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Großmähren und seine Nachbarn

von Stefan Albrecht (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 314 Seiten

Zusammenfassung

Was ist Großmährens Platz in Europa? Ist es Teil der zerfallenden karolingischen Welt, gehört es zu einer "nordischen" Welt weit ab von der Romanitas? Ein dreiviertel Jahrhundert ist vergangen, seit in Mähren und der Slowakei die ersten als „großmährisch" identifizierten Steinkirchen entdeckt worden sind. Dies veränderte die Wahrnehmung Großmährens als ein bedeutendes slawisches Reich radikal. Gleichwohl wurde die Frage nach seiner Rolle in Europa kaum gestellt. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes versuchen, dieses Problem neu zu denken und nehmen dabei insbesondere das Verhältnis Großmährens zum Ostfränkischen Reich und seinen Regionen, zu Polen, Ungarn und zum Byzantinischen Reich in Blick.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung
  • Altmähren – ein Überblick
  • Großmähren im neuen Diskurs. Die Suche nach alternativen Erklärungsmodellen
  • Die Mojmiriden in den Machtstrukturen des ostfränkischen Reiches
  • Moravians and the Regnum Francorum. Between Integration and Neighbourhood
  • Glaube und Mission. Das Bistum Passau und Großmähren an der Peripherie der fränkischen Welt
  • The Future of the Great Moravian Past in Polish Medieval Studies
  • Mährer- und Frankenreich aus archäologischer Sicht
  • Moravians and Hungarians as Reflected by the 10th Century Remains
  • Svatopluks Stäbe und St. Denis: Gedanken zu den Beziehungen von Byzanz und Großmähren
  • Noch einmal zur Frage der südlichen Megale Moravia
  • Großmähren in Deutschland. Die Großmähren-Ausstellungen in Mainz und Berlin
  • Autorinnen und Autoren

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Einleitung

Das „Großmährische Reich“1 feierte 1963 sein 1100. Jubiläum – und die Tschechoslowakei feierte sich als dessen historischen Nachfolger mit. In Film und Fernsehen, in Zeitungen, Exkursionen zu Ausgrabungsstätten, in Tagungen und vor allem in Ausstellungen, die in den „Zentren“ „Großmährens“ zu sehen waren, also in Neutra (Nitra) und Brünn (Brno), dann aber auch in Prag und in den kleineren Forschungsstätten, namentlich in Mikulčice, Břeclav-Pohansko oder Devín.

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Es blieb aber nicht bei dem tschechoslowakisch-nationalen Gedenken. 1965 zog die erste Ausstellung nach Athen, dann ging es 1966 weiter nach Wien und nach Mainz ans Römisch Germanische Zentralmuseum (ein Jubiläum, das den äußeren Anlass zu der Tagung gab, deren Beiträge hier veröffentlicht werden), dann nach Breslau, Stockholm, Kiew, Berlin etc. Der Aufsatz von Susanne Grunwald und Stefan Albrecht über die Ausstellungen in Mainz und Berlin am Ende dieses Bandes veranschaulicht, in welchem Umfang sich hier politische und wissenschaftliche Interessen verquickten und welche Bedeutung diese Ausstellungen in der Wahrnehmung der Entscheider und der Öffentlichkeit hatte; dabei lockten sie ihre Besucher damals sicherlich aufgrund der damaligen internationalen politischen Situation und wegen des Neuheitswerts der präsentierten Objekte. Eine ähnliche Ausstellung, die weniger als zwanzig Jahre später – im November 1982 – im British Museum gezeigt wurde, stieß dann auf eine ungleich geringere Resonanz und hatte nicht nur damit zu kämpfen, dass der Eingangsbereich aufgrund von Renovierungsarbeiten kaum zu finden war. Das größere Problem war vielmehr, dass nach einer außerordentlich populären Wikingerausstellung ein Thema präsentiert werden sollte, dass „if it means anything at all to anyone in Britain, it would vaguely hint at an eighteenth-century religious sect“.2 Das Großmährische Reich, von dem auch in Großbritannien in den 1960er Jahren die Zeitungen schrieben,3 war außerhalb der Tschechoslowakei und insbesondere in Westeuropa weitgehend in Vergessenheit geraten.4

Ein halbes Jahrhundert später, nach dem Ende des Kalten Krieges und nach dem Zerfall der insbesondere in den 1960er Jahren als Nachfolgerstaat Großmährens propagierten Tschechoslowakei, wurde in Tschechien und der Slowakei das 1150. Jubiläum der Ankunft der Slawenapostel Konstantin-Kyrill und Method in Großmähren ausgiebig gefeiert. Manches erinnerte an dabei an 1963: Das ganze Jahr 2013 über fanden wiederum Konferenzen, Vorträge, Theatervorstellungen, Konzerte, Veranstaltungen für Schulen, diesmal aber auch Gottesdienste und Pilgerfahrten statt, wenn auch deutlich weniger Besucher kamen. Auch die Unesco hat 2013 wieder zum Jubiläumsjahr ausgerufen. Auf Antrag der Tschechischen Republik und der Slowakischen Republik sowie mit der Unterstützung Serbiens, Bulgarien, Kroatiens, Nordmakedoniens (damals noch FYROM) und Polens wurde das 1150. Jubiläum in die offizielle Liste der UNESCO-Jubiläen eingereiht, mit dem gefeiert wurde, dass es mit dem Wirken der hll. Konstantin-Kyrill und Method in Großmähren möglich wurde, dass « ces nations […] participer plus directement à la création et au développement de la civilisation européenne de l’époque »5 – in Tschechien musste es sich den Platz freilich mit dem 100. Geburtstag Otto Wichterles (1913-1998) teilen, dem Erfinder der weichen Kontaktlinsen; die Slowakei meldete der UNESCO den 100. Geburtstag des Schriftstellers Dominik Tatarka (1913-1989) .

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Von den zahlreichen Veranstaltungen können hier nur einige genannt werden: Im Mährischen Landesmuseum in Brünn fand eine großangelegte Ausstellung unter der Schirmherrschaft des tschechischen Präsidenten statt, die zeigen sollte, dass Großmähren einer der „Pfeiler, auf denen die tschechische Staatlichkeit erwuchs“6 war. Die Ausstellung erinnerte nicht nur das Leben der beiden Slawenapostel und Geschichte und Kultur Großmährens, sondern dokumentierte auch den archäologischen Fortschritt der vergangenen 50 Jahre. Zugleich wurde verdeutlicht, wie weit in geographischer und historischer Hinsicht der kulturelle Einfluss reichte, der von Großmähren seinen Ausgang nahm.7

Auch in kleineren Städten fanden Veranstaltungen zum Gedenken an die 1150 Jahrfeier statt. Beispielsweise wurden im mährischen Kremsier (Kroměříž) wurden „Tage der slawischen Kultur und Bildung“ organisiert, die auf wichtige Aspekte der byzantinischen Mission hinweisen und daneben auch die Beziehungen mit den slawischen Ländern zu erneuern helfen sollten.8 In Kremsier war unter anderem eine Reihe von Historienfilmen zu sehen, die die slawische Vergangenheit feierten – so etwa der Film „Boris I.“ (1985)9 oder „Andrej Rublev“ (1966)10 – besonders aber eine Vorpremiere des Doku-Dramas über die hll. Kyrill und Method, ein Film Petr Nikolaevs, der als Vierteiler vom 5. Juli an im Tschechischen Fernsehen und später als deutlich gekürtzter Kinofilm gezeigt wurde,11 von dem auch eine deutschsprachige Version hergestellt wurde (Cyril a Metoděj – Apoštolové Slovanů, Der Kampf der Konfessionen – Kyrill und Method12). Beraten hatten die Macher des Films ausgewiesene Fachleute, wie Vladimír Vavřínek, Luděk Galuška, Petr Piťha oder Tatiana Štefanovičova.

Auch der wissenschaftliche Ertrag des Jubiläums war beachtenswert:

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Die Konferenz „Cyrilometodějská misie a Evropa“ (Die kyrillomethodianische Mission und Europa, 13.-17. Mai 2013) in Velehrad konzentrierte sich auf die Bedeutung der Mission im 9. Jahrhundert und ihrer Tradition bis in das 18. Jahrhundert. Die umfangreichen Akten der Konferenz machen die Ergebnisse der Tagung auch auf Englisch zugänglich.13 Die an der Karlsuniversität in Prag veranstaltete Konferenz „Cyrilometodějská tradice v dějinách: Období rozkvětu i snah o umlčení“ (Die kyrillomethodianische Tradition in der Geschichte: Blütezeiten und Versuche, sie zum Schweigen zu bringen, 3.-6. Juni 2013) knüpfte an die erste Konferenz an und beschäftigte sich mit der Frage, welche Rolle die kyrillomethodianische Tradition im tschechischen und slowakischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts und vor allem in der Zeit der faschistischen und kommunistischen Diktatur gespielt hatte.14 In Opava fand ebenfalls 2013 eine Jubiläums-Konferenz statt, die sich dem Großmährischen Reich in der Erinnerungskultur des mittelalterlichen Europas widmete.15

Von den in der Slowakei stattgefundenen Konferenzen sei vor allem auf die in Nitra [Neutra] veranstaltete internationale Konferenz „Tradícia a prítomnosť misijného diela sv. Cyrila a Metoda“ (Die Tradition und Gegenwart des Misionswerkes der hll. Kyrill und Method) hingewiesen, die schon am Vorabend des Jubiläumsjahres (13.-15. November 2012) stattgefunden hatte.

Anlässlich des kyrillomethodianischen Jubiläums wurden mehrere Ausstellungen gezeigt. An erster Stelle sei die in Brünn kuratierte Ausstellung „Cyril a Metoděj. Doba, život, dílo“ (Kyrill und Method. Ihre Zeit, Leben und Werk, 27. März – 29. September 2013) und in Olmütz die Ausstellung „Mezi východem a západem. Svatí Cyril a Metoděj v kultuře českých zemí“16 (Zwischen Ost und West. Die heiligen Kyrill und Method in der Kultur der Länder der böhmischen Krone, 25. April – 11. August 2013) erwähnt. Zusammengefasst wurden diese Ausstellung unter dem Namen „Svatí Cyril a Metoděj. Dějiny – tradice – úcta“ (Die heiligen Kyrill und Method. Geschichte – Tradition – Verehrung, 1. November 2013 – 2. Februar 2014) im Agnes-Kloster in Prag gezeigt.17

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Das Slowakische Nationalmuseum in Bratislava veranstaltete anlässlich des kyrillomethodianischen Jubiläums zwei bedeutende Ausstellungen: „Bratia, ktorí zmenili svet – Konštantín a Method“ (Brüder, die die Welt veränderten – Konstantin und Method, 21. Februar – 2. April 2013)18 und „Sv. Cyril a Metod – patróni Európy. Nejstaršie doklady kresťanstva na Slovensku“ (Die heiligen Kyrill und Method – Patrone Europas. Die ältesten Spuren des Christentums in der Slowakei, 21. Februar – 6. Juni 2014).19

Das Jubiläum fand in Tschechien und in der Slowakei unzweifelhaft seine gebührende Aufmerksamkeit und brachte eine beeindruckende Menge an neuer Literatur in die Welt, die teilweise englisch oder deutsch geschrieben der internationalen Wissenschaftsgemeinde leicht zugänglich ist.

Doch während das Jubiläum der 1960er Jahre auch außerhalb der Tschechoslowakei weithin wahrgenommen wurde, fand das 1150. Jubiläum kaum Beachtung – nicht einmal unter Archäologen und Historikern. Es ist hier nicht der Ort, über die Gründe dafür zu spekulieren. Sicherlich war der außenpolitische Kontext der 1960er ganz anders und die Neugier auf die frischen Ausgrabungen größer als das nach 2013 oder später der Fall sein konnte. Unter den Gedenkveranstaltungen fanden sich etwa eine „Messe pour l’Europe“, die am 18. Juni 2013 in der Kathedrale Notre-Dame zu Straßburg von Erzbischof Jean-Pierre Grallet, Dominik Kardinal Duka aus Prag und Mgr. Aldo Giordano, dem ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls am Europarat, in Straßburg gefeiert wurde.20 Ein paar kleinere Ausstellungen waren auch in Paris zu sehen, am Sitz der UNESCO, die vermutlich auf ein geringes Echo stießen.21

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Unzweifelhaft ist seit den 1960er Jahren zu Großmähren sehr viel geforscht worden. Nicht nur wurden zahlreiche neue Details bekannt, sondern auch der politische bzw. gesellschaftliche Charakter Großmährens wurde neu bewertet (vgl. den Beitrag von Jiří Macháček in diesem Band). Zugleich hat sich seither das Bild der jeweiligen Nachbarn Großmährens, insbesondere aber des Ostfränkischen Reichs geändert. Eine Neubewertung des Verhältnisses von Großmähren zu seinen Nachbarn in Europa bzw. zu Großmährens Position in Europa hat bisher aber zu wenig stattgefunden. Das liegt sicherlich auch daran, dass die europäische, und zwar vor allem historische Forschung außerhalb Tschechiens und der Slowakei wenig von Großmähren weiß, und das wenige, das sie weiß, stammt in der Regel aus englisch- oder deutschsprachigen Arbeiten, die sich zum Ziel gesetzt haben, die traditionelle Lokalisierung Großmährens im heute tschechischen und slowakischen Staatsgebiet infrage zu stellen (siehe dazu u. a. den Beitrag von Miklós TAKÁCS).

Wie wenig die tschechische und slowakische Forschung des letzten halben Jahrhunderts insbesondere in der deutschen und westeuropäischen Literatur wahrgenommen wurde und wie wenig davon beeinflusst sie Großmähren in ihre jeweiligen Narrative zur deutschen bzw. europäischen Geschichte einordnen, lässt sich nach einer flüchtigen Durchsicht verschiedener aktueller und älterer Überblicksdarstellungen (die keine Vollständigkeit beansprucht) schnell skizzieren:

Gesamtdarstellungen zur mittelalterlichen Geschichte Deutschlands, also in gewisser Weise des Nachbarn, der die intensivsten Kontakte zu Großmähren gehabt hatte, legen ganz unterschiedliches Gewicht auf die Bedeutung Großmährens. Stefan Weinfurter etwa kommt in seiner (freilich) „kleinen deutschen Geschichte“ ganz ohne Großmähren aus.22 Das klassische Handbuch zur Karolingerzeit Rudolf Schieffers sieht vor allem den Dauerkonflikt zwischen Mähren und den Franken bzw. Baiern, der zwischen Bündnis und Krieg oszillierte. Dass Mähren ein im Bündnis mit Byzanz und Rom nach Unabhängigkeit strebendes Reich war, findet sich bei Schieffer nicht.23 Anders ist es bei Johannes Fried, der wie Schieffer recht ausführlich die politischen Ereignisse an der Ostgrenze des Frankenreichs erzählt, der aber in Mähren ein „kraftvolles Fürstentum“ sieht, das sich zielstrebig durch seine Kontakte mit Rom und Byzanz die Unabhängigkeit von seinen westlichen Nachbarn sichern wollte.24

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Auch Überblickswerke zur Geschichte Europas im Mittelalter konnten nach 1963 durchaus ohne Mähren geschrieben werden.25 Die meisten Autoren hielten es aber dennoch für nötig, der Geschichte dieses Reichs in dem jeweiligen Narrativ einen Platz zuzuweisen.

Ältere Darstellungen ließen sich stark von dem, was die tschechoslowakische Forschung etabliert hatte, leiten, so etwa Giovanni Santini, der von Mähren im Kapitel „L’Emergere di un mondo nuovo atlantico e nordico“ erzählt. František Dvorník (1893-1975) aufgreifend betont er, dass Großmähren die erste staatliche Struktur der Westslawen gewesen sei, die in Nachahmung westlicher Modelle als erstes in einem Gebiet außerhalb des römischen Bodens aufstieg, wie später Polen, Kiew, Dänemark, Schweden und Norwegen.26 Hierbei klingt einerseits die Idee vom mitteleuropäischen Modell Dušan Třeštíks (1933-2007) an, wonach Polen, Böhmen und Ungarn das durch Großmähren vermittelte politische Modell übernommen hatten, andererseits wird Mähren zur Gruppe der nordeuropäischen Völker gezählt, ein Reich am Rande des Mediterraneums – eine Perspektive, die sich in der italienischen Mediävistik etabliert zu haben scheint.27

Die populäre und mehrfach wieder aufgelegte „Oxford illustrated history“ verstand die Geschichte Großmährens ganz ähnlich: Auch für Edward Frederick James (*1947), der das entsprechende Kapitel bearbeitet hatte, gehört Mähren zur Welt des Nordens, die sich den ersten Christianisierungsversuchen der Franken (Ansgar etc.) entzieht, was im Falle Mährens auf die Erfolge der griechischen Missionare Kyrill und Method zurückzuführen sei.28

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Für Jacques LeGoff (1924-2014) gehört das Großmährische Reich (wie er nicht zögert, es zu nennen) nicht mehr in die karolingische Welt des 8.-10. Jahrhunderts, zum „fehlgeborenen Europa“, sondern zum „Erträumte[n] und mögliche[n] Europa des Jahres Tausend“. Zusammen mit den Skandinaviern, den Ungarn und anderen Slawen (die er im Zusammenhang mit der Christianisierung kurioserweise als letzte – noch nach den Ungarn – nennt) sind es die „Neulinge“ in Europa. Diese „Neulinge“ waren in diesem Europa der Möglichkeiten beeinflusst von Konstantin und Method, die die Slawen zum „griechischorthodoxen Glauben“ bekehren wollten. Doch sei es ihnen nicht gelungen, „die Tschechen und andere mährische Völker [ils échouèrent dans le rattachement des Tchèques et des autres peuples de Moravie] an die Ostkirche zu binden und zu verhindern, dass sich Böhmen und Mähren der römisch-lateinischen Christenheit anschlossen“29, womit er die älteren Überlegungen aufgriff, nach denen Großmähren gewissermaßen ein Zankapfel zwischen Ost und West gewesen sei.

LeGoffs Zeitgenosse Ferdinand Seibt (1927-2003), selbst ein herausragender Bohemist, verschob in seinem 1987 erstmals erschienenen „Glanz und Elend des Mittelalters“ die Akzente in eine andere Richtung, indem er Mähren nicht mehr zusammen mit den Völkern Nordeuropas am Rand des Mediterraneums verortet, sondern es als Ergebnis eines europäischen Trends zur Konsolidierung von Großreichen versteht, wie sie auch am gegenüberliegenden Rand des zerfallenden Karolingerreichs zu beobachten seien. Dass Großmähren hier mit dem England Alfreds des Großen in einem Atemzug genannt wird, erscheint dabei freilich etwas kühn. Unausgesprochen wird hier angedeutet, dass die kulturelle Leistung der Mojmiriden mit der Alfreds vergleichbar sei.30

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Die französische Mediävistin Geneviève Bührer-Thierry (*1960) widmet in ihrer 2019 in der 4. Auflage erschienenen Geschichte des karolingischen Europas einen respektablen Teil des schmalen Bandes dem Phänomen Mähren. Insgesamt sieht Bührer-Thierry den Aufstieg Mährens, ähnlich wie es Seibt tat, im Zusammenhang mit den Sezessionsbestrebungen, die sich überall am Rande des Karolingerreiches gezeigt hätten: « Cette fin du IXe siècle est aussi le moment où l’Europe carolingienne se rétrécit du fait de sécessions de plus en plus nombreuses, surtout aux marges de l’Empire ». Diese Sezessionsbestrebungen hätten in Italien die Markgrafen von Spoleto und Friaul erfasst, die eine so große Macht gewinnen konnten, dass sie selbst Könige von Italien werden wollten. Im Ostreich jenseits der Elbe gingen einige Slawenstämme verloren und attackieren Sachsen und Thüringen. Im Süden dehnten die Mährer ihre Macht aus auf Kosten der Mark von Bayern. Im Westreich sind es die Großen Aquitaniens, die sich gegen unter Einfluss von Bernard de Gothie den König wenden. Die Bretagne verlässt definitiv den « orbite carolingienne ». Im Lotharingischen Reich geht ein großer Teil Frieslands an die Dänen, und im Süden wird 879 Boso als König der Provence anerkannt.31 Es ist also ein ganzer Ring von neuen Machtgebilden, der sich um das Frankenreich etabliert und zu dem auch Mähren gehörte.

Ganz ähnlich sehen das Marios Costambeys, Matthew Innes, Simon MacLean, die die Situation Mährens (das sie nicht namentlich nennen), mit der in der Bretagne vergleichen

Although neither the Slav polities nor Brittany were ever formally incorporated into the empire, Frankish pressure nevertheless contributed to their state formation. Crossfrontier relations could be close [...] and the Frankish kingdom thus provided political models for neighbouring rulers32

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Chris Wickham (*1950) kommt in Kapitel „Das karolingische Experiment“ auch kurz auf Mähren zu sprechen, das für ihn eine Art Sparring-Partner des Ostfränkischen Reichs gewesen zu sein scheint, denn: „Ludwig der Deutsche hielt die Kampfkraft seiner Truppen mit Grenzkriegen aufrecht, nicht zuletzt gegen das seit jüngster Zeit mächtige Königreich Mähren“.33 Wickham hält also Mähren für ein zwar mächtiges, aber im europäischen Kontext eigentlich zu vernachlässigendes Machtgebilde, das nicht einmal beispielhaft genug ist, um in eine Gesamtinterpretation des Mittelalters einbezogen zu werden (wenn es auch als eines der wenigen Länder auf Karte 2 zum Jahr 850 eingetragen ist). Besonders deutlich wird dies im Kapitel über „Die Expansion des christlichen Europa, 500-1500“. Hier zählt Wickham erst in chronologischer Reihe die Länder auf, die das Christentum annahmen, angefangen mit Irland im 5.-6. Jahrhundert über Schottland, England im 7., Sachsen im 8. und Bulgarien, Kroatien und Mähren im 9., Böhmen und Polen, Dänemark und die Rus’ im 10. Jahrhundert etc. Um die unterschiedlichen Arten der Annahme des Christentums zu zeigen, beleuchtet Wickham Irland, England, Dänemark, Norwegen und Polen. Die Christianisierung Bulgariens und der Rus klammert er aus und sieht darin einen „gesonderten Prozess“. Mähren und die Tätigkeit der hll. Kyrill und Method bleiben dabei ganz ausgespart.

Peter Heathers (*1960) Arbeit über die Invasionen der Barbaren sticht aus der Masse der Gesamtdarstellungen heraus, denn er beginnt in seinem Prolog so:

Im Sommer des Jahres 882 nahmen Zwentibald, Herzog der Mähren, und seine Männer nahe der Großen Ungarischen Tiefebene, wo zwischen Alpen und Karpaten die Donau fließt, Werinher, ‚den mittleren der drei Söhne des Engischalk, und ihren Verwandten Graf Wezilo gefangen und schnitten ihnen die rechte Hand ab, die Zunge und – schrecklich, dies zu berichten – die Geschlechtsteile, so dass keine Spur mehr von [den Geschlechtsteilen] übrig blieb.34

Am Paradigma Mährens möchte Heather auf zwei Dinge hinweisen, nämlich auf die Tatsache, dass nach den Germanen nunmehr Slawen in diesem Gebiet siedelten (die Frage der Migration ist für Heather von großer Wichtigkeit), andererseits möchte er daran zeigen, dass für den fränkischen Beobachter die Mährer keine Barbaren waren. Der Unterschied zwischen Mediterraneum und barbarischer Welt war verschwunden, das barbarische Europa war nicht mehr barbarisch. Und:

Wie uns der oben geschilderte Vorfall aus Mähren eindringlich vor Augen führt, spielt die Staatenbildung im bis dahin unentwickelten barbarischen Europa [...] in der Geschichte des 1. Jahrtausends n. Chr. eine mindestens ebenso große Rolle wie die Migration.35

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Letztlich steht Mähren für Heather symbolisch am Anfang des neuen Europas, eine Rolle, die ihm die wenigsten Autoren zuschreiben dürften.

Obwohl gerade die Archäologie in den letzten Jahrzehnten zentrale neue Erkenntnisse über Großmähren hatte aufweisen können, dominiert weiterhin ein ereignisgeschichtlicher Aspekt, der im Wesentlichen Bekanntes wiederholt. Dabei werden offensichtlich zwei Positionen eingenommen:

Einige Darstellungen begreifen Großmähren als Teil der Karolingischen Welt, als dessen Zerfallsprodukt oder Randgebiet. Andere sehen in Großmähren einen Teil der „nordischen“ Welt, jenseits der Romanitas, wobei es hier durchaus eine Vorreiterstellung zugesprochen bekommt.

***

Wo steht Großmähren in Europa? Dies war die Frage, die im Oktober 2016 auf der Tagung „Großmähren und seine Nachbarn“ zur Diskussion stand. Dieser Band versammelt mehrere Beiträge, die in der Folge entstanden sind. Er teilt sich in drei Abschnitte:

Da ist zunächst der einleitende Überblick von Peter Hilsch, der die Geschichte Großmährens – „Altmähren“ ist der Begriff, für den er sich entschieden hat – zusammenfasst und damit das Feld eröffnet, das zu dem Beitrag von Jiří MACHÁČEK führt. Macháček erläutert die gegenwärtig diskutierten zentralen Fragen der Erforschung Großmährens, die anhand des gewaltigen Materials, das in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt werden konnte, heute in einem größeren Kontext diskutiert werden können und nicht mehr allein einer nationalregionalen Geschichtsschreibung dient.

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Der nächste Abschnitt mit den Beiträgen von Martin Wihoda, Miroslav Lysý, Herbert Wurster und Adelheid Krah, Przemysław Urbańczyk sowie Sebastian Brather und Péter Lango konzentriert sich auf das Verhältnis Großmährens zu Polen und dem Ostfrankenreich und den landnehmenden Ungarn. Przemysław Urbańczyk eröffnet eine so überraschende wie kühne Perspektive auf die verdrängten Anfänge des Piastenreiches, die von der Niederlage der Mojmiriden bei Preßburg ihren Ausgang nahmen und in dem großmährischen Geschäft mit den Sklaven wurzelte. Martin Wihoda macht auf das enge verwandtschaftliche Netzwerk aufmerksam, das die mährische Herrscherfamilie der Mojmiriden mit den bayerischen Nachbarn über das Ende Mährens hinaus verband. Auch Miroslav Lysý sieht enge Verbindungen nach Bayern und zu den fränkischen Herrschern, die aber doch nicht so weit gingen, als dass man davon sprechen könnte, Großmähren als Teil des Fränkischen Reichs zu verstehen. Vielmehr schlägt Lysý vor, Mähren als einen „semi-integrierten“ Bestandteil des regnum Francorum zu verstehen, der möglicherweise auf einem ähnlichen Weg war, wie ihn später das Böhmen der Přemysliden einschlug. Adelheid Krah und Herbert Wurster untersuchen die Problematik des Bistums Passau als ein Grenzbistum am Rande der fränkischen Welt.

Sebastian Brather widmet sich den Beziehungen von Mährer- und Frankenreich aus archäologischer Perspektive. Dabei plädiert er dafür, Mähren in seinen Verflechtungen mit den Nachbarn als eigenständigen Akteur zu verstehen, der in einem „internationalen Milieu“ verankert ist. Péter Lango kann zeigen, dass die landnehmenden Ungarn bei deutlicher Kontinuität der vorgefundenen Bevölkerung in einer Art Symbiose mit den mährischen Slawen lebten.

Insgesamt scheint sich hier der Eindruck zu verdichten, dass Großmähren als kraftvoller Teil der fränkischen Welt oder ihrer Peripherie verstanden wird, dessen weitere Entfaltung Anfang des 10. Jahrhunderts radikal abgebrochen wurde.

Die beiden anschließenden umfangreichen Beiträge von Stefan Albrecht und Miklós Takács im nächsten Abschnitt untersuchen die seit langem umstrittene Frage nach der Lokalisierung der Megale Moravia des Konstantin VII. Porphyrogennetos unter verschiedenen Blickwinkeln.

Stefan Albrecht schlägt vor, dass die gesamten byzantinisch-großmährischen Beziehungen stärker als Teil der byzantinisch-fränkischen Kontakte zu verstehen sind. Da auch Konstantins VII. Informationen aus der fränkischen Welt stammen, wird angenommen, dass der Blick Konstantins auf Mähren nicht von Südost nach Nordwest gerichtet war, sondern von Westen nach Osten, sodass eine Suche nach einer südlichen Moravia völlig überflüssig wäre.

Biographische Angaben

Stefan Albrecht (Band-Herausgeber:in)

Stefan Albrecht ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Seit seiner Habilitation ist er außerdem Privatdozent am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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Titel: Großmähren und seine Nachbarn