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Transimpérialités contemporaines / Moderne Transimperialitäten

Rivalités, contacts, émulation / Rivalitäten, Kontakte, Wetteifer

von Laurent Dedryvère (Band-Herausgeber:in) Patrick Farges (Band-Herausgeber:in) Indravati Félicité (Band-Herausgeber:in) Elisa Goudin-Steinmann (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 318 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • „Völker Ostasiens, wahret Eure heiligsten Güter!“: Zur Abbildung auf dem Umschlag (Uwe Puschner)
  • Introduction : « Transimpérialités » contemporaines (Laurent Dedryvère, Patrick Farges, Indravati Félicité, Élisa Goudin)
  • Imperien/Reiche und Transimperialitäten:: Theoretische und methodologische Überlegungen (Élisa Goudin)
  • Transimpérialités diachroniques.: Une autre dimension des circulations entre les empires (Indravati Félicité)
  • Good Neighbors, Gute Nachbarn :: Enjeux transimpériaux dans la Bolivie des années 1930 et 1940 (Katell Brestic)
  • « Arrêtez-les tous ! »1 Contribution à une réflexion sur la transimpérialité d’une pratique genrée de l’« encampement » en temps de guerre (Patrick Farges)
  • Die Auswanderung osmanisch-armenischer Flüchtlinge als Zankapfel im britisch-osmanischen Ringen um die Souveränität in Zypern (1896–1898)1 (Stéphanie Prévost)
  • La médecine coloniale dans les colonies françaises de l’Inde : enjeux d’une domination épistémologique (1816–1906) (Paul Lamy)
  • Botanische Netzwerke – Interimperiale Pflanzen- und Wissenstransfers (Katja Kaiser)
  • Die deutschen Kolonialwissenschaften und das koloniale Algerien (1871–1906) (Laurent Dedryvère)
  • Deutscher Neid auf französische Kolonialexpansion. Austausch und Vergleich während der deutsch-französischen Grenzkommission Plé/Massow/Preil in Westafrika (1898–1899) (Isabell Scheele)
  • La transimpérialité entre synchronie et diachronie Les administrateurs français et le Togoland (1917–1931) (Christine de Gemeaux)
  • Islampolitik in Deutsch-Ostafrika als koloniales Selbstgespräch (Jörg Haustein)
  • Kulturkampf und „Islamfrage“ in Deutsch-Ostafrika. Transimperiale und interkonfessionelle Beziehungen im Spannungsfeld von Religion und Politik1 (Armin Owzar)
  • Transimperiale Infrastruktur? Personal, Unternehmer und Arbeit beim Bau der Zentralbahn in Deutsch-Ostafrika (Michael Rösser)
  • Von einem Imperium zu einem anderen: Die Entwicklung der Schul- und Sprachenpolitik in Ostafrika (1885–1961)Aus dem Französischen von Markus Hiltl (Aude Chanson)
  • Organismes financeurs
  • Reihenübersicht

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Uwe Puschner

„Völker Ostasiens, wahret Eure heiligsten Güter!“
Zur Abbildung auf dem Umschlag

Im Frühjahr 1895 entstand von der Hand Wilhelms II. (1859–1941) eine allegorische Bleistiftzeichnung, mit der der deutsche Kaiser die europäischen Mächte vor der drohenden „Gelben Gefahr“ zu warnen und zum gemeinsamen Vorgehen gegen diese vermeintliche Bedrohung aufzurufen suchte. Im kaiserlichen Auftrag arbeitete der Maler und Professor an der Kasseler Kunstakademie Hermann Knackfuß (1848–1915) von der Vorlage eine Federlithografie unter dem von Wilhelm II. ausgegebenen Titel „Völker Europas wahr[e]‌t Eure heiligsten Güter“ aus.1 Den Blick auf sieben im Stil von Walküren gewandete, besorgt dreinschauende allegorische Frauengestalten gerichtet, die mit Austria, Britannia, Germania, Hispania, Italia, Marianne und Mütterchen Russland die führenden europäischen Nationen symbolisieren und über denen das Kreuz strahlt, weist der Erzengel Michael, der Patron der Deutschen, von einem Felsvorsprung aus mit der Hand mahnend auf eine idealisierte, blühende, „Handel und Gewerbe, europäische Kultur und Gesittung versinnbildlich[ende]“ Flusslandschaft. In deren Hintergrund lodern über einer brennenden Stadt gewaltige Flammen empor. Dunkle Rauchschwaden formen sich zu einem Drachen, über denen in einer leuchtenden Aura eine Buddhafigur thront, die – in den Worten des nachmaligen Chefs des preußisch-deutschen Generalstabs Helmuth von Moltke (1848–1916) – „mit stieren, kalten Augen auf die Zerstörung blickt“.2

Die in ihrer plumpen ikonografischen Ausführung und plakativen Programmatik unmissverständliche Zeichnung steht unter dem unmittelbaren Eindruck des chinesisch-japanischen Krieges 1894/95 und des japanischen ←7 | 8→Siegs.3 Bei Kriegsbeginn übten sich Wilhelm II. und das Deutsche Reich noch in defensiver Zurückhaltung, um schon wenig später einerseits über eine deutsche Intervention mit dem Ziel der Einhegung der japanischen Expansion und andererseits vor dem Hintergrund imperialen Konkurrenzdenkens über territoriale Erwerbungen in Ostasien – Kiautschou war bereits im November 1894 im Gespräch – nachzudenken. Darüber hinaus wurden die macht- und wirtschaftspolitischen Interessen mit dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts international virulenten Ideologem der „Gelben Gefahr“ (péril jaune, yellow peril, pericolo giallo, желтая опасность, peligro amarillo) unterfüttert und eine Bedrohungskulisse inszeniert. Helmuth von Moltke, den der Kaiser im September 1895 nach St. Petersburg zur Überbringung der Zeichnung entsandt hatte, formulierte die strategische Stoßrichtung: „Der Sinn des Ganzen ist der in der Zukunft heraufdämmernde Existenzkampf der weißen und gelben Rasse.“4 In diesem Verständnis betonte Wilhelm II. in seinem Begleitschreiben an Zar Nikolaus II. (1868–1918), dass die Zeichnung „die europäischen Mächte [… zeigt], wie sie sich im Widerstande gegen das Eingreifen des Buddhismus, des Heidentums und der Barbarei zur Verteidigung des Kreuzes vereinigen. Besonderer Nachdruck ist auf den vereinigten Widerstand aller europäischen Mächte gelegt, der ebenso notwendig ist gegen unsere gemeinsamen Feinde: Anarchismus, Republikanismus, Nihilismus.“5 Russland sollte Wilhelms II. Vorstellungen zufolge, nicht zuletzt, um es von Europa und namentlich der deutschen Ostgrenze fernzuhalten, ein Bollwerk gegen die „Gelbe Gefahr“ sein. Es sei, appellierte der Kaiser bereits im Frühjahr 1895 an den Zaren, „in Zukunft die große Aufgabe für Rußland, seine Aufmerksamkeit dem asiatischen Kontinent zuzuwenden und Europa gegen die Angriffe der großen gelben Rasse zu verteidigen.“6

Die Zeichnung fand über das Deutsche Reich hinaus weite Verbreitung und trug nicht unwesentlich zur Popularisierung des Ideologems von der ←8 | 9→„Gelben Gefahr“ bei.7 Wilhelm II. ließ sie nicht nur dem Zaren überbringen, der sich süffisant für „the charming picture“ bedankte,8 sonderte versandte Drucke an weitere europäische Monarchen sowie Staatsoberhäupter, u.a. an den französischen Präsidenten Félix Faure (1841–1899), und schenkte es zum Weihnachtsfest der Kaiserin wie auch Bismarck (1815–1898), der sich über die Programmatik der Zeichnung und den kaiserlichen Propagandafeldzug ebenso irritiert wie erheitert äußerte.9 Sie wurde ferner in Heliogravüren der Graphischen Reichsanstalt verbreitet, „auf den Dampfern deutscher Ostasienlinien“ ausgehängt und an Truppentransporte verteilt, die anlässlich des sogenannten Boxeraufstandes nach China entsandt wurden.10

Die abschätzige öffentliche Resonanz erzürnte Wilhelm II. Gegenüber Nikolaus II. beklagte er sich, dass er seiner Warnung vor der drohenden „Gelben Gefahr“ wegen und ihrer „graphischen Darstellung […] von der größeren Masse des Volkes verlacht“ werde.11 In diesem vielstimmigen Chor gaben Karikaturisten den Ton vor, unmittelbar nach Veröffentlichung der Zeichnung wie vor allem mit Beginn und während des Boxerkrieges.12 Wilhelms II. Parole „Völker ←9 | 10→Europas, wahr[e]‌t Eure heiligsten Güter“ wurde zum geflügelten Wort, variantenreich abgewandelt und – international – vielfach persifliert.13 Im Fokus der Karikaturen, insbesondere im Boxerkrieg, stand der europäische Imperialismus mit seinem Imperativ politischer, ökonomischer, religiöser (d.h. christlicher), kultureller etc., mithin zivilisatorischer und vielfach rassistisch begründeter Überlegenheit und damit gerechtfertigter globaler Expansion und Herrschaft.14 Die von dem Maler, Illustrator und Karikaturisten Fritz Hass (1864–1930) im Februar-Heft der Münchner Kunst- und Literaturzeitschrift „Jugend“ 1896 veröffentlichte Karikatur „Völker Ostasiens, wahret Eure heiligsten Güter!“ ist eine ←10 | 11→der ersten Bildsatiren.15 In Verbindung mit einem nicht gezeichneten holprigen, gleichwohl sprechenden Gedicht antwortet sie auf die mediale Offensive Wilhelms II. mit ihrer obsessiven Rhetorik von einer „gelben Gefahr“ und auf den global ausgreifenden Imperialismus der europäischen Mächte in Anlehnung an die zeitgenössischen Gegenwartsdiagnosen – und im Einklang mit der programmatischen Linie der Zeitschrift vor dem Ersten Weltkrieg – in entschieden gesellschafts- und kulturkritischer Manier.

Völker Ostasiens, wahret Eure heiligsten Güter!

Oh Ihr Chi- und Japanesen!

Ihre Männer drangsaliren,

Bleibt doch nur, wie Ihr gewesen

Wie sie ihre schlanken Leiber

Vor dem unglücksel’gen Kampf!

Deformiren durch Korsette,

Glaubt nur ja nicht, dass mit Dampf

Watte, Fischbein, unsere Weiber:

Rücken müsse Alles näher,

Und sie putzen um die Wette;

Was wir armen Europäer

Wie sie fabelhafte Kragen,

Die Kultur benambsten! – Nein

Riesenhafte Aermel tragen,

Solches muss gewiss nicht sein!

Heute Seide, morgen Leinen,

Wahrt Euch Eure heil’gen Güter,

Heute groben, morgen feinen

Eure fröhlichen Gemüther,

Velvet oder Cheviot.

←11 | 12→Lebt in kindlich-heiterm Sinn

Heute grün und morgen roth,

Sorgenlos wie Blumen hin!

Heut‘ gekörnt und dann gerippelt,

Freut Euch an der Wellen Schaukeln,

Heut‘ gestreift und dann getippelt,

An der Schmetterlinge Gaukeln,

Heute zu Crêpon verkrümelt,

An der Vögel Prachtgefieder,

Morgen glatt und dann geblümelt,

An der Rose, an dem Flieder,

Bald mit Spitzen, bald mit Schmelz,

An der Nelke, an der Lilie,

Bald mit Borten, bald mit Pelz,

Haltet fern von der Familie,

Heute tragen sie Jaquette –

Euren Mägdlein, Euren Frau’n,

Gegen alle Etiquette

Was der alte Buddha gnädig

Sind sie morgen aber wieder;

Euch bedeckt mit Nacht und Grau’n!

Sie umhüllen ihre Glieder

Denn Ihr bliebet lieber ledig,

Dann mit Capes und Pelerinen,

Wüsstet Ihr, wie mit Methode

Oder wollen sich bedienen

Unsre Ruh‘ zerstört die Mode,

Jener Boa’s, jener langen,

Wie die Frau’n, um sich zu zieren,

Von der Form der Riesenschlangen.

Bald mit Blumen, bald mit Feder,

Leute, die die Welt kuriren

Bald mit Bändern jeder Güte

Und mit Wunderelixiren,

Schmücken sie sich ihre Hüte,

Pillen, Pulvern, Malzkaffe

Heute gross wie Wagenräder,

Heilen alles Erdenweh!

Morgen klein wie eine Mücke –

Blaugestrumpfte Dichterinnen,

Kennt Ihr erst der Moden Tücke,

Leute, die auf Gründung sinnen,

O Ihr Chi- und Japanesen,

Heineweltschmerznachempfindler,

Bleibt Ihr gern, wie Ihr gewesen!

Ausverkaufs- und Heirathsschwindler,

Und auch sonst das wilde Heer

Ethische Culturverbreiter,

Der Kultur bedroht Euch schwer,

Bicyclisten, Sonntagsreiter,

Im Geschwindeschritt naht’s heran:

Dombaulottocollektanten

Seht, da kommt der Börsenmann –

Und Reklamekomödianten

Flieht, o flieht in schnellem Lauf,

Bau- und Grundstücksspekulanten,

Denn er hängt Euch Aktien auf!

Schussbereite Trainsergeanten,

Und es nahen Panamisten,

Medisante Kaffeetanten

Spiritus und Spiritisten,

Und die lieben Dilettanten

Gigerln in erles’ner Gruppe

Jeder Kunst und jeder Art

Maler mit der Gliederpuppe,

Kommen mit auf dieser Fahrt;

Photographenamateure,

Dritthalbjähr’ge Wunderkinder,

←12 | 13→Sängerinnen, Männerchöre,

Haar- und Barttinkturerfinder,

Grimmige Radaustudenten,

Brauer ohne Malz und Hopfen,

Auch Versicherungsagenten,

Winzer ohne Traubentropfen,

Das Ballet im kurzen Rockerl,

Leute, die aus Unschlitt Butter

Lieutenants mit dem Monokerl,

Machen – welch‘ eine Schweinefutter!

Schneidig, stramm und selbstbewusst

And’re Lebensmittelchemiker,

Und mit hochwattirter Brust.

Aufgeblasene Akademiker,

Auch die Zeitungskolportage

Oede Eitelkeitspolitiker,

Zusammenfassung

La notion d’ « Empire » est plus présente que jamais dans les discours médiatiques et savants ; elle semble offrir une grille de lecture efficace pour appréhender les réalités contemporaines les plus diverses. Depuis une trentaine d’années, la recherche a nuancé notre compréhension du phénomène impérial. Les travaux récents ont ainsi soulevé la question des superpositions et appartenances multiples entre empires. Cette perspective « transimpériale » offre un enrichissement aux acquis de l’histoire des transferts culturels, de l’histoire transnationale et de l’histoire globale. Les contributions de ce volume éclairent les différents aspects du concept de « transimpérialité » et illustrent son utilité heuristique en histoire contemporaine, dans une perspective franco-allemande élargie.

Details

Seiten
318
ISBN (PDF)
9783631852194
ISBN (ePUB)
9783631852200
ISBN (MOBI)
9783631852217
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
Colonial History Global History History of Science Imperialism History of Migration Postcolonial Studies Gender Studies Decolonization Global Labour History
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 318 S., 9 farb. Abb., 4 s/w Abb.

Biographische Angaben

Laurent Dedryvère (Band-Herausgeber:in) Patrick Farges (Band-Herausgeber:in) Indravati Félicité (Band-Herausgeber:in) Elisa Goudin-Steinmann (Band-Herausgeber:in)

Laurent Dedryvère est maître de conférences en civilisation contemporaine de l’Allemagne et de l’Autriche à l’université de Paris, membre du laboratoire « Identités, Cultures, Territoires », EA 337. Patrick Farges est professeur des universités en histoire contemporaine de l’Allemagne et en histoire du genre à l’université de Paris, membre du laboratoire « Identités, Cultures, Territoires », EA 337. Indravati Félicité est maîtresse de conférences en histoire moderne et en civilisation allemande à l’université de Paris, membre du laboratoire « Identités, Cultures, Territoires », EA 337. Élisa Goudin est maîtresse de conférences en civilisation allemande, habilitée à diriger les recherches, à l’université Paris 3 – Sorbonne Nouvelle, membre du « Centre d’Études et de Recherches sur l’Espace Germanophone », EA 4223.

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Titel: Transimpérialités contemporaines / Moderne Transimperialitäten