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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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„Weiter leben“: Zur Erfahrungsgeschichte der Wiedergutmachung seit 1945

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„weiter leben“1

Zur Erfahrungsgeschichte der Wiedergutmachung seit 1945

Claudia MOISEL

Norbert Frei zum 60. Geburtstag

1.  „Publizistisches Abseits“2 – Spurensuche im autobiographischen Gedächtnis

Das Leben ihrer Mutter resümiert lakonisch die australisch-amerikanische Schriftstellerin Lily Brett, geboren als Lilijahne Breitstein 1946 in einem bayerischen DP-Lager in Feldafing, in ihrem autobiographischen Roman, der unter dem Titel „In Full View“ (dt. „Zu Sehen“) 1997 in Sydney erscheint:

„Meine Mutter, die siebzehn Jahre alt war, als sie ins Ghetto von Lodz3 getrieben wurde, und dreiundzwanzig, als sie aus Stutthof, dem Konzentrationslager, wohin man sie von Auschwitz aus gebracht hatte, befreit wurde, hatte Schwierigkeiten, ← 659 | 660 → zwischen gewöhnlich und außergewöhnlich zu unterscheiden. Sie hielt den Atem an, wenn das Telefon läutete. Sie versteifte sich, wenn es an der Tür klopfte. Wenn eins meiner Kinder erkältet war, benahm sich meine Mutter so, als ob es an Lungenentzündung erkrankt wäre. Meine Mutter verbrachte ihr Leben chronisch unglücklich. Sie überspielte dieses Unglück mit eleganten Kleidern und herrlich brauner Haut. Aber ihr Unglück war immer gegenwärtig. Manchmal wurde es von der Sonne oder den Enkelkindern kurzfristig gemildert, aber es blieb nie lange fort. Ich fühlte mich nie berechtigt, unglücklich zu sein. Mir war nie etwas so Schreckliches zugestoßen. Ganz sicher nichts, das auch nur mit einem Teil dessen vergleichbar wäre, was meine Mutter und mein Vater erlebt hatten. Als...

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