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Das Künstlerinterview

Analyse eines Kunstprodukts

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Christoph Lichtin

Der Kunstbetrieb produziert heute eine grosse Anzahl Interviews und verbreitet sie in verschiedenen Medien. Im Interview erscheint der Künstler als unmittelbarer Interpret seines Werks. Das Authentische der direkten Rede fasziniert, lässt jedoch vergessen, dass das Interview in einem bestimmten Kontext entstand und für die Veröffentlichung stark bearbeitet wurde. Diese Publikation behandelt die zeitgebundenen, genrespezifischen, inhaltlichen und personenabhängigen Aspekte, die das Interview zu einem komplexen Konstrukt machen.
Die einzelnen Kapitel fokussieren die Fragestellungen, die für eine umfassende Analyse von Interviews mit Künstlern wichtig sind. Es werden bedeutende Beispiele aus der Geschichte des Künstlerinterviews vorgestellt wie auch der Stellenwert von Interviews innerhalb der künstlerischen Tätigkeit eines einzelnen Künstlers analysiert. Neben immer wiederkehrenden typischen Themen wird auf klassische Gesprächsverläufe und Strategien verwiesen sowie nach den spezifischen Motiven der Kunsthistoriker gefragt. Als gemeinschaftliche Werkinterpretation wird das Interview zum kunstgeschichtlichen Genre, in welchem modellhaft ein Argumentationsprozess zur Darstellung gebracht wird.

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6 Kunsthistoriker als Interviewer 93

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93 6 Kunsthistoriker als Interviewer 6.1 Legitimation Das Interview gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer wenig angesehenen Gattung kunsthistorischer Praxis. Interviews führten Journalisten, Schriftsteller und Künstlerfreunde (Abb. 15). Ein Kunst- historiker, der Interviews veröffentlichen wollte, musste Bemerkun- gen zur Legitimation seines Tuns anbringen. Konnte man sich auf historische Formen des verschriftlichten Ge- sprächs berufen? Im 19. Jahrhundert war das Genre der fingierten Dialoge, in welche Autoren Themen der Zeit verpackten, sehr be- liebt geworden. Dieses Genre gründete auf Formen, die sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in England in erbaulichen Zeitschriften, und dann einige Jahrzehnte später in Deutschland herausgebildet hatten und entwickelte sich zur regelrechten Philosophie des Ge- sprächs. Diese ästhetisierende Gesprächskultur war allerdings eine Salonkultur, die den gesellschaftlichen Realitäten in einem metaphy- sisch überhöhten Begriff der Geselligkeit eine schöne Welt des Scheins entgegenstellte.223 Der Kunstdiskurs, wie er sich im 17. Jahrhundert in Frankreich als eine beliebte Form des Zwiegesprächs vor den Bil- dern entwickelte, haftete in späterer Zeit allerdings der Beigeschmack des „vernünftelnden Didaktismus“ an.224 Aufgabe dieser Art von Dialogen war nicht in erster Linie Information, sondern die Beleh- rung und die Erbauung. Als Vorbild für das Führen von Interviews konnten sie nur bedingt dienen. Eine Legitimation konnte im Vergleich mit alten, ehrwürdigen Beispielen von Dialogen erbracht werden, etwa mit dem Hinweis auf 223 Vgl. Claudia Schmölders, Die Kunst des Gesprächs. Texte zur Geschichte der europ...

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