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Vorkoloniale Afrika-Penetrationen

Diskursive Vorstöße ins «Herz des großen Continents» in der deutschen Reiseliteratur (ca. 1850–1890)

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Florian Krobb

Die Studie untersucht, wie Reiseberichte und verwandte Publikationen diskursiv einen Sog nach Afrika erzeugten. Zentrale Verfahren sind die Inszenierung der eigenen Pionierleistung, der Rivalität mit Konkurrenten um Zugriff auf Afrika und der gegenseitigen Überbietung und Vermächtniserfüllung. Weiterhin werden thematische Bereiche – wie Sklaverei oder Despotismus in afrikanischen Gesellschaften und die Geschichtlichkeit Afrikas – behandelt, welche Begründungen bereitstellten, die das deutsche Eingreifen in afrikanische Belange nicht nur rechtfertigten, sondern angeblich erforderten. Solche Mechanismen der zunächst diskursiven Bemächtigung des Kontinents erklären, warum sich in der Beschleunigungs- und Intensivierungsphase deutscher Beschäftigung mit Afrika in den Jahrzehnten nach 1850 ein Einstellungswandel in der deutschen Öffentlichkeit vollzog, der die Inbesitznahme weiter afrikanischer Landstriche durch das Deutsche Reich 1884/85 ermöglichen half.

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Kapitel XI Die „Langeweile der Jahrhunderte“ Afrikas (Un-) Geschichtlichkeit

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XIDie „Langeweile der Jahrhunderte“Afrikas (Un-) Geschichtlichkeit

Die lateinische Redensart „semper aliquid novi ex Africa“, Plinius zugeschrieben (der es auch schon als stehende Redewendung zitiert, deren Urheber vielleicht Aristoteles gewesen sein mag), besagt, dass von und aus Afrika immer eine Überraschung zu erwarten ist. Zu Plinius’ Zeiten, also im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, mag das Diktum mit dem Ressourcenreichtum bestimmter afrikanischer Küstenlandstriche im Aufmerksamkeitsradius der Römer assoziiert gewesen sein, mit der Fruchtbarkeit dieser Kornkammer des römischen Reiches, mit dem Menschenreichtum, der ein Reservoir für die Legionen der Imperatoren, für die Arenen und Haushalte der Römer bereitstellte. Das Diktum mag sich auch darauf beziehen, dass in der Geschichte Roms einige Gefährdungen von Afrika ihren Ausgang nahmen: vom Karthago des Hannibal, vom Ägypten der Ptolemäer – Herausforderungen, die Rom meisterte, indem es die Konflikte absorbierte, gleichsam als interne Auseinandersetzungen bewältigte, aus denen es an Selbstbewusstsein gestärkt hervorging und die es (durch Erinnerungmechanismen wie den zitierten Ausspruch) in ein Überlegenheits- und Unbesiegbarkeits-Narrativ einfügte. Afrika beeinflusst die europäische Geschichte, Afrika strahlt auf sie aus, verändert sie und das sie tragende Selbstverständnis aber nicht grundlegend.

Umgekehrt, deshalb zitieren Autoren des neunzehnten Jahrhunderts dieses Diktum gerne,1 kann es darauf angewendet werden, dass europäische Reisende immer wieder Neuigkeiten, Kurioses und Wissenswertes aus Afrika berichten oder mitbringen. Die europäische Erstbetretung eines Gebietes zeitigte bis in die 1850er–1880er Jahre hinein regelmäßig die ‚Entdeckung‘←383 | 384→ von etwas...

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