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Hebammen, Ärzte und ihr ‚Rosengarten‘

Ein medizinisches Handbuch und die Umbrüche in der Obstetrik des 15. und 16. Jahrhunderts

von Theresa Hitthaler-Frank (Autor:in)
©2021 Monographie 200 Seiten
Reihe: Beihefte zur Mediaevistik, Band 26

Zusammenfassung

Mit dem Aufkommen der ersten deutschsprachigen Hebammenordnungen ab der Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zu Kompetenzverschiebungen innerhalb der Geburtshilfe und zur Kontrolle von Hebammen durch Stadträte und Ärzte. Gleichzeitig erschienen die ersten gedruckten deutschsprachigen Hebammenlehrbücher, die von männlichen Autoren explizit an Frauen und Geburtshelferinnen adressiert wurden. ‚Der Swangern Frauwen vnd hebam(m)en Rosegarten‘ (1513) von Eucharius Rösslin beantwortet Fragen zur Praxistauglichkeit der Lehrbücher und zeigt die Rolle männlicher Mediziner und Praktiker innerhalb der Geburtshilfe auf. Diese Forschungsarbeit beleuchtet neben dem Hebammenwesen am Beginn seiner Professionalisierung auch den Buchdruck und seine Rolle bei der Verbreitung obstetrischen Wissens.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort Der Autorin
  • 1 Einführung
  • 1.1 Ein Holzschnitt und seine Aussagekraft
  • 1.2 Quellen und Aufbau der Arbeit
  • 1.3 Forschungsstand
  • 2 Obstetrik Im Spätmittelalter
  • 2.1 Vorgeschichte: Historisches Erbe
  • 2.2 Professionalisierung der Geburtshilfe
  • 2.3 Profession Hebamme: Berufsbeschreibung und Aufgabenfeld
  • 3 Der swangern frauwen vnd hebam(m)en rosegarten‘
  • 3.1 Inhalt
  • 3.2 Werkgeschichte und Autor
  • 3.3 Verbreitung und Rezeption
  • 4 Der ‚Rosengarten‘ Im Gebrauch
  • 4.1 Eine Analyse erhaltener Exemplare
  • 4.2 Ein Einblick in die Praxis: Edition handschriftlicher Notizen
  • 4.2.1 Editorische Vorbemerkungen
  • 4.2.2 Res/A.obst. 104c: Textkritische Edition
  • 4.2.3 Neuhochdeutsche Übersetzung
  • 4.2.4 Sachkommentar zu den Inhalten der Notizen
  • 5 Debatten Zur Obstetrik Des Spätmittelalters
  • 5.1 Vermeintliche Missstände und Konfliktpotential
  • 5.2 „Zauberei und Hexenwerk“
  • 5.3 Hebammenlehrbücher im Spannungsfeld von Theorie und Praxis
  • 5.3.1 AdressatInnen und RezipientInnen
  • 5.3.2 Literalität und Medienrevolution
  • 5.3.3 Holzschnitte: Weibliche Anatomie und Kindeslagen
  • 6 Conclusio
  • 7 Anhang
  • 7.1 Transkriptionen
  • 7.2 Abbildungen
  • 8 Bibliographie
  • 9 Abbildungsverzeichnis

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VORWORT DER AUTORIN

Die Arbeit an den Inhalten des vorliegenden Bandes lebte vor allem durch den regen Austausch von und mit FachexpertInnen, die durch zahlreiche Anregungen und Hinweise die Thesen und Erkenntnisse dieser Abhandlung schärften. Dementsprechend möchte ich allen Personen, die im Laufe meines Arbeitsprozesses in den Genuss der Auseinandersetzung mit einer meiner Fragen oder Problemstellung kamen, ganz herzlich danken! Allen voran, Herrn Univ.-Prof. Dr. Romedio Schmitz-Esser, einem der beiden Herausgeber der ‚Beihefte zur Mediaevistik‘. Ihm möchte ich vor allem für die Bereitschaft der Aufnahme dieses Bandes in die Reihe und die monatelange freundliche und umsichtige Betreuung während meines Schreibprozesses danken. Besonders erkenntlich zeigen möchte ich mich außerdem bei Herrn Prof. Dr. Robert Jütte, der sich zur Durchsicht meines Manuskripts bereit erklärte und dessen aufmerksame Anmerkungen die Arbeit um ein Vielfaches präzisierten.

Herrn Univ.-Ass. Dr. Aaron Vanides sei für die Begutachtung meiner erstellten Edition und seine hilfreichen Anmerkungen dazu gedankt. Herrn Dr. Thomas Kühtreiber und Herrn Prof. Dr. Jan Keupp möchte ich für die spannenden Anregungen hinsichtlich einer analysierten Druckgrafik danken. Herr Univ.-Prof. Dr. Georg Vogeler, Herr Ass.-Prof. Dr. Johannes Gießauf und Herr Ao.Univ.-Prof. Dr. Günther Bernhard waren mir hinsichtlich der methodischen Umsetzung und Visualisierung der erstellten Edition hilfreiche Ansprechpersonen, Herr Univ.-Prof. Dr. Simone De Angelis eine unterstützende Hilfe bei Fragen zur Autoritätsproblematik innerhalb der Wissenschaftsgeschichte. Herrn Dr. Philip Steiner möchte ich für seine Bereitschaft, alle möglichen Fragen zur Geschichte der Frühen Neuzeit mit mir zu diskutieren, und für seine Hilfe bei der Auflösung einzelner handschriftlicher Phrasen danken.

Zu guter Letzt möchte ich Frau Dr.in Britta-Juliane Kruse für den herzlichen und anregenden Austausch während meines kurzen Forschungsaufenthaltes in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel danken. Die Diskussion meines Arbeitsthemas mit Frau Kruse, der Autorin mehrerer für diesen Band herangezogener Sekundärwerke, bestätigte viele meiner Thesen und bestärkte mich in meinem Interesse für die Geschichte der Geburtshilfe.

Graz, Juni 2020 Theresa Hitthaler-Frank

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1 EINFÜHRUNG

Die Geburt eines Kindes zählt seit jeher zu den einschneidendsten Erlebnissen im Leben der meisten Menschen. Je nach Gesellschaftsschicht, geographischer Lage oder persönlicher Einstellung kommen Babys an unterschiedlichsten Orten und unter verschiedensten Umständen zur Welt: In modernen Krankenhäusern, Geburtshäusern, zu Hause auf dem Sofa, in ärmlichen Verhältnissen, unter freiem Himmel… Die Auflistung lässt sich beliebig fortführen, ein Element verbindet allerdings die meisten dieser zum Teil grundverschiedenen Geburtsumstände: Die Hilfe und Unterstützung während des Geburtsvorganges durch eine Hebamme, eine Geburtshelferin/einen Geburtshelfer, eine Ärztin/einen Arzt oder eine der Gebärenden nahestehenden Person. Das sichere und fachmännische Zur-Welt-Bringen der Kinder wird vielfach in die Hände fremder Menschen gelegt, ihre Expertise gewährt in den meisten Fällen einen glücklichen Ausgang für Mutter und Kind. Diese Situationsbeschreibung gilt nicht nur für die Gegenwart, vielmehr erfreut sich die Geburtshilfe einer sehr alten und variantenreichen Geschichte.

Vorliegender Band beschäftigt sich mit der Obstetrik des Spätmittelalters. Im Laufe des 15. Jahrhunderts zeichnete sich eine Art ‚Umbruchstimmung‘ in der Geburtshilfe ab, gewohnte Strukturen und Kompetenzen sowie das jahrhundertelang geformte Bild der Hebamme veränderten sich mit Aufkommen der ersten städtischen Hebammenordnungen. Im deutschsprachigen Raum prägten ab dem 16. Jahrhundert Lehrbücher zur Geburtshilfe die Entwicklung und modifizierten das Wissen zum Handwerk, der Buchdruck trieb deren Verbreitung voran. Diese Veränderungen geben Anstoß und Grund für eine genauere Untersuchung des Zeitfensters von 1400 bis 1600. Da sich die Ausführungen mit einem – laut dem Verständnis der klassischen Periodi-sierung – epochenübergreifenden Zeitraum befassen, sei angemerkt, dass die sprachliche Verwendung der Begriffe ‚Spätmittelalter‘ und ‚Frühe Neuzeit‘ in der Arbeit zwar Platz findet, allerdings davon Abstand genommen wird, das Ende des Mittelters strikt mit dem Jahr 1500 anzunehmen und die Neuerungen in Geburtshilfe und Kommunikationstechnologie als Errungenschaften der Neuzeit zu betrachten.1 Gerade für die Themen dieser Arbeit erscheint dies nicht sinnvoll, greifen doch deren bedeutende und ausschlaggebende Veränderungen auf eine lange Geschichte zurück, die eine derartige Entwicklung an der ‚Epochengrenze‘ überhaupt erst möglich machte.

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Die Frage, warum sich das obstetrische 16. Jahrhundert vom 15. Jahrhundert abhebt, ob und wenn ja, was sich hier explizit geändert hat, war ideenstiftend und ausschlaggebend für diese Arbeit. Ein Ziel der folgenden Ausführungen ist es demnach, diese Veränderungen hinsichtlich einer Professionalisierung der Geburtshilfe zu betrachten. Als roter Faden gilt dabei die Frage nach der Verteilung von Zuständigkeiten und dem beteiligten Personal bei Geburten des 15. und 16. Jahrhunderts. Ganz selbstverständlich reihen sich Ärztinnen und Ärzte im 21. Jahrhundert in die obige Aufzählung obstetrisch tätiger Personen ein; vorliegender Band diskutiert bereits für das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit die Beteiligung akademisch gebildeter Ärzte und handwerklich arbeitender Chirurgen innerhalb der Geburtshilfe. Dieser von der allgemeinen Forschungsmeinung stiefmütterlich behandelte Aspekt zeigt sich vor allem bei der Betrachtung von Hebammenliteratur, die im deutschsprachigen Raum ab dem 16. Jahrhundert gedruckt und breit rezipiert wurde.

Eines dieser neu entstandenen Lehrbücher erlangte große und vor allem anhaltende Berühmtheit: ‚Der Swangern Frauwen vnd hebam(m)en Rosegarten‘2 von Eucharius Rösslin3 aus dem Jahr 1513 wurde als erstes deutschsprachiges, gedrucktes Hebammenlehrbuch bis ins 18. Jahrhundert immer wieder rezipiert, in acht europäische Sprachen übersetzt und vielfach neu aufgelegt.4 Das Lehrbuch beinhaltet mehrere Holzschnitte und wurde vom Autor dezidiert an Hebammen und schwangere Frauen adressiert. Dieses Unterweisungswerk, wie es von Rösslin beschrieben und beworben wurde, dient als Hauptquelle für diese Forschungsarbeit und eröffnet die Möglichkeit, unter anderem durch die Analyse von Gebrauchsspuren und Notizen in einzelnen Drucken, die oben genannten Umbrüche in der Obstetrik des 15. und 16. Jahrhunderts einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Am Beispiel eines Holzschnitts aus dem ‚Rosengarten‘ soll dies zu Beginn verdeutlicht werden.


1 Das entspricht auch der jüngeren Diskussion um ein ‚langes‘ Mittelalter, wie sie etwa Jacques Le Goff neuerlich prominent angeregt hat. Vgl. Jacques Le Goff: Geschichte ohne Epochen? Ein Essay. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. Darmstadt: Philipp von Zabern 2016.

2 Eucharius Rößlin: Der Swangern Frauwen vnd hebam(m)en Rosegarten. Straßburg: Flach 1513. [VD 16: R 2848; ÖNB Wien: 68.F.27]. URL: http://bit.ly/2MGzyw1 [25.09.2019]. Im Folgenden zitiert als: Rößlin, Rosengarten 1513 Straßburg. Das Privilegium stellt den Beginn der Quellenfoliierung dar. Der Titel des Lehrbuches verwendet den Begriff ‚Rosegarten‘, im Hinblick auf eine erleichterte Lesung wird der Kurztitel in Folge zu ‚Rosengarten‘ abgeändert.

3 Die herangezogenen Quellen und die ausgewählte Sekundärliteratur überliefern verschiedene Schreibweisen des Namens ‚Rösslin‘. Diese unterschiedlichen Schreibungen werden für die Zitation und wörtliche Anführungen unverändert übernommen, ansonsten wird folgende Orthographie verwendet: ‚Rösslin‘.

4 Vgl. Gundolf Keil: ‚Rößlin‘. In: Neue deutsche Biographie. Hrsg. v. Otto Stolberg-Wernigerode. Bd. 21. Berlin: Duncker & Humblot 2003, S. 753. URL: https://bit.ly/2ILwAoq [22.11.2019]. Im Folgenden zitiert als: Keil, Rößlin.

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1.1 Ein Holzschnitt und seine Aussagekraft

Biographische Angaben

Theresa Hitthaler-Frank (Autor:in)

Theresa Hitthaler-Frank studierte Geschichte und Germanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Wissenschaftsgeschichte dieser Universität. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Medizingeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts.

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Titel: Hebammen, Ärzte und ihr ‚Rosengarten‘