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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Handlungsräume und Handlungsformate der Versöhnung. Eine Einführung

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Handlungsräume und Handlungsformate der Versöhnung

Eine Einführung

Birgit SCHWELLING

Am 20. November 2006 verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen auf ihrer 56. Plenarsitzung eine Resolution, die das Jahr 2009 zum Internationalen Jahr der Versöhnung erklärt1. Diese ohne Abstimmung angenommene Resolution kann als vorläufiger Höhepunkt der Aufmerksamkeit gedeutet werden, die der Begriff Versöhnung in den vergangenen Jahren insbesondere auf internationaler Ebene und im Kontext von Prozessen der „Transitional justice“ in zunehmendem Maße erfahren hat. Versöhnung ist, wie Jens Meierhenrich angemerkt hat, zu einem „buzzword in the literature on […] transitional justice“ geworden2, und, wie Jeremy Sarkin und Erin Daly nicht ohne ironischen Unterton festgestellt haben, zum „darling of the transitional justice movement“ avanciert3. Der Begriff werde, so die Autoren ← 541 | 542 → weiter, „so easily evoked, so commonly promoted“ und er sei „so immediately appealing“4. In seiner unmittelbaren Eingängigkeit und seinem Wohlklang dürfte einer der wesentlichen Gründe für seine Popularität zu finden sein. Denn der Begriff der Versöhnung ruft, wie Hans-Richard Reuter bemerkt hat, „Bilder wach, die die Wiedervereinigung des Getrennten, die Aufhebung von Entfremdung, die Lösung von Konflikten und die Entstehung neuer, intakter Gemeinschaft zum Inhalt haben“5.

Im diametralen Gegensatz zu dieser omnipräsenten Verwendung des Begriffs der Versöhnung, die vermutlich aufgrund seiner religiösen Konnotation nicht selten die Form einer Anrufung annimmt, stehen die seltenen Versuche seiner genauen Definition. Die UN-Resolution zum Internationalen...

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