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Traumsommer und Kriegsgewitter

Die politische Bedeutung des schönen Sommers 1914

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Matthias Bode

Im kollektiven Gedächtnis sind die Julikrise 1914 und das Augusterlebnis mit Sonne, Hitze und Ferienglück verbunden. Auf einen Traumsommer sei der Krieg wie ein Gewitter gefolgt. Basierend auf meteorologischen Daten, zeitgenössischen Quellen sowie retrospektiven Deutungen zeigt der Autor das Verhältnis zwischen Topos und Realität auf. Das Wettergeschehen während der Julikrise kann zwar mit dem „reinigenden Gewitter" durchaus in Einklang gebracht werden, aber erst das Sommerwetter im August hat die euphorische Herausstellung des „Augusterlebnisses" nachhaltig unterstützt. Die retrospektive Deutung von „Traumsommer" und „Kriegsgewitter" bildet so die Grundlage, argumentativ die schicksalsergebene Unschuld gegenüber einer Naturkatastrophe zu betonen. Der Autor untersucht, wie sich Strategien der Rechtfertigung und der Schuldzuweisung am Umgang mit dem Topos nachweisen lassen.

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1. Einleitung

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1.  Einleitung

„Da, wo sich der Familienkram überschneidet mit der Geschichte der Klasse, ist der Punkt, wo ein Lied versteckt ist, das vielleicht auch andere brauchen“, hat Wolf Biermann einmal geschrieben.1 Familienkram überschneidet sich mit Geschichte, wenn Berührungspunkte vorliegen, Vergleichsmöglichkeiten; wenn in der genaueren Betrachtung Gemeinsamkeiten entstehen: In einer Sammlung von Erinnerungen an das Elternhaus etwa schilderten 1984 eine Reihe bekannter und eher unbekannter älterer Menschen, wie sie sich an die Kindheit in ihrem Elternhaus erinnern – darunter sind einige, die den Beginn des Ersten Weltkriegs erwähnen. Der Historiker Alfred Heuß (*1909) etwa erinnert sich an die Kriegsbegeisterung, Wolf Graf Baudissin (*1907) schreibt von hektischer Betriebsamkeit und Euphorie, der Architekt Helmut Hentrich (*1905) erinnert sich ausführlicher: es sei „ein schöner Sommer“ gewesen, „glückliche Tage“, die großen Ferien begannen, „es sollte wieder einmal zur See gehen“. Dann brach, nach „unerträglicher Spannung“, der Krieg aus. Der letzte Satz seiner Reminiszenz lautet: „Eine Zeit, die nie wiederkehren sollte, war endgültig vorbei“. Seine Kindheit oder die Zeit vor dem Krieg?2

Bemerkenswerterweise erwähnen im gleichen Band Josef Kardinal Höffner (*1906) und Max Schmeling (*1905) den Kriegsbeginn nicht. Warum äußern sich der städtische Proletarier Schmeling und der katholische Bauernsohn Höffner nicht zu einem anscheinend so einprägsamen Ereignis, das die anderen so bereitwillig schildern? Liegt es daran, dass Heuß und Hentrich dem damaligen Bürgertum entstammten, Wolf Graf Baudissin dem preußischen Amtsadel? Hier...

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