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Hybridisierung und Ausdifferenzierung

Kontrastive Perspektiven linguistischer Medienanalyse

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Edited By Stefan Hauser and Martin Luginbühl

Hybridisierung und Ausdifferenzierung sind zwei Prozesstypen, die für die massenmediale Textsortengeschichte von grundlegender Bedeutung sind: So werden für ein Medium neue Textmuster nicht von Grund auf neu entwickelt, sondern es werden oftmals Merkmale bereits existierender Textsorten übernommen, adaptiert und transformiert. In der Folge entstehen neue Textsorten, die entweder bestehende Textsorten ablösen und somit etablierte Kommunikationspraktiken ersetzen oder es kommt zu einer Ergänzung des bisherigen Textsortenrepertoires. In beiden Fällen ist es notwendig, die Aufmerksamkeit nicht nur auf einzelne, d.h. isoliert betrachtete Textsorten, sondern auch auf ganze Systeme von Textsorten zu richten; erst so werden die Auswirkungen von Hybridisierung und Ausdifferenzierung auf den «kommunikativen Haushalt» erkennbar.
Dieser Band vereinigt medienlinguistische Beiträge zu Fragen der Textsorten-Hybridisierung und Ausdifferenzierung im Bereich von Online-Medien (Online-Zeitungen und -Zeitschriften, Webforen, Facebook-Profilen, User-Kommentaren, Infografiken) und traditionellen Medien (Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen und Radio). Viele der Beiträge gehen auch medienvergleichend vor.
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„Welches kranke Gehirn hat sich so etwas einfallen lassen?“ Form und Funktion von Evaluierungsformen in Online-Beschwerden als Indikatoren „hybrider“ Textmerkmale?

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MARTIN KALTENBACHER

Der vorliegende Beitrag diskutiert das Phänomen Hybridität am Beispiel von Online-Beschwerden. Texte und Textsorten sind nicht an sich hybrid. Der Anschein von Hyb-ridität kann jedoch an der Schnittstelle von Form und Funktion entstehen, wenn etwa Verfasser von Texten versuchen, mit informellen rhetorischen Mitteln formale (z. B. amtliche) Funktionen auszuüben. Online-Beschwerden bedienen sich häufig informeller Evaluierungsformen, obwohl sie danach trachten, behördliche Verfügungen, wie ein Werbeverbot, zu erwirken. Diese Art von Hybridität ist kein textsortenspezifisches Phänomen, sondern entsteht durch die Anwendung registerspezifischer Kommunikationsmuster in neuen Kontexten.

1. Gibt es hybride Textsorten?

Obwohl der Begriff Hybridität im Hinblick auf Textsorten seit einigen Jahren in der einschlägigen Forschungsliteratur intensiv diskutiert wird (z. B. Bhatia 2004; Hasan 2000; Sarangi 2000, 2004), scheint er sich nach wie vor einer exakten Definition zu verschließen. Dies hat wohl nicht so sehr mit dem Begriff Hybridität an sich zu tun, sondern mehr mit dem Geltungsbereich, auf den sich der Begriff erstreckt. Unter Hybridität – vom Lateinischen (h)ibrida = Mischling, Bastard, von zweierlei Abkunft (vgl. Heinichen 1993: 255) – versteht man allgemein den Vorgang der Verschmelzung zweier bestehender Formen zu einer neuen, bislang unbekannten Form. Dehnt man diesen Begriff nun auf Textsorten aus, so bedeutet dies, dass zwei oder mehrere Textsorten zu einer neuen, ← 187 | 188 → bislang nicht in dieser Form existierenden Textsorte verschmelzen, die typische Eigenschaften der ,Muttertextsorten‘ auf eine bisher nicht etablierte Weise verbinden.

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