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Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

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Edited By Birte Arendt, Andreas Bieberstedt and Klaas-Hinrich Ehlers

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

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Hochdeutsch auf Rügen – Eine Untersuchung zum Regiolekt in Bergen auf Rügen (Lars Vorberger)

Lars Vorberger

Hochdeutsch auf Rügen – Eine Untersuchung zum Regiolekt in Bergen auf Rügen

Abstract: This paper presents a synchronous study of the linguistic behavior of three speakers from different generations from the town Bergen on Rügen. Different records of the competence and the usage of High German are analyzed. It can be shown that High German-based talk on Rügen is presumably more regionally marked than in other regions of northern Germany. Furthermore, two different linguistic styles are identified due to the quantity and quality of regional features. Moreover two different patterns of linguistic behavior can be presented that could be attributed to the linguistic primary socialization.

1 Hinführung

Die Insel Rügen nimmt innerhalb des mecklenburgisch-vorpommerschen Dialektverbandes, für den gemeinhin eine große Einheitlichkeit angenommen wird,1 eine sprachliche Sonderstellung ein.2 Diese äußert sich in vielerlei Hinsicht und war wie das Niederdeutsche der Insel insgesamt bisher Gegenstand zahlreicher Untersuchungen.3 Hansen stellt für das letzte Jahrhundert einen Wandel des Gebrauchs im Niederdeutschen fest, mit der Folge, dass die niederdeutschen Basisdialekte für den kommunikativen Alltag der Inselbewohner – mit Ausnahmen – an Bedeutung verlieren.4 Hochdeutsch basierte Sprechlagen5 gewinnen demgegenüber an Bedeutung. Über dieses standardnähere, dennoch regional geprägte Sprechen liegen wenige Erkenntnisse vor.6 Bisherige Studien zum hochdeutsch basierten Teil des regionalsprachlichen Spektrums im niederdeutschen←145 | 146→ Raum konnten einen recht standardnahen Regiolekt aufzeigen.7 Es ist zu fragen, ob diese Ergebnisse vor dem spezifischen sprachlichen (sowie geografischen) Hintergrund auch für Rügen gelten. Der vorliegende Beitrag wird dieser Frage nachgehen und den Regiolekt8 für einen Untersuchungsort auf Rügen erhellen. Zu diesem Zweck werden für verschiedene Situationen (intendierte Standardsprache und freies Sprechen verschiedenen Formalitätsgrades) die phonetisch-phonologischen Merkmale samt deren Variation analysiert.

Hierfür wird im nächsten Abschnitt ein kurzer Abriss der bisherigen Erkenntnisse zum Regiolekt in Norddeutschland präsentiert. Darauf folgt die Vorstellung der verwendeten Daten und der angewendeten Methoden. In Abschnitt 4 werden die Ergebnisse der Analyse besprochen, systematisiert und ein Bezug zu bisherigen Studien hergestellt, um abschließend ein Resümee zu fassen.

2 Regiolekt in Norddeutschland

Zum Regiolekt in Norddeutschland, d. h. dem niederdeutschen Sprachraum, liegen recht wenige Beschreibungen der auftretenden Merkmale – teilweise im Sinne niederdeutsch bedingter Standarddifferenzen – vor.9 König unternimmt eine umfassende Untersuchung der Vorleseaussprache und der dort auftretenden Regionalismen.10 Sein Untersuchungsraum ist die ehemalige BRD, sodass zwar Erkenntnisse für den westlichen Teil Norddeutschlands vorliegen, nicht jedoch für den hier untersuchten Raum.11 Für den mecklenburgisch-vorpommerschen Raum im Speziellen liegen folgende Erkenntnisse vor:←146 | 147→

Dahl unterscheidet in ihrer Beschreibung der Sprachvariation im Norden der ehemaligen DDR fünf verschiedene Sprachschichten: (1) hochsprachliches Hochdeutsch, (2) hochsprachenahes (umgangssprachliches) Hochdeutsch, (3) Hochdeutsch mit niederdeutscher Beimischung (mundartnahe Umgangssprache), (4) Niederdeutsch mit hochdeutscher (vor allem umgangssprachlicher) Beimischung und (5) niederdeutsche Mundart.12 Den bisherigen Erkenntnissen zufolge können daher die Sprachschichten 2 und 3 dem Regiolekt zugeordnet werden. Somit lassen sich hier erste Hinweise auf eine Variation und somit gegebenenfalls auch auf die Struktur innerhalb des Regiolekts für den mecklenburgisch-vorpommerschen Raum finden. Dahl zählt dann auch die sprachlichen Merkmale auf, die sowohl im hochsprachenahen Hochdeutsch als auch im Hochdeutsch mit niederdeutscher Beimischung vorkommen sowie jene, die nur in Sprachschicht 3 auftreten.

Lauf beschreibt ausgehend von der Datenbank regionaler Umgangssprachen die Merkmale der einzelnen Regiolekte.13 Neben gemeinsamen Varianten der norddeutschen regionalen Umgangssprachen – wie beispielsweise der Zusammenfall von /eː/ und /ɛː/ zu /eː/ oder der auslautenden Spirantisierung von /g/ – charakterisiert sie die Besonderheiten der Regiolekte der einzelnen dialektalen Großräume des Niederdeutschen. Dem Regiolekt des Mecklenburgisch-Vorpommerschen attestiert sie „so viele Gemeinsamkeiten mit der nordniedersächsischen Umgangssprache“14, dass sie auf deren Auflistung verweist. Unterschiede könnten jedoch←147 | 148→ in der Frequenz bestehen; qualitativ unterscheidet sich die mecklenburgisch-vorpommersche Umgangssprache von der nordniedersächsischen durch velares /l/, den Ersatz des palatalen stl. Frikativs durch den velaren und die Lenisierung inlautender, stl. Frikative.15 Bei Lauf findet sich somit eine detaillierte empirische Beschreibung der Merkmale des mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekts.

Die Charakteristika des mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekts sind demnach – neben den bereits genannten – die Spirantisierung von inlautend /b/, Vokalkürze in verschiedenen Kontexten, Zentralisierungs- und Rundungstendenzen von /ɪ/, Zusammenfall von /ɪ, ʏ, ʊ/ und /e, ø, o/, Diphthongierung von /eː, øː, oː/, Vorverlagerung/Hebung von // sowie Verdumpfung von //, Elision von /t, d/ in diversen Kontexten, Vorverlagerung und Hebung von Tiefschwa, Realisierung von Affrikaten als Frikative, Ausfall von /r/ ohne Ersatzdehnung, oraler Verschluss von <-ng>, Hebung von /ɛː/, verschiedene Assimilationserscheinungen, Nasalität (v. a. //, Systematik unsicher), /l/-Vokalisierung und unverschobene Formen in bestimmten Lexemen (dat, ik usw.).16

Kehrein bezieht in seiner Studie zur Vertikale in den deutschen Regionalsprachen auch den ostniederdeutschen Sprachraum ein.17 Am Untersuchungsort Stralsund analysiert er das variationslinguistische Spektrum. Für den hochdeutsch basierten Teil des Spektrums kommt er zu folgendem Ergebnis: Sämtliche Aufnahmen außer die Dialektkompetenzerhebungen aller Sprecher und das Freundesgespräch des alten Sprechers18 ordnet er dem Regiolekt Stralsunds zu. Diesen beschreibt er als „relativ standardnah“19, was den phonetischen Abstandswerten←148 | 149→ von 0,4 bis 0,8 zu entnehmen ist.20 Der Regiolekt zeichnet sich insgesamt durch eine „sehr geringe individuelle Variationsbreite“21 aus, sodass Kehrein keine Differenzierung in Sprechlagen im Sinne von Verdichtungsbereichen variativer Sprachverwendung möglich erscheint. Für den Regiolekt im norddeutschen Raum hält er fest, dass dieser zwar zahlreiche regionale Abweichungen von der Standardsprache aufweist, diese jedoch meist tendenziell sind. Als remanente Merkmale, das heißt Merkmale, die in den standardintendierten Sprechlagen erhalten bleiben und somit nicht kontrolliert werden können, beschreibt er folgende: Diphthongierung von /eː, øː, oː/, Rundung von /ɪ/, Hebung von /ɛː/, auslautende /g/-Spirantisierung, Lenisierung von inlautend /t/, oraler Verschluss von <-ng>, Realisierung von anlautend germ. p als [f], Ausfall von /d/ in /nd/ und /t/ in /st/ im In- und Auslaut, Erhalt von unverschobenen Tenues (nur in Kennwörtern ich, das, was), vereinzelt /b/-Spirantisierung, Schwächung von /e/ in nebenbetonten Stammsilben und Vorverlagerung/Hebung von Tiefschwa.22

3 Daten und Methoden

Die Daten der vorliegenden Untersuchung sind dem Forschungsprojekt Regionalsprache.de (REDE) entnommen. Dieses wird durchgeführt am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Philipps-Universität Marburg und ist gefördert durch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Projektbeginn war 2008 und die Laufzeit beträgt insgesamt 19 Jahre. Eines der großen Teilziele des Projekts ist die Ersterhebung und Analyse der linguistischen Struktur der modernen Regionalsprachen des Deutschen. Dazu wurden in 150 Orten der Bundesrepublik Deutschland Aufnahmen mit Sprechern aus drei Generationen in fünf bis sechs Erhebungssituationen durchgeführt.23

Einer der 150 Erhebungsorte des REDE-Projekts ist Bergen auf Rügen. Die ehemalige Kreisstadt hat ca. 13.500 Einwohner und ist heute eines der Mittelzentren im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Für die Insel Rügen nimmt sie die Funktion eines Geschäfts-, Verwaltungs- und Verkehrszentrums ein (vgl. Bergen-I). Für die vorliegende Untersuchung wurden von den fünf erhobenen←149 | 150→ Sprechern drei ausgewählt – jeweils einer pro Generation. Die Informanten der älteren Generation sind über 65-jährige, männliche Sprecher, die (meist) einer handwerklichen oder landwirtschaftlichen Tätigkeit nachgegangen sind. Mit der mittleren Generation werden 45- bis 55-jährige Polizisten aufgezeichnet und schließlich in der jüngsten Generation 18- bis 23-jährige Abiturienten aus dem jeweiligen Ort.24 Der Sprecher RUEGALT225 war zum Zeitpunkt der Aufnahme 71 Jahre alt und hat zunächst als Hochseefischer und dann in der Fischereiaufsicht gearbeitet. Er hat sein ganzes Leben in Bergen auf Rügen verbracht, wohnt jedoch seit sieben Jahren in Saßnitz. RUEG1 war 49 Jahre alt, als die Aufnahmen gemacht wurden. Er hat vor seiner Tätigkeit als Polizist eine mechanische Ausbildung absolviert. Auch er ist als ortsfest zu klassifizieren. RUEGJUNG1 war 20 Jahre alt zum Aufnahmezeitpunkt. Er absolvierte zu dieser Zeit eine Lehre als Bankkaufmann.

Mit allen Sprechern wurden im Zeitraum von 2012–2013 Aufnahmen in verschiedenen Erhebungssituationen durchgeführt. Ausgewertet wurden die Freundesgespräche, die Interviews, die Abfrage der Standardsprache und die Vorleseaussprache der drei Sprecher.26 Beim Freundesgespräch handelt es sich um ein freies, halbstündiges Gespräch in informeller Atmosphäre. Die Informanten werden gebeten, sich mit einem ihnen vertrauten Gesprächspartner ohne Beisein Dritter zu unterhalten. Dabei werden sie mit kleinen Funkmikrofonen aufgezeichnet. Das Interview stellt eine formellere Situation dar. Hier führt eine Mitarbeiterin/ein Mitarbeiter des Projekts in gehobener Kleidung ein sprachbiografisches Interview mit dem Informanten. Bei der Abfrage der Standardsprache handelt es sich um die Übertragung der Wenkersätze von einer dialektalen Vorlage, die dem Ortsdialekt möglichst genau entspricht, in das individuell beste Hochdeutsch der Informanten (d. h. intendierter Standard), weswegen sie auch Standardübersetzung genannt wird. Die Vorleseaussprache – auch im Sinne einer Standardkompetenzerhebung – wird während des Vorlesens des Textes „Nordwind und Sonne“ aufgezeichnet. Bei den Situationen Freundesgespräch und Interview handelt es sich somit um Performanzsituationen (d. h. freie Gespräche). Durch den zunehmenden←150 | 151→ Formalitätsgrad vom Freundesgespräch zum Interview wird versucht, eine zunehmende Orientierung an der Standardsprache zu evozieren. Bei der Abfrage der Standardsprache und der Vorleseaussprache wird wie gesagt versucht, die Standardkompetenz der Informanten in zwei verschiedenen Situationen zu erheben.27

Zur Auswertung wurde eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden gewählt. Zunächst wurde der Dialektalitätswert im Sinne des phonetischen Abstands zur Standardsprache der Sprachproben bestimmt, in einem zweiten Schritt wurden danach die standarddifferenten Varianten der einzelnen Proben ermittelt.

Die Messung des Dialektalitätswerts ist ein Verfahren zur Quantifizierung des phonetischen Abstands einer standarddifferenten sprachlichen Äußerung zu einem standardsprachlichen Bezugssystem.28 Dies bedeutet, dass die tatsächlich realisierte Äußerung, die phonetisch transkribiert wurde, segmentweise mit der normierten Standardlautung verglichen wird und die Abweichungen von dieser Norm – im Sinne eines Abstands – nach einem festen Punktesystem bewertet werden. Der sich daraus ergebende Rohwert wird zuletzt durch die Anzahl der gemessenen Wörter dividiert. Ein Wert von beispielsweise 1,0 bedeutet somit, dass in der gesamten Sprachprobe durchschnittlich in jedem Wort ein regionales Merkmal vorhanden ist.29 Die Messungen für den vorliegenden Beitrag wurden mithilfe des halbautomatischen Messprogramms PAM30 durchgeführt, jedoch im Anschluss nochmals manuell korrigiert.

Um die den Dialektalitätswert bedingenden Merkmale zu ermitteln, wurden die standarddifferenten, regionalen Merkmale in den jeweiligen Aufnahmen (exhaustiv) erfasst. Eine herkömmliche Variablenanalyse31 mit Bestimmung der Frequenzen wurde nicht gewählt, da ohne Vorannahmen alle auftretenden Merkmale des Regiolekts beschrieben werden sollten. Auch nach der Bestimmung der Varianten erschien eine Variablenanalyse nicht sinnvoll, da für die meisten der←151 | 152→ auftretenden Phänomene keine ausreichende Anzahl der Beleg für die möglichen Variablen zu finden war.32 Deshalb werden für die jeweiligen Sprachproben der Sprecher die auftretenden Regionalismen qualitativ bestimmt und systematisiert dargestellt. Mögliche Auffälligkeiten in der Frequenz, wie z. B. einmaliges Vorkommen, werden jedoch berücksichtigt und gegebenenfalls kommentiert.

4 Analyse

In Abbildung 1 sind die ermittelten durchschnittlichen phonetischen Abstandswerte für die jeweilige Sprachaufnahme der drei Sprecher zu sehen.33

Abbildung 1: Phonetische Abstandswerte der drei Sprecher aus Bergen

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←152 | 153→

Das Freundesgespräch von RUEGALT2 fehlt in Abbildung 1 und in der Analyse, da es sich um ein niederdeutsches Gespräch handelt. Die Analyse hat ergeben, dass es dem Dialekt und nicht dem Regiolekt zugeordnet werden kann. Alle anderen Aufnahmen können dem Regiolekt zugeordnet werden (vgl. auch Merkmalsbeschreibung weiter unten). Bei der Betrachtung der Abstandswerte fällt zunächst auf, dass alle Sprachproben – und somit auch der Regiolekt – mit Werten zwischen 0,7 und 1,4 als nicht sehr standardnah zu charakterisieren sind. Auch die Variationsbreite innerhalb des Regiolekts (Umfang von 0,7) ist zwar nicht sehr ausgeprägt, doch auch nicht derart gering, wie für den norddeutschen Raum angenommen. Außerdem lässt sich festhalten, dass die jeweiligen Abstandswerte von RUEG1 und RUEGJUNG1 sehr ähnlich sind, beide also ein ähnliches Variationsmuster zeigen, wohingegen Unterschiede zu den Werten und dem Sprachverhalten von RUEGALT2 bestehen.

Bevor die Gesamtergebnisse für den Regiolekt und die Sprecher weiter analysiert werden, folgt eine Charakterisierung der einzelnen Aufnahmen.

4.1 RUEGALT2

Einer der hauptsächlichen Unterschiede zwischen den Sprachproben von RUEGALT2 und den beiden anderen Sprechern besteht in der durchgehenden Verwendung apikaler /r/-Varianten in allen Erhebungssituationen von RUEGALT2. Dies ist auch ein Grund, weshalb seine Dialektalitätswerte insgesamt höher sind als die der anderen Sprecher.

In seiner Vorleseaussprache treten folgende Merkmale auf: Rundungstendenzen [ɪ] (bzw. Zentralisierungstendenzen) wie in mit [mɪ̽d], (tendenzielle) Lenisierung wie in stritten [ʃtɾe̠dⁿn̩], Hebungstendenzen von [eː, oː], z. B. in wenigen [vɪːnɪŋ̩], Verdumpfung von [], v. a. bei [a̠͡o] wie in auf [ɔ͡ʊ̞f], Vorverlagerung von [], v. a. bei [a̠͡e], Beispiel seinen [z̞æ͡ɛn], Tiefschwavorverlagerung und Elision von [d, t] nach [n] wie in Wanderer [vnərɛː] und Spirantisierung von [b] bspw. in aber [ɒʋɛ]. Die Realisierung von [t͡s] als Frikativ sowie die Elision von auslautend [t] tritt jeweils nur einmal auf.

In der Übertragung der Wenkersätze in den Standard treten zu diesen Merkmalen Spirantisierung von [b, k, ɡ], beispielsweise in genug [ɡ̊ɘnʊ̞ʁ] und über [ʏʋɛ̝], Realisierung der Affrikaten [t͡s, p͡f] als Frikative wie in Pferd [feɜd] und zu [zʊ̽], vermehrte Elision von [t] (wortfinal), Beispiel anfängt [nfeŋ], l-Vokalisierungstendenzen wie in gefallen [ɡɘfɞ̜l̞̆n̩], vereinzelt die Elision von auslautenden Frikativen wie in noch [nɔ̟̃] und einmal eine Diphthongierungstendenz von [oː] in Brot [bro͡ɵd̥].←153 | 154→

Im Interview lassen sich folgende Varianten zusätzlich beschreiben: wortmediale Elision von [t] wie in Schwester [ʃʋɛ̠z̊ɛ̽], Realisierung der Affrikate [t͡ʃ] als Frikativ und Monophthongierungstendenzen in Plattdeutsch [pˡlæ̹dœˑʃ], l-Elision bspw. in weil [ʋɔ̟͡œ̽], vermehrte Elision von auslautenden Frikativen, Beispiel nicht [nɪ̞̃], Assimilationen wie werden [vɛ̝ːn] und unverschobene Formen für ich [e̠ɡ̊̆] und das [ɾ̞əd̥].

4.2 RUEG1

In der Vorleseaussprache des Sprechers kommen als regionale Varianten vor: Rundungstendenzen [ɪ] (bzw. Zentralisierungstendenzen) wie in Nordwind [no̟ɞd̥vɪ̽nd̥], (tendenzielle) Lenisierung, Beispiel gelten [ɡ̊ɛl̞d̥ⁿn̩], Hebungstendenzen von [eː, oː], beispielsweise in wohl [vʊːl̞], Verdumpfung von [a̠], v. a. bei [a̠͡o] wie in auf [ɔ̝͡of], Vorverlagerung von [a̠], v. a. bei [a̠͡e], Beispiel ein [æ͡ɛ̽n], Tiefschwavorverlagerung, Beispiel fester [fɛ̠stɛ], und Elision von [d, t] nach [n] wie in Wanderer [va̠nəʁɛ̠] sowie die durch die Vorleseaussprache bedingte Form einig [a̰͡ɪ̞nɪːkʰ].

Bei seiner Standardübertragung der Wenkersätze lassen sich zusätzlich zu den beschriebenen Merkmalen folgende beobachten: vereinzelt Spirantisierungen wie in genug [ɡ̊ɘ̹nʊ̞ɣ], Realisierung der Affrikate [p͡f] als Frikativ (Beispiel Pfeffer [fɛ̹v̊ɛ̽]) sowie selten Elision von [t] (wortfinal) beispielsweise in darfst [d̥ɐːfs].

Im Interview können ferner folgende Varianten bestimmt werden: Elision von [t, d] auch nach [l], Beispiel geschuldet [ɡəʃʊlɪ̽d̥], vermehrt Spirantisierung (nun von) [b, k, ɡ] wie in aber [ɑʋœ̠] und sage [z̊ɐʁ], Realisierung der Affrikate [t͡s] als Frikativ wie in Aktion [ɜ̹kz̊ʊ̽ːn], vermehrt wortfinale und nun auch wortmediale Elision von [t], beispielsweise in Ostpreußen [ɔspʰʁ̊o̞͡ɪ̞z̊n̩] und gibt [ɡib̥], Hebung von [ɛː], Beispiel schräg [ʃʁ̊e̝ːç], Monophthongierungstendenzen bzw. Flachdiphthonge, bspw. in drauf [d̥ʁ̊ɔ̝͡o̟f̬], und vereinzelt unverschobene Formen für das [ɾɛd̥].

Darüber hinaus treten im Freundesgespräch auf: vermehrt unverschobene Formen nun für das, dass, es, Beispiel dass [ɾɜ̹d̥] und es [ɞt], Elision von auslautenden Frikativen wie in noch [nõ̟], Assimilationen wie an der [ɐnə], Hebung und Vorverlagerung bei dann [d̥ɛ̠n] und vereinzelt apikale /r/-Varianten, bspw. in Richtung [rɪçd̥ʊ̽ŋ].

4.3 RUEGJUNG1

Während des Vorlesens von „Nordwind und Sonne“ treten bei RUEGJUNG1 folgende Regionalismen auf: Rundungstendenzen [ɪ] (bzw. Zentralisierungstendenzen) wie in stritten [ʃd̥ʁɪ̽d̥ⁿn̩], (tendenzielle) Lenisierung und Verdumpfung von←154 | 155→ [a̠], v. a. bei [a̠͡o], beispielsweise in Augenblicken [ɐ̠͡oɡŋ̩b̥ˡlɪ̽ɡⁿŋ̩], Hebungstendenzen von [eː, oː] wie in Weges [vɪːɡɘs], Vorverlagerung von [a̠], v. a. bei [a̠͡e] wie in einst [æ͡ɛnst], Tiefschwavorverlagerung, Beispiel aller [alɐ̟], Elision von [d, t] nach [n] wie in Wanderer [væ̠nɜʁ̊ɘ] sowie zwei Mal eine Monophthongierung bei seinen [zɛnə̆m], die jedoch auch – gerade da es sich um einen Kurzvokal handelt – durch erhöhtes Sprechtempo (während der gesamten Vorleseaussprache) bedingt sein kann.

In den Wenkersätzen der Standardübertragung kommen hinzu: Spirantisierung von [b, k], beispielsweise in über [ʏʋɘ̹] und genug [ɡ̊əno̟x], Realisierung der Affrikate [p͡f] als Frikativ, Beispiel Pfeffer [fɛ̠fɐ], sowie Elision von [t] (wortfinal) wie in hast [hɞs].

Im Interview des Sprechers können darüber hinaus diese Phänomene bestimmt werden: Elision von [t, d] auch nach [l] bspw. in Weltkrieg [ve̞ɘk̬iːɡ̊] – hier in Kombination mit weiteren Assimilationen, vermehrt Spirantisierung (nun von) [b, k, ɡ] wie in sage [z̥ɐʁ] und habe [ha̠ːʋʏ̽], Realisierung der Affrikate [t͡s] als Frikativ, Beispiel zwei [svæ͡e̠], wortfinale und jetzt auch wortmediale Elision von [t] wie in eigentlich [æ͡e̠nɪʝ], Monophthongierungstendenzen bzw. Flachdiphthonge wie in auch [ɔ̟͡ɔɣ], Assimilationen wie in vielleicht [flɛ̠͡e̞çt] und l-Vokalisierungstendenzen/l-Elision, z. B. Beispiel [bœ̞͡ɛ̽ʃpʏ̽̆].

Im Freundesgespräch kommen zusätzlich folgende regionale Varianten vor: Elision von auslautenden Frikativen wie in noch [nɔ̟], Hebung von [ɛː], bspw. in dämlich [d̥eːmɪç], Hebung und Vorverlagerung bei dann [dɛ̝n̆] und unverschobene Formen für das, was [dəd, vɞd].

4.4 Zusammenführung

Für die einzelnen Erhebungssituationen der Sprecher scheint es, bei genauerer Betrachtung der qualitativen Auswertung, charakteristische Merkmale zu geben. Auffallend ist jedoch, dass sich bei einer Systematisierung der Merkmale zwei Gruppen abzeichnen.

Zunächst gibt es Varianten, die in allen Sprachproben auftreten und nur in ihrer Frequenz zwischen den verschiedenen Situationen variieren. Hierzu zählen:

Rundungstendenzen (bzw. Zentralisierungstendenzen) von [ɪ]

(tendenzielle) Lenisierung

Hebungstendenzen von [eː, oː]

Verdumpfung von [a̠], v. a. bei [a̠͡o]

Vorverlagerung von [a̠], v. a. bei [a̠͡e]

Tiefschwavorverlagerung/-hebung

Elision von [d, t] nach [n]←155 | 156→

Da diese auch in der Vorleseaussprache sowie der Standardübertragung der Wenkersätze – also im intendierten Standard – aller Informanten vorkommen, mit anderen Worten erhalten bleiben, können sie als remanente Merkmale bzw. Restarealität des Regiolekts auf Rügen definiert werden.

Die zweite Gruppe der Varianten zeichnet sich dadurch aus, dass diese erst in den freien Gesprächen (Interview und Freundesgespräch) der Informanten vermehrt und systematisch auftreten und somit charakteristisch für diese Situationen zu sein scheinen. Hierzu zählen:

Spirantisierung von [b, k, ɡ]

Elision von [t, d] nach [l]

Realisierung der Affrikaten [t͡s, p͡f] als Frikative

Elision von [t] (wortmedial und -final)

unverschobene Formen (das, dass, es)

Hebung von [ɛː]

Assimilationen

Monophthongierungstendenzen bzw. Flachdiphthonge

Elision von auslautenden Frikativen

Hebung und Vorverlagerung bei dann

Einige dieser Merkmale treten bereits in der Übertragung der dialektalen Wenkersätze in die Standardsprache auf, dies aber nur vereinzelt und unsystematisch. Auch gibt es geringe Unterschiede der Variantenverteilung zwischen den beiden freien Gesprächen, so tritt die Verwendung von [dɛn] als dann erst in den Freundesgesprächen auf und auch die unverschobenen Formen für das, was und es häufen sich vor allem in den Freundesgesprächen.34 Ein deutlicher Unterschied sowohl in qualitativer Sicht, d. h. im Auftreten neuer Merkmale und neuer Auftretenskontexte, und in quantitativer Sicht, d. h. in der Frequenz des Vorkommens, besteht aber zwischen den Standardkompetenzerhebungen der Sprecher und ihren freien Gesprächen, sodass die obige Zusammenfassung der Varianten sinnvoll erscheint. Dies wiederum lässt den Schluss zu, dass der hier untersuchte Regiolekt eine zweiteilige Struktur aufweist, d. h. sich zwei verschiedene Sprechlagen innerhalb des Regiolektes abgrenzen lassen. Sprechlagen sind definiert als „Verdichtungsbereiche variativer Sprachverwendung […], für die sich – empirisch signifikant – differente sprachliche Gruppenkonventionen nachweisen lassen“.35←156 | 157→ Weitere empirische (v. a. statistische) Analysen stehen noch aus, um die Ergebnisse zu verifizieren, doch kann die vorliegende empirische Untersuchung anhand der Bestimmung der Abstandswerte und der diese bedingenden Varianten (in ihrer qualitativen wie quantitativen Verteilung) zeigen, dass es zwei Verdichtungsbereiche zu geben scheint, für die auch Gruppenkonventionen der Situationsadäquatheit zu bestehen scheinen: Die Verwendung des intendierten Standards kann dem Regionalakzent zugeordnet werden (Abstandwerte ungefähr zwischen 0,7 und 1,05), die (freien) Performanzsituationen wiederum dem unteren Bereich des Regiolekts36 (Abstandwerte ungefähr zwischen 1,05 und 1,4).

Dies bedeutet, dass die Vorleseaussprache aller drei Sprecher sowie die Standardübertragung der Wenkersätze von RUEG1 und RUEGJUNG1 dem Regionalakzent zugeordnet werden können und die Interviews der drei Sprecher sowie wiederum die Freundesgespräche von RUEG1 und RUEGJUNG1 dem unteren Regiolekt. Problematisch ist die Zuordnung der Wenkersätze von RUEGALT2. Diese Sprachprobe befindet sich nicht nur hinsichtlich des Abstandswerts (1,08) in einem mittleren Bereich zwischen den ermittelten Sprechlagen. Sowohl die Frequenzen der Varianten als auch das Vorkommen einzelner Varianten ähneln zum Teil dem Sprachverhalten der anderen Sprecher in den freien Gesprächen. So treten bei diesem Sprecher bereits vereinzelt die Realisierung der Affrikate [t͡s] als Frikativ, l-Vokalisierungen und Elision auslautender Frikative auf, was bei den anderen Sprechern erst im Interview bzw. Freundesgespräch zu beobachten ist. Die Sprachprobe ist daher sowohl qualitativ als auch quantitativ nicht eindeutig einer Sprechlage zuzuordnen. Hierfür bedarf es weiterer Analysen.

4.5 Sprachverhaltensmuster

Wie aus den bisherigen Ausführungen hervorgegangen ist, unterscheidet sich der Sprecher RUEGALT2 von den anderen beiden Sprechern – es lässt sich daher von zwei verschiedenen Sprachverhaltensmustern sprechen. Die Analyse der Übertragung der Wenkersätze in den tiefst möglichen Dialekt durch RUEGALT2 hat ergeben, dass er – bis auf sehr wenige Ausnahmen – den alten niederdeutschen Basisdialekt von Bergen aktiv beherrscht. Die Kompetenz im Niederdeutschen setzt er auch im Alltag um – im Freundesgespräch (vgl. Kap. 4) verwendet er seinen niederdeutschen Dialekt. Auch sonst spricht er laut eigener Aussage recht häufig im Alltag Niederdeutsch. Er wechselt erst die Varietät, wenn er mit Frem←157 | 158→den spricht (vgl. Interview), bleibt dabei aber im unteren Bereich des Regiolekts. Eine weitere Annäherung an die Standardvarietät lässt sich beobachten, wenn er gebeten wird, sein bestes Hochdeutsch zu sprechen (vgl. Wenkersätze Standard), bleibt aber auch hier in einem mittleren Bereich des Regiolekts (s. o.). Eine nochmalige Annäherung an die Standardvarietät (und gegebenenfalls ein Wechsel der Sprechlage) zeigt sich, wenn er einen Text laut vorliest. Hier erreicht er seine maximale Annäherung an die Standardsprache, verwendet aber auch hier durchschnittlich in fast jedem Wort ein regionales Merkmal (vgl. Abbildung 1). Dieses Sprachverhaltensmuster (Verwendung des unteren Regiolekts in gewissen Situationen u. a. im Gespräch mit Fremden, Annäherung an die Standardvarietät bei freier Produktion des intendierten Standards und nochmalige Annäherung bei der Vorleseaussprache) lässt sich mit der Sprachbiografie des Sprechers erklären. Die Muttersprache von RUEGALT2 ist Niederdeutsch, Hochdeutsch hat er erst in der Schule erlernt. Dem Niederdeutschen kommt also für seine Sprachbiografie, aber auch für den kommunikativen Alltag hohe Bedeutung zu. Kompetenz im Hochdeutschen hat er sekundär erworben, die Bedeutung für seinen kommunikativen Alltag (Verwendung während der Tätigkeit in der Fischereiaufsicht, mit immer mehr Nichtniederdeutschsprechern auf der Insel und mit seiner Familie) hat zwar zugenommen, doch ist die Verwendung seines Hochdeutsch in freien Gesprächen stark regional geprägt, was zum Teil niederdeutsch bedingt ist und in diesem Falle sprachbiografisch erklärt werden kann. Durch diesen Spracherwerb ist auch seine Standardkompetenz weniger ausgeprägt als bei den anderen Sprechern und erreicht ihr Maximum erst mit schriftlicher Vorlage.37

RUEG1 und RUEGJUNG1 zeigen im Regiolekt ein sehr ähnliches Sprachverhalten mit nur geringfügigen quantitativen und qualitativen Unterschieden. Ein weiterer Unterschied zwischen den Sprechern besteht darin, dass RUEG1 in seiner Kindheit Niederdeutsch passiv erworben hat – er überträgt die Wenkersätze zwar ins Niederdeutsche, doch ist dieses sehr stark hochdeutsch38 interferiert. RUEGJUNG1 hat kein Niederdeutsch erworben und weist somit keine aktive Kompetenz mehr auf – bei der Übertragung der Wenkersätze in den tiefst möglichen Dialekt produziert er lediglich einige niederdeutsche Lexeme; zahlreiche Hyperdialektalismen bekräftigen die nicht vorhandene aktive Kompetenz. Für beide←158 | 159→ Sprecher spielt das Niederdeutsche laut eigener Aussage im kommunikativen Alltag keine Rolle. Die beiden Performanzsituationen der Sprecher lassen sich dem unteren Bereich des Regiolekts zuordnen (s. o.) – diese Sprechlage ist somit bestimmend für ihren sprachlichen Alltag. Ein bedeutender Unterschied im sprachlichen Verhalten in formellen und informellen Situationen lässt sich nicht erkennen, weswegen beide derselben Sprechlage zugeordnet werden können.39 Ein Shiften innerhalb der Regiolekts40 und somit eine Annäherung an die Standardvarietät findet erst statt, wenn beide ihr individuell bestes Hochdeutsch produzieren sollen. Die entsprechenden Sprachproben konnten dem Regionalakzent zugeordnet werden. Auch zwischen ihnen konnte kein gewichtiger Unterschied festgestellt werden. Zu erklären ist auch dieses Sprachverhaltensmuster (Verwendung des unteren Regiolekts im gesamten kommunikativen Alltag und Verwendung des Regionalakzents im Bemühen, die Standardvarietät zu realisieren) mit der Sprachbiografie der Sprecher. Beide haben entweder kein Niederdeutsch oder dieses nur passiv erworben – ihre sprachliche Sozialisation fand im Regiolekt der Insel – so, wie die ältere Generation mit ihnen auf hochdeutsch sprach (vgl. RUEGALT2) – statt. Durch die Tatsache, dass Hochdeutsch ihre Muttersprache ist und sie diese durch eine andere Schulbildung als RUEGALT2 intensiver erworben haben, weisen sie auch eine höhere Standardkompetenz auf, was sich in den entsprechenden Kompetenzerhebungen zeigt. Doch bleiben auch sie dabei im Regiolekt. Ausschlaggebend für die Variation (also die Ausprägung zweier Sprachvariationsmuster) scheint somit weniger das Alter – zwar unterscheidet sich das Sprachverhalten des ältesten Sprechers von dem der beiden anderen, doch gleicht sich das dieser beiden Sprecher aus unterschiedlichen Generationen wiederum – als vielmehr die sprachliche Primärsozialisierung (Niederdeutsch versus Hochdeutsch) und damit einhergehend die Verwendung des Niederdeutschen.41←159 | 160→

4.6 Bezüge zu anderen Studien

Alle für den mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekt beschriebenen Merkmale (s. o.) sind in den untersuchten Sprachproben enthalten. Dies kann als empirischer Beleg für diese Merkmale im Bergener/Rügener Regiolekt gelten. Vorteil der vorliegenden Untersuchung ist, dass die Merkmale nun verschiedenen Bereichen des Regiolekts subsumiert werden können und remanente Merkmale klar herausgestellt werden können. Teil der bisherigen Beschreibungen sind auch die Vorverlagerung/Hebung von // sowie Verdumpfung von //, die auch in den vorliegenden Sprachproben vorkommen. Doch tritt die Vorverlagerung/Hebung hauptsächlich im Diphthong [a̠͡e] auf und die Verdumpfung in [a̠͡o]. Dies betrifft bei den drei Sprechern nahezu alle Diphthonge (es lässt sich auch keine systematische intersituative Variation erkennen), sodass die fast ausnahmslose standarddifferente Realisierung (Vorverlagerung/Hebung sowie Verdumpfung der ersten Diphthongkomponente) der Diphthonge [a̠͡e] und [a̠͡o] – explizit – als Merkmal der Regiolekts auf Rügen herausgestellt werden kann.

In den Aufnahmen waren folgende Merkmale nicht zu finden: velares /l/, Ersatz des palatalen stl. Frikativs durch den velaren, Diphthongierung von /eː, øː, oː/42, Aussprache von anlautend /j/ als [ʒ, d͡ʒ], Bewahrung des niederdeutschen Vokalismus, Ausfall von /r/ ohne Ersatzdehnung, oraler Verschluss von <-ng> und Vokalkürze. Für die ersten sechs Merkmale ist anzunehmen, dass diese abgebaut wurden und daher nicht mehr im Regiolekt von Rügen/Mecklenburg-Vorpommern zu finden sind.43 Bei den anderen Phänomenen ist das Ausbleiben eher darauf zurückzuführen, dass kaum bzw. keine Lexeme in den untersuchten Sprachproben enthalten waren, in denen das Merkmal hätte auftreten können.

Dahl unterscheidet – wie oben ausgeführt – für den regiolektalen Bereich zwei Schichten: hochsprachenahes (umgangssprachliches) Hochdeutsch und Hochdeutsch mit niederdeutscher Beimischung (mundartnahe Umgangssprache). Dies lässt sich in Verbindung mit den hier empirisch ermittelten Sprechlagen bringen. Ein Unterschied besteht jedoch in der Konstitution (Konzeption) der Bereiche,←160 | 161→ wie die unterschiedliche Terminologie bereits andeutet. Können hochsprachenahes (umgangssprachliches) Hochdeutsch und Regionalakzent relativ gut in Einklang gebracht werden, fällt dies beim Hochdeutsch mit niederdeutscher Beimischung (mundartnahe Umgangssprache) und dem mittleren/unteren Regiolekt schwerer. Diese Sprechlage als mundartnah zu klassifizieren, scheint irreführend, da sie in den vorliegenden Untersuchung klar vom niederdeutschen Dialekt zu unterscheiden ist und – wenn auch im unteren Bereich des Regiolekts lokalisiert – eine große Distanz zu diesem aufweist.44 Auch qualitativ handelt es sich bei den Merkmalen – außer bei der Verwendung unverschobener Formen (für das, was, es) – nicht um niederdeutsche Beimischungen, sondern allenfalls um niederdeutsch bedingte Merkmale – bei anderen Regionalismen ist der Ursprung noch zu diskutieren. Auch in eben jenen für die jeweiligen Bereiche beschriebenen Merkmalen unterscheiden sich die vorliegenden Ergebnisse teilweise von den Ausführungen von Dahl – gerade für den unteren Bereich des Regiolekts. Die auf den ersten Blick erscheinende Nähe der Differenzierung des mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekts bestätigt sich – zumindest auf Grundlage der vorliegenden Ergebnisse – für Bergen auf Rügen nur bedingt, dennoch können die Hinweise auf eine mögliche Differenzierung bei Dahl hier – wenn auch modifiziert – bekräftigt werden.

Im Vergleich zu Kehreins Untersuchung in Stralsund ergeben sich – bei Bestätigung vieler Ergebnisse – zwei Unterschiede. Die Dialektalitätswerte der Sprachproben, die dem Regiolekt zugeordnet werden konnten, sind allgemein etwas höher, d. h. mit anderen Worten der Regiolekt ist nicht derart standardnah wie in Stralsund. Außerdem ist die Variationsbreite (0,7) des Regiolekts höher als in Stralsund, sodass sich innerhalb des Regiolekts eine Differenzierung zweier Sprechlagen abzeichnet, die Kehrein in Stralsund nicht beobachten konnte.45 Erklärt werden könnten diese Unterschiede – unter Berücksichtigung der metho←161 | 162→dischen Überlegungen46 – mit den unterschiedlichen Sprechern und der sprachlichen Situation auf Rügen. Im Gegensatz zum älteren Sprecher aus Stralsund (HSTALT1), der zwar die Wenkersätze in das ortsübliche Niederdeutsch überträgt, jedoch im Freundesgespräch schon niederdeutsche Passagen mit hochdeutschen mischt,47 verwendet RUEGALT2 sein Niederdeutsch fast interferenzfrei im kommunikativen Alltag. Es kann allgemein auf Grundlage der Aussagen der Sprecher angenommen werden, dass Niederdeutsch in Bergen (und auf Rügen) häufiger gesprochen wird als in der (größeren) Stadt Stralsund. Auf Rügen gab und gibt es also eine eher geschlossenere – durch die Insellage bedingte – Sprachgemeinschaft mit Niederdeutschsprechern, die einen für norddeutsche Verhältnisse eher standardferneren Regiolekt verwenden, wenn sie Hochdeutsch sprechen wollen/sollen (vgl. RUEGALT2). Durch die Primärsozialisierung der darauffolgenden Generationen in diesem Regiolekt und die Kommunikation auf der Insel konnte sich dieser Regiolekt im Laufe der Zeit etablieren und ist bestimmend für den rezenten kommunikativen Alltag in Bergen. Dadurch dass dieser Regiolekt bzw. die Sprechlage des unteren Regiolekts etwas standardferner ist, können v. a. die Nichtniederdeutschsprecher bei Bedarf (vgl. Standardkompetenzerhebung) in eine standardnähere Sprechlage shiften, was die interne Strukturierung erklären kann.

5 Fazit

Der vorliegende Beitrag präsentierte eine synchrone Untersuchung des Sprachverhaltens dreier Sprecher aus unterschiedlichen Generationen aus Bergen auf Rügen. Analysiert wurden Sprachproben des hochdeutsch basierten Regiolekts aus verschiedenen Aufnahmesituationen mit den Methoden der modernen Regionalsprachenforschung.

Es konnte gezeigt werden, dass der Regiolekt in Bergen auf Rügen insgesamt standardferner ist als in den bisher erforschten Untersuchungsorten, mit anderen Worten das hochdeutsch basierte Sprechen in Rügen ist regionaler geprägt als in anderen Regionen Norddeutschlands. Ferner ließen sich aufgrund der Quantität und Qualität der auftretenden regionalen Merkmale zwei verschiedene Sprechlagen innerhalb dieses Regiolekts aufzeigen: ein Regionalakzent, dem die Sprachproben der Standardkompetenzerhebungen zugeordnet werden konnten, und ein mittlerer/unterer Regiolekt, der in den freien Gesprächen Verwendung findet. Für die einzelnen Sprechlagen wurden die prägenden Merkmale genau←162 | 163→ beschrieben, was auch bedeutet, dass die remanenten Merkmale (= Restarealität) für die Sprecher aus Bergen bestimmt werden konnten. Außerdem zeigten sich in den Analysen zwei verschiedene Sprachverhaltensmuster, die auf die sprachliche Primärsozialisierung zurückgeführt werden konnten.

Es scheint also, dass sich Bergen und somit auch Rügen – aus sprachlicher Sicht – auch im hochdeutschen Bereich des regionalsprachlichen Spektrums vom übrigen norddeutschen Raum (v. a. in der Frequenz der Merkmale und der Strukturierung des Regiolekts) etwas unterscheiden. Weitere Studien, die die Analysen um weitere Sprecher, eine größere Datengrundlage, weitere Methoden (v. a. quantitativer Art) und weitere Aufnahmesituationen (v. a. Niederdeutsch) ergänzen, müssen diese Ergebnisse bestätigen.

Literatur

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1 Vgl. Schröder 2004; Wiesinger 1983; Gernentz 1980.

2 Vgl. u. a. Hansen 2009.

3 Vgl. u. a. Herrmann-Winter 2013; Hansen 2009 siehe auch den Beitrag von Hansen in diesem Band.

4 Hansen 2009, S. 42. Vgl. auch Gernentz 1974.

5 Hochdeutsch ist hier nicht als subjektiver Begriff für die Standardvarietät zu verstehen, sondern im Sinne einer binären Gegenüberstellung als struktureller und sprachgeografischer Gegensatz zum Niederdeutschen.

6 Mit Stellmacher 1977 setzt die Beschäftigung mit dem nichtdialektalen Bereich des regionalsprachlichen Spektrums im norddeutschen Raum ein. Die Erforschung des gesamten Spektrums als neues Paradigma der Variationslinguistik/Dialektologie setzt sich in den 2000er Jahren durch (vgl. Schmidt 1998; Schmidt/Herrgen 2011; Kehrein 2012).

7 Vgl. beispielsweise Kehrein 2012 und Vorberger/Schröder 2011.

8 Zum Begriff Regiolekt vgl. Schmidt/Herrgen 2011, S. 66–67. Regiolekt wird hier stets als hochdeutsch basierter Regiolekt verstanden. Die besondere sprachliche Situation im niederdeutschen Raum bedingt Unterschiede im Aufbau des regionalsprachlichen Spektrums sowie in der Genese des Regiolektes im Vergleich zum Mittel- und Oberdeutschen. Hier konnte bisher kein dialektnaher (und somit gegebenenfalls niederdeutsch basierter) Regiolekt im Sinne einer Ausgleichvarietät aufgezeigt werden (vgl. u. a. Kehrein 2012). Kehrein 2012 konnte für zwei Erhebungsorte im niederdeutschen Raum empirisch nachweisen, dass der Regiolekt ausschließlich hochdeutsch basierte Sprechlagen umfasst. Mischprodukte lassen sich zwar zeigen, sind jedoch nicht als Regiolekt zu beschreiben, sondern als alternierende hochdeutsche und niederdeutsche Passagen (vgl. Kehrein 2012, S. 305–309).

9 Vgl. u. a. Martens/Martens 1988; Trenschel 1997. Oft bleiben jedoch die genauen (empirischen) Grundlagen und Informationen zur möglichen Variation der Merkmale unklar.

10 Vgl. König 1987.

11 Stellmacher 1977; Lameli 2004 und Vorberger/Schröder 2011 beschäftigen sich auch mit dem norddeutschen Regiolekt (beziehen sich dabei wiederum auf den westlichen Teil) und dessen Merkmale, doch liegt der Fokus dieser Untersuchungen auf der Diachronie (apparant- und real-time-Studien). Da die vorliegende Untersuchung synchron ist und mögliche diachrone Aspekte nur streift, sei an dieser Stelle lediglich auf die Studien verwiesen. Der Norddeutsche Sprachatlas (NOSA) von Elmentaler/Rosenberg 2015 erschien erst nach Abschluss des Manuskripts und konnte hier nicht mehr berücksichtigt werden.

12 Vgl. Dahl 1974, S. 343–345. Datengrundlage für die Untersuchung sind Aufnahmen und Texte aus dem Raum Rostock (vgl. Dahl 1974, S. 345; S. 382–387).

13 Vgl. Lauf 1994; 1996. Lauf 1994, S. 2–5; 1996, S. 193–197 definiert regionale Umgangssprache als regional bedingte Abweichungen von der Norm der deutschen Standardsprache – mindestens auf der lautlichen Ebene –, deren Verwendung räumlich eindeutig begrenzt ist. Dies entspricht in gewisser Weise in der Konzeption der modernen Regionalsprachenforschung dem Regiolekt. Datengrundlage Laufs sind umgangssprachliche Aufnahmen aus verschiedenen Korpora, die sie nach den Kriterien hoher regionaler Prägung, guter technischer Qualität und hoher Repräsentativität der Sprecher ausgewählt hat (vgl. Lauf 1994, S. 8–11). Für den mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekt wurden Aufnahmen aus Rostock, Greifswald und Malchin verwendet (vgl. Lauf 1994, S. 55).

14 Lauf 1994, S. 55.

15 Vgl. Lauf 1994, S. 55.

16 Vgl. Dahl 1974; Lauf 1994; Trenschel 1997. Die Auflistung ist eine Zusammenstellung und Zusammenfassung der beschriebenen Merkmale. Zur genauen Beschreibung der Merkmale, deren Auftretenskontext und Beispielen vgl. Dahl 1974, S. 346–349; Trenschel 1997, S. 207–208 und Lauf 1994, S. 42–46; 55. Für das Hochdeutsch mit niederdeutscher Beimischung beschreibt Dahl 1974, S. 348–353 neben den oben bereits genannten Merkmalen der Diphthongierung, der //-Verdumpfung, des /r/-Ausfalls, der /d/-Elision, der Aussprache von /t͡s/ als [s] zusätzlich die Aussprache von anlautend /j/ als [ʒ, d͡ʒ], die Bewahrung des niederdeutschen Kurzvokals wie in [dɪs] dies(es) und die Bewahrung des niederdeutschen Vokalismus wie in [ʏmɐ] immer.

17 Vgl. Kehrein 2012.

18 Zu den Erhebungsmethoden des REDE-Projekts, an das sich auch Kehreins Analyse anschließt, vgl. Abschnitt 3. Die Dialektkompetenzerhebung von HST1 stellt eine Ausnahme dar, da der Sprecher hier fast „ausschließlich standardnahe Formen“ (Kehrein 2012, S. 305) produziert und diese daher auch dem Regiolekt zugeordnet werden kann.

19 Kehrein 2012, S. 307.

20 Auch zur Methode der phonetischen Abstandsmessung und den jeweiligen Werten vgl. Abschnitt 3.

21 Kehrein 2012, S. 303.

22 Vgl. Kehrein 2012, S. 309–312.

23 Vgl. für genauere Informationen zum Projekt und dessen Zielen sowie zu den Erhebungsorten, den Sprechern und den Erhebungssituationen Schmidt/Herrgen/Kehrein 2008 ff. und zusammenfassend Kehrein 2012, S. 66–71.

24 Für weitere Informationen zu den Sprechern, den Auswahlkriterien, den Hintergründen usw. vgl. Schmidt/Herrgen 2011, S. 378–380 sowie Kehrein 2012, S. 74–78.

25 Zur Nomenklatur, die hier beibehalten wird, um Bezüge zu weiteren Beiträgen und zum REDE-System zu ermöglichen: RUEG = Bergen auf Rügen; ALT = ältere Generation, JUNG = jüngere Generation, keine Angabe = mittlere Generation; Ziffer = projektinterne Nummerierung der Sprecher.

26 Da die Untersuchung den hochdeutsch basierten Teil des regionalsprachlichen Spektrums fokussiert, wurde die Erhebung der Dialektkompetenz von den Analysen hier ausgeschlossen.

27 Vgl. hierzu auch Schmidt/Herrgen 2011, S. 379–380 sowie Kehrein 2012, S. 75–76.

28 Vgl. Herrgen/Lameli/Rabanus/Schmidt 2001. Das Verfahren wurde von Herrgen/Schmidt 1989 entwickelt und von Lameli 2004 weiterentwickelt. Zur genauen Beschreibung des Verfahrens vgl. Herrgen/Lameli/Rabanus/Schmidt 2001; Lameli 2004 und zuletzt Kehrein 2012.

29 Es handelt sich bei diesem Abstandswert tatsächlich um einen Dialektalitätswert, da Abweichungen von der normierten Standardlautung, die idiolektal oder sprechsprachlich/realisationsphonetisch bedingt sind, aus der Messung ausgeschlossen werden und somit nur regional bedingte Abweichungen vermessen werden.

30 Vgl. Lüders 2013.

31 Vgl. etwa Stellmacher 1977 oder zuletzt Bieberstedt/Ruge/Schröder 2016.

32 Zugrunde gelegt wurde die phonetische Transkription im Umfang von jeweils 250–300 Wörtern, die auch Grundlage der phonetischen Abstandsmessung war. Kehrein 2012, S. 86 setzt für valide Ergebnisse ein Minimum von zehn Belegen der Variable pro Sprachprobe fest. Mögliche Variablen wie beispielsweise germ. p oder die Lautfolge [nd] treten in allen Sprachproben zu selten auf, um Frequenzen zu bestimmen.

33 Die Skala mit einem Maximum von 3 wurde trotz der geringeren Werte in dieser Analyse beibehalten, um eine bessere Vergleichbarkeit mit anderen Studien, die dasselbe Verfahren anwenden, zu gewährleisten.

34 Gerade bei den lexikalisch beschränkten Phänomenen – aber nicht ausschließlich bei diesen – kann auch die Größe des Korpus ausschlaggebend für das Auftreten bzw. Nichtauftreten eines Merkmals sein.

35 Schmidt/Herrgen 2011, S. 52.

36 Zur Terminologie vgl. Schmidt/Herrgen 2011. Die zweite Sprechlage könnte als mittlerer oder nur auf das vorliegende Spektrum bezogen unterer Regiolekt bezeichnet werden.

37 Kehrein 2012, S. 350 bezeichnet diesen Sprechertypen als Sprecher mit bivarietärer Kompetenz. Allerdings tritt die beschriebene Varietätenmischung bei RUEGALT2 nicht auf.

38 Hochdeutsch ist auch hier als struktureller Gegensatz zum Niederdeutschen zu verstehen. Die auftretenden Interferenzen sind sowohl regiolektalen als auch standardsprachlichen Ursprungs.

39 Die Unterschiede zwischen den hier untersuchten Situationen der beiden Sprecher (Interview und Freundesgespräch) ergeben sich aus qualitativer Sicht hauptsächlich aus der Verwendung von [dɛn] für dann und der fast ausschließlichen Verwendung unverschobener Formen für die Kennwörter das, was und ich im Freundesgespräch. Für beide Phänomene kann von einer Lexikalisierung ausgegangen werden. Die Verwendung im Freundesgespräch deutet gegebenenfalls auf eine soziale Funktion der Identitätsstiftung für diese Gespräche hin.

40 Vgl. Schmidt/Herrgen 2011, S. 52.

41 Vgl. hierzu auch Kehrein 2012, S. 355–361. Im Sinne einer apparant-time-Untersuchung (vgl. Fußnote 11) ließe sich hier auch nur bedingt von einer Standardadvergenz (zum Begriff vgl. Mattheier 1996, S. 34) sprechen – zwar nähert sich das am Standard orientierte Sprechen der Informanten der mittleren und jüngeren Generation der Standardsprache im Vergleich zum älteren Sprecher an, doch lässt sich zwischen diesen beiden Generationen kein bedeutsamer Unterschied feststellen.

42 Bis auf einmaliges Auftreten in der Standardübertragung der Wenkersätze bei RUEGALT2.

43 Da Lauf 1994, S. 55 diese teilweise als Besonderheiten des mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekts herausstellt und diese nun bereits abgebaut wurden, lässt sich annehmen, dass sich der mecklenburgisch-vorpommersche Regiolekt – zumindest – qualitativ noch weiter dem des nordniederdeutschen Raums angenähert hat.

44 Diese Distanz ergibt sich aus den angesprochenen Unterschieden in der Genese der norddeutschen Regionalsprachen (s. o.). Ein Vergleich zu anderen dialektalen Räumen (vgl. Kehrein 2012) zeigt diese sehr deutlich. Die phonetischen Abstandswerte für den niederdeutschen Dialekt in Bergen liegen im Bereich von 2,8.

45 Vgl. Kehrein 2012, S. 308. Durch die unterschiedlichen Messverfahren (manuelle versus halbautomatische Messung) sind die Werte nicht direkt aufeinander beziehbar. Die qualitative Analyse stützt jedoch die Annahme, dass die Sprachproben aus Bergen auf Rügen regionaler geprägt sind als in Stralsund. Direkt vergleichbar ist jedoch das jeweilige Verhältnis der D-Werte der Sprachproben untereinander (also die Strukturierung des Spektrums).

46 Vgl. Fußnote 45.

47 Vgl. zum Thema Alternanz Kehrein 2012, S. 307 und Dahl 1974.