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Politische Repräsentation und vorgestellte Gemeinschaft

Demokratisierung und Nationsbildung in Luxemburg (1789–1940)

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Michel Dormal

Anhand zahlreicher Quellen schildert der Autor die Wechselwirkung zwischen Demokratisierung und Nationsbildung in Luxemburg im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sein Befund: Die Nation entstand nicht aus einer ursprünglichen Einheit, sondern aus dem politischen Konflikt heraus. Der lange Kampf um die politische Repräsentation schuf eine neue Vorstellung von Gemeinschaft. Worin die Identität dieser Gemeinschaft besteht, bleibt in der Demokratie aber immer umstritten. Knapp hundert Jahre nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts und der Volkssouveränität bietet das Buch damit zugleich die erste umfassende Geschichte der «demokratischen Revolution» in Luxemburg.

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1. Einleitung

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1.1 Thema und Fragestellung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts attestierte Max Weber (2002, 529) in einem Fragment aus Wirtschaft und Gesellschaft den Luxemburgern eine „völlige Indifferenz gegenüber der Idee der Nation“. Das mag damals nicht mehr ganz gestimmt haben. Doch in der Tat gibt es für das gesamte Mittelalter kein Zeugnis, in dem die Einwohner auf dem Gebiet des späteren Großherzogtums sich selbst als Luxemburger oder Angehörige einer Luxemburger Nation bezeichnen würden (Pauly 2011, 52). Die neuere historische Forschung hat sich in den letzten Jahren erfolgreich um den Nachweis bemüht, dass die luxemburgische Nation als kollektive Vorstellung eine Erfindung – der Begriff ‚Erfindung‘ ist hier aber nicht (ab)wertend gemeint – recht jungen Datums und mithin Ergebnis eines erst im späten 19. Jahrhundert einsetzenden Prozesses der Nationalisierung der Gesellschaft ist (Kmec u. a. 2008, Péporté u. a. 2010). Damit wurde die im 20. Jahrhundert in der Geschichtsschreibung lange dominierende Ursprungserzählung, die eine nationale Kontinuität von der sagenumwobenen ‚Gründung‘ Luxemburgs im Jahre 963 bis zur Gegenwart unterstellte und dabei ganze Jahrhunderte zu Epochen der ‚Fremdherrschaft‘ erklärte, einer fälligen Revision unterworfen. Welche Faktoren prägten diesen Prozess der ‚Erfindung‘ der Nation in Luxemburg? Die jüngere Forschungsliteratur hat sich dieser Frage vor allem aus kulturwissenschaftlicher Perspektive gewidmet, indem sie gezeigt hat, wie durch Schulbücher, Literatur oder Architektur bestimmte Vorstellungen über Territorium, Sprache und Geschichte gefestigt wurden.

Die kulturelle Entwicklung kann aber nicht...

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