Show Less

Wissen als Gut

Ein Beitrag zur Grundlegung der sozialen Erkenntnistheorie

Series:

Rainer Kamber

In der orthodoxen erkenntnistheoretischen Tradition ist der Begriff des Wissens mit dem der Wahrheit verknüpft und Wissen wird in hohem Masse individualistisch konzipiert. Individualistisch heisst, dass Wissen nicht von einem epistemischen Subjekt zum anderen weitergegeben werden kann. Die traditionellen Quellen des Wissens sind die Wahrnehmung, die Erinnerung und die Schlussfähigkeit und nur Wissensansprüche auf diesen Grundlagen gelten überhaupt als evaluationsfähig. Dadurch macht sich die orthodoxe Tradition vulnerabel für Skeptizismus und epistemische Paradoxien. In der vorliegenden Arbeit zeichnet der Autor die wesentlichen Linien der erkenntnistheoretischen
Orthodoxie im Zusammenhang mit der Zeugenschaft nach und diskutiert die gewichtigen Einwände gegen die entsprechenden Doktrinen. Auf der Grundlage einer neuartigen Gütertheorie des Wissens zeigt der Autor, inwiefern nicht bloss Zeugenschaft, sondern auch die klassischen erkenntnistheoretischen Kategorien wie Rechtfertigung und Berechtigung sozialen Gehalt haben.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Kapitel 2: Methodologien der Zeugenschaft: Die Produktion zeugnisbasierten Wissens in der qualitativen Sozialforschung und in der Kriminologie 67

Extract

67 Methodologien der Zeugenschaft: Die Produktion zeugnisbasierten Wissens in der qualitativen Sozialforschung und in der Kriminologie 1. Die sozialen Aspekte epistemischer Kooperation und die Sozialforschung Meine Behauptung aus dem vorigen Kapitel, dass die Einhaltung ortho- doxer epistemischer Normen für den Erfolg epistemischer Kooperations- beziehungen zwar notwendig, aber nicht hinreichend ist, wird für die Diskussion in diesem Kapitel präzisiert zur Hypothese, dass der soziale Aspekt des Vertrauens in epistemischen Kooperationsbeziehungen veritistisch relevant ist: das Bestehen von Vertrauen in einer epistemi- schen Kooperationsbeziehung, so die Hypothese, befördert unmittelbar den Transfer von Wissen in Zeugnissituationen. Vertrauen ist in diesem Sinn wahrheitsleitend. Ziel dieser Diskussion ist es, Vertrauen als jenen relationalen und sozialen Faktor zu bestimmen, der erstens wesentlich zur Zuverlässigkeit von Zeugnis beiträgt und der zweitens von den Koo- perationspartnern auch in dieser Funktion erkennbar ist. Vertrauen ist damit mindestens ein wichtiges Element der von Edward Craig (1990) gesuchten Eigenschaft X von Informanten. Allerdings geht es mir im Folgenden um ein Argument für eine relationale Eigenschaft X in epi- stemischen Kooperationsbeziehungen, welche die gesuchte Wirkung hat und erkennbar ist, und die entsprechend als epistemischer Berechtiger, beziehungsweise Rechtfertiger fungieren kann. Den Vertrauensbegriff werde ich erst im fünften Kapitel genauer be- stimmen und bis dahin lediglich ein intuitives Verständnis von Vertrauen voraussetzen. Dennoch kann der Hinweis vorausgeschickt werden, dass ich Vertrauen als grundlegend soziales Phänomen verstehe, das als sol- ches die Wechselseitigkeit von Wahrnehmungen und Dispositionen der in einer sozialen Situation aufeinander bezogenen Personen voraussetzt....

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.