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Zwischen Räumen und Zeiten: Deutschsprachige Literatur, Kultur und Medien im interkulturellen und transnationalen Kontext

von Doris Sava (Band-Herausgeber:in)
©2025 Sammelband 308 Seiten

Zusammenfassung

Der Sammelband vereint interdisziplinäre Beiträge zur deutschen Literatur, Sprache und Kultur in mehrsprachigen und multiethnischen Regionen. Die Autorinnen und Autoren widmen sich literarischen Neuerscheinungen mit biografischen oder thematischen Verbindungen zu Rumänien. Im Fokus stehen Texte von Joachim Wittstock, Iris Wolff, Aglaja Veteranyi und Carmen-Francesca Banciu sowie kulturell geprägte Ausdrucksformen kollektiver Identität und Erinnerungskultur im Kontext historisch gewachsener Mehrsprachigkeit. Der Band wird von Studien zu diskursiven Praktiken in der medialen Kommunikation, zum kulturellen Transfer, Übersetzungsfragen und landeskundlicher Hochschuldidaktik ergänzt.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort (Doris Sava)
  • Poetische Konstruktionen zwischen Autobiografie, Geschichte und Imagination
  • Das erfuhr ich unter Menschen (2024). Joachim Wittstocks „romanhafte Chronik“, eine Narration an der Schnittstelle von Fakt und Fiktion (Maria Sass)
  • 1. Einleitung
  • 2. Der Autor
  • 3. Inhalt der romanhaften Chronik
  • 4. Siebenbürgische Schicksale im Kontext von Faktizität und Fiktionalität
  • 5. Schlussbetrachtungen
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • „Zugehörigkeit […] ist vielleicht nichts anderes als eine Entscheidung.“ Heimat und Identitätskonstruktionen in Iris Wolffs Roman Lichtungen (2024) (Grazziella Predoiu)
  • 1. Vorbemerkungen
  • 2. Zur Romanstruktur
  • 3. Der heimatliche Raum als „historischer Schauplatz“
  • 4. Erinnerungen und Identitätsdiskurs
  • 5. „Im Wald der Erinnerungen“. Die Rolle des Titels
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Der Roman als Porträtgedicht bei Carmen-Francesca Banciu (Laura Cheie)
  • 1. Versepik des 21. Jahrhunderts
  • 2. Zum Porträtgedicht
  • 3. Porträtdichtung in Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten
  • 4. Fazit
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Aglaja Veteranyis literarisches Vorbild: Daniil Charms. Das Romanfragment Vorsicht bissige Hühnersuppe. Daniil Charms im Exil (1996) (Oana-Georgiana Cristea)
  • 1. Einleitung
  • 2. Veteranyis literarisches Vorbild: Daniil Charms
  • 3. Vorsicht bissige Hühnersuppe. Daniil Charms im Exil. Inhalt und Interpretation
  • 4. Fazit
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Sprache und Kultur im intermedialen und interkulturellen Dialog
  • Lost in Translation. Die Rolle der Sprache in interkulturellen Begegnungen im Film OFFSET (2006) (Ana Karlstedt)
  • 1. Einleitung
  • 2. Plot und Titel
  • 3. Sprache als Gestaltungs- und Benennungsmittel
  • 4. Sprachlos in der Fremde: Stefan und dessen Eltern
  • 5. Sprachlos in der Heimat: Brîndușa und deren Vater
  • 6. Das Abendessen
  • 7. Limitierungen der Sprache. Ein Fazit
  • Literatur
  • Primärquelle
  • Sekundärliteratur
  • Die Konstruktion von Identität in Fatma Aydemirs Roman Dschinns (2022) (Manfred-Mihail Konnert)
  • 1. Einleitung
  • 2. Die Autorin
  • 3. Zum Inhalt des Romans
  • 4. Die Konstruktion der Identität
  • 5. Schlussbetrachtungen
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Die sozialen Funktionen der Volkserzählungen der Zipser aus dem Wassertal in der Maramuresch (Teodora Țugui-Caraba)
  • 1. Allgemeine Überlegungen
  • 2. Das Erzählen und seine Erscheinungsformen
  • 3. Eine narratologische Betrachtung der Erzählfunktionen
  • 4. Die Erzähler aus dem Wassertal
  • 5. Die sozialen Funktionen Zipser Volkserzählungen aus dem Wassertal
  • 5.1. Bewahrung und Weitergabe von Traditionen
  • 5.2. Identitätsbildung und Gemeinschaftsstärkung
  • 5.3. Normenvermittlung und ethnisches Zusammenleben
  • 5.4. Gemeinschaftsaktivitäten
  • 6. Schlussfolgerungen
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Ioan Piuariu Molnar – Johann Molnar von Müllersheim: Vermittler zwischen Sprachen und Kulturen (Ana-Maria Minuț/Ion Lihaciu)
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Kreationen wie nicht von dieser Welt. Strategien der Neukundengewinnung durch Emotionalisierung und Expertise (Doris Sava)
  • 1. Ein bisschen aufweichen in harten Zeiten … Vorbemerkungen
  • 2. Badevergnügen auf vier Füßen. Die Badewanne als neues Objekt der Begierde
  • 2.1. Den Finger am Puls der Zeit: Content Marketing als Medium der Neukundengewinnung
  • 2.2. Für Körper und Geist: Badezimmer erleben – Impressionen zum Inspirieren. Luxusbäder zum Wohlfühlen
  • 2.3. Edles Rauschen: Wie Wörter Wannen verkaufen
  • 3. Die Designwelt von Traum- und Luxusbädern: einzigartig, exklusiv & luxuriös. Ein Fazit
  • Literatur
  • Sekundärliteratur
  • Zitatquellen
  • Internetquellen
  • Zeitlos & innovativ: Faszination Porsche (Sofia Șerb)
  • 1. Vorbemerkungen
  • 2. Qualitätssiegel: Porsche Original-Wappen
  • 3. Die Seele der Marke Porsche 911 und das Porsche-Gefühl als Werbestrategie
  • 3.1. Porsche bleibt Porsche. Werbung als Markengeschichte
  • 3.2. Sportwagenikone 911: Pures Fahrerlebnis. Markenidentität und Zukunftsvision
  • 4. Fazit
  • Literatur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Porsche Media Center: Newsroom – Das Medienportal von Porsche
  • Porsche-Webseiten
  • Sonstige Internetquellen
  • Zwischen Medizin und Mythos: Hysterie-Narrative im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt (1875–1940) (Delia Cotârlea)
  • 1. Präambel
  • 2. Die Hysterie im Überblick
  • 3. Narrative der Hysterie im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt (SDT)
  • 3.1. Weitere Zusammenhänge zwischen Hysterie und Weiblichkeit
  • 3.2. Die Hysterie als Krankheit – psychopathologische Perspektive
  • 4. Schlussfolgerungen
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Modalität im Mediendiskurs: Süddeutsche Zeitung (SZ) und Hermannstädter Zeitung (HZ) im Vergleich (Elena Ginghină)
  • 1. Einleitung
  • 2. Dimensionen sprachlicher Modalität. Ein Überblick
  • 3. Zum Gebrauch der Modalverben sollen und müssen in den Schlagzeilen
  • 3.1. Süddeutsche Zeitung (SZ)
  • 3.1.1 Deontische und epistemische Modalität am Beispiel von sollen
  • 3.1.2 Das Modalverb müssen zwischen deontischer, dynamischer und epistemischer Modalität
  • 3.2. Hermannstädter Zeitung (HZ)
  • 4. Fazit
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • SZ-Artikel
  • HZ-Artikel
  • Sekundärliteratur
  • E-Zigaretten aus medialer Sicht in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) und im RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) (Adriana Dănilă)
  • 1. Vorbemerkungen
  • 2. E-Zigaretten aus medialer Sicht: ADZ vs. RND im Vergleich
  • 2.1. E-Zigaretten als Alternative zum klassischen Glimmstengel
  • 2.2. E-Zigaretten als Gesundheitsrisiko
  • 2.2.1 Rückgriff auf Expertise und wissenschaftliche Ergebnisse
  • 2.2.2 Offizielle Maßnahmen
  • 2.3. Schuldzuweisungen
  • 3. Fazit
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • ADZ-Artikel
  • RND-Artikel
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Die Irrlichter der Wörter im Irrgarten der Sprache. Wohin übersetzen? Zur Lage der Celan-Übertragungen ins Rumänische (Gabriel H. Decuble)
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Zur Übersetzung von Protokollen der Zeugenaussagen der Hermannstädter Hexenprozesse. Skopos, Spielraum und Grenzen (Ioana Constantin)
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Kulturelle Transferphänomene. Germanismen und Kultureme im Rumänischen (Alexandru Matei)
  • 1. Vorbemerkungen
  • 2. Germanismen im Rumänischen
  • 3. Germanismen im rumänischen Schrifttum
  • 4. Grundlagen der Übersetzungspraxis
  • 5. Wörter als Zeitzeugen: Kultureme als Schlüsselwörter der Wendezeit
  • 6. Schlussbemerkungen
  • Literatur
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Perspektiven der Landeskunde an germanistischen Hochschulen
  • Was wird gelehrt, was interessiert? Eine Analyse von Inhalten landeskundlicher Lehrveranstaltungen in den deutschsprachigen Studiengängen Rumäniens (Andrea Susanne Stancu)
  • 1. Einführung
  • 2. Methoden und Rahmenbedingungen der Vermittlung von Landeskunde im Hochschulkontext Rumäniens
  • 3. Inhalte von landeskundlichen Lehrveranstaltungen in Rumänien
  • 3.1. Lehrveranstaltungsbeschreibungen
  • 3.2. Umfrageergebnisse zur Vermittlung von Landeskunde
  • 3.3. Zugang über Themenkataloge
  • 4. Fazit
  • Literatur
  • Sekundärliteratur
  • Internetquellen
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Vorwort

Dieser Sammelband vereint Beiträge, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Themen an der Schnittstelle von Literatur, Sprache, Kultur und Gesellschaft befassen. Den ersten Themenbereich Poetische Konstruktionen zwischen Autobiografie, Geschichte und Imagination eröffnet der Beitrag von Maria Sass (Hermannstadt) über Joachim Wittstocks umfangreiche Chronik in Romanform Das erfuhr ich unter Menschen (2024), die durch ein vielschichtiges Wechselspiel zwischen Faktualität und Fiktionalität geprägt ist. Am Beispiel eines Sanatoriums im städtischen Raum von Kronstadt wird aufgezeigt, wie individuelle Lebensläufe durch politische Umbrüche geformt und erzählerisch reflektiert werden. Der Beitrag analysiert die narrative Konstruktion des Textes ebenso wie seine historische Tiefenschärfe.

Der Beitrag von Grazziella Predoiu (Temeswar) untersucht Iris Wolffs Roman Lichtungen (2024), der die Identitäts- und Erinnerungskonflikte zweier Protagonisten im Kontext rumäniendeutscher Migrationsgeschichte behandelt. Der Text wird als poetische Erinnerungslandschaft gelesen, in der biografische Brüche, künstlerische Selbstsuche und kulturelle Topografien eng miteinander verflochten sind.

Die Wiederbelebung des Versromans in der Gegenwartsliteratur steht im Mittelpunkt des Beitrags von Laura Cheie (Temeswar). Am Beispiel von Carmen-Francesca Bancius Werk Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten (2018) wird die poetologische Funktion literarischer Porträts herausgearbeitet, wobei der Fokus auf dem Zusammenspiel von Körperdarstellung, Formbewusstsein und narrativer Reduktion liegt.

Oana-Georgiana Cristea (Hermannstadt) nimmt Aglaja Veteranyis Schreibpraxis in den Blick, die unter dem Aspekt literarischer Beeinflussung durch Daniil Charms untersucht wird. Dabei geht es der Autorin darum, inwieweit Veteranyis fragmentarischer Roman Vorsicht bissige Hühnersuppe. Daniil Charms im Exil (1996) Elemente grotesken Humors, biografischer Fiktion und surrealistischer Stilmittel aufgreift und in eine eigenständige literarische Form überführt.

Manfred-Mihail Konnert (Hermannstadt) fragt danach, wie Identitäten in Fatma Aydemirs Roman Dschinns (2022) durch Migrationserfahrungen, gesellschaftliche Normen, transgenerational weitergegebene Traumata und die Auseinandersetzung mit Tradition und Moderne geformt werden. Ausgehend von der volkstümlichen Erzähltradition, zeigt Teodora Țugui-Caraba (Hermannstadt) die soziale und identitätsstiftende Funktion der Volkserzählungen der Zipser aus dem Wassertal in der Maramuresch auf und hebt deren Bedeutung für diese rumäniendeutsche Minderheit hervor. Ana-Maria Minuț/Ion Lihaciu (Jassy) widmen ihren Beitrag Ioan Piuariu-Molnar (1749–1815), der sich als Vermittler zwischen der rumänischen und der deutschen Sprache und Kultur Verdienste erworben hat.

Der zweite Themenbereich Sprache und Kultur im intermedialen und interkulturellen Dialog wird von einem Beitrag eingeleitet, in dem Ana Karlstedt (Bukarest) die Mischung aus Satire und interkulturellem Drama am Beispiel von sprachlich und kulturell bedingten Missverständnissen zwischen Deutschen und Rumänen im Film OFFSET (2006) thematisiert.

Das Potenzial digitaler Marketingstrategien für Luxusgüter zeigt der Beitrag von Doris Sava (Hermannstadt) anhand eines Unternehmensblogs auf. Im Fokus steht dabei die Produktkategorie „Luxusbadewanne“, die als zentrales Gestaltungselement und als Ort der Entspannung, des Wohlbefindens und der stilvollen Ästhetik inszeniert wird. Sofia Șerb (Hermannstadt) wendet sich dem Markenerfolg von Porsche zu, wobei auf die Inszenierung der Marke als emotionales Erlebnis durch strategische Markenkommunikation fokussiert wird

Delia Cotârlea (Kronstadt) befasst sich aus sozialhistorischer und kultureller Perspektive mit dem Phänomen der Hysterie, um narrative Deutungsmuster im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt (1875–1940), Leitmedium der deutschen Minderheit in Siebenbürgen, aufzuzeigen.

Diskursanalytisch wird im Beitrag von Elena Ginghină (Hermannstadt) die Einbringung der Modalität im Mediendiskurs anhand des Vergleichs von Modalverben in Zeitungsüberschriften der Süddeutschen Zeitung und der Hermannstädter Zeitung diskutiert. Journalistische Darstellungen von E-Zigaretten stehen im Mittelpunkt einer weiteren Analyse, in der Adriana Dănilă (Bukarest) die sprachliche Gestaltung unter pragmalinguistischen Gesichtspunkten untersucht.

Mit der Übersetzung von Paul Celans Werk ins Rumänische setzt sich Gabriel H. Decuble (Bukarest) auseinander, der Übersetzungsverfahren und Übersetzungsfehler zweier prominenter Übersetzer, Nora Iuga und George State, untersucht. In ihrem Beitrag zeigt Ioana Constantin (Hermannstadt) aufgrund historischer Quellen und der Übersetzung von Zeugenaussagen in Hermannstädter Protokollen zu Hexenprozessen (17. Jh.) die Anwendung und die Grenzen der Skopostheorie auf.

Alexandru Matei (Hermannstadt) thematisiert den Einfluss des Deutschen auf die rumänische Sprache in literarischen Kontexten am Beispiel historischer Maßbezeichnungen. Dabei wird auch der Umgang mit Kulturemen als besondere translatorische Herausforderung herausgestellt.

Den Band rundet ein dritter Themenblock Perspektiven der Landekunde an germanistischen Hochschulen ab. Andrea Susanne Stancu (Hermannstadt) zeigt in ihrem Beitrag den Stellenwert der Landeskunde in der universitären Lehre in Rumänien auf. Die Studie legt das Spannungsfeld zwischen tradierten Inhalten und Studierendeninteressen offen und formuliert Vorschläge für eine didaktische Neuausrichtung.

Gedankt sei allen Mitwirkenden für das Entgegenkommen und der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu/Hermannstadt für die finanzielle Unterstützung.

Doris Sava

Das erfuhr ich unter Menschen (2024). Joachim Wittstocks „romanhafte Chronik“1, eine Narration an der Schnittstelle von Fakt und Fiktion

Maria Sass

Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt

ABSTRACT

This article focuses on Joachim Wittstock’s novelized chronicle, a monumental prose volume with a hybrid character, realized through the interference between the factual and the fictional, being centered on a sanatorium in the middle of Brasov and the repeated change of its purpose. Clinical aspects are discussed, but a large part of the volume deals with social and political events in the middle of the last century, starting from the shaping of destinies molded by the historical and political events of the time. The aim of the article is to study the interplay between elements of fact and fiction, in order to highlight the thematic depth on the one hand, and the construction of characters on the other.

Keywords: fictionalized chronicle, paratext, fictionalization, factuality, intertextuality

Wir kommen der Wahrheit nie näher als in erfundenen Geschichten.

LOUIS BEGLEY

1. Einleitung

In der heutigen Zeit verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend, was die Frage aufwirft, wie literarische Texte beide Ebenen miteinander verknüpfen. Die Gegenwart ist von komplexen sozialen, politischen und kulturellen Umbrüchen geprägt, die in einem engen Wechselverhältnis zueinander stehen. Die Literatur greift diese Entwicklungen auf und spiegelt ihre Dynamik wider, was dazu führt, dass in literarischen Werken gesellschaftliche Missstände und historische Ereignisse kritisch hinterfragt und reflektiert werden.

Literarische Werke werden gemeinhin dem Bereich der Fiktion zugeordnet. Dennoch bedienen sich Autoren häufig faktischer Grundlagen, um fiktionale Welten zu gestalten und einen Bezug zur Wirklichkeit herzustellen. In diesem Spannungsverhältnis zeigt sich, dass die Beziehung zwischen Faktizität und Fiktionalität nicht nur ein zentrales Merkmal literarischer Texte darstellt, sondern auch menschliche Erfahrungen widerspiegelt, bei denen Wahrnehmung und Interpretation stets subjektiv geprägt sind.

Der vorliegende Beitrag setzt sich zum Ziel, Joachim Wittstocks „romanhafte Chronik“ Das erfuhr ich unter Menschen (2024) aus der Sicht der Verwobenheit von Wirklichkeit und Fiktion zu untersuchen, um dadurch tiefere Wahrheiten über das menschliche Dasein offenzulegen. Anhand ausgewählter Beispiele soll aufgezeigt werden, wie das Zusammenspiel von Fakt und Fiktion nicht nur die Erzählstruktur und thematische Tiefe des Werkes beeinflusst, sondern auch maßgeblich zur Gestaltung der Figuren beiträgt.

2. Der Autor

Der am 28. August 1939 in Hermannstadt/Sibiu geborene rumäniendeutsche Schriftsteller Joachim Wittstock übersiedelte in früher Kindheit mit der Familie nach Kronstadt/Brașov, wo er die Schule besuchte und am deutschen Lyzeum die Reifeprüfung bestand. Von 1956 bis 1961 studierte er an der Philologischen Fakultät in Klausenburg/Cluj-Napoca Germanistik und Rumänistik und war nach dem Abschluss zuerst als Deutschlehrer und Bibliothekar tätig, bevor er sich endgültig der Literatur widmete – und damit nicht nur dem Schreiben, sondern auch der literaturwissenschaftlichen Forschung und der Übersetzungsarbeit. Die Themen seiner kultur- und literaturwissenschaftlichen Abhandlungen – Monografien, Studien, Aufsätze und Werkausgaben, die er als Autor oder Mitverfasser veröffentlichte, – greifen siebenbürgisch-sächsische Überlieferungen, das Zusammenwirken verschiedener Kulturen und Sprachen im multiethnischen Siebenbürgen sowie Fragen der Interkulturalität auf. Darüber hinaus hat das schriftstellerische Werk Wittstocks auch aus poetischer Sicht sehr viel zu bieten. Seine gattungsmäßig vielfältigen Schriften – Lyrik, Erzählungen, parabelhafte Kurzprosa, Reiseprosa, Romane und Essays2 – belegen komplexe literarisch-ästhetische Strukturen. „[B]estärkt von Poetik-Lektüren und von Auseinandersetzungen in den Literaturkreisen“, wie Joachim Wittstock3 anmerkt, vertritt der Autor die Auffassung, dass Verfasser „eine in Gehalt und Struktur zeitgemäße Dichtung hervorbringen“ sollten. Dieser Glaube prägte die sprachliche Gestaltung und den Tonfall seiner Werke maßgeblich. Dabei ist hervorzuheben, dass die beiden Dimensionen – die literaturhistorische Forschung und die schriftstellerische Tätigkeit – bei Joachim Wittstock parallel verlaufen und sich gegenseitig ergänzen. Nicht selten werden in der siebenbürgisch-sächsischen Kulturgeschichte vorgefundene Themen, für deren Wahl und Darstellung er sich verantwortlich fühlt, literarisch verarbeitet. In seiner Auffassung sind Themen nicht „isolierte Wörter oder Sätze, sondern recht komplizierte Einheiten gedanklicher, sprachlicher, biografischer, existenzieller Natur, die mit vielen Seinsbereichen verbunden sind. Sie kommen aus der Welt des Autors und werben ihn an.“ (Sienerth 1997: 248) Daher kann beim Hermannstädter Autor über Gattungsgrenzen hinweg auch eine thematische Kontinuität ausgemacht werden. Mit kritischer Distanz werden in seiner beschreibenden und berichtenden Prosa Facetten der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte und Kultur reflektiert, sodass in seinen bedeutendsten Werken historische Dokumentation und Fiktionalität zusammen auftreten und Zeugnisse vergangener Zeiten in sein literarisches Schaffen zentral oder peripher eingebunden werden.

Wittstocks Prosa behandelt zentrale Themen wie Identität und Existenz, das Eigene und das Fremde, Anpassung und Widerstand, Annäherung und Verweigerung im Mit- und Nebeneinander der Ethnien in Vielvölkerregionen, das Erbe des Nationalsozialismus, die Russlanddeportation, der stalinistische Terror, die kommunistische Diktatur, Aussiedlung und Verbleib. Das Spektrum seiner Texte reicht dabei von umfassenden Sittengemälden und detaillierten Milieustudien bis hin zu stilistisch markanten sprachlichen Innovationen, vom Dokumentarischen bis zur paradoxen Groteske. Ein durchgängiges stilistisches Merkmal seines literarischen Schaffens ist der hybride Charakter seiner Prosa. Wittstock greift oft auf schriftliche Quellen und sonstige Belege (Briefe, Aufzeichnungen, fotografische Aufnahmen und Zeitungsberichte) zurück, um seinem Prosawerk Authentizität und Glaubwürdigkeit zu verleihen. So bringt der Autor in seinem Roman Bestätigt und besiegelt (2003), der die Deportation der Rumäniendeutschen behandelt, authentisches Material (Briefe eines Heltauer Notars an seinen deportierten Sohn) ein. Oft wird das Fiktionalisieren von Dokumenten mit der Erinnerung von Selbsterlebtem verknüpft, die Protagonisten erscheinen als Alter Ego-Figuren und weisen einen stark autobiografischen Charakter auf wie im Roman Die uns angebotene Welt. Jahre in Klausenburg (2007) und in der Erzählung Forstbetrieb Feltrinelli (2018). Beide Werke thematisieren die Erziehung und Bildung des Ich-Erzählers und konzentrieren sich auf den Prozess der schriftstellerischen Selbstfindung und Selbstdefinition des Autors. Auch das neueste Werk von Joachim Wittstock Das erfuhr ich unter Menschen. Romanhafte Chronik siebenbürgischer Schicksale (2024) verdeutlicht das Zusammenspiel von Fakt und Fiktion.

3. Inhalt der romanhaften Chronik

Der Roman erschien Ende April 2024 im Schiller Verlag Bonn/Hermannstadt. Das Werk wurde am 29. April im Rahmen der Deutschen Literaturtage in Reschitza und am 8. Oktober im Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften Hermannstadt vom Autor vorgestellt. In Hermannstadt begann Joachim Wittstock seine Präsentation wie folgt:

Details

Seiten
308
Erscheinungsjahr
2025
ISBN (PDF)
9783631943489
ISBN (ePUB)
9783631943496
ISBN (Hardcover)
9783631943472
DOI
10.3726/b23323
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (März)
Schlagworte
Joachim Wittstock Iris Wolff Carmen-Francesca Banciu Aglaja Veteranyi Paul Celan Volkserzählungen der Zipser Interkulturalität Hysterie-Narrative Mediendiskurs Hexenprozesse kulturelle Transferphänomene Germanismen
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2025. 308 S., 1 Tab.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Doris Sava (Band-Herausgeber:in)

Doris Sava studierte Germanistik und Rumänistik an der Universität Bukarest und promovierte im Fachbereich Linguistik. Sie ist Professorin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu/Hermannstadt.

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Titel: Zwischen Räumen und Zeiten: Deutschsprachige Literatur, Kultur und Medien im interkulturellen und transnationalen Kontext