Lade Inhalt...

Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90

Band 5: Zeugnisse Teil I: Fotografie

von Yana Milev (Band-Herausgeber:in) Philipp Beckert (Band-Herausgeber:in) Marcel Noack (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 690 Seiten

Zusammenfassung

Seit das »Ende des Kommunismus« auf 1990 festgeschrieben und der »Unrechtsstaat DDR« der Justiz übergeben wurde, inszenieren neue Institutionen, Stiftungen und Behörden auf Bundesebene den ökonomischen, kulturellen und moralischen Erfolg des Rechtsstaates. Dabei wird die Mehrheit der Neubürger mit Schockereignissen des krassen sozialen Wandels und der gesellschaftlichen Stigmatisierung konfrontiert. Konzepte wie »Transformation«, »Modernisierung« und »Demokratisierung« treten als Euphemismen auf, die über eine neoliberale Annexion der »Neuländer« hinwegtäuschen. Das Investmentprojekt »Aufschwung Ost« ist ein Laborfall der Globalisierung. Über eine Aufarbeitung der DDR im Totalitarismus- und Diktaturenvergleich hinaus ist eine politische Soziologie der Landnahme, des Gesellschaftsumbaus und des strukturellen Kolonialismus in Ostdeutschland längst überfällig. Das Forschungsprogramm »Entkoppelte Gesellschaft. Liberalisierung und Widerstand in Ostdeutschland seit 1989/90. Ein soziologisches Laboratorium« will im dreißigsten Jahr der »Einheit« diesem Thema mit einer mehrbändigen Publikation Rechnung tragen.
Der Band »Zeugnisse/Fotografie« thematisiert Arbeits-, Kultur- und Lebenswelten in der DDR und deren Verschwinden in Folge der »Wiedervereinigung«. Anhand von Fotografie und Reportage werden drei zeithistorische Phasen rekonstruiert: A/ Aufbau und Aufbruch in der DDR; B/ Formen des Überlebens im Umbruch; C/ Entheimatung und Kampf um Sichtbarkeit im Neuland/Exil. Der Band stellt 18 Positionen der Visuellen Soziologie vor, mit Fotografien von Christian Borchert, Ralf Anders, Evelyn Richter, Harald Kirschner, Eva Mahn, Roger und Renate Rössing, Thomas Uhlemann, Maria Notbohm, Jens Rötzsch, Yana Milev, Barbara Klemm, Maix Mayer, Andreas Rost, Philipp Beckert, Marcel Noack und Jürgen Matschie sowie mit Texten von Heinz Czechowski, Matthias Flügge, Hans-Joachim Lauck, Paul Dessau, Wolfgang Kil, Eva Mahn, Hans-Georg-Sehrt, Andreas Raabe, Kurt Schneider, Jörg Roesler, Christoph Tannert, Die Redaktion, Renate Rauch, Bertram Kaschek, Peter Gosztony, Christina Bogusz, Die Herausgeber sowie einem Grusswort von Peter Weibel und Silke Wagler.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Grußwort
  • Silke Wagler, Leiterin Kunstfonds SKD (Sächsische Kunstsammlung Dresden)
  • Peter Weibel, Vorstand ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe)
  • Einleitung
  • Die Herausgeber: Entkoppelte Gesellschaft im Spiegel der Visuellen Soziologie. Fotografische Zeugnisse aus drei zeithistorischen Phasen der Transformation in der DDR, der Post-DDR und in Ostdeutschland seit 1989/90
  • Überleitung
  • Fotografische Spurensuche und Zeugenschaft im Existenzraum. Eine Lesart zur „sozialen Gebrauchsweise der Fotografie“ (Philipp Beckert)
  • Post Scriptum: Mit Dresden leben. Anmerkungen zu Christian Borchert (Heinz Czechowski)
  • Teil I: Fotografie
  • A / Aufbau + Aufbruch (1949 – 1989)
  • 1. Neubeginn (Christian Borchert)
  • Gegen das Verschwinden. Matthias Flügge im Gespräch mit Christian Borchert am 13. Januar 1996 (Matthias Flügge)
  • 2. Produktion (Ralf Anders)
  • Kollektiv und Kommune – Verantwortung über das Kombinat hinaus. Aufzeichnungen des ehemaligen Werkdirektors des VEB Stahl- und Walzwerk Brandenburg (Hans-Joachim Lauck)
  • 3. Kultur (Evelyn Richter)
  • Weltbild (Paul Dessau)
  • 4. Kinder (Harald Kirschner)
  • Szenen einer Besitzergreifung (Wolfgang Kil)
  • 5. Frauen (Eva Mahn)
  • Nichts ist mehr wie es war (Eva Mahn)
  • Alles ist wie eh und je (Hans-Georg Sehrt)
  • 6. Abgesang (Thomas Uhlemann)
  • Show mal her! Das letzte Pfingsttreffen der FDJ 1989 (Unknown)
  • 7. Ende (Maria Notbohm)
  • Die verlorene Revolution (Andreas Raabe)
  • B / Umbruch + Über / Leben (1990 – 2001)
  • 8. Staat – Anschluss (Thomas Uhlemann)
  • Der nicht beschlossene Beitritt (Kurt Schneider)
  • Vereinigung oder Anschluss? – Das ist hier die Frage (Jörg Roesler)
  • Großes Geschacher. Die „Zwei-plus-Vier“-Verhandlungen: Milliarden-poker um die Ausdehnung der NATO und um die Souveränität der BRD (Jörg Roesler)
  • 9. Volk – Turbo / Über (Jens Rötzsch)
  • Der große Reset von DDR-deutsch nach neudeutsch-Turbo/Über. Die Fotoreportagen von Jens Rötzsch über den Gesellschaftsumbau im Beitrittsgebiet (Yana Milev)
  • 10. Existenz – Umbruch (Yana Milev)
  • Yana Milevs „Projektionsforum III“ auf der documenta X (Christoph Tannert)
  • 11. Gesellschaft – Umbau (Barbara Klemm)
  • Die Redaktion: Gesellschaftsumbau als Untersuchungsgegenstand eines „Instituts für Angewandte Existenzforschung“: Yana Milevs rotierende Projektionsmaschine im Ottoneum
  • 12. Planstadt – Rückbau (Jens Rötzsch)
  • Lebensspuren (Renate Rauch)
  • 13. Erinnerung – Auslöschen (Maix Mayer)
  • Auf Wiedersehen in Ha-Neu (Hanoi)! Kunde aus einem verlorenen Land – Fünf Exkurse für Maix Mayer (Yana Milev)
  • C / Neuland + Exil (2002 – 2020)
  • 14. Fremd im eigenen Land (Andreas Rost)
  • „Rasender Stillstand“. Berlin in Bildern von Andreas Rost (Bertram Kaschek)
  • 15. Verordnetes Vergessen (Philipp Beckert)
  • Der Kampf um Berlin 1945 in Augenzeugenberichten (Peter Gosztony)
  • Verordnetes Vergessen. Der erinnerungskulturelle Umbau in Ostdeutschland seit 1989/90 und die Folgen einer amnestischen Erinnerungspolitik (Yana Milev)
  • 16. Verlorene Heimat (Marcel Noack)
  • Struga-Archiv (Marcel Noack)
  • 17. Nowhere Land(Jürgen Matschie)
  • Terra incognita (Christine Bogusz)
  • 18. Neuland (Marcel Noack)
  • witam wsw (Marcel Noack)
  • Biografien
  • Edition E.G

←12 | 13→

Fotografieren ist Beobachten – Fotografien sind Möglichkeiten

Silke Wagler

Der Fotografie ist es eigen, dass sie die Zeit festhalten kann. Ihre Funktion als Erinnerungsspeicher ist von den verschiedenen Eigenschaften, die der Fotografie eingeschrieben sind, nach wie vor die wirksamste. Traditionell ist sie vor allem anteilnehmende Beobachtung und Dokumentation ausgewählter Momente, die für die Zukunft festgehalten werden. Die Bestimmung der Abbildungs-würdigkeit verleiht den Motiven Bedeutung. Ihre Wahl erklärt sich aus den individuellen Anliegen der Fotograf*innen und bildet in ihrer Subjektivität auch Zeitlichkeit ab.

Genau dieser Informationsgehalt birgt eine produktive Energie. Da sich die Erinnerung aus der jeweiligen Gegenwart heraus konstruiert, bergen Fotografien als visuelle Erinnerungsspeicher ein besonderes, kommunikatives Potential, welches immer wieder neu aktiviert und konzeptualisiert werden kann.

Sieben in diesem Band besprochene Fotograf*innen waren 2017/2018 Teil der Ausstellung „Im Moment. Fotografie aus Sachsen und der Lausitz“ im Kultur-historischen Museum in Görlitz. Sie werden hier durch weitere Fotoautor*innen ergänzt, mit denen sie ein vor allem aus biografischen Wurzeln und persönlichen Erfahrungen herkommendes besonderes künstlerisches Interesse an der Region vereint. Bereits für die Ausstellung und nun vor allem für die Konzeption dieser Publikation konnte aus einer Fülle fotografischen Schaffens geschöpft werden, das auf beeindruckende Weise in vielen künstlerischen Mikro-studien die tiefgreifenden Erfahrungen der Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte reflektieren, die regionale wie überregionale wirtschaftliche Ent-wicklungen sowie die fundamentalen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen vor dem Hintergrund der katalysatorisch wirkenden Globalisierung gerade auch hier mit sich brachten. Diese unaufhaltsame Entwicklung hat viele fortschrittliche Aspekte zu verzeichnen, birgt in ihrer Janusköpfigkeit aber gleichzeitig ihre andere Seite, nämlich die der Verlusterfahrungen, die meist sehr viel unmittelbarer (nach)wirken.

Die in allen Lebensbereichen und oft mit allen Sinnen spürbaren Veränderungen und Verwerfungen wurden und werden von vielen Künstler*- wie Fotograf*innen seismografisch vorhergesehen, beobachtet, gespiegelt, verarbeitet, künstlerisch kommentiert und für die Nachwelt festgehalten. Damit bieten sie gleich einer Art vorausschauenden Archäologie der Erinnerung Momentauf-nahmen vergangener Realitäten als Material für die Fragen, Erklärungen und ←13 | 14→Erzählungen in der Zukunft an. Obwohl die Themen meist an konkreten Bei-spielen und in seriellen Werkkomplexen ganz individuell herausgearbeitet werden, liegt den Fotografien etwas über sich selbst hinausweisendes Allgemeingültiges inne, spiegeln sie darin doch oft geteilte, kollektive Erfahrungen.

Im vorliegenden Band werden ausgewählte Werke künstlerischer Fotografie auf ihre Zeugnishaftigkeit in Bezug auf die verschwundenen Lebenswelten der DDR und auf den Wert des Nachhalls derselben in unserer heutigen Gesellschaft befragt. Es gehört zu den Eigenschaften einer pluralistischen Gesellschaft in einer globalisierten Welt, dass verschiedene und ambigue Meinungen, Wahrheiten und Erzählungen nebeneinander existieren dürfen und ausgehalten werden müssen. Darin liegt der Impuls für tolerante und vorwärtsgewandte Aushandlungsprozesse. Für diese Diskurse können nicht zuletzt fotografische Erinnerungsbilder wertvolle Anregungen liefern und hervorragende Projektions-flächen bieten.

Bei den im folgenden vorgestellten Werkkomplexen handelt es sich nicht selten um Serien, die im Eigenauftrag und als Langzeitprojekte des Sammelns erwach-sen sind, die sich zu archivalischen Motivsammlungen formierten; einer Methode, der sich auch jüngere Künstlerfotograf*innen gern bedienen. Sie ist gleicher-maßen gut geeignet, wenn es um das Festhalten von Zeit, das Erzählen und die Re-Vision von Geschichte(n) geht. Die Bedeutung von Fotografie nimmt dabei im Spannungsfeld von Subjektivität und Historizität mit zunehmendem zeitli-chem Abstand weiter zu, wie nicht zuletzt die in diesem Band zusammengestell-ten fundierten Beiträge belegen.

Die fotografischen Annäherungen wie auch die Auswahl der Werkserien durch die Herausgeber*innen erheben keinen Anspruch auf Objektivität, sie bleiben letztlich subjektiv. Das Anliegen und die Einladung, sich anhand des angebote-nen Materials ein differenziertes Bild der jüngeren (ost)deutschen Geschichte von der Zeit des Aufbruchs seit 1949 über die des Umbruchs und der Verluste seit 1989 hin zu den Gegensätzen der unmittelbaren Gegenwart der 2020er Jahre machen zu können, wird dadurch nicht geschmälert. Diese differenzierten Bilder dürfen – ganz gemäß der weiter oben angesprochenen Toleranz – durch-aus unterschiedlich sein, ganz gemäß der Theorien des amerikanischen Philoso-phen Nelson Goodmann, der von einer Vielheit wirklicher Welten spricht.

Silke Wagler

←14 | 15→

Emergency – Exodus – Exil

Der Dreiklang der Entkopplungsmaschine

Peter Weibel

Die Erfahrung des Exils gehört aufgrund des Nationalsozialismus, des Faschis-mus und des Stalinismus zu den zentralen Erfahrungen Europas. Im 20. Jahrhundert mussten BürgerInnen aufgrund der herrschenden totalitären Verhältnisse immer wieder fluchtartig ihr Land verlassen. In der Sowjetunion und in Osteuropa, in Deutschland, Italien oder Spanien waren es vor allem KünstlerInnen und Intellektuelle, die das Schicksal der Zwangsemigration erleiden mussten. Viele, denen die Flucht nicht gelang, wurden interniert und getötet. Ich selbst habe im Jahre 1993 anlässlich der Biennale von Venedig in einem Gebäude am Canale Grande eine computerbasierte Installation „The Cultural Exodus from Austria“ eingerichtet, in der auf einer Reihe von Bildschirmen, die im Boden eingelagert waren und in einem Container endeten, die Kurzbio-grafien von circa 5.000 österreichischen KünstlerInnen und Intellektuellen, meistens jüdischen Glaubens, durchliefen. Auf den Schmerz des Exodus folgte also der Schmerz des Exils.

Der kulturelle Exodus aus Österreich ist aber nur ein kleiner Teil des kulturellen Exodus aus Osteuropa. Die Massaker zweier Weltkriege forderten nicht nur außereuropäische, sondern auch europäische Opfer, Opfer der Kriegsverlierer wie der Siegermächte. Diese Massaker haben dazu geführt, dass Europa geteilt wurde. Bekanntlich hat die Konferenz von Jalta mit Präsident Franklin D. Roosevelt (USA), Prime Minister Winston Churchill (GB) und Joseph Stalin (UdSSR) vom 4. bis 11. Februar 1945 dazu geführt, dass die Siegermächte sich Europa teilten. Die sogenannten Westmächte besetzten Westeuropa und die Ostmacht Russland besetzte Osteuropa. Diese Teilung hat später Winston Churchill (5.3.1946) selbstkritisch „The Iron Curtain“ genannt, obwohl er an dieser Teilung mitbeteiligt war. Die Teilung Osteuropas durch einen eisernen Vorhang dauerte bis 1989, als die Berliner Mauer fiel. Diese bei-nahe ein halbes Jahrhundert währende Teilung Europas kam für mich einer Autoamputation Europas gleich, denn die politische Teilung hätte von der Kultur nicht akzeptiert werden müssen. Ich selbst habe seit den 1970er Jahren intensive Kontakte mit allen osteuropäischen KünstlerInnen gepflegt, in Osteuropa ausgestellt und kuratiert bzw. osteuropäische KollegInnen in meine kuratorischen Projekte miteingeschlossen. Die sogenannten Ostmenschen sind für die europäische Kultur im 20. Jahrhundert von immenser Bedeutung gewesen und diese ist ohne die Leistungen der Ostmenschen, von den polnischen bis ungarischen Mathematikern und Logikern, von den KünstlerInnen des Konstruktivismus, den KomponistInnen, den LiteratInnen usw. nicht denkbar.

←15 | 16→

Die Entlassung aus der DDR, als diese sich auflöste, wie auch deren Entlassung aus dem Block der sozialistischen Bruderstaaten, die sich ebenso auflösten, waren für Milev eine Erfahrung, die sich zum Thema des kulturellen Exodus verdichtete.

Dieses für Yana Milev prägende Ereignis begann sie, in Karlsruhe umzusetzen. Als Yana Milev 2003 als Doktorandin von Peter Sloterdijk (Dekan der HfG) an die Hochschule für Gestaltung | HfG Karlsruhe kam, wurde auch die Filminstallation „Unknown Quantity“ von Andrei Ujica gezeigt, deren Inhalt Gespräche zwischen Paul Virilio und der späteren Nobelpreisträgerin Swetlana Alexejewitsch zum Reaktorunglück in Tschernobyl waren. Sie erkannte, dass die Jahrzehnte des Exils und des Exodus zu einem Zustand des sozialen Notstands führten. Der gesamte gesellschaftliche Raum wurde ein Emergency Room. Das Reaktorunglück in Tschernobyl hat diesen Eindruck bestärkt und mit ihm begann für sie das Zeitalter der Emergency.

2005 hat sie als Summe ihrer Erfahrungen begonnen, das Programm „Emergency Design“ zu entwickeln, zunächst als Internationale Konferenz an der ZHdK in Zürich. Andrei Ujica, Peter Sloterdijk und ich waren Gäste des Podiums. 2009 fand am ZKM die Konferenz „talks in-between emergencies“ statt. Die Gäste waren die Kuratorin der Documeta 10 (dX) von 1997, Catherine David, und Jean Baptiste Joly vom Schloss Solitude in Stuttgart. Im Jahr 2016 lieferte Yana Milev einen Beitrag zur Krisenökonomie auf der Großveranstaltung des ZKMs „Globale Digitale“.

Das Emergency Design, ihr origineller Beitrag zur Idee des sozialen Designs, im Gefolge von Victor Papaneks „Design for the real world. Anleitun-gen für eine humane Ökologie und sozialen Wandel“ (1971), macht sie folgerich-tig zur Soziologin, zur Kultursoziologin. Ihr auf neun Bände angelegtes For-schungsprojekt „Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90“ ist begrifflich wie empirisch ein wichtiger Beitrag zur Auflösung der Autoamputation Europas. Der aktuelle Band 5 „Zeugnisse/Fotografie“ lotet mit 18 Positionen der Visuellen Soziologie, der Verknüpfung von Fotografie und Wortbeiträgen, die drei angedeuteten zeithistorischen Phasen aus: Emergency – Exodus – Exil.

Das Herausgeberteam um Yana Milev mit Philipp Beckert und Marcel Noack hat mit diesem Band ein Werk geschaffen, das sich von bisherigen fotografischen Bänden über die DDR oder mit DDR-Fotografie unterscheidet. Es ist die Kontextualisierung, die das Projekt von vornherein von dem üblichen Ausstel-lungsniveau abhebt.

Ich wünsche dem Buch „Zeugnisse/Fotografie“ den Erfolg, den es verdient.

Mit Wünschen für gutes Gelingen,

Peter Weibel

←16 | 17→

Entkoppelte Gesellschaft im Spiegel der Visuellen Soziologie

Fotografische Zeugnisse aus drei zeithistorischen Phasen der Transformation in der DDR, der Post-DDR und in Ostdeutschland seit 1989/90

Die Herausgeber

Der Band „Zeugnisse / Fotografie“ thematisiert Arbeits-, Kultur- und Lebenswelten in der DDR und deren Verschwinden in Folge der „Wiedervereinigung“. Anhand von Fotografie und Reportage werden drei zeithistorische Phasen rekonstruiert: A / Aufbau und Aufbruch in der DDR; B / Formen des Überlebens im Umbruch; C / Entheimatung und Kampf um Sichtbarkeit im Neuland/Exil. Der Band stellt 18 Positionen der Visuellen Soziologie vor.

Die Visuelle Soziologie ist hierbei ein Untersuchungsverfahren im sozialen Feld, das auf der Fotografie und der Reportage basiert. Damit ist die visuelle Feldforschung einerseits eine soziale Praxis der visual studies und andererseits überhaupt erst der Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Sozialanalyse.

Die drei zeithistorischen Phasen werden drei Kapiteln zugeordnet: in Kapitel A die Phase der nationalen Transformation in der DDR (Aufbau + Aufbruch); in Kapitel B die Phase der supranationalen Transformation in der Post-DDR (Umbruch + Über/Leben); in Kapitel C die Phase der neoliberalen Transformation in Ostdeutschland (Neuland + Exil).

Die Kapitel werden durch die fotografischen Positionen folgender FotografInnen präsentiert: Christian Borchert, Ralf Anders, Evelyn Richter, Harald Kirschner, Eva Mahn, Renate und Roger Rössing, Thomas Uhlemann (2), Maria Notbohm, Jens Rötzsch (2), Yana Milev, Barbara Klemm, Maix Mayer, Andreas Rost, Philipp Beckert, Marcel Noack (2) und Jürgen Matschie.

Die fotografischen Positionen werden mit Textessays, Analysen und Interviews folgender AutorInnen komplettiert: Philipp Beckert, Marcel Noack, Yana Milev, Heinz Czechowski, Matthias Flügge, Hans-Joachim Lauck, Paul Dessau, Wolfgang Kil, Eva Mahn, Hans-Georg-Sehrt, Andreas Raabe, Kurt Schneider, Jörg Roesler, Christoph Tannert, Die Redaktion, Renate Rauch, Bertram Kaschek, Peter Gosztony, Christina Bogusz sowie von Peter Weibel und Silke Wagler mit Grußworten.

←17 | 18→

Die Bedeutung der Visuellen Soziologie und der Studien zur visuellen Kultur für die Zeugenschaft

Die Visuelle Soziologie ist ein empirischer Forschungsgegenstand, der auf Fotografie und Film als Methoden der Feldforschung basiert. Damit wird die Dominanz des theoretischen Diskurses abgelöst und dieser um die Dimension der Visualisierung und des für sich stehenden Bildes erweitert. Zu den ergän-zenden Methoden der Visuellen Soziologie zählt das Interview, das den (An) Näherungsprozess mit der Kamera im sozialen Feld erleichtert und begleitet.

Visualisierungen in der Soziologie durch Fotografie und Film gelten als noch relativ junge empirische Forschungsmittel, während in der Ethnologie Visualisierungen von Anfang an Bestandteil der Feldforschung waren. So kann gesagt werden, dass die Ethnologie ohne Zweifel eine dezidierte Führungsrolle in der visuellen Sozialforschung übernommen und über Jahrzehnte Maßstäbe gesetzt hat. Die Aufarbeitung des sozialen und kulturellen Verschwindens in Ostdeutschland während der Umbrüche und des kollektiven erinnerungskulturellen Vakuums nach den demokratischen Säuberungen wird im vorliegenden Band als Gegenstand der Visuellen Soziologie vorgestellt. Dabei kommt der fotografischen und fotoethnografischen Feldforschung die Rolle der mne-motechnischen Rekonstruktion zu. Konzepte des Erinnerns und des kulturellen Gedächtnisses findet man in der Theorie nach Maurice Halbwachs in den sozialen Bezugsrahmen1. Diese werden nach Pierre Bourdieu in einer ethnografischen Spurensuche durch Fotografie und Film offengelegt. Diese Sichtbarma-chung nennt Bourdieu Zeugenschaft2.

Details

Seiten
690
ISBN (PDF)
9783631858073
ISBN (ePUB)
9783631858080
ISBN (MOBI)
9783631858097
ISBN (Hardcover)
9783631819913
DOI
10.3726/b18564
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Oktober)
Schlagworte
Fotoethnografie Fotografische Zeugnisse Zeugenschaft Überleben Umbruch Lebenswelten Visuelle Soziologie Erinnerungskultur Soziale Bezugsrahmen Fotografie
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 690 S., 174 farb. Abb., 275 s/w Abb.

Biographische Angaben

Yana Milev (Band-Herausgeber:in) Philipp Beckert (Band-Herausgeber:in) Marcel Noack (Band-Herausgeber:in)

Yana Milev ist habilitierte Soziologin, Ethnografin und Kuratorin. Nach Doktoratsstudium in Wien und Promotion zur Dr. phil. folgte ihre Habilitation an der Universität St. Gallen. Sie ist Gründerin der Plattform AGIO Gesellschaftsanalyse + Politische Bildung und seit 2017 Leiterin des Forschungsprojekts «Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90» das auf eine mehrbändige Publikation angelegt ist. Philipp Beckert ist Musiker, Fotograf und Ethnograf. Seine fotografische und ethnografische Tätigkeit hat er bereits in der DDR begonnen. Während dutzender Auslandsreisen als Musiker entwickelt Beckert einen sozialen Reportagestil, den out-of-scene reports. Er ist Gründungsmitglied von NUXN Photos – Plattform für Fotografie und Visuelle Soziologie sowie Fachbeirat des publizistischen Projekts »Entkoppelte Gesellschaft«. Marcel Noack ist Fotograf (DGPh), Bildender Künstler (BBK), Grafiker und Kurator. Er studierte Künstlerische Fotografie und Bewegtbild an der HGB Leipzig und war nach einem Meisterschülerstudium ebenfalls dort als Dozent tätig. Noack leitet den Kunstraum PING•PONG-Fotografie im Leipziger Westen und ist seit 2017 in der redaktionellen Leitung des publizistischen Projekts »Entkoppelte Gesellschaft« tätig.

Zurück

Titel: Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90