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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Auschwitz. Vom Ort der Vernichtung zum Ort der Versöhnung?

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Auschwitz

Vom Ort der Vernichtung zum Ort der Versöhnung?

Christiane WIENAND

1.  Auschwitz: Verbrechen – Aufarbeitung – Gedenken

Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Vernichtungslager Auschwitz befreite, fand sie nur noch ein paar Tausend Überlebende des dort begangenen Massenmords an über einer Million Menschen vor. Auschwitz war ein Lagerkomplex, der aus dem Stammlager, dem Lager Birkenau, dem Industriekomplex der IG-Farben Monowitz und mehreren Nebenlagern bestand. Zeitweise waren 155 000 Menschen gleichzeitig in den Lagern in Auschwitz in primitivsten Unterkünften und unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht1. Zu den Opfern und Überlebenden von Auschwitz gehörten sowjetische Kriegsgefangene, Roma und Sinti, Homosexuelle, politische Häftlinge (vielfach Mitglieder der polnischen Intelligenz, des polnischen Klerus und Militärs2, aber auch Widerstandskämpfer und Kommunisten aus verschiedenen ← 207 | 208 → Ländern Europas) und vor allem Juden aller europäischer Nationalitäten, die rund 90 % der in Auschwitz zu Tode Gekommenen ausmachen. In Auschwitz wurden Frauen, Männer, Säuglinge, Kinder, Jugendliche und alte Menschen gequält, misshandelt und ermordet. Zwischen 1,1 und 1,3 Millionen Menschen3 starben in Auschwitz an Hunger oder Krankheit, sie arbeiteten sich zu Tode4 oder wurden Opfer grausamer medizinischer Experimente5, sie wurden erschossen, erschlagen oder vergast. Die wenigen, die überlebten, litten und leiden teilweise ihr gesamtes Leben an dem was sie erlebt haben, an der Unmenschlichkeit, die sie ertragen mussten und deren Zeugen sie wurden6. Bis zur Mitte des Jahres 1942 stellten Polen, die als politische Häftlinge...

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