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Lebensreform in der Schweiz (1850–1950)

Vegetarisch essen, nackt baden und im Grünen wohnen

von Stefan Rindlisbacher (Autor:in)
©2022 Dissertation 500 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Immer mehr Menschen achten heute auf eine möglichst vegetarische Ernährung mit biologisch hergestellten Lebensmitteln, sie trainieren ihren Körper mit Yoga, Gymnastik und Achtsamkeitsübungen und vertrauen auf naturheilkundliche Behandlungsmethoden. Ihre Freizeit verbringen sie in der freien Natur bei Sport, Wanderungen und Bergtouren und auch ihr Zuhause soll möglichst im Grünen liegen. Die vorliegende Studie untersucht die historischen Ursprünge dieser Suche nach einem gesunden und naturverbundenen Lebensstil in der modernen Gesellschaft. Sie erzählt und analysiert die Geschichte der Lebensreform in der Schweiz zwischen 1850 und 1950 in ihrer dynamischen Vielgestaltigkeit und konzentriert sich im Besonderen auf die Naturheilbewegung, den Vegetarismus, die Jugendbewegung, die Reformpädagogik und die Freiwirtschaft.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Summary
  • Resumé
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort und Danksagung
  • 1. Einleitung
  • 2. Die Gesundheit pflegen und steigern: Die Naturheilbewegung zwischen Selbstsorge und Biopolitik
  • 2.1 Wasser, Sonne und Diäten: Die Entstehung der Naturheilkunde
  • 2.2 Die Schweiz als Gesundheitsparadies: Die Ausbreitung der Naturheilanstalten
  • 2.3 Sonnenbäder, Volksaufklärung und Sozialpolitik: Die Schweizer Naturheilbewegung als biopolitischer Akteur
  • 3. Vegetarisch, alkoholfrei und natürlich: Ernährungsreform und Reformwirtschaft
  • 3.1 Anders essen, gesünder leben: Die vegetarische Bewegung
  • 3.2 Gegen Alkohol, Tabak und Zucker: Genussmittelkritik im Zeichen der Eugenik
  • 3.3 Reformhäuser, Vollkornbrote und Biogemüse: Die Reformwirtschaft zwischen Verzichtpostulaten und alternativen Konsumangeboten
  • 4. Auf der Suche nach Selbstbestimmung und gesunder Freizeitgestaltung: Die Jugendbewegung in der Schweiz
  • 4.1 Schülerinnen und Studenten gegen Alkohol und Drogen: Die abstinenten Verbindungen Helvetia und Libertas
  • 4.2 Bergtouren, Volksmusik und Lagerfeuerromantik: Der Schweizer Wandervogel
  • 4.3 Vom Hohen Meißner in den Grenzbunker: Die Schweizer Jugendbewegung zwischen Lebensreform und Aktivdienst
  • 5. Einen „neuen Menschen“ formen: Durch (Selbst-)Erziehung zur Lebensreform
  • 5.1 Licht, Luft und Körperkultur: Erziehung zur Gesundheit in Landerziehungsheimen
  • 5.2 Reformpädagogik, Psychoanalyse und Lebensreform: Lehrerseminare, Ferienkurse und Volkshochschulen als Experimentierräume
  • 5.3 Ferienlager, Vegetarismus und neureligiöse Spiritualität: Die lebensreformerische Jugendbewegung
  • 5.4 Der „neue Mensch“ ist nackt: Die Freikörperkultur und der Schweizerische Lichtbund
  • 6. Wirtschaft und Gesellschaft verändern: Lebensreform als Politik
  • 6.1 Eine wirtschaftspolitische Erweiterung der Lebensreform: Die Freiwirtschaftslehre
  • 6.2 Im Schatten des Frontenfrühlings: Die Schweizer Freiwirtschaftsbewegung
  • 6.3 Gesund und günstig wohnen: Bodenreform, Genossenschaften und Gartenstädte
  • 6.4 Kokosnusspropheten, Tropensiedlungen und „Weltkolonisation“: Lebensreform im kolonialen Raum
  • 7. Schluss: Lebensreform in der Schweiz (1850-1950)
  • 8. Bibliografie
  • 9. Abbildungsnachweis
  • Reihenübersicht

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Vorwort und Danksagung

Es ist Ostersonntag, der 12. April 1925. Eine Gruppe junger Menschen versammelt sich in einem kleinen Waldstück vor den Toren der Leuchtenburg bei Kahla in Thüringen. Sie tragen kurze Hosen und luftige Hemden mit Schillerkragen, Reformkleider und volkstümliche Trachten. Eine natürlich geformte Arena dient ihnen als Freilichtbühne. Mit angespanntem Gesichtsausdruck lauschen sie aufmerksam den Ausführungen des leidenschaftlich gestikulierenden Redners. Einige scheinen miteinander über das Gehörte zu tuscheln. Andere stehen fast wie unbeteiligt mit verschränkten Armen im Hintergrund. Eine Zuhörerin hat sich sogar gemütlich auf ihren Mantel gelegt, um die warme Frühlingssonne zu geniessen.

Diese lebhafte Szenerie ist auf dem Einband dieses Buches abgebildet. Sie zeigt Mitglieder des Revolutionären Jugend-Rings, die sich zu einer mehrtägigen Tagung trafen, um über Erziehung, Ernährung und Körperkultur, Anarchismus, Freiwirtschaft, Religion und Kunst zu sprechen. Zur Tagesordnung gehörten auch gesellige Aktivitäten wie Musik, Tanz und Theater sowie Wanderungen, Morgengymnastik und vegetarische Mahlzeiten. Die vorliegende Studie handelt von solchen Gruppierungen, die auf vielfältige Weise gesellschaftspolitische Anliegen, individuelle Gesundheitspraktiken und gemeinschaftliche Freizeitaktivitäten kombinierten. Sie interessiert sich für Menschen, die sich selbst zu verändern versuchten, um dadurch eine bessere Gesellschaft gestalten zu können. Diese Studie analysiert und erzählt die Geschichte der Lebensreform, die zwischen 1850 und 1950 mit ihren innovativen Ernährungsweisen, Körperanwendungen und Gesundheitsbehandlungen die moderne Industrie- und Konsumgesellschaft mitprägte. Sie handelt aber auch von autoritären Denkweisen, sozialdarwinistischen Gesellschaftsentwürfen und eugenischen Praktiken, die ebenfalls Teil der Lebensreform waren.

Die Fotografie auf dem Einband dieses Buches zeigt auch den einflussreichen Schweizer Lebensreformer Werner Zimmermann, wie er zu den jungen Menschen spricht. Der Berner Lehrer und Schriftsteller war überzeugter Vegetarier, trank keinen Alkohol und rauchte nicht. Er führte Ferienlager und Bergtouren im Stil der Wandervogelbewegung durch, engagierte sich für die Freiwirtschaftsbewegung und half mit, die Freikörperkultur in der Schweiz bekannt zu machen. In seinen zahlreichen Büchern schrieb er über Reformpädagogik, freie Sexualität und neue Formen der Spiritualität. Zimmermann war nicht nur in Deutschland ein gern gesehener Redner. Seine zahlreichen Reisen ←11 | 12→führten ihn bereits in der Zwischenkriegszeit um die Welt. Er steht damit sowohl für die enorme Vielgestaltigkeit der Lebensreform in der Schweiz als auch für die transnationalen Dimensionen dieser Bewegung. Seine Geschichte und die Geschichten vieler weiterer Menschen, die auf der Suche nach einer natürlichen, harmonischen und gesunden Lebensweise waren, werden in dieser Studie erzählt.

Dieses Buch ist die leicht überarbeitete Version meiner Dissertation, die im Rahmen des durch den Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Forschungsprojekts „Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“ an der Universität Fribourg entstand. Auch die Open-Access-Publikation dieses Buches wurde durch den Schweizerischen Nationalfonds ermöglicht. Für die wissenschaftliche und ideelle Unterstützung möchte ich Damir Skenderovic danken, der mein Interesse an der Lebensreform in seinen Seminaren weckte und meine Masterarbeit zur Geschichte der Freikörperkulturbewegung in der Schweiz betreut hatte. Besonders geschätzt habe ich an Damir Skenderovic, dass er mich bei wichtigen inhaltlichen und methodischen Fragen engagiert begleitete und mich zugleich dabei unterstützte, meinen eigenen Weg zu finden, um diese Dissertation erfolgreich abzuschliessen. Als besonders bereichernd habe ich in dieser Zeit den Austausch mit Eva Locher empfunden, die ihre Dissertation zur Lebensreform in der Schweiz nach 1950 verfasste und damit das SNF-Forschungsprojekt vervollständigte. Wir konnten uns gemeinsam in diese komplexe Forschungsthematik vertiefen, über passende Forschungsmethoden debattieren, Quellenbestände erschliessen und unsere Ergebnisse an Tagungen präsentieren.

Während meiner Promotionszeit hatte ich auch die Gelegenheit, mich mit aufgeschlossenen Kolleginnen und Kollegen am Departement für Zeitgeschichte der Universität Fribourg auszutauschen und erfahrene Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kennenzulernen, die sich bereits seit längerer Zeit mit diesem Forschungsthema beschäftigen. Besonders hervorheben möchte ich dabei Andreas Schwab, Bernd Wedemeyer-Kolwe, Bernadett Bigalke, Judith Bodendörfer, Juri Auderset und Irma Gadient. Sehr geschätzt habe ich auch den kontinuierlichen Austausch mit Cornelia Mügge. Neben den vielen anregenden Gesprächen haben wir auch mehrere interdisziplinäre Veranstaltungen zusammen organisiert. Bedanken möchte ich mich zudem bei Volker Hagendorf und der Stiftung «die neue zeit», die mir einen Einblick in wichtige Quellenbestände ermöglichten und dieses Forschungsprojekt immer mit grösster Aufgeschlossenheit unterstützten. Zu besonderem Dank bin ich auch Uwe Puschner für seine hilfreichen Hinweise zur Überarbeitung meiner Dissertation verpflichtet. Zudem bot er mir die Möglichkeit, dieses Buch in der Reihe «Zivilisationen & ←12 | 13→Geschichte» des Peter Lang Verlags zu veröffentlichen. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei Hermann Ühlein für die kompetente und zuverlässige Unterstützung bedanken.

Für die wertvollen Anregungen und sprachlichen Hinweise zu zahlreichen Teilen meiner Dissertation bin ich Elian Bösch dankbar. Mit keinem anderen Menschen habe ich so oft und intensiv über mein Forschungsthema gesprochen wie mit ihr. Mit ihrer Unterstützung konnte ich die letzte, intensive Abschlussphase trotz „Lockdown“-Beschränkungen bewältigen. Für die gemeinsamen Abendessen mit interessanten Gesprächen, die ruhigen Momente auf dem Balkon und die entspannenden Spaziergänge durch St. Gallen bin ich sehr dankbar. Für ihre bedingungslose Unterstützung möchte ich auch meiner Mutter Jacqueline Egger danken. Sie hat von Anfang an mein Interesse für Geschichte gefördert.

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1. Einleitung

Vegetarisch essen, nackt baden und im Grünen wohnen: Ein Schlaglicht auf die Lebensreformbewegung

Der Schweizerische Führer für Reformer und Vegetarier verzeichnete in den frühen 1930er Jahren in der Schweiz über 120 Gaststätten, die vegetarische Mahlzeiten und alkoholfreie Getränke anboten. Allein in Zürich gab es neun vegetarische Restaurants – darunter das 1898 eröffnete Vegetarierheim.1 Für alle, die lieber selbst kochten, wurde eine Liste mit über 50 Reformhäusern veröffentlicht. In diesen Geschäften gab es Reformprodukte wie Vollkornbrote, Mandelmilch, alkoholfreie Getränke oder Biogemüse zu kaufen.2 In einer Werbeanzeige im Schweizerischen Führer für Reformer und Vegetarier pries beispielsweise ein Getränkehersteller seinen neusten Fruchtsaft als „herzhafte[s]‌, alkoholfreies Tafelgetränk“ für alle „Freund[e] einer naturgemäßen Lebensweise“ an.3 Für die Zubereitung eines Birchermüeslis waren schonend verarbeitete Haferflocken im Angebot. Es gab aber auch eine „fertige Müsli-Mischung“ zu kaufen. Beliebt waren unter anderem auch das „Reform-Sauerkraut“ oder der „Fleischersatz“ aus Sojabohnen.4 Biologisch hergestellte Nahrungsmittel direkt vom Hof gab es bei Mina Hofstetter in Ebmatingen zu kaufen. Damit die Lebensreformer und Lebensreformerinnen ihre Nahrungsmittel selbst anbauen konnten, führte die Bio-Bäuerin auch Kurse über „neuzeitliche, viehlose Landwirtschaft und Gemüsezucht“ durch.5

Wer sich für Naturheilkunde interessierte, wurde im Schweizerischen Führer für Reformer und Vegetarier ebenfalls fündig. Naturheilanstalten wie die Kuranstalt Sennrüti in Degersheim oder das Sanatorium Lebendige Kraft auf dem Zürichberg warben mit Wasseranwendungen, Sonnenkuren und Diätbehandlungen um neue Kurgäste und in einem Branchenregister boten bekannte Naturheilärzte und -ärztinnen wie Adolf Keller-Hoerschelmann, Max Bircher-Benner oder Anna Martens ihre Dienste an.6 Daneben gab es allerlei Kurse für ←15 | 16→Atemübungen, Entspannungstechniken oder Loheland-Gymnastik. Wer sich lieber selbst behandelte, konnte sich auch Bircher-Benners Ernährungsratgeber kaufen oder ein anderes Buch aus dem „Schrifttum des Lebensreformers“ erwerben.7 Es gab eine riesige Auswahl an Heilkräuterbüchern, vegetarischen Kochbüchern und Anleitungen für die verschiedensten Naturheilbehandlungen. Zugleich versprachen neureligiöse Schriften über Yoga, Pendelmagie oder Talismane mehr Erfolg bei der „Selbst- und Lebensbemeisterung“.8

In einer Anzeige wurde sogar auf die Möglichkeit hingewiesen, ein kleines Haus in der Gartenstadtsiedlung Schatzacker in Bassersdorf zu erwerben. Die Siedlung sollte der „Auflockerung der Stadt dienen, ohne die Verbindung mit ihr abzubrechen.“ Die „Verpachtung von Gartenland, Bau und Vermietung von gesunden, billigen Wohnhäusern“ im Grünen sollte der „Pflege und Förderung der körperlichen und ethischen Gesundung des Volksganzen“ dienen. Dazu trage auch die „biologische Gärtnerei“ bei, die „einwandfreie, gesunde Gemüse und Früchte“ für die vegetarische Ernährungsweise der Bewohner und Bewohnerinnen produzierte. Neben diesen lebensreformerischen Zielen verfolgten die Initiatoren der Siedlung auch bodenreformerische und freiwirtschaftliche Anliegen, die zur „Entschuldung des Grund und Bodens und dessen Übergabe an die Allgemeinheit“ beitragen sollten.9

Der Schweizerische Führer für Reformer und Vegetarier markierte den vorläufigen Höhepunkt der Lebensreformbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese historische Quelle wurde als Einstieg in die vorliegende Forschungsarbeit gewählt, um die riesige Bandbreite an Praktiken, Diskursen und Organisationsstrukturen zu illustrieren, die diese Bewegung in der Schweiz zu Beginn der 1930er Jahre ausmachte. Dabei ist es wichtig, diese Quelle nicht nur als Werbeheft für Reformprodukte zu verstehen. Vielmehr dokumentiert sie auch ein komplexes Beziehungsnetz aus Organisationen, Einzelpersonen und Bewegungen, nennt zahlreiche Treffpunkte und Publikationskanäle, beschreibt Interaktionsräume, zählt Alltagspraktiken auf und gewährt nicht zuletzt einen Einblick in ein umfassendes System geteilter Deutungsmuster und Identitäten. Zugleich verweist der Schweizerische Führer für Reformer und Vegetarier auf eine grundlegende Problematik der geschichtswissenschaftlichen Erforschung der Lebensreform: Seit Historiker und Historikerinnen sich ←16 | 17→mit diesem Thema beschäftigen, ringen sie um eine Definition und konkrete Eingrenzung dieses enorm vielfältigen Forschungsgegenstandes.

Was ist Lebensreform? Annäherung an ein Forschungsdesiderat

Als Quellenbegriff wurde „Lebensreform“ erstmals im ausgehenden 19. Jahrhundert verwendet. So betonte beispielsweise der Schweizer Naturheilarzt Arnold Rikli schon 1895 in seiner populärwissenschaftlichen Abhandlung Grundlehren der Naturheilkunde, dass ein mehrwöchiger Kuraufenthalt in einer Naturheilanstalt nicht ausreiche, um die Gesundheit langfristig zu erhalten. Dazu müsse vielmehr die alltägliche Lebensführung durch „gründliche Lebensreformen“ nachhaltig verändert werden.10 Gerade in der Schweiz setzte sich der Lebensreformbegriff aber nur sehr zögerlich durch. Viele Akteure, die sich eigentlich mit typisch lebensreformerischen Praktiken beschäftigten, verwendeten ihn kaum. Sie sprachen und schrieben stattdessen von „naturgemässer Lebensweise“, „natürlicher Ernährung“ oder „neuzeitlicher Körperpflege“.11 Erst in den 1930er Jahren begann sich der Lebensreformbegriff in der Schweiz zu etablieren.

Um näher zu bestimmen, was Lebensreform bedeutet, lohnt sich ein weiterer Blick in den Schweizerischen Führer für Reformer und Vegetarier. In einer kurzen Einleitung, die konsequent in Kleinschrift verfasst wurde, erklärt der Herausgeber Paul Häusle, wie die in der Broschüre vorgestellten Produkte und Dienstleistungen zu verwenden seien. Sie sollten den Lesern und Leserinnen dabei helfen, eine umfassende „reform an körper, seele [und] geist“ durchzuführen, um damit einen „neuen, höheren lebensstil“ zu gestalten. Diese „lebensreform“ umfasst nach Häusle „die reine ernährung, den biologischen landbau, das zinsfreie und bessere wohnen ohne schuldknechtschaft, erziehungs-, heil-, und wirtschafts-, […] geld- und bodenreform […].“ Nicht zu vergessen seien auch „die vielen bahnbrechenden bestrebungen auf rein geistigem gebiete […]“. Das selbstverantwortliche „individuum[…]“ sollte dadurch nicht nur sein eigenes Leben verbessern, sondern auch „den aufbau einer neuen welt“ voranbringen. Dieser gesamtgesellschaftliche Wandel werde von der „schweizerische[n]‌ reformbewegung“ vorangetrieben, die seit vielen Jahren durch „vorkämpfer[…]“ ←17 | 18→wie den Ernährungsreformer Max Bircher-Benner, den Freiwirtschaftler Fritz Schwarz und den „jugendführer“ Werner Zimmermann getragen werde.12

Lebensreform lässt sich aus dieser Sichtweise als individuelle Umgestaltung des alltäglichen Lebensstils zur Verbesserung der körperlichen und geistigen Gesundheit verstehen. Bestimmte Körper- und Gesundheitspraktiken wie sich vegetarisch zu ernähren, auf Alkohol zu verzichten oder nackt in der Sonne zu baden, lassen sich als lebensreformerisch beschreiben, wenn sie darauf abzielen, den eigenen Lebensstil nach gesundheitsorientierten Prämissen auszurichten. Dabei setzt diese Lebensreform ein handlungsfähiges Individuum voraus, das die Möglichkeit besitzt, das eigene Leben nach bestimmten Vorgaben selbstbestimmt umzugestalten. Zugleich schlossen sich Lebensreformer und Lebensreformerinnen in zahlreichen Organisationen zusammen, um ihre Interessen zu vertreten. Sie veröffentlichten Zeitschriften, versammelten sich an Vorträgen, bauten Treffpunkte auf, wehrten sich juristisch gegen Kontrahenten und engagierten sich bei Volksabstimmungen oder übernahmen politische Ämter. Als soziale Bewegung strebten sie damit auch einen gesellschaftlichen Wandel an, der zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens der gesamten Bevölkerung beitragen sollte.13

Bereits unter den historischen Akteuren war jedoch umstritten, welche Anliegen und Akteure zu dieser Lebensreformbewegung zu zählen seien. Auch die Geschichtsforschung tat sich damit schwer. Als Erster versuchte der Historiker Wolfgang Krabbe 1974 die verschiedenen Teilbestrebungen und Strömungen der Lebensreformbewegung systematisch zu ordnen. Dazu schlug er ein Kreismodell mit „spezifischen“ und „peripheren“ Bestrebungen vor: Vegetarismus, Naturheilkunde, Freikörperkultur und Kleiderreform fügte er ins Zentrum des Kreises, weil es sich dabei um eng verbundene, auf die individuelle Lebensweise abzielende Praktiken handle. Wesentlich stärker auf gesamtgesellschaftliche Probleme ausgerichtet und nur lose miteinander verbunden seien hingegen die Gartenstadt-, Bodenreform-, Siedlungs- und Antialkoholbewegung. Deshalb wies er diesen Bestrebungen Positionen an der Peripherie des Kreismodells zu. Ausserhalb des Kreises, aber noch mit gewissen Affinitäten und Kontakten zur Lebensreformbewegung, positionierte er die Jugendbewegung, die ←18 | 19→Ausdruckstanzbewegung, die Reformpädagogik, die Volkskunst- und Heimatschutzbewegung und die Anthroposophie.14

Obwohl zahlreiche Historiker und Historikerinnen in dieser Zusammenstellung eine gewisse Willkür erkannten, prägte Krabbes Ordnungsmodell die nachfolgende Forschung.15 Die Eingrenzung der Lebensreformbewegung zu klar definierten Teilbereichen, Strömungen und Aspekten hat das vielfältige Forschungsfeld zwar übersichtlicher gemacht und dadurch die Zugänglichkeit erhöht. Mit dieser Vorstrukturierung wurden aber auch künstliche Grenzen geschaffen, die den Untersuchungsgegenstand nachhaltig verzerrten. Zudem beschränkten sich die meisten Forschungsarbeiten in der Folge nur auf einzelne, insbesondere die „spezifischen“ Teilbereiche der Lebensreformbewegung. Auf diese Weise sind mehrere Studien zur Naturheilkunde, zur Freikörperkultur, zum Vegetarismus und zur Ernährungsreform entstanden.16 Ein ähnliches Bild zeigt sich auch im Handbuch der deutschen Reformbewegungen und im Darmstädter Sammelband Die Lebensreform. Die beiden um 2000 erschienenen Überblicks- und Sammelwerke haben erstmals die enormen Potenziale der Lebensreformforschung aufgezeigt, die „fließende[n]‌ Übergänge und gegenseitige[n] Beeinflussungen“ zwischen den einzelnen Teilbewegungen wurden ←19 | 20→darin aber weitgehend ausgeblendet.17 Erst wenige Monografien haben bisher versucht, mehrere dieser Teilbereiche miteinander in Verbindung zu bringen. Unter anderem hat Florentine Fritzens in ihrer Studie über die Lebensreformbewegung in Deutschland im 20. Jahrhundert die Naturheilkunde mit dem Vegetarismus, der Ernährungsreform und der Reformwarenwirtschaft verknüpft.18 Bernd Wedemeyer-Kolwe hat in seinem Überblickswerk zur Lebensreform auch noch die Körperkultur und Siedlungsbewegung in die Untersuchung miteinbezogen.19 Aber auch diese Studien verzichten weitgehend darauf, die „spezifischen“ Lebensreformbestrebungen mit „peripheren“ Strömungen wie der Jugend-, Reformpädagogik- oder Freiwirtschaftsbewegung in Bezug zu setzen.

Eine Forschungslücke schliessen : Die Lebensreform in der Schweiz als transnationale Geschichte

Die vorliegende Forschungsarbeit versucht nun erstmals ein breiteres Spektrum der Lebensreform in einer zusammenhängenden Studie abzudecken. Das ist darum wichtig, weil sich die meisten lebensreformerischen Akteure gar nicht eindeutig dem einen oder anderen Bereich zuordnen lassen. So war beispielsweise der oben erwähnte Werner Zimmermann eben nicht nur ein Vordenker der Jugendbewegung, sondern auch ein ausgebildeter Reformpädagoge, der sich für Vegetarismus, Freikörperkultur und Biolandbau engagierte, in der Freiwirtschaftsbewegung eine wichtige Rolle spielte und den Aufbau einer Gartenstadtsiedlung anregte. Werden nun in einer Forschungsarbeit einzelne dieser Teilbereiche ausgeblendet, lässt sich die Geschichte dieses Akteurs nur unvollständig wiedergeben. Es ist darum ein Hauptziel dieser Studie, möglichst viele Strömungen, Teilbewegungen und Aspekte der Lebensreform in die Untersuchung miteinzubeziehen. Dabei geht es nicht um eine akribisch genaue Darstellung sämtlicher Akteure, Organisationen und Publikationen. Vielmehr werden die historischen Entwicklungen der zentralen Diskurse, Praktiken und Bewegungsstrukturen über einen langen Untersuchungszeitraum von knapp 100 Jahren aufgezeigt.

Die Studie beginnt um 1850 mit der Eröffnung erster Naturheilanstalten als frühste Spuren der Lebensreform in der Schweiz. Der Untersuchungszeitraum ←20 | 21→endet um 1950, weil sich in dieser Zeit ein Umbruch der Organisationsstrukturen und Themenfelder der Lebensreformbewegung in der Schweiz abzeichneten. Einerseits gingen im Zuge des Zweiten Weltkrieges wichtige Kontakte und Absatzmärkte verloren, die nach 1945 neu geknüpft und aufgebaut werden mussten. Andererseits richtete sich die Lebensreformbewegung in der Wachstumsgesellschaft der Nachkriegszeit auch thematisch neu aus. Zwar führten zahlreiche Akteure ihre Aktivitäten nach 1945 problemlos weiter und die meisten Zeitschriften mussten ihr Erscheinen während der Kriegszeit nicht unterbrechen, jedoch gab es in den 1950er Jahren auch neue Wortführer, Vordenkerinnen, Vereine und Unternehmen, die neue Ansätze wie den Natur- und Umweltschutz in die Lebensreformbewegung einbrachten und sich mit anderen sozialen Bewegungen wie den Studierenden- und Alternativbewegungen der 1960er und 1970er Jahre vernetzten. Diese Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Historikerin Eva Locher in ihrer Dissertation Natürlich, nackt, gesund. Die Lebensreform in der Schweiz nach 1945 untersucht.20 Die Geschichten zahlreicher Akteure, die in der vorliegenden Forschungsarbeit ihren Anfang nehmen, werden in Eva Lochers Studie weitererzählt. Wo immer möglich wird im Folgenden auf diese Kontinuitäten verwiesen.21

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Trotz umfangreicher Quellenbestände beschäftigte sich die Geschichtsforschung bisher noch kaum mit der Lebensreform in der Schweiz. Das Interesse lag fast ausschliesslich auf zwei Themenbereichen: einerseits auf der Künstlerkolonie und Naturheilanstalt Monte Verità in Ascona22 und andererseits auf dem bekannten Naturheilarzt und Birchermüesli-Erfinder Max Bircher-Benner.23 Weitere Beiträge befassen sich mit einzelnen Akteuren24 oder lokalgeschichtlichen Ereignissen und Erinnerungsorten.25 In den letzten Jahren sind ←22 | 23→auch einige Artikel über lebensreformerische Gesundheits- und Körperdiskurse in der Schweiz erschienen.26 Zudem gibt es einzelne Lizentiats- und Masterarbeiten, die spezifische Aspekte oder Teilbewegungen der Lebensreformbewegung in der Schweiz untersuchen.27 In Studien zur Reformpädagogik, zur Freiwirtschaft und zum Ausdruckstanz wird auf die Nähe zur Lebensreform hingewiesen, jedoch nicht weiter darauf eingegangen.28 Die bisher einzige, ←23 | 24→kurze Überblicksdarstellung zur Lebensreform in der Schweiz hat Elisabeth Crettaz-Stürzel in ihrer Studie zur Reformarchitektur in der Schweiz vorgelegt.29 Wegen dieser lückenhaften Aufarbeitung blieb die Lebensreform auch in Überblickswerken zur Schweizer Geschichte weitgehend verborgen.30

Die vorliegende Forschungsarbeit schliesst nicht nur diese Lücke in der Geschichtsforschung der Schweiz, sondern ergänzt auch die Lebensreformforschung, die seit einigen Jahren einen zunehmend internationalen, transnationalen und globalgeschichtlichen Blick auf lebensreformerische Praktiken, Diskurse und Akteure wirft. Zuvor dominierte in der Geschichtsforschung die These, dass es sich bei der Lebensreform um ein typisch deutsches Phänomen handelte oder zumindest die Lebensreformbewegung in Deutschland viel grösser, einflussreicher oder radikaler gewesen sei als in anderen Ländern.31 Diese Sichtweise wird jedoch seit einigen Jahren zunehmend infrage gestellt. Neuere Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass es lebensreformerische Praktiken – wenn auch unter anderer Bezeichnung – auch in anderen europäischen Staaten und in Nordamerika gab.32 Um jedoch einen einseitigen, ←24 | 25→nationalgeschichtlichen Blick auf die Geschichte der Lebensreform in der Schweiz zu vermeiden, bezieht die Studie immer auch grenzüberschreitende Aktivitäten und Transferprozesse in die Untersuchung mit ein. Das wurde in der bisherigen Forschung bereits ansatzweise für die Geschichte des Vegetarismus in Europa und den Vereinigten Staaten gemacht.33 Schon Wolfgang Krabbe hatte 1974 in seinem Grundlagenwerk zur Lebensreform auf die vielfältigen Kontakte und Austauschbeziehungen zwischen Vegetariern und Vegetarierinnen in Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten hingewiesen.34 Vor allem in den letzten Jahren sind weitere Untersuchungen erschienen, die sich mit diesen grenzüberschreitenden Kontakten auseinandersetzen.35 Seit einigen Jahren wird zudem auch die Verflechtung lebensreformerischer Akteure mit dem kolonialen Raum untersucht.36 ←25 | 26→Auch die vorliegende Forschungsarbeit beschäftigt sich zwar mit der Lebensreform in der Schweiz und definiert damit den Schweizer Nationalstaat als abgrenzbaren Handlungsraum; sie zeigt aber immer auch transnationale Verflechtungsbeziehungen und Transferprozesse auf. Sie geht zwar von stabilen Aufnahme- und Ausgangsräumen aus, versteht den Nationalstaat aber nicht als abgeschlossenen Container.37 Im Fokus steht dabei die Auswahl, Vermittlung und Rezeption von Diskursen und Praktiken. Es soll untersucht werden, wie diese Kulturinhalte durch Publikationen, Vortragsreisen, an internationalen Kongressen oder durch Treffen zwischen den Mitgliedern übertragen, aufgenommen und bearbeitet wurden und möglicherweise auch in veränderter Form auf den Absender zurückwirkten.38

Erstens zirkulierten unzählige lebensreformerische Bücher und Zeitschriften, die oft in andere Sprachen übersetzt wurden, über die staatlichen Grenzen hinweg. Darin enthaltene Anleitungen für Naturheilbehandlungen, Argumente für eine vegetarische Ernährungsweise, die Kritik am übermässigen Alkoholkonsum oder Entwürfe für Gartenstädte wurden aber nicht zwischen geschlossenen, nationalen Dachorganisationen ausgetauscht, sondern kursierten transnational und translokal zwischen Vereinen und Einzelmitgliedern. Zweitens waren lebensreformerische Vordenker und Vordenkerinnen sehr mobil. Sie nahmen an internationalen Kongressen teil, führten grenzüberschreitende Vortragsreisen durch oder besuchten die Treffpunkte lokaler Organisationen in anderen Ländern. Und selbst die normalen Mitglieder reisten für Kur- und Ferienaufenthalte ins Ausland, wo sie mit anderen Lebensreformern und Lebensreformerinnen in Kontakt traten. Gerade die Schweiz zog wegen ihrer zahlreichen Naturheilanstalten, vegetarischen Pensionen und Künstlerkolonien viele lebensreformerisch interessierte Menschen aus Europa und sogar Nordamerika an. Drittens gab es einige Bewegungen, die ihre Organisationsstrukturen über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg herausbildeten. ←26 | 27→Beispielsweise verfügten die deutschen Vegetarier- oder FKK-Vereine häufig auch über Ortsgruppen in der Schweiz und andererseits versammelten Schweizer Akteure wie Werner Zimmermann oder Max Bircher-Benner viele Menschen aus Deutschland in ihren Organisationen.

Für die Erforschung der Lebensreform in der Schweiz ist es entscheidend, nicht nur die transnationalen Transferprozesse zu untersuchen, sondern auch die Zirkulation von Wissen und Praktiken zwischen den regionalen Sprachräumen. Während die deutschsprachigen Akteure meistens mit Deutschland zusammenarbeiteten, orientierten sich Lebensreformer und Lebensreformerinnen aus der französischsprachigen Westschweiz häufiger an Frankreich. Es gab jedoch auch immer wieder Kontakte zwischen den beiden Landesteilen, die besondere Hybridisierungsformen lebensreformerischer Praktiken und Diskurse ermöglichten, aber auch Differenzen sichtbar machten und sogar Konflikte zwischen den Sprachregionen offenlegten.

Natürlich, gesund und harmonisch leben : Ein Lebensstil der neuen Mittelschichten

Im einleitend zitierten Quellenbeispiel beschreibt Paul Häusle die Lebensreform als Instrument zur Schaffung eines „neuen, höheren lebensstil[s]‌“.39 Die vorliegende Forschungsarbeit übernimmt den Lebensstilbegriff, um die zusammenhängenden Handlungsweisen und Wissensbestände zu beschreiben, die zur Lebensreform gezählt werden. In den weiteren historischen Quellen wurden oft auch die Bezeichnungen „Lebensweise“, „Lebensführung“ oder „Lebensgestaltung“ synonym zum Lebensstilbegriff genutzt. Alle diese Begriffe verweisen auf die Art und Weise, wie Handlungen des alltäglichen Lebens geordnet und gedeutet werden.40 In der Forschung ist jedoch umstritten, inwiefern Menschen einen Lebensstil selbst wählen oder ob Lebensstile an sozialstrukturelle Kategorien wie Alter, Geschlecht, Herkunft oder Einkommen gebunden sind. Eine völlig freie Gestaltbarkeit von Lebensstilen scheint unrealistisch, weil sich bestimmte Ernährungsweisen, Freizeitaktivitäten oder Wohnformen ohne ausreichende finanzielle Mittel im Alltag gar nicht umsetzen lassen. Beispielsweise konnten sich um 1900 gar nicht alle Menschen einen Aufenthalt in einer Naturheilanstalt oder den Einkauf im Reformhaus leisten. Andererseits lässt ←27 | 28→eine strukturdeterminierte Perspektive ausser Acht, dass Menschen in ähnlichen sozioökonomischen Verhältnissen bisweilen ein sehr unterschiedliches Leben führen.41 Warum verzichteten beispielsweise im frühen 20. Jahrhundert immer mehr Menschen ohne finanzielle Not auf tierische Nahrungsmittel und verschiedene Genussmittel wie Alkohol, Tabak oder Zucker und richteten grosse Teile ihres Alltags entlang dieser Konsumentscheide aus? Die vorliegende Studie versucht diese beiden Ansätze miteinander zu verknüpfen, indem der Lebensstil der Lebensreformerinnen und Lebensreformer auf drei Ebenen untersucht wird, auf denen sowohl die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten als auch die Strukturgebundenheit der untersuchten Handlungsweisen beachtet werden.

Auf einer ersten Ebene lassen sich Lebensstile anhand äusserlich beobachtbarer Routinen im Alltag beschreiben. Dabei geht es um die Art und Weise, wie sich die Menschen kleiden, was sie essen und trinken, wie sie wohnen und ihre Freizeit verbringen, wofür sie ihr Geld ausgeben, welche Kontakte sie pflegen, welche Beziehungen sie eingehen und wie ihr Sexualleben aussieht.42 Für die Lebensreform lassen sich vor allem einige typische ernährungs- und körperbezogene Verhaltensweisen und Praktiken identifizieren. Dazu gehörte der Verzicht auf Alkohol und Tabak, die fleischfreie bis vollständig vegetabile Ernährung mit weitgehend unverarbeiteten, später auch „biologisch“ oder lokal erzeugten Produkten, eine aktive Körperpflege mit Gymnastik, Nacktbaden, Tanz, Massagen, Atem- oder Entspannungsübungen sowie eine funktionale Bekleidung. Aber auch spezifische Wohnformen, Arbeitsweisen, religiöse Rituale, Freizeitaktivitäten, Konsumgewohnheiten und Sexualpraktiken gehörten zu den äusserlich beobachtbaren Routinen, die Lebensreformer und Lebensreformerinnen miteinander teilten.

Aber nicht jede Person, die auf Fleisch verzichtete, nackt badete oder im Grünen wohnte, lässt sich zwangsläufig als Lebensreformer oder Lebensreformerin deklarieren. Diese beobachtbaren Handlungsroutinen müssen auf einer zweiten Ebene immer auch mit Werten, Einstellungen und Deutungsmustern abgeglichen werden. Erst diese Koppelung von Handlungsweise und Bedeutung ermöglicht eine Historisierung eines für die Lebensreform typischen ←28 | 29→Lebensstils. Dieser war in erster Linie mit dem Streben nach Gesundheit verbunden. Mit ihren Ernährungsweisen, Körperübungen und Wohnformen versuchten Lebensreformer und Lebensreformerinnen spezifische Gesundheitsideale zu verwirklichen, die sich aus naturwissenschaftlichem Wissen über den Körper und essentialistischen Naturvorstellungen zusammensetzten.43

Der geradezu dogmatische Appell, sich den Naturgesetzen zu unterwerfen, verweist auf das zweite, typische Charakteristikum des für die Lebensreform typischen Lebensstils. Dieser wurde immer auch als „naturgemässer“ oder „natürlicher“ Lebensstil konzipiert, mit dem sich die Lebensreformer und Lebensreformerinnen von „unnatürlichen“ Behandlungsmethoden, „naturwidrigen“ Wohnverhältnissen oder „künstlichen“ Nahrungsmitteln abgrenzten. Der Ruf nach Natürlichkeit, der häufig unter der Devise „Kehrt zur Natur zurück!“ eingefordert wurde, bedeutete aber für die Wenigsten eine Rückkehr zu einer vormodernen Lebensweise, die grundsätzlich auf technische Errungenschaften der modernen Welt verzichtet.44 Auch wenn es einige schillernde Aussteigerinnen und „barfüssige Propheten“ gab, die einen radikalen Bruch mit der urbanen Industriegesellschaft anstrebten, befolgten die allermeisten Lebensreformer und Lebensreformerinnen einen weitgehend unauffälligen, an bürgerliche Normen angepassten Lebensstil.45 Ihre Natürlichkeitsforderungen bezogen sich vielmehr auf eine andere, vegetarische Ernährungsweise oder auf Gesundheitsbehandlungen ohne industriell hergestellte Medikamente. Ihre Rückkehr zur Natur beschränkte sich darauf, eigenes Gemüse im Schrebergarten anzubauen, sich im Licht- und Luftbad nackt in die Sonne zu legen oder am Sonntag in den Bergen zu wandern. Selbst das eigene Haus im Grünen blieb für die meisten Lebensreformer und Lebensreformerinnen unerreichbar. Sie mussten sich deshalb mit einem Lebensstil begnügen, der zumindest ein gesünderes und natürlicheres Leben in der Stadt ermöglichte. Die Natur war damit in erster Linie eine Projektionsfläche für lebensreformerische Gesundheitsideale. Die Rückkehr zur Natur konnte nur in einem eng begrenzten Rahmen erfolgen – ob ←29 | 30→auf einer Sonntagswanderung in den Bergen, beim Gemüseanbau im Schrebergarten oder beim Nacktbaden im Licht- und Luftbad.46

Dieser natur- und gesundheitsorientierte Lebensstil war indes nicht für alle Menschen durchführbar. Neben den beobachtbaren Routinen und den damit verbundenen Werten, Einstellungen und Deutungsmustern ist ein Lebensstil auf einer dritten Ebene immer auch an sozialstrukturelle Bedingungen geknüpft. Pierre Bourdieu geht beispielsweise in seiner Habitustheorie davon aus, dass sich die soziale Ordnung auf die individuelle Lebenspraxis auswirkt. Die Sozialisation im Kindes- und Jugendalter, aber auch spätere Eindrücke und Erfahrungen prägen die Denk- und Verhaltensmuster von Menschen. Wenn sie in Gesellschaftsschichten mit ähnlichem Einkommen und Bildungsniveau aufwachsen, würden sie ähnliche Überzeugungen und ästhetische Vorlieben entwickeln, die sich in vergleichbaren Konsumgewohnheiten, Freizeitaktivitäten und Ernährungsweisen zeigen. Dieser gruppenspezifische „Geschmack“ lasse sich an den Lebensstilen ablesen.47

Die Geschichtsforschung hat darauf hingewiesen, dass sich die Lebensreform vor allem in den neuen Mittelschichten – unter Beamten, Kaufleuten, Büroangestellten, Lehrerinnen und Künstlerinnen – ausgebreitet habe. Diese sozialen Aufsteiger und Aufsteigerinnen hätten die lebensreformerischen Gesundheits- und Natürlichkeitsideale dazu genutzt, um sich „erfolgreich zu vergesellschaften und damit zum akzeptierten Teil der Moderne zu werden.“48 Wer sich lebensreformerisch betätigen wollte, musste über die dazu nötigen ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen verfügen, um sich intellektuell mit den komplexen Gesundheitskonzepten auseinandersetzen zu können, sich teure Reformprodukte leisten zu können und für die aufwendigen Freizeitaktivitäten genügend Zeit haben. Eva Barlösius weist beispielsweise darauf ←30 | 31→hin, dass man sich den Fleischkonsum zuerst leisten können muss, um darauf bewusst zu verzichten.49 Zugleich boten die neuen Mittelschichten auch ideale Experimentierräume, um neue Werte, Verhaltensweisen und Alltagspraktiken zu erproben. Sie gewährten genügend Freiräume und individuelle Freiheiten, um sozial abweichende Lebensstile zu erproben.50 Auch die vorliegende Forschungsarbeit geht davon aus, dass sich der natur- und gesundheitsorientierte Lebensstil der Lebensreformer und Lebensreformerinnen zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts vor allem in den neuen Mittelschichten der Schweiz ausbreitete.

Praktiken und Diskurse: Zur methodischen Herangehensweise

Weil im Unterschied zur soziologischen Lebensstilforschung in der Geschichtswissenschaft die historischen Akteure nicht mehr über ihren Lebensstil befragt werden können, braucht es andere Methoden und Quellen, um vergangene Lebensstile zu untersuchen. Ein vielversprechender Ansatz ist hierfür die historische Praxeologie. Sie untersucht ähnlich wie die Lebensstilforschung „routinierte Formen von Handlungen, welche eine subjektiv wahrgenommene Handlungsnormalität begründen.“51 Weil sich diese Handlungen nicht mehr beobachten lassen, fungiert in der historischen Praxeologie „die materielle Quelle als der primäre Stellvertreter der Praxis“. In manchen Quellen – vor allem in handwerklich hergestellten Objekten wie Briefen, Apparaten oder Alltagsgegenständen – ist die „Bearbeitung durch die Menschen“ sichtbar erhalten geblieben.52 In der Regel werden jedoch Texte, Bilder, Filmaufnahmen und andere schriftliche oder audiovisuelle Quellen als „Repräsentationen von Praktiken“ untersucht.53 In einem möglichst grossen, vielfältigen und dichten Quellenkorpus lassen sich dann Handlungsmuster identifizieren, die „kollektiv geteilt, gemeinsam vollzogen und […] auf Dauer gestellt“ waren. Wobei nur „repetitive Routinen“ auf Ordnungen in der Lebenspraxis verweisen.54 Auf diese Weise lässt sich herausfinden, wie das geregelte Sprechen ←31 | 32→über lebensreformerische Praktiken an der Hervorbringung und Formierung bestimmter Diskurse über Gesundheit, Natur oder den Körper beteiligt war.

Die historische Praxeologie ist an dieser Stelle mit der historischen Diskursanalyse verbunden. Michel Foucault beschreibt Diskurse als „Praktiken, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.“55 Wirklichkeit ist damit nicht objektiv vorhanden, sondern wird erst durch die Sprache gebildet. Indem der Mensch die Dinge in seiner Umwelt mit Bedeutungen und Sinn ausstattet, erzeugt er Wissen mit Wahrheitsanspruch. Die Diskursgeschichte fragt nach den historischen Bedingungen, unter denen dieses Wissen entstanden ist. Sie untersucht die Grenzen des Sag-, Denk- und Machbaren und versucht damit herauszufinden, wie sich die Wahrnehmung von Wirklichkeit im Verlauf des historischen Prozesses verändert hat.56 Wenn verschiedene Akteure über die Gestalt der Wirklichkeit sprechen, ringen sie um Deutungsmacht. Sie versuchen ihre Sichtweise im gesellschaftlichen Aushandlungsprozess als wahr und richtig zu etablieren. Jedoch haben die beteiligten Akteure je nach ihrer sozialen und fachlichen Stellung unterschiedliche Erfolgschancen bei dieser Aushandlung von Bedeutung. Jürgen Habermas unterscheidet dabei zwischen zentralen und peripheren „Orten des Sprechens mit ihren legitimierten beziehungsweise autorisierten Stellvertretern“.57 Gesellschaftlich anerkannte Akteure aus der Politik, Wirtschaft und Kultur haben dabei mehr Macht, die Menschen von ihren Wahrheiten zu überzeugen und damit die Sozialordnung zu gestalten, als Akteure, die über weniger Autorität und Legitimität verfügen, um öffentlich über bestimmte Dinge zu sprechen. So werden Diskurse meistens von den gesellschaftlichen Machtzentren aus geregelt, gefiltert und kanalisiert.58 Nach Foucault wird Macht durch den Diskurs aber nicht nur „befördert und produziert“, sondern kann auch „unterminiert“ und infrage gestellt werden.59 So ist es möglich, dass auch sozial marginalisierte Akteure Diskurse mitgestalten und ihre Deutungsangebote von der Peripherie in die Mitte der Gesellschaft gelangen, wo sie einen sozialen Wandel anstossen können. In diesem Sinne ←32 | 33→versucht die vorliegende Forschungsarbeit zu zeigen, wie sich lebensreformerische Praktiken und Diskurse im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts in der Schweizer Gesellschaft etablierten.

Für die Lebensreform lässt sich beispielsweise das Nacktbaden als typische Praktik untersuchen, die mit verschiedenen Gesundheits-, Körper- und Moraldiskursen verbunden war. Das Sprechen über diese Praktik lässt sich über mehrere Jahrzehnte hinweg, entlang der heterogenen Organisationsstrukturen, in den verschiedensten Publikationen sowie in Foto- und Filmaufnahmen nachverfolgen. Dabei ist es möglich, spezifische Handlungsmuster zu identifizieren, die grosse Ähnlichkeiten aufweisen, jedoch auch eine leichte Variabilität zeigten. So legten sich die Menschen mit leichter Bekleidung oder vollständig nackt, mit unterschiedlicher Intensität und Periodizität in die Sonne. Diese Anwendung wurde in Kombination mit verschiedenen Übungen und Sportarten oder in Ruhelage, allein in der freien Natur oder mit anderen Menschen innerhalb eines abgeschlossenen Geländes durchgeführt. Gerade diese kleinen Unterschiede und historischen Veränderungen verraten viel über die Sinnhaftigkeit der Praktiken. Das Nacktbaden war sowohl mit Körper- und Gesundheitsvorstellungen verbunden wie auch mit Einstellungen zur Sexualität und Geschlechterordnung. Mit der alltäglichen Praxis, aber auch indem sie über das Nacktbaden sprachen und Bilder davon zeigten, regten Lebensreformer und Lebensreformerinnen einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess über Körperideale, Gesundheitsvorstellungen und Sexualnormen an.60 Die Frage, wie nackt Menschen im (halb-)öffentlichen Raum sein durften, gehörte sicherlich zu den umstrittensten Themen der Lebensreform. Andere Praktiken wie die vegetarische Ernährung oder die Alkoholabstinenz waren zwar auch umstritten, jedoch wesentlich weniger konfliktreich. Andere, vor allem die Freizeit betreffende Praktiken wie Yoga, Atemübungen oder Wanderungen verbreiteten sich hingegen ohne grössere Widerstände in der Gesellschaft.

Nicht nur das Nacktbaden, auch viele andere lebensreformerische Praktiken und Diskurse waren mit dem menschlichen Körper verbunden. Verschiedenste Naturheilbehandlungen, Ernährungsregeln oder Ertüchtigungsübungen sollten direkt auf körperliche Funktionen einwirken oder zielten auf eine Veränderung des Körpers und seiner gesundheitlichen Verfasstheit ab. Bei der Analyse dieser Körperpraktiken und Körperdiskurse stützt sich die vorliegende Forschungsarbeit auf die Annahme, dass der Körper keine unveränderliche, ahistorische Entität ist, die im historischen Prozess nur als schweigendes Objekt ←33 | 34→der handelnden Akteure in Erscheinung tritt. Körperbilder und Körpererfahrungen sind vielmehr kulturell bedingt und historisch wandelbar.61 Lebensreformerische Akteure prägten mit ihrem Sprechen über Gesundheit und Natürlichkeit aber nicht nur die Konstruktion moderner Körperideale im 19. und 20. Jahrhundert. Mit ihren Körperübungen, Pflegeanleitungen und Diäten waren sie auch an der praktischen Hervorbringung des fitten, schlanken und sonnengebräunten Körpers beteiligt.62 So konnte sich beispielsweise die vegetarische Ernährung durch die reduzierte Aufnahme von Kalorien auf die Verdauung und das Körpergewicht auswirken und der Verzicht auf Alkohol, Nikotin und andere Reizmittel veränderte den Stoffwechsel und die Tätigkeit der inneren Organe. Die Bergtouren, Wanderungen oder Gymnastikübungen hatten einen Einfluss auf die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Beweglichkeit der Sehnen und die Ausprägung der Muskeln. Das Licht-, Luft- und Sonnenbaden wirkte sich auf die Pigmentierung der Haut aus. Auch die Umgestaltung der Wohnsituation durch andere Möbel, grössere Fenster und häufiges Lüften ←34 | 35→oder der Umzug von der Stadt aufs Land hatten einen Einfluss auf den Schlafrhythmus, die Lungenfunktion und damit auf das körperliche Wohlbefinden. Weil die in dieser Forschungsarbeit verwendeten Quellen aber keine Rückschlüsse auf die reale Veränderung der Körper zulassen, werden die Beschreibungen lebensreformerischer Ernährungsweisen, Naturheilbehandlungen oder Körperübungen immer als repräsentierte Praktiken analysiert.

Soziale Bewegungen in der modernen Gesellschaft : Auf den soziokulturellen Wandel reagieren oder ihn mitgestalten?

Bei der Lebensreform ging es um die individuelle Umgestaltung des persönlichen Lebensstils. Das bedeutete aber nicht, dass sich die Lebensreformerinnen und Lebensreformer allein in die Sonne legten, ein vegetarisches Birchermüesli genossen oder isoliert im kleinen Häuschen im Grünen wohnten. Um ihren Forderungen mehr Gehör zu verschaffen, schlossen sie sich in Interessengruppen, Vereinen und Verbänden zusammen. Sie kommunizierten über auflagenstarke Zeitschriften und versammelten sich zu Vorträgen, bei Kongressen und in Ferienlagern. Paul Häusle bezeichnete diese Zusammenschlüsse und gemeinsamen Aktivitäten im einleitenden Quellenbeispiel als „schweizerische reformbewegung“.63 In anderen Quellen wurde der Bewegungsbegriff häufig in Verbindung mit bestimmten lebensreformerischen Forderungen verwendet wie zum Beispiel als „Naturheilbewegung“, „Vegetarierbewegung“ oder „Freikörperkulturbewegung“. Das Kompositum „Lebensreformbewegung“ wurde in den untersuchten Quellen hingegen kaum verwendet und erscheint überhaupt erst ab den 1930er Jahren. Deshalb wird diese Bezeichnung im Folgenden vor allem als analytischer Begriff verwendet, um die Gesamtheit der lebensreformerischen Akteure und deren Aktivitäten zu benennen.

Als soziale Bewegung gilt „ein Netzwerk von Gruppen und Organisationen“, das sich auf eine „kollektive Identität“ stützt, eine „gewisse Kontinuität des Protestgeschehens“ sicherstellen kann und einen „Anspruch auf Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels“ hat.64 Wobei es keine Rolle spielt, in welche Richtung dieser Wandel gelenkt wird. Er kann sowohl gefördert, gebremst oder auch gewendet werden. Weil soziale Bewegungen „die Fähigkeit einer Gesellschaft ins Zentrum rücken, sich selbst zu produzieren und sozialen Wandel ←35 | 36→aktiv zu gestalten“, gelten sie als „wichtige Akteure moderner Gesellschaften“ und sogar als „Kennzeichen der ‚Moderne‘“.65 Dieser bewusste Gestaltungswille setzt voraus, dass soziale Bewegungen einen Plan davon haben, wie sie die moderne Gesellschaft oder zumindest Teile davon verändern wollen. Ihre Mitglieder setzen sich in der Regel aus Akteuren zusammen, die mit ihren Anliegen im etablierten politischen Aushandlungsprozess nicht gehört werden. Darum versuchen sie mit unterschiedlichen Strategien ausserhalb der traditionellen Macht- und Herrschaftsstrukturen den gesellschaftlichen Wandel zu beeinflussen.66

Der Bewegungsbegriff wurde in der bisherigen Lebensreformforschung zwar oft verwendet, jedoch kaum reflektiert. Schon Wolfgang Krabbe hatte 1974 seine Studie über die Lebensreform mit dem Untertitel „Strukturmerkmale einer sozialreformerischen Bewegung im Deutschland der Industrialisierungsperiode“ versehen, ohne jedoch das Konzept der sozialen Bewegung methodisch zu erläutern. Erst Joachim Raschke ging 1985 in einem kurzen Beitrag in seinem historisch-systematischen Grundriss der sozialen Bewegungen analytisch auf die „Lebensreformbewegung“ ein. Er definierte sie als „kulturpessimistische Strömung des Bürgertums“, die um 1900 mit „umfassenden Reformvorschlägen für Kultur und Lebensstil“ einen gesellschaftlichen Wandel anstrebte. Die Lebensreformer und Lebensreformerinnen hätten diesen Wandel aber „nicht politisch durchgesetzt, sondern durch Aufklärung und beispielgebende Institutionen“ vorangetrieben. Damit hätten sie sich gegen Missstände in der „Phase der Hochindustrialisierung“ wie „Ernährungsprobleme, Wohnungsnot, Alkoholismus, Gesundheitsverfall, Anonymität und Umweltschäden“ engagiert.67 Die Geschichtsforschung berief sich in der Folge immer wieder auf diese kurze Definition der Lebensreform als soziale Bewegung.68 In Anlehnung an Raschke definierte unter anderem auch Bernd Wedemeyer-Kolwe die Lebensreformbewegung als „sozialreformerische Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die im Rahmen eines weitreichenden Naturbezugs eine Veränderung der als negativ gedeuteten Industriegesellschaft anstrebte und über eine ‚Selbstreform‘ zu einer Gesellschaftsreform gelangen wollte.“69

Details

Seiten
500
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631868294
ISBN (ePUB)
9783631868300
ISBN (Hardcover)
9783631868263
DOI
10.3726/b19110
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Dezember)
Schlagworte
Schweizer Geschichte Transnationale Geschichte Lebensreformbewegung Gesundheit Natur Vegetarismus Naturheilkunde Freikörperkultur Reformpädagogik Freiwirtschaft
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 500 S., 12 s/w Abb.

Biographische Angaben

Stefan Rindlisbacher (Autor:in)

Stefan Rindlisbacher promovierte in Zeitgeschichte an der Universität Freiburg (Schweiz). Dort war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Departement für Zeitgeschichte tätig.

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Titel: Lebensreform in der Schweiz (1850–1950)
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