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Interlinguale Lakunen in Diskursen

Eine empirische Studie anhand von ausgewählten deutschen und polnischen Textbeispielen

von Karolina Miłosz-Szewczyk (Autor:in)
©2022 Monographie 366 Seiten

Zusammenfassung

Im Buch werden interlinguale Lakunen in Diskursen thematisiert. Lakunen als lexikalische Einheiten, die in einer Kultur vorkommen, wobei sie in einer anderen fehlen, verfügen über keine zielsprachige Entsprechung. Das Hauptziel der Arbeit war die Rekonstruktion und die Erklärung von aktuellen Bedeutungen der interlingualen Lakunen aufgrund der Kontexte, in denen sie in den Diskursfragmenten vorkommen. Die Diskursanalyse ermöglicht nämlich, den Gebrauch der Lakune in einem soziokulturellen Kontext zu analysieren. Zu diesem Zweck wurde ein Rekonstruierungsmodell der aktuellen Bedeutung von Lakunen entwickelt. Die vorliegende Arbeit hat einen innovativen Charakter, weil die Diskursanalyse für die Lakunen-Analyse angewendet wurde.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Einleitung
  • I Theoretischer Teil
  • 1 Begriffsbestimmung
  • 1.1 Zur lexikalischen Semantik
  • 1.2 Zur Diskurssemantik
  • 1.3 Definition des Bedeutungsbegriffs
  • 1.4 Zur Bedeutung in der Diskurslinguistik
  • 1.5 Denotation, Konnotation und Assoziation als Komponenten der Bedeutung
  • 1.6 Semantische Analyse: Bedeutungsbeschreibung
  • 1.7 Über Kontext und Kontextualisierung in der Diskurslinguistik
  • 1.8 Sprache als Zeichensystem
  • 1.9 Zur Lexikologie und Wörterbuchkonzeption von Schaeder (1981)
  • 2 Lakunen-Phänomen
  • 2.1 Definition des Lakunen-Begriffs
  • 2.2 Entstehung und Feststellung von Lakunen
  • 2.3 Lakunen-Theorie und Lakunen-Modell
  • 2.4 Lakunen-Klassifizierungen und Typen von Lakunen
  • 2.4.1 Klassifizierung von Antipov et al.
  • 2.4.2 Klassifizierung von Sorokin und Markovina
  • 2.4.3 Klassifizierung von Ertelt-Vieth
  • 2.4.4 Modifizierung des Modells der axiologischen Lakunen von Panasiuk
  • 3 Diskurslinguistik: Diskurstheorien und Methoden der Diskursanalyse
  • 3.1 Diskurslinguistik und ihre Ziele
  • 3.2 Definition des Diskurs-Begriffs
  • 3.3 Ausgewählte Aspekte der Diskursanalyse
  • 3.4 Diskurstheorien
  • 3.4.1 Diskurs in der Philosophie von Michel Foucault
  • 3.4.2 Postfoucaultsche Diskursanalyse
  • 3.5 Diskursschulen
  • 3.5.1 Das Oldenburger Projekt
  • 3.5.2 Die Düsseldorfer Schule
  • 3.5.3 Die Heidelberger/Mannheimer Gruppe
  • 3.5.4 Kritische Diskursanalyse
  • 3.5.4.1 Kritische Diskursanalyse von Teun van Dijk
  • 3.5.4.2 Kritische Diskursanalyse von Norman Fairclough
  • 3.5.5 Die Duisburger Schule
  • 3.5.6 Kontrastive Diskursanalyse
  • 3.5.6.1 Kontrastive Diskurslinguistik und diskursive Weltbilder von Waldemar Czachur
  • 3.5.6.2 Der mediale Gegendiskurs von Dorota Kaczmarek
  • 3.5.7 Diskurslinguistik nach Ingo Warnke und Jürgen Spitzmüller
  • 3.5.7.1 Das DIMEAN-Modell
  • I Erstlektüre
  • II Intratextuelle Ebenenzuordnung
  • III Analyse der Diskurshandlungen
  • IV Transtextuelle Ebenenzuordnung
  • II Empirischer Teil
  • 4 Empirische Forschungsmethode
  • 5 Zur Analyse der Daten
  • 5.1 SK (D)
  • 5.1.1 Ehemuffel
  • 5.1.2 Wochenendheimfahrer
  • 5.1.3 Frustkauf
  • 5.1.4 Straßenfeger
  • 5.1.5 Torschlusspanik
  • 5.1.6 Pendelkind
  • 5.1.7 Schwellenangst
  • 5.1.8 Spaßgesellschaft
  • 5.1.9 Nestbeschmutzer
  • 5.2 SK (P)
  • 5.2.1 słoik
  • 5.2.2 suchar
  • 5.2.3 leming
  • 5.2.4 moher/moherowy beret
  • 5.2.5 frankowicz/frankowiec
  • 5.3 Schlussfolgerungen
  • 6 Ausblick
  • 7 Zusammenfassung
  • 8 Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Zur Thematik der vorgelegten Arbeit wurde die Verfasserin von ihren persönlichen Erfahrungen auf dem Gebiet des Sprach- und Kulturvergleichs inspiriert. Das Phänomen der Lakune taucht nämlich beim Vergleich von Kulturen und sprachlichen Systemen auf. Lakunen treten „in Folge des interkulturellen Kontaktes (sowohl in Texten als auch in mündlichen Diskursen)“ (Panasiuk/Schröder 2006b: 14) in Erscheinung. Die Sprachen Polnisch und Deutsch zeigen viele Differenzen in Bezug auf Lexik, die somit translatorische Probleme bereiten. Sie erscheinen bei der Textrezeption, Translation oder beim Erlernen der Fremdsprache. Die Verfasserin ist sich dessen bewusst, dass „der Wissenschaftler (…) immer auch selber einer bestimmten Kultur an[gehört], und Untersuchungen zur interkulturellen Kommunikation (…) selbst eine bestimmte Form interkultureller Kommunikation [sind]“ (Schröder 1998: 41). Für die Autorin ist die polnische Sprache die erlernte Muttersprache, Deutsch ist eine Fremdsprache. Aus dieser Perspektive werden interlinguale Lakunen bemerkt, die sowohl Probleme mit dem Textverständnis als auch mit der Translation in die Zielsprache bereiten. Hervorhebung verdient die Tatsache, dass Probleme mit der Rezeption des Textes ihre Wurzeln in Wissenslücken haben können. Beispielsweise können sie bei der Betrachtung des polnischsprachigen Textes aus der Perspektive des Muttersprachlers vorkommen, weil er kein aktiver Teilnehmer des Diskurses ist. Die Wissens- und Verstehenslücken müssen mit Wissen über die Bedeutung der Lakune und den Sprachgebrauch gefüllt werden.

Wegen eines Mangels an Erforschung der interlingualen Lakunen in der deutschen, aber insbesondere in der polnischen Sprache, hat sich die Verfasserin entschieden, sie zu untersuchen und ihre aktuellen, kontextuellen Bedeutungen zu klären. Lakunen-Analyse wird in diskursiven Kontexten bisher nicht unternommen. So hofft die Verfasserin, dass diese Arbeit einerseits einen Beitrag leistet, indem sowohl die Verstehens- und Wissenslücken als auch Missverständnisse einigermaßen überwunden werden. Andererseits versucht sie, Impulse für ein besseres Verständnis sowohl des „Eigenen“ als auch des „Fremden“ zu geben.

Karolina Miłosz-Szewczyk

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Einleitung

Die vorliegende Arbeit thematisiert interlinguale Lakunen in Diskursen und verbindet somit die diskursiven, ethnolinguistischen bzw. kulturlinguistischen, lexikologischen und lexikographischen Strömungen in der Lakunen-Analyse und im Rekonstruierungsprozess ihrer Bedeutungen.

Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet die Lakunen-Theorie, die derzeit die anerkannteste Theorie auf dem Gebiet der Ethnopsycholinguistik ist. Lakunen sind Phänomene, die zeigen, wie sich Sprachen und Kulturen in ihren kognitiven Strukturen unterscheiden. Sie sind lexikalische Einheiten, die nur einer bestimmten Kultur und Sprache angehören und keine Entsprechungen in anderen Kulturen und Sprachen haben. Lakunen spiegeln spezifische Realien, Ereignisse, Phänomene und Zustände einer konkreten Kultur wider, und können „als Signale für eine bestimmte linguokulturelle Spezifik einer Sprachgemeinschaft angesehen werden“ (Ejger/Panasiuk 2006: 112). Die Lakunen-Theorie wird als theoretischer Rahmen für die Erklärung verschiedener sprachlich-kultureller Fragen verwendet, die bei der Textrezeption und Interpretation der Texte auftreten. Die Lakunen-Analyse erfolgt in der vorliegenden Arbeit im Rahmen der Diskursanalyse. Im Allgemeinen fungiert die Diskurslinguistik als empirische Wissenschaft, die ermöglicht, Analyse einzelner Aussagen in Diskursfragmenten durchzuführen. Der Schwerpunkt der Arbeit wird auf die Rekonstruierung der aktuellen Bedeutung der interlingualen Lakunen aufgrund der Analyse der Diskursausschnitte gelegt, was als hervorstechendes Ziel der Arbeit angesehen wird. An dieser Stelle muss betont werden, dass die Lakunen-Analyse in Diskursen eine Neuigkeit ist. Linguistische Diskursanalyse wurde bisher nicht verwendet, um Lakunen zu erforschen. In dieser Arbeit wird demzufolge der Versuch unternommen, sie in breiteren diskursiven Kontexten zu untersuchen. Der innovative Charakter der Arbeit beruht darauf, dass das vorgesetzte Ziel durch die Verbindung der Lakunen-Analyse mit der Diskursanalyse erreicht wird.

Die Frage nach der Bedeutung der interlingualen Lakunen ist von großem Interesse, weil die Sprachlakunen Probleme mit dem fremdkulturellen Textverstehen bereiten. Dank den Bedeutungserklärungen von Lakunen kann eine Verständnislücke gefüllt werden. Es werden auch Kontexte dargelegt, in denen eine Lakune in Erscheinung tritt, und in denen sie von den Sprachbenutzern gebraucht werden kann. Außerdem wird Kulturwissen erschlossen, ergänzt und vermittelt. Die Diskursanalyse ermöglicht das Erfahren, Fassen und Aneignen ←11 | 12→der anderen Kultur durch Texte. Im Diskurs wird die Weltanschauung einer Kultur, die Realien und Handlungen anderer Nation demonstriert. Diskurse spiegeln auch soziale Phänomene (Czachur 2011b), Denkstile und Denkmuster (Gardt 2007) einer Sprachgemeinschaft wider. Es wird angenommen, dass Diskurse das Andere einer fremden Kultur verstehbar machen. Deswegen zielen die vorgenommenen Untersuchungen zusätzlich auf die Bildrekonstruktion der Wirklichkeitsfragmente in den untersuchten Sprachen ab, die mittels der Lakunen-Begriffe und ihren aktuellen Bedeutungen manifestiert werden.

Wie schon erwähnt wurde, ist das Hauptziel der vorliegenden Arbeit die Bestimmung von aktuellen Bedeutungen der interlingualen Lakunen aufgrund der Analyse der Diskursausschnitte, in denen sie vorkommen. Es wird nämlich angenommen, dass diskursive Kontexte, Diskursthemen, Diskursstränge, diskursive Ereignisse und der Status des Schlüssel- und Stigmawortes der Lakunen die Quellen der aktuellen Bedeutungen sind, mit denen interlinguale Lakunen gefüllt werden können.

Zusammenfassend stellt die vorliegende Arbeit den Versuch dar, folgende Ziele zu verfolgen:

Rekonstruierung der aktuellen/kontextuellen Bedeutung von Lakunen, wodurch Lakunen gedeutet und gefüllt werden;

Entwicklung und Verifikation eines Rekonstruierungsmodells der aktuellen Bedeutung von Lakunen;

Rekonstruktion von Bildern der Wirklichkeitsfragmente, die mit den Lakunen-Begriffen und ihren aktuellen Bedeutungen kreiert werden;

Füllen einer Wissens- und Verstehenslücke über Bedeutung und Sprachgebrauch von Lakunen;

Gegenüberstellung der lexikalischen Bedeutung der aktuellen Bedeutung von Lakunen in Diskursen.

Hinsichtlich der diskursiven Perspektive wird auf die folgenden Forschungsfragen eingegangen:

Welche Funktion haben Lakunen im Diskurs?

Sind Lakunen diskurstypisch?

Welchen Status haben Lakunen im Diskurs? (Schlüsselwort/Stigmawort/Name/Ad-hoc-Bildung)? Kommt es zu Kreuzklassifikationen (Warnke/Spitzmüller 2008: 26)?

In welchen Diskurssträngen erscheinen analysierte Lakunen?

Welche Themen in den analysierten Diskursausschnitten werden mit Lakunen angesprochen?←12 | 13→

Auf welchen Diskursebenen sind die Diskursstränge etabliert? Kommt es in den Diskursfragmenten, in denen Lakunen vorkommen, zu Diskursstrangverschränkungen (Jäger 2004)?

Aufbau der Arbeit

Den zentralen Teilen gehen ein Vorwort und eine Einleitung voran. Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil und eine empirische Studie. Der theoretische Teil widmet sich der terminologischen Klärung der in der Arbeit verwendeten Begrifflichkeiten und dem aktuellen Forschungsstand der Lakunen-Theorie, Lakunen-Modelle, Diskurstheorien und Methoden der Diskursanalyse.

Im ersten Kapitel, das der Begriffsbestimmung gewidmet ist, werden für die Zwecke der vorliegenden Arbeit Begrifflichkeiten rund um deren Bedeutung aus semasiologischer, diskurslinguistischer und onomasiologischer Sicht betrachtet. Zu Beginn werden die Richtlinien der lexikalischen Semantik nachgezeichnet. Im Folgenden wird Bezug auf die Rolle der Bedeutung in der Diskurslinguistik genommen. Es werden nämlich die Grundsätze der Diskurssemantik (Busse 1987) präsentiert. Der Fokus des ersten Kapitels richtet sich auf die lexikalische Bedeutung, die auf der Langue-Ebene etabliert ist, und auf die aktuelle Bedeutung, die auf der Parole-Ebene, im Kontext, realisiert wird. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Aspekte der Denotation, Konnotation und Assoziation, die eng mit der Bedeutung eines Lexems verbunden sind. Anschließend wird der Begriff des Kontextes näher betrachtet, auf den großer Wert in der vorliegenden Arbeit gelegt wird. Es wird auf die Typen des Kontextes, Formen der Kontextualisierung und Kontextualisierungszusammenhänge (Busse 2007) in der Diskurslinguistik eingegangen, die als eine Basis für die Untersuchung dienen. Im Rahmen der Bezeichnungslehre wird an die Zeichenmodelle von de Saussure (2001) und Ogden/Richards (1923), sowie an das Organon-Modell von Bühler (1934/1999) angeknüpft. Da sich die vorliegende Arbeit mit dem Wortschatz und der lexikalischen Bedeutung befasst, wird auf bestimmte Aspekte der Lexikologie eingegangen. Es werden die Begriffe Wort und Lexem im Zusammenhang mit dem Wortschatz/der Lexik erklärt. In Anschluss daran wird das Wörterbuchkonzept von Schaeder (1981) dargestellt, das als Modell der Bedeutung von Lakunen im empirischen Teil dient.

Im zweiten Kapitel wird dargelegt, wie der Begriff Lakune von den Forschern definiert wird. In Anschluss daran werden der Entstehungs- und Feststellungsprozess von Lakunen beschrieben. Dann wird das Phänomen der ←13 | 14→Lakunen-Theorie behandelt, die auf die Schule der russischen Ethnopsycholinguistik zurückgeht. Die Lakunen-Theorie gilt als Beschreibungsverfahren der kulturellen Spezifik und das Lakunen-Modell als Instrumentarium, um die interkulturellen Unterschiede festzustellen und zu klassifizieren. Letztlich werden Lakunen-Klassifizierungen und Typen von Lakunen zur Darstellung gebracht, die bisher von den Forschern unternommen wurden.

Im Fokus des dritten Kapitels befinden sich Diskurstheorien und Methoden der Diskursanalyse, die im Rahmen der Diskurslinguistik vermittelt werden. Zuerst werden die Richtlinien in knapper Form dargelegt, auf die sich der Diskurs-Begriff bezieht. Diskurs wird nämlich von den Forschern mehrfach definiert und interpretiert. Der Diskurs-Begriff fungiert als ein zentrales Element der Diskursanalyse und der Diskurstheorien. Implizit werden die Grundsätze der bestehenden Diskursschulen vorgeführt. Es wird Das Oldenburger Projekt beschrieben, auf die Ansätze der Düsseldorfer Schule, der Duisburger Schule und der Heidelberger/Mannheimer Gruppe eingegangen. Im Folgenden wird das Forschungsprogramm der Kritischen Diskursanalyse von Jäger (2004) dargestellt, die um die Kritische Diskursanalyse von Teun van Dijk (1992) und die Kritische Diskursanalyse von Norman Fairclough (1992) ergänzt wurde. Schließlich werden die Richtlinien der Kontrastiven Diskursanalyse präsentiert, in deren Rahmen die Kontrastive Diskurslinguistik und diskursive Weltbilder von Waldemar Czachur (2011a, 2020b) und der mediale Gegendiskurs von Dorota Kaczmarek (2018) erörtert werden.

Im vierten Kapitel wird die empirische Forschungsmethode umrissen, die die methodologische Herangehensweise der ausgewählten Lakunen-Analyse darstellt. Es werden einzelne Schritte des Rekonstruierungsprozesses der aktuellen Bedeutung beschrieben und in Form eines Modells dargestellt. Eine Basis für die Analysekriterien des Modells bildet die Kritische Diskursanalyse von Jäger (2004) und ihre Begrifflichkeit, nämlich: diskursiver Kontext, Diskursfragment, Diskursstrang, Diskursebene, Diskursstrangverschränkung. Das Modell stützt sich auf die intratextuelle Ebene des DIMEAN-Modells (Warnke/Spitzmüller 2008), innerhalb der die wortorientierte Analyse durchgeführt wird. Integraler Bestandteil des Rekonstruierungsmodells der aktuellen Bedeutung bilden die analytischen Kategorien der wortorientierten Analyse der intratextuellen Ebene des DIMEAN-Modells, wie Schlüsselwort, Stigmawort, Name, Ad-hoc-Bildung.

Im Rahmen des empirischen Teils wird eine Datenanalyse unternommen, die auf der Analyse der Diskursfragmente beruht. Zweisprachige Textkorpora (deutschsprachiges Subkorpus – SK (D) und polnischsprachiges Subkorpus – SK (P)) bestehen aus der Sammlung von Diskursfragmenten, in denen Lakunen ←14 | 15→auftauchen. Somit wird der authentische Sprachgebrauch von Lakunen in Diskursausschnitten belegt. Sie werden als Quelle der aktuellen Bedeutung der Lakunen betrachtet. Es werden folgende Lakunen in den Blick genommen: Ehemuffel, Wochenendheimfahrer, Frustkauf, Straßenfeger, Torschlusspanik, Pendelkind, Schwellenangst, Spaßgesellschaft, Nestbeschmutzer, słoik, suchar, leming, moher/moherowy beret und frankowicz/frankowiec. Im Rahmen der Diskursanalyse werden diskursive Kontexte, Diskursthemen und Diskursstränge genannt und beschrieben, in denen Lakunen erscheinen. Sie werden auch den Kategorien der wortorientierten Analyse der intratextuellen Ebene von DIMEAN zugeordnet.

Am Ende der vorliegenden Arbeit stehen Schlussfolgerungen und Ausblick gefolgt von einer Zusammenfassung. Abgerundet wird die Arbeit durch ein Literaturverzeichnis.

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1 Begriffsbestimmung

Im folgenden Kapitel wird der Forschungsgegenstand präsentiert, der die bisherigen Betrachtungsweisen des Bedeutungsbegriffs und Bedeutungstheorien näher bringt. Es wird auf die Aspekte der lexikalischen Semantik und der Diskurssemantik eingegangen. Zunächst wird der Begriff Bedeutung definiert, wobei der Nachdruck auf die lexikalische und aktuelle Bedeutung gelegt wird. Darüber hinaus wird die Betrachtungsweise der Bedeutung in der Diskurslinguistik dargestellt. Des Weiteren werden Komponenten der Bedeutung erläutert, nämlich Denotation, Konnotation und Assoziation. Es wird kurz an die Richtlinien der semantischen Analyse und der Bedeutungsbeschreibung angeknüpft. Bedeutend für die vorliegende Arbeit ist der Sprachgebrauch, weswegen der Kontext und die Kontextualisierung in der Diskurslinguistik näher betrachtet wird. An vorletzter Stelle steht die Auffassung der Sprache als Zeichensystem im Fokus, abschließend wird auf die Lexikologie und den mit ihr verbundenen Wortschatz sowie die Wörterbuchkonzeption eingegangen. Die erwähnte Begrifflichkeit wird im Laufe der weiteren Untersuchungen in den Blick genommen.

Da sich die vorliegende Arbeit mit dem Entdecken und schließlich mit dem Füllen von Sprachlakunen befasst, das durch die Erklärung ihrer Bedeutung erfolgt, spielt der Begriff Bedeutung eine große Rolle. Mit der Bedeutung beschäftigt sich die Semantik. Es muss aber auf die Tatsache hingewiesen werden, dass dieser Begriff mehrdeutig ist und es nämlich die Hauptaufgabe der Semantik ist, die Definition der Bedeutung zu konstruieren.

Definitionsgemäß ist die Semantik (Bedeutungslehre) „das Teilgebiet der Linguistik, das sich mit der Bedeutung sprachlicher Zeichen befasst“ (Żebrowska/Dovhopolyy 2009: 99). Żebrowska und Dovhopolyy (vgl. ebd.) heben noch hervor, dass als sprachliche Zeichen alle Ausdrücke gelten, die eine lautliche, schriftliche oder andere Form mit einer Bedeutung verbinden. Semantik erforscht das Verhältnis zwischen der Ausdrucks- und Inhaltsseite des sprachlichen Zeichens (vgl. ebd.). Kessel und Reimann (2017: 175) sehen das Problem darin, dass die Objektsprache und Metasprache gleichbedeutend sind. Man ist deswegen gezwungen „auf Ausdrücke desselben Sprachsystems zurück[zu]greifen“ (ebd.), um die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens zu erklären. In der Situation des Übersetzungsversuches kommen bei Recherchen in einsprachigen Wörterbüchern „in der Erklärung zum gesuchten Wort ←19 | 20→(…) mehrere unbekannte Wörter“ vor, „die es wiederum nachzuschlagen“ gilt (ebd.).

1.1 Zur lexikalischen Semantik

Lexikalische Semantik (auch Wortsemantik, Bedeutungslehre) „ist kein theoriespezifischer, sondern ein variabler, pragmatisch eingespielter Fachausdruck“ (Althaus et al. 1980: 199). Als Teildisziplin der Lexikologie „befasst [sie] sich mit dem lexikalischen Zeichen sowie lexikalischen System oder Lexikon einer Sprache“ (Kunze/Lemnitzer 2007: 16). Unter dem lexikalischen Zeichen verstehen die Autoren alle sprachlichen Einheiten, denen eine Bedeutung zugeschrieben werden kann (vgl. ebd.: 16). Die lexikalische Semantik beschreibt, näher betrachtet, die lexikalische Bedeutung oder „Wortschatzbedeutung“ (Blank 2001: 6). Zu ihren Aufgaben gehören: Kategorisierung, Konzeptualisierung und Versprachlichung der Welt, Beschreibung der Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen sowie Struktur des Wortschatzes (vgl. ebd. 12). Römer und Matzke (2003: 5) stellen fest, dass sich die lexikalische Semantik mit der Bedeutung der Lexeme und ihrem „sprachspezifischen Inhalt“ beschäftigt, und versucht eine Methode zu finden, wie man diesen Inhalt analysieren kann. Blank (2001: 7) hat der lexikalischen Semantik vorzuwerfen, dass die Wörter, die sie untersucht, nicht oft isoliert, sondern eher in Sätzen oder ganzen Texten zum Vorschein kommen, was ein Interagieren mit Syntax, Satzsemantik und Pragmatik erfordert. Deshalb ist man nur intuitiv imstande, die Bedeutung von Wörtern aus dem Kontext zu erschließen und sie „als Einheiten der langue zu betrachten“ (ebd.). Knipf-Komlósi et al. (2006) unterscheiden und legen großen Wert auf zwei

„Herangehensweisen der lexikalischen Semantik: das semasiologische Vorgehen, das vom sprachlichen Zeichen ausgeht und nach der Bedeutung des Zeichens fragt (…) [und das] onomasiologische Vorgehen (Bezeichnung), [das] (…) von den konkreten Gegenständen, Referenten (Denotaten) aus[geht] und (…) danach [fragt], wie diese Gegenstände, Objekte in der betreffenden Sprache bezeichnet werden.“ (ebd.: 55)

Beide Vorgehensweisen sind bedeutsam auf der Suche nach Lakunen. Zum einen, weil man entweder vom Wort ausgeht, das eine Lakune ist und seine Bedeutung, nämlich semantische Eigenschaften aufzeigt. Zum anderen, weil man auf Sachverhalte der realen Welt in einer der vergleichenden Kulturen zurückgeht und sie zu bezeichnen versucht. Aus diesem Grund werden im Folgenden die wichtigsten Aspekte der Bedeutungslehre besprochen, bevor auf die Gesichtspunkte der Bezeichnungslehre (Onomasiologie) eingegangen wird.←20 | 21→

In der vorliegenden Arbeit wird die semasiologische Vorgehensweise angewendet, weil das Phänomen der interlingualen Lakunen in Texten bemerkt wird und nach ihren lexikalischen und aktuellen Bedeutungen geforscht wird. Das onomasiologische Vorgehen dient als eine Alternative für die Suche nach Sprachlakunen, es wird aber nicht in der vorliegenden Arbeit verwendet.

1.2 Zur Diskurssemantik

Die Diskurslinguistik schöpft aus der Semantik, weshalb sie an dieser Stelle aus der Perspektive des Diskurses dargestellt wird. In der Diskurslinguistik entstanden Ansätze, in deren Zentrum die Bedeutungen der Lexeme, ganze Texteinheiten und semantische Beziehungsnetze standen. Zu den Linguisten, die eine explikative statt einer deskriptiven Semantik postulierten, gehören unter anderem Busse (1987), Gardt (2007) und Spieß (2008). So verstandene Semantik rekonstruiert nicht nur die Textbedeutungen, sondern nimmt die situativen und kommunikativen Bedingungen des Textverstehens, was auch das Nicht-Gesagte mit einbezieht, in den Blick (vgl. Heinemann 2011: 41). Busse (2000) forderte eine „‚reiche‘ Semantik, welche die methodologischen Grenzen einer isolierten Betrachtung von Einzelbedeutungen und einer reduktionistischen Komponentensemantik überschreiten sollte“ (ebd.: 39). Ausgehend von diesen Annahmen, formulierte Busse das Programm der historischen Diskurssemantik1 (vgl. 1987), das eine geeignete Methode ist, um das gesamte bedeutungsrelevante bzw. verstehensrelevante Wissen zu explizieren (vgl. Bluhm et al. 2000: 8). Die Diskurssemantik befasst sich, nach Busse (1987: 271), mit dem Wissen und Denken, mit den Voraussetzungen der „sprachlich-diskursiven Konstitution von Wissen“ (vgl. ebd.). Zu betonen ist, dass der Diskurs, der als gesellschaftliche Praxis fungiert, ein Ort der Übertragung von Individualität und Intersubjektivität ist. Diskursanalyse drückt „das soziale Sein der Sprache und des sprachlich vermittelten Wissens historisch“ aus (ebd.). Diaz-Bone (vgl. 2010: 8) hingegen lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass die sprachwissenschaftliche Diskurssemantik von der textwissenschaftlichen Linguistik so differenziert werden kann, dass sie auf Unverzichtbarkeit des Diskurskonzepts als Kontextmodell für die Bedeutungsanalyse hinweist. Damit geht einher, dass Diskurssemantik sich zum Ziel setzt, „gesellschaftliches Wissen in Form von vorherrschenden sozialen Konstruktionen von Wirklichkeit in historischer ←21 | 22→Zeit“ (Busse 2003: 160) und den transtextuellen Bedeutungskontext (vgl. Gardt 2007: 11) zu untersuchen.

Details

Seiten
366
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631876220
ISBN (ePUB)
9783631876237
ISBN (Hardcover)
9783631870747
DOI
10.3726/b19616
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Mai)
Schlagworte
Diskursanalyse Lakunen-Begriff Lakunen-Modell Kontextualisierung Aktuelle Bedeutung Lexikalische Bedeutung
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 366 S., 6 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Karolina Miłosz-Szewczyk (Autor:in)

Karolina Miłosz-Szewczyk ist Germanistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Germanistik am Institut für Neophilologie an der Maria Curie-Skłodowska Universität zu Lublin (Polen). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Lexikologie, Lexikographie, Lakunen-Theorie und Diskurslinguistik.

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