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Die Fastnacht der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“

Studien zu Mainz und anderen Regionen

von Michael Kißener (Band-Herausgeber:in) Felicitas Janson (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 250 Seiten

Zusammenfassung

Die vorliegende Publikation erforscht schwerpunktmäßig die Mainzer Fastnacht in der NS-Zeit. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Nationalsozialismus und zur Mainzer Stadtgeschichte, indem neue Quellen erschlossen und bekannte neu interpretiert werden. Weiterhin prüft sie das historische Forschungsparadigma „nationalsozialistische Volksgemeinschaft". Sie fragt nach den Verhaltensweisen der „närrischen" Volksgenossen in der Festöffentlichkeit der nationalsozialistisch geformten Stadtgesellschaft und ihren Nachwirkungen in der jungen Bundesrepublik. Studien zu weiteren regionalen Hochburgen von Fastnacht und Karneval sowie zur Feierkultur der DDR bieten eine wertvolle Basis für weiterführende Vergleiche.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zur Einführung (Michael Kißener, Felicitas Janson)
  • I. Die Mainzer Fastnacht im „Dritten Reich“
  • a) Überblick
  • Fastnacht in der NS-Volksgemeinschaft. Grundsätzliche Überlegungen (Markus Raasch)
  • Die „närrische“ Volksgemeinschaft. Mainzer Fastnacht im NS-Staat (Michael Kißener)
  • Eine Dachorganisation für die „närrische“ Volksgemeinschaft. Bemerkungen zur Gründungsgeschichte des Bundes Deutscher Karneval (Peter Krawietz)
  • b) Detailstudien
  • „Heil und Sieg der Mainzer Fassenacht“ ‒ Ideologische „Gleichschaltung“ der Büttenreden in der Mainzer Fastnacht (Marius Ellermeyer)
  • Mainzer Rosenmontagszüge in der NS-Zeit (Maylin Amann)
  • Die Frau in der Volksgemeinschaft. Weiblichkeitskonzepte in der Mainzer Fastnacht im Nationalsozialismus (Anna Katharina Lill)
  • II. Nachwirkungen und Folgen
  • „Eine gewisse Stille“? Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Mainzer Fastnacht (Joachim Scholtyseck)
  • Fasching und Karneval in der DDR (Uta Zintler)
  • III. Perspektiven des Vergleichs
  • Volksgemeinschaft im Kölner Karneval? (Marcus Leifeld)
  • Die Magie der Mausefalle. Schwäbisch-alemannische Fastnacht in der NS-Zeit (Werner Mezger)
  • Anhang
  • Zu den Archivbeständen der Mainzer Fastnacht (Frank Teske, Michael Kläger)
  • Bildzeugnisse der Mainzer Fastnacht im Nationalsozialismus (Felicitas Janson)
  • Gedruckte Quellen und Literatur
  • Bildnachweise
  • Personenregister
  • Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

Michael Kißener, Felicitas Janson

Zur Einführung

Am 13. Februar 1934, rund ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtübernahme und in der ersten Fastnachtskampagne, die unter dem NS-Regime organisiert wurde, erschien in den „Frankfurter Nachrichten“ ein Zeitungsartikel unter der Überschrift „Der große Tag des MCV“. Der ungenannte Autor rühmte in flammenden Worten die großartige rheinische Lebensart und die Freude, die die Mainzer Fastnacht den Menschen spende. Im Grunde aber, so der Autor, gehe es um weitaus mehr als nur Fastnachtsfreude, denn das Fest habe eine echte „nationale Grundlage und Bedeutung“:

Wer den Sonntag in der Stadthalle miterlebt hat, wer die prächtigen Männer kennt, die in Mainz den Karneval ‚machen‘, der weiß wie   e r n s t   [sic!] sie ihre Aufgabe nehmen. Wenn Heinrich   B e n d e r   sich an sein närrisches Volk wendet, dann spricht dort oben kein Witzereißer, sondern ein Mann, dem die Präsidentenwürde die sehr schwere Pflicht der Erziehung Tausender zu nationalem Glauben, zu Heimatliebe und rheinischer Lebensfreude aufgebürdet hat. Wenn Seppel   G l ü c k e r t   oder Martin   M u n d o    oder Eugen   B e c k e r   ihre gereimten Rügen erteilen, ihre gereimten Forderungen geltend machen, dann steht bestes deutsches Bürgertum im Kampfe gegen alles, was der Volksgemeinschaft oder dem Frieden Schaden zufügt. Wer den leidenschaftlichen Vortrag Glückerts erlebt hat, der weiß, daß hier ein Mann des Volkes mit dem Herzen um Wahrheit, Recht und deutschen Glauben ringt und daß nicht irgendwer irgendwelche Reime deklamiert.1

Deutlicher lässt sich wohl kaum die politische Auffassung, die der Nationalsozialismus von der Fastnacht hatte, formulieren. Und mehr als deutlich tritt in diesen Zeilen hervor, worin die politische Funktion von Fastnacht und Karneval im Nationalsozialismus gesehen wurde: Dieses Volksfest war wie kaum etwas anderes geeignet, die nationalsozialistische Volksgemeinschaftsideologie zu befördern, umzusetzen und aller Welt zu demonstrieren, wie ein unter dem „Führer“ Adolf Hitler geeintes Volk zusammenhält, ja in dieser Gemeinschaft in der Lage ist, allen Herausforderungen zu trotzen.

Es liegt daher nahe, die Mainzer Fastnacht unter dem seit mehr als einem Jahrzehnt in der NS-Forschung diskutierten Forschungsparadigma „Volksgemeinschaft“ zu analysieren. Dabei muss klar sein, dass dieser Propagandabegriff keine Realität erfasste und keineswegs statisch war, ja nicht einmal klar zu definieren war, was denn diese „Volksgemeinschaft“ genau sein sollte. Diese von allen Parteien auch der Weimarer Jahre immer wieder formulierte Zielstellung, ←7 | 8→aus der Vereinzelung und Verwirrung der Nachkriegszeit heraus wieder zu einer schlagkräftigen Gemeinschaft des Volkes zu kommen, übte aber große Strahlkraft auf die Menschen der 1930er Jahre aus und konnte von den nationalsozialistischen Politikern mit ihren ideologischen Vorstellungen gefüllt werden. Dazu gehörte ganz zentral, dass die Gemeinschaft der Volksgenossen jenen gegenüberstand, die nicht dazu gehören sollten: in erster Linie dem „rassischen“ Gegner, den Juden, aber auch anderen Gemeinschaftsfremden, etwa politisch Andersdenkende, die nun zu den „Muckern und Philistern“ gemacht wurden, gegen die sich die Fastnacht ja seit jeher gewandt hatte.

Der Blick auf die Fastnacht durch die „Brille der Volksgemeinschaftsforschung“ hat den Vorteil, dass alltagsnah die Anpassung an den von der nationalsozialistischen Ideologie vorgegebenen neuen Wertekanon erforscht werden kann, ohne gleich eine Kategorisierung zwischen williger „Anpassung“ und „Widerstand“ vornehmen zu müssen. Der Blick richtet sich auf das Verhalten der „Volksgenossen“, die Praxis steht im Mittelpunkt, die durchaus widersprüchlich sein konnte und von der gleichen Person mal mit mehr Anpassung, mal mit mehr Resistenz gelebt wurde. Nimmt man die Idee der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft als permanente Handlungsaufforderung ernst, lassen sich die Grenzen angepassten wie widerständigen Verhaltens besser vermessen, stellt sich manch eine Haltung, die wir traditionell und gerne zu voreilig als „Widerstand“ bezeichnen würden, im gesamten Lebensvollzug viel angepasster dar und umgekehrt wird manch eine Kleinform zivilen Mutes in ihrer widerständigen Qualität besser erfassbar, weil sie sich z.B. gegen den Kernbestand der intendierten Volksgemeinschaft abgrenzte.

Eben deshalb durchzieht die Beiträge dieses Aufsatzbandes neben der z.T. erstmaligen Aufarbeitung der vergangenen Wirklichkeit im regionalen Kontext immer auch die Frage, inwieweit das Forschungsparadigma „nationalsozialistische Volksgemeinschaft“ hilfreich und erkenntnisfördernd bei dem Thema „Fastnacht und Karneval im Nationalsozialismus“ ist. Die Autorinnen und Autoren haben darauf durchaus unterschiedliche, z.T. abweichende Antworten gegeben, so dass mit diesen Studien auch ein Beitrag zur Diskussion um die „Volksgemeinschaftsforschung“ geleistet werden kann.

Darüber hinaus bietet der Band zahlreiche, über das enge thematische Feld hinausreichende, Ansätze zu einem Vergleich, der freilich noch einer systematischen Ausführung bedarf.

Im ersten Kapitel geht es spezifisch um die Mainzer Fastnacht im Nationalsozialismus. Die meisten der hier abgedruckten Beiträge entstammen einer Tagung, die am 23./24. Mai 2019 in Zusammenarbeit zwischen dem Arbeitsbereich Zeitgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Katholischen Akademie des Bistums Mainz im Erbacher Hof in Mainz ←8 | 9→durchgeführt worden ist. Sie unterteilen sich in einen ersten Abschnitt, der die Mainzer Fastnacht als Ganzes im Blick hat und sie im Volksgemeinschaftskonzept, im regionalen Rahmen und in überregionaler Bedeutung untersucht und in einen zweiten Abschnitt, der Detailstudien zur Mainzer Fastnacht bietet. Auch über das Jahr 1945 hinaus wird in einem zweiten Kapitel gefragt, inwieweit die NS-Zeit und das Volksgemeinschaftskonzept noch in der Nachkriegsgesellschaft in Ost und West Wirkung gezeigt hat.

Ein drittes Kapitel ermöglicht Vergleiche, indem – wiederum unter Beachtung des Volksgemeinschaftsparadigmas – Studien zum Kölner Karneval oder zur alemannischen Fastnacht geboten werden. So werden beachtliche Unterschiede und Nuancierungen deutlich, die das enorme Forschungspotential dieses wichtigen gesellschaftshistorischen Themas erkennen lassen.

Begleitet werden diese Beiträge durch einen ausführlichen Bildteil, der z.T. wenig bekanntes Fotomaterial aus dem Archiv des Mainzer Fastnachtsmuseums erschließt, sowie durch Hinweise auf die Quellen- und Archivlage, speziell für die Erforschung der Mainzer Fastnacht.

Wir hoffen, so einen interessanten und die einschlägige NS-Forschung bereichernden Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit geleistet zu haben, der die weitere Beschäftigung mit diesem gerade auch im regionalen Rahmen noch viel zu wenig bearbeiteten Thema anregen möge.

Dass dieser Band möglich wurde, ist freilich nicht alleine der Herausgeberin und dem Herausgeber zu verdanken. Viele haben sich an seiner Entstehung beteiligt, vielen ist für anderweitige Unterstützung zu danken: Ganz besonders danken wir den Studierenden des Historischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität für ihre originären Forschungsbeiträge (Maylin Amann, Anna Katharina Lill, Marius Ellermeyer), die Mitwirkung bei der Durchführung der Tagung (Benjamin Pfannes) und der Vorbereitung der Drucklegung (Christian Müller sowie Fabian Meyer und Simon Quint). Dr. Pia Nordblom hat in bewährter Weise die Drucklegung des Bandes betreut. Unser Dank gilt dem Förderverein des Mainzer Fastnachtsmuseums und dessen Vorsitzenden Gerd Ludwig sowie dem Leiter des Archivs Dr. Michael Kläger, dessen Beratung und unermüdlicher Einsatz die Studien zu diesem Buch ermöglichten. Der Gunter-Zentz-Stiftung danken wir für einen maßgeblichen Druckkostenzuschuss, der Akademie des Bistums Mainz für weitere Unterstützung.

Anmerkungen

1. „Der große Tag des MCV“, in: Frankfurter Nachrichten, 13. Februar 1934. Der Artikel ist auch in der Presseausschnittsammlung im MCV-Archiv Mainz, Ordner 1934, zu finden.

Markus Raasch

Fastnacht in der NS-Volksgemeinschaft
Grundsätzliche Überlegungen

„Wir sind das Volk“, „die Herrschaft für das Volk zurückerobern“, „den Volkswillen vollstrecken“, „den Volkskörper gesunden lassen“, „das Volk muss über dem Gesetz stehen“ – die Idee der „Volksgemeinschaft“ und ihre diversen Derivate prägen den politischen Diskurs unserer Gegenwart. Dies dürfte auch ein Grund dafür sein, dass die „Volksgemeinschaft“ in den letzten Jahren zu einem wesentlichen, vielleicht zum zentralen analytischen Ansatz der Forschung zum „Dritten Reich“ geworden ist. Obwohl immer wieder Kritik daran geäußert worden ist, ausgerechnet den vermutlich wichtigsten nationalsozialistischen Propagandabegriff als wissenschaftliche Untersuchungskategorie nutzbar machen zu wollen,1 kommt kaum eine einschlägige Publikation ohne Bezug zur „Volksgemeinschaft“ aus.2 Erstaunlicherweise sind dabei Fastnacht, Fasching und Karneval3 und damit Feste, die in den 1930er Jahren Abertausende von Menschen öffentlich gefeiert haben, nur ansatzweise ins Blickfeld geraten. Der Kölner Karneval ist vor allem durch die Arbeiten von Carl Dietmar und insbesondere Marcus Leifeld noch verhältnismäßig solide beforscht worden,4 schon für Düsseldorf sieht dies aber ganz anders aus, zur Mainzer Fastnacht im „Dritten Reich“ liegt keine Monografie vor, die einschlägigen Betrachtungen, etwa von Anton Maria Keim,5 Rita Link/Doris Wandel6 oder Friedrich Schütz,7 sind wenig systematisch, teilweise eher tentativ gehalten und zwischen 33 und 54 Jahre alt. Einen gezielten Anschluss an die neuere Volksgemeinschaftsforschung haben bisher nur sehr wenige versucht.

Im Folgenden soll zur Einführung in den vorliegenden Band veranschaulicht werden, warum dies geändert werden müsste. Dabei wird in drei Schritten vorgegangen: Erstens sollen der Aufstieg der Volksgemeinschaftsidee und die Besonderheiten der nationalsozialistischen Ausdeutung in Augenschein genommen worden. Zweitens gilt es, den Ort der Fastnacht in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie zu erhellen. Drittens schließlich soll herausgearbeitet werden, was die Volksgemeinschaftsforschung eigentlich macht und wie sie den Themenkomplex Fastnacht im Nationalsozialismus befruchten bzw. von ihm befruchtet werden könnte.

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Die Nationalsozialisten und die „Volksgemeinschaft“

Die Idee der „Volksgemeinschaft“ sollte Ordnung in eine immer unübersichtlicher gewordene Welt bringen. Zweifelsohne reichen ihre Wurzeln in Deutschland bis in die Napoleonische Zeit zurück, zumal in den sogenannten Befreiungskriegen erlebte das Bemühen, eine nationale Tradition zu konstruieren, das Eigene und das Fremde zu ‚erdenken‘, im Sinne von Selbst- und Feindbildern zu handeln, eine erste Blüte. Der Aufstieg des Volksgemeinschaftsgedankens ist freilich vor allem Produkt des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts und maßgeblich mit den komplexen Spanungslagen seiner Zeit verbunden.8 Noch kurz zuvor nicht für möglich gehaltene technische Errungenschaften, ein ebenso weitreichender wie mannigfaltiger Prozess der Medialisierung und die überall spürbaren Auswirkungen einer grundsätzlich nicht zu steuernden Globalisierung veränderten das Leben in nie gedachter Weise. Die Bevölkerungszahlen explodierten ebenso wie die Wissensbestände, das Verkehrswesen erlebte wie die Kommunikationsmöglichkeiten eine Revolution. Alles schien in diesem „Zeitalter der Nervosität“9 immer schneller, immer komplexer zu werden. Die Hoffnungen auf weitere qualitative Verbesserungen des Lebensstandards waren groß und zugleich erlebte das Krisennarrativ Hochkonjunktur. Auf der einen Seite wurden immer mehr Konventionen abgeschüttelt und neue Wege beschritten. Die jüdische Bevölkerung erhielt die Gleichberechtigung und Deutschland entwickelte sich von einem Auswanderungs- zu einem „Arbeitereinfuhrland“, die Arbeiterbewegung erhielt gewaltigen Zulauf, es entstand eine neue Sexualmoral, der emanzipatorische Kampf der Frauen blühte, Homosexuelle traten erstmals für ihre Rechte ein. Auf der anderen Seite beförderte dies massive Verlustängste und Abwehrkämpfe, es blühten Antisozialismus, Antifeminismus, Xenophobie, Rassismus und Antisemitismus.10 Die „Volksgemeinschaft“ sollte hier Abhilfe schaffen und den Gegenentwurf zur Komplexität der modernen Gesellschaft liefern. Sie zielte auf eine ethnisch gefasste Gemeinschaft, deren Interessen höher zu bewerten seien als jene des Individuums, eine Gemeinschaft, die derart geeint zu höchsten kulturellen Leistungen befähigt werde und im sozialdarwinistisch gedachten „Überlebenskampf der Völker“ über bessere Chancen verfüge. Sicherlich fand eine solche Vorstellung bei den Radikalnationalisten, also z.B. im Alldeutschen Verband, besondere Verbreitung.11 Jedoch war die Idee der „Volkgemeinschaft“ lange Zeit politisch deutungsoffen. Dies galt insbesondere nach 1914, als so viele in der teils realen, teils fiktiven Kriegsbegeisterung der Deutschen ein „Augusterlebnis“ erkannten, die Utopie des klassenlosen, von Sonderinteressen befreiten Gemeinwesens zumindest für kurze Zeit verwirklicht schien und der Gedanke der „Volksgemeinschaft“ in der Folge zu einer, wenn nicht der prägenden, ←16 | 17→politischen Denkfigur aufstieg.12 Zumal auch im internationalen Kontext, etwa in den USA oder in Skandinavien, politische Konzepte der Vergemeinschaftung florierten,13 vermochte sich keine politische Richtung ihrer Strahlkraft zu entziehen; alle bemühten sich, ihre speziellen Ziele mit ihr in Verbindung zu bringen. Während die Radikalnationalisten die Verwirklichung der „Volksgemeinschaft“ schnell mit dem Ausschluss und der Vertreibung von Juden sowie fremdsprachigen Minderheiten, etwa in Nordschleswig oder an der Grenze zu Frankreich, verbanden, wollte z.B. die von Gustav Stresemann geprägte Deutsche Volkspartei (DVP) diese wirtschaftspolitisch verstehen und Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Arbeitsgemeinschaft zusammenbringen, die dann zur „Volksgemeinschaft“ werden sollte.14 Unternehmer sprachen genauso von der „Volksgemeinschaft“ wie Bischöfe, und die Zentrumspartei betrachtete sich gemäß ihren Richtlinien von 1922 als „christliche Volkspartei, die bewußt zur deutschen Volksgemeinschaft steht und fest entschlossen ist, die Grundsätze des Christentums in Staat und Gesellschaft, in Wirtschaft und Kultur zu verwirklichen“.15 „Alle trennenden Unterscheidungen, die unser Volk zerklüften“, wollte sie beiseiteschieben.16 Die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) machte demgegenüber 1924 Wahlkampf mit der Parole „Demokratie heißt Überwindung des Klassenkampfgedankens durch Volksgemeinschaft“17, ihre Nachfolgepartei, die deutsche Staatspartei, hielt in ihrem Parteiprogramm fest, dass sie „auf volksgemeinschaftlicher Grundlage“ stehe und „jede Bindung an Sondergruppen konfessioneller, wirtschaftlicher, ständischer oder klassenmäßiger Natur“ ablehne.18 Reichspräsident Friedrich Ebert sah die kulturelle Bedeutung und wirtschaftliche Stärke des deutschen Staates eng mit der Volksgemeinschaftsidee verbunden19 und seine Partei wollte mit ihrer Hilfe die gesellschaftlichen Verhältnisse substantiell verändern, d. h. „Grund und Boden, die Bodenschätze sowie die natürlichen Kraftquellen, die der Energieerzeugung dienen, der kapitalistischen Ausbeutung entziehen und in den Dienst der Volksgemeinschaft überführen“.20

Details

Seiten
250
ISBN (PDF)
9783631840467
ISBN (ePUB)
9783631840474
ISBN (MOBI)
9783631840481
ISBN (Hardcover)
9783631830079
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
Nationalsozialismus Regionen Mainz Karneval Aufarbeitung Nachkriegsjahre Volksgemeinschaft Festkultur Freizeit Fastnacht
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 250 S., 36 s/w Abb.

Biographische Angaben

Michael Kißener (Band-Herausgeber:in) Felicitas Janson (Band-Herausgeber:in)

Michael Kißener ist Professor für Zeitgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Felicitas Janson ist Kunsthistorikerin und Studienleiterin an der Akademie des Bistums Mainz.

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Titel: Die Fastnacht der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“