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Über die Anfänge des Denkens − Kognition und Siedlung

Soziologie der Steinzeit – von der Höhlenmalerei zum Göbekli Tepe

von Lars Hennings (Autor)
Monographie 138 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Zusammenfassung
  • Abstract
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführung
  • Zum Vorlauf dieser Studie
  • Sich selbst verändernder Prozess
  • Ab wann ist Sapiens primär sozial?
  • Realer Konstruktivismus
  • Wie entstand Sinn?
  • Der Weg zum Denken – Lucy
  • Differenzierung des Gehirns und der Logik
  • Die neue Kommunikation – Anfänge des Denkens
  • Zur Kognition von Frühmenschen
  • Kindliches Lernen und Gehirnentwicklung
  • Alles voller Geister
  • Traditionales Denken
  • Frühe Höhlenmalerei und Kognition
  • Zum humanen Gehirn
  • Onto- und Phylogenese
  • Psyche und Bewusstsein
  • Urbanität in der Steinzeit?
  • Ältere Wildbeuter¡nnen
  • Jüngere Wildbeuter¡nnen
  • Sozial-differenzierte Gemeinschaft
  • Sozialer Wandel im Jung-Paläolithikum
  • Siedlungen des Nahen Ostens vor dem Landbau
  • Göbekli Tepe, Zentrum sesshafter Wildbeuterei
  • Ansehen, Macht, Institutionalisierung
  • Siedlungsstruktur am Göbekli Tepe
  • Literatur
  • Kurzfassung des Gesamtkonzepts

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Einführung

Als Homo sapiens vor 40.000 Jahren von Afrika kommend das westliche Eurasien erreicht,1 entstehen von den Pyrenäen bis zur Schwäbischen Alb bald kleine Skulpturen, Flöten und frühe Höhlenmalereien. Langsam ändern sich auch die Werkzeuge, die bis dahin noch denen der Frühmenschen ähneln; Homo erectus und neanderthalensis sterben beide zu dieser Zeit aus. Zusammen mit einer komplexen Zeichen- und Gebärdensprache verweisen diese neu erworbenen Fähigkeiten auf eine erweiterte Qualität der Kommunikation. Die erst kürzlich von der Archäologie und den mit ihr verbundenen Wissenschaften gemachten Entdeckungen, (1) Sapiens existiere bereits seit 300.000 Jahre mit der hohen Stirn und dem dahinterliegenden relativ großen Präfrontalen Kortex, mit dem das Soziale intensiver zu koordinieren war, sowie (2) die endgültige Form des Hinterkopfes unserer biologischen Art/ Spezies sei erst vor 35.000 Jahren ausgebildet worden, mag für diesen Schub in der Kognition mit ursächlich gewesen sein, die seither durch besondere Lernfähigkeit humanes Leben prägt.

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Eine der zu behandelnden Thesen ist, ob und dann wie die Strukturen unseres Gehirns sich noch während der 30.000 Jahre des Jung-Paläolithikums biologisch veränderten, um von recht groben Wahrnehmungen der Umwelt hin zu differenzierteren Erkenntnissen gelangen zu können, wie ebenso von noch sehr einfachen Werkzeugen zu komplexeren. Eine wichtige Metamorphose des Gehirns entsteht erst langsam während dieses Prozesses am Beginn jener Epoche, als sich aus dem Denkenkönnen der Zeichen- und Gebärdensprache die neue Fähigkeit zur Kommunikation entwickelt und das Erwerben der Sprech-Sprache bereits vorhandene Neuronenkerne unseres Gehirns zu den heute als Sprachzentren bekannten Funktionsbereichen wandeln. Nicht die Gebärde wird zur Sprech-Sprache, sondern deren kognitive Grundlage verbindet sich mit der reflexiv werdenden Lautbildung, die zudem vom Kehlkopf aufrecht lebender Menschen abhing.

Wir blicken in den frühen Jahrtausenden des Jung-Paläolithikums für Sapiens offenbar auf eine ganz besondere Entwicklungsphase, in der mehrere kognitive Erweiterungen zusammenkamen. Lernfähigkeit und vielleicht das Gedächtnis wurden gestärkt, die für die Kognition und eine elaborierte Gebärdensprache, also für die neue Qualität der Kommunikation elementar waren. Die simplen archäologischen Funde von Werkzeugen, Skulpturen, Flöten und Malereien, die ich als neue Kommunikation fasse, zeigen aber dennoch: eine Sprech-Sprache war zu jener frühen Epoche noch nicht nötig. Sie konnte wohl auch erst zusammen mit dem nun komplett ausgeformten Gehirn erworben werden. Und erst ab vor gut 20.000 Jahren waren in wachsenden Siedlungen der vermutlich meist sesshaften Wildbeuter¡nnen die Umwelt-Bedingungen entstanden, Sprache mit erweiterter Grammatik auszubilden, die nicht zuletzt zur Konflikt-Regelung in den komplexer werdenden sozialen Verhältnissen zwingend wurde; bei immer noch geringer Kognition und Kontrolle der Emotionen.

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In den Quellen wird während der 30.000 Jahre des Jung-Paläolithikums in Eurasien und im Nahen Osten ein erheblicher sozialer Wandel sichtbar, bis dann fast am Ende dieser Epoche vor knapp 12.000 Jahren sesshafte Wildbeuter¡nnen große Bauwerke am Göbekli Tepe im Süd-Osten Anatoliens errichteten. Deren Analyse verweist mit ihrem steinernen Pantheon, wie es ähnlich noch in Sumer und Griechenland ausgebildet war, auf das ausdifferenzierte soziale Leben einer wildbeuterischen Hochkultur. Jagen und Sammeln lieferten die Nahrung.

Obwohl eine Wohnsiedlung für jenes Monument bislang nicht gefunden ist, verweisen vielfältige Grabungen in der Region um den Göbekli Tepe auf eine Reihe von älteren wie jüngeren Siedlungen und damit die Eingebundenheit dieses Geistigen Zentrums in eine, für jene Zeit durchaus so zu bezeichnende frühe urbane Struktur, um eine deutliche definitorische Unterscheidung zur Landwirtschaft zu markieren, die immer noch als Kulturstifterin gilt. Zu dieser Struktur mag, neben Orten der Kulturgemeinschaft vom Göbekli Tepe in näherer Entfernung, ebenso die wenig später, nur etwa 700 Kilometer entfernt entstehende Großsiedlung Jericho gehört haben, deren Bauten trotz ihrer besonderen Größe konzeptionell weniger komplex gewesen sind. Im nördlichen Mesopotamien wurden dazu wenig jüngere Spuren eines Tausch- oder Handelssystems gefunden. Die erweiterte Kognition, wachsende Siedlungen und die nun definierte Religion zeigen die Umwelten in Eurasien und im Nahen Osten als hochkomplex.

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Nach der Stabilisierung der biologischen Art Homo sapiens, also der scheinbar momentan abgeschlossenen biologischen Evolution, deren Zeitpunkt heute – wegen der späten Formung des Schädels – möglicherweise zu überprüfen ist, sind auf Basis der Naturwissenschaften und der Empirie die Sozialwissenschaften die Leitwissenschaften für die Analyse des sozialen Wandels und vor allem der wachsenden Kognition. Dies wird die vorliegende Darstellung thesenhaft aufzeigen und Material für eine interdisziplinäre Soziologie vorlegen; wenige Literaturhinweise aus unterschiedlichen theoretischen Ansätzen sollen hierzu ausreichen. Generell ist eine solche Analyse möglich, weil es genügend Quellen und Kenntnisse aus allen angesprochenen Fachbereichen gibt, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Zeiten und noch auf differenten Methoden beruhend.

Mit den Sozialwissenschaften die Steinzeit erkunden zu wollen, wird spontan vielleicht als fragwürdig erscheinen. Dafür sei die Archäologie mit ihren Hilfswissenschaften zuständig, zu deren Deutungsmacht auch das Soziale gehöre, mag weiterhin die Vorstellung sein; und der Generalnenner bleibe die Evolution, deren Grundlage – seit Darwin – die Biologie sei. Doch die Biologie mit der natürlichen Zuchtwahl benötigt Jahrtausende für gravierende Änderungen. Auch deshalb kann nur der historische, von Menschen angestoßene Wandel die zu besprechenden Entwicklungen verursacht haben. (zuerst: Wallace, 1870)

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Und die wichtigste Quelle für jene Zeit ist der Mensch selbst, Homo sapiens. Sind Menschen zumindest seit 30.000 Jahren biologisch stabilisiert, lassen sich insbesondere Kenntnisse über die nachgeburtliche Ontogenese, die individuelle Geistesentwicklung, von heutigem Wissen auf jene Zeit vorsichtig übertragen. In jenem kurzen Zeitraum konnten sich Kognition und Emotion nur historisch den sich wandelnden Umwelten anpassen und diese prägen. Das Jung-Paläolithikum, das in Eurasien mit der Entwicklung der Landwirtschaft vor 10.000 Jahren endete, wird in dieser Sicht zur Wiege des voll ausgebildeten modernen Menschen (Sapiens); parallele Entwicklungen fanden offenbar in Fernost statt. Vor allem ist zu prüfen, welche kognitive und emotionale Konstitution jeweils nötig gewesen ist, um jene Funde als Quellen herzustellen und wann welche Kompetenz entstanden war.

Wesentlich für den Ausgangspunkt dieser Untersuchung ist das Bauwerk im süd-östlichen Anatolien mit der Bezeichnung Göbekli Tepe nahe der früheren Stadt Edessa, die heute Şanlıurfa heißt. Erst Ende des letzten Jahrhunderts wurden Teile ausgegraben, und Überraschendes wurde sichtbar: Wildbeuter¡nnen hatten bereits vor 11.500 Jahren in der untersten Schicht der bislang bekannten Grabung vor allem drei kreisförmige Bauten errichtet, deren Kennzeichen große allseitig ausgemeißelte Steinpfeiler von fertig um zehn Tonnen Gewicht sind.

Deutlich sind mit ihnen menschliche Figuren gestaltet worden, deren Gesicht wie Hinterkopf, seitlich gesehen, weit auskragen und deshalb vom – leider sehr früh verstorbenen – Ausgräber Klaus Schmidt als T-Pfeiler bezeichnet wurden. Im Rund stehen etwa ein Dutzend Pfeiler mit an drei Meter Höhe, die mit Mauern zu geschlossenen Räumen umfasst wurden; zu wahrscheinlich nach oben offenen Räumen. In deren Mitte wurden zwei ausdrücklich als männlich charakterisierte Figuren von fünfeinhalb Meter Höhe errichtet, die vielleicht – analog zu sumerischen Mythen – den Himmel stützen sollten. Die Pfeiler sind mit Flachreliefs versehen, die zum einen deutlich Arme darstellen und zum anderen etliche Tiere, die wohl eine (unentzifferte) Geschichte erzählen.

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Ich bezeichne diese Stätte – deren Anlage D oben in Form eines (zu scharfkantigen) System-Modells gezeigt ist – als ein Geistiges Zentrum. Ob es ausschließlich eine Art Tempel gewesen ist, klösterlich abgeschieden womöglich, oder der Verkehrsmittelpunkt einer Art urbaner Region, bleibt derzeit offen, wenn mir letzteres nach der Quellenlage auch als hochwahrscheinlich gilt, wie in dieser Studie noch gezeigt wird. Es kann zu jener Zeit die gedankliche Basis solchen Bauwerks nur eine definierte Religion gewesen sein, die das allgemein religiöse Denken früherer Zeit bereits überwunden hatte. Doch für jene Menschen blieb trotz des immer klarer erkennbaren sozialen Wandels und der Erweiterung der Kognition alles in der Welt von animistischen Geistwesen geschaffen und bewegt; das noch vage Denken selbst erzeugte sie.

Die Figuren zeigen sich mir deshalb – im allgemeinen Verständnis historischer Wissenschaften – als Gött¡nnen, als ein Pantheon: zwei ausdrücklich als Männer gekennzeichnete Hochgötter mit im Rund kleineren, also weniger wichtigen Geistwesen. Die waren möglicherweise ältere Naturgeister, worauf die in den Reliefs am häufigsten dargestellten Schlangen und Füchse verweisen könnten. Zwei Männer als Zentrum – und das im frühesten bekannten Groß-Bauwerk – können wohl für die Frauen nur als Herabsetzung interpretiert werden, immer schon; das ist offenbar einer der Hauptzwecke aller Religion.

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Der Fund des Göbekli Tepe, zu dem die Siedlung seiner Erbauer¡nnen unter Şanlıurfa vermutet wird, (Schmidt) veränderte die Sicht auf die Steinzeit grundlegend. Dennoch werden Wildbeuter¡nnen an kompetenter Stelle immer noch als bloße „Jäger und Sammler“, verstanden, die in kleinen Gruppen durchs Land zogen, zu kriegerischen Konflikten keinen Anlass hatten, denen sozialer Status fremd war und die ihre Besitztümer teilten. So stellt Claudia Doyle den Stand des Wissens der Max-Planck-Gesellschaft für Menschheitsgeschichte noch 2017 dar. (2.2017; Email der Redaktion 18.7.17) Dabei sind größere Siedlungen sesshafter Wildbeuterei lange als älter bekannt, wie etwa die Ausstellungs-Kataloge: Vor 12.000 Jahren… (2007) und: Eiszeit (2009) deutlich machen. Marion Benz schreibt über eine Grabung im Nahen Osten: „Körtik Tepe zwingt daher zum Umdenken. Das Bild mobiler Jäger und Sammler, die den Ressourcen hinterherziehen müssen, stimmt nur partiell für die Urgeschichte. Daneben gab es offenbar Ressourcen reiche Orte, an denen sich Jäger-, Fischer- und SammlerInnen dauerhaft niederließen“. (2013, 2015)

Nun wurde es nötig, jenes Geistige Zentrum in die Sozialforschung einzuordnen, zu fragen, wie es entstehen konnte, welche Lebensweise vorhanden sein musste, um es religiös als Symbol zu konzipieren, als Bauwerk zu planen und zu erbauen. Wir müssen sein Entstehen zu re-konstruieren versuchen.


1 Dieser Text ist die Darstellung einer soziologischen Analyse des Jung-Paläolithikums als Aufzeigen eines Forschungskonzepts. Sie findet sich komplett im Band: Anfänge des Denkens #3c…, den: Materialien; erste Einführung: Von der Höhlenmalerei zur Hochkultur am Göbekli Tepe…; die darin genutzten Begriffe Fünfjährige und Paranoia fallen weg; s. Materialien.

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Zum Vorlauf dieser Studie

Diese Studie entstand in mehreren Schüben aus einer früheren Arbeit zur Wissenschaftsgeschichte am Beispiel der Soziologie von Marx und Engels. (Hennings, 142017) Die hatten in ihrem Werk – wesentlich Francis Bacon folgend – wohl erstmalig in konzentrierter moderner Form herausgestellt, dass Menschen auf Basis ihrer Lebenswelten sich eigene jeweilige Umwelten erschaffen, und mit ihrer Skizze zur Urgeschichte auf den Beginn des Prozesses der Sozialität als Urkommunismus verwiesen. Mein weitergehender Zugang zur Urgeschichte schien dann durch die konzeptionelle Verbindung mit der nachgeburtlichen Ontogenese als Movens der Phylogenese möglich zu werden, wie Günter Dux sie – mit Jean Piaget – herausstellt. (2008, 2017) Damit konnte historisch – über den Göbekli Tepe weit zurück – entlang der archäologischen Funde zu den Anfängen des Homo sapiens in Eurasien abgestiegen werden, der seine Streifgebiete, aus Afrika kommend, über etwa 10.000 Jahre immer weiter nach Norden (und Osten) ausgeweitet hatte.

Mein Interesse an der Steinzeit entstand also aus einer eher beiläufigen Vorstellung von einer Urgemeinschaft, die als einfachste Menschengruppe kaum schon soziale Verhältnisse institutionalisiert hatte. Sich mit ihr zu beschäftigen schien als konkrete Darstellung, wie die Menschen früh ihre eigenen Umwelten schufen, möglich zu werden, als die Kenntnis des Göbekli Tepe hinzukam. Dass dieses Bauwerk nicht von einfachen mobilen Wildbeuter¡nnen erbaut worden sein konnte, schien selbstverständlich (ich war früher Architekt).

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Also entstand die Frage, ob die Archäologie hinreichend Material bereit hielt, um jenen Prozess – vom Ende her, wie heute manchmal gesagt wird – vorerst absteigend in die frühere Zeit rückverfolgen zu können. Bald wurde klar, es konnte der Beginn des Jung-Paläolithikums als dessen Anfang angenommen werden, weil es noch weiter zurück viel weniger Material gibt, wie Elena Garcea mit Forschungen zu Nordafrika belegt. Bald zeigte sich in den Quellen zudem mit dem Beginn der Höhlenmalereien im Zusammenhang mit der neuen Kommunikation ein epochaler Anfang, von dem aus das Jung-Paläolithikum soziologisch erschließ-bar schien. Über die ergrabenen wachsenden Siedlungen wurde der Göbekli Tepe zu einem nachvollziehbaren Endpunkt dieser Prozesse (mit Ausblick nach Sumer). Die aufsteigende Darstellung der Geschichte dieser Epoche schien möglich. Zusätzlich fielen in die Zeit meiner Forschung – meine Thesen nachdrücklich bestätigend – die erwähnten neuen Funde zum Skelett des Homo sapiens. (MPF, 2.2017; Neubauer u. a.)

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Sich selbst verändernder Prozess

Historische Re-Konstruktion für jene frühe Zeit knüpft an der Quelle Mensch an, und dort an der nachgeburtlichen Ontogenese. Analog wie ein Kind vieles Lernen muss, bevor es Sprechen kann, mussten die aus dem Tierischen evolutiv, d. h. biologisch/ genetisch entstandenen Urmenschen (etwa der Gattung Australopithecus) und dann die Frühmenschen der Gattung Homo in ihrem historischen Werden Geist und Sprache erstmals ausbilden; der Tier-Mensch-Übergang wurde seither bei Homo sapiens zur sozialen Phylogenese. Nur die Re-Konstruktion ihres Erwerbs erlaubt die Beantwortung der elementaren Frage, wie anstelle einer bloßen Setzung oder Behauptung der Sprache als den Menschen immer schon gegeben, deren Erwerb möglich wurde. Dazu ist der Prozess zu analysieren, wie Sprache entstand. Vor allem, ob sie aus tierischen Lauten sich bilden konnte, oder ob Zeigen, Zeichen geben und dann die Gebärde als kognitive Vorbereitung nötig waren, wie Michael Tomasello es begründet. (2011) Und ob es damit verbunden biologische Veränderungen im Gehirn noch im frühen Jung-Paläolithikum geben musste.

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Von entscheidender Bedeutung zum Verständnis des von mir gemeinten Prozesses ist dabei, ihn als einen „sich selbst verändernden Prozess“ zu sehen, begründet auf einer Prozesslogik, (Dux, 2008) die sich erst mit den Naturwissenschaften entwickeln konnte. Die Archäologie macht es vor: sie gräbt absteigend Schritt für Schritt an einem Fundort in die tieferen Schichten, die dabei zerstört werden, analysiert und dokumentiert alles, und beschreibt dann aufsteigend den dort stattgefundenen historischen Prozess. Zu unterscheiden ist davon eine bloß lineare Prozessform, wie sie oft für einfache Systemtheorien in Technik oder Biologie genutzt und nicht als durch sich selbst veränderlich verstanden wird. Bis zum Beginn der Moderne und oft noch in der heutigen reflexiven Nach-Moderne (Beck/ Giddens/ Lash) wird ein Prozess bloß als Veränderung zwischen Zuständen verstanden, implizit mit der teleologischen Vorstellung, es sei im die Veränderung auslösenden Zustand, der Ursache, das Ergebnis dieser angestoßenen Veränderung bereits vorgegeben.

Wir sehen dies bei früheren, traditionalen Kulturen als allein mögliche Vorstellung, als Veränderung, deren Ergebnis von Geistwesen oder Gött¡nnen bereits mit ihrem Beginn vorgegeben wurde. Anfang und Ende, Ursache und Ergebnis, sind ihnen identisch, aus einer je anderen Sichtweise wird es sogar möglich, den Anfang durch das zeitlich spätere Ende angestoßen zu verstehen, erläutert Lucien Lévy-Bruhl. (1910) Wir blicken auf jene vormoderne Logik der Mythen und Märchen, die hier als traditionales Denken bezeichnet und unten weiter erläutert wird.

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Heute geht es darum, einen Prozess sich durch erste Ergebnisse seines Prozessierens als sich ändern könnend zu begreifen. War die frühere Form – in einer bereits relativ ausführlichen historischen Vorstellung bei den alten Griechen – die einer teleologisch gesteuerten Entwicklung durch irgendeinen Gott, so ist ein solcher Prozess heute auf Basis der Naturwissenschaften einer mit offenem Ende. Soziale Entwicklung mag immer wieder einem Richtungssinn durch das strukturale Anschließen an vorherige Strukturen oder Situationen folgen, mag dabei komplexere Verhältnisse erzeugen oder nicht, doch eine Vorbestimmung des Endergebnisses ist nicht möglich. In globalen philosophischen Betrachtungen und Sätzen mag es sich gut anhören, doch in der empirisch überprüften Geschichte kann und konnte immer etwas ganz anders geschehen; selbst einem geworfenen Ball kann noch ein fliegender Schwan in die Quere kommen. Bei einfachen Wildbeutungs- und Landbau-Kulturen von rezenten Urvölkern, auf die ich zurückkomme, fehlte bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts generell ein Verständnis zu einem solchen Prozess und verweist damit auf frühere kognitive Epochen, die zu analysieren sind.

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Ab wann ist Sapiens primär sozial?

Die Behauptung, die Sozialwissenschaften seien die Grundlage für die Analyse des Homo sapiens, nicht die Naturwissenschaften, führt zur Frage, seit wann unsere Art im biologischen Sinn – mit Darwin – stabilisiert ist, sich seine körperliche Konstitution nicht mehr grundlegend ändert. Eine Art/ Spezies ist generell stabil, sagt uns die Biologie, sonst entstünde eine neue, oder sie stirbt aus. Ob es heute bei Menschen biologische Veränderungen durch bedeutende Mutationen der Gene gibt, kann derzeit wohl nicht bestimmt werden, auch weil die großen Ausleseprogramme der DNA am Ende des 20. Jahrhunderts nicht die angestrebte Grundlage des Wissens über die Genetik unserer Art erbrachten. Im Gegenteil wird jetzt mit epigenetischen Forschungen intensiv in jenem Material der biologischen Zellen nach weiteren Informationen gesucht, das zuvor als Müll-DNA bezeichnet wurde, dem Chromatin.

Gibt es keine biologischen Veränderungen mehr, dann ist der Mensch immer schon der Mensch. Das heißt, veränderte Lebensweisen sind allein durch Menschen, also historisch verursacht, selbst wenn eine natürliche Umweltveränderung bewältigt wird, wie das Ende der Eiszeit. Die Archäologie belegt durch ihre Funde komplexer werdende Umwelten – zu denen die Menschen gehören – und wachsende Handlungsfähigkeiten der Menschen in ihnen, wodurch wiederum größerer Einfluss auf die Umwelten möglich wurde. Ab den ersten Jahrtausenden des Jung-Paläolithikums wurde der Wandel immer schneller. Nun erst greifen die früher ausgebildeten biologischen Möglichkeiten der Konstitution von Sapiens gegenüber Frühmenschen deutlich.

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Generell blicken wir in der Weltgeschichte auf so etwas wie einen Richtungssinn zum Komplexeren und zur Emanzipation von Naturhaftigkeit, wenn auch in verwirrenden Pfaden bergauf bergab, insofern wieder historisch durch komplexes rationales Handeln erzeugt, das immer irrationale Nebenfolgen nach sich zieht, und schon deshalb nicht naturwissenschaftlich präzise vorhersagbar ist. Sehr einfache Werkzeuge, die die Frühmenschen Homo erectus und neanderthalensis mit Homo sapiens noch bis etwa vor 40.000 Jahren teilten, wurden erst nach der Ankunft von Sapiens aus Afrika in Eurasien komplexer. Unsere Art entstand aus dem afrikanischen Erectus, während Neanderthalensis sich aus dem viel früher nach Eurasien ausgewanderten Erectus abspaltete und nur dort vorkam.

Seit 35.000 Jahren hätten wir, wenn die neuen Forschungen Bestand haben, eine spezielle wie besonders gravierende Lernfähigkeit ausgebildet, die von der Steinzeit bis heute die jeweilige historische Kompetenz ermöglicht. Unter solchen Voraussetzungen werden Rückschlüsse auf frühere Zeiten möglich. Wissen wir für heute über die Lernprozesse in der Ontogenese bescheid, dann tun wir dies auch für das Jung-Paläolithikum. In einer ersten Überlegung sei dazu angenommen, das humane Gehirn blieb hinsichtlich seiner biologischen Kapazität seither unverändert; wir betrachten dabei das Gehirn vorläufig als eine Art Blackbox, das zu einer historisch veränderlichen Kompetenz fähig ist. (Dux)

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Nun wurde empirisch erklärbar, wie die ganz unterschiedlichen Kompetenzen von Gemeinschaften und Gesellschaften während der Geschichte entstanden, und dass es vor allem die kategoriale Logik ist, an der die Differenzen von einem traditionalen zu einem rationalen Denken der europäisch geprägten Moderne darstellbar sind, vor allem an Zeit, Raum, Substanz, Kausalität. Das frühe Lernen entsteht durch die Konstruktion der simplen Umwelt im kindlichen Gehirn. Heutige Kinder müssen sehr viel komplexere Umwelten erfassen als in der Steinzeit.

Die grundlegende Basis für diese Erkenntnisse sind die Forschungen seit Piaget, der schon früh im 20. Jahrhundert über die Entwicklung der kindlichen Logik arbeitete. In dessen Folge sind neuere Arbeiten entstanden. Zur konkreten Veränderung der kategorialen Logik seien im Moment nur die Studien von Frankfort/ Wilson/ Jacobsen über Sumer und Ägypten, Lévi-Bruhl über Wildbeuter¡nnen und einfache Landbaugemeinschaften aus weltweit gesammelten Berichten genannt, oder die Arbeit von Wilhelm Grønbech über die sogenannten Germanen. Bei diesen und anderen frühen Studien kommt die sich ändernde kategoriale Logik allerdings nicht ausdrücklich als wesentlicher Punkt vor. Implizit zeigen sie jedoch die Wandlungen des Denkens über sehr lange Zeiträume auf, die wir heute erklären können. Die alten Mythen belegen dies auf ihre Weise wie noch unsere Märchen oder die Bibel.

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Die jüngeren archäologischen Erkenntnisse und das neuere Wissen vor allem der neurologischen Wissenschaften über die Wirkungsweise des Gehirns von Homo sapiens führen zur neuen These, das humane Gehirn sei nicht mehr bloß als Blackbox zu analysieren. Langsam verstehen wir dessen inneren Prozesse und können dieses Wissen vorsichtig für das frühe Jung-Paläolithikum fruchtbar machen. Der deutliche soziale Wandel wird nun nicht nur durch Äußeres erklärbar, sondern ebenso im Zusammenhang mit der Entwicklung von Kognition und Emotion. Diese These beinhaltet eine in jener frühen Epoche wahrscheinliche Ausdifferenzierung der synaptischen Strukturen, etwa die Ausbildung von Neuronen-Kernen zu den Sprachzentren hinter der linken Schläfe, deren vorderes von Paul Brocka und dessen hinteres von Carl Wernicke im 19. Jahrhundert beschriebenen wurden. Diese Hirnareale, die unter anderen auch mit den Händen verbunden sind, haben offenbar im Übergang von der Zeichen- und Gebärdensprache zur Sprech-Sprache wichtige Veränderungen erfahren.

Hier wird also davon ausgegangen, erst nach der Ankunft in Eurasien habe Sapiens langsam eine primär grammatikalische Sprech-Sprache erworben, die auf einer von Frühmenschen geprägten Zeichen- und Gebärden-Sprache aufbauen musste, und langsam durch erlernte Wörter im Sinne von Namen ergänzt wurde. Nur so konnte die kognitive Basis für Sprache im Wechselspiel ausgebildet werden. Sprechen folgt nicht tierischen Lauten, sondern dem noch prä-bewussten Denken, das sich in Gebärden ausdrücken kann. Meine Annahme dazu ist deshalb, Sapiens habe in den ersten Jahrtausenden des Jung-Paläolithikums nicht nur Wissen neu erworben, sondern eine neue Qualität der Kommunikation, die durch Formen und Schnitzen kleiner Figuren und – Musikkenntnisse belegende – Flöten sowie durch aus Gebärden entstandenem Zeichnen und Malen belegt ist.

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Diese Kenntnisse waren alltägliche Anwendungen, blieben jedoch nur in wenigen Höhlen, aber nicht im Freiland erhalten, nehme ich an. Nach einer frühen Phase dieser Entwicklung – erste Siedlungen und die neue Kommunikation entstehen ab vor gut 30.000 Jahren – gelten hier die Menschen in Eurasien seit gut 20.000 Jahren als ein Typus sesshafter Wildbeuter¡nnen, manchmal werden sie in der Archäologie als komplex bezeichnet. In wachsenden Siedlungen wurde die Sprech-Sprache nicht zuletzt als konfliktregelnd nötig, und die durch die Bauten am Göbekli Tepe ausgewiesene Hochkultur konnte ohne primäre grammatikalische Sprech-Sprache weder ein religiöses noch bauliches Konzept entwickeln oder den Bauablauf mit vollständig aus Fels geschlagenen Pfeilern planen.

Aus beiden Strängen meiner Argumentation, der biologischen wie der sozialwissenschaftlichen, ergibt sich auf der empirischen Basis der archäologischen Funde: seit vor 35.000 Jahren ist Homo sapiens biologisch stabilisiert, alle kognitiven wie kulturellen Veränderungen seit jener Zeit sind durch Lernen erklärbar, nicht durch biologische Faktoren. Einschränkend und derzeit nicht beantwortbar sind allerdings zwei neue Fragen entstanden. Erstens wissen wir für jene Zeit noch nichts über mögliche epigenetische Faktoren, die kurzfristig über wenige Generationen wirken und Erfahrungen vererben können, wie Bernhard Kegel zeigt. Zweitens scheint es mir forschungstaktisch sinnvoll, derzeit nicht von einer bereits endgültig ausgebildeten synaptischen Struktur des Gehirns auszugehen, um nicht (wieder) vorschnelle Einengungen der Forschungsansätze zu begründen.

Als vollständig bei der Geburt ausgebildet gilt heute jedoch die Anzahl der Neuronen; das mag bereits seit der Ausformung des Schädels so sein. Da wir aber über das Erlernen der kategorialen Logik ab der Geburt heutiger Kinder mittlerweile recht gut informiert sind, das bis zum fünften Lebensjahr universal bei allen Kindern typisch gleich verläuft, kann dieser frühe Lernprozess der Kognition im Wechselspiel mit den historischen Umwelten ähnlich auch für Kinder seit vor 35.000 Jahren unterstellt werden, obwohl deren reines Wissen stark differierte.

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Allerdings ist offen, ob die erkennbaren kognitiven Leistungen der früheren Zeiten nicht sogar mit noch wenigeren Neuronen möglich waren, als sie heute ausgebildet werden. Ebenso muss es als möglich gelten, die geringe Qualität der archäologischen Funde entstamme einer noch relativ undifferenzierten synaptischen Struktur und damit von Kognition und Emotion, die alle drei eng verbunden sind. Es fehlte den Menschen nach dieser These noch an wesentlichen Unterscheidungsfähigkeiten der erlebten Welt, wie auch an Bewusstheit oder Selbstkontrolle. Aus dem skizzierten Wissen ergibt sich dennoch, Homo sapiens kann als soziales Wesen, natürlich auf Basis seiner Körperlichkeit, bis zum Beginn des Jung-Paläolithikums soziologisch zurück gedacht und seine (Sozial-) Geschichte durch die Machart der archäologischen Funde empirisch re-konstruiert werden.

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Realer Konstruktivismus

Mit einem realen Konstruktivismus – der einem ideellsymbolischen Konstruktivismus deutlich entgegensteht – wird seit Piaget angenommen, Säuglinge müssen nach ihrer Geburt sich die neue, nun für sie viel differenziertere Umwelt aktiv in ihrem Geist konstruieren, um sie verstehen zu lernen, sich in ihr über tierisches Verhalten hinaus bewegen zu können. Konstruieren meint nicht einfach so etwas wie spiegeln, es ist ein reflexiver Arbeitsprozess, der historisch immer nachdrücklicher bewusst gestaltet wird. Dabei geht es – mit besonderer Betonung gesagt – um einen empirischen Zugriff auf die Welt als Aneignung, den die Kinder unbewusst leisten müssen, um in ihrer frühen Zeit vor allem durch Imitieren von Bezugspersonen sich Handlungsschemata erwerben zu können. (Piaget/ Inhelder; Tomasello, 2006; Bischof-Köhler; Dux, 2017).

Die kindliche Fähigkeit des Gehirns analog in die Geschichtswissenschaft zu übertragen, macht sichtbar, wie in der Entwicklung der Gattung Homo nur das zur Praxis werden konnte, was vor allem von Kindern individuell, ontogenetisch, jeweils gelernt wurde, in jeder Generation neu – und etwas anders. Erst dann kann in der Gemeinschaft der Zusammenklang dieser individuellen Fähigkeiten zu einem Teil der Umwelt werden, in der die nächste Generation aufwächst und die Stammesgeschichte, die Phylogenese, fortgesetzt wird.

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Dabei gilt es als von besonderem Interesse zu rekonstruieren, wie Sprache bei Homo sapiens im Tier-Mensch-Übergang erstmals eigenständig entstehen konnte. Sie kann nicht – wie es früher ohne das nötige Wissen meist geschah – einfach implizit irgendwie an den Anfang der Geschichte gesetzt werden, mit ihr sei etwa Geist und Bewusstheit quasi von selbst in die Welt gekommen, da so nur behauptet wird was zu belegen ist; es wurde nur beschrieben, was bei Säuglingen in den ersten Jahren oberflächlich beobachtet wurde, sie begannen – irgendwie – zu sprechen. Vorstellungen von Modul-Theorien, Sprache entstünde durch Reifung des Gehirns Stück für Stück, gelten als falsifiziert.

Wie also kann Spracherwerb als Prozess vom Tierischen her erklärt werden, der sich zusammen mit Sinn (in weitem Verständnis) entwickelte, wobei sich die kategoriale Logik über die Zeiten (und bis heute) änderte und die Ausweitung der Kognition nicht bloß als mehr oder weniger stetiges Ansammeln von Wissen erscheint? Wie wurde im Tier-Mensch-Übergang aus geistloser Natur der humane Sinn, den – in der hier verwandten Definition – nur Menschen im (Selbst-) Gespräch durch Zeigen, Gebärden, erlernte Laute und Sprechen entwickeln konnten?

Es ist zu betonen, in der Frühzeit des Homo sapiens fand – anders als beim heutigen kindlichen Bewusstseins- und Spracherwerb – die Ontogenese ohne Sprache statt, und selbst Zeichensprachen mussten sich ausbilden, als auch Erwachsene sie noch nicht kannten. Es entstand damals in einem Prozess etwas ganz Neues! Wie mit nonverbaler Zeichensprache im Gehirn die Grundlage für das Sprechen geschaffen werden konnte, gilt es zu analysieren. Mehrere Pfade historischer Entwicklung sind re-konstruktiv zusammenzufügen, um die besondere Phase der Menschwerdung seit dem Beginn des Jung-Paläolithikums zu verstehen, die durch die archäologischen Funde eine neue Form der Kommunikation sichtbar machen. Zuvor folgen Hinweise auf die frühere Zeit.

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Wie entstand Sinn?

In der hier benutzten offenen Definition von Sinn ist er ein Phänomen, das nur Menschen entwickelt haben; die interessanten Forschungen bei Tieren in diese Richtung finden so oder so auf einem völlig anderen Niveau statt. Sinn entsteht – auch als Frühform von Bewusstheit, wozu wir noch kommen – beim rudimentären (Prä-) Reflektieren von eigenem Handeln und in Alternativen zu denken beziehungsweise erst einmal nur zu fühlen. Fliegt ein spitzer Stock, der auf ein Tier geworfen wurde, nicht ordentlich, wird er dann – noch ohne direkt darüber mit sich selbst zu sprechen – vom Werfenden irgendwann umgedreht und das dickere Ende nach vorn gesetzt. Das erweist sich als sinnvoll.

Für den hier behandelten Zeitraum muss das nicht genauer eingegrenzt werden, weil Sinngebung den Menschen des beginnenden Jung-Paläolithikum nach meinen Thesen zuzuordnen ist, wenn auch nur mit einer einfachen Form der Zeichen- und Gebärdensprache von Frühmenschen. Über 300.000 Jahre alte Lagerplätze von Erectus oder Speere von Neanderthalensis zeigen das hinreichend. Sinn ist also Produkt des menschlichen Geistes, eine Konstruktion im Gehirn im Verständnis Piagets, wie wir es auch beim Kleinkind erkennen. Aber wie kommt im Gehirn Sinn in diesem allgemeinen Verständnis zustande, bevor Bewusstsein sich deutlicher ausbildet?

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Das Gehirn von Homo sapiens scheint dennoch, wie bei höheren Tieren, biologisch eine Art von Organismus im Organismus zu sein, der als Funktion materialer Prozesse verstehbar ist; das gilt selbst für den Geist. Neuronen und Gliazellen bilden das Gehirn, synaptische Leitungen vernetzen seine Struktur. Elektrizität und chemische Botenstoffe, Transmitter, vermitteln seine Funktionen, allerdings unter Bezugnahme auf vom Gehirn weitgehend unbewusst gebildete Emotionen rückgekoppelt; um es nur sehr simpel anzudeuten. Im Rahmen der biologisch vorgegebenen Hirnstruktur entsteht historisch langsam ein erwerbbares freies Denken individuell wie kulturell.

Doch trainieren wir – bildhaft gesagt – von Geburt an unser ganzes Gehirn, nicht nur freies oder bewusstes Denken, sondern auch unbewusst etwa Körperteile, wie die Extremitäten, oder Organe, wie den Magen. Und auch Emotionen sind insofern ein individuelles Produkt aus der Ontogenese, die später noch verändert werden können. Das Training geschieht durch Gehen oder die Art der Nahrung beispielsweise, jedoch auch durch Beherrschung von Wut oder dergleichen. Das Bewusstsein ist nicht so klar abgegrenzt wie es manchmal angenommen wird, kein losgelöster freier Geist, sondern materielles Konstrukt. Auch das Gedächtnis ist jeweils überwiegend nicht bewusst und wird es nur bei jeweiligem Bedarf.

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Eine wesentliche Frage hinsichtlich der Menschwerdung ist – wie bereits erwähnt – der Zeitpunkt der biologischen Stabilisierung des Gehirns in der Phylogenese. Nun wird ergänzend gefragt, ob es in diesem Verständnis überhaupt stabilisiert sein kann, nachdem es eine bestimmte synaptische Basis-Struktur ausgebildet hat, etwa die zum Beginn des Jung-Paläolithikums. Sie wird jeweils ontogenetisch neu trainiert, etwa durch Kommunikation, als sozusagen der Sinn in neuer Qualität in die Welt kam und Handeln nun weitergehend bestimmte als noch bei Erectus und Neanderthalensis. Erstere Art hatte hinter der fliehenden Stirn ein deutlich kleineres Gehirn als Sapiens, letztere besaß ein ähnliches Hirnvolumen, wenn nicht Knochen und Augenhöhlen viel mehr Platz beanspruchten als bei Sapiens, konnte damit jedoch nicht viel anfangen, lesen wir bei Philipp Gunz. Das lag vielleicht am hinter der fliehenden Stirn noch nicht hinreichend ausgebildeten Präfrontalen Kortex oder durch nur geringe Gedächtnisleistung; wer weiß. Die Betrachtung der archäologischen Funde zeigt Differenzen zu Sapiens seit der hier betrachteten Epoche jedenfalls eindeutig. Dennoch kann bei Sapiens dieser Prozess in ärmer werdender Umwelt rückläufig sein.

Wir können uns das humane Gehirn in der historischen Entwicklung zumindest in zwei Alternativen vorstellen. Es könnte nach dem schnellen Wachstum ab der Geburt bis zur Adoleszenz, soweit es die schon gab, komplett als Netzwerk ausgebildet sein. Alle synaptischen Verbindungen sind vorhanden und ändern sich bei körperlichen und geistigen Bewegungen oder Sinnesaufnahmen nur durch Ausstoß von Botenstoffen. Als ein zweites Denkmodell kann angenommen werden, die vollständig vorhandenen Neuronen sind nur mit den notwendigen synaptischen Strukturen verbunden und werden onto- wie phylogenetisch nach Bedarf neu geschaffen oder wenigstens neu verbunden.

Die Neurowissenschaften gehen ontogenetisch vom zweiten Modell aus, sehen wir noch. Doch wie war es historisch während des Jung-Paläolithikums und bis heute? Aus dem komplexer werdenden Denken bis zur heutigen Rationalität ergibt sich die Frage, ob es nicht – trotz einer unterstellten vollständigen Neuronenzahl bei der Geburt – einer langen phylogenetischen Zeit bedurfte, das Gehirn zu schulen, um in immer komplexeren Umwelten zurechtzukommen. Und das sowohl onto- wie phylogenetisch, also auch durch klüger werdende Eltern, nicht nur durch komplexere natürliche Umwelten.2

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Der Mensch hat sich seit dem Beginn des Jung-Paläolithikums bis heute qualitativ kognitiv mehrfach geändert, ohne dafür genetische Ursachen unterstellen zu können, was jedenfalls mittels der Darwinschen Zuchtwahl wesentlich mehr Zeit gebraucht hätte. Zu bedenken ist: wir werden in den nächsten Jahren bei Fortschreiten der Wissenschaft der Epigenetik vielleicht noch Einflüsse kennenlernen, die Geschichte schon in der Steinzeit beeinflusst haben können, etwa durch Vererbung von Eigenschaften – deren Annahme im Darwinismus lange als Ketzerei galt – in einzelnen kleinen Gruppen gegenüber anderen, die besser oder schlechter lernten. Es scheint nun jedenfalls als hochwahrscheinlich, es gäbe epigenetische Schaltungen an der DNA, die eher als Archiv zu denken ist. Sie hätten eine nennenswerte Auswirkung auf die Vererbung über Generationen haben können, etwa hungernde Großeltern auf die Enkelgeneration, sorgende Mäusemütter auf die Aktivität ihrer Jungen, (Kegel) oder auch, psychisch auffällige Eltern auf die Weitergabe von Depressionen und antisozialer Persönlichkeitsstörung an ihre Kinder; (Roth/ Strüber) dazu später.

Generell, so ist also meine These, kann der biologische Prozess erst mit der Ausformung des (runden) Schädels vor etwa 35.000 Jahren als abgeschlossen verstanden werden. Aber gilt dieser Abschluss auch für das Gehirn – ausgerechnet?

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Das humane Gehirn ermöglicht extreme und schnelle Wandel des Verhaltens, die nicht im engeren Sinn biologisch entstehen können. Geschieht das – komme ich auf die beiden Hirn-Modelle zurück – im immer gleichbleibenden Gehirn? Oder ändert es sich dabei, und wie könnte das funktionieren? Damit wird auch gefragt, wie solche soziologischen Thesen an die Neurologie anzuschließen sind.

Nicht biologisch-evolutive Veränderungen, sondern sich selbst verändernde Prozesse haben offensichtlich die Geschichte mit ihren jeweils aufstrebenden Kulturen bestimmt, wenn die auch Rückschritte erfuhren oder andernorts als Typen erneut entstanden oder sich quasi fortsetzten. Dabei beobachten wir richtungsweisende Fortschritte mal hier mal dort; ich nenne Altertum, Antike, Scholastik, Renaissance, Aufklärung. Das ist eine eurozentristische Sicht, was denn sonst? Es lassen sich aber andere historische Denkweisen in diese (nur grob skizzierte) Reihe integrieren. Beispielsweise entstanden viele der heute erhaltenen bedeutenden frühesten Schriften – auch in östlichen Kulturen – ziemlich gleichzeitig vor etwa 2.500 Jahren (Gilgamesch, Ilias/ Odyssee, ebenso östliche Mythen: Daoismus, Buddhismus). In ihnen erkennen wir frühen Sinn in unterschiedlichen Weisen. Ob solche Mythen wirklich Jahrtausende tradiert, oder nur etwas ältere Geschichten zu eigenem Nutzen neu formuliert wurden, scheint zumindest offen zu sein.

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Zugleich wird so etwas wie eine parallele Geistesentwicklung erkennbar, wenn ganz verschiedene Menschen nach Jahrtausenden getrennter Leben fast gleichzeitig mit dem Aufschreiben älterer Mythen zum eigenen Ursprung beginnen. Es gibt weitere Ereignisse dieser Art, etwa die ähnlich früh entstehende Höhlenmalerei ab vor 40.000 Jahren sowohl im westlichen Eurasien als auch in Ostasien, die kaum gemeinsame äußere Ursprünge hatten, so wie keine Ursprache die Basis aller Sprachen sein musste. Sprachstämme, wie sie die Linguistik einteilt, konnten sich gleichwohl später ausbilden.

Das stellt die Frage nach der Autonomie der kognitiven Geschichte, ob ohne biologisch-genetische Veränderung dennoch das Ausdifferenzieren des Denkens durch langwierige Bewusstseinsveränderung des Ich geschah, die wir heute Individualisierung nennen; sie ist zugleich an geschaffenen komplexer werdenden Umwelten geschult. Ob also die Denkformen an die Weltzeit gebunden waren, um regional unabhängig voneinander bestimmte Formen zu erreichen, so wie Kleinkinder nur in bestimmten, aufeinander aufbauenden geistigen Stadien komplexer lernen können. Blicken wir zunächst noch weiter zurück, bevor das humane Gehirn detaillierter betrachtet wird.


2 Ich habe in den diese Schrift vorbereiteten: Materialien die Problematik, rezente Urvölker zu diskreditieren, ausführlich dargestellt. Dahinter steht die wissenschaftliche Fragestellung, ob Kinder aus sehr einfachen traditionalen Zeiträumen direkt in unsere Bildungswelt versetzt und dort normal schulisch mitkommen könnten. Um die Zeit zum Ende des 19. Jahrhunderts konnten Kinder aus rezenten Urvölkern mit den Missionarskindern durchaus mithalten; (Lévy-Bruhl) aber das war ein noch ganz anderes Niveau. Wie ist dieses Gedankenmodell hinsichtlich der Steinzeit zu reflektieren?

Details

Seiten
138
ISBN (PDF)
9783631856192
ISBN (ePUB)
9783631856208
ISBN (MOBI)
9783631856215
ISBN (Buch)
9783631846582
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
Onto-Phylogenese Homo sapiens Spracherwerb Gehirn-Plastizität Denken/Logik Frauenleben Präfrontaler Kortex Bewusstsein Entstehung Kunst Historische Sozialisation
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 138 S., 3 s/w Abb.

Biographische Angaben

Lars Hennings (Autor)

Lars Hennings ist Diplom-Ingenieur für Architektur und promovierter Sozialwissenschaftler. Seine umfangreichen Studien gehören zur historischen Soziologie.

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Titel: Über die Anfänge des Denkens − Kognition und Siedlung