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Naturwahrnehmung im Mittelalter im Spiegel der lateinischen Historiographie des 12. und 13. Jahrhunderts

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Milène Wegmann

Naturerkenntnis, Menschenbild und Weltbild stehen in enger Beziehung zueinander, denn der Mensch nimmt die Natur als Beobachter wahr und die gewonnenen Eindrücke weisen somit auf sein Selbstverständnis. Diese Studie befasst sich mit der Naturwahrnehmung im Mittelalter, wobei sie Forschungsergebnisse aus den Bereichen Geschichte, Philosophie, Literatur und Wissenschaftsgeschichte einbezieht. Als Basis dienen historiographische Quellen des 8. bis 16. Jahrhunderts aus Klöstern des alten deutschen Reiches, die in den ‘Monumenta Germaniae historica: Scriptores’ herausgegeben wurden. Welche Motivation hatten die Mönche für ihre Hinwendung zur Natur? Weshalb zeichneten sie Naturereignisse und -beobachtungen auf? Wie wurden die antiken Theorien über Natur in der monastischen Historiographie rezipiert? Welcher qualitative Wandel der Naturwahrnehmung fand vor allem im 12. und 13. Jahrhundert statt? Welches Verhältnis besteht zwischen Naturwahrnehmung/Naturerkenntnis und Naturbegriff? Die verschiedenen Möglichkeiten der Perzeption der Natur und ihrer Phänomene werden dabei anhand der mediävistisch-philologischen Methode aufgezeigt und mit einem interdisziplinären Ansatz diskutiert.

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5. Natur in ihrem Werden und Wachsen 51

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51 5. Natur in ihrem Werden und Wachsen In der historiographischen Literatur ist im 12. und 13. Jahrhundert ein qualitativer Wandel in der Naturwahrnehmung festzustellen, insofern als Phänomene der belebten Natur vielschichtiger und sorgfältiger beschrieben werden. Auf im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrhunderten brei- terer Front setzt im 12. / 13. Jahrhundert eine Betrachtungsweise ein, wel- che die Entwicklung oder das Verhalten von Organismen im Jahresablauf mit der Witterung in Beziehung bringt. Knospung, Blütenbildung, Laub- fall bei Pflanzen, das Auftreten fliegender Imagines bei Insekten sowie Paarungszeiten, Brutverhalten und Zug der Vögel begegnen in der historio- graphischen Literatur seit dem 12. Jahrhundert, in einzelnen Quellen so- gar systematisch. In der Terminologie der modernen Biologie wären sol- che Aufzeichnungen mit dem Begriff „ phänologisch“ zu charakterisieren. 5.1 Beziehungen zwischen Witterung und Vegetation in Naturbeobachtungen des 12. und13. Jahrhunderts Im Anhang 1 ist (in chronologischer Ordnung) eine Auswahl „ phäno- logischer“ Beobachtungen an Pflanzen aufgeführt, die einen differenzier- teren Blick für natürliche Vorgänge, das intensivere Hinschauen auf die Natur erkennen lassen. Insofern als in diesen Belegen das Bemühen greif- bar wird, Beziehungen zwischen dem Werden und Wachsen in der Na- tur einerseits und der Witterung andererseits zu beschreiben, ist von ei- 52 nem Interesse an kausalen Zusammenhängen in der Natur, an der Re- gelmässigkeit und Determiniertheit des Lebens zu sprechen. Natur, mit dem Wort „ Prozess“ konnotiert, wird als rational verstehbar erfahren. Das Prozesshafte kommt zum Ausdruck im Gebrauch von Präsenspartizi-...

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