagen“ (Br. 37, SW II, S. 635).

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Im Folgenden werden die Rahmenbedingungen der Krise untersucht, die Kleists Krisendarstellung einer monokausalen Deutung entziehen. Dennoch muss aufgrund eben jener Darstellung konstatiert werden, dass aus jeder Zeile der Krisenbriefe „der Ton existentieller Betroffenheit“ (Müller-Salget 2002, S. 53) widerhallt, wodurch sich vorläufig Müller-Salgets Verdacht erhärtet, die Inszenierungshypothese bagatellisiere das Phänomen der Krise zu sehr (vgl. ebd., S. 52 f.).

1.2 Die Ausgangssituation der Krise

1.2.1 Die Bedingung, so lange zu warten bis er ein Amdt habe

Das Jahr 1800 ist für Kleist ereignisreich und turbulent. Es ist ein Jahr voller angebrochener Projekte, die zum Jahresende unvollendet bleiben, in ungewisser Schwebe verharren oder abgebrochen werden. Dabei erhofft und verspricht Kleist sich und anderen in einem Akt der anfänglichen Euphorie und bedingungslosen Hingabe an seine Projekte Glückseligkeit. Erste Widerstände zerbrechen Hoffnung und Versprechen bereits in den Anfängen.

Mit Wilhelmine von Zenge geht Kleist eine Verlobung ein, von der sie in einem Brief vom 16. Juni 1803 an ihren späteren Ehemann Wilhelm Traugott Krug genaueres Zeugnis ablegt. Obwohl sie darin das Ziel verfolgt, Krug zu ehelichen und ihre Würde ob ihres ersten Verhältnisses zu Kleist zu verteidigen, gibt es keinen Grund, ihren Ausführungen nicht glauben zu dürfen.28 Darin ←24 | 25→gibt sie folgendes Bild: Wilhelmine, die der Versetzung ihres Vaters von Berlin nach Frankfurt an der Oder mit Widerwillen folgen musste, fand in der für sie neuen und ungewohnten Umgebung einen ersten Anschluss an die Frankfurter Gesellschaft durch „die Kleistsche Familie“ (BKB 6, S. 31). Der Kontakt intensivierte sich durch Kleists Bruder, der dem Regiment von Wilhelmines Vater unterstand; er verkehrte „täglich“ (BKB 6, S. 31) mit Wilhelmines Familie. Kleist selbst „nahm aber keinen Theil an […dieser] Gesellschaft“ (BKB 6, S. 31). Auch als Kleists Bruder nach Potsdam versetzt wurde, nahm Kleist zwar seinen Platz ein, jedoch wurde er zunächst als schlechter Ersatz für seinen Bruder wahrgenommen. Dieser sei – glaubt man Wilhelmines Aussagen – „von allen gern gesehen, weil er ein sehr fröhlicher junger Mann war, und […] durch seinen Scherz oft zu lachen machte“ (BKB 6, S. 31). Jener schien das genaue Gegenteil seines Bruders zu sein. Wilhelmine beschreibt Heinrich von Kleist als „sehr melancholisch und finster“ (BKB 6, S. 31 f.). „Bald aber“ habe er aber in Gesellschaft seiner eigenen Schwestern die Zengeʼschen Schwestern „auf allen Spaziergängen“ (BKB 6, S. 32) begleitet. Die erste Annäherung zwischen Kleist und Wilhelmine war eine intellektuelle. Er besuchte Vorlesungen über Experimentalphysik bei Wünsch, die er vor den Geschwistern als dessen „Unterlehrer“ (BKB 6, S. 32) repetierte. Dies weckte so großes Interesse, dass schließlich die Geschwister Kleist und Zenge Wünsch selbst baten, ihnen Vorlesungen zu geben. Wilhelmine schrieb offenbar fehlerhafte Aufsätze darüber, was Kleist Anlass gab, sie in den ←25 | 26→„Hauptregeln der deutschen Sprache“ (BKB 6, S. 32) zu unterrichten; Wilhelmine nahm dankend an.

Bald darauf gestand Kleist Wilhelmine in einem Brief seine Liebe. Sie schreibt, Kleists Geständnis habe sie zum einen überrascht; zum anderen sei „er gar nicht der Mann nach […] [ihrem] Sinn“ (BKB 6, S. 32) gewesen. Sie habe versucht, ihn zu meiden, doch Kleist gab sich kämpferisch, worauf ihm Wilhelmine „den Mann“ beschrieben habe, der sie „glücklich machen kön̄te“29. Kleist willigte schließlich ein, und gab sich – folgt man der Schilderung Wilhelmines – „viel Mühe diesem Bilde ähnlich zu werden“, sodass sie ihm gestattete ihren Eltern zu schreiben. Sie habe ihm schließlich ihre Hand versprochen unter der Bedingung, dass ihre Eltern „einwilligten.“ (BKB, S. 33) Was genau Wilhelmines Vorstellungen eines würdigen Ehemanns waren, lässt sich nur vermuten. Deutlicher wird sie, als sie auf die Bedingungen ihrer Eltern zu sprechen kommt: „Meine Eltern gaben ihre Einwilligung, doch mit der Bedingung, so lange zu warten bis er ein Amdt habe“ (BKB 6, S. 33). – Eine Bedingung, die Kleist oft zu erfüllen versprach, doch nie einzuhalten im Stande war.30 Dies sah auch Wilhelmine, wenn sie schreibt, dass „er dem Ideale von Mann welches […] [sie] entworfen hatte noch im̄er nicht entsprach“ (BKB S. 33.). Doch ihre Zuneigung zu Kleist wandelte sich – auch dies verschwieg sie Krug nicht. Wollte sie in Kleist zu Beginn noch einen Ehemann erschaffen, der den gesellschaftlichen Anforderungen gewachsen war und einen entsprechenden Habitus sicherte, schien sie mehr und mehr „seine schnelle Fassungskraft“, „seine Phantasie“ und seinen „erhabenen ←26 | 27→Begriff von Sittlichkeit“ zu schätzen, sodass sie „bei seiner Abreise sehr unglücklich war, und ihn nachher bei jeder Gelegenheit vermißte.“ (BKB, S. 34)

Denn Kleist wirft Mitte des Jahres sein Studium an der Viadrina hin, kehrt Frankfurt und somit Wilhelmine den Rücken, um unter der Vorgabe, ein Amt zu ergreifen, nach Berlin zu reisen,31 obwohl sie nach Wilhelmines Zeugnis „ein halbes Jahr sehr glücklich“ (BKB, S. 34) lebten. Doch stattdessen fasst Kleist den Plan, mit Ludwig Brockes nach Wien zu reisen, verlegt aber in einem Gestus der Geheimnistuerei sein Reiseziel nach Würzburg,32 von wo aus er im Oktober schließlich nach Berlin zurückkehrt (vgl. Breuer/Guttermann 2013, S. 6). Dort kontaktiert er schließlich Karl August von Struensee am 1. November – wohl unter dem Druck von Wilhelmines Bedingung – mit der Bitte „den Sitzungen der technischen Deputation beizuwohnen zu dürfen“ (Br. 26, SW II, S. 583), um sich im „Kommerz- und Fabrikenfache“ (Br. 26, SW II, S. 584) auszubilden.

Das Bestreben, sich durch die Ausübung eines Amts „zu einem brauchbaren Mann zu bilden“ (Br. 29, SW II, S. 599), ist bei Kleist von vornherein mit einem nagenden Zweifel unterlegt, da es offenbar nur vom Anliegen, Wilhelmines eigenem Anspruch und dem ihrer Familie zu genügen, motiviert zu sein scheint.33 Von Anfang an stellt er dieser Laufbahn Alternativen entgegen. Die immer wiederkehrenden Beteuerungen Kleists, ein Amt ergreifen zu wollen, wird unter dieser Voraussetzung spätestens im November zum Problem. Hatte Kleist noch in Würzburg geschrieben, auf einer Mission von höchster Bedeutung zu sein,34 ←27 | 28→scheint er jetzt seine Verlobte nur mehr mit verschiedenen beruflichen Optionen und Fähigkeiten bei Laune halten zu können. So schreibt er Wilhelmine am 13. November: Er habe „seltnere Fähigkeiten, […] weil […] [ihm] keine Wissenschaft zu schwer“ werde (Br. 27, SW II, S. 587). Dies ist insofern bedeutend, als Kleist, obwohl er das Studium in Frankfurt an der Oder bereits geschmissen hatte und auch der Verdacht naheliegt, Wilhelmine noch bei Laune halten zu wollen, im November noch keine Spur einer generellen Skepsis gegenüber der Wissenschaft an sich erkennen lässt. Nicht weniger beeindruckend sind Kleists Alternativen: Er versichert Wilhelmine fast beiläufig, er könne das „schriftstellerische Fach“ (Br. 27, SW II, S. 587) ergreifen. Oder gar „die neueste Philosophie“ nach Frankreich, „in dieses neugierige Land“ (Br. 27 SW II, S. 587), verpflanzen. Es ist dies auch der Brief, in dem er Wilhelmine scheinbar endgültig ankündigt: „Ich will kein Amt nehmen.“ (Br. 27, SW II, S. 584)

Kleist war zu dieser endgültigen Aufkündigung dieses Plans wohl durch einen Brief von Wilhelmine verleitet worden,35 doch ein folgender Brief von Wilhelmine hatte ihn offenbar erneut zweifeln lassen. Im Brief vom 22. November macht er einen Rückzieher:

„Deinen Brief empfing ich grade, als ich sinnend an dem Fenster stand und mit dem Auge in den trüben Himmel, mit der Seele in die trübe Zukunft sah. […] daß auch Dich die Zukunft beunruhigt, ja daß Dich diese Unruhe sogar krank macht […] da konnte ich es in den engen Zimmer nicht mehr aushalten, da zog ich mich an, und lief, ob es gleich regnete, im Halbdunkel des Abends, durch die kotigen Straßen dieser Stadt, mich zu zerstreuen und mein Schicksal zu vergessen.“ (Br. 29, SW II, S. 598)

Details

Seiten
562
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631821787
ISBN (ePUB)
9783631821794
ISBN (MOBI)
9783631821800
ISBN (Hardcover)
9783631802748
DOI
10.3726/b16959
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
Wieland Leibniz Monadologie Marionettentheater Schroffenstein Grüne Gläser Transzendentalphilosophie Wolff Metempsychose Dialektik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 562 S.

Biographische Angaben

Silvan Kufner (Autor:in)

Silvan Kufner studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Regensburg. Er doziert als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft I an der Universität Regensburg.

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Titel: Das Paradoxon des transzendentalen Scheins