Show Less
Restricted access

Erinnerung als Mobilisierungsressource im Vorfeld ethnisierter Gewaltkonflikte

Das Beispiel Nordossetien – Inguschetien, 1989–1992

Series:

Dana Jirouš

Die Autorin untersucht Erinnerungsprozesse im Vorfeld der Konflikteskalation im Prigorodnyj Rajon (Nordossetien). Geschichte und Erinnerung sind in den meisten Gesellschaften umkämpft: sie werden zu Konfliktgegenständen und sie dienen Konfliktakteuren als Argumente für ihre jeweiligen Positionen. Das Buch verbindet Konzepte der Erinnerungsforschung mit Ansätzen der Friedens- und Konfliktforschung. Eine Diskursanalyse von rund 600 Zeitungsartikeln verdeutlicht, wo und wie Vergangenheitsbezüge im Mobilisierungsprozess zum Tragen kamen. Narrative Interviews machen die Perspektive der im Konflikt mobilisierten Bevölkerung sichtbar. Dabei zeigt sich, dass familiale Erinnerung bei gleichzeitiger Verschränkung von Information und Emotion die Wahrnehmung öffentlich vermittelter Erinnerungen entscheidend beeinflusst.

Show Summary Details
Restricted access

6. Vergangenheitsbezüge in der Auseinandersetzung um den Prigorodnyj Rajon

Extract



Im nun folgenden Teil meiner Analyse geht es um die Frage, wer Vergangenheitsbezüge und spezifische Geschichtsdeutungen als Mobilisierungsressource im Vorfeld der Gewalteskalation des nordossetisch-inguschetischen Konflikts nutzte und wie dies geschah.

Die Nutzung von historischen Bezügen erfolgte vor dem Hintergrund der bestehenden Rahmenbedingungen: Die Vergangenheitsbezüge entstanden innerhalb der vorherrschenden gesamtsowjetischen Geschichtsdeutungen. Diese befanden sich jedoch in den 1980er und 1990er Jahren im Wandel. Historische Argumentationen im Konflikt wurden darüber hinaus in Relation und Reaktion zur historischen Legitimation der Position der jeweils anderen Konfliktpartei konstruiert. Wie ich zeigen werde, lagen die Unterschiede nur selten in einem kompletten Widerspruch im Sinne von anders lautenden Vergangenheitsdarstellungen. Meist forderten vielmehr anders ausgewählte und kombinierte Elemente der Vergangenheitsbezüge oder anders gelagerte Interpretationen die jeweils gegnerische Konfliktpartei zu Widerspruch und Gegendarstellungen heraus.

Die AdressatInnen der genutzten Geschichtsdarstellungen und historischen Argumentationsmuster waren dabei einerseits die VertreterInnen der Zentralmacht in Moskau. Zum anderen adressierten sie die eigene Ingroup, denn hier galt es Unterstützung zu mobilisieren und sich von politischen GegnerInnen (aus der Ingroup) abzugrenzen. Teilweise wurde mithilfe der Geschichtsdarstellungen auch die jeweils andere Konfliktpartei angesprochen. Insbesondere in Inguschetien gab es jedoch nur wenige Akteure, die auf Verhandlungen und Dialog mit Nordossetien setzten. Dementsprechend richteten sich auch Reden und Artikel nur gelegentlich an Angehörige der „gegnerischen“ Konfliktpartei.

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.