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Figur und Handlung im Märchen

Die «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm im Licht der daoistischen Philosophie 2., überarbeitete Ausgabe

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Liping Wang

Diese Studie geht von einem weit außerhalb der europäisch-germanistischen Forschung liegenden Punkt aus, nämlich der fernöstlichen Philosophie des Daoismus, und eröffnet durch eine symboltheoretisch-strukturalistische Bedeutungsanalyse einen interkulturell erweiterten Zugang zu ausgewählten Texten der «Kinder- und Hausmärchen». Aus dem Handeln von 16 signifikanten Märchenfiguren extrapoliert sie Verhaltensmodelle, die sowohl grundlegend für das Weltbild in Grimms Märchen sind als auch überraschende Ähnlichkeiten mit dem Daoismus aufweisen. Mit der Kardinalfrage der Märchen: «Was ist Glück und Unglück?» gelangt die Arbeit zu einer von traditionellen Märcheninterpretationen abweichenden, sie reflektierenden und ergänzenden Antwort, die mit «der Suche nach der verlorenen (R)Einheit» anfängt.

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5. Rückblick und Ausblick

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Die „gute Lehre“ des Aschenputtel-Märchens könnte auch eine andere sein: „Wer immer gut und fromm bleibt, auch wenn andere ihm Böses antun, erhält Hilfe und wird zuletzt reich belohnt.“1104 Daran zweifelt jedoch Solms:

„Ist diese Aussage zutreffend? Sind Güte und Frömmigkeit auch in Wirklichkeit eine Garantie für das Glück? Die Alltagserfahrung belegt in der Regel das Gegenteil. Menschen, die arm sind und sich bemühen, gut und fromm zu sein, bleiben häufig trotzdem oder eben deshalb ihr Leben lang arm. Die ,gute Lehre‘ des Märchens ist also keine objektive Erkenntnis und eignet sich auch kaum als Handlungsanleitung.“1105

Überhaupt findet kaum eine der „guten Lehren“ der Kinder- und Hausmärchen eine Anwendung als Handlungsanleitung, auf die die Märchen auch nicht zielen. Sonst – wie die Brüder Grimm in der Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen 1819 warnen – wäre man „in der Täuschung […], daß was in einem gedruckten Buche ausführbar, es auch im wirklichen Leben sei.“1106 Die Schilderungen verschiedener Lebenssituationen und die Darstellungen differenzierter Verhaltensweisen sind schließlich metaphorische Bilder, die nicht immer wörtlich rezipiert werden können. Den gleichen Handlungen folgt nicht unbedingt das Gleiche; gegensätzliche Verhaltensweisen können auch das gleiche Ergebnis hervorrufen: tierlieb ist der Dummling in Die Bienenkönigin (KHM 62) und er wird reich belohnt; die Prinzessin im Froschkönig will ein Tier töten, sie wird auch reich belohnt. Durch...

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