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Mehrsprachigkeit per Gesetz: Die Implementierung der Ko-Offizialisierung von Sprachen in Brasilien

von Jan Pöhlmann (Autor:in)
Dissertation 210 Seiten

Zusammenfassung

Brasiliens Gesetz der Ko-Offizialisierung schreibt die juristische Gleichstellung von Sprachen vor, die – neben der nationalen Sprache Portugiesisch – in der Region dominieren. Es ist auf lokaler Ebene wirksam und verpflichtet die jeweiligen Bezirke zu einer mehrsprachigen Gestaltung des öffentlichen und institutionellen Raums. Dazu gehören z.B. die Installation von Straßenschildern und das Erstellen offizieller Dokumente in mehreren Sprachen. Der Autor untersucht, inwiefern das Gesetz wirksam ist und es gelingt, die jeweiligen Sprachen zu revitalisieren und ihnen mehr gesellschaftliche Anerkennung zu verleihen. Die Analyse erfolgt anhand von Daten aus Interviews mit Akteur*innen aus Lokalpolitik und Bildungswesen, Fragebögen in Schulklassen und einer teilnehmenden Beobachtung in zwei Bezirken.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright Page
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Einleitung
  • 2. Methoden der Datenerhebung
  • 2.1 Mein Zugang zu Forschungsperspektive und Forschungsfeld
  • 2.2 Exemplarisches Lernen
  • 2.3 Grounded Theory und konstruktivistisch-​perspektivistische Konzepte
  • 2.4 Qualitative Datenerhebung: leitfadengestützte, semi-​strukturierte Interviews
  • 2.5 Quantitative Datenerhebung: Fragebögen
  • 2.6 Teilnehmende Beobachtung
  • 3. Historischer Hintergrund
  • 3.1 Das Land Brasilien: Geschichte, Bevölkerung, Sprachen
  • 3.1.2 Brasilien als „monolinguales“ Land
  • 3.1.3 Sogenannte Minderheiten und Minderheitensprachen
  • 3.1.4 Indigene Völker in Brasilien
  • 3.1.5 Europäische Immigration nach Brasilien im 19. und 20. Jahrhundert
  • 3.2 Sprachenpolitik in Brasilien
  • 3.2.1 Marquês de Pombal: Verbot der indigenen Sprachen
  • 3.2.2 Getúlio Vargas und die Nacionalização do Ensino
  • 3.3 Die postdiktatoriale Verfassung von 1988: indigene Rechte
  • 4. Die Ko-​Offizialisierung als Instrument des Empowerments
  • 4.1 Entstehung und Implementierung des Gesetzes
  • 4.1.1 IPOL und die Bezirke als Akteure
  • 4.1.2 Die Ko-​Offizialisierung der Gebärdensprache LIBRAS
  • 4.1.3 Die Ko-​Offizialisierung in São Gabriel da Cachoeira
  • 4.2 Weitere politische Maßnahmen des Empowerments
  • 4.2.1 Povos e Comunidades Tradicionais
  • 4.2.1.1 Der „Fall“ Pancas
  • 4.2.1.2 Landkämpfe der indigenen Gruppen
  • 4.2.2 Inventário Nacional da Diversidade Linguística (INDL)
  • 5. Zwei Bezirke, zwei Fallbeispiele
  • 5.1 Die zwei Bezirke Bonfim und Santa Maria de Jetibá
  • 5.1.1 Bonfim
  • 5.1.2 Santa Maria de Jetibá
  • 5.1.3 Kolonisierung
  • 5.1.4 Branqueamento
  • 5.1.5 Questão Indígena
  • 5.1.6 Industrielle Landwirtschaft vs. Subsistenzwirtschaft
  • 5.2 Die sprachlichen Landschaften der beiden Bezirke
  • 5.2.1 Orthographien
  • 5.2.1.1 Die Orthographien der Sprachen Macuxi und Wapichana
  • 5.2.1.2 Die Orthographie des Pomerano
  • 5.2.1.3 Wörterbücher
  • 5.2.1.4 „Hunsrik xraywe“
  • 5.2.1.5 Orthographieentwurf der Sociedade Bíblica do Brasil
  • 5.2.1.6 Visualisierung
  • 5.2.1.7 Norm bei der Lehrer*innenausbildung
  • 5.2.2 Projektionen einer Reduktion der drei Sprachen bei jüngeren Generationen
  • 5.2.3 Medien
  • 5.2.3.1 WhatsApp-​Gruppe Pomeranos no Brasil
  • 5.2.3.2 Smartphone-​App Aprenda Pomerano
  • 5.3 Schulunterricht
  • 5.3.1 PROEPO
  • 5.3.2 Instituto Insikiran
  • 5.3.3 Lehrmaterialproduktion
  • 5.3.4 Immersion
  • 5.3.5 Schulunterricht (und sein Verbot) als Ursache für den Sprachrückgang
  • 5.4 Linguistic commodification und Volksfeste
  • 5.4.1 „Pomerfest“ und „Wurstfest“
  • 5.4.2 Festa de Beiju: Indigene Gemeinden laden ein
  • 5.5 Zum Konzept Sprachgemeinschaft
  • 5.6 Zum Konzept Bi-​ und Plurilinguismus
  • 5.7 Bilingualer Schulunterricht
  • 6. Domänen
  • 6.1 Domänen der drei ko-​offizialisierten Sprachen
  • 6.1.1 Informeller Raum
  • 6.1.1.1 Wandel des Gebrauchs im öffentlichen Raum
  • 6.1.1.2 Rural vs. urban
  • 6.1.2 Ökonomischer Raum
  • 6.1.2.1 Der kommerzielle Faktor in Santa Maria de Jetibá
  • 6.1.3 Politischer Raum
  • 6.2 Kategorisierungen der Mehrsprachigkeit
  • 6.2.1 Registeraufteilung nach Streb
  • 6.2.2 Zweiklassenmehrsprachigkeit nach Krumm
  • 6.2.3 Sprache, Dialekt, Varietät
  • 6.2.4 Autochthon vs. Allochthon
  • 7. „Vorher–​Nachher–​Blick“
  • 7.1 Ethnicity in motion
  • 7.2 Ethnisierung –​ Nationalisierung –​ Transnationalisierung: Vereinbarkeit im 21. Jahrhundert
  • 8. Schlussbemerkungen
  • 9. Anhang
  • Literaturverzeichnis

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Vorwort

In einer globalisierten Welt und Wirtschaft, in einer Welt mit Arbeits-, Armuts- und Flüchtlingsmigration hat das Bildungswesen die Aufgabe, junge Menschen zu einem Leben in dieser mehrsprachigen Welt unter den Bedingungen der sprachlichen und kulturellen Vielfalt zu befähigen. Das bedeutet zum einen, Kinder und Erwachsene, die bereits mehrsprachig sind, nicht einsprachig zu machen, sondern ihre Sprachen und sprachlichen Fähigkeiten zu nutzen und zu erweitern; und das bedeutet zum andern, auch einsprachigen Kindern früh einen Zugang zu Mehrsprachigkeit zu eröffnen. […] Unsere Gesellschaft, so will ich damit sagen, verfügt über einen großen Sprachenreichtum, der nicht wahrgenommen und genutzt wird, den die Betreffenden auch nirgends kapitalisieren können, sondern für den sie im schlimmsten Fall auch noch bestraft werden. Einfach weil es die ‚falschen‘, die nicht wertgeschätzten Sprachen sind (Krumm 2013: 7).

Der vorliegende Text ist eine überarbeitete Version meiner Doktorarbeit, die ich im September 2019 eingereicht und im Oktober 2019 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) verteidigt habe. Seine endgültige Niederschrift habe ich Anfang des Jahres 2019 begonnen. So erklärt sich, dass ich die Handlungen der aktuellen brasilianischen Regierung in der letzten Zeit, insbesondere ihr Verhältnis zu den sogenannten Minderheiten Brasiliens, z.B. indigenen Völkern, nicht immer fortlaufend reflektieren konnte. Durch nachfolgende fachliche Diskussionen und den Austausch mit anderen Forschenden bestätigt sich der Charakter einer Momentaufnahme für die Doktorarbeit. Beispielsweise bin ich während meiner Forschung auf verschiedenste Bezeichnungen für die sogenannten Minderheitensprachen gestoßen und habe weitere Termini kennengelernt, mit denen ich den Begriff „Minderheit“ durch weniger hegemoniale Begriffe ersetzen konnte: neben lokal, regional, marginal oder klein können sie auch „nicht hegemonial“, teilweise „von institutionellem Geschehen ausgeschlossen oder weniger berücksichtigt“ oder als „weniger studiert“ bzw. „weniger präsent im akademischen oder institutionellen Umfeld“ (vgl. IPOL) bezeichnet werden.

Ich bemühe mich, bei der Betrachtung meiner Forschungsergebnisse eine ständige Reflexion meiner Anwesenheit als „weißer“, europäischer Forscher einfließen zu lassen. Dies wird bei der Thesenerstellung in Kapitel 2.3 deutlich, wenn ich meine empirischen Daten über den Sprachgebrauch in Bonfim betrachte und mir bewusst mache, dass eine indigene Kollegin im selben Feldforschungsszenario andere Verhaltensweisen beobachten konnte.

Eine Fragestellung begleitete mich während der gesamten Zeit der Forschung und ließ mich ab und an über den Sinn der untersuchten ←11 | 12→Sprachrevitalisierungsprojekte reflektieren: Lohnt sich ein derart großer Aufwand, um die Sprachen „künstlich zu beatmen“? Eine positive Beantwortung dieser Frage und ein Antrieb für einen einfühlsamen und – im besten Falle – die untersuchten Gruppen unterstützenden Beitrag zur Wissenschaft liegt für mich zunächst in der Betrachtung von Krumms Feststellung: Viele Personen stehen am Rande der Gesellschaft, weil sie die falschen Sprachen beherrschen (vgl. Kapitel 6.2.2).

Über den Zeitraum meiner Arbeit entwickelte ich eine Empathie gegenüber meinem Forschungsgebiet, d.h. gegenüber den angetroffenen Personen, zu der folgender Text einen großen Beitrag leistete.

Bild 1: Die Autorin beschreibt, wie sie in der indigenen Gemeinde Truarú (Roraima, Brasilien) aufwuchs. Sie bezeichnet den Erwerb „ihrer Sprache“ als „Privileg“. Auszug aus Lima (2019).

Diese Schilderung der Studentin der Universidade Federal de Roraima bestätigt mir die Bedeutung jeglicher Form von Solidarität, die bewirken kann, dass der Erwerb der „eigenen“, bzw. der Sprache der Eltern, vom Privileg zur Normalität wird.

Boa Vista, Roraima, Brasilien, 20.5.2021

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1. Einleitung

Als ich 2015 zum ersten Mal den Bezirk Santa Maria de Jetibá (Bundesstaat Espírito Santo, Brasilien) besuchte, war ich verwundert. Ich hatte kurz zuvor die brasilianische Betreuerin meiner Doktorarbeit Mônica Savedra kennengelernt, und wir machten die erste Exkursion in das bergige Hinterland der an der Küste gelegenen Landeshauptstadt Vitória.

Ein paar Jahre zuvor hatte ich in São Paulo gewohnt und während der Zeit auch von europäischer Einwanderung geprägte Gebiete im Süden Brasiliens besucht. Für meine Magisterprüfung hatte ich schon gelernt, dass die Gruppe der aus Mitteleuropa bzw. Deutschland nach Brasilien ausgewanderten Migrant*innen nicht nur aus den gegen Ende des Zweiten Weltkrieges geflüchteten Nazis und ihren Nachkommen besteht, sondern viele Europäer*innen schon im 19. Jahrhundert nach Brasilien migrierten. Doch ausgerechnet den „pomeranischsten Bezirk Brasiliens“ in Espírito Santo zu entdecken, hatte ich nicht erwartet.

Ich hatte über das Gesetz der Ko-Offizialisierung gelesen, das der Bezirk Santa Maria de Jetibá sechs Jahre vor meinem ersten Besuch eingeführt hatte. Dieses Gesetz schreibt eine zweisprachige Gestaltung des Bezirks vor: von einer Ausstattung des öffentlichen Raumes, z.B. Straßenschilder,1 bis zu offiziellen Dokumenten im Rathaus auf Portugiesisch und Pomerano2. Als ich durch die Straßen der Bezirkshauptstadt Santa Maria de Jetibá ging, konnte ich zu meinem Erstaunen kein einziges Straßenschild auf Pomerano entdecken. Sollte das Potenzial eines so vielversprechenden Gesetzes etwa gar nicht ausgenutzt worden sein? Ich wollte mehr über die Implementierung dieser Verordnung herausfinden. Als ich weitere Forschungslektüre über dieses Gesetz konsultiert hatte, beschloss ich, mir in weiteren Bezirken Brasiliens die Umsetzung dieser juristischen Maßnahme anzuschauen. Immer mehr Bezirke Brasiliens implementieren das Gesetz der Ko-Offizialisierung. Momentan sind es 45 Bezirke (vgl. IPOL 2021).

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Wie sah die Situation in den anderen Bezirken aus? Ich begab mich auf die Reise in den abgelegenen Bezirk São Gabriel da Cachoeira, im Bundesstaat Amazonas, in dem die Umsetzung des Gesetzes 2002 auf Bezirksebene seinen Anfang nahm und gleichzeitig die drei indigenen Sprachen Baniwa, Tukano und Nheengatu offizialisiert wurden. Auch hier konnte ich keine mehrsprachige Gestaltung des öffentlichen Raumes erblicken. Als dritten Bezirk besuchte ich Bonfim, im Bundesstaat Roraima. In diesem Bezirk wurden 2014 die beiden indigenen Sprachen Macuxi und Wapichana3 ko-offizialisiert. Auch hier: keine Straßenschilder. Wurde dieses Gesetz wirklich in keinster Weise umgesetzt? Blieben auch die anderen Gesetzesartikel effektlos auf die Bezirke und vor allem auf die Specher*innen der sogenannten Minderheitensprachen? Ich beschloss, die Implementierung des Gesetzes der Ko-Offizialisierung von Sprachen in den Bezirken Santa Maria de Jetibá und Bonfim näher zu untersuchen und zum Forschungsobjekt meiner Dissertation zu machen.

Laut Morello (2015) erlaubt das Gesetz der Ko-Offizialisierung auch denjenigen Sprecher*innen, brasilianischen Staatsbürger*innen, die nicht oder wenig Portugiesisch sprechen, die in urbanen Zentren wohnen oder in abgelegenen ländlichen Gemeinden, eine demokratische Teilnahme an der brasilianischen Gesellschaft – in der Sprache ihrer eigenen Wahl.

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Die Bezirke Santa Maria de Jetibá und Bonfim sind in vielerlei Hinsicht unterschiedlich, aber weisen auch Parallelen auf. In beiden Bezirken werden regionale Sprachen neben der nationalen Sprache Portugiesisch gesprochen. In beiden Bezirken ist ein Rückgang der Kompetenz dieser regionalen Sprachen unter den jüngsten Generationen zu beobachten und eine Einsprachigkeit in Portugiesisch scheint sich zu verbreiten. Ein Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung, der sich u.a. in Diskriminierungen durch den brasilianischen Staat und die Bevölkerung äußert, wird oft als Grund für die Lücke in der intergenerationellen Sprachweitergabe genannt, die in beiden Bezirken alarmierende Reaktionen auslöst.4 In diesem Rahmen stellten sich mir mehrere Fragen in Bezug auf die Umsetzung des Gesetzes der Ko-Offizialisierung:

Vermag das Gesetz, den Sprecher*innen zu gesellschaftlicher Anerkennung zu verhelfen und einen Rückgang des Sprachgebrauchs abzufangen?

Inwieweit kann es eine Unterstützung für den Erwerb und die Vereinheitlichung der jungen Orthographien der Sprachen Macuxi, Wapichana und Pomerano sein?

Bewahrheitet sich die auf das Gesetz projizierte Hoffnung, dass es auf Bezirksebene eine Gleichberechtigung der regionalen Sprachen und der portugiesischen schaffen kann?

Wer sind die an Gesetzesentwurf und -umsetzung beteiligten Akteur*innen?5

Wessen Bedürfnisse wurden beachtet?

Details

Seiten
210
ISBN (PDF)
9783631860731
ISBN (ePUB)
9783631860748
ISBN (Hardcover)
9783631857762
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
Sprachenpolitik Regionalsprachen Brasilien Mehrsprachigkeit Sprachdiversität Pomerano Macuxi Wapichana Sprachverbot Ethnicity in Motion
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 210 S., 17 farb. Abb., 14 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Jan Pöhlmann (Autor:in)

Jan Aguiar Pöhlmann hat Romanistik (Portugiesisch), Afrikanistik und Musikethnologie an der Universität Köln studiert. Promoviert hat er im Rahmen des Cotutelle-Kollegs Ethnicity in Motion der Europa-Universität Viadrina und der Universidade Federal Fluminense und war Promotionsstipendiat der Rosa Luxemburg Stiftung. Derzeit lebt er in Boa Vista/RR, Brasilien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sprachenpolitik, Sprachrevitalisierung und Mehrsprachigkeit.

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