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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Friedensforschung in der Bundesrepublik Deutschland. Entwicklung und Debatten von den 1960er bis in die 1980er Jahre

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Friedensforschung in der Bundesrepublik Deutschland

Entwicklung und Debatten von den 1960er bis in die 1980er Jahre

Holger NEHRING

„Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt”1. Eine derjenigen Vorstellungen, die in der Bundesrepublik in das Vakuum des Verschweigens der Toten des Zweiten Weltkriegs eindrang, waren jene der Bundesrepublik als friedlicher Gesellschaft und der bundesdeutschen Regierung als Repräsentantin eines friedlichen Staates. Dennoch: an der Verwerfungslinie des Kalten Krieges in Europa gelegen, stritt die bundesdeutsche Gesellschaft um nichts so sehr wie um die Definition von „Frieden”. Sie sprach dabei zunächst nur indirekt und allenfalls privatim über den Krieg2. Dem ersten Anschein nach wurde die Wahrheit dieses von den 1950er bis in die 1980er Jahre entstehenden Friedens während des Kalten Krieges von der Friedensforschung wissenschaftlich verbürgt.

Die Entstehung und Entwicklung der bundesdeutschen Friedensforschung hat deshalb, und, wenn überhaupt nur indirekt ← 711 | 712 → und über viele Ecken, etwas mit dem „Zivilisationsbruch” Auschwitz (Dan Diner) oder mit internationaler Verständigung zu tun. Denn sie zeichnete sich vor allem und in ihrem Mainstream als kritische Wissenschaft der internationalen Beziehungen dadurch aus, dass sie Fragen der Gewalt zwischen Personen im Krieg und in einer Gesellschaft nicht direkt verhandelte und sie stattdessen strukturell abstrakt fasste. Trotz einiger früher und wichtiger Arbeiten zur Frage von Aggression, von gesellschaftlicher Ausgrenzung und Pluralismus sowie wichtigen Arbeiten aus dem Bereich der Friedensp...

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