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Das Künstlerinterview

Analyse eines Kunstprodukts

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Christoph Lichtin

Der Kunstbetrieb produziert heute eine grosse Anzahl Interviews und verbreitet sie in verschiedenen Medien. Im Interview erscheint der Künstler als unmittelbarer Interpret seines Werks. Das Authentische der direkten Rede fasziniert, lässt jedoch vergessen, dass das Interview in einem bestimmten Kontext entstand und für die Veröffentlichung stark bearbeitet wurde. Diese Publikation behandelt die zeitgebundenen, genrespezifischen, inhaltlichen und personenabhängigen Aspekte, die das Interview zu einem komplexen Konstrukt machen.
Die einzelnen Kapitel fokussieren die Fragestellungen, die für eine umfassende Analyse von Interviews mit Künstlern wichtig sind. Es werden bedeutende Beispiele aus der Geschichte des Künstlerinterviews vorgestellt wie auch der Stellenwert von Interviews innerhalb der künstlerischen Tätigkeit eines einzelnen Künstlers analysiert. Neben immer wiederkehrenden typischen Themen wird auf klassische Gesprächsverläufe und Strategien verwiesen sowie nach den spezifischen Motiven der Kunsthistoriker gefragt. Als gemeinschaftliche Werkinterpretation wird das Interview zum kunstgeschichtlichen Genre, in welchem modellhaft ein Argumentationsprozess zur Darstellung gebracht wird.

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5 Interviewkünstler 71

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71 5 Interviewkünstler 5.1 Das Interview in der künstlerischen Tätigkeit Ad Reinhardt hat auf der Karikatur How to look at Modern Art in America aus dem Jahr 1946 am Stammbaum der modernen Kunst eine mit Nägeln befestigte Tafel angebracht, auf die ein Cartoon ge- zeichnet ist (Abb. 10).162 Die mit einem amerikanischen Fähnchen bestückte Tafel zeigt einen belustigten Ausstellungsbesucher, der vor einem abstrakten Gemälde steht und die Frage stellt: „Ha, ha. What does this represent?“ Die Antwort, die in der Zeichnung das Gemäl- de selbst gibt, ist eine Gegenfrage: „What do you represent?“ In die- ser Dialogsequenz vor dem Bild manifestiert sich eine Veränderung der Rolle des Künstlers. Die Tafel ist am Stammbaum auf der Höhe der „Abstract-/Social-Surrealist“-Maler angebracht, wird also histo- risch mit den Künstlern dieser Generation in Verbindung gebracht. Die Frage entspringt der Problemstellung einer vergangenen Zeit. Der Künstler des Jahres 1946, beziehungsweise das Gemälde geht auf eine Argumentation aus der Defensive gar nicht mehr ein, son- dern bestimmt selbst die Fragestellung. Die Künstler können nach Reinhardt nicht „irrational-bumpkin-dionysian-dumpbell“163 sein, sondern haben am öffentlichen Dialog zu partizipieren und diesen mitzugestalten. Die Vertreter des Abstrakten Expressionismus haben in vielfältiger Weise die Bedeutung der kommunikativen Rolle des Künstlers in ihrer Zeit erkannt, beschrieben und vorgeführt.164 Durch 162 Die Zeichnung erschien erstmals in der Zeitschrift P. M., 7, 2. Juni 1946. Vgl. Thomas B. Hess, ,The Comics of Ad...

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