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Über die Anfänge des Denkens − Kognition und Siedlung

Soziologie der Steinzeit – von der Höhlenmalerei zum Göbekli Tepe

von Lars Hennings (Autor:in)
Monographie 138 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Zusammenfassung
  • Abstract
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführung
  • Zum Vorlauf dieser Studie
  • Sich selbst verändernder Prozess
  • Ab wann ist Sapiens primär sozial?
  • Realer Konstruktivismus
  • Wie entstand Sinn?
  • Der Weg zum Denken – Lucy
  • Differenzierung des Gehirns und der Logik
  • Die neue Kommunikation – Anfänge des Denkens
  • Zur Kognition von Frühmenschen
  • Kindliches Lernen und Gehirnentwicklung
  • Alles voller Geister
  • Traditionales Denken
  • Frühe Höhlenmalerei und Kognition
  • Zum humanen Gehirn
  • Onto- und Phylogenese
  • Psyche und Bewusstsein
  • Urbanität in der Steinzeit?
  • Ältere Wildbeuter¡nnen
  • Jüngere Wildbeuter¡nnen
  • Sozial-differenzierte Gemeinschaft
  • Sozialer Wandel im Jung-Paläolithikum
  • Siedlungen des Nahen Ostens vor dem Landbau
  • Göbekli Tepe, Zentrum sesshafter Wildbeuterei
  • Ansehen, Macht, Institutionalisierung
  • Siedlungsstruktur am Göbekli Tepe
  • Literatur
  • Kurzfassung des Gesamtkonzepts

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Einführung

Als Homo sapiens vor 40.000 Jahren von Afrika kommend das westliche Eurasien erreicht,1 entstehen von den Pyrenäen bis zur Schwäbischen Alb bald kleine Skulpturen, Flöten und frühe Höhlenmalereien. Langsam ändern sich auch die Werkzeuge, die bis dahin noch denen der Frühmenschen ähneln; Homo erectus und neanderthalensis sterben beide zu dieser Zeit aus. Zusammen mit einer komplexen Zeichen- und Gebärdensprache verweisen diese neu erworbenen Fähigkeiten auf eine erweiterte Qualität der Kommunikation. Die erst kürzlich von der Archäologie und den mit ihr verbundenen Wissenschaften gemachten Entdeckungen, (1) Sapiens existiere bereits seit 300.000 Jahre mit der hohen Stirn und dem dahinterliegenden relativ großen Präfrontalen Kortex, mit dem das Soziale intensiver zu koordinieren war, sowie (2) die endgültige Form des Hinterkopfes unserer biologischen Art/ Spezies sei erst vor 35.000 Jahren ausgebildet worden, mag für diesen Schub in der Kognition mit ursächlich gewesen sein, die seither durch besondere Lernfähigkeit humanes Leben prägt.

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Eine der zu behandelnden Thesen ist, ob und dann wie die Strukturen unseres Gehirns sich noch während der 30.000 Jahre des Jung-Paläolithikums biologisch veränderten, um von recht groben Wahrnehmungen der Umwelt hin zu differenzierteren Erkenntnissen gelangen zu können, wie ebenso von noch sehr einfachen Werkzeugen zu komplexeren. Eine wichtige Metamorphose des Gehirns entsteht erst langsam während dieses Prozesses am Beginn jener Epoche, als sich aus dem Denkenkönnen der Zeichen- und Gebärdensprache die neue Fähigkeit zur Kommunikation entwickelt und das Erwerben der Sprech-Sprache bereits vorhandene Neuronenkerne unseres Gehirns zu den heute als Sprachzentren bekannten Funktionsbereichen wandeln. Nicht die Gebärde wird zur Sprech-Sprache, sondern deren kognitive Grundlage verbindet sich mit der reflexiv werdenden Lautbildung, die zudem vom Kehlkopf aufrecht lebender Menschen abhing.

Wir blicken in den frühen Jahrtausenden des Jung-Paläolithikums für Sapiens offenbar auf eine ganz besondere Entwicklungsphase, in der mehrere kognitive Erweiterungen zusammenkamen. Lernfähigkeit und vielleicht das Gedächtnis wurden gestärkt, die für die Kognition und eine elaborierte Gebärdensprache, also für die neue Qualität der Kommunikation elementar waren. Die simplen archäologischen Funde von Werkzeugen, Skulpturen, Flöten und Malereien, die ich als neue Kommunikation fasse, zeigen aber dennoch: eine Sprech-Sprache war zu jener frühen Epoche noch nicht nötig. Sie konnte wohl auch erst zusammen mit dem nun komplett ausgeformten Gehirn erworben werden. Und erst ab vor gut 20.000 Jahren waren in wachsenden Siedlungen der vermutlich meist sesshaften Wildbeuter¡nnen die Umwelt-Bedingungen entstanden, Sprache mit erweiterter Grammatik auszubilden, die nicht zuletzt zur Konflikt-Regelung in den komplexer werdenden sozialen Verhältnissen zwingend wurde; bei immer noch geringer Kognition und Kontrolle der Emotionen.

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In den Quellen wird während der 30.000 Jahre des Jung-Paläolithikums in Eurasien und im Nahen Osten ein erheblicher sozialer Wandel sichtbar, bis dann fast am Ende dieser Epoche vor knapp 12.000 Jahren sesshafte Wildbeuter¡nnen große Bauwerke am Göbekli Tepe im Süd-Osten Anatoliens errichteten. Deren Analyse verweist mit ihrem steinernen Pantheon, wie es ähnlich noch in Sumer und Griechenland ausgebildet war, auf das ausdifferenzierte soziale Leben einer wildbeuterischen Hochkultur. Jagen und Sammeln lieferten die Nahrung.

Obwohl eine Wohnsiedlung für jenes Monument bislang nicht gefunden ist, verweisen vielfältige Grabungen in der Region um den Göbekli Tepe auf eine Reihe von älteren wie jüngeren Siedlungen und damit die Eingebundenheit dieses Geistigen Zentrums in eine, für jene Zeit durchaus so zu bezeichnende frühe urbane Struktur, um eine deutliche definitorische Unterscheidung zur Landwirtschaft zu markieren, die immer noch als Kulturstifterin gilt. Zu dieser Struktur mag, neben Orten der Kulturgemeinschaft vom Göbekli Tepe in näherer Entfernung, ebenso die wenig später, nur etwa 700 Kilometer entfernt entstehende Großsiedlung Jericho gehört haben, deren Bauten trotz ihrer besonderen Größe konzeptionell weniger komplex gewesen sind. Im nördlichen Mesopotamien wurden dazu wenig jüngere Spuren eines Tausch- oder Handelssystems gefunden. Die erweiterte Kognition, wachsende Siedlungen und die nun definierte Religion zeigen die Umwelten in Eurasien und im Nahen Osten als hochkomplex.

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Nach der Stabilisierung der biologischen Art Homo sapiens, also der scheinbar momentan abgeschlossenen biologischen Evolution, deren Zeitpunkt heute – wegen der späten Formung des Schädels – möglicherweise zu überprüfen ist, sind auf Basis der Naturwissenschaften und der Empirie die Sozialwissenschaften die Leitwissenschaften für die Analyse des sozialen Wandels und vor allem der wachsenden Kognition. Dies wird die vorliegende Darstellung thesenhaft aufzeigen und Material für eine interdisziplinäre Soziologie vorlegen; wenige Literaturhinweise aus unterschiedlichen theoretischen Ansätzen sollen hierzu ausreichen. Generell ist eine solche Analyse möglich, weil es genügend Quellen und Kenntnisse aus allen angesprochenen Fachbereichen gibt, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Zeiten und noch auf differenten Methoden beruhend.

Zusammenfassung

Diese Studie sammelt Thesen für eine interdisziplinäre Forschung der Soziologie als Leitwissenschaft zur Erkundung der Steinzeit. Nach Ankunft des Homo sapiens von Afrika nach Westeuropa beginnt nach dessen biologischer Stabilisierung seine weitere Formung als sozialer, sich selbst verändernder Prozess. Die Artefakte zeigen zu Beginn einen sehr schlichten Typus, der sich eben erst von Homo erectus und neanderthalensis entfernt. Die humanen Veränderungen folgen nicht mehr der Darwinschen Zuchtwahl. Bald entstehen, bei wildbeuterischer Lebensweise, feste Siedlungen, die die Sozialität ausweiten, eine Sprech-Sprache fördern und mit den Anfängen des Denkens eine frühe traditionale Logik ausbilden, die über Sumer, Griechenland ins europäische Denken führt.

Biographische Angaben

Lars Hennings (Autor:in)

Lars Hennings ist Diplom-Ingenieur für Architektur und promovierter Sozialwissenschaftler. Seine umfangreichen Studien gehören zur historischen Soziologie.

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Titel: Über die Anfänge des Denkens − Kognition und Siedlung