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Der Erste Weltkrieg in Literatur, Künsten und Wissenschaft La Première Guerre mondiale dans la littérature, les arts et les sciences

Kriegserfahrung und intellektuelle Gegenwehr Expérience de la guerre et résistance intellectuelle

von Françoise Lartillot (Band-Herausgeber:in) Ina Ulrike Paul (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 276 Seiten

Zusammenfassung

Der Erste Weltkrieg endete offiziell mit Waffenstillstand und Friedensverträgen. Rhetorisch und symbolisch wirkte er jedoch weit über 1918/19 hinaus. Gerade zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler in Frankreich und Deutschland prägten die kollektiven Erinnerungen an diese epochale Katastrophe. Der vorliegende Band enthält neun Fallstudien zu bildender Kunst, Wissenschaft, Literatur und Verlagswesen, deren Protagonisten sich vorausahnend oder in kritischer Reflexion eigener Theorien oder in unterschiedlicher politischer, überwiegend pazifistisch unterlegter Positionierung mit dem Thema Krieg auseinandersetzten.
La Première Guerre mondiale a pris fin officiellement avec l’armistice et les traités de paix. Cependant, sur le plan rhétorique et symbolique son impact va bien au-delà de 1918–1919. Les artistes contemporains notamment ont façonné la mémoire collective de cette catastrophe historique en France et en Allemagne de cette période. Le présent volume rassemble neuf études de cas portant sur les arts visuels, les sciences, la littérature et l’édition. Les protagonistes y abordent le thème de la guerre soit de façon prospective soit en s’interrogeant de manière critique sur leurs propres théories ou en adoptant diverses positions politiques, majoritairement sous-tendues par le pacifisme.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagungen / les remerciements
  • Inhalt / Table des matières
  • Vorwort
  • Auswahlbibliographie
  • (Krieger-)Bild Kunst Dada
  • Müde Krieger.: 5 Skizzen (Alfred Gulden)
  • „Totentanz“: Zu Hugo Balls Tenderenda. Der Phantast (1914–1920), als Beispiel dadaistischer Antikriegsliteratur (Adelheid Koch-Didier)
  • Kriegsvorahnung Utopie Wissenschaft
  • Die Langeweile des Zöglings Törleß (Alfred Pfabigan)
  • L’utopie en guerre. « Das große Wagnis » de Max Brod (Daniel Meyer)
  • Les effets de la Première Guerre mondiale chez Freud, ou les illusions de la Kulturarbeit (Joël Bernat)
  • Kriegserfahrung Ernüchterung Gegenwehr
  • Schädlinge, Krieg und Anderswerden: Levisite (1925) und Abschied (1940) von Johannes R. Becher (Jens Flemming)
  • Le témoignage littérarisé de Ludwig Renn (1889–1979) dans le roman Krieg (Françoise Knopper)
  • Mise en forme littéraire de traumatismes de guerre. Die Pflasterkästen. Ein Feldsanitätsroman* d’Alexander Moritz Frey (Ina Ulrike Paul)
  • Pazifistische Camouflage. Reaktionen deutscher pazifistischer Verleger und Autoren auf den Ersten Weltkrieg, 1914–1918 (Thomas F. Schneider)
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren / Liste des auteurs
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Was schießen Sie?

Sehen Sie nicht, daß da ein Mensch steht?
(Max Brod, Das große Wagnis, 1918)1

Ein gutes Jahrhundert nach Kriegsende lässt sich auf Satellitenbildern immer noch die Frontlinie des Ersten Weltkrieges erkennen, die das westliche Europa vom französischen kilomètre zéro, dem schweizerischen Kilometer 0-Pfad bei Le Largin Bonfol bis zum belgischen Nieuwpoort durchzieht wie eine schmale Narbe.2 Vernarbt scheinen auch die Schlachtfelder um Verdun, an der Somme und an der Aisne mit den nun begrünten oder wassergefüllten Vertiefungen alter Granattrichter, mit moosüberwucherten Schützengräben, schwarzgrauen Bunkerruinen und rostenden Stacheldrahtrelikten.3 Seit Jahrzehnten der Natur überlassen, wurzeln viele der aufgeforsteten Wälder in giftgasverseuchten Böden.4 Ganze Landstriche Nordostfrankreichs sind wegen der im Erdreich verborgenen Blindgänger als zones rouges ausgewiesen; in einer von ihnen, auf dem von Abermillionen Minen und Granaten umgepflügten Schlachtfeld von Verdun, liegt das Mémorial de Fleury devant Douaumont. Hier wie im Pariser Musée de l’Armée und in dem innovativen, von einem internationalen Kreis spezialisierter Historiker*innen kuratierten Historial de la ←11 | 12→Grande Guerre in Péronne wird der Erste Weltkrieg wissenschaftlich fundiert und vergleichend präsentiert, um nach Ansicht des beteiligten Weltkriegsexperten Gerd Krumeich den Besuchenden verständlich zu machen, „wieso und warum der Erste Weltkrieg wirklich unsere ‚Urkatastrophe‘ war, nämlich der Beginn eines totalitären Zeitalters, einer ‚totalen Mobilmachung‘ der Menschen, der Technik und der Wirtschaft.“5

Der Erste Weltkrieg endete offiziell mit Waffenstillstand und Friedensvertrag, doch wirkte er rhetorisch und symbolisch auf politischer, gesellschaftlicher, kultureller und ökonomischer Ebene weit über 1918/19 hinaus: So wenig ‚Frieden‘ schien sich zwischen Siegern und Besiegten eingestellt zu haben, dass mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von einer „nouvelle guerre de Trente Ans“ die Rede war.6 Dennoch sei die Zwischenkriegszeit nicht einfach eine „histoire de conflits“ gewesen, betonen die HistorikerInnen Corine Defrance und Ulrich Pfeil; sie verweisen auf die französisch-deutschen und europäischen Verständigungsbemühungen der Zwanzigerjahre, die mit den Namen der Friedensnobelpreisträger Aristide Briand und Gustav Stresemann, aber auch mit zivilgesellschaftlichen Initiativen wie den Libres Entretiens der Union pour la Vérité in der rue Visconti/Paris, den Décades de Pontigny oder der Paneuropa-Bewegung verbunden waren und die trotz ihres Scheiterns die französisch-deutsche Versöhnung nach 1945 inspirierten.7

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Die Erinnerungen an die epochale Katastrophe der Grande Guerre verblassten nie im kriegsverheerten Frankreich oder Belgien, eben so wenig wie in Großbritannien und im Commonwealth, in den USA und bei den anderen kriegsbeteiligten Mächten, während sie in Deutschland durch den Zweiten Weltkrieg gleichsam ‚überschrieben‘ wurden; erst mit den 100. Jahrestagen von Kriegsausbruch und -ende rückten sie neu und bewusst in Bezug auf die Nachbarnationen ins öffentliche Bewusstsein der Deutschen.8 Das jahrzehntelang national eingehegte Gedenken an den Ersten Weltkrieg und speziell die französisch-deutschen Erinnerungen an Verdun fanden mit dem emblematischen Händedruck von François Mitterand und Helmut Kohl am 22. September 1988 vor dem Beinhaus von Douaumont zu gemeinsame(re)m Gedenken. Eine weitere symbolische Station „auf dem Weg zur transnationalen Erinnerungskultur“ mag der Moment markiert haben, als im Jahr 2009 Soldatinnen des Eurokorps auf dem Douaumont neben der französischen und europäischen Flagge auch die deutsche hissten.9

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Erinnerungskulturell gewann der Krieg seine Bedeutungen, so der Kulturhistoriker Bernd Hüppauf in einem grundlegenden Beitrag zur Literatur über den Ersten Weltkrieg, „nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern vor allem in Literatur, Kunst, Film, philosophischen Reflexionen und öffentlichen Riten.“10 Literatur – ob die triviale oder die von künstlerischer ←14 | 15→Qualität und bleibendem Rang – nimmt in diesem Tableau nicht umsonst die erste Stelle ein, denn Romane zeitgenössischer Autorinnen11 und Autoren beeinflussten neben Briefsammlungen, Tagebüchern, journalistischen Texten und regierungsamtlich propagandistischem Schriftgut und Fotobüchern wesentlich die kollektive Erinnerung an den Ersten Weltkrieg.12 War es in Deutschland seit August 1914 mit der Einsendung von Abertausenden patriotischen Gedichten an Zeitungen zu einer „mobilisation poétique“ gekommen, so erfreuten sich in Frankreich wie in Deutschland nach Untersuchungen des Historikers Nicolas Beaupré insbesondere die Romane der „écrivains combattants“ beim Publikum großer und weit über das Kriegsende hinausreichender Beliebtheit.13 Dabei muss allerdings im Hinblick auf Bernd Ulrichs Forschungsergebnisse berücksichtigt werden, dass diese Medien der Erinnerungskultur, ob Primärquellen (Briefe, Tagebücher, Autobiographien) oder die sekundären Überlieferungen, zu denen Kriegsberichte und -romane zählen, „nahezu keine Rückschlüsse auf das ‚Kriegserlebnis‘“ zulassen, sondern vielmehr als „Repräsentationen der Interpretation des Krieges zum Zeitpunkt [ihrer] Abfassung [bzw. ihrer] Publikation“ zu bewerten sind.14 Werden unter diesem Blickwinkel ←15 | 16→Unterscheidungen „zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen ‚Erlebnisbericht‘ und ‚Roman‘ hinfällig“, so gilt doch, dass sowohl in den Literatur- als auch den Geschichtswissenschaften – ganz im Sinne des Postulats der Authentizität der Autoren selbst („Und dann. Ich bin doch auch dabei gewesen.“)15 – literarisch bedeutende, autobiographisch unterlegte und zum Teil kriegskritische Romane lange Zeit als authentische Schilderungen eben dieses „Kriegserlebnisses“ gelesen wurden, so die Werke von Henri Barbusse (Le feu, 1916) und Roland Dorgelès (Les Croix de bois, 1919), die bis 1920 jeweils über 200.000 Mal verkauft wurden, Maurice Genevoix (Sous Verdun 1914, 1916) und Ernst Jünger (In Stahlgewittern, 1920)16, Andreas Latzko (Menschen im Krieg, 1917) und Arnold Zweig (Streit um den Sergeanten Grischa, 1927), Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues, 1928/29), Edlef Köppen (Heeresbericht, 1930) und Adrienne Thomas (Die Katrin wird Soldat, 1930), die die meistgelesene Kriegsromanautorin ihrer Zeit war.17 Dem zeitgenössischen Publikum boten die Romane etwa einer lothringischen Krankenschwester (Adrienne ←16 | 17→Thomas) oder eines traumatisierten Soldaten der k.u.k. Armee (Andreas Latzko) deren authentisch-persönlich geschilderte, aber literarisch ins Allgemeingültige geweitete Kriegserfahrungen als willkommene Identifikationsmöglichkeit an – und sie ließen die Leser*innen in der Kunstform „einer in Sprache und Struktur verdichteten, hochsemantisierten Darstellung“ ihr eigenes Kriegserleben wiederfinden und verarbeiten:18 „Hunderte, Tausende ehemaliger Frontsoldaten schrieben“ an den Ullstein-Verlag, in dem Im Westen nichts Neues erschienen war, „um ihre Anerkennung und Dankbarkeit auszudrücken für ein Buch, das in ihren Augen genau wiedergab, was sie selbst erfahren hatten“, berichtete der vielbegabte Künstler und Schriftsteller René Halkett, der eigentlich Albrecht Georg Friedrich Freiherr von Fritsch hieß und Remarque als Redakteur im Scherl-Verlag nachgefolgt war.19

Doch die oben erwähnten, überwiegend kriegskritischen Romane beanspruchten nur einen verschwindenden Anteil an den zwischen 1919 und 1932 publizierten belletristischen Kriegsbüchern.20 Hatte vor „Locarno“ die Attraktion von erzählerischer Literatur über den Ersten Weltkrieg deutlich nachgelassen, so kam es seit 1926 zu einem neuerlichen Anstieg, um in den Jahren 1929/30 einen war books boom zu erreichen und danach aufgrund der Weltwirtschaftskrise wieder zurückzugehen.21 Es mögen mehrere Faktoren für dieses Phänomen verantwortlich zu machen sein, so zuerst der zehnte Jahrestag des Kriegsendes 1928, der bei den stets jubiläumsaffinen Verlagen Hoffnungen auf Verkaufserfolge weckte. Ein wichtigerer oder auch der wichtigste Faktor dürfte jedoch im deutschsprachigen Raum der sensationelle Verkaufserfolg zweier (Anti-)Kriegsromane gewesen sein, die schon als Vorabdrucke in Zeitschriften ←17 | 18→erschienen waren und bis heute zu den berühmtesten zählen: Der Roman Streit um den Sergeanten Grischa (1927) von Arnold Zweig und Erich Maria Remarques schon mehrfach erwähnter Bestseller Im Westen nichts Neues (1928/29). Diesen beiden folgten im Frühjahr 1929 weitere bedeutende Vertreter dieses literarischen Genres nach, so u.a. Krieg von Ludwig Renn, Generation 1902 von Ernst Glaeser und Alexander Moritz Freys Buch Die Pflasterkästen. Ein Feldsanitätsroman. Allerdings übertraf Im Westen nichts Neues dank seiner epischen Erzählung, seiner schon im Erscheinungsjahr in 26 Sprachen vorliegenden Übersetzungen und der erfolgreichen Hollywood-Verfilmung von Lewis Milestone aus dem Jahr 1930 alle anderen belletristischen Kriegsbücher bei Weitem an Popularität und Breitenwirkung.

Der vorliegende Band enthält Beiträge, die während des zweiten internationalen Kolloquiums der Reihe Fiktive Darstellung und historische Fakten in Romanen deutscher Sprache / Figurations et faits dans les récits narratifs de langue allemande (XXe–XXIe siècles) zum Thema Klassische (Anti-)Kriegsromane des Ersten Weltkriegs / Les romans classiques de la Grande Guerre an der Universität Paul Verlaine in Metz am 27. und 28. Oktober 2011 als Vorträge gehalten und danach zu Aufsätzen umgearbeitet wurden. Die Veranstalterinnen gaben dafür keinen strengen thematischen Kanon vor, sondern luden vielmehr zur Annäherung an die Thematik und zu thematischen Sondierungen ein: Den im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Europa kursierenden „Vorahnungen“ eines kommenden Krieges wurde deshalb ebenso Raum gegeben wie künstlerischen Annäherungen an das Konferenzthema oder einer wissenschaftshistorischen Untersuchung der Auswirkungen des Großen Krieges auf Freuds Kulturtheorie. Behandelt wurden auch die literarische Verarbeitung von Kriegs- und Gewalterfahrungen oder die verlagspolitischen Reaktionen auf den Ersten Weltkrieg.

Zu den Beiträgen

Als im Februar 1916 die internationale, gegen Nationalismus und Krieg positionierte Kunstbewegung Dada(ismus) im Zürcher Cabaret Voltaire gegründet wurde, sah niemand die blutige, über alle Vorstellungen gehend verlustreiche, im November 1916 nach fünf Monaten ohne ←18 | 19→Kriegsentscheidung abgebrochene Schlacht an der Somme voraus. Entsetzlich war ihre Realität für die Soldaten: „Wie umgepflügt alles. Eingeschlagene Unterstände. Weite Granattrichter. Baum- und Kleiderfetzen, Leichen, Munition, Gewehre, Tornister. Ein Feld, ein Wald des Grauens. […] Somme – die Weltgeschichte hat wohl kein grauenvolleres Wort“.22 Einer von über einer Million dort gefallener, verwundeter und vermisster Soldaten aus 23 Nationen war der Großvater des Literaten, Lieder- und Filmemachers Alfred Gulden (Wallerfangen/München). In seinem Beitrag Müde Krieger. 5 Skizzen begibt sich Gulden auf eine künstlerisch ausgestaltete Spurensuche nach dem Vater seines Vaters. Aus Fundstücken (den Photographien des Großvaters und unvollendeten Skizzen von Ölbildern zum Sujet „Müder Krieger“), den väterlichen Erinnerungen und einem literarischen Pastiche nach Ernst Jüngers literarisierten Kampf- und Vernichtungserfahrungen (Das Wäldchen 125. Eine Chronik aus den Grabenkämpfen von 1925) gewinnt er biographische Evidenz des 1916 an der Somme gefallenen Großvaters, vergegenwärtigt ihn den Lesenden und beschäftigt sich zugleich mit der Rolle, die der „Rote Faden: Krieg“ in seiner Familie wie in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts spielte.

Wendet sich Gulden als zeitgenössischer Künstler des 21. Jahrhunderts dem Ersten Weltkrieg zu, so unternimmt dies Adelheid Koch-Didier (Nancy) als Germanistin, indem sie einen Schlüsselroman der Literatur, Musik und bildende Künste zusammenführenden Anti-Kunstbewegung Dada(ismus) analysiert. Die 2017 verstorbene Dada-Spezialistin befasst sich in ihrem Beitrag „Totentanz“: Zu Hugo Balls Tenderenda. Der Phantast (1914–20) als Beispiel dadaistischer Antikriegsliteratur mit dem in ←19 | 20→sechs Jahren entstandenen, durch phantasievolle Überschriften (u.a. „Das Karusselpferd Johann“, „Grand Hotel Metaphysik“, „Der Verwesungsdirigent“) gegliederten und nur 60 Druckseiten umfassenden surrealistischen Roman des Schriftstellers und Dichters Hugo Ball. Teile des 1920 abgeschlossenen Romans wurden zwar in verschiedenen Dada-Soiréen auf die Bühne gebracht, doch das Gesamtwerk Tenderenda erschien erst 1967. Koch-Didier weckt meisterlich das Verständnis für Balls Dada-Roman „als Zerrspiegel der historischen Wirklichkeit“, dessen „doppelte Stoßrichtung […] auf die zerstörerische Dynamik des Krieges ebenso ab[hob], wie auf die dadaistische Revolte, die, gemessen an ihrer pazifistischen Zielsetzung, fehl[schlug].“ Obwohl Mitbegründer des Cabaret Voltaire wie des Dadaismus, löste sich Ball auf der Suche nach „heilsame[n]‌ Sachen“23 früh aus dem Kreis der aktiven Dadaisten Hans Arp, Emmy Hennings, Tristan Tzara und Marcel Janco und brach 1920 auch seine danach aufgenommene Tätigkeit als politischer Journalist und Verlagsleiter der Freien Presse ab, um sich nach Rückbesinnung auf seinen Katholizismus als Schriftsteller und Dichter religiösen Themen zuzuwenden.

Interdisziplinär forschend und als Karl Kraus-Spezialist hervorgetreten, liest der österreichische Philosoph, Jurist und Politologe Alfred Pfabigan (Wien) den 1906 erschienenen, vordergründig die autoritären Strukturen der k. u. k. Gesellschaft vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in der Miniaturwelt eines Militärinternats spiegelnden Romanerstling von Robert Musil ironisch gebrochen als Die Langeweile des Zöglings Törleß. Pfabigan erkennt Musils Törleß als „eines der Bücher, in denen sich das Jahrhundert enthüllte“ und in dem der Schriftsteller „exakt […] bestimmte Randumstände der sozialen und mentalen Kriegsvorbereitung“ erfasste. Dem Ersten Weltkrieg selbst widmete Musil ebenso wie andere berühmte Autoren der Zwanziger Jahre keinen Roman, obwohl er an der Dolomiten-, danach wie Andreas Latzko an der Isonzofront eingesetzt war. In seinem 1921 publizierten Essay Die Nation als Essay und Wirklichkeit resümierte er, dass „das seit 1914 Erlebte gelehrt [habe], dass der Mensch ethisch nahezu etwas Gestaltloses, unerwartet Plastisches, ←20 | 21→zu allem Fähigen ist.“24 Der bis heute zum Lektürekanon höherer Schulen zählende, mehrfach verfilmte Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß wurde zum Publikumserfolg. Musil selbst allerdings misstraute der positiven Leserreaktion auf sein Werk, die ihm so suspekt erschien wie Masse und Massenpsychologie nach Gustave le Bon und Siegmund Freud: „Bucherfolg und Massenpsychologie hängen auch irgendwie zusammen“, zitiert ihn der Germanist Daniel Meyer (Paris) mit seinen Überlegungen „zum Populären“, die Musil zu Beginn der 1920er Jahre in seinen Tagebüchern angestellt hatte.25

Meyers Beitrag L’utopie en guerre. Das große Wagnis de Max Brod thematisiert einen zu Ende des Ersten Weltkrieges entstandenen und 1918 im Kurt Wolff Verlag publizierten utopischen Roman, dessen Handlung mitten im Krieg eine Friedensgesellschaft imaginiert.26 Wie in den Sassi des süditalienischen Matera, so haben sich die Bewohner*innen des versteckten Freistaates Liberia in den Höhlen eines Berges verborgen, um dem draußen wütenden Krieg zu entgehen. Der sogenannte Freistaat entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch als kollektivistische Diktatur, die in einem Aufstand der Unterdrückten gegen den Diktator Dr. Askonas untergeht. Zwei der Hauptfiguren, die unbeirrbare Zionistin Ruth und der durch seine Liebe zu ihr und seine Liberia-Erfahrungen geläuterte ←21 | 22→Ich-Erzähler E. St. brechen auf, um Ruths „Hoffnung auf eine neue Jugend, Ruths Hoffnung auf die großen Führer der Jugend und auf den größten Führer, auf den Messias, der kommen wird […]“, zu verwirklichen; beide verlieren dabei ihr Leben.27 Heute fast unbekannt, verdient dieser expressionistische Roman des überzeugten Pazifisten Brod im Zuge literarischer Antikriegsmanifestationen der Zwischenkriegszeit eine Re-Lektüre, weil sein Lösungsvorschlag keine neue politische Ordnung welcher politischen Denomination auch immer beinhaltet – wie wir sie im vorliegenden Band etwa bei Johannes R. Becher finden –, sondern vielmehr den im Krieg verlorenen „individuellen Lebenssinn“ der Menschen in den Nachkriegsgesellschaften wiederherstellen wollte. Auch auf das von Brod schon früher aufgegriffene, im großen Wagnis explizit formulierte Leitmotiv der „Frau als Führerin“ sei hier hingewiesen.28

Mit Joël Bernat (Nancy) befasst sich ein wissenschaftlich tätiger und zugleich praktizierender Psychologe und Psychoanalytiker mit Les effets de la Première Guerre mondiale chez Sigmund Freud, ou les illusions de la ‚Kulturarbeit‘. Es wurde schon festgestellt, dass sich Freuds „Stil- und Weltbild“ während der Kriegsjahre „zutiefst“ verwandelte, und er daraufhin in seinen „kulturanalytischen wie tiefenpsychologischen Aufsätzen […] neue Perspektiven über den Anteil des Bösen in der Konstitution des Menschen und den Destruktions- und Todestrieb“ eröffnete.29 Bernat erläutert vor diesem Hintergrund einige der fundamentalen Überzeugungen und Denkansätze Freuds, von denen die zur ‚Kulturarbeit‘ oder zur ‚Sublimierung‘ der Realität des Ersten Weltkrieges nicht standhielten und Freud veranlassten, im Zuge der sogenannten Wende der 1920er Jahre die von ihm gelegten theoretischen Grundlagen der Psychoanalyse in Teilen zu revidieren.

Details

Seiten
276
ISBN (PDF)
9783631863657
ISBN (ePUB)
9783631863664
ISBN (Hardcover)
9783631863527
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Oktober)
Schlagworte
intellektuelle Gegenwehr Pazifismus 1. Weltkrieg Kriegsroman La mémoire collective résistance intellectuelle pacifisme La Grande Guerre Roman de guerre Kollektive Erinnerung
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 276 S., 8 farb. Abb., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Françoise Lartillot (Band-Herausgeber:in) Ina Ulrike Paul (Band-Herausgeber:in)

Françoise Lartillot, professeur à l’Université de Lorraine, Metz est spécialiste de littérature et d'histoire des idées. Elle est auteure de publications sur les relations entre poésie et poétologie et des travaux sur les processus textuels, culturels et mémoriels du XVIIIe au XXIe siècle. Ina Ulrike Paul ist apl. Professorin für Neuere deutsche und europäische Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Sie hat u.a. Publikationen zur Wissens- und Kulturtransfergeschichte (18.-20. Jhdt.), zur napoleonischen Ära, zu Europavorstellungen und zum historischen Roman vorgelegt.

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