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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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„Brücken der Freundschaft“ zwischen der DDR und Polen „Völkerfreundschaft“: eine „andere“ Geste der Versöhnung?

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„Brücken der Freundschaft“ zwischen der DDR und Polen

„Völkerfreundschaft“: eine „andere“ Geste der Versöhnung?

Ulrich PFEIL

„Über sieben Brücken musst du gehen“ ist der Titel eines 1978 im DDR-Fernsehen ausgestrahlten Films. Der Drehbuchautor Helmut Richter hatte eine polnische Fabel aufgenommen, in der geschildert wird, dass eine Mutter ihr krankes Kind über sieben Brücken tragen muss, damit es wieder gesund wird. In der DDR-Produktion verliebt sich die Kraftwerkslaborantin Gitta in Jerzy, der aus dem „Bruderstaat“ Polen in die DDR kommt, um hier Kühltürme zu bauen. Eingetrübt wird die junge Liebe aber schnell durch die wechselhafte Nachbarschaft zwischen Deutschland und Polen und hier besonders durch die verhängnisvollen Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges. Diese unglückliche Liebesgeschichte nimmt Themen wie Grenzen, Völkerfreundschaft sowie Freiheit auf und kann als Sinnbild für die komplexen Beziehungen zwischen Polen und der DDR verstanden werden1.

Der von der DDR-Band „Karat“ interpretierte Titelsong wurde schnell zu einem großen Musikerfolg, nicht nur zwischen Ostsee ← 157 | 158 → und Thüringer Wald, sondern auch in der Bundesrepublik, wo ihn Peter Maffay sang. Er traf den Zeitgeist der Ostdeutschen, die sich Ende der 1970er Jahre, kurz nach Ausbürgerung von Wolf Biermann, mit neuer Intensität die Frage stellten, warum für sie fast alle Brücken nach Westen abgebrochen waren. Das einfache Gehen von hier nach dort, die getrennten familiären und freundschaftlichen Verbindungen in die Bundesrepublik, Stacheldraht und Schießbefehl...

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