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Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E.T.A. Hoffmanns Roman «Die Elixiere des Teufels»

von Tünde Paksy (Autor:in)
©2022 Monographie 206 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch untersucht E.T.A. Hoffmanns Roman Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners mit dreifacher Zielsetzung: Zum Ersten präzisiert es anhand einer eingehenden textnahen Lektüre das gängige Verständnis des Texts in mehreren Punkten. Zum Zweiten ergänzt es die bisherige Forschung zu den Elixieren dahingehend, dass es über die Doppelgängerbezüge der Titelfigur hinaus das gesamte, vielfältige und mehrschichtige Doppelgängernetz beschreibt. Zum Dritten untersucht es den Aspekt des Raums auf verschiedenen Textebenen und prüft, wie von den konkreten Raumelementen und räumlichen Gegebenheiten der Geschichte auf die abstrakte semantische Struktur geschlossen werden kann.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • 1. Einleitung
  • 1.1. Über die Relevanz der Untersuchungskategorie Raum in den Elixieren
  • 1.2. Forschungsüberblick
  • 1.2.1. Über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Elixiere
  • 1.2.2. Schwerpunkte der Forschung der Elixiere
  • 1.2.3. Ansätze zur Erforschung von Raum in Hoffmanns Erzählungen
  • 1.2.4. Aspekte des Raumes in Hoffmanns poetologischen Erzählungen
  • 1.2.5. Die Grundstruktur von Hoffmanns Erzählungen
  • 1.2.6. Ansätze zur Erforschung von Raum in den Elixieren
  • 2. Analyse
  • 2.1. Zur Struktur des Romans
  • 2.2. Themenwahl und Motivik
  • 2.3. Doppelgängerkonstellationen
  • 2.3.1. Medardus und Viktorin
  • 2.3.2. Weitere Doppelgängerbezüge des Medardus
  • 2.3.3. Doppelgängertum unter den weiblichen Figuren
  • 2.3.4. Bezüge der Äbtissin
  • 2.3.5. Aurelie und Euphemie
  • 2.3.6. Virtuelle Doppelgänger
  • 2.3.7. Medardus und Aurelie
  • 3. Aspekte des Raumes
  • 3.1. Besonderheiten des Raumes in literarischen Texten
  • 3.2. Raumkonzepte
  • 3.3. Grenzüberschreitungstheorien
  • 3.3.1. Die Grenzüberschreitungstheorie von J. M. Lotman
  • 3.3.2. Die Grenzüberschreitungstheorie von K. N. Renner
  • 3.4. Methodologische Vorüberlegungen
  • 3.5. Beschreibung der Schauplätze
  • 3.5.1. Heilige Linde
  • 3.5.2. Zisterzienser Nonnenkloster
  • 3.5.3. Das Kapuzinerkloster in B.
  • 3.5.4. Der Teufelssitz
  • 3.5.5. Das Schloss des Barons von F.
  • 3.5.6. Nachbardorf, Handelsstadt und Försterschloss
  • 3.5.7. Die Residenz
  • 3.5.8. Italien, Rom und der Vatikan
  • 3.6. Das topographische System der Elixiere
  • 3.6.1. Bewegung der Figuren auf der topographischen Ebene
  • 3.6.2. Raumtypologie
  • 3.7. Semantische Felder
  • 3.7.1. Klostergeistliches vs. Weltliches
  • 3.7.2. Leidenschaftliche vs. enthaltsame Liebe
  • 3.7.3. Wahnsinn vs. Normalität
  • 3.7.4. Exkurs: Rationales vs. Überrationales
  • 3.8. Topologische Aspekte
  • 3.8.1. Topographische vs. semantische Grenze
  • 3.8.2. Semantische Grenzüberschreitungen
  • 3.8.3. Topologische Formationen
  • 3.8.4. Topologie des Textes – Wiederholung und Spiegelung als textstrukturierendes Verfahren
  • 4. Zusammenfassung
  • 5. Anhang
  • 5.1. Abbildungen
  • 5.2. Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

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1. Einleitung

E.T.A. Hoffmanns Roman, Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners stand lange Zeit in dem Ruf der Trivialität,1 sodass seine literaturwissenschaftliche Rezeption erst zögernd ansetzte. Eine ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit dem Roman hat erst in den 1960er–1970er Jahren begonnen. Sie war einerseits an psychologischem Interesse an den Wahnsinnsdarstellungen in Hoffmanns Werk, an Fragen der Identität und der Entwicklung der Hauptfigur, sowie an denen der Gattungstraditionen des Bildungs- und Entwicklungsromans und des romantischen Schauerromans orientiert.2 Nicht zuletzt Untersuchungen in diesen Bereichen führten zu der Erkenntnis, Die Elixiere des Teufels gehe über die Gattungstraditionen des trivialen Schauerromans dadurch hinaus, dass der abwechslungsreichen, spannenden Handlung eine für das Triviale durchaus nicht typische psychologische Tiefe der Darstellung beigegeben sei.3

Diese Erkenntnis machte die Elixiere auch als Untersuchungsgegenstand interessanter. Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die eine umfassende oder eine Teilinterpretation des Romans anstreben, oder in einem weiteren Zusammenhang ausführlicher auf seine Behandlung kommen. Die Elixiere ist aber ein sehr komplizierter und komplexer Roman, in erster Linie durch die verzweigte, auf mehreren Strängen verlaufende, mehrschichtige Handlung sowie durch die zahlreichen motivischen Wiederholungen, durch die wiederkehrenden ←9 | 10→thematischen Elemente, durch die Anhäufung der Figuren und Schauplätze und nicht zuletzt durch die komplizierte Erzählweise. Diese Komplexität ist keine Seltenheit in Hoffmanns Erzählungen, im Falle der Elixiere macht das aber eine sehr aufmerksame, textnahe Lektüre über die Maßen notwendig. Denn die einzelnen Elemente des Romans stehen sowohl auf der Ebene der Geschichte als auch auf der Narration4 in vielfacher Beziehung zueinander und es ist keine leichte Aufgabe diese Beziehungen zu enträtseln. In den einzelnen Studien tauchen fast überall kleinere Fehler auf, indem einzelne Details nicht beachtet, in der Chronologie verlegt oder aber nicht der entsprechenden Figur zugeordnet werden. Das belegt auch die Notwendigkeit einer streng textnahen Analyse des Romans.

Andererseits lässt sich im Angesichte der bestehenden Fachliteratur feststellen, dass die verschiedenen Studien zum Roman zwar bereits Vieles zutage gefördert haben, der Text allerdings auch solche Untersuchungsaspekte bietet, die bisher kaum wahrgenommen wurden. So steht meines Wissens die umfassende Untersuchung der Aspekte der Intertextualität und Intermedialität der Elixiere noch aus. Ebenfalls zu den weniger wahrgenommenen Aspekten gehört der des Raumes in dem Roman, dessen Untersuchung sich die vorliegende Analyse zum Ziel setzt. Im Folgenden soll die Relevanz dieses Aspektes für den untersuchten Roman kurz erläutert werden.

1.1. Über die Relevanz der Untersuchungskategorie Raum in den Elixieren

Mit folgender Invitation beginnt der fiktive Herausgeber von Medardus’ Biographie sein Vorwort zu dem „aus jenen [nachgelassenen] Papieren geformte[n]‌ Buch“5

Gern möchte ich dich, günstiger Leser! unter jene dunkle Platanen führen, wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum erstenmale las. Du würdest dich ←10 | 11→mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden und bunt glühende Blumen halb versteckte, steinerne Bank setzen; du würdest, so wie ich, recht sehnsüchtig nach den blauen Bergen schauen die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem sonnigten Tal auftürmen, das am Ende des Laubganges sich vor uns ausbreitet. Aber nun wendest du dich um, und erblickest kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches Gebäude, dessen Portal reich mit Statüen verziert ist. – Durch die dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren lebendigen Augen an; es sind die frischen Freskogemälde, die auf der breiten Mauer prangen. (SW 2/2, 11)

Durch diese und weitere Stellen des Vorwortes wird im Vergleich zum Begriff Erzählraum, als die räumliche Situierung der Erzählerfigur gemeint,6 eine Art fiktiver und imaginärer Lektüreraum skizziert, in den der Leser hier deiktisch durch den Wechsel vom Konjunktiv zum Indikativ versetzt wird.7 Die kurze Stelle gibt zugleich den Umriss der wichtigsten Schauplätze von Medardus’ Leben und Abenteuer, und gibt in der von Kloster, Bergen und Tälern bestimmten Landschaft auch deren kurvenreiche Struktur vor. Zugleich wird diese räumliche Situierung von Herausgeber und Leser als die Grundlage eines Textverständnisses eingeführt, welches dem des Herausgebers folgt. Seine Figur ist mit dem Kloster im Rücken den Höhen und Tiefen der Landschaft zugewandt, an der Grenze der beiden, im Garten verankert. Auch an späterer Stelle, wo die Lektüre des Buches als gemeinsamer Weg mit Medardus empfohlen wird, dominiert eine verstärkte Raummetaphorik:

Entschließest du dich aber, mit dem Medardus, als seist du sein treuer Gefährte, durch finstre Kreuzgänge und Zellen – durch die bunte – bunteste Welt zu ziehen, und mit ihm das Schauerliche, Entsetzliche, Tolle, Possenhafte seines Lebens zu ertragen, so wirst du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der Camera obscura, die sich dir aufgetan, ergötzen. (SW 2/2, 12)

Das Vorwort und der hier beschriebene Raum dienen natürlich zugleich dazu, eine bestimmte Stimmung zu schaffen, das Interesse des Lesers, und seine Erwartungen unter anderem auf das Schauerliche und Abenteuerliche aber ←11 | 12→auch auf das Unterhaltsame hin zu wecken. Eine andere Stelle des Vorwortes macht als Lektürekommentar des fiktiven Herausgebers gleichzeitig auf die symbolische Interpretationsmöglichkeit von Medardus’ Schicksal aufmerksam:

Nachdem ich die Papiere des Capuziners Medardus recht emsig durchgelesen […], war es mir auch, als könne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen, wohl die symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich durch unser Leben zieht, es festknüpfend in allen seinen Bedingungen, als sei der aber für verloren zu achten, der mit jener Erkenntnis die Kraft gewonnen glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreißen, und es aufzunehmen, mit der dunklen Macht, die über uns gebietet. (SW 2/2, 12)

Details

Seiten
206
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631882191
ISBN (ePUB)
9783631882207
ISBN (Hardcover)
9783631878620
DOI
10.3726/b20110
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (November)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 206 S., 4 farb. Abb., 4 s/w Abb.

Biographische Angaben

Tünde Paksy (Autor:in)

Tünde Paksy studierte Germanistik an der Universität Debrecen (Ungarn), wo sie auch promovierte. Sie ist als wissenschaftliche Oberassistentin am Lehrstuhl für Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Miskolc (Ungarn) tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind E.T.A. Hoffmanns literarisches Werk, Narratologie und Untersuchungen zu Literaturverfilmungen.

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