Show Less
Restricted access

Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

Series:

Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
Show Summary Details
Restricted access

Distomo. Versöhnung ad calendas graecas?

Extract

Distomo

Versöhnung ad calendas graecas?

Eberhard RONDHOLZ

Im August 1994 fand im internationalen Kulturzentrum in Delphi eine Tagung für den Frieden statt, zu der Bürger der benachbarten böotischen Kreisstadt Distomo und der Präfekt der Provinz Böotien, Joannis Stamoulis, eingeladen hatten. Distomo, das wussten damals in der Bundesrepublik nicht viele, ist einer von zahllosen Orten in Griechenland, die deutsche Besatzungstruppen zwischen 1941 und 1944 ganz oder teilweise zerstört, tausende ihrer Einwohner umgebracht hatten1. Distomo erlitt dieses Schicksal am 10. Juni 1944, an dem auch Einheiten der SS-Division „Das Reich“ die französische Ortschaft Oradour-sur-Glane dem Erdboden gleich gemacht hatten2. Vorwand für das Massaker waren jeweils Partisanenaktivitäten, mit denen die Ermordeten nichts zu tun hatten. Doch während das Verbre ← 261 | 262 → chen von Oradour (ebenso wie das von Lidice3) früh weltweit bekannt wurde und als Beispiel für die NS-Barbarei Aufnahme in deutsche Lexika fand4, suchte man das Lemma Distomo noch im Jahre 1994 sowohl im Großen Brockhaus als auch in Meyers Konversationslexikon vergeblich. Nicht einmal in dem „Griechenland-Brockhaus“ von 1983 war es zu finden5. Mit der Tagung von Delphi im Jahre 1994 kam Distomo erstmals nach dem Krieg auf die internationale Agenda.

1.  Das Massaker von Distomo

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.