Show Less
Restricted access

Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

Series:

Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
Show Summary Details
Restricted access

Das „Te Deum“: Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Reims 1962

Extract

Das „Te Deum“ von Reims 1962

Danksagung, Friedensjubel, Akklamation1

Andreas LINSENMANN

„Der Spiegel“ wusste es schon vorab ganz genau: Die Klänge eines „brausende[n] Tedeums“ würden die Kathedrale zu Reims erfüllen, „wo früher Frankreichs Könige gekrönt wurden und nun Europas katholisches Doppelhaupt Adenauer de Gaulle zum ersten Mal gemeinsam die heilige Messe hören will“2. So stieg das Hamburger Nachrichtenmagazin in seiner Ausgabe vom 4. Juli 1962 in einen Hintergrundbeitrag über den am 8. Juli 1962 bevorstehenden abschließenden Höhepunkt des einwöchigen ersten Staatsbesuchs eines westdeutschen Bundeskanzlers in Frankreich ein.

Das thematisierte Ereignis sollte in die einschlägigen Narrative als Meilenstein der Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen eingehen. Mit den beiden einträchtig in der Kathedrale stehenden Staatsmännern, deren Nähe die neu gewonnene Verbundenheit der lange verfeindeten Völker zu versinnbildlichen schien, prägte es sich in hohem Maße in das Kollektivgedächtnis ein und stellt ← 65 | 66 → seither einen erinnerungskulturellen Bezugspunkt dar3. Die publizistische Antizipation durch den „Spiegel“ lässt erkennen, dass die Inszenierung und das mit ihr verbundene politische Kalkül zeitgenössisch durchaus auch kritisch bewertet wurden. Eine antiklerikale Spitze ist kaum zu überhören, darüber hinaus wird der Beitrag geradezu ins Ironische überspitzt, wenn es zur Einordnung heißt, de Gaulle erwarte seinen Freund mit „ähnlich ehrenvollem Prunk und gleicher hoffnungsvoller Ungeduld wie einst Cäsar die Kleopatra: Ein längst geschlossener Bund soll...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.