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Mediale Emotionskulturen

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Edited By Stefan Hauser, Martin Luginbühl and Susanne Tienken

Der Sammelband geht der Frage nach, inwiefern in massenmedialen Kontexten neue Emotionskulturen zum Tragen kommen. Die Beiträge untersuchen, wie Emotionen verbal und mit anderen Zeichen hervorgebracht oder neu verhandelt werden und welche soziopragmatischen oder diskursiven Effekte dies hat. Im Zentrum steht damit einerseits die Analyse der Medialität des Emotionsdisplays, andererseits die Frage nach medial emergierenden Emotionskulturen: Sind neue sprachliche und  andere soziale Praktiken der Emotionalisierung zu beobachten? Der Band vereinigt kulturanalytisch-medienlinguistische Analysen zu Emotionsdarstellungen in digitaler Kommunikation (Facebook, YouTube, Twitter, Selbsthilfeplattformen), aber auch im Fernsehen (Talkshows, Wissensdokus) und in der Medialität der Handschriftlichkeit. Dabei werden Phänomene wie Hatespeech und Shitstorms auf Facebook und Twitter ebenso untersucht wie Fan-Trauer auf Twitter, Fussball-Livetweets und Emotionalisierungen in YouTube-Videos, Online-Selbsthilfegruppen, TV-Wissensdokus oder in der Fernsehrezeption in Social Media.

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#RIP – kollektive Fan-Trauer auf Twitter (Karina Frick)

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KARINA FRICK

#RIP – kollektive Fan-Trauer auf Twitter

Die Themen Tod und Trauer haben längst auf Online-Plattformen mit everydayness-Charakter wie Twitter Einzug gehalten; so wird dort beispielweise der Tod prominenter Persönlichkeiten kollektiv betrauert. Anhand einer Sammlung von Tweets zum Tod des deutschen Schauspielers Götz George untersucht der vorliegende Beitrag, wie sich solche gemeinschaftlichen Trauermanifestationen gestalten und welche spezifischen Verbalisierungs- und Ausdrucksformen von Trauer sich in der Online-Umgebung von Twitter finden lassen. Dabei zeigt sich, dass eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit diesen neuartigen Formen einerseits den Rückgriff auf bekannte Muster begünstigt, die aus der Offline-Kommunikation bekannt sind, dass sich aber andererseits die Grenzen des Sagbaren auch ausweiten.

1. Tod und Trauer im Netz1

1.1 Trauernormen im Wandel

Die Emotion Trauer tritt in der Regel als Reaktion auf einen Verlust auf (Freud 1946), der beispielsweise (aber nicht zwangsläufig2) den Tod einer nahestehenden Person betrifft. Die Empfindung sowie der Ausdruck der von Schwarz-Friesel (2013: 67) als Basisemotion3 „unangenehmer Art“ kategorisierten ← 179 | 180 → Emotion Trauer werden über gesellschaftlich und kulturell geprägte Trauernormen – bzw. über sogenannte „feeling rules“4 (Hochschild (1979: 563) – reguliert, die ihrerseits mit bestimmten erwartbaren Praktiken wie einer schriftlichen Todesanzeige oder einer irgendwie gearteten Abschiedszeremonie einhergehen. Solche Gefühlsregeln legen darüber hinaus die Rahmenbedingungen für einen als angemessen wahrgenommenen Umgang mit bzw. den Ausdruck von Trauer fest, etwa was den Zeitraum, den Ort oder – genereller – die Berechtigung zur Trauer anbelangt (vgl. Jakoby/Haslinger/Gross 2013: 261).

Diese Regulierungen befördern im Zuge gesellschaftlicher Funktionalisierungs- und Individualisierungsbestrebungen – und der damit einhergehenden Vermeidung vorgegebener Rituale und Formen (vgl. Elias 1982: 45) – die Entstehung neuer, postmoderner Erinnerungs- und Trauerräume, wie sie beispielsweise in „entkörperlichter“ Form in den virtuellen Friedhöfen, aber auch in anderen Trauerausdrucksformen im Internet zu finden sind (vgl. Fischer 2001: 83, 90).

Deren Aufkommen indiziert einen fundamentalen Wandel in der Trauerkultur unserer Gesellschaft (vgl. Jakoby/Reiser 2014b: 76): Entgegen der noch im 20. Jahrhundert vorherrschenden Tendenz, Trauermanifestationsformen vom öffentlichen in den nicht-öffentlichen5 Bereich zu verlagern (vgl. Jakoby/Haslinger/Gross 2013: 254), besteht heutzutage offenbar vermehrt das Bedürfnis, das als privat reklamierte Trauergefühl im (teil-)öffentlichen Raum des Webs zu teilen und auf diese Weise ein digitales ← 180 | 181 → Andenken zu schaffen.6 Dafür eignet sich das „Erinnerungsmedium Internet“ (Jakoby/Reiser 2014a: 78) deshalb besonders gut, weil es einerseits die Möglichkeit zur zeitlichen und räumlichen Entgrenzung für den Umgang mit Trauer bietet und damit die bestehenden Regulierungen (mindestens in Ansätzen) zu umgehen vermag (vgl. Tienken 2015: 132); andererseits stellt das Netz selbst eine zentrale Triebkraft sozialen und kulturellen Wandels dar (vgl. Jakoby/Reiser 2014b: 65).

1.2 Trauerausdrucksformen online

Trauernden stehen dementsprechend zahlreiche Online-Angebote für die (teil-)öffentliche Trauerkommunikation zur Verfügung. Dazu gehören z.B. die bereits erwähnten virtuellen Friedhöfe oder webbasierte Gedenkseiten (Memorials), die als multimediale Gebilde unterschiedliche kommunikative und emotionale Praktiken ermöglichen: So können bspw. Grabsteine (mit dynamischen und statischen Elementen) gestaltet, Fotos und Lieder gepostet, Nachrufe geschrieben, Beileidsbekundungen eingetragen oder virtuelle Kerzen angezündet werden. Die vollführbaren Praktiken sind dabei – im Unterschied zu traditionellen Trauerritualen wie bspw. der Todesanzeige – keineswegs statisch, sondern können permanent modifiziert, revidiert und bei Bedarf an die aktuelle Gefühlslage der Trauernden angepasst werden (vgl. Spieker/Schwibbe 2005: 235).7

Seit dem Aufkommen der virtuellen Friedhöfe und Memorials in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich die Trauerangebote im Web darüber hinaus diversifiziert. Im Zuge dessen werden auch Plattformen, die in erster Linie für andere Zwecke konzipiert wurden, für die Trauerartikulation bzw. -kommunikation genutzt: So existieren bspw. Trauerblogs,8 in denen Hinterbliebene ihren Verlust in vorwiegend monologischer Form ← 181 | 182 → schreibend verarbeiten können. Auch die Kommunikationsplattform Twitter wird – insbesondere bei prominenten Verstorbenen – häufig zur Verbreitung von Todesnachrichten und dem Ausdruck der damit einhergehenden Betroffenheit genutzt (vgl. Kapitel 2). Obendrein besteht die Möglichkeit, Facebook-Profile von verstorbenen Personen zu Gedenkseiten umzufunktionieren; dazu wird das Profil unter Erbringung eines Todesnachweises in einen Gedenkzustand versetzt. In diesem Fall ist die Seite nur noch für sogenannte Freunde zugänglich, die aber weiterhin Posts anbringen und somit den Anschein einer fortdauernden Kommunikation mit der verstorbenen Person aufrechterhalten können.9

Daneben finden sich im Web auch Formen kollektiver Trauermanifestation, die nicht den Verlust einer nahestehenden (oder immerhin durch die Medien bekannten) Person, sondern von Unbekannten beklagen, die in Folge eines tragischen Ereignisses ihr Leben verloren haben. Entgegen dem Trend zur individuellen Trauer wird dabei quasi stellvertretend um Menschen getrauert, zu denen keine persönliche Beziehung bestanden hat. Ob es sich hierbei allerdings wirklich um gefühlsbasierte schriftliche Manifestationen der Basisemotion Trauer handelt, muss indes offen bleiben; vielmehr teile ich Fiehlers (vgl. 2002: 81) Ansicht, der betont, dass Emotionen linguistisch nur durch ihre Manifestationsformen erfasst und daher unabhängig davon untersucht werden können, ob die Person die ausgedrückte Emotion tatsächlich empfindet.10 Darauf ist am Ende dieses Beitrags (vgl. Kapitel 3) zurückzukommen.

Auf die genannte Weise kommen jedenfalls populäre und spontane Bewegungen zusammen, die sich einerseits dadurch auszeichnen, dass eine Vielzahl von NutzerInnen ähnliche (sprachliche) Handlungsmuster vollzieht und sich damit in die Trauergemeinschaft einschreibt; diese sucht sich andererseits durch Interaktion untereinander selbst und gegenseitig zu trösten ← 182 | 183 → und beruhigen (vgl. Brennan 2008: 329, 336).11 Dieser Form der digitalen Trauerkommunikation haftet demnach ein starkes Solidarisierungspotential an; gerade im Zusammenhang mit dem Tod prominenter Personen tritt dieses kollektive Moment häufig zu Tage:12

The advent of social media offers people […] to create content that memorializes the celebrity. Thus it seems plausible that when a celebrity passes away, particularly when their death is unexpected, fans will use social media to express their grief and interact with other fans who also are mourning. (Sanderson/Cheong 2010: 329).

Auf dieses Phänomen wird im Folgenden anhand einer exemplarischen Twitter-Analyse zum Tod von Götz George einzugehen sein; zunächst seien aber noch einmal die wichtigsten Merkmale der dargestellten Online-Praktiken genannt: Diese zeichnen sich – im Unterschied zu traditionell nicht-virtuellen Trauerpraktiken – insbesondere dadurch aus, dass bestehende Konventionen umgangen werden können. Das betrifft temporale Beschränkungen im Hinblick auf einen als angemessen wahrgenommenen Zeitraum für den Trauerausdruck; solche Einschränkungen sind online aufgehoben.13 Dasselbe gilt für geografische Einschränkungen, aber auch für die generelle Zugänglichkeit zum Trauerprozess. Die Beteiligung am Trauerdiskurs bei einem spezifischen Todesfall wird online also auch solchen Personen ermöglicht, die in der physischen Welt aus unterschiedlichen Gründen davon ausgeschlossen wären.14 ← 183 | 184 →

2. Götz Georges Tod auf Twitter

Der Tod prominenter Persönlichkeiten, bspw. aus der Musik- oder Filmbranche, löst in der Regel ein grosses Medienecho aus. Dieses beschränkt sich indes, wie oben bereits angedeutet, nicht mehr nur auf Hommagen und Nachrufe in den Massenmedien; vielmehr hat das kollektive Trauern um Personen des öffentlichen Lebens längst Einzug in die sozialen Netzwerke gehalten und wird auf diese Weise von den NutzerInnen (massen)medial vereinnahmt (vgl. Plotke/Ziem 2014: 10). Als etwa der deutsche Schauspieler Götz George im Juni 2016 verstarb, wurde dieser Todesfall entsprechend rege auf der Kommunikationsplattform Twitter (sowie in anderen sozialen Medien) diskutiert. Abb. 1 zeigt einige exemplarische Ausschnitte aus dem Twitter-Diskurs zu Götz Georges Tod.

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Abb. 1: Exemplarische Sammlung von Tweets zum Tod von Götz George.

Die wenigen Beispiele zeigen bereits, dass es grundsätzlich allen Personen mit einem entsprechenden Account – ob sie den Verstorbenen Götz George nun persönlich15 gekannt haben oder nicht – offensteht, sich am ← 184 | 185 → Online-Diskurs über seinen Tod zu beteiligen. Zudem wird schon anhand dieser wenigen Tweets deutlich, dass die sprachlichen Manifestationsformen16 von Online-Trauer anderen Prinzipien folgen, als sie bspw. in Offline-Trauerpraktiken (wie der Todesanzeige) erwartbar wären. Welche spezifischen Ausdrucks- und Verbalisierungsformen kollektiven Trauerns im Hinblick auf Götz Georges Tod auf Twitter zu Tage treten, das wird in der folgenden Analyse aufzuzeigen sein. Nach einigen generellen Ausführungen zu Twitter als linguistischer Datenquelle und der Erläuterung der für die folgende Untersuchung verwendeten Datengrundlage (vgl. 2.1) werden die darin auftretenden Verbalisierungsmuster kollektiver Trauer (vgl. 2.2) analysiert.

2.1 Datengrundlage: Twitter als Sprachdatenquelle

Die äusserst populäre – und in jüngster Zeit häufig für politische Belange instrumentalisierte – Mikroblogging-Plattform Twitter hat weltweit über 320 Millionen (aktive) NutzerInnen,17 die über sogenannte Tweets miteinander kommunizieren. Diese wiederum zeichnen sich dadurch aus, dass sie maximal 280 Zeichen18 umfassen, retweetet, kommentiert, favorisiert und mit den für die Plattform so charakteristischen Hashtags versehen werden können. Letztere sind gerade im Zusammenhang mit der zu untersuchenden Trauerkommunikation ein zentrales Instrumentarium, denn sie erlauben die Schaffung spezifischer Verweisnetze und -räume, welche die oben genannte Vergemeinschaftung sowie die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme am jeweiligen (Trauer-)Diskurs wesentlich erleichtern (siehe unten). ← 185 | 186 →

Twitter hat sich, wie Burghardt (vgl. 2015: 75) erläutert, in den vergangenen Jahren als beliebtes Untersuchungsobjekt der linguistischen Forschung etabliert, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass Tweets einerseits nutzergenerierte Sprache und andererseits Metadaten zu den jeweiligen NutzerInnen enthalten. Twitter-Korpora weisen darüber hinaus eine Reihe weiterer Vorteile auf: Es handelt sich – angesichts der Zeichenzahlbeschränkung – um relativ homogene Korpora, die aufgrund der täglich millionenfach publizierten Tweets19 grosse Datenmengen umfassen (können). Zudem sind Twitter-Daten grundsätzlich öffentlich verfügbar und zugänglich; das bedeutet allerdings nicht, dass sie ebenso einfach für (korpus)linguistische Zwecke kompilierbar sind, denn gemäss den Nutzungsbedingungen des Unternehmens ist die uneingeschränkte Weiterverwendung von Twitter-Inhalten ausserhalb der Plattform nicht erlaubt. Es existieren entsprechend keine unmittelbar verfügbaren Tweet-Korpora, die für akademische Studien genutzt werden könnten: „Rather, scholars are required to create their own collections of Tweets via the Twitter API.“ (Burghardt 2015: 78) Die Zusammenstellung linguistischer Tweet-Korpora unterliegt damit allerdings auch bestimmten Restriktionen, die jedoch (teilweise) umgangen werden können20 (ausführlich dazu vgl. Burghardt 2015).

Mittlerweile gibt es jedenfalls eine Reihe von Tools und Diensten, die eine graphische Benutzeroberfläche für die Twitter-API bereitstellen und auf diese Weise die Zusammenstellung von Datensammlungen wesentlich erleichtern (vgl. ebd.). Eines dieser Tools ist der für die folgende Analyse verwendete Chorus Tweet Catcher, der allerdings aufgrund der oben angedeuteten Restriktionen nur Tweets aus einer beschränkten Zeitspanne zu sammeln in der Lage ist.21 Abb. 2 zeigt jedoch, dass sich dieser Zeitrahmen für den zu untersuchenden Todesfall als durchaus angemessen erwiesen hat. ← 186 | 187 →

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Abb. 2: Anzahl der Tweets zum Tod von Goetz George nach Tagen.

Die Grafik macht deutlich, dass die meisten Tweets zu Götz Georges Tod unmittelbar nach Bekanntwerden seines Ablebens am 26.06.16 abgesetzt wurden.22 Bemerkenswert ist hierbei übrigens die Tatsache, dass der Schauspieler eigentlich schon eine Woche zuvor, nämlich am 19.06.2016 verstorben ist; die Meldung gelangte allerdings erst eine Woche später in die Medien. Dass eine solche Verzögerung im heutigen Medienzeitalter sehr ungewöhnlich ist, zeigt sich auch daran, dass sie in mehreren Tweets explizit thematisiert wird.23

Insgesamt ergab sich für den abgebildeten Zeitraum eine Anzahl von 2240 Tweets zum Suchbegriff Götz George24, wobei Retweets aufgrund ihres identischen Inhalts mithilfe des Programms entfernt wurden. Diese Tweets bilden die Basis für die anschliessend durchgeführte explorative Analyse, deren Ziel darin liegt, Verbalisierungsmuster kollektiver Online-Trauer – so sich dieser Terminus als angemessen erweisen sollte – aufzuspüren und offenzulegen. ← 187 | 188 →

2.2 Verbalisierungsmuster kollektiver Online-Trauer

Der sprachliche Ausdruck von Trauer und das Kommunizieren über Tod und Trauer wird oft als unangenehm wahrgenommen und bereitet entsprechend vielen Menschen Mühe:

Mitmenschen reagieren mit emotionaler und verbaler Hilflosigkeit auf Trauernde, mit einem Unbehagen auf die Trauersituation, mit der Tendenz, das Thema schnellstmöglich wieder aus dem Diskurs zu streichen (Schwarz-Friesel 2013: 272).

Diese Kommunikationsschwierigkeiten haben damit zu tun, dass die Trauersituation häufig zu einer sprichwörtlichen Sprachlosigkeit25 führt und die zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel entsprechend oft floskelhaft und stereotyp sind und deshalb als unzureichend wahrgenommen werden (vgl. von der Lage Müller 1995: 224, 242). Entsprechend stellt schon Elias (1982: 39) fest: „Der Sprachschatz für den Gebrauch in dieser Situation ist verhältnismässig arm.“ Darüber hinaus sind Tod und Trauer als gesellschaftliche Tabuthemen nach wie vor stigmatisiert und werden verdrängt (vgl. Schwarz-Friesel 2013: 274; Winkel 2004: 182; Elias 1982: 18).26

Während also auf der einen Seite das Sprechen über den Tod aus verschiedenen Gründen erschwert ist, gilt auf der anderen Seite gerade das Ausdrücken der empfundenen Emotionen als Grundprinzip der Trauerarbeit (vgl. Winkel 2004: 183). Dabei wird dem Sprechen ebenso wie dem Schreiben eine Art therapeutische Wirkung zugesprochen, wie Roberts/Vidal (1990–2000: 522) betonen: „[…] writing to and about the dead can aid in the expression of emotion, creating a sense of perspective and sharing about the death.“

Der sprachliche Ausdruck von Trauer bewegt sich somit stets im Spannungsfeld zwischen Sprachlosigkeit und Tabuisierung auf der einen und floskelhaft-ritualisierter Verbalisierung sowie emotionalem Ausdrucksbedürfnis auf der anderen Seite. Dieser inhärente Konflikt wird nun – und das ist die Besonderheit der hier untersuchten Trauerkommunikationsform – in eine öffentliche Online-Sphäre verlagert und damit, entgegen der nicht-öffentlichen ← 188 | 189 → Trauer im Familienkreis, auch anderen (unbekannten) Personen zugänglich gemacht. Inwiefern solch öffentliche Online-Praktiken dazu beitragen können, die mit Tod und Trauer assoziierte Sprachlosigkeit und Tabuisierung zu durchbrechen (vgl. Tienken 2015: 129) oder ob die Verwendung konventionalisierter Ausdrucksformen durch die Öffentlichkeit der Situation sogar eher verstärkt auftreten,27 dies wird nun im Folgenden explorativ untersucht.

Die zum Tod von Götz George gesammelten Tweets sind zunächst im Hinblick auf die Häufigkeit der darin auftretenden Lexeme geprüft worden.28 Dabei ergab sich, dass – abgesehen vom bereits im Suchbegriff enthaltenen Namen – mit Abstand am häufigsten durch den Bezug auf seine Tatort-Rolle als Horst Schimanski auf den Verstorbenen referiert wird (Schreibvarianten: Schimanski, Schimmi, Schimi usw.).29 Diese Vorgehensweise belegt einerseits die Relevanz des weiter oben erläuterten kollektiven Moments der Online-Trauer, da davon auszugehen ist, dass der Verstorbene der grossen Mehrheit der NutzerInnen hauptsächlich in seiner Tätigkeit als Schauspieler30 und der damit verbundenen Öffentlichkeitspräsenz, nicht aber persönlich bekannt ist. Das bedeutet andererseits auch, dass nicht (nur) die reale Person Götz George, sondern (zumindest auch) die durch ihn dargestellte(n) Figur(en) – und vor allem deren Verlust für die Fangemeinde – beklagt wird.

Abgesehen von dieser nominalen Referenz haben sich in der vertieften Auseinandersetzung mit den Daten drei besonders auffällige Verbalisierungsmuster herauskristallisiert, die nun im Folgenden gesondert betrachtet und mit Beispielen aus der Tweet-Sammlung illustriert werden.

2.2.1 #RIP: diskursive Einordnung

Bemerkenswert ist zunächst die häufige Verwendung des aus dem Lateinischen stammenden und oft als Grabinschrift verwendeten Akronyms RIP ← 189 | 190 → (requiescat in pace).31 Dessen zahlreiches Vorkommen stellt auch Brennan (2008: 337) mit Bezug auf Kondolenzbücher zur Hillsborough-Katastrophe32 und Dianas Tod fest und bemerkt dazu:

Elsewhere, and in ways reflective of the culture of mourning in general, condolence books routinely draw upon phrases whose original religious meaning has been attenuated or lost.

Brennan (vgl. ebd.: 338) führt die ursprünglich religiöse Herkunft des Akronyms auf die Ära vor der Reformation zurück, in der es als populärer Segen eingesetzt wurde – und zwar mit dem Ziel, das Leiden der Seele im Fegefeuer zu mildern.

In den untersuchten Twitter-Daten tritt RIP (Schreibvarianten: R.I.P., rip, r.i.p usw.) in etwas mehr als einem Viertel aller Tweets auf. Dieser Befund legt somit in Anlehnung an Brennans Beobachtungen die Vermutung nahe, dass Verbalisierungen von Trauer auch in ihren neuartigen digitalen Ausprägungen stets an „historische, kulturelle und soziale Vorannahmen und Voraussetzungen“ gebunden bleiben, „die Sprachteilnehmer implizit miteinander teilen.“ (Plotke/Ziem 2014: 3).33 Im vorliegenden Fall bedeutet dies konkret, dass ritualisierte sprachliche Muster, die aus der physischen (und oft religiös geprägten) Trauerkommunikation als bekannt vorausgesetzt werden können, in der digital-öffentlichen Umgebung die aktive Einschreibung in den Trauerdiskurs leisten. Mit anderen Worten: Die Verwendung des Akronyms dient in einem nicht per se als Trauerkommunikationsraum gekennzeichneten Umfeld – wie es auf Twitter als social media-Plattform zutrifft – zur thematisch-diskursiven ← 190 | 191 → Einordnung bzw. zur temporären Etablierung eines solchen Trauerkommunikationsraumes.

Die nachfolgende Abbildung gibt einen Eindruck von den Verwendungsweisen des Akronyms in den untersuchten Twitter-Daten.

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Abb. 3: Beispiele für die Verwendung des Akronyms RIP in den Tweets zu Götz Georges Tod.

Die Abbildung macht deutlich, dass dem Akronym häufig ein Hashtag vorangestellt ist: Über die gesamte Datensammlung hinweg betrachtet, ist das in etwa der Hälfte aller RIP-Vorkommen der Fall. Hashtags dienen, als charakteristische Merkmale der Kommunikationsplattform Twitter, dazu, inhaltlich verwandte Aussagen zu kontextualisieren, Diskurse und Diskursfragment zu strukturieren und die Sichtbarkeit von Tweets zu erhöhen: „People contribute to a specific topic by using a specific hashtag as ‚inline metadata‘ that makes topically related tweets searchable and findable.“ (Dang-Anh/Rüdiger 2015: 62). Hashtags sind also ein wichtiges technisches Instrumentarium, wenn es darum geht, thematische Verknüpfungen herzustellen und damit UserInnen zusammenzubringen, deren Tweets inhaltliche Ähnlichkeiten aufweisen. Dass dies im Rahmen der Online-Trauerkommunikation ein zentrales Anliegen darstellt, ist oben bereits ausgeführt worden.

2.2.2 #reichtjetzt2016: zeitliche Verweisstrukturen

Neben der diskursiv-thematischen Einordnung mithilfe des aus der Offline-Trauerkommunikation bekannten Akronyms RIP weisen die Tweets auch ← 191 | 192 → häufig temporale Referenzen im Hinblick auf einen übergreifenden Todesdiskurs auf. Damit ist gemeint, dass Götz Georges Tod in vielen der untersuchten Tweets mit explizitem Bezug auf andere prominente Todesfälle zeitlich eingeordnet wird; den Referenzrahmen bildet dabei vorwiegend das aktuelle Jahr. In den Tweets wird entsprechend nicht nur der unmittelbar erfolgte Todesfall beklagt, vielmehr findet eine Ausweitung auf weitere kürzlich verstorbene prominente Personen statt. Hierzu sollen zunächst einige Beispiele aufgeführt werden:

1. Als hätte George R.R. Martin dieses Jahr geschrieben. #RiP #BudSpencer #GoetzGeorge #GameofThrones

2. Was zum Teufel ist dieses Jahr? Das alle gehen müssen…. #davidbowie #götzgeorge ….. #alanrickman

3. Der da oben macht aber in diesem Jahr ganz schön tabula rasa. Jetzt auch noch #götzgeorge. Bye, Bye Schimmi.

4. Langsam wird es dieses Jahr echt gruselig … Der nächste Große der die Bühne des Lebens in diesem Jahr verlässt .. R.I.P #götzgeorge

5. Liebes 2016, du wirst bald ein halbes Jahr alt. Reicht! Du musst nicht mehr beweisen, dass du doof bist. Wir wissen’s. #GoetzGeorge

6. Mensch, 2016, wir müssen reden. Ich wüsste da ein paar Pappnasen auf die wir hier eher verzichten könnten. #BudSpencer #GoetzGeorge

In den Beispielen wird ersichtlich, dass Götz Georges Tod in (temporale) Relation zu anderen prominenten Verstorbenen gesetzt wird; diese werden entweder namentlich aufgeführt (vgl. z.B. David Bowie, Alan Rickman, Bud Spencer) oder aber der Verweis auf andere Todesfälle bleibt implizit (z.B.: der nächste, auch noch). Besonders häufig wird in den untersuchten Twitter-Daten übrigens der Schauspieler Bud Spencer (bürgerlich: Carlo Pedersoli) genannt, was primär darauf zurückzuführen ist, dass dessen Tod nur einen Tag nach demjenigen von Götz George bekannt wurde (am 27.06.16).

Überhaupt machen die obigen Beispiele offenkundig, dass es sich beim Jahr 2016 in der Wahrnehmung der NutzerInnen um ein besonders unglückliches Jahr in Bezug auf das Ableben von Personen des öffentlichen Lebens handelt. Dies wird etwa in Beispiel 1. deutlich, in welchem auf George R.R. Martin, den Autor der Fantasy-Reihe Game of Thrones, verwiesen wird; letztere ist bekannt dafür, dass immer wieder wichtige ProtagonistInnen überraschend sterben. In Beispiel 2 wird bedauert, dass alle gehen müssen und in 4 das Jahr als gruselig bezeichnet, weil der nächste Große […] die Bühne des Lebens in diesem Jahr verlässt. In den letzten beiden Beispielen 5 und 6 wird das Jahr ← 192 | 193 → schliesslich sogar personifiziert und direkt adressiert (Liebes 2016; Mensch, 2016). Die Personifizierung dient dabei dazu, Kritik am Jahr zu äussern, das – als handlungsbemächtiger Akteur inszeniert – nicht nur generell zu viele, sondern darüber hinaus auch die falschen Personen hat sterben lassen. Im Gegensatz dazu findet sich in Beispiel 3 ein anderer für die Todesfälle verantwortlich gemachter Akteur: der da oben; der deiktische Raumbezug (in Richtung Himmel) lässt vermuten, dass eine irgendwie geartete, aber auf jeden Fall allmächtige religiöse Instanz gemeint ist. Solche religiös motivierten Referenzen finden sich, wie bereits im vorangehenden Kapitel angedeutet, in der Tweet-Sammlung relativ häufig – gerade auch im Hinblick auf die Verantwortung des Todesfalls.

Um zum Jahr als Bezugseinheit zurückzukommen, so ist diesbezüglich noch festzuhalten, dass in vielen der entsprechenden Tweets das Lexem Jahr als Grundwort in Substantivkomposita mit negativer Bedeutung auftritt: genannt seien beispielsweise Scheissjahr, Seuchenjahr, Unglücksjahr, Schreckensjahr. Diese Beispiele veranschaulichen die negative Beurteilung der betreffenden Zeitspanne (zu diesem Zeitpunkt war das Jahr ja erst zur Hälfte um) seitens der NutzerInnen.34 Diese Negativwertung mag der Intensivierung der durch den Todesfall ausgelösten Emotionen dienen; sicherlich aber handelt es sich um eine einfache, unverbindliche und offenbar akzeptierte Verbalisierungsmöglichkeit in einer gesellschaftlich noch nicht (bzw. nur wenig) konventionalisierten (Trauer-)Kommunikationssituation. Zugleich vermag die Einordnung in einen grösseren, übergreifenden Todesdiskurs den weiter oben erläuterten Vergemeinschaftungsaspekt zusätzlich zu verstärken.

2.2.3 #scheisse: Medienzitate

Letzteres trifft auch auf das letzte hier zu besprechende Muster zu. Es handelt sich dabei um die Verwendung eines im Zusammenhang mit dem Sprechen über Tod und Trauer eher ungewöhnlichen Lexems: Die Rede ist von scheisse. Hierzu zunächst einige Beispiele aus der Tweet-Sammlung:

7. Ach, Götz, so plötzlich. So ein begnadeter Schauspieler. Traurig. Scheisse, ich muss weinen.nIch wünsche dir eine gute Reise. #GötzGeorge ← 193 | 194 →

8. Och Mensch… #GoetzGeorge Er war einer meiner Lieblingsschauspieler. Das trifft mich jetzt sehr. Scheiße!

9. Nie war das Wort Scheisse so wahrhaftig wie heute. Er war aufrichtig, streitbar und bleibt unvergessen. RIP #GötzGeorge #schimanski

10. #schimanski #GötzGeorge Traurige Nachricht. Ob er oben im Himmel Scheiße! sagen darf?

11. Was wird der Pfarrer auf der Beerdigung von #Schimanski #GötzGeorge gesagt haben? Ich weiß es: #Scheisse #Scheiße

12. Gott sagt neuerdings Scheiße und Petrus trägt wettergerecht eine knittrige Feldjacke: #GötzGeorge räumt da oben nun auf.

Das sind nur einige wenige Beispiele für das in den untersuchten Daten zahlreiche Vorkommen des Lexems scheisse. Dieses ist allem voran damit zu erklären, dass es sich hierbei um ein intermediales Zitat des fiktiven Tatort-Kommissars Horst Schimanski handelt, der für seinen häufigen Gebrauch von Fäkalsprache im Allgemeinen und scheisse im Besonderen bekannt war.35 Indem NutzerInnen in ihren Tweets darauf zurückgreifen, demonstrieren sie einerseits ihre Kenntnisse über den Verstorbenen und weisen sich dadurch entsprechend als zur Teilhabe am Trauerdiskurs berechtigt aus. Darüber hinaus bietet sich der Begriff schlicht auch deshalb an, weil er für manche UserInnen adäquat auszudrücken scheint, was sie im Hinblick auf die Todesnachricht empfinden (vgl. z.B. 9) – bzw. weil scheisse die verbalisierten Empfindungen (ich muss weinen, das trifft mich jetzt sehr) zu intensivieren vermag (vgl. die Beispiele 7, 8 sowie in Abb. 1).

Die abgebildeten Beispiele offenbaren jedoch auch, dass es sich bei scheisse um einen Begriff handelt, dessen Angemessenheit in Bezug auf das Sprechen über den Tod in Frage gestellt wird. Die damit einhergehende Unsicherheit wird in verschiedenen Tweets explizit thematisiert; so etwa in Beispiel 10. In diesem Zusammenhang fällt erneut der starke Einbezug von Religion als thematischem Referenzrahmen auf, wie es auch an den Beispielen 11 und 12 ersichtlich ist. Abgesehen vom durch die Daten belegten Sachverhalt, dass der Tod nach wie vor – und auch in digitalen Online-Umgebungen – ein religiös geprägtes Ereignis darstellt, zeigt sich ← 194 | 195 → darin auch, dass die Verwendung von Fäkalsprache insbesondere in solchen Kontexten ungewöhnlich ist bzw. als inadäquat wahrgenommen und deshalb hinterfragt wird.

Im Übrigen beschränkt sich die Verwendung von derbem Vokabular in den untersuchten Tweets längst nicht auf das Lexem scheisse; ohne im Einzelnen darauf eingehen zu wollen, ist zu vermuten, dass es sich auch hierbei hauptsächlich um intermediale Bezüge handelt. Ein Blick in die Tweets, die nach dem Tod von Manfred Krug (ebenfalls Tatort-Schauspieler) bzw. Christine Kaufmann abgesetzt wurden, bestätigt diese Vermutung: Dort finden sich kaum Vorkommen solch derber Ausdrucksweisen. Es ist daher anzunehmen, dass es sich bei Fäkalsprache im Allgemeinen und scheisse im Besondern nicht um ein verbreitetes Verbalisierungsmuster von Online-Trauerbekundungen handelt. Dennoch ist generell davon auszugehen, dass die Grenzen des Sagbaren sich ausgeweitet haben36 bzw. dass NutzerInnen diese Grenzen auch bewusst ausloten: Im Rahmen von Online-Trauerbekundungen, so der durch die Daten entstandene Eindruck, darf bedeutend mehr gesagt werden als dies bei Offline-Ausdrucksformen der Fall ist – dabei handelt es sich allerdings um eine allgemeingesellschaftliche Entwicklung, die sich heutzutage leicht an den Kommentarspalten von Online-Zeitungen oder Facebook-Diskussionen ablesen lässt.

3. Fazit: Merkmale kollektiver Online-Trauer

Die Themen Tod und Trauer sind längst im Web angekommen – und zwar nicht nur in Form aufwendig gestalteter Memorials, sondern auch auf Plattformen mit „everydayness“-Charakter (vgl. Brubaker/Hayes/Dourish 2013: 156) wie Facebook oder Twitter. Die explorative Analyse von Tweets ← 195 | 196 → zu Götz Georges Tod hat dabei zu Tage gefördert, dass Verbalisierungsmuster von Trauer einerseits stark an diejenigen in der physischen Welt angelehnt und häufig in religiösen Kontexten zu verorten sind. Andererseits versuchen sich NutzerInnen auch an innovative(re)n Mustern, wenn sie beispielsweise auf Medienzitate zurückgreifen und diese gleichsam für den Ausdruck ihrer eigenen Befindlichkeit bzw. zur Bewertung der Situation nutzen. Zentral scheint schliesslich auch das Bedürfnis zu sein, den Todesfall mit Bezug auf weitere verstorbene Personen des öffentlichen Lebens in einem zeitlichen Rahmen einzuordnen.

Offen bleibt indes zweierlei: Erstens die Frage, wie NutzerInnen selbst diese Online-Trauerpraktiken einschätzen und bewerten. Zweitens – und eng damit verknüpft – bleibt zu klären, inwiefern diese Verbalisierungsmuster tatsächlich die Emotion Trauer reflektieren; ob man also mit andern Worten überhaupt von Trauer-Kommunikation sprechen sollte. Ohne auf diese Punkte ausführlich eingehen zu können, werden nun zum Abschluss ein paar diesbezügliche Gedanken dargelegt.

Zum ersten Punkt ist dabei zunächst festzuhalten, dass es im Hinblick auf die Online-Manifestation von Trauer durchaus kritische Stimmen gibt, wie der folgende Tweet (vgl. aber auch Fussnote 36) belegt: Christine Kaufmann ist tot. Zeit für euch, den Wikipedia-Eintrag zu lesen, um Emotweets zu verfassen. Der Tweet macht auf der einen Seite zwar deutlich, dass diese gemeinschaftliche Trauerbekundungs-Praxis auf Twitter (noch) nicht auf allgemeine Akzeptanz stösst und dass deren Konventionen Gegenstand kommunikativer Aushandlung sind (vgl. dazu auch Fussnote 11). Andererseits ist der Tweet gleichsam ein Beleg dafür, dass das Verfassen solcher Emotweets offenbar ein Bedürfnis darstellt, dem ungeachtet der durchaus zahlreichen kritischen Stimmen zunehmend Ausdruck verliehen wird. Es handelt sich also, um den zweiten angesprochenen Punkt einzubeziehen, um eine Art Kondolenz-Praxis, die nicht nur den direkten Hinterbliebenen der Verstorbenen, sondern – insbesondere bei prominenten Todesfällen – auch und vor allem der sich solidarisierenden Community selbst zum Trost dient. Inwiefern dabei Trauer als genuine Emotion eine Rolle spielt oder ob es vielmehr um die Demonstration von Loyalität oder Anerkennung geht,37 ist weder feststellbar noch generalisierbar, aber vor allem auch nicht relevant. Viel wichtiger ist, in Anlehnung an Fiehlers Definition (siehe Fussnote 10), die Frage, wie NutzerInnen selbst ← 196 | 197 → diese Form der Kommunikation sprachlich konzeptualisieren. Dass dabei Trauer als sprachlicher Referenzrahmen und – durch die entsprechenden (z.T. konventionalisierten) Verbalisierungsmuster – als soziale Praxis durchaus eine (allerdings noch genauer zu definierende) Rolle spielt, konnte in der vorliegenden Untersuchung mindestens in Ansätzen gezeigt werden. Es ist also m.E. durchaus berechtigt, von Trauerkommunikation – oder vielleicht besser noch, von Trauerinszenierung als aktiv einschreibender Praxis – zu sprechen, denn in Anlehnung an Plotke/Ziem (2014: 2) ist davon auszugehen,

[…] dass sprachliche Verbalisierungen das, was dargestellt werden soll – wie beispielsweise emotionale Zustände –, nicht einfach abbilden: Vielmehr trägt der Gebrauch von Sprache, insbesondere die Wahl bestimmter sprachlicher Mittel, dazu bei, das ‚Dargestellte‘ mit zu konstituieren.

Die oben aufgeworfene Frage danach, ob die öffentliche Artikulation von Trauer dazu beiträgt, die mit dem Tod assoziierte Tabuisierung zu durchbrechen, ist also mindestens teilweise zu bejahen; es scheint auf jeden Fall so zu sein, dass der gemeinschaftliche öffentliche Austausch von (Auto-)Kondolenz-Bekundungen, verstanden als emotionale soziale Praxis, der Verarbeitung des bzw. dem Umgang mit dem Todesereignis förderlich sein kann.

4. Bibliographie

Ariès, Philippe (1980): Die Geschichte des Todes. München, Wien: Hanser.

Brennan, Michael (2008): Condolence books: Language and meaning in the mourning for Hillsborough and Diana. In: Death Studies 32/4, 326–351.

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1 Zahlreiche wichtige Inputs zu diesem Thema verdanke ich Vorträgen sowie persönlichen Gesprächen mit Susanne Tienken. Für Hinweise zum vorliegenden Beitrag danke ich zudem Martin Luginbühl und Stefan Hauser.

2 Ein solcher Verlust muss sich nicht zwangsläufig auf den Tod einer Person beziehen, wie Freud (1946: 429) ausführt: „Trauer ist regelmässig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder an einer an ihrer Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“

3 Diese werden auch als Grund- oder primäre Emotionen bezeichnet und „[…] gelten als universal, also bereits angeboren.“ (Schwarz-Friesel 2013: 66). Welche Emotionen universal sind, ist in der Forschung allerdings umstritten (vgl. ebd.), ebenso wie überhaupt die Definition der Begriffe Emotion und Gefühl: Fries (2004: 3) bspw. versteht unter Emotionen „durch Zeichen codierte seelische Empfindungen“, also „arbiträre, semiotische Entitäten.“ Gefühle beschreibt er als hormonell vermittelte „vegetative Begleiterscheinungen“ (ebd.: 4). Schwarz-Friesel (2013: 86) hingegen bestimmt Emotion als „[…] komplexe, mehrdimensionale Kategorie im menschlichen Organismus, die als entscheidende Kenntnis- und Bewertungsinstanz fungiert, während Gefühl die seelisch-subjektiv und geistig introspektiv empfundene Realisierung der Kategorie ist.“ Ich schliesse mich hier allerdings Fiehlers (2002) Definition an, der Emotionen als soziale Konstrukte begreift (siehe dazu Kapitel 1.2).

4 Feeling rules sind gemäss Hochschild (1979: 564–566) situativ, historisch und gesellschaftlich-kulturell geprägte Normen, die vorgeben, wie sich ein Individuum in einer bestimmten Situation fühlen soll und welcher emotionale Ausdruck diesbezüglich als angemessen beurteilt wird. Zwischen diesen erwarteten Gefühlen und dem, was in einer Situation tatsächlich empfunden wird, können aber durchaus Diskrepanzen entstehen, die mittels Gefühlsarbeit zu reduzieren versucht werden, da das Nichtbefolgen von Gefühlsnormen ansonsten gesellschaftlich sanktioniert werden kann (vgl. Jakoby/Haslinger/Gross 2013: 263).

5 Ich schliesse mich hierbei Dürscheids (2007) Unterscheidung an, die Öffentlichkeit auf die Zugänglichkeit und Privatheit auf den Themeninhalt bezieht.

6 Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass es sich hierbei um hochsensible Daten handelt, deren Aufbereitung für wissenschaftliche Zwecke besonderes Feingefühl erfordert. Aus diesem Grund sind in den unten aufgeführten Twitter-Beispielen alle in der Öffentlichkeit nicht bekannten Personen anonymisiert worden, auch wenn Twitter grundsätzlich öffentlich zugänglich ist.

7 Das kommt den Bedürfnissen von Trauernden insofern entgegen, als Gefühle verzögert auftreten oder Bewertungen sich im Laufe eines längerfristigen Trauerprozesses verändern können (vgl. Geser 1998: 129).

8 Verbreitet ist darüber hinaus auch die Erstellung von klassischen Homepages für einzelne Verstorbene.

9 In diesem Zusammenhang sei auf das Konzept der continuing bonds (vgl. Klass/Silverman/Nickman 1996) verwiesen, das Trauer nicht als kurzfristige Phase mit erwartetem Ende begreift, sondern „[…] auf die andauernde und fortlaufende Präsenz der Verstorbenen im Leben der Hinterbliebenen und die aktive Weiterführung der Beziehung“ fokussiert (Jakoby/Reiser 2014a: 82).

10 Fiehlers (2002: 79) Definition von Emotionen lautete entsprechend wie folgt: […] emotions are not regarded primarily as internal-psychological phenomena, but as socially proscribed and formed entities, which are constituted in accordance with social rules of emotionality and which are manifested, interpreted and processed together communicatively […] (Fiehler 2002: 79).

11 Im Zuge der Pariser Terroranschläge im November 2015 haben bspw. viele Facebook-NutzerInnen ihr Profilbild mit den Farben der französischen Flagge hinterlegt, um so ihre Solidarität mit den Opfern auszudrücken. Dies wiederum hat im massenmedialen Diskurs kontroverse Diskussionen über den Nutzen solcher Solidaritätsbekundungen ausgelöst (vgl. z.B.: <http://www.tagesanzeiger.ch/digital/internet/Es-ging-um-die-Opfer-aber-auch-um-uns/story/13178966> <11.12.2018>). Dabei stellt sich einerseits die Frage nach der generellen Berechtigung zur Trauer, andererseits sind die Konventionen der digitalen Trauerkommunikation Gegenstand des Aushandlungsprozesses.

12 Sanderson/Cheong (2010: 328) sprechen in diesem Zusammenhang auch von parasocial grieving: „that is, mourning for the loss of a celebrity with whom they had parasocial interaction.“ Letzteres wiederum beschreibt, wie MediennutzerInnen sich mit Personen des öffentlichen Lebens identifizieren und eine (oft einseitige) (Kommunikations-)Beziehung zu ihnen aufbauen (vgl. ebd. 329).

13 So gibt es bspw. virtuelle Grabstätten, die erst viele Jahre nach dem Tod erstellt werden. Geser (1998) führt Beispiele von Personen an, die 1935 bzw. 1948 gestorben sind.

14 Dieser Aspekt wird mit dem Konzept des disenfranchised grief (Doka 2008) erfasst, womit auf Personen referiert wird, deren Trauerrolle sozial nicht legitimiert ist. Dies betrifft beispielsweise nicht anerkannte Beziehungsformen (heimliche Geliebte) oder Verluste (Abtreibungen, Haustiere) sowie Personen, die nicht als vollwertige Trauernde gelten (Kleinkinder oder Personen mit geistiger Behinderung) (vgl. ebd.: 229–233).

15 Persönliche Beziehungen, die in der Minderheit sind, werden dabei des Öfteren explizit offengelegt. Dies zeigt sich beispielsweise im ersten abgebildeten Tweet der Schauspielerin Veronica Ferres, die ihre Relation zum Verstorbenen nicht nur durch die Possessivkonstruktion „mein Freund“ anzeigt, sondern dazu auch gleich den fotografischen Beweis mitliefert.

16 Diese äussern sich in den hier abgebildeten Tweets bspw. in der Verwendung der Floskel Ruhe in Frieden bzw. im entsprechenden Akronym RIP (siehe dazu Kapitel 2.2.1), in den Medienzitaten (vgl. Kapitel 2.2.3) oder auch im trauersymbolisierenden Emoji.

17 <http://www.futurebiz.de/artikel/twitter-statistiken-nutzerzahlen/> <11.12.2018>

18 Bis August 2017 lag die Zeichenzahlbeschränkung für Tweets noch bei 140 Zeichen; dies betrifft auch die für den vorliegenden Beitrag gesammelten Daten, die aus dem Jahr 2016 stammen.

19 Gemäss aktuellen Statistiken werden täglich über 500 Millionen Tweets abgesetzt (vgl. <http://www.internetlivestats.com/twitter-statistics/> <11.12.2018>).

20 Vgl. detailliert dazu neben Burghardt (2015) auch McCreadie et al. (2012).

21 Er gehört damit gemäss Burghardt (2015: 82) zu den sogenannten Search API tools, die es NutzerInnen erlauben, Tweet-Sammlungen mithilfe der Such-API herunterzuladen. Auf vergangene Tweets kann bei dieser Art von Tools allerdings nur zurückgegriffen werden, wenn sie nicht älter als 6–9 Tage sind (vgl. ebd.). Aus diesem Grund ist die für die vorliegende Analyse erstellte Sammlung sechs Tage nach dem Bekanntwerden von Götz Georges Tod erstellt worden. Die Daten liegen im txt.-Format vor, Emojis werden dabei bedauerlicherweise nicht angezeigt bzw. mit einem Ersatzelement (n) repräsentiert.

22 Das bedeutet allerdings nicht, dass nach dem 1. Juli keine Tweets mehr dazu publiziert worden sind. Ziel des vorliegenden Beitrages ist jedoch die Erfassung der unmittelbaren Reaktionen nach Bekanntwerden des Todesfalles; dies kann mit der verfügbaren Datensammlung durchaus geleistet werden.

23 Vgl. z.B.: Wie schafft man es, einen Todesfall so lange geheim zu halten? Respekt nbye bye #GoetzGeorge oder Dass das heutzutage geht, dass man den Tod inkl Beerdigung eines so berühmten Menschen eine Woche lang geheimhalten kann…nn#GötzGeorge

24 Damit wurden auch Schreibvarianten (GötzGeorge, Goetz George usw.) gefunden.

25 Dieser spiegelt sich in zahlreichen Phraseologismen wider, die im Zusammenhang mit dem Sprechen über Tod und Trauer zur Anwendung kommen, so z.B.: die Worte fehlen, keine Worte des Trostes haben, nach Worten ringen, sprachlos sein, nicht in Worte fassen können, nicht die richtigen Worte finden u.a.

26 Wie Ariès (1980) in seiner „Geschichte des Todes“ allerdings darlegt, war dies nicht immer der Fall; in früheren Gesellschaftsformen war der Tod vielmehr allgegenwärtig, gestorben wurde inmitten der Gemeinschaft (vgl. dazu auch Elias 1982).

27 In eine ähnliche Richtung geht bswp. Fiehlers (2014: 71) These: „Je mehr die Trauer den persönlichen Bereich verlässt, desto mehr tritt das individuelle Gefühl der Trauer in den Hintergrund. An seine Stelle treten eine Vielzahl von ritualisierten Ausdruckserscheinungen.“

28 Dies ist im Rahmen der vorliegenden Untersuchung mithilfe des Programmes AntConc geschehen.

29 Das wird in den Tweets allerdings auch kritisiert, vgl. z.B.: Blöd #GoetzGeorge nur auf #Schimanski zu reduzieren. Aber Scheisse, wir werden dich vermissen.

30 Das zeigt sich auch im Umstand, dass neben dem Namen der Figur auch der Begriff Schauspieler zu den häufigsten Nennungen in der Tweet-Sammlung zählt.

31 Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass die Mehrzahl der NutzerInnen RIP nicht auf ihren lateinischen Ursprung zurückführen, sondern es als englisches Akronym (rest in peace) interpretieren.

32 Es handelt sich dabei um ein schweres Fussball-Zuschauerunglück mit zahlreichen Toten und Verletzten, das sich am 15. April 1989 im Hillsborough-Stadium in Sheffield zutrug (vgl. ausführlicher Brennan 2008: 328f.).

33 Ob dies auf Basis der ursprünglich lateinischen oder aber der moderneren angelsächsischen Lesart geschieht, mag zwar leicht unterschiedliche kulturelle Assoziationen hervorrufen, dennoch ist es insofern nicht weiter relevant, als grundsätzlich beiden Lesarten geteilte Implikationen zugrunde liegen (z.B. religiöse). Bei Plotke/Ziem (2014: 3) heisst es in diesem Zusammenhang weiter: „[…] Verbalisierungen von Trauer [sind] an historisches Wissen geknüpft, vor dessen Hintergrund individuelle Trauererfahrungen sprachlich kommuniziert, variiert und bis zu einem gewissen Grade neu modelliert werden können.“

34 Dass sich diese Negativwertung allerdings nur auf die prominenten Todesfälle bezieht, darf bezweifelt werden; so finden sich in den Tweets durchaus auch politische Anspielungen, wie z.B. in folgendem Beispiel: Die schweren Schatten von #Brexit #EURO2016 #GoetzGeorge & #BudSpencer, die Medien nur noch selten Licht nach #Syrien & #Jemen werfen lassen.

35 Im Wikipedia-Eintrag zur fiktiven Figur Horst Schimanski heisst es dazu: „Zehn Jahre ermittelte er und machte die Fäkalsprache, insbesondere das Wort „Scheiße“ salonfähig, sodass die Bild 1991 sogar seine Häufigkeit zählte“ (<https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Schimanski> <24.07.2017>). Dies wird auch in den Tweets thematisiert, vgl. z.B.: Er führte das Wort ‚Scheisse‘ im deutschen Fernsehen ein.n#Tatort #Schimmanski #GötzGeorge.

36 So findet sich in den Tweets zu Christine Kaufmanns Tod bspw. auch folgende, natürlich bewusst provokative Aussage: Da verreckt so ne seit 40 Jahren irrelevante Botox-Schranze und Twitter trauert als wäre Lubitz geflogen. #Christine Kaufmann. Der Tweet zeigt zweierlei: Erstens findet auch hier ein Bezug zu anderen Todesfällen statt, in diesem Fall allerding im Dienst der ironischen Überhöhung stehend. Zweitens wird die Trauerpraxis auf Twitter thematisiert und gleichsam kritisiert; ein Zeichen dafür, dass diese neuartigen Ausdrucksformen keineswegs bereits allgemein akzeptiert sind, sondern kommunikativ ausgehandelt werden müssen (vgl. dazu auch das folgende Kapitel).

37 Plotke/Ziem (2014: 1) stellen das ganz grundsätzlich in Frage: „Ist Trauer überhaupt eine emotionale Grösse, oder geht es nicht vielmehr um Pietätsbindungen, um soziale Verpflichtungen und Loyalitäten?“