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Borderland Studies Meets Child Studies

A European Encounter

Series:

Edited By Machteld Venken

This book provides a comparative analysis of the history of borderland children during the 20th century. More than their parents, children were envisioned to play a crucial role in bringing about a peaceful Europe. The contributions show the complexity of nationalisation within various spheres of borderland children’s lives and display the dichotomy between nationalist policies and manifest non-national practices of borderland children. Despite the different imaginations of East and West that had influenced peace negotiators after both World Wars, moreover, borderland children in Western and Central Europe invented practices that contributed to the creation of a socially cohesive Europe.

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Deutsche Abstracts

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Grenzregionforschung trifft auf Kindheitsforschung. Eine europäische Begegnung

Deutsche Abstracts

Einleitung (Machteld Venken)

Wenngleich es im 20. Jahrhundert wesentliche Veränderungen im europäischen Grenzgefüge gab und europäische Staaten sich stärker für Kinder interessierten, fehlt es immer noch an Forschung über Kindheit in Grenzregionen. Dieses Werk bietet eine vergleichende Analyse der Geschichte von Kindern aus Grenzregionen. Es basiert auf den Forschungsergebnissen von Grenzgebietsforschern, die schildern, wie das Grenzland zentral für die Machtkämpfe zwischen den Staaten war, und auf Kindheitsforschern, die darlegen, wie genau sich Politik von Staaten in ihrer Politik gegenüber Kindern niederschlägt. Die Beiträge legen unterschiedliche neue Erkenntnisse und eine neue Hypothese offen.

Nicht die Eltern selbst, sondern ihre Kinder waren es, die eine entscheidende Rolle in der Verwirklichung des friedlichen Europas spielen sollten, das die Vertreter auf internationalen Friedenskonferenzen im Sinn hatten, als sie die Souveränitäten der Grenzregionen veränderten, in denen diese Kinder lebten. Jeder der einzelnen Beiträge zeigt, wie komplex die Nationalisierungsmaßnahmen in diversen, oftmals vorher unbekannten Bereichen des Lebens von Kindern aus Grenzregionen waren. Ebenso haben sie unsere Einsichten in die Dichotomie vertieft, die zwischen der nationalistischen Politik gegenüber Schulkindern in Grenzregionen während der Zwischenkriegszeit und den manifesten nicht-nationalen Praktiken dieser Kinder bestand, welche von Historikern zuvor erforscht wurden. Sie werfen ein Licht auf andere Aspekte der Lebenswelt von Zwischenkriegskindern und ebenso auf die nationalistische Erziehung in Grenzregionen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein Vergleich der Beiträge ermöglicht es, eine neue Hypothese zu wagen. Trotz der unterschiedlichen Vorstellungen von Ost und West, die die Entscheidungen der Friedensverhandelnden nach beiden Weltkriegen beeinflussten, haben Kinder aus Grenzregionen der östlichen und westlichen Hälfte des europäischen Kontinents auf erstaunlich ähnliche Weise kreative Praktiken erschaffen, die zur Entstehung eines sozial kohäsiveren Europas beigetragen haben. Dies scheint darauf hinzuweisen, dass jegliche Definition von Europäisierung die Spezifizität von unterschiedlichen historischen Akteuren nicht außer Acht lassen sollte und sich nicht nur auf den Diskurs beschränkt, den die Machthabenden zu einer bestimmten Zeit in der Vergangenheit führten. ← 185 | 186 →

Zwischen Frankreich und Deutschland, benachteiligte Kinder im Elsaß zwischen dem Anfang des 19. Jahrhunderts und den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts: Die Fürsorge für Waisenkinder in Straßburg (Catherine Maurer, Gabrielle Ripplinger)

Bezogen auf das Elsaß, einer Grenzregion par excellence, soll die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe gelenkt werden, die gelegentlich als marginal angesehen wird, die sich jedoch im Schnittpunkt mehrerer wesentlicher Fragestellungen der Geschichte der Kindheit befindet: dem Verhalten von Erwachsenen und von Familien gegenüber Kindern, den verschiedenen Ausprägungen der Bildungspolitik wie auch der öffentlichen Fürsorge gegenüber Kindern. Betrachtet wird eine besondere Gruppe benachteiligter Kindern, die zeitweise oder für immer ohne ihre Familien lebten: die Waisenkinder. Die Fürsorge gegenüber Waisenkindern in Straßburg zwischen dem Anfang des 19. Jahrhunderts und dem Ende der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts soll hier als Fallbeispiel dienen.

Drei Fragestellungen leiten die Überlegungen: Welche Rolle spielte die geografische Lage des Elsaß bei der Einführung gesetzlicher Regelungen zur Fürsorge vernachlässigter Kinder, vor allem Waisenkinder, in der Region und welche konkreten Auswirkungen hatte sie auf den alltäglichen Betrieb der Waisenhäuser, insbesondere des städtischen Waisenhauses? Welche Rolle spielten französische und deutsche Einflüsse bei der Konzeption, vor allem architektonisch, der städtischen Einrichtung und in ihrem Alltag? Und schließlich, hatten die Bewohner und das Personal des Waisenhauses angesichts der Grenzlage eine besondere Einstellung zur nationalen Frage? Mit diesem Ansatz der Mikro-Geschichte sollen weiterführende Perspektiven der Geschichtsschreibung, wie etwa die der Nationalismen und ihre Konfrontation im 20. Jahrhundert, unterfüttert werden.

Kindheit in der Memelregion (Ruth Leiserowitz)

Die Bezeichnung ‘Memelgebiet’ wurde 1919 auf der Friedenskonferenz von Versailles geprägt und bezog sich auf den nördlichen Streifen von Ostpreußen, der im Süden von der Memel begrenzt wurde und nordwärts bis zu dem Dorf Nimmersatt (Nemirsatė) an der Ostsee reichte. Der Artikel 99 des Friedensvertrags von Versailles besiegelte die Abtrennung des Memelgebietes vom Deutschen Reich. Nachdem Litauisches Militär am 15. Januar 1923 das Gebiet einnahm, kam es aufgrund von Verhandlungen der Entente Staaten mit Litauen zu der Memelkonvention vom 8. Mai 1924, wodurch dem Gebiet innerhalb der Republik Litauen Autonomie gewährt wurde. Zwischen 1920 und 1937 war Memel eine Region mit einem deutschen Kultur- und Wirtschaftsleben. Bis 1937 ließen die Autonomiebehörden keinerlei ← 186 | 187 → öffentlichen Antisemitismus zu. Am 22. März 1939 kam das Gebiet an Deutschland zurück, nachdem der litauische Außenminister Juozas Urbšys gezwungen worden war, ein Ultimatum zu unterzeichnen.

Die Mehrheit der Kinder in der Region erhielt eine gute Ausbildung. Dabei begegneten sich deutsche, litauische und jüdische Kinder einzig in der Schule. Die Kinder waren unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit sehr aktiv in ihrer Freizeit, vor allem im Sport und bei den Pfadfindern. Alle Kinder in der Region, Deutsche, Litauer und Juden wurden von den territorialen Konflikte und Krieg betroffen, wodurch ihre Kindheit unerwartet und abrupt beendet wurde. Dieser Text untersucht die Erinnerungen unterschiedlicher Kinder. Er versucht aufzuzeigen, dass die Mehrheit der Eltern, unabhängig von ihrem nationalen und politischen Hintergrund versuchte, ihren Kindern eine unpolitische und behütete Kindheit, zu sichern.

Jugendbewegungen im Elsass und die Frage der nationalen Identität, 1918–1970 (Julien Fuchs)

Dieses Kapitel untersucht die Jugendorganisationen des Elsass, einer Region am Scheideweg Europas, zwischen Frankreich und Deutschland. Genauer gesagt, wird es auf den Zeitraum zwischen 1918 (da die moisten dieser Organisationen nach dem Ersten Weltkrieg entstanden) und den frühen 1970er Jahren konzentrieren (als sie im Niedergang begriffen waren). Es werden insbesondere fünf Phasen der Entwicklung dieser Organisationen analysiert – Phasen, in denen junge Elsässer spezifische Formen der Einbeziehung erlebten: (i) von 1918 bis 1932, in einer Zeit der Wiederaneignung des Französisch Lebensstils; (ii) von 1932 bis 1939, mit dem Aufstieg des regionalen Separatismus; (iii) von 1940 bis 1945 it der Annexion der Region durch Deutschland; (iv) von 1945 bis 1958, mit dem Prozess des lokalen Wiederaufbaus in einer durch und durch ‘französischen’ Umwelt; und (v) von 1958 bis 1970, als die jungen Elsässer von tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen betroffen waren. Das Ziel ist es, zu zeigen, dass letztendlich Jugendorganisationen im Elsass zu einer Bejahung der Jugend, besonders im Hinblick auf die Dialektik Region/Land, beigetragen haben. Dies geschah auf eine Weise, die immer relativ spezifisch war. Jedoch führten die regionalen Besonderheiten nicht zum Entstehen von Partikularismen, sondern trugen vielmehr dazu bei, eine Geschichte zu situieren, in der einzelne patriotische, religiöse und politische Angelegenheiten tief ineinander verwoben waren. ← 187 | 188 →

Das Alltagsleben von Kindern im deutsch-polnischen Grenzraum in der frühen Nachkriegszeit (Beata Halicka)

Die 1918 infolge der Wiedererrichtung des polnischen Staates neu geschaffene polnisch-deutsche Grenze wurde 1945 etwa 200 Kilometer nach Westen verschoben. Als Ergebnis der erzwungenen Migrationen und des in vielen Fällen nahezu vollständigen Austauschs der Bevölkerung erlebte die Grenzregion eine signifikante soziale Transformation. Eine wichtige Quelle für meine Forschungen zum Alltagsleben der Einwohner dieser Grenzzone waren autobiographische Dokumente, insbesondere die Erinnerungen von Neusiedlern, hauptsächlich von Polen, die diese Region nach dem Krieg besiedelten. Dieser Artikel präsentiert die Ergebnisse der Arbeit, unter besonderer Berücksichtigung von Kindheitserinnerungen und dem Mechanismus der Konstruktion von Gedächtnis. Das Schicksal der in dieser Region nach dem Zweiten Weltkrieg lebenden Kinder wird sowohl aus ihrer eigenen Perspektive, als auch anhand von Zeugnissen von Erwachsenen, die ihr Familienleben, ihre Arbeit in Schulen oder Institutionen beschreiben, gezeigt. Die Kernfragen beinhalten Themen wie die schwierigen Lebensbedingungen in der frühen Nachkriegszeit, den Umgang mit traumatischen Kriegserfahrungen und die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, die Anfänge einer polnischen Erziehung, die durch einen nationalistischen bzw. patriotischen Geist geprägt war, sowie Diskriminierung und Ausgeschlossenheit der in Polen verbliebenen deutschen Kinder.

‘Wir bleiben was wir sind?’ Deutsche Identitäten in Nordschleswig in der Kindererziehung nach 1945 (Tobias Haimin Wung-Sung)

Wie viele andere ethnischen Deutschen in Europa, in den Jahren 1933 bis 1945, unterstützte auch die deutsche Minderheit in Dänemark das Nazi-Regime Deutschlands und seine territoriale Expansionspolitik. Allerdings anders als die meisten anderen deutschen Minderheiten in Europa entgingen die Deutschen in Dänemark einer nach dem Krieg forcierte Deportation oder Assimilation. Sie schafften es, in ihrer Heimatregion zu bleiben und die Minderheit baute sich in den kommenden 25 Jahren ein gemeinschaftliches Leben auf. Die Minderheit sah vor allem Bildung als einen immanenten Bestandteil zur Sicherung des eigenen Fortbestehens der Gruppe an. Jedoch hatte der Erfolg Schulen wieder aufzubauen auch Folgen für die Minderheit: Im Laufe der Zeit veränderten sich nicht nur die konstruierten Identitäten selbst, sondern auch die neuen Schulen sowie die Gesellschaft von der sie selbst ein Teil waren. Durch die Analyse des Prozesses der Rekonstruktion des Bildungswesens zwischen 1945 und 1970 verdeutlicht der Artikel genau jene Identitätstransformationen. Außerdem zeigt der Artikel, dass Kinder und Jugendliche der deutschgesinnten Minderheit im ← 188 | 189 → Nordschleswig der Nachkriegszeit Schulen besuchten, die schrittweise Feindseligkeiten zwischen Mehrheiten und Minderheiten sowie nationalen Separatismus mit transnationaler Inklusion ersetzten.

Generationenkonflikte, der Geist von ‘68 und kulturelle Emanzipation in der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Ein historischer Essay über die ‘73er Generation’ (Andreas Fickers)

Veränderungen lagen in der Luft – so könnte man die gesellschaftliche Stimmung Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre wohl am besten beschreiben. International trat der Generationenkonflikt zwischen der Nachkriegsgeneration, den so genannten ‘Baby-Boomern’, und jener Generation, die den Zweiten Weltkrieg als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt hatten, in Form von Studentenprotesten, Anti-Kriegsbewegungen und neuen Lebensentwürfen zutage. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass sich zu dieser Zeit auch in Ostbelgien der Protest regte. Oder doch? Wogegen lehnten sich die ‘jungen Wilden’ im deutschsprachigen Belgien auf? Vom Geist der ‘68er beseelt, so die These, schlugen vor allem junge Eifler neue Töne an, die die politische Landschaft – mehr denn die sozialen oder kulturellen Milieus Ostbelgiens – nachhaltig prägen sollte. ← 189 | 190 →